TIDAL GRAVE

3,99 9,99 

H.E. Goodhue

Horrorthriller

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Beschreibung


Jedes Jahr im Sommer werden die Bewohner von Sunset Island von einer gottlosen Seuche heimgesucht – Touristen.

Ray Weller, den meisten nur als ›Der Kapitän‹ bekannt, bringt mit seiner Fähre diejenigen auf seine geliebte Insel, die er am meisten verachtet. Ray verabscheut die Touristen, verabscheut seinen Job und seinen Spitznamen. Aber bald muss er feststellen, dass Sunset Island durch etwas viel Schlimmeres als Touristen bedroht wird.
Etwas ruht unter der Insel, etwas altes und längst vergessenes. Etwas, das niemals hätte geweckt werden sollen.
Als ein Wirbelsturm Sunset Island vom Festland abschneidet, sind die Einwohner und Touristen gleichermaßen auf der Insel gefangen. Und zu genau jener Zeit steigt etwas aus der Tiefe empor, vor dem sogar die Haie weit ins offene Meer flüchten.
Jetzt muss Ray einen Weg finden, seine geliebte Insel zu retten – und vielleicht sogar ein paar von den Touristen, die er so hasst.


»Tidal Grave – Ihr hättet es nicht wecken dürfen! ist solider Creature-Horror zwischen Kaiju- und Hai-Attacken, schnell, schwarzhumorig, spannend und blutig, ohne das Wühlen im Gekröse und Zerren an den Nerven magen- oder herzbelastend werden zu lassen. [phantastisch lesen]

»Quick and dirty!« [McDuncan, Amazon]


auch hier erhältlich (Auswahl) … AMAZON | THALIA | WELTBILD | HUGENDUBEL | MAYERSCHE | BÜCHER.DE | KOBO

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2015

Format

mobi), Taschenbuch / Ebook (epub

Seiten

180

ISBN

978-3-95835-059-5

eISBN

978-3-95835-054-0

Leseprobe


Ich werde die Fähre versenken. Jawohl, ganz richtig: Ich werde geradewegs ins nächste Boot fahren, das ich sehe … oder noch besser, vielleicht den Kai rammen. Dort ist die Strömung am stärksten. Niemand wird überleben. Jedes Arschloch auf dieser verrosteten Schaluppe wird hinaus aufs Meer und am atlantischen Festlandsockel vorbeigerissen. Das übersteht kein Mensch. Oh ja, ich werde die Fähre definitiv versenken. Heute ist der Tag.
  Das nahm sich Raymond Weller täglich vor, wenn er den Motor der Fähre startete. Ray, den man weithin als „den Kapitän“ kannte, hasste seinen Job und diesen Spitznamen mit jeweils annähernd gleicher Erbitterung. Es lag nicht an der Fähre; sicher, sie war wenig mehr als ein offenes Binnenschiff mit Führerhaus in der Mitte und Platz für ungefähr fünfzehn Autos, wobei es stimmte, dass sie allmählich den Anschein erweckte, mehr Rost als weiße Farbe an sich zu tragen, doch es handelte sich immer noch um ein gutes Boot. Ray wollte bloß nicht Kapitän der Fähre sein, die aufgeblasene Stadtameisen auf Erholungsurlaub von ihren Wolkenkratzerkolonien zur Sunset Island beförderte – zu seiner Insel. Schlimmer noch als solche käseweißen, reichen Säcke waren diese unreifen Typen über dreißig mit ihren dämlichen Klamotten, dicken Brillen und Bärten. Ray hatte gehört, dass Jimmy sie Hipster nannte, er weigerte sich aber, das selbst ebenfalls zu tun. Schließlich gab es nichts, was hip daran war, ein arbeitsloser Penner zu sein. Sie hatten Haare im Gesicht und einen Sprung in der Schüssel, also hielt Ray die Bezeichnung „Bartschnösel“ für angemessen, doch egal wie man sie nannte: Sie waren die Schlimmsten unter dem ganzen Pack. Kohle hatten sie nur dank Mamas und Papas Kreditkarten. Scharenweise zwängten sich diese großen Kinder in ätzende Kisten mit Fahrgemeinschafts-Aufklebern am Heck, weil es offensichtlich nicht cool war, ein eigenes Auto zu besitzen. Nachdem sie berauscht von ihrer Überheblichkeit und weiß-der-Teufel was noch aufgekreuzt waren, fingen sie an, so zu tun, als wären sie mehr wert als jeder andere, und behandelten die Menschen auf der Insel wie Dreck. Diese Wichser betranken sich und stifteten Ärger, angesichts dessen ihre Eltern vor Scham im Erdboden versinken würden. Irgendein Teenagerabschaum war im Sommer vor drei Jahren in die Schlagzeilen gelangt, indem er schlechte Erziehung vorgeschoben hatte, um sich gegen den Vorwurf fahrlässiger Tötung im Rahmen eines alkoholbedingten Unfalls beim Bootsfahren zu verteidigen. Die Lokalpresse hatte etwas von einem Wohlstandssyndrom geschrieben, als seien sie krank oder so etwas, weil sie über Gebühr bevorrechtigt und verwöhnt worden waren. Ray hielt das alles für einen dampfenden Haufen Pferdeäpfel. Unfähige Eltern, Liebesentzug, Regellosigkeit oder was auch immer sonst der kleine Scheißer benutzt hatte, um sich aus der Affäre zu ziehen: Es war nichts weiter als Schmu. Rays Meinung zufolge, gehörte so jemandem eine enge Gefängniszelle verpasst und der Hintern versohlt, doch das war nicht erfolgt. Dafür ließ sich nicht ungeschehen machen, dass drei Familien auf Sunset Island ihre Kinder hatten zu Grabe tragen müssen, während das kleine Monster, welches deren Tod verantwortete, zur Therapie in eine versnobte Klinik gekommen war, um Yoga zu betreiben und verdammt noch mal auf Pferden zu reiten. Oh ja, die großen Kinder waren mit weitem Abstand das Schlimmste am Sommer. Die feinen Pinkel besaßen wenigstens Kohle und Berufe. Diese jungen Flegel hingegen hatten niemals mehr erreicht, als Daddys Geld zu verprassen und auszusehen wie Obdachlose. Ray hoffte, dass viele von ihnen an dem Tag, da er sich endlich dazu durchrang, die Fähre zu versenken, an Bord sein würden.
  Es gab Menschen auf Sunset, die ihn um seine Arbeit beneideten. Er bezog Leistungen von der Stadt und musste nicht raus, wenn das Wasser vereiste. Ray hielt sie für Idioten. Warum hätte er sich dafür verantwortlich zeigen wollen, seine Insel mit genau dem zu füllen, was er verachtete? Mit der Fähre anzudocken und die Touristen an Land gehen zu lassen, kam ihm ein wenig so vor, als legte er sich einen stinkenden Haufen Hundekacke vor die eigene Haustür. Den hätte Ray vielleicht sogar vorgezogen. Obwohl, Hundekacke hatte weder weite Hosentaschen noch dicke Geldbörsen.
  Sunset Island war wenig mehr als ein felsiger Sandhügel, zusammengehalten von verkümmerten Kiefern und seit Generationen von raubeinigen Menschen bevölkert, die das Eiland schon länger ihr Zuhause nannten, als sich irgendjemand entsinnen konnte. In seiner Hochzeit war Sunset ein florierender Außenposten des Fischereigewerbes gewesen. Da es nur zehn Meilen vom Kontinentalschelf entfernt und in tiefem Gewässer lag, nicht zu vergessen die großen Fische dort, hatten die Bewohner einen entschiedenen Vorteil genossen. Die seichten Zuflüsse wiederum waren ideal zum Sammeln von Muscheln und Austern gewesen. Familien hatten über viele Generationen hinweg prächtig auf Sunset gelebt und sich einer schlichten Lebensweise erfreut, aber dann war der Wandel erfolgt.
  Ob es an der Umweltverschmutzung, der globalen Erwärmung oder einem angepissten Gott Neptun lag, konnte Ray nicht sagen, aber eines war sicher: Die Fische waren verschwunden, und die Muschelfelder verödet, die Fischindustrie und Rays Lebensentwurf hatten nicht viel länger ausgehalten.
  Er war zum Fischer geboren gewesen – mit Betonung auf »gewesen«. Ray hatte schwere Brocken gejagt, zum Beispiel Speer- oder Thunfische – also solche, für deren Fang man ein echter Mann sein und um die man sich verdient machen musste. Von Weicheierkram wie Trawlfischen, bei dem man bloß ein Netz hinter dem Boot herzog und jeden Mist nahm, den man einholte, verstand er nichts. Sein Vater hatte ihm gegenüber nämlich den Vergleich gezogen, Trawling sei wie in eine Kneipe zu gehen, die Hose herunterzulassen und den Schwengel herumzuzeigen, auf dass die erste willige Seekuh anbiss. Irgendetwas bekam man also immer, bloß war es den Aufwand nicht wert.
  Nein, Ray erarbeitete sich seine Mahlzeiten und sein Geld, genauso wie sein Vater und Großvater – oder zumindest hatte er das getan, bis die Fische verschwunden waren. Jetzt musste er sich dazu herablassen, Touristen vom Festland nach Sunset Island zu fahren. Hin und zurück waren es zwar nur etwa vier Meilen, doch dabei könnte er in einem fort kotzen.
  Mancher hatte gehofft, der neue Bohrturm, den man einige Monate zuvor errichtet hatte, hauche der Insel neues Leben ein, doch Ray wusste es besser. Die suchten etwas da draußen, doch nicht, dass man sich veranlasst sähe, die Bewohner von Sunset darüber zu informieren. Die Anlage diente einem bestimmten Zweck – einem Zweck, der eine Menge Geld verschlang, doch nichts davon trieb auf dem Wasser herüber und wurde an Land gespült. Nein, das Einzige, was sich aus den Bohrungen ergab, waren Probleme, doch das hielt Bürgermeister Billings nicht davon ab, das Seegebietsrecht an Glaxco Holdings zu verkaufen.
  Ray kannte eigentlich niemanden unter den Touristen so gut, dass er sie hätte hassen können, doch was er beim Umrunden der Insel sah, genügte ihm schon. Die meisten Menschen lebten mitten auf Sunset Island auf kleinen Gehöften oder in älteren Wohnhäusern – solche, die äußerlich davon zeugten, dass sie rechtschaffenen, hart arbeitenden Menschen gehörten. Der äußere Ring des Landes war unterdessen mit neueren Gebäuden besprengt. Beschissene Tempel aus vorfabrizierten Elementen dieser Art erinnerten ihn daran, dass man sich mit Geld zwar vieles kaufen konnte, aber ganz bestimmt keinen guten Geschmack. Fuhr Ray mit seinem Boot um die Insel, machte er zusehends mehr von diesen unnötig riesigen Bunkern aus, die allen anderen die Sicht aufs Wasser versperrten.
  Ein so großes Haus zu bauen, ergab keinen Sinn. Warum tat man das, wenn man dabei Gefahr lief, zu vergessen, mit wem man dort wohnte? Ray konnte sich gut vorstellen, genau diese Absicht stecke dahinter, doch auch, falls das wirklich der Grund dafür war, dass die reichen Trottel diese Ungeheuerlichkeiten entlang der Küste hochzogen, mutete es unsinnig an. Die meisten neueren, größeren Häuser auf Sunset Island waren während elf von zwölf Monaten im Jahr unbewohnt. Die Wohlhabenden mochten die Kälte nicht und waren ganz gewiss außerstande, an den harten Wintern hier herumzupfuschen. Sie tauchten in den warmen Monaten auf wie Unkraut und verschwanden beim ersten Stoß kühler Atlantikluft wieder. Ray hatte sich angewöhnt, die Winter zu lieben.
  Ob er die Touristen hasste oder nicht, war egal. Er brauchte sie, und das galt für jeden auf Sunset. Nach dem Niedergang der Fischerei blieb der Fremdenverkehr als eine von wenigen Branchen übrig. Die zwei bis drei milden Monate brachten genügend Geld ein, um jedermann auf der Insel ein weiteres Jahr lang am Leben zu halten.
  Die Fähre stieß sanft gegen die alten Gummireifen, die den Hafendamm säumten. Ray legte den Rückwärtsgang ein, um die Bugklappe herumzuschwenken. Als sie rumpelnd andockte, brachte er den Motor in Leerlauf. Die Rampe senkte sich, woraufhin sich Autos, deren Namen Ray nicht aussprechen konnte, geschweige denn, dass sie für ihn erschwinglich gewesen wären, in eine Schlange einreihten.
  Eine korpulente Frau kam schnaufend die schmale Treppe zum Steuerraum herauf. Ihr Gesicht war rot und glänzte wie gebratener Schinkenspeck. Auch dicke Schminke verbarg den unsympathischen Ausdruck ihrer Augen nicht. Ray seufzte und drehte sich zur Tür um. Am Fuß der Treppe hing ein Schild, das Passagiere klar darauf hinwies, die rote Linie nicht zu überschreiten, doch diese Frau konnte entweder nicht lesen oder scherte sich nicht darum. Ray tippte eher auf Letzteres, auch wenn er Ersteres nicht ausschließen wollte.
  Sie klopfte mit ihren dicken Fingern – jeder quoll unter Goldringen hervor wie Brotteig – an die Tür.
  »Kapitän!«, schrie die Frau schrill. »Kapitän! Meine Kinder wollen ein Foto!«
  Ray stöhnte und rutschte vom Kapitänssessel. Dieser Teil seiner Arbeit verdross ihn am meisten.
  »Ich übernehme die Kontrolle«, sagte Jimmy Horst grinsend. Er war sein Stellvertreter. Eigentlich hätte er mittlerweile schon selbst Kapitän sein sollen, doch Ray hegte den Verdacht, dass Horst aufgrund dieser fotografischen Pflichten bereitwillig weiterhin die zweite Geige spielte.
  »Danke, Jimmy«, erwiderte er mit schiefem Lächeln, ehe er die Klinke packte und die Tür aufwarf. Die Frau wippte ungeduldig mit einem Fuß auf dem metallenen Treppenabsatz.
  »Schönen Nachmittag, Ma’am«, begrüßte er sie lächelnd mit geheucheltem Vergnügen.
  »Haben Sie nicht etwas vergessen?«, grunzte die Frau, indem sie mit einem dicken Finger auf Ray zeigte.
  »Bitte?«
  »Hier, Kapitän!« Jimmy lachte und warf ihm einen weißen Hut mit goldenen Zierbändern zu, als sei es ein Frisbee.
  »Nochmals danke, Jimmy.« Ray fing den Hut auf.
  »Schon besser«, meinte die Frau nickend.
  »Zweifellos eine Verbesserung, Kapitän«, gackerte Jimmy hysterisch.
  »Hey, Jimmy«, raunte Ray ihm zu. »Wenn alle an Land sind, kannst du mal nach dem verstopften Klo sehen, ja? Anscheinend gab’s bei den Bartschnöseln gestern mexikanisch.« Jetzt war er an der Reihe, zu lachen.
  Vielleicht versenke ich diesen Kahn morgen, dachte er, während er die Treppe hinunterging, um strahlend für ein weiteres Foto zu posieren, auf das er lieber verzichtet hätte.

 

***

 

  »Zurückziehen!«, brüllte Lou Sneltz.
  Er beobachtete, wie der Zeiger des Druckmessers vom gelben in den roten Bereich schnellte, woraufhin der Alarm losging. Offengestanden arbeitete der dämliche Bohrer die meiste Zeit über irgendwo an der Schwelle zwischen Gelb und Rot, aber diesen eindeutigen Rechtsausschlag durfte man nicht außer Acht lassen. Der Maschinenpark wurde genauso wie die Crew bis an die Grenzen getrieben, aber nicht dass dies irgendeinen Schlipsträger bei Glaxco Holdings gekümmert hätte. Ihnen ging es einzig und allein um den Beweis dafür, dass diese Methode funktionierte und Unterwasserbohrungen in solchen Tiefen durchführbar waren.
  Lou arbeitete seit einem Monat draußen auf der Plattform und begriff immer noch nicht, weshalb sie das Gerät an einer Stelle testeten, die geringe Chancen in Aussicht stellte, auf Öl zu stoßen. Irgendjemand hatte gemunkelt, das Gebietsrecht sei spottbillig zu erstehen gewesen, und man wolle die Konkurrenz nicht allzu neugierig machen. Lou hingegen wollte bloß mit seiner Arbeit hier fertig werden, den Gehaltsscheck einstreichen und nach Hause zu Frau und Kind zurückkehren. Alle weiteren Sorgen durften sich diejenigen machen, deren Lohnklasse die seine bei weitem überstieg.
  Die Druckanzeige sackte in den grünen Bereich zurück.
  »Sind wohl auf einen Gaseinschluss gestoßen«, meldete Lou per Funkgerät. »Mal sehen, ob wir es vor der Mittagspause schaffen, unsere Marke zu erreichen.«
  Das ohrenbetäubende Sirren der Maschine gab Lou zu verstehen, dass man mit seinem Vorschlag übereinkam.
  Die Anlage vibrierte, während der massige Bohrer tiefer in den Meeresgrund vorstieß. Lou hatte sich an das Gefühl gewöhnt, Tausende von unsichtbaren Käfern mit unter Strom stehenden Füßchen würden über ihn krabbeln.
  Irgendwo aus der Tiefe des Turms drang ein lautes, mechanisches Quietschen, und der Zeiger des Druckmessers neigte sich fast bis zum Anschlag nach rechts. Lou streckte ruckartig die Hand aus und schlug auf den Notschalter. Die Schlipsträger würden sich über die vergeudete Arbeitszeit ärgern, hätten aber noch mehr Grund zum Klagen, wenn der Bohrer brechen würde.
  »Musste stoppen«, gab Lou an. »Die Druckanzeige wäre beinahe kaputtgegangen. Wir ziehen ihn heraus, dann geben wir dem Boden ein paar Minuten Zeit zur Beruhigung. Gut möglich, dass der Druck irgendetwas aufgerüttelt hat.«
  Er hörte, wie die gewaltige Maschine, die den Bohrer lenkte, frustriert ächzte. Die gesamte Anlage schien zu erschaudern.
  »Lou, Zentrale hier.« Die Stimme kam knarrend aus der Gegensprechanlage. »Sieht so aus, als sei der Bohrer steckengeblieben.«
  »Steckengeblieben?«, hakte er nach. »Können Sie sehen, worin und warum? Probieren Sie einige der Unterwasserkameras aus.«
  »Negativ, Lou, nichts zu erkennen. Es scheint Flüssigkeit an der Bohrstelle auszutreten und das schränkt die Sicht ein.«
  »Flüssigkeit?«, wiederholte Lou. Es gab weit und breit kein Ölvorkommen, also was zur Hölle konnte dort austreten? Lou prüfte rasch alle Sensoren. Der Bohrer war offensichtlich in Ordnung; nichts sickerte aus, und alle Pegel befanden sich im normalen Bereich. Er steckte bestimmt nur fest. »Zentrale, alle Flüssigkeitsstände sind gleichbleibend. Irgendeine Vorstellung, woher das kommen könnte?«
  »Negativ, Lou. Wir sehen nichts als Schwarz; könnte Öl sein. Die Leitstelle bei Glaxco wird verständigt, bleiben Sie dran.«
  Lou schaltete den Monitor ein, der über seinem Bedienfeld hing. Wolken waberten wie Tinte rings um die Antriebswelle des Bohrers. Dieser verlor sich in der Tiefe unter dem Wirbel, der sich wie eine Ranke aus Rauch um ihn wand. Lou konnte sich gar nicht mehr an alle Bohrinseln und Fördertürme erinnern, auf denen er schon angestellt gewesen und meistens auch auf Öl gestoßen war, doch so hatte es nie zuvor ausgesehen.
  »Lou, die Leitstelle möchte umgehend eine Tauchsonde im Wasser sehen, um die Situation zu bewerten. Wir lassen eine vorbereiten und für Sie an Deck aufstellen.«
  »Zentrale, für mich sieht das nicht nach Öl aus«, antwortete Lou. »Sind die Aufnahmen der Leitstelle zugekommen? Womöglich tun wir gut daran, die Arbeit zu unterbrechen, bis wir wissen, was da los ist.«
  »Ordnungsgemäß erledigt, Lou. Die Bildaufnahmen wurden gemeinsam mit unserer vorigen Unterhaltung übermittelt. Sie sollten wissen, dass Glaxcos Leitstelle unseren Status von Erprobungsphase zu Einsatzbereit geändert hat. Sie wollen, dass wir möglichst bald Öl fördern.«
  »Klar wollen sie das«, murrte Lou, während er sich an der schmalen Leiter oberhalb hochzog.