Wie man seine Geschichte erzählt


Eine Anleitung in fünf Schritten, wie man eine fesselnde Erzählung entwickelt

von Matt McCue

 


Meine erste ernsthafte Geschichte schrieb ich, um ein Mädchen zu beeindrucken. Ich war mit ihr einen Sommer lang während unserer College-Zeit zusammen, in einer kleinen Stadt mit einem großen See. Sie brachte mir in dieser Zeit das Segeln bei. Ich kaufte ihr tütenweise Gummibärchen in diesem altertümlichen Süßigkeitenladen auf der Hauptstraße. Und wir besuchten zusammen die größte alljährliche Veranstaltung der Stadt – das Rodeo für Halbprofis. Nach dem Rodeo wurde getanzt. Nur wenige Dinge machen mir mehr Angst als das Tanzparkett, aber ich ging trotzdem mit ihr zusammen hin, denn ich war in sie verschossen.

Als der Sommer vorüber war, gingen wir wieder getrennt voneinander auf unser College, tausende von Meilen entfernt. Ich fragte mich, wie ich die Sache weiterlaufen lassen konnte, und musste keine Minute darüber nachdenken, um auf die beste und logischste Lösung zu kommen: Ich würde ein Buch für sie schreiben, in dem unsere schönsten Momente dieses Sommers noch einmal lebendig werden würden. Damit das aber nicht ganz so peinlich wurde, änderte ich die Namen, ein paar Vorkommnisse, und stopfte so viele One-Liner hinein, wie mir nur einfielen.

Monate später, als jedes Wort perfekt saß, schickte ich ihr hübsch gebunden die 100 Seiten, die es geworden waren. Ein paar Tage später sagte sie mir während eines sehr freundlichen Online-Chats, dass sie das Buch ganz bezaubernd fand. Und fügte hinzu, dass sie in der Zwischenzeit jemand anderen kennengelernt hätte – den Mann, den sie später heiraten würde.

Die Geschichte war wohl nicht gut genug, um uns für immer im Bund der Liebe zu vereinen. Rückblickend war auch klar, warum – der Geschichte mangelte es an Handlung, die Charaktere waren schlecht ausgearbeitet, und im Prinzip ging es um nichts anderes als darum, ausufernd darzustellen, was ein junger Mann im College-Alter für seine junge Liebe tun würde.

Aber es hatte auch sein Gutes, denn ich entdeckte, dass ich es liebte, Geschichten zu erzählen, und dieses Gefühl führte mich schließlich nach New York City, wo ich unzählige Stunden damit verbrachte, besser zu schreiben. Heute bin ich Redakteur bei 99U und kann jeden Tag genau das tun, was ich liebe: Ich spüre und schreibe Geschichten auf, über kreative Vorreiter, die meisterhaft ihre Kunst beherrschen, unglaubliche Karrieren beschreiten und auf diese Art das Gesicht ihrer Branche formen.

Wir von 99U glauben fest daran, dass eine Geschichte die Macht hat, Menschen auf bedeutsame Art zu verbinden; so fest, dass wir sogar einen Artikel darüber geschrieben haben mit dem Titel: Warum jeder Künstler ein großartiger Geschichtenerzähler sein sollte. Ein wesentlicher Punkt der Gründe dafür, die in diesem Artikel beleuchtet werden, ist, dass Geschichten als eine Art organisch wirkendes Marketing-Werkzeug für dich dienen können. Sie stellen eine weitere Möglichkeit dar, dich mit deiner Zielgruppe zu verbinden und erlauben es, dich zu vermarkten, ohne dass es zu sehr wie Eigenwerbung wirkt. Und während Produktwerbung unser Leben stört und uns verärgert, haftet Geschichten ein gewisser Wert an, und sind zudem unterhaltsam. Wer seine Geschichten gut erzählt, bleibt seiner Zielgruppe viel länger im Gedächtnis als eine kurzzeitige aggressive Verkaufsstrategie für welches Produkt auch immer.

Hier ist eine Anleitung in fünf Schritten, wie man eine fesselnde Erzählung konzipiert. Diese bezieht sich beispielgebend auf Artikel von 99U, damit Leser verstehen können, wie Redakteure Ideen abwägen, entscheiden, welche davon veröffentlich werden, und warum. Natürlich gibt es keine universelle Lösung, um deine Geschichte zu erzählen, weshalb diese Anleitung eher eine Art Blaupause ist, die du auf dein Medium anpassen kannst – egal, ob dieses textbasierend oder bildhaft ist, es sich um einen 60-Sekunden-Vorstellungstermin bei einem neuen Kunden handelt oder um eine sechsmonatige Social-Media-Kampagne, die den kreativen Prozess hinter unserem neuesten Projekt beleuchtet … oder sogar um eine hundertseitige Liebesgeschichte, falls du ganz besonders ehrgeizig sein solltest.


Schritt 1: Finde deine Geschichte, indem du erkennst, welcher Teil eines universellen Themas deine Geschichte einzigartig macht

Der schwierigste Teil am Geschichtenerzählen ist, damit überhaupt zu beginnen. Was komisch ist, denn wenn du die Hauptperson deiner Geschichte bist oder der Schöpfer einer Marke, dann solltest du theoretisch alles aus dem Effeff darüber wissen. Aber in Wirklichkeit ist es oft so, dass wir als Fahrer in unserer Geschichte mit Scheuklappen die Straße hinunter rasen – wir sind so auf das bedacht, was vor uns liegt, dass wir das große Ganze um uns herum nicht wahrnehmen.

Wenn du Schwierigkeiten damit haben solltest, deine Erzählung zu konkretisieren, wird dir vielleicht die Geschichte der Schildermalerin Norma Keanne Maloney aus Texas weiterhelfen. Ihre eigentliche Geschichte war uns dabei auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich. Uns faszinierte zuerst nur ihre Beschreibung – Schildermalerin aus Texas – aber das war natürlich nicht genug, um einen Beitrag mit 2500 Worten zu rechtfertigen. Also haben wir uns ihr Leben etwas genauer angesehen, um mehr herauszufinden über jemanden, der nie eine globale Markenkampagne geführt hat oder außerhalb seiner Gemeinschaft kaum bekannt ist.

Wir fanden Folgendes: In den letzten 25 Jahren war Maloney quer durchs Land gehüpft, von San Francisco ins etwas erschwinglichere Nashville (wo sie Schilder für Kneipen malte), dann ins bezahlbare, jetzt aber luxussanierte Austin, und von da aus ins verschlafene, aber weitaus bezahlbarere Taylor in Texas, nur um eine Sache tun zu können – farbenprächtige Schilder für BBQ-Läden, Fleischereien und Tattoo-Studios zu malen. Sie fuhr sogar zwei Jahre lang einen Fleischlaster, um während einer Flaute über die Runden zu kommen.

Heute setzt sich Maloney im sonnigen texanischen Hinterland jeden Tag ihren Cowboyhut auf und arbeitet »wie ein Landwirt« vom ersten Sonnenstrahl bis zur Dämmerung, in einem 117 Jahre alten minzgrünen Haus, das wie der Saloon aus einem Western aussieht. Die Miete ist relativ niedrig, und das gibt ihr die finanzielle Freiheit, nach ihren eigenen Regeln kreativ zu sein.

Je mehr wir über Maloney erfuhren, umso mehr kamen wir hinter ihre Geschichte, denn darin konnten wir ein vertrautes, fesselndes Thema wiederfinden. Da ist jemand, der beinahe sein halbes Leben damit verbracht hat, alles Nötige zu versuchen, um das tun zu können, was er liebt. Jawohl! Und obwohl wir selbst keine Schildermaler sind, fühlen wir uns trotzdem auf eine gewisse Art mit Maloney verbunden. Auf die Art wurde dieses Thema der Rahmen für unsere Geschichte, und wir konnten ihn als Aufmacher benutzen, um damit Maloneys beispiellose Reise quer durch das Land zu beleuchten.

Vielleicht sind die Opfer, die man bringen muss, um ein kreatives Leben zu führen, auch dein Thema. Vielleicht aber auch nicht. Fang damit an, andere universelle Themen zu skizzieren – zum Beispiel die Außenseiter-Geschichte, oder das Erwachsenwerden – um jenes zu finden, welches zu deiner Reise am besten passt. Und dann machst du dich an die Feinheiten deines Charakter-Porträts, indem du so viele Beispiele aus dem echten Leben wie nur möglich dazu gibst: Handgemalte Schilder! Vom ersten Sonnenstrahl bis zur Dämmerung! Der Fleischlaster! Wenn das geschafft ist, hast du eingekreist, wer du bist und wohin du gehst … der Anfang deiner Geschichte.


Schritt 2: Nimm uns mit auf ein Abenteuer

Geschichten brauchen Emotionen. Sie brauchen Aktion. Es braucht jemanden, der ein Abenteuer bestreitet, ganz egal, ob es sich dabei um eine wirkliche physische Reise oder eine selbstreflektierende handelt. Noch besser ist es, wenn deine Geschichte beides beinhaltet, denn dein Ziel sollte es sein, so viele unvergessliche Episoden wie nur möglich in deine Erzählung einzuflechten, um sie unterscheidbar von den Geschichten jedes anderen auf dem freien Markt zu machen, der einem ähnlichen Thema folgt.

Nehmen wir beispielsweise ein Thema, dass wir von 99U oft anschneiden: Das eines jungen Künstlers oder einer jungen Künstlerin, die nur mit einem Koffer bewaffnet nach New York City ziehen und den Traum haben, irgendwo ihren künstlerischen Stempel zu hinterlassen. Für amerikanische Verhältnisse vielleicht untypisch, ist es in der Welt der Kreativen ein mehr als alltäglicher Prozess. Nun, weshalb haben wir schlussendlich den von uns veröffentlichten Artikel anstelle der unzähligen anderen ähnlichen Lebenswege ausgewählt?

Wir entschlossen uns, den nigerianischen Künstler Laolu Senbajo in den Fokus zu rücken, weil seine physische Reise so großartig war. Er wuchs in einer Familie auf, in der die Männer seit Generationen Anwälte wurden, weil man das für einen respektablen Beruf hielt. Senbajo schlug ebenfalls zuerst diesen Weg ein, aber dann gab er es auf und eröffnete in Nigeria eine Kunstgalerie. Sein Vater war wegen Senbajos künstlerischer Ambitionen so niedergeschlagen, dass er seinen Sohn einmal quer durch die Slums der Stadt fuhr und ihm erklärte, dass er hier enden würde, wenn er so weitermachen würde. Aber Senbajo blieb der Kunst treu und bekam schließlich ein Visum für die Vereinigten Staaten.

Das ist ein guter Anfang für Senbajos Geschichte, da sich seine Reise von denen unterscheidet, die Unterstützung von ihren Eltern bekamen und es weniger weit bis nach New York hatten. Doch genauso gut gibt es genügend andere strebsame Menschen, die es anfänglich schwer hatten und große Distanzen zurücklegen mussten. Wie also unterscheidet sich Senbajo von jenen? Nun, nachdem er ein paar Jahre in New York lebte, bekam er den Auftrag seines Lebens: das Gesicht von Beyoncé in seinem afromysteriösen Design für deren Musikvideo Lemonade zu zeichnen. Von da an arbeitete er unter anderem für Nike, das Grammy Museum und das Smithsonian Institute. Nicht schlecht! Und erst dann akzeptierte Senbajos Vater die Arbeit seines Sohnes. »Wir sind deine Eltern, und du hast uns etwas über Kunst und darüber, ein Künstler zu sein, beigebracht«, sagte er zu Senbajo.

Gegen Ende unseres Interviews haben wir Senbajo auf verschiedenen Ebenen näher kennengelernt, und jede einzelne seiner Entscheidungen unterschied ihn immer mehr von den anderen New-York-City-Träumereien. Seine vielfältigen Abenteuer haben dem Publikum mehr Angriffspunkte gegeben, um sich mit seiner Erzählung identifizieren zu können.

Der Umstand, dass Beyoncé in Senbajos Geschichte vorkommt, ist natürlich auf eine gewisse Art hilfreich, aber wenn es dir wie dem Rest von uns gehen und in deiner Geschichte die Queen Bey fehlen sollte, dann halte nach Geschichten innerhalb der Geschichte Ausschau – sagen wir, einer Geschichte über die Spannungen zwischen Vater und Sohn innerhalb der Geschichte des jungen Träumers – und fange damit an, diese miteinander zu verbinden, um deiner Erzählung eine eigenständige Textur und Fülle zu verleihen, mit der sie aus anderen heraussticht, und für sich steht.


Schritt 3: Zeige den Leuten, welche Mühen du hattest

Konflikt. Keine gute Geschichte kommt ohne ihn aus. Das bedeutet, dass du schwierige Momente mit anderen teilen musst – selbst jene, in denen du scheitertest. Das fällt niemandem leicht. Der Sinn dahinter ist jedoch weniger, Erinnerungen hochkochen zu lassen, die man lieber vergessen würde, sondern einen weiteren Zugang zu schaffen, über den sich deine Zielgruppe mit dir verbunden fühlen kann. Stell dir einen aufstrebenden Olympioniken vor, der in einem Jahr nicht für die Olympiade zugelassen wird, und dann vier weitere Jahre dafür opfert, es wieder zu versuchen. Es liegt in der Natur des Menschen, diese Menschen zu bejubeln, auch wenn wir sie nicht persönlich kennen. Und das nicht, weil sie sportlich 99% der restlichen Bevölkerung überlegen sind, sondern weil sie ein großes Ziel verfehlt haben, so wie der Rest von uns. Mühen sind menschlich, und sie geben dir die Chance zu zeigen, aus welchem Holz du geschnitzt bist.

Dieses Beispiel erklärt vielleicht ganz gut, warum sich unsere Leser mit der meisterhaften Schreinerin Mira Nakashima verbunden fühlen. Sie ließ uns an schmerzlichen Momenten teilhaben. Es war Miras Vater George, einer der bekanntesten Schreiner der USA, der entschied, dass Mira in seine Fußstapfen treten und in ihrem ländlichen Studio in Pennsylvania Stühle, Tische und andere Möbelstücke anfertigen würde. George traf oft wichtige Entscheidungen für Mira, unter anderem, wo sie studieren würde (Harvard), was sie studieren würde (Architektur) und bei wem (außer ihm) sie in die Lehre gehen sollte.

Von Mira wurde tadellose Arbeit erwartet. Doch egal wie hart sie arbeitete, nie war es gut genug. »Ich erinnere mich nicht, jemals Anerkennung bekommen zu haben, während ich für ihn arbeitete, wenn ich etwas gut gemacht hatte«, sagte Mira. Es war genau dieser Satz, der uns dazu bewog, ihre Geschichte zu veröffentlichen. Stell dir vor, dein Chef würde dich niemals für gute Arbeit loben. Und jetzt stell dir vor, der Chef ist gleichzeitig dein Vater. Wie erholt man sich von so einer Erfahrung?
Mira fühlt sich deswegen natürlich minderwertig. Aber die Leser sind bei ihr. Sie fühlen mit ihr – es sind die äußeren Umstände, die den Konflikt vorantreiben, und sie gibt ihr Bestes, sie zu ertragen – und wir warten gespannt darauf, wie sie reagieren wird.

George stirbt 1990, und Mira übernimmt schließlich das Geschäft. Sie weiß, dass sie nach vorn sehen und sich weiterentwickeln muss. Das tut sie, und unter ihrer Führung erlebt das Nakashima Studio die beeindruckendsten Kapitel seiner Geschichte. Wäre Mira in eine berühmte Familie hineingeboren, hätte sie den Erfolg ihrer Arbeit für ihren Vater genießen können und dann das florierende Geschäft übernommen, wäre das ebenfalls eine schöne, aber gleichzeitig sehr normale Erzählung gewesen. Aber Geschichten müssen provokanter sein – sie müssen die Menschen aus ihrer Komfortzone locken. Das gibt Mira die Chance, den Lesern ihr Wesen und ihre innere Stärke zu demonstrieren. Genau wie bei dem Olympioniken macht sie das zu jemanden, dem wir zujubeln wollen, sowohl während ihres Tiefpunktes, als auch am Ende.

Noch einmal: Verletzlichkeit zu zeigen ist kein Zeichen von Schwäche. Es zeigt, dass du echt bist, und gibt deiner Zielgruppe eine weitere Möglichkeit, sich mit dir zu identifizieren.


Schritt 4: Peppe deine Geschichte mit dichterischer Finesse auf

Das ist der interessante Teil des Geschichtenerzählens, der Punkt, an dem man seine eigene Persönlichkeit und seinen Charakter hinzugeben muss, um die Erzählung noch weiter zur eigenen Geschichte zu machen. Der Schlüssel ist, kleine Details an jenen Stellen hinzuzufügen, wo sie die größte Wirkung erzielen, beispielsweise in ungewöhnlichen Momenten oder wenn du einen besonderen Charakter oder ein Szenario einführst. Wenn du einen solchen Moment gefunden hast, dann versuche herauszufinden, wie viele deiner fünf Sinne du aktivieren kannst, um ihn einzufangen und die Aufmerksamkeit deiner Leser zu erzielen. Deine Aufgabe ist es, deiner Zielgruppe zu zeigen, was passiert, und nicht, es ihnen zu erzählen, denn dein Ziel ist es, eine Begebenheit so zu beschreiben, dass die Leser sie auf ihre eigene Art aufnehmen und ihre eigenen Schlüsse ziehen können. Je mehr du ihnen zeigen kannst, umso realer werden die Begebenheiten.

Der erste Satz ist dabei ganz besonders wichtig und oft das Schwierigste. Dir bleiben nur ein paar Sätze, um Leser von deiner Geschichte zu überzeugen. Den gleichen Druck spürte ich, als ich einen Artikel über den spanischen Künstler Rubén Sánchez schrieb. Er ist ein aufgehender Stern und ein faszinierender Typ, aber er ist nur den wenigsten ein Begriff (1:0 gegen den Autor), und es gibt da draußen eine Menge anderer Maler (2:0). Deshalb war es meine Aufgabe, einen Weg zu finden, wie ich seine Geschichte von der jedes anderen Malers, den die Leserschaft kannte, unterscheiden konnte.

Als Sanchez mir erzählte, dass er einmal eine Mauer über sechs Etagen hinweg bemalt hatte, war klar, dass das unser Startpunkt werden würde, denn solche Möglichkeiten bekommt man nicht alle Tage. Hier ist das Ergebnis:

»Während Rubén Sánchez von einem wackeligen blauen Kran, der auf unebenem, matschigen Grund balancierte, sechs Stockwerke hoch in die Luft gehoben wurde, fragte er sich, was die größte Herausforderung sein würde, diese Seite eines Betonhauses in Russeifa, Jordanien, mit Farbe zu besprühen. War es der blendende, zwei Tage anhaltende Sandsturm? Oder die Vogelperspektive, die durch die harten Arbeitsbedingungen noch intensiviert wurde – denn Sánchez stand in einem Kübel, der für ihn gerade groß genug war, und in dem ihn nur zwei Querstreben davor bewahrten, hinabzustürzen. Beides war fürchterlich, aber keines davon war Sánchez's größtes Problem. Denn die Toilette war da unten, den ganzen langen Weg hinunter in diesem furchtbar langsamen Kran, der scheinbar ewig brauchte, um wieder hinab auf den Boden zu fahren.«

Mein Ziel war es, eine unangenehme Situation zu beschreiben, indem ich mich in die Details verbiss. Sanchez befand sich nicht einfach nur in einem Krankübel – sondern in einem, der aus einem Metallgeflecht bestand. Und absichtlicherweise beschrieb ich noch nicht sofort, was er eigentlich malte. Das kann später kommen. Wie er es malt, erzeugt weitaus mehr Spannung. Die Vogelperspektive! Die Möglichkeit, dabei ums Leben zu kommen! Und man möge mir den Toilettenhumor verzeihen, aber manchmal darf man das Wichtigste nicht übersehen, was oft nur allzu schnell aus dem Fokus gerät. Mit etwas Glück hat der Leser nach diesem Satz nicht mehr das Gefühl, es mit einem Maler wie jedem anderen zu tun zu haben, und will wissen, wie es mit ihm weitergeht.

Wenn du deinen eigenen Stil entwickelst, sollte dein Ziel dabei sein, Dinge auf neue, frische Art auszudrücken. Die Sonne sollte nicht heiß oder gelb sein. Wie wäre es stattdessen mit glühend oder golden oder bratend oder gleißend – Worte, die vielfältige Bilder hervorzaubern können und uns zu unerwarteten Orten führen, die uns frei von den üblichen Stereotypen machen. Wenn deine Hauptperson ein Maler ist, dann lass sie nicht einfach eine Leinwand bemalen, wenn du stattdessen einen Kran und einen Sandsturm haben kannst.

Mit der Zeit werden solche Beschreibungen Teil deines dichterischen Gewürzregals werden – Werkzeuge, mit denen du deine ganz eigene Stimme herausmodellieren und Dinge auf eine Weise wie kein zweiter sagen kannst.


Schritt 5: Bring uns etwas bei, von dem wir profitieren können

Jede Geschichte sollte eine Moral haben, aber noch wichtiger sollte sie das aufweisen, was wir Medienleute »Trinkgeld« nennen. Das sind kleine Weisheiten, die du in deiner Geschichte mit anderen geteilt hast, und die deine Leser auf ihre eigene Kunst und ihre Karrieren anwenden können. Als Geschichtenerzähler ist das eine Chance, deinen Wert zu demonstrieren: Mit deinen eigenen Erfahrungen förderst du Erkenntnisse zutage, die andere nicht haben, und bietest diese Informationen im Gegenzug für die Aufmerksamkeit deiner Leser, die davon profitieren können. Mit anderen Worten: Was weißt du, was der Rest von uns nicht weiß?

Als wir unseren Beitrag über Bob Mankoff, den ehemaligen Cartoon-Redakteur des The New Yorker schrieben, stellten wir fest, dass wir zwei Geschichten in einer vor uns hatten. Die erste war eine entzückende Geschichte aus dem Leben, in der er den Großteil seiner Karriere in einem beneidenswerten Job verbrachte, der sich nach jeder Menge Spaß und beinahe wie frei erfunden anhörte.

Die zweite Geschichte, die sich herauskristallisierte, war die eines Mannes, der wirklich wusste, wie man unter dem Druck straffer Deadlines gewinnende Ideen fand. Jede Woche überwachte Mankoff einen Prozess, in dem etwa 50 Cartoonisten des New Yorker jeweils 10 Cartoon-Vorschläge für eine Handvoll Lücken im Magazin vorstellten. Uns ging es besonders um sein Wissen in diesem Bereich, damit wir mit der Geschichte unterschiedliche Zielgruppen erreichen konnten: Cartoon-Junkies (eine relative kleine demografische Gruppe), und Leute, die schnell auf gute Ideen kommen müssen (was im Prinzip jeden betrifft).

Im Zuge des Artikels machte uns Mankoff mit drei Strategien bekannt, die er benutzt, um unter Druck gute Ideen zu haben. Der leichteste Weg, um auf eine gute Idee zu kommen, ist, wie er sagt, sich viele Dinge auszudenken. Eine einzige Idee ist nie genug – und selten wirklich gut, wie er anmerkte. Und deshalb forderte er 10 Cartoons von jedem Zeichner ein – denn 9 von 10 Ideen im Leben funktionieren am Ende nicht.

Um die kreativen Energien zum Sprudeln zu bringen, fängt Mankoff zumeist damit an, Dinge zu vereinen, die normalerweise nicht zusammengehören – zum Beispiel der Himmel und eine Autobahn – und zu sehen, was passiert. Die Gegenüberstellung bringt sein Gehirn dazu, über das Was-wäre-wenn? nachzudenken. Es dient als Ausgangspunkt. Selbst wenn die ersten Konzepte nicht unbedingt berauschend sind, arbeitet er sich auf diese Art zu einer guten Idee vor, die weitaus weniger mit Zeitdruck belastet ist als wenn man ein weißes Blatt Papier anstarren und darauf hoffen würde, dass sich die zündende Idee auf Zuruf einstellt.

Und schließlich lernen wir noch, dass eine verworfene Idee nicht unbedingt bedeuten muss, dass es eine schlechte Idee ist, die man wegwerfen kann. Es bedeutet einfach nur, dass sie in diesem Moment nicht funktionierte. Eine ganze Reihe von Cartoonisten des New Yorker bewahren daher in ihren Schubladen ungenutzte Vorschläge auf und stellen diese immer und immer wieder vor, feilen an den Pointen, bis sie eines Tages sitzen.

Wenn unsere Leser, die in der Mehrheit keine professionellen Cartoonisten sind, Mankoffs Ausführungen gelesen haben, verfügen Sie nun über bewährte Strategien, wie man selbst bei widrigen Umständen neue Konzepte erstellen kann. Mankoff hat aufschlussreich etwas Wertvolles auf unterhaltsame Weise erklärt. Und wenn man seiner Zielgruppe einen zusätzlichen Nutzen anbieten kann, eingebettet in eine gute Story, macht das ihre Geschichten nur noch interessanter.


Matt McCueMatt McCue

Matt McCue ist Chefredakteur von 99U. Er lebt in New York City, würde für ein gutes Essen aber selbst längere Reisen auf sich nehmen. Ihr könnt ihn unter @mattmccuewriter finden oder ihm unter mccue@adobe.com eine E-Mail schicken.

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von 99U.com ins Deutsche übertragen und veröffentlicht.
Zum Originalartikel: How to tell your Story
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