TRINITY: PRELUDE

2,51 

Nika S. Daveron

THRILLER

Band 1
Serie: Trinity

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Beschreibung


Moskau 1979. Der Kalte Krieg hält die Welt in Atem und KGB und CIA liefern sich geheime Gefechte im Untergrund.

Zinaida Romanowa wächst ohne Mutter unter der wachsamen Hand ihres Ziehvaters Alexej in die Rolle als Top-Agentin des KGB hinein und ist eigentlich zufrieden mit ihrer Welt. Das ändert sich schlagartig, als sie bei einer Mission auf den CIA-Agenten Gene Turner trifft, der nicht nur brisante Informationen bezüglich ihrer Mutter besitzt, sondern ihr auch offenbart, dass sie künftig auf der Hut sein muss – denn sie ist unwissend Teil eines geheimen Testprojekts: Trinity.

Bald findet Zinaida heraus, dass sie niemandem trauen kann. Nicht dem KGB und nicht ihrem Ziehvater, der in zwielichtige Machenschaften verwickelt ist.

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 120

eISBN

978-3-95835-164-6

Leseprobe


30. Mai 1979 UdSSR – Moskau Selenograd

 

Wann immer Zinaida an diesen Tag zurückdachte, kam er ihr unwirklich vor. Unrecht beinahe, weil man sie an einen besseren Ort gebracht hatte, statt sie dafür zu bestrafen, was mit Leonid Sergejewitsch Kozlow geschehen war.
Sie hatte nie erfahren, was aus ihrem ehemaligen Widersacher geworden war, und Alexej, der ihr sonst als väterlicher Freund zur Seite stand, hielt sich unglaublich bedeckt, wann immer sie versuchte, ihm etwas zu entlocken.
Und manchmal, wenn sie nicht darauf vorbereitet war, kehrte die Erinnerung wie ein unvermittelter Schlag gegen den Hinterkopf zurück. So wie jetzt. Die Gewissensbisse wurden dann wieder lebendig. Manchmal malte sie sich aus, wie Leonid nun aussah. Vielleicht gehandicapt durch die schwere Verletzung? Oder war er gar tot? Mittlerweile wusste sie zwar, dass ein Milzriss nicht lebensbedrohlich sein musste, allerdings glaubte sie nicht, dass sich das Waisenhaus sonderlich gut um seine Verletzungen gekümmert hatte.
Sie schüttelte den trüben Gedanken ab, der ihr nur im Weg stand. Zinaida hatte einen Auftrag und der entschied über ihren weiteren Werdegang beim KGB. Schließlich war es unmöglich, sich als KGB-Agent zu bewerben. Man wurde es, wenn der KGB das wollte.
Der belebte Platz war überschaubar von ihrer Bank aus. Zinaida trug einen luftigen Mantel, der sie vor dem Wind schützte und genug von ihr verbarg, während sie den Platz im Auge behielt. Rechts von ihr lag der Eingang zum Park, links von ihr ein paar Läden und eine Schule. Gegenüber befand sich ein großes Kaufhaus, hinter dem die Hochhäuser der Anwohner lagen. Hässliche Klötze, die alle aus demselben Guss zu kommen schienen.
Zinaida rutschte unruhig auf der Bank umher und wartete. Mit Warten hatte sie so ihre Probleme, sie war zu einer impulsiven Person herangewachsen; immer rast- und ruhelos. Warten! Wie das schon klang. Verschwenderisch. Sie hasste ungenutzte Zeit. Sicher, man sah ihrem schmalen Gesicht niemals an, was sie dachte, doch ihr knabenhaftes Äußeres verriet sie als aktive Person, die in ihrer Freizeit schwamm, lief und mit den Männern beim Kampfsporttraining raufte. Ihre blonden Haare waren nur wenig länger als an dem Tag im Waisenhaus. Lediglich ihre Perlenohrringe verrieten einen Hauch Weiblichkeit. Und die großen, beinahe schwarzen Augen mit den geschwungenen Wimpernkränzen.
Zinaida nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und wandte sich dann wieder dem Platz zu. Irgendwo hier mussten mindestens noch zwei der Anwärter für die Prüfung als KGB-Agent sein. Anschließend hätten sie alle einen offiziellen militärischen Rang und wäre damit Unteroffizier des Komitees für Staatssicherheit.
Wladimir kannte sie seit Jahren, er war im Jahrgang über ihr an der Kadettenschule gewesen, und nach verpatzter Prüfung war das hier seine letzte Chance.
In der Regel waren diese Tests gestellt. Aber man konnte nie wissen, wann sie doch einmal ernst waren, sodass alle Unteroffiziersanwärter sich hüteten, ihnen nicht genug Bedeutung zuzumessen oder gar zögerlich zu handeln. Das kostete einen im besten Fall die Karriere, im schlechtesten Fall das Leben.
Die zweite Person hatte Zinaida nur kurz gesehen, sie hatte seinen Namen auch schon wieder vergessen, aber sein Gesicht hätte sie jederzeit wiedererkannt: Ein junger Mann aus Kiew, Locken, große Augen. Jemand, der nicht nach KGB aussah. Gutmütiges Gesicht und filigrane Hände. Vor allem die Hände waren Zinaida aufgefallen. Sie waren schlank und gepflegt. So jemand war ihr noch nie begegnet.
Wladimir trat aus einem der Geschäfte am Vorplatz. Größer als die meisten Menschen, ein Bulle von Kerl, ein bisschen einfältig wirkend, aber davon hatte Zinaida sich nie täuschen lassen. Er war klug. Nur war er auch ungeschickt, das hatte ihn auch beim letzten Mal wertvolle Punkte gekostet.
Wladimir stand neben der Auslage eines Souvenirgeschäfts und hatte sich den Postkarten zugewandt.
Zinaida fand das Bild so albern, dass sie schmunzelte. Wer würde denn Wladimir abnehmen, dass er seinen Liebsten daheim Postkarten schrieb. Das gab Abzug, dessen war sie sich sicher. Alexej sagte nicht umsonst, dass sich jeder unbedingt natürlich verhalten sollte, einem Klischee entsprechend, welches er für den Moment darstellte. Und der postkartenschreibende Muskelberg war kein Klischee.
Amüsiert schlug sie die Beine übereinander und hielt Ausschau nach dem namenlosen Anwärter, der ihr noch immer ein wenig Kopfzerbrechen bereitete. War er gut? War sie vielleicht am Ende auf sich allein gestellt?
Zinaida griff zu dem Buch, das neben ihr auf der Bank lag. Jemand, der achtlos an ihr vorüberging, konnte nicht sehen, was es mit dem Buch auf sich hatte, denn es wirkte auf den ersten Blick völlig normal. Der mittlere Teil jedoch enthielt nicht den Text des schnulzigen Liebesromans, den der Klappentext anpries, sondern eine detailgenaue Beschreibung ihrer Ziele.
Zwei Männer. Einer gebürtig aus Moskau. Der andere aus Washington. Namen waren Schall und Rauch, beide hatten eine Menge davon. Der Amerikaner nannte sich derzeit Alec Donnovan. Der Name des Russen war nicht bekannt. Keine Klarnamen, nur Decknamen. Wahrscheinlich verschiedene Pässe.
Zinaida seufzte. Die waren anstrengend, Meister der Tarnung, schon seit einer ganzen Weile in der Sowjetunion und damit schwer zu fassen. Paranoid bis zum Erbrechen, so hatte Alexej gesagt. Das galt zumindest für den Russen. Der Amerikaner war gut. Anfang 40. Schon lange im Dienst der CIA. Eine Menge Auslandserfahrung. Schon seit drei Jahren auf der Fahndungsliste des KGB und der GRU. Weit oben.
Zinaida war sich nicht sicher, ob das hier Lüge oder Wahrheit darstellen sollte. Sie wusste, dass es bei allen Unteroffiziersanwärtern ein viel diskutiertes Thema war, doch sie musste die Gruppe rund um Pjotr Sacharow, der für diese Art von Abschlussprüfung zuständig war, wirklich bewundern. Sein Einfallsreichtum bescherte den Prüflingen stets ein paar schlaflose Nächte.
Der namenlose Mann aus Kiew trat auf den Plan. Er schlenderte gemütlich aus dem Eingang des Einkaufszentrums, steckte sich eine Zigarette an und blieb stehen, als genieße er die Frühlingsluft. Das passte deutlich besser als Wladimir, der immer noch die Postkarten befummelte.
Zinaida stand auf, steckte das Buch zurück in ihre Handtasche und ging mit raschen Schritten auf ihn zu. Zwei junge Frauen kreuzten ihren Weg, sodass Zinaida stehenbleiben musste. Ärgerlich sah sie ihnen nach, ganz wie die versnobte, reiche Dame, die sie derzeit darstellte. Ihr Mantel war teurer als alles, was sie bisher in ihrem Leben getragen hatte.
»Hallo, Liebling«, sagte sie fröhlich und küsste den Fremden auf die Wange. Sie war so glatt, wie sie aussah.
Er erwiderte ihren Kuss nicht, aber er deutete auf seine Zigarette. »Schatz, lass mich bitte zu Ende rauchen, bevor wir nach drinnen gehen. Ich hasse es, im Laufen zu rauchen.«
»Du bist unpünktlich«, schalt sie ihn. »Wir waren für drei Uhr verabredet.«
Ein Gespräch, wie es sich täglich auf der Welt ereignete. Zinaida fragte sich manchmal, ob sie jemals wieder in normalen Bahnen denken können würde. Wahrscheinlich gehörte das dazu, wenn man beim KGB im Außeneinsatz war.
Der Namenlose schnippte seine Zigarette fort. »Gehen wir. Wie ich dich kenne, werden wir hier Stunden verbringen, und je früher ich es hinter mir habe, desto besser.«
Zinaida hakte sich bei ihm ein und beugte sich hinüber zu seinem Ohr. »Wie heißt du?«
»Jakob.«
Sie nickte leicht und schloss für einen Moment die Augen, denn das Innere des Einkaufszentrums war nur schummerig beleuchtet und wenn man von draußen aus der hellen Frühlingssonne kam, dann hatte man alle Mühe, überhaupt etwas zu erkennen.
Ein winziger Stand mit Früchten lockte dutzende Kunden heran. Mit Megafon ausgestattet, pries der Verkäufer Früchte aus China an, die angeblich gegen sämtliche Krankheiten und Gebrechen halfen.
Zinaida beschleunigte ihren Schritt. Mit einer solchen Geräuschkulisse im Rücken war es nicht einfach, aufmerksam zu lauschen.
Schaufenster reihte sich an Schaufenster, Schuhe, Kleider, eine Apotheke, ein Bäcker. Ein Rekrutierungsstand der Roten Armee mit Plakaten.
Zinaida steuerte das Schaufenster mit den Schuhen an und Jakob ließ sich darauf ein. Er war ein angenehmer Partner, der unverfänglich plauderte. Er hätte einen guten Schauspieler abgegeben, allein schon, weil sein Äußeres so harmlos war, dass sie sich an seiner Seite gleich doppelt so sicher fühlte. Für aufgeflogene Tarnung gab es nämlich Abzüge.
In der Spiegelung des Schaufensters erkannte sie für einen kurzen Moment Wladimir, der prompt von den Kerlen am Rekrutierungsstand angesprochen wurde.
»Ich mag diesen Ort nicht«, sagte Jakob leise. »Zu viele Menschen. Zu viele Ausgänge.«
Zinaida nickte. Aber die Anweisung war klar. Beide Männer betrieben hier eine Art Geschäft. Zinaida wusste nicht welches, doch sie hatte Fotos von den Lieferungen gesehen. Riesige Kisten. Was mochte da wohl drin sein?
Alexej hatte sie gewarnt. Niemand konnte garantieren, dass beide Männer heute da waren. Es gab keine Regelmäßigkeiten, die sich analysieren ließen. Zinaida hoffte, dass sie Glück hatte, denn sie konnte sich nicht vorstellen, die Prüfung zu bestehen, wenn einfach gar nichts geschah.
Wladimir war mittlerweile in ein Gespräch mit den beiden Männern vom Rekrutierungsstand vertieft, während Jakob nach rechts deutete. »Sie beliefern die Apotheke.«
Hatte er andere Anweisungen als Zinaida? Davon wusste sie nichts. Oder gab man den Anwärtern unterschiedliche Informationen, die sie einander zuspielen mussten?
Laut Zinaidas Buch waren diese Männer hin und wieder dabei beobachtet worden, wie sie nach Ladenschluss das Einkaufszentrum betraten. Sie brachten Kisten mit unbekanntem Inhalt dorthin.
Was drinnen geschah, hatte man nicht ermitteln können und wollen, um die CIA-Agenten nicht aufzuscheuchen. Am Tag hatte man ebenfalls nichts Genaueres beobachten können, denn sie brachten die Kisten in einen Lagerraum, der von vielen Läden benutzt wurde. Wer die Kisten schließlich an sich nahm, war nicht herauszufinden, denn der Zutritt zum Lagerraum war bewacht.
»Woher weißt du das?«, wisperte sie, während sie auf ein besonders hässliches Paar Schuhe deutete.
»Ich sehe eine der Kisten.«
Zinaida widerstand dem Impuls, sich sofort umzudrehen, und musste Jakob in diesem Moment vertrauen. Wenn er eine der Kisten von den Fotos erblickt hatte, musste das wohl so sein. Auch das gehörte dazu.
Eine Gruppe Schüler rauschte schnatternd hinter ihnen vorbei und Zinaida verlor Wladimir aus den Augen. Als die Jugendlichen fort waren, musste sie feststellen, dass er die beiden Kerle von der Roten Armee abgeschüttelt hatte und nun vor der Apotheke stand.
Zinaidas Gedanken rasten. Es wäre auffällig, die Apotheke ohne Grund zu betreten, während Wladimir selbst dort war. Jemand könnte misstrauisch werden, drei so ungleiche Gestalten dort anzutreffen.
Sie umklammerte Jakobs Arm fester, was ihn zusammenzucken ließ. Zinaida zwinkerte ihm zu und ließ sich nach hinten taumeln. Obwohl sie Jakob nicht kannte, wusste sie, dass er mitspielen würde. Dafür war er genau der Richtige.
Er fing sie buchstäblich im letzten Moment auf, setzte ein theatralisch fragendes »Liebling?« nach und ließ sie dann zu Boden sinken.
Zwei ältere Damen machten erschrocken einen Bogen um sie, während Zinaida mit flatternden Augenlidern und durchgestrecktem Rücken in Richtung Apotheke starrte, die nun allerdings auf dem Kopf stand.
Jakob sah sich um, rief sogar nach einem Arzt, doch nur ein alter Mann blieb neben ihnen stehen und bot Hilfe an.
»Können Sie mir helfen?«, flehte Jakob regelrecht. Zinaida musste gegen ein Lachen ankämpfen. Er war wirklich gut.
»Da drüben ist eine Apotheke«, sagte der Bärtige mit dem schicken Mantel. »Die können ihr sicher helfen.« Zinaida stieß einen dramatischen Seufzer aus und ließ sich von den beiden Männern hochheben, während sie mit zittrigen Beinen versuchte, ihren Weg zur Apotheke zu finden.
Die Glastür schwang auf, Wladimir hielt sie und dann waren sie in der Apotheke und sahen sich um, während Jakob sich überschwänglich bei dem Alten bedankte und ihn gleichzeitig bestimmt fortschickte.
»Gehen Sie vor«, sagte Wladimir und deutete zum Tresen, hinter dem der Apotheker ganz weiß im Gesicht geworden war. Warum?
Zinaida musterte ihn unter halbgeschlossenen Lidern und konnte seine Angst beinahe riechen.
Die Glastür schwang zu, Jakob bat den Apotheker um ein Glas Wasser und der Mann drehte ihnen den Rücken zu und verschwand im Hinterzimmer seiner Apotheke. Zinaida konnte ihr Herz schlagen hören, während sie an Jakobs Schulter gelehnt dastand und den unschönen Raum mit Linoleumboden auf sich wirken ließ. Was geschah hier?
Zinaida konnte das Unheil beinahe kommen sehen, plötzlich war der Apotheker wieder da, in den Händen kein Glas Wasser, sondern eine Kalaschnikow und er richtete sie auf Zinaida. Der erste Schuss traf ihre rechte Schulter, sie wurde von Jakob zu Boden gerissen, doch der Schmerz blieb aus. Hinter ihr barst die Scheibe der Apothekentür. Zinaida wusste von Alexej, dass es einem manchmal in den ersten Sekunden nach einer Verletzung so ging, dass man gar nichts fühlte. Sie war auch nie so schwer verletzt gewesen, aber merkte jetzt bereits, dass das Blut durch ihren Mantel sickerte.
Wladimir hatte seine Makarov gezogen und feuerte nun auf den Apotheker, der sich in das Hinterzimmer zurückzog.
Als sie sich aufrappelte, blickte sie in Jakobs Augen. »Alles in Ordnung?«, fragte er.
Sie nickte. Es war wirklich alles in Ordnung, mochte das auch noch so merkwürdig klingen. Sie fühlte nichts, als sie ihren linken Arm unter den Mantel schob und die Pistole zückte.
Im Hinterzimmer rumpelte es, Wladimir stieß die Tür zum Tresen auf und nahm die Verfolgung auf, Zinaida sprang auf und stürmte hinterher.
»Stehenbleiben!«, hörte sie Wladimirs tiefen Bass, wieder Schüsse, und es wurde dunkel im Gang zum Hinterzimmer. Überall roch es nach Salben und Kräutern. Es klirrte und zischte, dann packte jemand Zinaida am Hals und presste sie hart gegen die Holzvertäfelung des Flurs.
Zinaida keuchte erschrocken, warf sich herum und gab dem Angreifer einen Stoß mit ihrer verletzten Schulter. Schmerz durchzuckte sie von Kopf bis Fuß, aber der Angreifer geriet ins Wanken und nach einem beherzten Schlag in Richtung Kopf ließ er sie vollends los und stürzte zu Boden. Die Lichter gingen wieder an. Zinaida erblickte einen jungen Mann, vielleicht ein wenig älter als sie selbst. Gut gekleidet und garantiert nicht zu den Männern gehörend, deren Fotos in ihrem Buch zu sehen gewesen waren.
Seine dunklen Augen blickten verwirrt von rechts nach links. Das Schild auf seiner Brust verriet ihn als Apothekenangestellten. Auch das noch, sie hatte einen Zivilisten angegriffen! Das gab Abzug.
»Stehen Sie auf«, befahl Zinaida. »Und verschwinden Sie von hier.« Der Angestellte kam nur schwer auf die Beine, sie musste ihn ziemlich hart getroffen haben, denn auf seinem Gesicht zeichneten sich bereits die ersten Anzeichen für ein blaues Auge ab.
Sie reichte ihm die Hand, um ihn hochzuziehen, er ergriff sie, und Zinaida fühlte ein Stück Papier zwischen seinen Fingern, das er ihr zuschob. Dann rannte er, wie von der Tarantel gestochen davon, die Tür hinaus und verschwand irgendwo im Verkaufsraum der Apotheke.
Hastig stopfte sie das Papier in die Tasche und lief los. Sie musste Wladimir einholen. Und Jakob … obwohl, wo war der eigentlich?
Den schmerzenden Arm dicht an den Körper gepresst lief sie weiter durch den engen Flur und erreichte den Lagerraum, der in einem geschlossenen Rolltor mündete. Der Raum war voller Holzkisten und es herrschte mit einem Mal eine gespenstische Stille. Die Schüsse hatten aufgehört.
Instinktiv warf sich Zinaida zur Seite. Das losdonnernde Tak-tak-tak einer Kalaschnikow machte sie für einen Moment vollkommen taub.
Zinaida kauerte hinter einer Kiste und wartete ab. Sie hörte das Klicken der Waffe. Leer …
Sie witterte ihre Chance und sprang aus dem Versteck hervor. Der vermeintliche Apotheker ließ die Kalaschnikow fallen und zerrte an einer Waffe in seinem Hosenbund, doch Zinaida war schneller, ihre Kugel traf seine Hand, und sein Schmerzensschrei zerriss die angespannte Stille.
Wladimir kroch aus seinem Versteck und packte den Mann an den Schultern.
Scheiße, warum hatte sie ihn nicht gleich erkannt? Jetzt, wo ihm seine Brille von der Nase gerutscht war, war er zwar nicht identisch mit der Fotografie, denn er hatte sich die Haare wachsen lassen, aber es war der Russe auf dem Bild.
Sie hörte ein Geräusch hinter sich und fuhr herum. Die Welt schien sich für einen Sekundenbruchteil langsamer zu drehen, als Zinaida einen zweiten Mann ins Visier nahm und schoss. Die Kugel streifte ihn am Oberarm, eine zischte an ihr vorbei.
Zinaida ließ sich fallen, ein Stöhnen entwich ihrer Kehle, als sie auf dem verwundeten Arm landete, doch sie rappelte sich wieder auf und kroch vorwärts, während sie den Amerikaner fluchen hörte. Zwischen den Kisten konnte sie sehen, dass er in die Knie ging, die Pistole fiel ihm aus der Hand. Blut tropfte auf den kalten Boden des Lagerraums.
Blitzschnell war Zinaida wieder auf den Beinen, übersprang die erste Kiste und hielt dem Fremden ihre Makarov vor die Stirn.
»Guten Tag«, sagte sie auf Englisch.
»Guten Tag«, knurrte der Mann.