ZOMBIE INC.

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Chris Dougherty

ZOMBIE-THRILLER

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Beschreibung


WILLKOMMEN bei ZOMBIE INC., dem führenden Hersteller von Zombieabwehrsystemen in der Republik der Vereinigten Fünf Staaten!
Seit 2027 im Geschäft, stellt ZOMBIE INC. SIE an erste Stelle. IHRE Sicherheit ist unser HAUPTZIEL!
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Fünfundzwanzig Jahre nach der tödlichen Seuche steckt das erfolgreichste Unternehmen der Republik der Vereinigten Fünf Staaten, ZOMBIE INC., in Schwierigkeiten. Wird die bloße Tatsache von abnehmendem Nachschub und schwindender Nachfrage das Ende sein oder wird ZOMBIE INC. einen – wie auch immer widerwärtigen – Weg finden, um zu überleben?


»Selten musste ich bei einem Buch so oft nicken und leise vor mich hin kichern …« [Justine]

»Es gibt Bisse, es gibt Verwandlungen, es gibt Erlösungen und Tode … Das Buch beginnt humorvoll und endet definitiv ganz anders und erschreckender, als man es erwarten würde. Dies macht die Geschichte daher definitiv lesenwert.« [chrissieskleinewelt]

»Kapitalismus gegen Menschen, Firmenstrukturen gegen Zombies. Ein feiner Plot, garniert mit viel Kritik und zum Ende hin auch mit der bekannten Zombiekost, die aber dennoch nur die Rahmenbedingungen für diesen guten Roman liefert.« [Scarecrows Area]


auch hier erhältlich (Auswahl) … AMAZON | THALIA | WELTBILD | HUGENDUBEL | MAYERSCHE | BÜCHER.DE | KOBO

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

344

ISBN

978-3-95835-084-7

eISBN

978-3-95835-085-4

Leseprobe


«Sehen Sie sich das an! Sehen! Sie! HIN!»
  Carl blickte, wohin der wütende Hausbesitzer – nur mit einem offenen Bademantel und weiten Boxershorts bekleidet – deutete. Nicht, dass er den Fingerzeig brauchte. Das Problem war reichlich eindeutig.
Zwei Beine wogten träge aus einem Abwasserkanalgitter am Bordstein.
  «Jawohl, ich sehe es», sagte Carl und stützte die Hände in die Hüfte. Er hatte die Praktikantin im Auto gelassen. Vorerst. Er wollte ein gutes Verhältnis zu dem Hausbesitzer aufbauen, und ein Publikum oder jegliches Zeichen von möglicherweise in Gang kommender Bürokratie würde den Mann nur noch mehr aufbringen. «Ist sein Halsband gar nicht losgegangen, oder wissen Sie das nicht?» Carl lächelte ein verwundertes Halblächeln. Ein Ich-tue-hier-nur-meinen-Job-mein-Freund-Lächeln.
  «Ich weiß es nicht», sagte der Hausbesitzer mit einem Stoßseufzer. Seine Schultern entspannten sich. «Ich bin heute Morgen rausgegangen, um die Zeitung zu holen, und sah ihn da drinnen herumstrampeln.»
Carl und der Hausbesitzer richteten ihre Blicke zurück auf die Beine. Ein leises Stöhnen erklang vom Kanalrost, widerhallend und verloren. Es hatte noch immer seinen Kopf. So viel war klar. Sie konnten nicht Ächzen ohne Kopf.
«Tja, Sie hatten Glück. Das kann ich Ihnen sagen.» Carl kratzte sich an den Rippen und nickte nachdenklich. Er machte ein paar Notizen auf dem Klemmbrett. Dies war eine nette Nachbarschaft; mindestens eines von sechs Häusern stand noch. Der Typ war entweder von der Regierung oder er arbeitete für eines der Energieunternehmen.
  «Als ob ich das nicht wüsste! Der Wichser hätte sich direkt auf mich stürzen können, wenn er nicht in den Kanal da gestolpert wäre. Ich war ja kaum wach!» Dieses Mal war das Geschrei des Mannes aufgeregt, ein Ausruf von: Können Sie das glauben? Ich kann es nicht fassen!
  «Nicht wahr? Sie hatten wirklich Glück. Gar keine Frage», sagte Carl. Großes Haus, nett begrünt. Viel Geld hier. Gutes Laserraster, kostspielig. Die Häuser nebenan und auf der anderen Seite der Straße waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Alle nach der Seuche leer stehenden Gebäude waren abgerissen worden, um neuerliche Verseuchungen und Plünderungen zu kontrollieren.
Drei weitere Zombies standen im Vorgarten verteilt wie Dame-Spielsteine. Sie stöhnten und schwankten. Ihre Aufmerksamkeit war auf die beiden Männer gerichtet. Ein Viertel des Gartens war auffällig leer.
«Gut, lassen Sie mich das aufnehmen und für Sie erledigt bekommen», sagte Carl. «Wie hat sich der Rest des Systems verhalten? Sie hatten es – wie lange? Sechs Monate ungefähr? Irgendwelche Probleme?» Er stellte diese Fragen gerne, um Kunden daran zu erinnern, dass es tatsächlich ausgesprochen wenige Zwischenfälle dieser Art gab.
Der Hausbesitzer zuckte mit den Schultern. «Nö, keine Probleme. Meine Frau hasst es, aber …» Er zuckte wieder mit den Schultern. Sein Bauch, ein kampfeslustiger Basketball, hob und senkte sich. «Die Damen sind manchmal etwas empfindlich. Sie wissen schon. Die verstehen nicht so viel von Sicherheit. Deswegen habe ich auch dafür gesorgt, dass wir ausschließlich Mannzies bekommen.» Ein kleiner, unbewusster Schmollmund der Abscheu huschte über das Gesicht des Mannes. Carl konnte ihm das nachempfinden. Er und der Hausbesitzer waren wahrscheinlich ungefähr im selben Alter: frühe Fünfziger. Gleiche Generation zumindest. Manche der Ausdrücke heutzutage: Mannzies, Frauzies, Kindzies … Etwas war entschieden falsch an einem beinahe kosewortgleichen Ausdruck in Verbindung mit diesen schlurfenden Monstrositäten. «Sie wollte nicht einmal, dass wir Waffen im Haus haben, ganz zu schweigen von diesen Gartenzombies hier.»
Carl nickte verständnisvoll, aber natürlich wanderten seine Gedanken zu Annie, seiner Frau. Er hatte sie vor sechsundzwanzig Jahren verloren, während der ersten Welle. Sie war so jung gewesen. Sie waren alle so jung gewesen.
Carl schüttelte den Gedanken ab und streckte seine Hand aus. «Ich werde mich bei Ihnen melden, aber nehmen Sie meine Karte. Hier ist mein Scancode. Rufen Sie mich an, falls man Sie nicht in ein paar Stunden wieder aufgerüstet hat.»
«Oh, vielen Dank. Danke. Das werde ich.» Der Hausbesitzer zog seinen Bademantel zu und bückte sich, um die Zeitung aufzuheben. Er ging pfeifend die Einfahrt hinauf. Die verbleibenden Zombies – einer auf der einen Seite und zwei auf der anderen – verfolgten sein Fortschreiten mit ihren hungrigen, leeren Augen.
  Zeitung, dachte Carl. Der Kerl musste das große Geld haben. Also wahrscheinlich ein Regierungsangestellter. Vier Gartenzombies alleine vorne? Höchstwahrscheinlich acht hinten raus. Absolut unnötig, aber so war die übereifrige Verkaufsabteilung nun mal. Vielleicht Candy. Sie wäre genau der Typ dieses Kerls. Er war wohl nicht in der Lage gewesen, seine Nase lange genug aus dem Ausschnitt der Frau zu bekommen, um nein zu sagen. Natürlich war er kein Millionär, keines der wirklich hohen Tiere. Die hatten alle Ze-Sheds. Wesentlich attraktiver, als Leichen rund um die Uhr im Garten stehen zu haben. Mit dem Ze-Shed konnte man die verdammten Dinger wenigstens manchmal wegsperren.
  Nicht, dass irgendwer Gartenpartys schmiss.
Nicht mehr.
Carl grinste und machte sich auf, um die Praktikantin zu holen. Hoffentlich hatte die Kleine genug Grips, um einen Teil des vorläufigen Papierkrams zu erledigen. Höchstwahrscheinlich allerdings nicht. Praktikanten waren nicht für ihr Übermaß an Verstand bekannt.

***

Der SUV war ein Mazda Zecon mit schwarz getönten Scheiben und einer vollkommen schwarzen Autofolie mit dem Zombie Inc. Logo in weiß auf jeder Seite, einem Scancode für das Assessment-Team auf jedem Türblech und einer über das komplette Heck gepflasterten fotorealistischen, lebensgroßen Zombiehorde.
  Stilvoll, dachte Carl und ließ die Beifahrertür aufschnappen. Die Praktikantin saß großäugig und zitternd auf dem Fahrersitz. Sie hatte eine kleine Ze-Cross!® Gasdruckarmbrust mitsamt Bolzen unsicher auf Carls Kopf gerichtet.
  Carl runzelte die Stirn. «Du kommst wohl nicht oft raus, was, Dillalia?»
Sie senkte die Armbrust und atmete ein lang anhaltendes, zittriges Pfeifen von Luft aus. Sie lächelte, aber selbst ihr Lächeln war zaghaft. Carl war zu dem Glauben gelangt, dass die Menschen aus Dillalias Generation abgehärtet waren, unempfindlich. Diese hier allerdings nicht. Sie war ziemlich klein, nicht größer als eins-zweiundsechzig. Dünn, aber robust aussehend, und die ZI-Gutachteruniform aus weißem Oxfordhemd und dunkelbraunen Kakihosen kleidete sie gut. Es war ein altmodisches Outfit, ein Rückblick auf die Zwanziger und davor, als Dienstleister vieler Bereiche solche Kleidung getragen hatten. Natürlich erinnerte Carl sich noch daran, als Männer (hauptsächlich) diese getragen hatten. Damals war es keine Uniform gewesen, sondern schlicht Business Casual.
«Es ist eben Z-zedur», sagte Dillalia. Ihr Tonfall war fragend; sie erhoffte sich Bestätigung, Weisung. «Es ist exakt handbuchkonform, in der Defensive zu sein, wenn man in der Wildnis ist.»
Carl schnaubte und ließ sich schwer auf den Beifahrersitz fallen. «In der Wildnis, ja? Nennt ihr Kids das heutzutage so, Dill?» Er schüttelte den Kopf. «Als ich in deinem Alter war, bedeutete das etwas völlig anderes.»
«Ja, ich weiß. Dschungel und so.»
  Carl schnaubte noch einmal. «Ja, so ungefähr. Aber nicht wirklich.» Er warf ihr einen Blick zu. «Und nenn es bitte nicht noch mal Z-zedur. Nenn es einfach Prozedur – nenn es beim Namen. Glaub mir, all dieses Z-dies und Z-das wird sich nicht durchsetzen, wenn es das bis jetzt noch nicht getan hat.»
  «Aber das Handbuch …»
«Das Handbuch ist zu neunundneunzig Prozent Müll, wenn du im Einsatz bist», entgegnete Carl. «Hefte es wegen der Informationen über medizinische Versorgung und was auch immer ab – aber eine Sache, die uns helfen wird, miteinander zurechtzukommen, sag ich dir gleich jetzt: Widersprich mir nicht mit Handbuchbockmist. Okay?»
Dill nickte mit sorglosem aber konzentriertem Gesichtsausdruck, und Carl fragte sich, welchen Ruf er bei ZI bekommen hatte. Natürlich wurde jeder Außendienstgutachter ein bisschen als tickende Zeitbombe betrachtet. Das Assessment-Team bildete die vorderste Front, bestand aus denjenigen, die die Sicherheit des ZI Geländes verließen, um die Drecksarbeit zu erledigen. Das Assessment beschloss die nächsten Schritte, weitere Maßnahmen und Ersatzleistungen. Dazu gehörte eine Menge Training, eine Menge Übung. Vor Dill hatte es zwei Praktikanten gegeben, die es nicht geschafft hatten. Einer war tot, einer hatte aufgegeben, und sie beide waren schlecht für Carls Bilanz. Es war nicht schlimm, im Verlauf einer Karriere ein oder zwei zu verlieren, sogar vier oder fünf, abhängig davon, wie lange man ausbildete und welche Widrigkeiten das zugeteilte Territorium bereithielt, aber zwei hintereinander zu verlieren, war ein Unglück gewesen.

***

Es war durchaus möglich, dass Dill selbst auch vom Assessment war – vomMitarbeiterassessment. Die meist gehasste und gefürchtete Gruppierung innerhalb von ZI.
  «Bestell die Wrangler», sagte Carl. Zeit, zur Sache zu kommen. «Wir haben einen Mannzie, der kopfüber in einem Kanalgitter feststeckt.»
«Mit Halsband oder …?»
«Jap, ziemlich sicher. Nicht losgegangen, soweit ich sagen kann. Ein Wranglertruck genügt.»
Dill klappte die Sonnenblende herunter und berührte ihren Augenwinkel. Ein Laserlicht erstrahlte von dem kleinen Scanner neben ihrem Augenlid. Ein Piepen kam aus der Nähe ihres Ohres und sie berührte ihr Ohrläppchen leicht mit zwei Fingerspitzen. «Hier spricht FA 12382. Wir bitten um einen Wranglertruck. Standort wird übermittelt.»
«Okay, Assessment, Wranglertruck ist unterwegs.» Die automatisierte Stimme war gut, sehr nahe an einer menschlichen, aber es gab immer eine kleine Verzögerung, wenn sie umschaltete. «Geht es um Eindämmung?»
Dill blickte zu Carl, der ohne von seinem Klemmbrett aufzusehen den Kopf schüttelte. «Es hat sich schon selbst eingedämmt», brummelte er abgelenkt. «Es gibt keinen Grund zur Panik.»
«Nein», antwortete Dill der Stimme und zog ihre Finger von ihrem Ohrläppchen zurück, um den Anruf zu beenden. «Was jetzt? Gehen wir nach draußen und warten in der Nähe des Dings im Rinnstein?»
«Herrgott, nein», sagte Carl. «Wir warten, bis die Wrangler …» er schauderte, «… ankommen.»
«Sind sie wirklich so schlimm?»
  Carl runzelte die Stirn. «Du hast die Wrangler noch nicht gesehen? Nein? Tja, sie sind nur, weißt du, anders. Nicht so schlimm wie die Cleaner, aber du würdest nicht regelmäßig mit den Wranglern abhängen wollen.»
  «Das habe ich über sie schon gehört.»
«Okay, also, Prozedur, siehst du? Dieses Formular? Das ist das erste, das ausgefüllt wird. Immer. Vor Ort und im Beisein eines Hausbesitzers, wenn es bezüglich eines Defekts oder vermeintlichen Defekts eines Systems geht.»
«Aber zuerst die Lage beurteilen, richtig?»
«Ja, klar, Scheiße, natürlich. Du musst die Lage beurteilen, um das verdammte Ding ausfüllen zu können.»
Dill nickte wieder, unbeeindruckt, die Augen auf das Klemmbrett gerichtet. Carl schluckte seine Ungeduld hinunter. Es war seine eigene Schuld. Er erklärte die Dinge nicht richtig und außerdem war sie nicht bei ihm gewesen. Woher sollte sie das wissen?
Okay, er war also ein bisschen verunsichert. Von ihrem Erfolg schien sehr viel mehr abzuhängen, weil er auch seinen beeinflusste.
«Hör mal, Dill, als der Kerl angerufen hat, konnte ich an seinem Tonfall hören, dass es eine schlechte Idee wäre, ihm Publikum zu bescheren. Du wirst das lernen. Nächstes Mal kommst du mit mir, okay?»
Dill nickte wieder. Carl konnte sich kein rechtes Bild von ihr machen. Sie war verschlossen genug, um von der Mitarbeiterbeurteilung zu sein, aber sie schien zu jung. Sie hatte Angst gehabt, so ganz alleine im Geländewagen, doch das konnte ein Hinweis auf alles sein. Die Einzigen, die außerhalb der Firmenmauern nicht ängstlich wurden, waren Wrangler, Cleaner und, selbstverständlich, Zombies.
Was einem einen Eindruck vom Geisteszustand der Wrangler und Cleaner vermittelte.
«Sobald du alles auf dem Klemmbrett hast», fuhr Carl fort, «überträgst du es aufs Tablet.»
«Warum tippt man es nicht von vorneherein ins Tablet?»
Carl seufzte, aber es war eine vernünftige Frage für eine junge Person. Die meisten von ihnen hatten wahrscheinlich niemals Kugelschreiber, Bleistifte oder Papier benutzt. «Es ist Teil des Services, Teil der … wie zum Henker heißt das, die, ähm, der …? Der Zauber! Genau wie die Kakis und die Oxfords. Wir sind aufs Altmodische aus. Wir sind auf Beruhigung aus.»
«Ich wäre von einem Klemmbrett nicht beruhigt», sagte Dill.
«Nein, ich nehme an, das wärst du nicht», erwiderte Carl, «aber du bist nicht um die fünfzig. Du besitzt kein Haus oder …» Er runzelte die Stirn. «Besitzt du ein Haus?»
Sie sah ihn an, als sei er verrückt; ihr erster echter Gesichtsausdruck, wenn man die Angst von zuvor außer Acht ließ.
«Nein, siehst du?», fuhr Carl fort. «Das meine ich. Unser Gebiet umfasst beinahe ausschließlich Häuser, Hauseigentümer, Geldsäcke, die sich die großen Systeme leisten können. Verstehst du, was ich meine? Die wollen ein gottverdammtes Klemmbrett sehen, und ein bisschen hopphopp. Es lässt sie sich gut fühlen. Sicherer.»
Dill nickte und richtete ihren Blick wieder auf das Klemmbrett. Sie war lernbereit. Gut, denn sie hatte einen langen Weg …
  Das Brüllen eines Benzinmotors ließ sie zusammenzucken. Carl konnte den Wranglertruck von hier aus nicht sehen, aber er erkannte ihn nichtsdestotrotz am Geräusch. Die Wrangler hatten tatsächlich um das Recht auf die alten Benzinfahrzeuge gekämpft und gewonnen. So durchgeknallt waren sie. Es schien, als ob sie Zombies anlocken wollten. Verrückt.
  «Okay, sie sind da», sagte Carl. «Fahr langsam rüber.»
Dill drückte oben auf das Lenkrad. Das Auto summte und rollte vorwärts, langsam an Schwung gewinnend. Sie bog um die Ecke und der Lastwagen der Wrangler kam in Sicht. Ihre Augen weiteten sich.
«Was zum …?»
Carl lachte. Er hatte ihr Gesicht beobachtet, gespannt, was passieren würde, sobald sie die Wrangler sah. «Mal was anderes, hm?»
Sie schaute ihn an und richtete dann ihren fassungslosen Blick auf das Fahrzeug zurück, das wenige Meter die Straße hinunter quer parkte. Es war ein großer Pick-up, mattschwarz, mit dem Zombie Inc. Logo in Rot auf jedem Türblech. Die Reifen waren gut einen Meter zwanzig hoch, mit schwerem Profil und Spikes, und die Fahrerkabine thronte weit darüber. Ein Kuhfänger, ebenfalls mattschwarz, bedeckte die Front und ein Gestell aus Bullenhörnern mit Zombieköpfen auf den beiden Spitzen saß darüber wie etwas aus einem Wildwest-Albtraum. Auf einem roten Aufsatz über der Ladefläche stand das Wort ›Wrangler‹ in einer schwungvollen Schrift, die so gestaltet war, dass sie an ein Seil erinnerte.
Der Motor heulte auf, ließ den Truck erzittern, und dann erstarb das Geräusch. In der plötzlichen Stille holte Dill Luft, um zu sprechen, doch dann öffneten sich die Türen des Fahrzeugs. Zwei Wrangler stürzten heraus.
Die Männer waren wie Biker früherer Zeiten gekleidet, mit schweren Bluejeans, Lederchaps und Lederwesten über nackter Haut. Ihre Unterarme waren mit schwarzem Leder umwickelt und sie trugen beschlagene Halsbänder; die Sonne blitzte und funkelte von den Metallspitzen. Motorradstiefel mit Stahlkappen und Ketten und mattschwarze, mit roten Totenköpfen geschmückte Durags komplettierten den Look.
Die Männer rannten brüllend auf Carl und Dill zu.
«Sie … die, äh …», stotterte Dill. Die Wrangler sahen wie Banditen aus, wie Piraten, Randalierer, Raufbolde. «Kommen sie her, um uns zu töten?»
Carl zuckte mit den Schultern. «Tja, das weiß man einfach nie», sagte er, und dann ließ er seine Tür aufschnappen und deutete auf die Beine im Kanalgitter, um die wilde Aufmerksamkeit der Wrangler umzuleiten.
Sobald sie die Beine sahen, steigerten sich ihre Rufe sowohl in Lautstärke als auch in Häufigkeit. Ein oder zwei «yee-haws» platzten aus ihnen heraus wie unkontrollierbare Rülpser.
«Bin gleich wieder da», sagte Carl und wollte die Tür schließen.
«Warten Sie!», rief Dill mit panikgeschärfter Stimme. «Was ist mit mir?»
«Dir passiert schon nichts. Du hast deine Armbrust, richtig? Behalte sie griffbereit.»
«Ja, aber was ist mit, Sie wissen schon, Berufserfahrung?»
  «Siehst du die beiden?», fragte Carl und warf einen Daumen über seine Schulter zurück. Die Wrangler hatten den verirrten Zombie bei den Knöcheln gepackt und zogen lachend an ihm, schleiften ihn aus dem Kanal. «Scheiße, Dill, du wirst reichlich Berufserfahrung bekommen, okay? Beobachte erst mal nur, ja?»
  Dill nickte und setzte sich zurück. Sie überprüfte den Rück- und die großen Seitenspiegel.Sei dir immer deiner Umgebung bewusst. Wachsamkeit war die erste Regel, wenn man außerhalb der Einfriedungsmauer war. Das war nirgendwo ausdrücklich in den Trainingsmaterialien niedergeschrieben, aber die Geschichten von durch bloße Unaufmerksamkeit verlorener Leben waren so beängstigend, wie sie zahlreich waren. Selbst wenn mindestens die Hälfte davon eher büroüberlieferte abschreckende Beispiele statt Tatsachenberichte waren.
  Die Wrangler nickten Carl zu und setzten ihr Gezerre fort. Als der Zombie plötzlich freikam, stolperte einer der Wrangler nach hinten und landete hart auf seinem Hintern. Der noch stehende Wrangler trompetete ein Lachen heraus, während der hingefallene Wrangler fluchte.
«Ha! Du Filznase! Pass auf, wo du deine eig\’nen blöden Latschen am sein hass, Depp!»
«Fick dich, Floyd! Meine Latschen waan nich\‘ dat Problem. Dat da waas!»
«Floyd, der alte Kerl is nich\‘ in die Nähe von die aufgeblas\’nen Boots wat du Füße nenns\‘ gekomm\’n. Jetz\‘ tuste ma\‘ aufsteh\’n und dann lass ma\‘ um den Kerl am kümmern fang\’n.» Der stehende Wrangler drehte sich um, um einen zähflüssigen Schwall Tabak auf die Straße zu spucken. Dann grinste er breit. «Du Filznase.»
Der hingefallene Wrangler fluchte wieder, ehe er den Fuß des Zombies mit einer präzisen, effizienten Bewegung verdrehte, die den Knöchel durchbrach. Der stehende Wrangler hockte sich hin und bearbeitete das andere Bein des Zombies in ähnlicher Manier, brach ihm den anderen Knöchel und ließ das Wadenbein mit einem Knirschen zersplittern. Dann traten die Männer zurück.
Der Zombie drückte sich hoch, grunzte und kam auf die Knie. Sein Kopf baumelte beinahe bis zum Boden. Die Wrangler kreuzten ihre Arme vor ihren kräftigen Brustkörben und legten beobachtend die Köpfe schief. Sie waren still, wachsam. Jegliche Vortäuschung von Idiotie und Wildheit schien komplett verschwunden.
«Ich schätz ma\‘, dat den Halsband nur halb gezündet hat.»
«Jau, ich auch. Vielleicht sind die Ladung\’n leer?»
«Sollnse nich\‘, nich\‘ bei den neuen Models. Siehste dat blaue Schildken da? Dat Halsband is grad ma\’n Monat alt.»
«Heilige Scheiße, da hasse Rech\‘, Floyd. Müssenwer uns wohl dat Mistdingen von den Kerl krallen. Dat Halsband nach ZI bringen, damit se rausfinden könn\‘, warum den Explosionen den nich\‘ explodiert ham.»
«Na, dat wollnwer tun, also lass ma\‘ am Tun fang\’n. Lass den Hohlkopp eintrei\’m.»
Die Wrangler wandten sich an Carl. «Kannse nen Auge auf dat da werf\’n, solangwer dat Ausrüstung am hol\’n sind, ja, Abby? Bravet Mädchen.»
Als Carl ihnen den Mittelfinger zeigte, brachen sie in Gelächter aus. Während sie zu ihrem Truck zurücktrabten, schlugen sie einander auf die Schultern.
Wrangler waren rätselhaft. Sie alle nannten einander „Floyd“ und jeden anderen nannten sie – aus unbekannten Gründen – «Abby». Sie waren ein sich nahestehender, verschlossener Haufen, und Carl bemitleidete den für sie zuständigen Betreuer der Personalverwaltung. Jahrelang hatte die Firma versucht, einen Wrangler eigens für den PV-Posten ins Management zu versetzen, aber es gab keine Interessenten unter ihnen. Derzeit wurde der Job von einem jungen Mann erledigt, von dem man munkelte, er sei deswegen beinahe selbstmordgefährdet.
Die Wrangler kamen zurück. Einer von ihnen trug eine lange Stange mit einem Seil am Ende. Früher hatte man diese Hundefänger genannt. Carl erinnerte sich gut daran. Jetzt gab es keine Hunde mehr, oder zumindest nicht viele. Nach der Seuche hatte es sie zu den verrottenden Zombies hingezogen, zum Gestank. Es war nicht ungewöhnlich gewesen, einen Hund am Bein eines schlurfenden Zombies kauen zu sehen, oder beim Versuch, sich über die weniger gehfähigen herzumachen. Doch Zombiefleisch war Gift für Tiere.
Ein Großteil der Ausrüstung des amerikanischen Tierschutzvereins war von Zombie Inc. für einen Bruchteil ihres eigentlichen Werts aufgekauft worden; sie eignete sich gut zum Fangen und Verwahren von Zombies.
Der andere Wrangler trug einen dünnen Schlagstock und einen Taser. Sie näherten sich dem Zombie wie Tiertrainer in einem Zoo für Irre.
«Brauchs\‘ uns nich\‘ helf\’n tun, Abby», sagte der Wrangler zu Carl, ohne ihn anzusehen. «Geh wieder in deim Pussykarre rein und tu auf\’n Bericht wart\’n. Dat wird eimfach!»
«Du sachset, Floyd», meinte der andere Wrangler. «Et halb\’m Kopp schon wech? Den Chancen tun mir gefall\’n!» Er schwang den Stab in einem Kreis über seinem Kopf und die Schlaufe zischte und knallte. «Halb\’m Kopp; halber Job! Ha!»
«Jetz\‘ schnapp dir dat halt und hör auf zum Labern, Floyd. Irgendwie isset auffe Beine gekomm\’n.»
Der Zombie stand schwankend auf den Stümpfen seiner Fußknöchel. Seine Füße zeigten in verschiedene Richtungen und die verdrehten Knochen seines Schienbeins stießen durch die Haut. Sein Kopf baumelte gegen die Brust, da sein Nacken vom Halsband weggefegt worden war. Knochensplitter, in Streifen verfaulender Haut verfangen, hingen ihm um die Schultern wie ein makabrer Schal. Sein Stöhnen wurde von der alten Cordjacke, die er trug, gedämpft. Eine Substanz, die aussah wie eine Mischung aus Kaffeesatz und trocknenden Blutklümpchen, lief seinen Rücken hinab. Er schwankte und schlurf-hopste auf die Wrangler zu, wobei er einen Fuß zurückließ. Ein Klumpen von etwa der Größe eines Augapfels fiel mit einem schmatzenden Geräusch auf den Straßenbelag.
«Scheiße, ich schätze, dat den Mistkerl noch\’n bissken Leben am hab\’m is.»
«Schnür\’n einfach ein, Floyd, verdammt nochma\‘, hör auf zum Rumalbern!»
«Ich hab\’n, ich hab\’n, hör auf zum Flennen, du Hosenscheißer.» Er schwang die Schlinge und wirbelte sie über den Kopf des Zombies, aber dieser torkelte nach links und das Seil rutschte an seiner Seite entlang.
«Boah, Scheißkerl, halt still, du traniger Pisskopp!» Er zog die Schlinge wieder hoch – der Stab war lang und unhandlich – und dieses Mal schwankte der Zombie nach hinten, sodass die Schlaufe nutzlos an seiner Vorderseite hinabglitt. Dann wankte der Zombie mit schwingenden Armen und ächzend vorwärts, während sein Kopf auf seiner Brust von einer Seite zur anderen baumelte.
«Herrgott! Hör auf herumzualbern und FANG das Ding!», sagte Carl, während er an seinem Gürtel nach seiner Pistole tastete.
«Halt\’n Mund, Abby, Floyd hatt\’n! Setz dich inne Pussykarre rein, wennde nich\‘ …»
Der Zombie stolperte und eine seiner ausgestreckten Hände verfing sich in der Weste des Wranglers. Der Wrangler brüllte wie ein überraschter Löwe und sprang zurück, während der andere mit dem Elektroschocker einschritt.
«Floyd! Pass auf! Den Dreckskerl hat dich fast gekricht!» Er stieß den Elektroschocker in den Arm des Zombies.
Der Arm wurde nach oben und zurückgerissen und zuckte unkontrolliert. Der Wrangler stieß den Elektroschocker in die offene Höhle am Hals des Zombies. Blaues Feuer sirrte und blitzte. Der Gestank von heißem, verwestem Fleisch in Kombination mit Ozon ließ Carl würgen.
«Schnür\’n ein, Floyd! Fang dat Arschloch!»
«Kann ich nich\‘! Dem sein Kopp is zu weit unt\’n! Dat Schlaufe bleibt nich\‘ häng\’n! Scheiße!»
Der Zombie stürzte sich wieder vorwärts, die Wrangler sprangen in perfekter Synchronizität zurück, und dann, wie durch Zauberhand, erschien ein schwarzer Bolzen im Kopf des Zombies.
Er brach vorwärts über sich selbst zusammen und fiel auf das Pflaster.
Carl hörte auf nach seiner Pistole zu tasten und starrte mit offenem Mund. Die Wrangler sahen einander an, versteinert, und drehten sich dann langsam um.
Dill stand drei Meter entfernt, mit ihrer Armbrust in Schulterhöhe.
Die Wrangler blinzelten zu ihr hin, dann blinzelten sie zu Carl hinüber, nur um ihre Aufmerksamkeit wieder auf Dill zu richten.
«Danke, Abby», sagte der erste Wrangler, «aber die sollnwer lebend zurück bring\’n.»
  Dills Gesicht war schon zuvor sehr weiß gewesen, wurde jetzt aber noch weißer. «Oh», sagte sie und senkte ihre bebende Armbrust. Ihre Schultern sackten vor Niedergeschlagenheit herunter. «Tja … Scheiße
  Die Wrangler blinzelten wieder in ihre Richtung und brachen dann in Gelächter aus.
«Tu dir nix draus mach\’n, Abby! Ha ha! Bis\’n gutet kleinet Abby!»
«Besser\’n toter Toter wie\’n toter Wrangler! Ha!»
Als sie ihr auf die Schultern klopften, streckten sie sie beinahe nieder, aber Dill brachte ein Grinsen zustande. Die Männer lachten lauter und begannen, ihr auf den Rücken zu schlagen. Fast ging sie in die Knie.
«Bis\’n gutet, Abby! Bis\’n gutet Gutachter!»
«Kanns\‘ uns immer anruf\’n tun, Abby! Wir sind deine Wranglers!»
«Danke … Jungs, danke … uff, danke, ich …» Sie entzog sich ihren freundlichen Schlägen. Die Männer grinsten sie weiterhin an. «Aber ich heiße Dill.»
  «Och! Rech\‘ hasse, Abby!», sagte der erste Wrangler und riss sie mit einer ungestümen Umarmung, die ihr den Atem nahm, hoch. «Grr … bis\’n guter Mann!»
  «Himmel», sagte Dill mit einer Stimme wie ein abgequetschtes Piepsen, «lass mich runter!»
Der Wrangler ließ sie so plötzlich los, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen, als ihre Füße auf der Straße aufkamen. Die Männer beugten sich zu ihr. Wieder waren alle Spuren der Clownerie aus ihren Zügen verschwunden. Dill blickte in zwei Paar brauner Augen so freundlich und warmherzig wie die eines Pit Bull-Welpen. Der erste Wrangler sagte: «Dat is unser Ernst. Egal watte brauchs\‘ …»
«… du rufst uns sofort an, Abby», beendete der Zweite.