UNNATURAL HISTORY

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Jonathan Green

FANTASY/STEAMPUNK

Band 1
Serie: Pax Britannia

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Inhalt:

Es ist das Ende des 20. Jahrhunderts und Queen Victoria regiert das Reich noch immer an oberster Stelle, gewartet von einer babbage’sken Lebenserhaltungsmaschine. Aufwiegelungen und Unzufriedenheit wachsen so stetig in Magna Britannia, wie das ständige Streben von Schattenwesen nach Macht und Einfluss.
Alles, was Sie in den viktorianischen Gothic-Novellen gelesen haben, ist wahr: Menschen können vom Tod wiederauferstehen, Dinosaurier leben noch immer in abgelegenen Bereichen der Welt (und im Londoner Zoo!), und auch Darwins Evolutionstheorie wurde korrekt nachgewiesen.
Aristokratische Stammbaumhalter der Vampire setzen sich in Osteuropa durch und graben ihre Klauen in die königliche russische Familie, Dampf- und Uhrwerkbetriebene Robotersklaven arbeiten neben den Ärmsten der Gesellschaft, während logisch denkende Maschinen der Führungsschicht helfen, ihren Machtanspruch in dieser überbevölkerten Welt  aufrecht zu erhalten.
In diese Kulisse setzen wir nun den höflichen Dandy und Galgenvogel Ulysses Lucian Quicksilver, gelegentlicher Abenteurer und Agent im Dienste des Thrones, der für schattenhafte Herren arbeitet, welche verzweifelt ein Regime zu erhalten versuchen, das seit 150 Jahren andauert und nun von innen einzustürzen droht – also keineswegs mehr das ist, was es zu sein scheint.
Er bekämpft schnauzbärtige Schurken in den zylindrischen Gewölben der Unterwelt mit raffinierter Eleganz und modischer Stilsicherheit. Unterstützung findet er dabei in seinem unerschütterlichen Hausdiener Nimrod, während die Uhr des Big Bens das Jahr 2000 ankündigt … und damit das Ende der Welt.

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2013

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

372

ISBN

978-3-943408-19-5

eISBN

978-3-943408-96-6

Leseprobe

Die Nacht, in der Alfred Wentwhistle starb, begann wie jede andere auch. Die kühle Scheibe des Mondes schien durch die Rundbogenfenster des Museums und tauchte die unzähligen Vitrinen in bleiches Licht. Die elektrischen Straßenlampen in der Cromwell Road waren nicht mehr als ein orangefarbenes Flackern, das durch die Fenster schimmerte.
  Alfred Wentwhistle, seit sechsunddreißig Jahren Nachtwächter des Museums, fegte mit dem Schein seines Punktstrahlers über die glänzenden Schränkchen. Schimmernde Augen, hakenförmige Schnäbel und ausgebreitete Schwingen materialisierten sich für einen kurzen Moment unter dem harten weißen Lichtstrahl seiner Lampe. Der Weg über den Querbalken war ihm vertraut, die immer wiederkehrenden Bewegungen des ewigen Balletts stroboskopischen Lichtes. Der gewundene Pfad führte Alfred durch unendlich lange Korridore, Hallen und Galerien, die er nur allzu gut kannte, schließlich machte er die Runde bereits seit sechsunddreißig Jahren. Auf diese Route hatte ihn einst Suttleworth mitgenommen, als er ein Junge von gerade einmal sechzehn Jahren und der alte Suttleworth nur noch zwei Monate von seinem Ruhestand entfernt gewesen war. Eine Route, wie sie der Alte selbst fünfundvierzig Jahre lang gegangen war. Nie war es nötig gewesen, den Weg zu ändern. Nachtwächter des Natural History Museum in South Kensington zu sein, war nun einmal kein anspruchsvoller Beruf.
  Alfred trug seinen Schlagstock und die Taschenlampe jede Nacht, doch Gebrauch machen musste er von Ersterem noch nie in all den Jahren und Zweitere benötigte er wohl auch nicht wirklich. Selbst in mondlosen Nächten und während eines Stromausfalles hätte er seinen Weg durch die Galerien mit geschlossenen Augen gefunden, das zumindest erzählte er Mrs. Wentwhistle gerne mit einem Kichern.
  Die Taschenlampe trug er einfach aus Macht der Gewohnheit. Es hatte auch noch nie ein Einbruch stattgefunden, seit es das Museum gab. Und abgesehen von den gelegentlichen Umbauten der sonderbaren Schränkchen hie und da, oder dem Stellplatzwechsel eines Artefaktes ab und an … die altbekannte Gestaltung des Museums hatte sich kaum bedeutsam verändert, seit der Ankunft des Diplodocus carnegii im Jahre 1905, vor zweiundneunzig Jahren also.
  Alfred Wentwhistle hatte Freude an seinem Job. Ihn entzückte es, zahlreiche Stunden zwischen Exponaten wie den ausgestopften Bestien und Dinosaurierknochen zu verbringen. Natürlich konnte man sich diese heutzutage auch real ansehen, seit der Eröffnung des eingezäunten Kampfgeheges des Londoner Zoos, aber es lag doch etwas Zeitloses und Magisches auf all den fossilen Gestalten, ausgegraben von Hobbyarchäologen, gewissermaßen die ersten Paläontologen; als Beweisstücke für die Existenz von Meeresungeheuern, Drachen oder gar dem Zyklopen.
  Von Zeit zu Zeit, ungestört von all dem regulären Publikum, hatte Alfred seine Freude daran, die handgeschriebenen Etiketten zu studieren, auf denen Erklärungen zu jedem Objekt angegeben waren; wo es entdeckt und ausgegraben worden war, wer es zu einem Ganzen wiederherstellte und einige andere sachdienliche Informationen, die der Beschaffer des Exponats mitzuteilen für nötig befunden hatte. Nach sechsunddreißig Jahren gab es nicht viele Etiketten, die Alfred noch nicht gelesen hatte.
  Das Wissen um seine Rolle als Hüter des bedeutsamsten Museums für Volksgeschichte des Landes – und infolgedessen des ganzen Königreiches und demnach, faktisch, der gesamten Welt! – bereitete ihm große Befriedigung. Und auch wenn er sich seit seinem Amtsantritt noch keiner Herausforderung in seinem friedvollen Wächteramt im Dienste der unzähligen Schätze von Mutter Natur hatte stellen müssen, Alfred Wentwhistle war zur Stelle, jede Nacht des Jahres – sogar am Weihnachtsabend – nur für den Fall, dass das Museum ihn jemals brauchen würde.
  Hin und wieder stieß er auf einen der Museumsforscher, die noch bis spät in die Nacht arbeiteten. Sie tauschten dann einige Nettigkeiten aus und manchmal wurde ihm sogar ein warmes Getränk angeboten. Sie alle kannten den alten, zuverlässigen Alfred, und auch er kannte sie alle beim Namen. Über die Jahre hatte Alfred Professoren kommen und gehen sehen – Botaniker, Zoologen, Naturforscher und Kryptozoologen – doch manche Dinge blieben stets dieselben, wie das Waterhouse-Gebäude selbst und sein nächtlicher Hüter.
  Alfred wusste, wo sein Platz war. Die Wissenschaftler waren hochgradig intelligente und gelehrte Berühmtheiten der Museumseinrichtung, und er nicht mehr als ein einfacher Wachmann. Ihm reichte es vollkommen aus, sich stundenlang zwischen den Ausstellungsstücken in den Vitrinen aufhalten zu dürfen. Es wurde das ›Haus der Naturkunstwerke‹ genannt; Sir Richard Owens nachhaltiges Vermächtnis an die Welt.
  Alfreds langsame, unaufhaltsame Schritte trugen ihn zurück in die Haupthalle und zum Museumseingang. Er verweilte kurz neben dem gereckten, skelettierten Hals eines Diplodokus, um im Schein der Lampe seine Taschenuhr zu lesen, so wie in jeder vorangegangenen Nacht, fünf Minuten, nachdem er seinen Gang begonnen hatte – pünktlich wie ein Uhrwerk.
  Er sah auf. Der Strahl seiner Lampe traf direkt in das Innere der Augenhöhle eines Giganten. Der glotzte teilnahmslos direkt auf den Museumseingang, um dort täglich 20.000 Besucher unter dem Torbogen hervorkommen zu sehen.
  Alfred hörte Metall an Metall schlagen, bemerkte aus dem Augenwinkel einen Lichtschimmer und realisierte zu spät, dass eine der Türen offen stand. Zweifellos war die Tür zuvor verschlossen gewesen. Es war stets das Erste, was er bei Dienstantritt tat. Falls einer der Wissenschaftler oder Katalogisierer noch zu nächtlicher Zeit arbeitete und auch erst zu später Stunde das Museum verließ, schloss Alfred stets eigenhändig für sie auf – und verriegelte die Tür sogleich wieder hinter ihnen.
  Nein, er hatte keinen Zweifel, dass hier etwas nicht in Ordnung war. Er durchschritt die Tür und konnte sogleich erkennen, dass sie aufgebrochen wurde.
  Das Geräusch von berstendem Glas schallte von einer der oberen Galerien durch die Museumshalle. Da lief ganz eindeutig etwas gehörig schief! Zum ersten Mal seit sechsunddreißig Jahren wurde er von seinem Museum gebraucht.
  Der Wachmann watschelte geschwind von der Tür aus durch die Eingangshalle und flog geradezu an dem fünfundzwanzig Meter langen Diplodokus vorbei auf die Haupttreppe zu. Dort angelangt, warf er einen raschen Blick über seine Schulter, direkt in den Schlund des gewaltigen Gewölbes zum ersten Stockwerk, in das der prunkvolle Treppenaufgang führte. Über ihm hüpften geschnitzte Affen in den oberen Teilen der Rundbögen hinauf in die Dunkelheit, mitten hinein in das mit Schnörkeln verzierte, eiserne Dachgebälk.
  Definitiv kam der Lärm aus der Galerie, gleich dort, wo auch die privaten Büros des Museumspersonals lagen. Eine Hand auf der polierten Steinbalustrade tat Alfred Wentwhistle einen tiefen Atemzug und erklomm die Stufen – immer zwei auf einmal. Auf dem ersten Absatz, unter dem strengen, bronzenen Blick von Sir Richard Owen, wandte er sich nach rechts. Er eilte die Galerie parallel zur Eingangshalle entlang, passierte ausgestopfte Dreifinger-Faultiere und die drapierten Skelette von prähistorischen Meeresreptilien und sprang den dritten Treppenabsatz hinauf. Völlig außer Atem nahm er sich einen Moment, um zu verschnaufen. Er spitzte die Ohren, um auszumachen, von woher genau das Geräusch gekommen war. Plötzlich tönte ein Krachen durch die verhältnismäßige Stille des schlafenden Museums, als wenn ein Tisch umgestoßen würde. Der Lärm kam von irgendwoher aus diesem Stockwerk, aus dem westlichen Flügel, der allein Darwin zustand.
  Alfred wandte sich den Galerien zu und lief unter einem geschnitzten Bogengang hindurch, auf dem ›Der Aufstieg des Menschen‹ geschrieben stand. Er beschleunigte seine Schritte, als er die mondbeschienene Galerie betrat, in der sich einige aus Wachs gefertigte Nachbildungen der zahlreichen Vorfahren des Menschen befanden. Für alle Zeiten starr und in den buckeligsten Posen, konnte man hier die verschiedenen Arten bestaunen, vom Australopithecus afarensis bis zum Homo Neanderthalensis. Der schweifende Strahl der Lampe wurde von gebleckten Zähnen, verzerrten Mäulern, gläsernen Knopfaugen und schwarzgeränderten Feuersteinklingen zurückgeworfen.
  In jeder anderen Nacht hätte Alfred innegehalten, um durch die Musterstücke und die dazugehörigen Erklärungen zu schmökern, die den Besucher durch die Evolution vom primitiven Affenmenschen bis hin zur Entwicklung des denkenden Menschen führten. Er wäre ebenso fasziniert und verblüfft gewesen wie damals, als er das erste Mal ›Die Entstehung der Arten‹ gelesen hatte; die unglaubliche Geschichte über den Aufstieg der menschlichen Rasse, um die mächtigste und am meisten verbreitete Spezies der Welt – und darüber hinaus – zu werden.
  Als Charles Darwin die Entstehung der Arten erklärte, ihre natürliche Selektion und das Überleben des Stärkeren, wurde er zuerst von den weltbesten wissenschaftlichen Gehirnen jener Tage verspottet und als Scharlatan und Ketzer dafür denunziert, dass er sich gegen die einst weltweit verbreitete christliche Kirche und deren Kernglauben aussprach, dass allein Gott sowohl alles Leben, als auch die schlussendliche Version der Welt am Anbeginn der Zeit erschaffen hatte.
  Mit der Wiederentdeckung der verlorenen Welten in den Tiefen des kongolesischen Dschungels, oberhalb des Tafelbergplateaus des südamerikanischen Binnenlandes und auf halbversunkenen Inseln inmitten des indischen Ozeans, traten jedoch auch Andere – viele davon Männer der Kirche – zum Vorschein, um Darwins Behauptungen erneut anzufechten. Lautstark untermauerten sie die Annahme, dass die Theorie von der Entwicklung einer Spezies in eine völlig andere haarsträubend und aberwitzig war, schließlich existierten Dinosaurier und andere prähistorische Kreaturen ja immerhin bis in die gegenwärtige Zeit. Und diese tosende Debatte hielt sich hartnäckig und zornig – wie eh und je – unermüdlich über viele Jahrzehnte.
  Doch mehr als einhundert Jahre nach seinem Tod wurde Darwin dann posthum von allen Anschuldigungen der bestialischen Ketzerei und wissenschaftlichen Idiotie entlastet und zu jenem Punkt erhoben, an dem man ihn praktisch als den Vater des Wissenschaftszweiges der Evolutionsbiologie vergötterte, und so erhielt er einen eigenen Flügel im Natural History Museum; seinen Fortschritten und Entdeckungen gewidmet, die er seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1859 machte. Tatsächlich arbeiteten Wissenschaftler bis heute in diesem Fachgebiet, wie die Professoren Galapagos und Crichton.
  Bei mehreren vorangegangenen Gelegenheiten hatte Alfred Wentwhistle so manche Zeit durch das Anstarren seiner Vorfahren vertrödelt, während sich sein Antlitz im Glas der Vitrine spiegelte, die eingesunkenen Augen von den ausgeprägten Brauen überdeckt. In solchen Augenblicken wunderte er sich über Darwins Vermächtnis für die menschliche Rasse und welche Implikation eine solch anerkannte Theorie wohl für Ihre Majestät, Königin Victoria, gehabt haben mochte, da doch durch diese Hypothese vorausgesetzt wurde, dass die britische Monarchin ebenfalls vom urzeitlichen Affenmenschen abstammte.
  Der vertraute Geruch von Kampfer und Bodenpolitur drang durch Alfreds Nasenhaare. Mondlicht tauchte die Galerie in ein monochromes Licht und enthüllte die grauen Umrisse von ausgestellten Säugetieren, Reptilien und Amphibien, die so angeordnet waren, dass sie deutlich den Evolutionsweg des Menschen aufzeigten, von dem Moment an, da sie aus dem steinzeitlichen Morast gekrochen kamen, bis zum heutigen Tage, an dem er den Globus dominierte. Der Mensch als die herrschende Rasse, welche die Erde und die näheren Planeten des Sonnensystems beinahe vollständig bevölkerte.
  Angrenzend an diese Galerie befanden sich die Arbeitsbereiche der Wissenschaftler. Eine große Anzahl von Türen auf jeder Seite erstreckte sich vor Alfred und auf jeder einzelnen befand sich ein Messingschildchen mit den Namen wichtiger Menschen.
  Alfred konnte nun klar und deutlich die Geräusche einer Auseinandersetzung hören. Im Strahl seiner Taschenlampe sah er Glasstücke auf dem Boden glitzern wie Wolfsmilch an einem ersten Wintermorgen. Der flackernde Schein einer elektrischen Lampe schien von einem Büroraum in die Galerie, bis es plötzlich erlosch. Da erklang das brachiale Bersten von noch mehr Glas und umstürzenden Möbeln. Am nächsten Morgen würde er Mrs. Wentwhistle bei Ei und Speck sicherlich eine äußerst dramatische Geschichte erzählen können, dachte Alfred plötzlich unpassenderweise.
  Als der Wachmann sich dem Büro näherte, fielen ihm schwache Rauchfähnchen oder eine Art Gas auf, die unter dem Türspalt hervorsickerten. Ein Geruch – ähnlich dem von Anis mit einer unerquicklichen Note verrotteten Fleisches – machte sich breit und ließ ihn die Nase rümpfen.
  Mit einem Mal brach die Tür auf. Es hagelte Glasstücke in die Galerie, die gegen die Schaukästen prasselten. Eine männliche Gestalt sprang aus dem Büro, prallte gegen den in die Jahre gekommenen Nachtwächter und stürzte zu Boden. Alfred taumelte zurück und konnte rein gar nichts dagegen tun, dass er in die Szene einer Familie wächserner Neandertaler stolperte, die um ein lebloses Feuer kauerte. Die Taschenlampe glitt ihm aus der Hand. Ihr Strahl erstarb.
  »Sie da! Was glauben Sie eigentlich, was Sie da tun!« Alfred schaffte es gerade noch, dem Eindringling hinterherzurufen, bevor dieser sich aufrappelte und mit einem Satz in die Galerie sprang. Er hielt etwas in seinen Armen, das von Umriss und Größe her einem Umzugskarton glich. Bevor Alfred wieder auf die Beine kommen konnte, war er bereits verschwunden.
  Alfreds Herz raste, hämmerte in seiner Brust. In all den sechsunddreißig Jahren hatte er so etwas noch nicht erlebt. Adrenalin durchflutete seinen Körper und er hätte beinahe die Verfolgung aufgenommen und die Bobbys zur Unterstützung gerufen, als ihm bewusst wurde, dass der Dieb sich ja nicht allein in dem Büro aufgehalten hatte. Alfred hatte mehr als eine Stimme ausmachen können, deren Tonfall bei seinem Näherkommen immer ärgerlicher wurde, und er hatte eindeutige Anzeichen einer Auseinandersetzung wahrgenommen.
  Behutsam näherte er sich dem Zugang zum Büro. Der ranzige Dunst hatte sich fast verflüchtigt. Alfreds Schuhsohlen zermahlten zerbrochene Glassplitter. Innerhalb des stockfinsteren Büros hörte er ein raues Atmen, das an das Schnauben eines Tieres erinnerte. Dann, plötzlich, war es still.
  Alfred tat noch einen Schritt nach vorn. »Was in drei Teufels Namen …«, war alles, was er hervorbrachte, bevor eine Explosion aus Glassplittern und geborstenem Holz auf ihn niederging und die Tür aus ihren Angeln gerissen wurde. Der Nachtwächter konnte gerade noch vor Schmerz aufjaulen, als kleine Glasstückchen ihm ins Gesicht und die Hände schnitten, die er zum Schutz erhoben hatte, und bevor ein klobiger Schatten massiver dunkler Muskelmasse über ihn kam. Er bekam für einen Augenblick einen Eindruck von dickem, verfilztem Haar und scharfen, viehischen Ausdünstungen – da war er wieder, der widerliche Geruch nach Anis, gemischt mit einer ekelerregenden Note verrotteten Fleisches – breiten Schultern und einer plumpen Nase, die tief zwischen den Schultern in einem scheinbar halslosen Kopf saß. Silbrig, wie ein Blitz, brach sich das Mondlicht in etwas, das dem Ding um den Nacken baumelte. Alfred hatte so etwas noch nie gesehen – niemals in all den Jahren.
  Dann attackierte ihn die affenähnliche Kreatur, die Zähne zu einem animalischen Schrei entblößt, mit ohrenbetäubendem Brüllen, das seine Ohren förmlich bluten ließ, und Fäusten gleich Vorschlaghämmern, die auf ihn eindroschen.
  Geschwächt hob Alfred seine Arme, um sich zu schützen, doch es gab nichts, was er gegen die rohe Gewalt dieses Untieres tun konnte. Es griff seinen Kopf so gewalttätig bei den Haaren, dass er spürte, wie ganze Büschel aus seiner Kopfhaut gerissen wurden. Dann, mit einer einzigen ruckartigen Bewegung, zertrümmerte die aufgebrachte Bestie seinen Schädel an einem Schaukasten. Bereits mit dem zweiten Hieb zerbarst das Glas der Vitrine und die Welt von Alfred Wentwhistle explodierte in eine dunkle Vergessenheit.