The Cavern – Das Grauen aus der Tiefe

von Alister Hodge

»THE CAVERN ist ein spannender, fesselnder Abstieg in den unterirdischen Horror, mit einem unverbrauchten Setting und Charakteren, mit denen man mitfiebert. Ich war noch nie ein großer Fan von Höhlenwanderungen, aber nachdem ich dieses Buch gelesen habe, werde ich für den Rest meines Lebens an der Oberfläche und im Sonnenlicht bleiben.« - Alan Baxter, Autor von DEVOURING DARK, und der ALEX-CAINE-Serie

INHALTSBESCHREIBUNG


Ein Erdrutsch im australischen Outback fördert Unglaubliches zutage – ein uraltes, unversehrt gebliebenes Höhlensystem. Um die unterirdischen Gänge zu erkunden, wird ein Forscherteam zusammengestellt, dem sich auch der an Klaustrophobie leidende Sam anschließt – in der Hoffnung, als Sanitäter das Basislager nicht verlassen zu müssen. Es dauert jedoch nicht lange, bis einer der Forscher verletzt wird und Sam in die pechschwarzen Tiefen hinabtauchen muss.

Dort, in den dunklen Eingeweiden der Erde, muss sich Sam aber nicht nur seinen inneren Ängsten, sondern auch einer sehr realen Gefahr stellen. Ein brutales und unerbittliches Raubtier macht Jagd auf die Abenteurer und es beginnt ein verzweifelter Kampf auf Leben und Tod.

Kapitel 1

 

Das Seil rutschte mit einem lauten Surren durch Jims Karabiner, als er sich an der Felswand abseilte und sich ein letztes Mal abstieß, bevor er am Boden neben seiner Frau zum Stehen kam. Die uralten Kalksteinwände, die ihn umgaben, fühlten sich kalt und trocken unter seinen Fingern an. Er richtete seinen Blick auf die Öffnung des Trichters, die sich dreißig Meter über ihnen befand. Der nahezu perfekte Kreis aus blauem Himmel war vor knapp drei Wochen von einem Farmer im australischen Outback entdeckt worden und stellte den einzigen bekannten Zugang zu diesem Höhlensystem dar. Die zwanzig Meter breite Doline war entstanden, als die Decke einer Kalksteinhöhle eingestürzt war und den Weg in eine bis dahin verborgene Welt freigegeben hatte, unberührt vom menschlichen Auge.

Jim klinkte seinen Klettergurt aus und suchte im Dunkeln nach seiner Frau. Er entdeckte Beth am anderen Ende des Hauptgewölbes, als sie mit ihrer Taschenlampe in einen Tunnel leuchtete, der nach Süden hin abzweigte. Er zog den Reißverschluss seines Overalls hoch, um sich gegen die kühle unterirdische Luft zu wappnen, und suchte sich einen Weg über den mit Geröll übersäten Boden.

Beths Augen leuchteten, als sie sich ihm zuwandte. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir die Allerersten sind, die diese Höhle erforschen!«

»Ein verdammt teures Privileg«, murmelte Jim, der die zweitausend Dollar, die er Mr. Anastas für den Zutritt zu dessen Land gezahlt hatte, immer noch nicht verschmerzt hatte.

»Lass gut sein, Schatz, ich hätte auch das Dreifache gezahlt.«

Jims Kiefer verkrampfte sich für einen Moment, bis er sich zwang, auszuatmen und sich zu entspannen. Es gab nun kein Zurück mehr. Er hatte den Zustand von Anastas’ Schafen bemerkt und er wusste, dass sein Geld bereits fort war, vermutlich investiert in Futter für sein von der Dürre geplagtes Vieh.

»Okay, kein Wort mehr von Geld.« Er setzte seinen Rucksack ab und stellte ihn vor seine Füße, womit er eine kleine Staubwolke aufwirbelte. »Aber bevor wir weitergehen, machen wir noch einen letzten Sicherheitscheck. Solange wir nur zu zweit sind, können wir uns keinen Unfall erlauben.«

Beth reagierte mit einem ungeduldigen Schnauben darauf und wartete, während er ihre Ausrüstung systematisch durchging. Beide trugen alte State-Emergency-Service-Overalls. Jims Rucksack enthielt außerdem den Großteil ihrer Sachen, einschließlich der Kletterseile und einer Ersatzlampe.

Er zog ein Stück wasserfestes Karopapier aus seinem Ärmel und markierte darauf ihre Einstiegsposition nebst einer Richtungsangabe seines Kompasses, dann zog er den Riemen seines Helms fest und nahm sich einen Moment Zeit, um sich die Felsformationen einzuprägen. »Welchen Weg möchtest du nehmen?«

Seine Frau leuchtete mit ihrer Taschenlampe in die zwei abzweigenden Tunnel hinein, bevor sie sich für den rechten entschied. »Diesen hier, denke ich.«

Beth ging voran und schlängelte sich zwischen den großen Felsbrocken hindurch, die von der Decke gebrochen waren. Der Durchgang hatte ein stetes Gefälle, die unebene Decke nur wenige Zentimeter über ihren Köpfen war bald nur noch hüfthoch, gefolgt von einigen sehr engen Stellen.

An Abzweigungen im Tunnel stapelte Jim Steinmännchen auf, nichts weiter als drei Steine übereinander, um den Rückweg zu markieren. Er blieb kurz stehen, um einen Schluck Wasser zu trinken, während Beth auf einem Felsen Platz nahm. Ohne das Echo ihrer Schritte, das von den Felswänden zurückgeworfen wurde, erschien ihr Atem unnatürlich laut; die Stille lag schwer und fast greifbar in der Luft. Zum ersten Mal auf einer Höhlenexpedition verspürte Jim einen Anflug von Klaustrophobie. Falls er Mist baute und sich verirrte, würde diese Höhle zu ihrer Grabkammer werden.

Als er gerade seine Wasserflasche wegpackte, nahm er ein neues Geräusch wahr. Er berührte Beth am Arm. »Hörst du das?«

Ein fernes Klopfen drang in regelmäßigen Abständen zu ihnen hinauf.

Beth strengte ihre Ohren an, doch ihr Gesichtsausdruck blieb unbesorgt. »Tropfendes Wasser vielleicht?«

»Hm, das glaube ich nicht.« Er legte seinen Kopf auf die Seite, um besser lauschen zu können. »Klingt eher nach Schritten. Eigenartig.«

Beth riss mit gespieltem Erstaunen ihre Augen auf. »Vielleicht ist es eine dieser Kreaturen, von denen der Barbesitzer gesprochen hat. Wie hießen die noch mal?«

Jim schmunzelte, als er an den gestrigen Abend zurückdachte. »Ich glaube, er nannte es Minenmutter.« Der alte Kerl hatte schon tüchtig einen sitzen gehabt, als er auf die schaurigen Gemälde des stadteigenen mythischen Monsters hingewiesen und sie davor gewarnt hatte, die Höhle zu erkunden. Einzelheiten waren auf den Bildern kaum zu erkennen gewesen. Es waren die grausamen grünen Augen gewesen, die in den Schatten leuchteten, die Jim die Haare zu Berge stehen gelassen hatte.

»Hat es den Minenarbeitern nicht geholfen, Opale zu finden oder etwas in der Art?«

»Nö, er meinte, am ehesten schlitzt es einem die Kehle auf.«

»Mir gefällt meine Variante der Geschichte besser«, sagte Beth. Sie machte einen Schritt in den Tunnel hinein, bevor sie über ihre Schulter blickte. »Warum finden wir nicht heraus, woher dieses Geräusch kommt? Falls es tropfendes Wasser ist, führt es uns vielleicht zu einem Wasserlauf.«

Jim zuckte mit den Schultern. »Von mir aus.«

Er warf einen Blick über seine Schulter und leuchtete den Tunnel mit seiner Lampe ab. Aus irgendeinem irrationalen Grund wurde er das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Doch da nichts Ungewöhnliches zu sehen war, unterdrückte er sein wachsendes Unwohlsein und ging weiter, der Lichtstrahl seiner Helmlampe als grelles Weiß an der Felswand. Die von Steinen am Boden geworfenen Schatten, tanzten vor ihm, als sie mit ihren Lampen voranschritten.

Ein paar Meter weiter teilte sich der Tunnel. Das Paar blieb kurz stehen, um nach dem Geräusch zu lauschen, bis es dessen Ursprung deutlicher ausmachen konnte. Beth ging eilig weiter und das Klopfgeräusch beschleunigte sich für einen Moment, als applaudiere es ihrer Entscheidung. Das Paar setzte den Weg durch das immer komplexer werdende Labyrinth fort, Biegung für Biegung, Abzweigung für Abzweigung.

Beth blieb irgendwann stehen und legte einen Finger an die Felswand. »Hier ist es feucht. Wir müssen nah am Wasser sein.«

Das Klickern kleiner Steine ertönte hinter ihnen. Neugierig ließ Jim Beth für einen Moment allein und ging zurück, um herauszufinden, was das Geräusch verursacht hatte. An der letzten Weggabelung blieb er plötzlich stehen. Das kleine Steinmännchen, das er zur Markierung des Weges aufgestapelt hatte, war fort. Er leuchtete mit seiner Lampe in beide Richtungen auf der Suche nach Fußabdrücken oder anderen Hinweisen darauf, welchen Weg sie gekommen waren, aber ohne Erfolg, der Staub am Boden war unberührt. Scheiße. Beide Optionen kamen ihm absolut gleich vor, und solange seine Frau sich nicht erinnerte, woher sie gekommen waren, würde wohl der Zufall entscheiden müssen.

Jim holte seine Frau eilig ein. »Babe, wir haben ein Problem«, erklärte er mit einem Hauch von Nervosität in der Stimme, trotz seiner Bemühungen, unbesorgt zu klingen. Das Letzte, was sie nun gebrauchen konnten, war Panik und noch mehr Orientierungslosigkeit.

»Das letzte Steinmännchen, das ich gebaut habe, ist weg, der Tunnel ist wie leer gefegt.«

Verdutzt hob Beth eine Augenbraue. »Das ist unmöglich. Wir sind schließlich die Einzigen hier unten, wie kann das sein?«

»Ich hab keinen Schimmer, aber das ändert nichts daran, dass es sich in Luft aufgelöst hat.«

»Na ja, du hast doch wie immer unseren Weg und die Koordinaten auf Papier festgehalten, oder nicht? Wir halten uns einfach daran, um zurückzufinden. Alles gut.«

»Ja, das wird schon«, sagte Jim, weil er nicht den Mut hatte, zuzugeben, dass er seine Aufzeichnungen vernachlässigt hatte, seit sie dem Geräusch hinterherjagten.

Sie hörten jetzt ganz in der Nähe Wasserklänge und Beth wandte sich dem Geräusch zu. »Das klingt nach einem richtigen Gewässer. Könnte der See sein, auf den wir gehofft haben. Lass uns noch eine Ecke checken, und wenn da nichts ist, gehen wir erst mal zurück. Was sagst du dazu?«

Jim fühlte sich nicht in der Lage zu widersprechen und folgte seiner Frau schweigend. Sie war vernünftig, rastete nicht aus und eine weitere Biegung würde wohl kaum den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

Als er um die Ecke trat und seine Frau anrempelte, klappte seine Kinnlade herunter und sein Herz schlug vor Aufregung ganz wild. Über ihnen wölbte sich die Decke, wie eine Kathedralenkuppel über dem unterirdischen Raum. Gewaltige Stalaktiten hingen in Trauben herab, weiße, kristalline Ablagerungen schimmerten wie Kronleuchter im Schein der Lampen. An manchen Stellen trafen sich die Stalagmiten, die aus dem Boden wuchsen, mit den herabhängenden Stalaktiten und formten imposante Säulen. Sie hatten etwas Großartiges entdeckt.

Etwa zwanzig Meter weiter begann das Wasser. Jim schritt voran, alle Gedanken an ihre prekäre Situation waren verpufft. Er tauchte einen Finger in das Nass und kostete davon … es war nicht salzig. Der See war klar, die Oberfläche glatt wie Glas und erlaubte ihm einen Blick auf den Grund, der sanft abfiel.

Erstaunt sah sich Beth mit offenem Mund in dem riesigen Raum um. »Das ist es, Babe. Wir haben etwas absolut Wunderbares entdeckt.«

»Als Entdecker haben wir das Namensrecht. Wie willst du es nennen?«

Beth fuhr mit dem Strahl ihrer Taschenlampe die Weite des Raums ab und ihr Blick blieb an den mächtigen Stalaktiten hängen, die an manchen Stellen die Wasseroberfläche küssten.

»Mit der Gewölbedecke da oben wirkt es fast wie eine Kirche – und die Säulen rundherum, als würden sie die Eingänge zu kleineren, privaten Kapellen oder Nischen bewachen«, sagte sie. »Nennen wir es doch den Tempel.« Erwartungsvoll drehte sie sich zu ihm um, um seine Reaktion zu betrachten. »Was hältst du davon?«

Jim probierte den Namen aus und fand, dass er zu der Stelle passte. Er war auch der Meinung, dass der Höhle etwas Mystisches anhaftete. »Gefällt mir. Solange wir dem Tempelgott kein Opfer darbringen müssen«, sagte er mit einem kurzen Lachen.

Beth sah ihn einen Moment lang streng an, als wolle sie prüfen, ob er sich über ihren Vorschlag lustig machte.

»Nein, Schatz, ich mag den Namen wirklich, ich schwöre es«, sagte Jim und hob beschwichtigend seine Hände. »Aber wir sollten uns langsam mal ranhalten und ein paar Fotos machen, bevor wir wieder zurückgehen. Die Jungs vom Club werden bestimmt grün vor Neid sein!«

Beths Miene hellte sich daraufhin auf und sie half ihm dabei, ein kleines Stativ und die SR-Kamera aus seinem Rucksack zu kramen. Sie stellten drei Lampen auf, um die Decke und den Mittelteil zu beleuchten, bevor Jim schließlich ein paar Aufnahmen machte.

  

Während Jim mit der visuellen Dokumentation ihres Fundes beschäftigt war, schlenderte Beth näher ans Wasser heran. Es schien nicht tiefer als oberschenkelhoch zu sein, bis der Grund nach zwanzig Metern plötzlich abfiel. Der Boden bestand aus feinem Sedimentstaub und vereinzelten Steinen, ähnlich dem Boden in den trockenen Höhlenabschnitten. Mit ein bisschen Glück ging der Tempel unter Wasser weiter und bot ihnen ein submarines Höhlensystem, das es anschließend zu erkunden galt.

Sie seufzte bei dem Gedanken daran, andere zur Unterstützung herbringen zu müssen. Allein das Herankarren der Taucherausrüstung bedurfte einiger Helfer, von der ganzen Koordination einmal abgesehen – und das lief zwangsläufig auf eine größere Gruppe hinaus. Höhlentauchen war grundsätzlich gefährlich. Sie wusste, dass ihre Einstellung zwar etwas lockerer war, verglichen mit einigen Leuten der australischen Caving-Gemeinschaft, aber falls man vorhatte, am Ende eines Tauchgangs noch am Leben zu sein, musste man die Sicherheit unter Wasser stets ernst nehmen.

Eine Bewegung am Rande ihres Blickfelds erregte nun ihre Aufmerksamkeit. Zwanzig Meter vom Ufer entfernt, breiteten sich in konzentrischen Kreisen kleine Wellen aus. Da war etwas im Wasser! Beth hob ihre Taschenlampe, um einen genaueren Blick auf die Schatten werfen zu können, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine rosafarbene Kindernase unter der Wasseroberfläche verschwand. Ihr Herz setzte für einen Moment aus. Die Geräusche, denen sie gefolgt waren, konnten doch keine Schritte gewesen sein, oder?

Sie traute ihren Augen nicht und wartete, bis die Wellen verschwunden waren. Adrenalin wurde freigegeben und ihr Herzschlag raste. Da war es schon wieder! Dort, wo der See tiefer wurde, sah sie das Kind erneut, nur ein Gesicht, der Rest des Körpers verdeckt von Silt und Stein am Grund. Ihre Brust zog sich vor Angst zusammen und ihre Atmung war nun schnell und flach.

Warum zur Hölle war ein Kind allein hier unten?

Sie erstarrte, während sie mit ihrer Unentschlossenheit kämpfte. Beths Bauchgefühl schrie sie an, davonzurennen, jede Faser ihres Körpers forderte sie zum Rückzug auf. Sie schluckte schwer und konzentrierte sich wieder auf das Gesicht des Kindes, um ihre eigene Angst ignorieren und handeln zu können. Das Ganze ergab überhaupt keinen Sinn, aber sie musste doch etwas unternehmen.

»Jim! Da ist ein Kind im Wasser.« Sie begann, ihren schweren Overall abzustreifen, um sich tauchbereit zu machen.

»Ein was bitte?« Jims Gesicht war nahezu weiß, als er die Kamera ablegte und zu ihr lief.

»Ein Kind – da drüben«, sagte sie und zeigte auf das Wasser. »Es ist gerade erst untergegangen, wir können es noch retten, wenn wir uns beeilen.«

»Aber wir haben keine Taucherausrüstung dabei. Was, wenn es dort eine Strömung gibt? Wenn du runtergezogen wirst, bist du tot. Tu das bitte nicht«, flehte Jim sie an.

»Sei nicht so ein Feigling«, antwortete sie abwertend. »Hol eines von den Kletterseilen, das binde ich mir um. Falls was schiefgeht, ziehst du mich einfach wieder raus. Schnell!«

Die Worte trafen Jim wie eine Ohrfeige und er hastete los, um eine Seilpuppe aus seinem Rucksack zu holen. Jim band ihr den Strick um die Taille und fort war sie.

Beth watete hastig hinein und zog eine Spur wallender Sandstaubwolken durch das kristallklare Wasser, das sich daraufhin in eine undurchsichtige Brühe verwandelte. Ab Hüfttiefe begann sie zu schwimmen und sich mit kräftigen Beinschlägen voranzutreiben. Als sie an der richtigen Stelle zu sein glaubte, holte sie tief Luft und tauchte unter.

In zwei Metern Tiefe konnte sie den Jungen sehen. Das Kind sah nicht älter aus als sechs Jahre. Er hatte kurz geschorenes Haar und seine Gesichtshaut schimmerte blass und bläulich. Mit ganzer Kraft quälte sie sich tiefer, um das Kind an die Oberfläche bringen zu können, bevor es bleibende Hirnschäden erlitt. Sie kannte die Statistiken. Bereits nach fünf Minuten ohne Luftzufuhr begannen die Gehirnzellen abzusterben und Beth war wild entschlossen, es nicht so weit kommen zu lassen.

Als sie nur noch eine Armlänge entfernt war, öffneten sich plötzlich seine Augen. Doch irgendetwas stimmte an dem Bild nicht und sie hielt mitten in der Schwimmbewegung inne. Die Pupillen des Kindes flatterten, als sich sein Blick auf sie richtete, und verlängerten sich dann zu reptilienartigen Schlitzen. Die Iris und das Weiße des Augapfels wurden leuchtend grün. Die Lippen wurden gefletscht und entblößten einen Satz nadelspitzer Zähne. Beth hing starr vor Entsetzen im Wasser. Das Gesicht des Biests verformte sich noch weiter, Mund und Kiefer wurden länger, die Haut verdunkelte sich immer mehr zu einem satten Schwarz, als es die Tarnung komplett aufgab, die sie ins Wasser gelockt hatte.

Luftblasen schossen aus ihrem Mund, als sie anfing zu schreien. Beth fühlte ein kräftiges Zerren des Seils um ihre Mitte, das sie in Richtung Oberfläche zog. Der Bann war gebrochen, ihre Brust brannte mit dem Verlangen nach Sauerstoff und sie strampelte angestrengt mit den Beinen, um dem Monster unter sich zu entkommen.

Jim ließ das Seil laufen, während er zusah, wie seine Frau fieberhaft davonschwamm und schließlich unter der Wasseroberfläche verschwand. Er zwang sich, ruhig zu atmen und seine eigene Angst zu unterdrücken. Das alles machte doch überhaupt keinen Sinn. Wenn ein Kind vermisst würde, wäre doch bestimmt die ganze Stadt in Aufruhr, um es finden …

Ein weiterer Gedanke kam ihm in den Sinn … Luft. Er verfluchte seine eigene Dummheit. So weit unter der Erde und bei so schlechter Belüftung war es nicht unwahrscheinlich, dass der Sauerstoffgehalt in der Luft verringert war und zu verminderten Denkleistungen führte. Halluzinationen waren dann nicht mehr fern. In diesem Fall musste er seine Frau so schnell wie möglich aus dem Wasser holen.

Jim stemmte einen Fuß in den Sand und fing an, das Seil einzuholen, um seine Frau zurück an Land zu befördern.

Beth schwamm dem Licht entgegen, ihre rechte Hand stieß durch die Oberfläche. Nach einem panischen Blick legte sie einen schnellen Kraulschlag hin, für den ihre mit Adrenalin überfluteten Muskeln jedes bisschen Kraft aktivierten. Ihre Knie schlugen gegen Steine, als das Wasser flacher wurde, und sie stolperte über den festen Grund. Beth machte gerade einen Schritt nach vorn, als etwas ihr Bein festhielt und sie zurückzerrte. Mit vor Schreck weit aufgerissenem Mund starrte Beth hinab und musste feststellen, dass die Kreatur sie eingeholt hatte. Schwarze, knochige Finger umklammerten ihren Knöchel wie ein Schraubstock. Die Klauen durchdrangen ihre Haut und versanken tief in ihr, während sie vor Schmerz laut schrie.

Das Seil zerrte brutal von hinten an ihr, als Jim versuchte, sie an Land zu ziehen. Die Seilschlaufe rutschte bis unter ihre Arme, während sich ihr Mann und das Biest einen barbarischen Kampf um Beths Körper lieferten. Sie bekam keine Luft mehr, als sich das Seil wie ein Ring aus Feuer um ihren Rumpf presste und mit jedem Ruck eine ihrer Rippen brach. Beth sah hilflos dabei zu, als die obere Hälfte der Kreatur sich aus dem Wasser erhob. Sie hatte ein aalartiges Maul, bestückt mit ringförmigen Reihen nadelspitzer Zähne. Eine lange Zunge schnellte jetzt hervor und schmeckte die Luft. Über dem fürchterlichen Schlund leuchteten vier grüne Augen mit elliptischen Pupillen und blinzelten unabhängig voneinander.

Bedingt durch die heftige Gegenwehr standen sehnige Muskeln an den vorderen Gliedmaßen und dem Rumpf hervor. Ein schlangenartiger Schwanz, der durch das Wasser peitschte, verlieh ihm offenbar noch zusätzliche Kraft. Das Seil erschlaffte, die Kreatur musste es Jim aus den Händen gerissen haben. Mit unbändiger Kraft zog es Beth in eine Umarmung. Zwei Riechschlitze über dem Maul bebten, als es sich zu ihrem Hals hinunterbeugte und schnupperte. Ein leises Wimmern entfuhr Beth und ihre entleerende Blase sorgte für ein warmes Gefühl an ihren Beinen. Der Kopf hob sich, reptilienartige Augen starrten sie eindringlich an. Plötzlich klappten zwei Hautfalten am Hals des Wesens wie bei einer Kobra heraus, es stieß einen schrillen Schrei aus und saugte sich an ihrem Gesicht fest.

Beth konnte nur entsetzt aufschreien, als rasiermesserscharfe Zähne in ihre Wange drangen und das Gewebe mühelos zerteilten. Sie wehrte sich gegen das Biest, war aber aufgrund ihrer festgeklemmten Arme absolut hilflos. Die vergeblichen Schreie ihres Mannes, die ihren eigenen glichen, nahm sie nur noch am Rande wahr. Die Klauen öffneten gewaltsam ihren Mund und der hervorschnellende Kiefer zwängte sich an ihren Zähnen vorbei, umschloss ihre Zunge und riss sie mit einem Ruck heraus. Blut schoss in ihren Mund, während das Biest seine Trophäe herunterschlang; es floss ihre Kehle herab in ihren Magen und rann in ihre Lunge, als sie einatmete. Ihr Magen rebellierte und sie übergab sich, ein blutroter Strom schoss aus ihrem Mund und ergoss sich über ihre Brust und die Haut ihres Mörders.

  

Jim betrachtete das Geschehen entsetzt und fassungslos. Aus seinen vom Tauziehen zerschundenen Händen sickerte Blut. Beths Augen traten hervor, als die Kreatur sich in das Fleisch zwischen ihrem Hals und ihrer Schulter grub. Jim tastete seinen Gürtel ab und suchte dort nach dem Messer, das er beim Höhlenwandern immer bei sich hatte.

Seine Frau erschauderte in der tödlichen Umarmung, ihr Mund flehte lautlos, ihre Augen starrten ins Leere. Jim stürmte ins Wasser, das Messer in der Hand, sämtliche Gedanken an seine eigene Sicherheit ausgelöscht, durch den Drang, seiner Frau zu helfen. Als das Monster seinen geräuschvollen Anmarsch bemerkte, hob es den Kopf und ließ mit einem schmatzenden Geräusch von Beths Hals ab. Ein frischer Blutstrahl spritzte aus der tiefen Wunde und Beths Gesichtszüge erschlafften. Die Kreatur löste ihre Umklammerung und Beth verschwand tot unter der Wasseroberfläche.

  

Frische Beute war zugegen.

Jim hielt inne, als die Kreatur ihn plötzlich ins Visier nahm. Sie glitt auf ihn zu, den Kopf über Wasser, die grünen Augen auf ihn fixiert. Der kräftige Schwanz peitschte hin und her und trieb das Wesen mit enormer Kraft voran. Jim hob mit zitternder Hand sein Messer.

Als das Wesen in Reichweite war, zielte er auf den Hals und stach zu, doch es wich seiner unbeholfenen Attacke mühelos aus und vergrub stattdessen seine Zähne in seinem Handgelenk, was seine Sehnen auf einen Schlag durchtrennte. Jim schrie vor Schmerz und Schreck auf, als seine schlaffen, nutzlosen Finger das Messer fallen ließen. Er versuchte zurückzuweichen und an Land zu fliehen, aber es hatte bereits seinen Schwanz um seine Beine gewickelt wie ein Stahlband. Das Maul löste sich von seinem Handgelenk und aus seiner Schlagader sprudelte Blut hervor.

Die Lampen am Ufer beleuchteten die Kreatur, als sie sich vor Jim aufrichtete und mit gespreizten Hautlappen hypnotisierend hin und her wiegte. Blitzschnell schlug sie zu und nadelartige Zähne pflückten sein Auge mit einer flinken Bewegung aus seiner rechten Augenhöhle. Er schrie, als sein Augapfel vor seinem verbleibenden Auge zerkaut und verschlungen wurde, der Schmerz wie ein glühender Schürhaken in seinem Gehirn. Knöcherne Klauen umklammerten sein Gesicht und mit der neu geschaffenen Öffnung als Ansatzpunkt begann das Wesen sein Mahl. Als Jim verzweifelt zappelte, tauchte eine lange Daumenkralle tiefer in die leere Augenhöhle hinein, stieß durch die dünne Knochenwand und landete in seinem Gehirn.

Ende der Leseprobe

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