Buchcover:

Schuld und Sühne

von Russell Blake

Serie: Wasteland
Band 1

»Die beste Postapokalypse, die ich seit einer Ewigkeit gelesen habe. Ich hoffe, dieses Buch wird das Ende der Welt überdauern.« [Hugh Howey]

INHALTSBESCHREIBUNG


Sie hatten behauptet, dass es niemals geschehen, dass der Tag niemals kommen würde. Sie lagen falsch.
Fünf Jahre nach dem Kollaps schlägt sich der ehemalige Texas-Ranger Lucas Shaw durchs Ödland, in dem es nur eine Regel gibt: Töten oder getötet werden. Als eine rätselhafte junge Frau mit einer verzweifelten Bitte in sein Leben tritt, muss Lucas sich einer unmöglichen Herausforderung stellen und einen Feind bekämpfen, der vor nichts Halt macht.

Knallhart und temporeich markiert SCHULD UND SÜHNE den Beginn der WASTELAND-Serie von Russell Blake, ein Nonstop-Adrenalinrausch in einem beängstigend realistischen Endzeitszenario.
Fans von Jack Reacher, den HUNGER GAMES und ROAD WARRIOR kommen hier voll auf ihre Kosten.

Kapitel 1

Lucas spähte durch sein Fernglas zum fernen Horizont, der durch die brütende Hitze der westtexanischen Sonne verzerrt wurde, und suchte die karge Landschaft ab. Grünlich-braunes Gestrüpp wuchs wie Tumore entlang der Hügel. Der große Hengst unter ihm bewegte sich mit einem trägen Schütteln des Kopfes. Lucas lehnte sich langsam vor, um ihm beruhigend auf den Nacken zu klopfen.

»Ruhig, Tango. Ich weiß, es war ein langer Ritt«, murmelte er.

Das Pferd beruhigte sich und Lucas kehrte zu seinen Beobachtungen zurück. Seine Lippen waren nur zwei dünne Linien zwischen zwei Tage alten Bartstoppeln. Die gerade Krempe seines Cowboyhutes aus braunem Filz überschattete stahlgraue Augen und eine Haut, die von einem Leben im Freien braun wie Bronze war.

Ein heißer Wind kam aus den Bergen zu seiner Linken und brachte den Geruch von Regen mit sich. Ein Band pflaumenfarbener Wolken pulsierte vor Blitzen, dort, wo die Bergspitzen den Himmel berührten. Er schätzte, dass es noch ein gutes Stück weit weg war, mindestens vier oder fünf Stunden. Das erhöhte die Chancen, dass das Gewitter sich austobte, bevor es ihn erreichte.

Nicht, dass er etwas gegen eine regnerische Nacht gehabt hätte. Er hatte sein Zelt und seinen Schlafsack und in seinen Satteltaschen war genug Proviant für Wochen. Es war schwer abzuschätzen, wie lange er brauchen würde, die Herde Wildpferde aufzuspüren, der er auf den Fersen war. Auf Expeditionen wie dieser war er immer auf alles vorbereitet, was Mutter Natur und ihre raue Landschaft ihm in den Weg stellen konnte.

Lucas Aufmerksamkeit wechselte zu einer braunen Staubfahne, die in der Ferne aufstieg. Er nahm das Fernglas herunter und blickte hinauf in den Himmel. In ein paar Stunden würde es dunkel sein. Er warf einen Blick auf den alten Pilotenchronometer an seinem Handgelenk, nicht weil ihm die Uhrzeit etwas genutzt hätte, aber es half ihm beim Abschätzen der Entfernung. Die Staubwolke war etwa fünf Meilen entfernt. Er wollte sein Pferd nicht schon vorher auslaugen, denn er würde sein volles Tempo benötigen, um Tiere der Herde einzufangen. Das hatte Priorität.

Er nickte wie zur Bestätigung. Bei lockerem Trab konnte er die Urheber der Staubwolke bis zur Dämmerung erreicht haben. Lucas rückte das M4A1 Sturmgewehr auf seinem Rücken zurecht und tastete dann automatisch nach dem Schaft seiner 7.62 Remington 700 Police DM in dem Futteral neben seinem Knie.

Nicht, dass er sie heute benötigen würde.

Immer vorausgesetzt, dass die Staubwolke auch von der Herde stammte.

Es gab in diesen staubtrockenen Senken nicht viel zu holen, alle Gebäude waren vor langer Zeit aufgegeben und von allem befreit worden, was noch irgendeinen Wert darstellte. Aber das hielt die Plünderer aus Mexiko nicht auf, sich auf den Weg nach Norden zu machen. Die Situation südlich dessen, was einmal die Grenze gewesen war, war schlimm oder sogar schlimmer als hier. Und nach dem, was er bisher gehört hatte, war ein Menschenleben in den Augen dieser Aasgeier nicht viel wert. Sie lebten mehr recht als schlecht von dem, was sie sich Zusammenstahlen, und würden jedermann auf Sicht töten. Dabei spielte es keine Rolle, ob er ein Gringo oder ein Mexikaner war.

Das war auch einer der Gründe, warum Lucas die verwaisten Highways mied, welche die Gegend durchzogen. Der Asphalt war nicht nur schlecht für Tangos Hufe, sondern es gab dort auch die schauerlichen Überreste jener Fahrzeuge, die zurückgelassen worden waren, als den Leuten der Sprit ausging. Selbst jetzt, fünf Jahre nach dem Tag, von dem jeder gesagt hatte, dass er nie kommen würde, waren die Autobahnen immer noch unsicher. Es gab Gesindel, das dort lauerte, um Reisende zu überfallen – nicht selten verzweifelte Familien, die einen Handwagen mit ihren wenigen Habseligkeiten hinter sich herzogen, auf dem Weg zu einem Ort, von dem sie gehört hatten, dass das Leben dort besser sei. Das Benzin taugte schon lange nichts mehr, selbst der Diesel war rar, was die Überlebenden dazu zwang, auf andere Transportmittel zurückzugreifen – ob Fahrräder oder Lasttiere – es spielte keine Rolle, solange man nur in Bewegung blieb.

»Sinnlos«, stieß Lucas hervor und stutzte, als er hörte, wie gebrochen seine Stimme klang. Mit seinem Pferd zu reden war eine Sache, aber Selbstgespräche waren ein Warnsignal – eines von vielen, auf die er achten musste. Die Angst, durchzudrehen, war für ihn ein ständiger Begleiter, seit alles den Bach runtergegangen war.

Lucas schnalzte mit der Zunge und Tango lief los. Das Pferd trottete unsicher über die lose Erde. Der sanfte Windhauch war das einzige Geräusch neben Tangos Hufschlag und einem gelegentlichen Schnauben. Lucas Sinne sagten ihm, dass er allein war, aber er blieb wachsam. Seine Kleidung ließ ihn mit der Umgebung verschmelzen und er hoffte, dass seine abgewetzte Jeans, sein sandfarbenes Hemd und die Panzerweste in Wüstentarnung ihn zu einem schwierigen Ziel machen würden. Anders als im Film ist es nämlich verdammt schwer, ein bewegliches Ziel aus der Entfernung anzuvisieren, besonders bei stetigem Wind.

Er grunzte, als sie eine besonders schwierige Stelle überwanden und trieb Tango vorwärts, wobei Lucas' Lendenwirbel gegen den rauen Ritt protestierten. Was hätte er jetzt für einen Geländewagen gegeben. Oder wenigstens eine Enduro, ganz zu schweigen von einem Allradfahrzeug wie seinem alten Pick-up. Er hatte diesen großen Chevy geliebt. Der Wagen, genau wie das M4, waren die Vorteile seines Dienstranges gewesen: Einer der jüngsten Texas Ranger in der Geschichte der Truppe, der für die E Division von El Paso aus operiert hatte. Aber der Wagen, genau wie seine Truppe, waren Geschichte. Es war ein trauriger Tag gewesen, als er ihn mitten in der Wüste zurücklassen musste.

Die Sonne war ein Flecken roter Glut, der in einem Wolkenband versank, als er aus einiger Entfernung Gewehrschüsse hörte. Das unverkennbare Rattern automatischer Waffen ertönte aus der Ferne, kaum lauter als gedämpftes Feuerwerk, aber doch unverkennbar. Tango tänzelte auf der Stelle. Lucas Augen wurden schmal, während er sein Pferd beruhigte.

»Offenbar kam der Staub doch nicht von der Herde«, flüsterte er.

Nach ein paar Minuten hörte die Schießerei auf. Er schätzte, dass er noch gut eine Meile entfernt war. Lucas suchte den Horizont wieder mit dem Fernglas ab, konnte aber nichts erkennen. Was immer auch geschehen war, blieb außer Sicht, hinter der nächsten Hügelkette.

Instinktiv wollte er nach dem Rechten sehen – wenn eine Gruppe Bewaffneter in der Gegend war, musste er sich früher oder später Klarheit verschaffen und seine Suche nach den Wildpferden verschieben, bis die Bande die Gegend verlassen hatte. Er wollte die Tiere für Tauschgeschäfte nutzen – die Ranch hatte kaum noch Waren, die man an einem der Außenposten in der Nähe hätte eintauschen können – aber dafür musste er am Leben bleiben. Er konnte seine Spuren nicht verwischen, während er eine Herde wilder Mustangs trieb.

»Nun komm schon, Tango. Zeit, dass du dir deinen Futtersack verdienst.« Lucas führte das Pferd nach links, wollte einen weiten Bogen schlagen, um unbemerkt zu bleiben.

Purpurne und lachsfarbene Wolkenstreifen dominierten den Himmel, als er in der Nähe des Hügels abstieg und Tango an einem verkrüppelten Mesquitebusch anband. Er zog die Remington 700 aus dem Polster und klopfte auf die vier Reservemagazine mit 5.56 mm Vollmantelgeschossen für seine M4, die in seiner ATS Aegis V2 Plattenschutzweste steckten, gleich neben seinem ganzen Stolz an der Hüfte, einer Kimber 1911 Tactical Custom II Kaliber .45. Lucas prüfte, ob die Mündungsfeuerbremse auf dem M4 saß und ob die Waffe gesichert war. Dann hob er den Blick hinauf zu den schwarzen Umrissen der Geier, die über ihm kreisten.

Lucas nahm seinen Hut ab, als er auf die Anhöhe zukroch, und verharrte hinter einer Deckung aus dichtem Buschwerk.

Die Körper lagen über den Grund eines ausgetrockneten Flussbetts verstreut. Auf den ersten Blick konnte Lucas erkennen, dass die Gruppe in der Mitte von oben her angegriffen worden war – wegen ihrer Position war das offensichtlich. Sie waren gestorben, als sie den Angriff abzuwehren versuchten.

Er beobachtete das gesamte Areal mehrere Minuten lang durch sein Fernglas und nahm sich dabei die Zeit, die Leichen näher zu studieren: Vier Männer in Kleidung aus Armeebeständen, zwei von ihnen trugen Schutzwesten über ihren Tarnhemden, ihre Hände umklammerten noch immer die unverkennbaren Umrisse von AR-15 oder M16 Sturmgewehren. Zwei ihrer Pferde waren ebenfalls erschossen worden, ihre Kadaver schwollen bereits an. Ein einfaches Tragegestell aus überkreuzten Holzstangen lag hinter einem von ihnen. Ganz in der Nähe führte eine Spur dicker Blutstropfen in das Arroyo hinauf, möglicherweise von einem angeschossenen Pferd, denn es hatte geschafft, noch ein wenig Distanz zwischen sich und das Schlachtfeld zu bringen.

Fünf Angreifer lagen im Kreis um das Areal, ihr Blut benetzte den harten Fels dort, wo sie gefallen waren, als sie vorzurücken versuchten. Lucas konnte sich das Gefecht vor seinem geistigen Auge vorstellen. Er hatte ja gehört, dass der Schusswechsel kurz und heftig gewesen war. Den Spuren nach zu urteilen, war die kleine Gruppe, von Nordwesten kommend, entlang des ausgetrockneten Flussbetts auf einen See zugeritten, wo sie vermutlich die Nacht verbringen wollten. Die Angreifer hatten eine günstige Stelle ausgewählt und mit der Sonne im Rücken das Feuer eröffnet. Aber sie waren zu selbstsicher gewesen und zu hastig vorgerückt, wobei sie schwere Verluste hinnehmen mussten.

Mit zugekniffenen Augen spähte Lucas zu der steilen Felswand auf der anderen Seite des Einschnitts hinüber, die von Höhlenöffnungen durchlöchert war, besorgt wegen eines möglichen Hinterhalts. Eine Bewegung dicht bei einem der gefallenen Männer im Tarnanzug erregte seine Aufmerksamkeit und er beobachtete, wie ein Geier seinen blutigen Schnabel aus seinem Festmahl herauszog. Der große Aasvogel neigte den Kopf in seine Richtung und beobachtete ihn abschätzend, dann flatterte er einmal mit seinen schwarzen Schwingen und kehrte zu seiner Mahlzeit zurück. Er hatte entschieden, dass Lucas dort oben für ihn keine ernsthafte Bedrohung darstellte.

Es war unwahrscheinlich, dass noch Angreifer vor Ort waren, sonst wären die Geier vorsichtiger gewesen. Außerdem gab es keinen Grund für sie, in der Gegend zu bleiben – wenn es überhaupt Überlebende gegeben hatte. Er hatte auch keine weiteren Pferde gesehen, also waren sie ihnen vielleicht durchgegangen. Lucas sah es pragmatisch: So gab es mehr für ihn einzufangen. Domestizierte Tiere waren leichter zu fangen als wilde. Und auch leichter zu verkaufen.

Lucas hatte seit dem Kollaps eine Menge Tod gesehen. Ungerührt kehrte er zu Tango zurück und stieg wieder auf. Die Tage der Vernunft, des Geldes, der Ordnung und der rechtlichen Konsequenzen waren vorbei. Was blieb, war die brutale Alternative zwischen Jäger und Gejagtem. Wäre er noch ein Ranger gewesen, hätte er es als seine Aufgabe betrachtet, alle überlebenden Angreifer zu suchen und sie der Gerechtigkeit zuzuführen. Aber dieses Konzept existierte nicht mehr und Gerechtigkeit kam heute aus dem Lauf einer Waffe.

Er ließ seine Stiefel in die Steigbügel gleiten und gab Tango mit dem Zügel einen sanften Klaps auf den Nacken. Das M4 hielt er fest in seiner rechten Hand, während das Pferd seinen Weg hinunter zu der grässlichen Szene suchte. Lucas beobachtete weiterhin die Umgebung und der Lauf seiner Waffe wanderte mit seinen Augen.

Als Lucas näherkam, hüpfte der Geier davon und erhob sich in die Luft, um seinen Kumpanen am Himmel Gesellschaft zu leisten. Erst als Lucas sicher war, dass es keine ungebetenen Gäste gab, stieg er ab und flüsterte in Tangos Ohr: »Bleib.«

Tango blinzelte ihm mit seinen großen, dunklen Augen zu und blieb erwartungsvoll stehen.

Lucas betrachtete die Szene und war abgestoßen vom sinnlosen Verlust an Menschenleben. Er ging zur ersten Leiche und drehte sie auf den Rücken. Drei Einschüsse liefen quer über die Brust des Mannes. Die letzte Kugel hatte ihm die halbe Schulter weggerissen. Seine leeren Augen blickten mit einem überraschten Ausdruck in die Ewigkeit, den Lucas nur zu gut kannte. Er ließ den Mann zurücksinken und ging zum nächsten. Er vergewisserte sich, dass sie wirklich alle tot waren. Lange dauerte es nicht: Die großen Blutlachen unter jedem von ihnen waren Beweis genug. Sie alle hatten das ausgemergelte Aussehen von Männern, deren Ernährung sich nach dem Ende der Zivilisation dramatisch verändert hatte. Das simple Konsumieren von Fertignahrung war ersetzt worden durch die Jagd auf alles, was kreuchte und fleuchte. Er erkannte allerdings, dass sie alle ordentlich geschnittene Haare und gute Ausrüstung hatten. Diese sammelte er hastig ein und legte sie auf einen Haufen, wobei er sich auf Waffen und Munition konzentrierte. Ansonsten fand er nur wenig Tauschartikel, die sich leicht transportieren ließen.

Danach ging er zu den toten Pferden und sah in ihre Satteltaschen. Sie enthielten Plastikbehälter mit Reis, Töpfe, mehr Munition, Kompasse, Trockenfleisch und andere haltbare Nahrungsmittel, dazu die übliche Sammlung von spärlichen Habseligkeiten, die heutzutage als Schätze durchgingen. Er leerte die Satteltaschen aus und sah den Inhalt zügig durch. Er legte alles beiseite, was sich nicht leicht transportieren ließ. Er hatte nur Raum für Sachen von Wert, so wie ein Jagdmesser oder eine AR-15 mit mehreren hundert Schuss Munition, die kostbarer als alles andere zusammen war.

Als er den ersten der toten Angreifer erreichte, verzog er das Gesicht. Der Schädel des Mannes war ein Krater voller Fliegen, die Vorderseite des Kopfes war von einem Schuss zerfetzt worden. Zurück blieben nur sein öliges, schwarzes, zu einem Iro geschnittenes Haar und ein verdreckter, ungepflegter Bart.

»Raider«, murmelte Lucas. Der Iro war das Erkennungszeichen einer der Gangs, welche die Gegend unsicher machten und jeden terrorisierten, auf den sie stießen. Sie waren undisziplinierte Amateure, aber gefährlich wie Skorpione und vollkommen skrupellos. Viele von ihnen waren Berufsverbrecher, die die Städte verlassen hatten, als alles zusammenbrach, und die eine Bande von Halsabschneidern gebildet hatten, die lieber raubten und mordeten statt als Farmer zu schuften. Der Kollaps hatte das Beste und das Schlechteste in den Menschen geweckt. Leider hatte das Schlechte meist überwogen und ihre Gewaltbereitschaft verschaffte ihnen natürlich Vorteile gegenüber den Schwächeren.

Lucas hatte das blutige Handwerk der Raider mehr als einmal beobachtet, an den schutzlosen Häusern, die es hier früher einmal gegeben hatte. Wie ein Heuschreckenschwarm hatten sie alles auf ihrem Weg zerstört. Sie töteten jeden, außer jungen Frauen, die sie zu Sklavinnen machten – Gerüchten zufolge ein Schicksal schlimmer als der Tod. Er machte einen weiten Bogen um sie – und sie ließen die Stadt, bei der er wohnte, in Frieden. Sie bevorzugten leichtere Ziele als diese schwer bewaffneten Siedler. Genau wie die Raider hatte auch Lucas einen Ruf, der ihm vorauseilte, sodass sie die Farm, auf der er mit seinem Großvater lebte, in Ruhe ließen.

Drei der anderen Toten waren ebenfalls Raider. Ein weiterer Indikator war ihre Lieblingswaffe, die Kalaschnikow AK-47, deren 7.62 Munition durch Geschäfte mit mexikanischen Banditen leicht zu beschaffen war. Mexiko war während des Krieges gegen die Drogen regelrecht mit Waffen geflutet worden. Man nannte sie auf Spanisch Cuerno de Chivo – das Ziegenhorn – wegen ihres auffällig gekrümmten 30-Schussmagazins. Die meisten waren vollautomatisch, und obwohl sie nicht so präzise waren wie Lucas' M4, hatten sie doch auf einhundert Meter eine mörderische Durchschlagskraft. Lucas sammelte die Sturmgewehre ein. Zwei davon waren die AK-M Variante mit einklappbarer Schulterstütze. Er warf sie auf den Haufen zu den anderen Waffen.

Ein Gurgeln kam von einem der Körper, die er noch nicht untersucht hatte. Er wirbelte in der Hocke herum, das M4 im Anschlag. Der Mann, dessen Iro kanariengelb gefärbt war, war wie die anderen Raider mit einer dreckigen schwarzer Jeans und einem fleckigen T-Shirt gekleidet. Lucas lief zu ihm hinüber, jederzeit bereit zu schießen, aber der Mann war bereits am Ende. Blut aus einer Kopfwunde verkrustete ihm Stirn und Augenlider. Lucas zog die Glock aus seinem Hosenbund und schob die AK mit dem Fuß beiseite, bevor er sich vorsichtig neben ihm hinkniete.

Die Augen des Mannes öffneten sich und er starrte Lucas mit leerem Blick an. Er versuchte zu sprechen, aber alles, was aus seinem Mund kam, war ein Schwall Blut. Dann rollte sein Kopf zur Seite. Sein Todesröcheln dauerte beinahe fünf Sekunden.

Lucas ging seine Sachen durch und fand in der Gesäßtasche des Mannes ein Klappmesser. Es war von guter Qualität und versprach einen guten Handel. Die Glock und ihre zwei Reservemagazine würden ebenfalls ein gutes Geschäft werden, auch wenn er persönlich nicht viel von einer 9mm hielt. Lucas' Philosophie war immer gewesen, dass die momentane Taubheit, die einen Schuss aus seiner Kimber begleitete, durch ihre hohe Durchschlagskraft mehr als aufgewogen wurde.

Nachdem er sich alle Waffen angesehen hatte, traf er eine schnelle Entscheidung und trug die wertvollsten zu Tango hinüber. Lucas belud die Satteltaschen bis zum Bersten mit Waffen und Munition und war enttäuscht, doch wenig überrascht, dass er zwei AK-47 und ein paar Pfund Munition zurücklassen musste.

Entferntes Donnergrollen hallte von den Wänden der Schlucht wider und Lucas wandte sich dem aufziehenden Sturm zu. Er erstarrte, als er eine Gestalt bemerkte, unmittelbar neben einem Felsvorsprung, deren Brust sich hob und senkte und die offensichtlich am Leben war. Er hatte diese Person vorher nicht bemerkt. Wer immer es auch war, hatte sich gut verborgen. Er schnellte hoch und lief im Zickzack auf den gefallenen Schützen zu. Die M4 hielt er im Laufen auf die Gestalt gerichtet.

Als er den Vorsprung erreichte, blieb er verblüfft stehen.

Es war eine Frau.

Bewusstlos und schwer atmend, eine AR-15 war direkt neben ihr zu Boden gefallen.

Aber sie war am Leben, auch wenn sie um jeden Atemzug kämpfte. Ihre Bluse und ihre Hose waren von Blut durchtränkt.

Ende der Leseprobe

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