TILOUMIO – EIN DUNKLES GEHEIMNIS

4,99 

Maari Skog

Thriller

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Beschreibung


Um den Erinnerungen an seine von Gewalt geprägte Kindheit zu entkommen, flüchtet Aaron in die Wildnis Schwedens.
Dort wird er von einem Mann gejagt, der, wie sich herausstellt, in Verbindung mit seinen gewalttätigen Stiefeltern und insbesondere mit seiner jüngerer Halbschwester Turia zu stehen scheint. Aaron gelingt es nur knapp, dem Mordanschlag zu entgehen. Von Sorge und Angst getrieben, versucht er verzweifelt, Turia zu erreichen, jedoch ohne Erfolg.
Doch dann erhält er unerwartet Hilfe von dem Saisonarbeiter Pascal, einem unerschrockenen Draufgänger, dem kein Wagnis zu groß scheint.
Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach Westnorwegen, um Turia aus ihrem Martyrium zu befreien, und flüchten letztendlich nach Deutschland in Pascals einsam gelegenes Haus.
Mit der Zeit erfährt Aaron, dass Turia weit Schlimmeres in seiner Abwesenheit durchlebt haben muss, als er sich eingestehen will. Und als sich dann auch noch Pascals Verhalten ändert, wird ihm klar, dass die angebliche Sicherheit in dem abgeschiedenen Haus trügerisch ist …

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2017

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 400

ISBN

978-3-95835-261-2

eISBN

978-3-95835-262-9

Leseprobe


Es ist stockdunkel. Und irgendwo in dieser Dunkelheit wartet seine Überraschung, so wie sie es ihm gesagt haben. Sein Geruchssinn verrät ihm, dass er nicht allein ist. Die Luft ist stickig und angstgeschwängert. Es ist die Art Luft, die ihm vertraut ist. Doch jetzt ist in ihr eine Nuance enthalten, die er nicht kennt. Ein künstliches Aphrodisiakum vielleicht, oder eine bestimmte Aura, die von Angst zeugt.
Er tastet sich langsam vor und kommt sich plötzlich so lächerlich vor wie beim Blinde-Kuh-Spiel, das er früher in der Schule spielen musste. Ein dummes Spiel, bei dem die anderen Kinder ihn gezwungen hatten, eine erbärmliche Tiermaske aufzusetzen, um blind ein paar Gegenstände zu ertasten, und natürlich … ihm hatten sie eine Nacktschnecke in die Hände gedrückt. Wie er die kleinen Weiber mit ihrem dämlichen Gekicher in seiner Klasse dafür gehasst hatte.
Doch das ist lange vorbei, und er beginnt sich wieder auf das zu konzentrieren, was irgendwo vor ihm ist. Zusammen mit ihm, ganz allein.
Das Nachtsichtgerät ist ihm verboten worden, angeblich, weil er sich so mehr über die Überraschung freuen würde. Er weiß aber nicht, ob er sich wirklich freuen soll. Er hat eher das Gefühl, das sie ihm mit der Freude, die sie ihm machen wollen, zu viel zumuten. Trotzdem tastet er sich weiter voran, folgt dem Geruch nach Angst und stößt mit den Händen auf einen haarigen Widerstand. Er hört Atemgeräusche. Sie kommen stoßweise, und er spürt den warmen Hauch an seiner Hand, als er das Gesicht unter den Haaren abzutasten beginnt. Er muss sich bemühen, dass sein eigenes Keuchen nicht den Lebenshauch des kleinen Schatzes übertönt, der vor ihm sitzt. Es ist ein Mädchen. Und er weiß auch ganz genau, welches.
Er beißt sich selbst in den Handrücken, um nicht einen Freudenschrei auszustoßen, denn das würde den kleinen Schatz nur erschrecken, und er will nicht, dass sie sich erschreckt. Bemüht darum, seine Hände nicht hektisch werden zu lassen, streicht er dem Kind über das Gesicht, über die Haare und erkundet schließlich den Rest.
Das Mädchen hält die Beine fest umschlungen und vergräbt das Gesicht zwischen den Knien. Es zittert und scheint voller Unverständnis für das, was ihm widerfährt.
Er setzt sich neben die Kleine und ergreift vorsichtig ihre Unterarme. Sie sind kalt und kommen ihm erstaunlich zerbrechlich vor. Es erfolgt kein Versuch, ihn abzuwehren. Nichts dergleichen geschieht. Sie hält den Kopf weiterhin gesenkt. Er lässt ihre Arme los, und sie fallen schlaff zur Seite. Er steht auf und drückt ihre Beine auseinander, ohne dass Gegenwehr erfolgt. Keine Bewegung, nicht einmal ein Schrei oder ein Wimmern. Nichts.
Er beginnt erneut, sie abzutasten. Zuerst das Gesicht, weil er kaum glauben kann, dass es tatsächlich das Mädchen ist, das er bisher für unerreichbar gehalten hat. Unter seinen Berührungen fängt es an zu blinzeln. Das merkt er an den langen Wimpern, die seine Handinnenfläche kitzeln.
Er tastet ihren Oberkörper ab, der ebenso fragil ist, wie die Arme. Es trägt ein Hemd und eine Hose aus dünnem, rauen Stoff, und er kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass auf dem Hemd kleine Herzen gedruckt sind, und dass derjenige, der so einem kleinen Mädchen Hemden mit Herzen kauft, eigentlich liebevoll sein sollte. Dabei weiß er genau, dass es nur so gekleidet ist, weil es für Kinder nichts anderes zum Anziehen gibt, weil die Hersteller davon ausgehen, dass sie nichts anderes verdient haben, als geliebt zu werden. Aber diese Annahme ist ein Trugschluss, sonst wäre sie nicht hier. Sie sind allesamt Prinzessinnen in einer Welt voller Gräuel. Eine Welt, deren hässliches Gesicht mit Herzen übertüncht wird.
Obwohl … er liebt sie doch. Er liebt ihren goldigen Atem, ihre Angst und das Kitzeln ihrer Wimpern. Dieses Mädchen ist anders als die anderen, und deshalb will er mit ihr besonders behutsam umgehen. Sie ist zu klein für all das Schreckliche. Zu jung, und das erfüllt ihn mit Wut. Warum tun sie ihm und ihr das an?
Er streichelt ihr sanft über den Kopf und greift zaghaft in die langen, seidigen Haare. Sie riechen nach einer undefinierbaren Frucht. Ein Gemisch aus Pfirsich und Vanille vielleicht.
Es hebt den Kopf und versucht sich offensichtlich in der Dunkelheit zu orientieren. Vielleicht möchte es ihn ansehen, aber da es stockdunkel ist, hebt es die Hände und tastet nach seinen Armen. Er lässt es gewähren und ist ergriffen von dieser zutraulichen Neugier, die nichts weiter ist, als die Hoffnung, mit ihm auf jemanden gestoßen zu sein, der es aus der Schwärze befreit. Doch den Gefallen kann und will er dem Mädchen nicht tun.
Es gibt einen verzweifelten Laut von sich, bis er begreift, dass es weint, was Gefühle in ihm auslöst, die er noch nie zuvor verspürt hat.
Am liebsten würde er ihr sagen, dass er nichts Böses will und ihr nur beibringen möchte, dass es keinen Zweck hat, sich über irgendetwas auf dieser Welt zu freuen. Er weiß, dass das Leben nicht viel für sie bereithalten wird, und er will sie lehren, sich daran zu gewöhnen. Es ist nur zu ihrem Besten. Doch selbst wenn er ihr das sagen würde, würde sie ihn nicht verstehen.
Du süßes, kleines Ding, denkt er. Wenn ich dir doch nur sagen könnte, dass wir mehr gemeinsam haben, als du glaubst. Ich merke dir an, dass dich niemand lieb hat und dass du verloren bist. Das Einzige, was ich für dich tun kann, ist, dich ein bisschen zu begleiten. Ich werde in Zukunft öfter vorbeikommen.
Das will er wirklich. Die Welle, die in ihm entbrandet ist, will sich nicht zurückziehen. Das Mädchen hat etwas in ihm ausgelöst. Ein Gefühl der Verbundenheit. Sie ist wieder verstummt, und als er sie hochnimmt und an sich drückt, spürt er, dass es keinen Hass, Ekel oder Verachtung in sich trägt, wie bei denen, die ihm sonst zugespielt werden. Bei ihr ist nur Angst und Verwirrung. So wie vor vielen Jahren bei ihm. Die Verbundenheit, die er fühlt, wird bestätigt, indem sie seine Arme um seine Schultern legt und den kleinen Kopf an seinen Hals drückt. Eine Welle der Erregung erfasst ihn, aber sie ist längst nicht so übermächtig, wie die Mitleidswelle, die er für dieses kleine Mädchen verspürt. Deshalb trägt er sie in der Finsternis umher, genießt ihr Zutrauen und denkt darüber nach, was er ihnen sagen wird. Sie werden merken, dass er einen Narren an der Kleinen gefressen hat, und dann muss er verdammt gute Argumente vorbringen, um sie öfter besuchen zu dürfen.
Er weiß nicht mehr, wann er das letzte Mal so ein Glück gehabt hat. Es ist schon so lange her, dass er sich schon daran gewöhnt hat, dass, immer wenn er seine Schicksalskulptur perfektionieren wollte, ein Hindernis kam und sich wie ein Hammer in sein Werk rammte, und die Skulptur wie ein matschiger Haufen Ton in sich zusammenfiel. Aber dieses Glück, was er gerade verspürt, soll nicht zerstört werden. Er überlegt fieberhaft und fragt sich, ob er zum Narren gehalten wird. Hat jemand die Faszination in seinen Augen gesehen? Neulich, als sie zum ersten Mal das riesige Haus betreten hatten und das Kind auf den kalten Fließen des Wohnzimmers spielte. Wahrscheinlich hatte er es ein wenig zu lange angesehen. Denn die Mutter hat es auf den Arm genommen und ins Obergeschoss gebracht, wo es zu weinen anfing. Warum auch immer. Es war das übliche Kinderweinen, in dem aber etwas mitschwang, was ihn hatte wehleidig werden lassen. Es gibt keinen Zweifel. Sie hatten ihm angesehen, dass die Kleine ihn nicht kalt lässt, und wollten ihm eine Überraschung machen. Die Überraschung ist ihnen gelungen, aber zu welchem Preis?
Plötzlich geht die grelle Deckenbeleuchtung an. Das kleine Mädchen macht sich steif und fängt an zu wimmern.
»Ganz ruhig«, sagt er. Er spricht mit ihr in seiner Sprache und weiß, dass sie ihn nicht versteht. Aber zumindest der Tonfall soll sie zur Ruhe bringen. Er mag zwar ihre Angst, aber sie soll nicht daran zerbrechen. Noch nicht.
Die Mutter kommt in den Raum und zerrt ihm das Kind aus den Armen. »Genug jetzt«, giftet sie, und im ersten Augenblick glaubt er, dass sie wütend auf ihn ist. Aber dann registriert er, wie sie dem kleinen Mädchen eine Ohrfeige verpasst und etwas sagt, was er nicht versteht. Er wagt nicht, dazwischen zu gehen. Er kennt die Frau noch nicht gut genug. Nur eines weiß er; sie ist ein Vulkan, und gleichzeitig hat sie einen eisigen Blick. Er mag sie nicht, aber er kann sich nicht erlauben, sie das spüren zu lassen.
Der andere Mann kommt hinzu und da wagt er es, etwas zu sagen. »Sie ist zu jung«, knurrt er kaum verständlich.
»Ihr wird nichts geschehen, falls du das meinst. Aber wir brauchen sie für andere Zwecke.«
Die Antwort reicht ihm fürs Erste. In seinem Kopf schwirren merkwürdige Gefühle und Flausen umher. Obwohl er nicht weiß, ob das wirklich nur Flausen sind. Es sind eher Ideen. Ideen, wie er die Kleine öfter sehen kann. Zumindest das. Er möchte sie sehen, und er will nicht, dass sie irgendwann nur noch eine Erinnerung ist. Dafür ist sie zu wertvoll.
Er weiß auch schon, wie er das anstellen wird.