Wahres Durchhaltevermögen: Wie man an der eigenen Ausdauer arbeiten kann


Drei Schritte, die einem helfen können, ausdauernder zu werden und das eigene Durchhaltevermögen zu stärken.

von Christian Jarrett

Es kostet Mühe, in einer Sache wirklich gut zu werden, und dann kostet es noch einmal Mühe, etwas aus dieser Fertigkeit zu machen, etwas zu schaffen. Doch Entschlossenheit allein genügt nicht. Man braucht zudem ein klares Ziel. Hier sind drei Schritte, die einem helfen können, ausdauernder zu werden und das eigene Durchhaltevermögen zu stärken.


Egal, ob man über weltberühmte Autoren wie John Irving oder Unternehmer wie Jeff Bezos spricht, die nachhaltig einer ganzen Ära ihren Stempel aufgedrückt haben – nicht selten kommt man zu dem Schluss, dass diese mega-erfolgreichen Menschen ihre Errungenschaften einer beinahe magischen Fähigkeit zu verdanken haben, mit der man einfach geboren wird oder eben nicht: Talent.

Angela Duckworth, Psychologin der University of Pennsylvania, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, insbesondere Kindern zum Erfolg zu verhelfen, weiß jedoch, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Natürlich ist es wichtig, eine gewisse Befähigung zu haben, aber nur die Wenigsten von uns schaffen es tatsächlich, die Grenzen unserer angeborenen Fähigkeiten zu erreichen. Was uns stattdessen am Erfolg hindert, sind oft zwei Dinge: mangelnde Hingabe und ein mangelnder Fokus. »Enthusiasmus findet man häufig«, schreibt Duckworth, »Durchhaltevermögen hingegen selten.«

Die eigene Anstrengung ist doppelt wichtig, denn durch sie wird ein Talent zu einer echten Fertigkeit. Und kombiniert man diese Anstrengung dann wiederum mit der erworbenen Fertigkeit, wird daraus erst eine Errungenschaft. Mit anderen Worten: Es kostet Mühe, in einer Sache wirklich gut zu werden, und dann kostet es noch einmal Mühen, etwas aus dieser Fertigkeit zu machen, etwas zu schaffen.

Wenn man sich zum Beispiel die Lebensgeschichte von John Irving ansieht, beginnt diese nicht mit einer Hochbegabung von Kindesbeinen an. Ganz im Gegenteil. Tatsächlich hatte er in der Schule große Schwierigkeiten mit der englischen Sprache. Was ihn und sein Verhältnis zu seiner eigenen Kunst jedoch von so vielen anderen unterscheidet, ist seine Hartnäckigkeit. »Was ich als Autor am besten kann, ist Umschreiben«, sagt Irving. »Ich verbringe mehr Zeit damit, einen Roman oder ein Drehbuch zu lektorieren, als ich für das Schreiben des ersten Entwurfs gebraucht habe.«

Doch Entschlossenheit allein genügt nicht, man braucht zudem ein klares Ziel. Anstatt jede Woche oder jeden Monat oder jedes Jahr einem anderen Traum hinterherzujagen, sollte man sich zumindest auf lange Sicht bewusst machen, wozu man sich eigentlich berufen fühlt, und dieses Ziel nicht mehr aus den Augen verlieren. Der nötige Antrieb, die Entschlossenheit und eine klare Zielsetzung sind die wesentlichen Kriterien, die am Ende zum Erfolg führen.

Dummerweise ist Durchhaltevermögen nichts, was uns wie die eigene Körpergröße vorgegeben ist, schreibt Duckworth in ihrem Buch GRIT.

Vielmehr ist es etwas, das man für sich entwickeln muss, wie das Erlernen einer Fremdsprache. Hier sind drei Schritte aus ihrem Buch, die einem helfen können, ausdauernder zu werden und das eigene Durchhaltevermögen zu stärken.


Die eigene Bestimmung finden

Viele der Menschen, die etwas Besonderes in ihrem Leben erreicht haben, verfügen über ein »Endziel« oder eine Art »Kompass«, wie Duckworth es treffenderweise nennt, weil diese Beschreibung bereits ein Gefühl für eine Richtung vermittelt, und lassen sich von Nichts und Niemandem darin beirren, dieses Ziel auch zu erreichen. Aber wie findet man ein solches Ziel, wenn man noch keines hat? Zuerst muss man verstehen, dass man dieses Ziel nicht finden wird, wenn man nur in sich hinein schaut. Man muss hinaus in die Welt und Dinge ausprobieren. Eines der am häufigsten auftretenden Missverständnisse ist die Vorstellung, dass wir in einem magischen »Heureka«-Moment wie aus dem Nichts auf unsere wahre Leidenschaft stoßen werden. In Wirklichkeit ist es vielmehr oft so, dass wir unserer künftigen Passion über den Weg laufen, ohne sie zuerst überhaupt zu bemerken. Das bedeutet, dass es wichtig ist, sich so vielen Herausforderungen wie möglich zu stellen, damit überhaupt ein Funke die Chance bekommt, auf uns über zu springen.

Was diese langfristigen Leidenschaften oder Ziele gemeinsam haben, ist, dass sie einem höheren Zweck dienen. Sie mögen uns Spaß machen, uns faszinieren, aber weitaus wichtiger ist, dass in ihnen oft eine tiefere Bedeutung verborgen liegt, die zumeist etwas damit zu tun hat, anderen Menschen in irgendeiner Weise zu helfen. In einer Studie von 2014 fand Duckworth zusammen mit ihren Kolleginnen Katherine Von Cline von der Universität Yale und Eli Tsukayama von der University of Pennsylvania heraus, dass Menschen mit hohem Durchhaltevermögen mindestens so motiviert nach der persönlichen Erfüllung streben wie jeder andere auch. Was sie jedoch aus der Masse herausstechen lässt, ist ihr größeres Interesse daran, etwas Bedeutungsvolles zu schaffen, das einem höheren Ziel dient.

Aber natürlich können wir nicht an allen Fronten kämpfen. Manchmal kann es durchaus Sinn machen, den eigenen Kurs zu ändern. Wem es schwerfällt, den Unterschied zwischen dem großen endgültigen Ziel und kleineren, eher austauschbaren Zielen herauszufinden, sollte sich die eigene Zielsetzung als Pyramide vorstellen, in der die kleinen Schritte am Fuß der Pyramide dazu beitragen, sich bis ans Ziel an der Spitze der Pyramide zu arbeiten. Es ist keine Schande, die eigenen Energien zu schonen und sich zuerst auf kleinere Ziele zu konzentrieren. Wenn man erst einmal Ziele im mittleren Segment und darüber hinaus erreicht hat, wird man zunehmend beharrlicher werden. Bewahren Sie sich Ihre »niemals aufgeben«-Einstellung für das große Ziel oder ihre Lebensphilosophie, die hinter Ihrem ganzen Tun und Handeln steht.


Üben auf die clevere Art

Haben Sie erst einmal herausgefunden, was Ihre wirkliche Leidenschaft ist, müssen Sie daran feilen, unablässig. In ihren Untersuchungen – darunter eine Studie von 2010 über die Gewinner des Nationalen Buchstabierwettbewerbs – konnte Duckworth aufzeigen, dass zähe Menschen mehr Zeit damit verbringen, was Psychologen »wohlüberlegtes Üben« nennen, und sie mehr Spaß daran haben.

Diese Art der Übung umfasst weit mehr als einfach nur Zeit zu investieren. Es beschreibt einen mühsamen Prozess, in dem man sich dazu zwingt, Dinge zu tun, die über den jeweiligen Stand der eigenen Fähigkeiten hinausgehen. Duckworth empfiehlt hierbei, sich selbst »dehnbare Ziele« zu setzen – bestimmte Teilgebiete, in denen Sie sich verbessern wollen, sich das nötige Feedback einzuholen, wie man sich verbessern kann und diese Übungen dann immer und immer wieder zu wiederholen, bis man Herausragendes auf diesem Gebiet zu leisten imstande ist.

Wie sich diese Art des Übens anfühlt, zitiert Duckworth in dem Zusammenhang mit einer Beschreibung der Tänzerin Martha Graham: »Tanzen wirkt stets so glamourös, so angenehm und leicht. Der Weg in das Paradies, es zu beherrschen, ist jedoch so schwer wie jeder andere. Manchmal ist man so erschöpft, dass man selbst im Schlaf noch die Schmerzen spürt. Es gibt Zeiten, in denen man sehr frustriert ist. Jeden Tag stirbt man ein paar kleine Tode.«

Ob im Sport, in der Schauspielerei oder in der Kunst – wenn wir den Superstars zusehen, sieht das, was sie tun, immer so spielend leicht aus, was uns natürlich zusätzlich glauben lässt, dass sie mit einer übernatürlichen Begabung geboren wurden. Doch in der Realität sind die vielen absolvierten Stunden intensiver, oft schmerzvoller Übung der Grund dafür, dass ihre Darbietungen so fließend, grazil und mühelos erscheinen.


Denken wie ein Optimist

Wann immer man seine kreativen Ambitionen verfolgt, bleiben Rückschläge nicht aus. Eine Untersuchung von Angela Duckworth unter Lehrern, die in Schulen in Problemvierteln arbeiten, zeigt, dass ausdauernd arbeitende Menschen auf diese Rückschläge oft mit einer optimistischen Grundeinstellung reagieren. Optimisten sehen Fehlschläge als eine Chance, etwas aus ihnen zu lernen. Sie versuchen, die veränderlichen Aspekte einer enttäuschenden Erfahrung herauszufiltern und an ihnen zu arbeiten, um jene Fehler nicht erneut zu begehen. Pessimisten hingegen tendieren dazu, die Schuld einer fundamentalen Ursache zu geben, an der man selbst nichts ändern kann, und glauben daher beispielsweise, einfach nicht das Zeug für eine bestimmte Sache gehabt zu haben. Eine damit zusammenhängende Theorie, von der Sie in diesem Zusammenhang vielleicht schon einmal gehört haben, ist die, ob man über eine lernwillige Geisteshaltung verfügt oder eher nicht. Sehr entschlossene Optimisten besitzen diese Denkweise und sind davon überzeugt, dass Merkmale wie Intelligenz gefördert und »genährt« werden können. Pessimisten sehen die Dinge stattdessen als gegeben an.

Diese Dinge können aber ein Eigenleben entwickeln. Duckworths Untersuchungsergebnisse legen den Schluss nahe, dass es, wenn man auf Widrigkeiten stößt – das wird nicht ausbleiben – und pessimistisch glaubt, man hätte keinen Einfluss auf die Geschehnisse, einen nur noch eher dazu ermutigt, einfach kampflos aufzugeben. Wenn man sich selbst konditioniert, passiv zu bleiben, wird man den Antrieb verlieren. Entschließt man sich im Gegenteil aber dazu, diesen Herausforderungen mit Optimismus und dem Willen zu begegnen, eine Lösung für das Problem zu finden, wird dies das eigene Durchhaltevermögen nachhaltig stärken. Wenn man das nächste Mal auf Schwierigkeiten trifft, wird man das Problem viel entschlossener angehen. »Entschlossenheit bedeutet, sieben Mal hinzufallen und acht mal wieder aufzustehen«, schreibt Duckworth.

Sollten Sie Ihr Leben lang ein Pessimist gewesen sein und an dieser Stelle vielleicht skeptisch sein, lohnt sich der Blick in eine Studie darüber, ob man womöglich üben könnte, optimistischer zu sein. Und die Ergebnisse stimmen … nun, geradezu optimistisch: Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass Optimismus tatsächlich etwas ist, was jeder von uns lernen kann.


Fazit

Indem man seine wahre Bestimmung findet, mit viel Hingabe und Fleiß an dieser Fähigkeit arbeitet und Rückschlägen mit einer optimistischen, auf die Problemlösung hin ausgerichteten Einstellung gegenübertritt, folgt man dem Weg der unzähligen herausragenden Persönlichkeiten, die Duckworth studierte. Charakteristisch für jeden von ihnen ist die Mischung aus Leidenschaft und Ausdauer.

Zu glauben, dass nur ein paar wenige von uns mit wahrem Talent geboren wurden und alle anderen nicht, ist entmutigend. Und man mag sich fragen, ob der reine Fokus auf die Ausdauer diese Bedenken nicht einfach nur auf eine andere Bahn lenkt; nämlich die, dass nur ein paar ausgesuchte Menschen mit der Gabe der Ausdauer gesegnet sind, während die Mehrheit der Normalsterblichen dazu verdammt ist, einen weniger stark ausgeprägten Willen oder keine Bestimmung zu haben. Nun, Studien bei Zwillingen haben ergeben, dass Ausdauer nur zu 20 bis 40 Prozent vererbbar ist, was bedeutet, dass weniger als die Hälfte dieser Fähigkeit auf tatsächliche genetische Veranlagungen zurückzuführen ist. Somit bleibt genügend Raum, die eigene Ausdauer durch andere Faktoren wie die eigene Lebenserfahrung oder Fleiß positiv zu beeinflussen. »Wie jeder andere Part unseres psychologischen Wesens ist auch die eigene Ausdauer weitaus formbarer, als man glaubt«, weiß Angela Duckworth.


Dr. Christian Jarrett

Dr. Christian Jarrett spürt aufregenden neuesten Untersuchungen und Beispielfällen hinterher, die im Leben relevant sein können. Der frühere Psychologe ist mittlerweile Chefredakteur und Gründer des Blogs British Psychological Society’s Research Digest, arbeitet als Kolumnist für BBC Future und ist Autor der Bücher The Rough Guide to Psychology und Great Myths of the Brain. Derzeit schreibt er an seinem nächsten Buch mit dem Titel Personology.
Twitter @Psych_Writer.

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von 99U.com ins Deutsche übertragen und veröffentlicht.
Zum Originalartikel: True grit: How to build up your resilience
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