THE SHINE 2: DIE STADT DES LICHTS

3,99 

Skadi Void

ENDZEIT-THRILLER

Band 2
Serie: The Shine

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Beschreibung


Russland 2071.
Nach einem verheerenden Atomkrieg in den 2020er Jahren liegt über der Welt noch immer ein Schatten der Verwüstung. Eine amerikanische Privatarmee fällt in andere Länder ein und betreibt Ressourcenraub. Doch damit dient sie lediglich als Deckmantel einer fundamental-christlichen Organisation, die monströse Experimente am Menschen durchführt, um ein künstliches Paradies zu erschaffen: The Shine.

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2017

Format

Ebook (mobi, epub)

Seiten

ca. 500

eISBN

978-3-95835-229-2

Leseprobe


Kapitel 1

 

Russland, 28. August 2071. Stützpunkt Sokolskaja bei Archangelsk.

 

Vibrationen schlichen sich in ihr Innenohr. Tarja hielt erschrocken den Atem an. Ist das der Bass oder sind es Schritte? Unauffällig rutschte ihr Daumen zu ihrem MP3-Player, der damals sündhaft teuer gewesen war. Sie stellte auf Pause.
Ihre Befürchtung bestätigte sich: Irgendwer erdreistete sich, sie an ihrem Lieblingsplatz unter der alten Eiche zu stören! Die traute Zweisamkeit zwischen ihr und ihrem Heavy Metal war in akuter Gefahr. Dem jungen Mädchen dämmerte: Es musste damit zu tun haben, dass heute Freitag war. Freitagabend. Nach einer schweißtreibenden Woche suchten Rekruten wie Offiziere Entspannung. In einem der Schuppen stieg vermutlich eine Party, und der schmale Pfad an ihrer Eiche vorbei war der kürzeste Weg dahin.
So ein Pech.

Die Schritte hielten direkt vor ihr.
»Mach dir keine Gedanken«, sagte eine männliche Stimme. »Es ist nicht verboten, hier zu liegen. Wenn sie eine Erkältung riskieren will, ist das ihr Problem.«
»Eine Disziplinlosigkeit!«, beschwerte sich schnaubend eine zweite. »Dass sich einige unserer Jungs zum Wochenende einen antrinken wollen, verstehe ich ja. Aber das? Ich frage mich, wie viel Promille man haben muss, um wie ein Hund auf dem Boden zu liegen! Wecken wir sie auf. Wer weiß, ob sie nicht ins Lazarett gehört in ihrem Suff.« Gereizt, aber auch belustigt schlug Tarja die Augen auf. Sie zog die Stöpsel aus den Ohren und stopfte den Player zurück in ihre Jacke. Vor ihr standen zwei Rekruten, kaum älter als sie selbst.
»Ich fühle mich noch ziemlich fit«, klärte sie die verdutzten Männer auf. »Und geschlafen habe ich auch nicht. Nur fast, aber das ist hier auch nicht verboten, soweit ich mich entsinne!«
Sie setzte sich auf und griff nach ihrer Wodkaflasche. Vor den Augen der beiden nahm sie zwei große Schlucke.
»Diese Flasche, meine Herren«, erklärte sie, während sie mit dem fingerlosen Lederhandschuh über ihre Lippen wischte, »enthält Limonade. Ehe das Zeug Umdrehungen kriegt, müsste ich es schon ein paar Wochen auf meiner Fensterbank dümpeln lassen.«
Sie streckte den Männern die Flasche hin. »Möchten Sie sich vergewissern?«
Die Rekruten winkten hastig ab und verzichteten auf eine Geschmacksprobe. »Schönen Abend noch«, murmelte einer. Peinlich berührt zogen sie ab.
Tarja blieb noch einige Augenblicke sitzen und genoss den kleinen Triumph. Schlagfertiges Meistern problematischer Situationen war zu so etwas wie ihrer Spezialität geworden. Es gab Tage, da zog sie fremdes Misstrauen geradezu magisch an. Allerdings gelang es ihr ebenso zuverlässig, solch unangenehmen Momenten wieder zu entschlüpfen.
Sie kniff die Augen zusammen, als sich ihr Magen unwohl unter der Wärme des Alkohols verkrampfte. Ein Schluck weniger wäre für einen glaubwürdigen Bluff genug gewesen!, tadelte sie ihr Ich von vergangener Minute. Insbesondere mit Rücksicht darauf, dass die 18-jährige Tarja Petrovna Dragunova nur sehr geringe Mengen vertrug, ohne schnell und spürbar einen Schwips zu bekommen.
Eine Eigenschaft, die sie nicht daran gehindert hatte, diesen Wodka als Geschenk anzunehmen. Ein gut gelaunter Soldat hatte ihr die Flasche vor einer Stunde in die Hand gedrückt. Über diese Nettigkeit hinweg hatte Tarja ihre annähernde Alkoholunverträglichkeit vergessen. Sie war auf einen ihrer infantilsten Charakterzüge hereingefallen: Geschenken konnte sie nicht widerstehen.
Immerhin habe ich Raketa zugemischt. Das war ein allseits beliebtes, koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk.
Sie stand auf und streckte sich. Der Himmel war den ganzen Tag über klar gewesen. Goldene Sonnenstrahlen bahnten sich hartnäckig ihren Weg durchs Nadelgeäst. Die alten Kasernen zeichneten sich klar vom pastellfarbenen Himmel ab.
Die Romantik dieses Abends hätte ein würdiges Postkartenmotiv abgegeben. Doch Tarja betrachtete das Himmelsspektakel inzwischen mit einer gewissen Pragmatik.
Sie diente der Russischen Garde seit einem Jahr. Ebenso lange war sie auf Sokolskaja stationiert, einem landesweit bekannten Stützpunkt. Die Rekrutierung war ein Meilenstein in ihrem Leben gewesen. Gegen den puren Überlebenskampf von damals kam ihre Ausbildung zur Fliegerin heute fast einem Spaziergang gleich.
Noch immer genoss sie den schieren Luxus, der sie tagtäglich umgab. Manchmal konnte sie ihr Glück kaum fassen: Die Treppen waren heil, die Mauern zwar rissig, aber stabil. Die Dächer hielten dicht, und es gab fließend Wasser. Das sogar gefiltert war.
Tarja seufzte. Und nun? Es war noch nicht mal halb neun. Auf Party hatte sie keine Lust, und beim Flugplatz gab es keine Aufgaben, die es wert waren, gegen Freizeit getauscht zu werden. Obgleich sie momentan in einer üblen Blockade steckte, beschloss Tarja, in ihr Zimmer in Baracke 4 zurückzukehren und an ihrem improvisierten Schreibtisch ein bisschen Malerei zu betreiben.
Die Leinwände und Farben hatten ihr halbes Vermögen aufgefressen und waren viel zu lange vernachlässigt worden. Zwar produzierte sie in der Zwischenzeit zur Kompensation Unmengen von Skizzen und Bleistiftzeichnungen, doch es gab ein Problem: Kameraden und direkte Vorgesetzte reagierten nicht gerade geschmeichelt auf die karikativen Schnellporträts. Auch, wenn sie ihre Zeichnungen nicht offen herumzeigte – es gab immer jemanden, der einen Zettel stibitzte und durch die Runde gehen ließ. Und so hofften die meisten Beteiligten, dass sich Tarja endlich wieder aufs Malen konzentrieren würde.
Sie schlenderte über den moosigen Trampelpfad. Dass sich unter dem natürlichen Teppich eine dicke Schicht Beton verbarg, ließ sich kaum noch erahnen. Die Verwaltung verschwendete keine Mühe darauf, den Bewuchs hier aufzuhalten. Warum auch – es ließ sich sogar besonders angenehm darauf laufen. Auf dem großen Platz vor der mächtigen Offizierskaserne hingegen war der Beton weitgehend nackt. Das geringe Budget, das Sokolskaja zur Verfügung stand, wurde effizient genutzt, nur die wichtigen Anlagen wurden so gut wie möglich instand gehalten. Und das zahlte sich aus. Die Kasernen von Sokolskaja waren, verglichen mit dem Rest des gezeichneten Landes, echte Schmuckstücke.
Tarja hatte sich nie schwer damit getan, bescheidene Verhältnisse zu akzeptieren. Für sie waren die ›besseren Zeiten‹ von früher nichts als Bilder, die ihre Fantasie aus den nostalgischen Geschichten anderer geformt hatte, erlebt hatte sie sie nicht.
Die Älteren konnten die Umstände der Gegenwart nicht so leicht hinnehmen. Sie träumten oft von der alten Zeit, in der es überall warmes Wasser gab und Strom im Überfluss aus jeder Steckdose. Heute war ein Dorf mit Stromgenerator ein gesegnetes. Holzsammeln gehörte zum Alltag.
Doch es gab auch Ältere, die der heutigen Zeit Gutes abgewinnen konnten. Tatsächlich lag auch eine gewisse Idylle darin, in einer Welt zu leben, die aus den Überresten vergangener Generationen bestand.
Sie schlenderte entspannt über den Hauptplatz. Mehrere bekannte Gesichter kamen ihr entgegen und liefen scherzend und lachend an ihr vorbei. Tarja gönnte ihren Kameraden den ausklingenden Feierabend in geselliger Runde. Doch sie empfand auch eine Spur von Bitterkeit. Obwohl sie seit einem Jahr auf Sokolskaja lebte, war nicht zu leugnen, dass es noch immer an den sozialen Bindungen haperte. Sie verstand sich lose mit den Leuten, doch für tiefere Freundschaften reichten die Bekanntschaften nicht aus.
Als Eigenbrötler hat man es nun mal ein bisschen schwerer, hatte sie sich anfangs getröstet. Doch im Laufe der Ausbildung war auch bei wohlwollender Betrachtung nicht zu übersehen gewesen, dass ein zusätzlicher Faktor mitspielte, der mit ihrem Wesen nichts zu tun hatte.
Vorgesetzte lobten sie häufig. Ihre Flugstunden überragten die Flugstunden der meisten Kameraden. Ihre Leistungen waren mehrfach als beträchtlich eingestuft worden. Tarja gab eine talentierte, junge Fliegeranwärterin ab – ein Lob, das nicht allen 32 Schülern des Kampfgeschwaders zuteilwurde. Aber selbst vor den Soldaten der legendären Russischen Garde machte der niedere menschliche Hang zum Neid keinen Halt, und Tarja gehörte mit ihren 18 Jahren der Minderheit der Jüngsten und der Minderheit der Frauen an. Da schmeckte es dem ein oder anderen jungen Mann wenig, von einer doppelten Randfigur in seinem Können überragt zu werden. Denn auf dieses Können war man im Kampfgeschwader stolz – so unscheinbar man als Teil des Ganzen auch sein mochte.

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