THE BLACK – DER TOD AUS DER TIEFE

4,99 12,99 

Paul E. Cooley

HORROR-THRILLER

Gewinner der Parsec Awards 2015! The Black ist ein Techno/Horror-Thriller, der die Spannung und die Action von Filmen wie Leviathan und The Thing direkt in die Hände der Leser legt. Die Erkundung der Ozeane wird nie mehr dieselbe sein.

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Beschreibung


In 30.000 Fuß Meerestiefe wurde ein Ölfeld größer als Saudi-Arabien entdeckt; eine solche Menge Öl, dass Nationen bedenkenlos in den Krieg ziehen würden, um die Rechte daran zu erstreiten. Als ein Explorationsteam beginnt, ein Bohrloch nach dem anderen in den Boden zu treiben, erschüttert ein gewaltiges Grollen die Tiefe des Meeres. Etwas lebt in dem Öl und es wird zur größten Bedrohung, welche die Menschheit je gesehen hat.


»Krass wie sich das Ding in einem Menschen ausbreitet und der Mensch dann von innen aufgefressen wird. Das hat mich ein wenig an den Film Alien erinnert« [Rockmaniacs Bücherwelt]

»The Black ist ein fesselnder Tiefsee-Horror-Roman, der einen beim Lesen dem Ende entgegenfiebern lässt.« [Thrillertante]


auch hier erhältlich (Auswahl) … AMAZON | THALIA | WELTBILD | HUGENDUBEL | MAYERSCHE | BÜCHER.DE | KOBO

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2015

Format

mobi), Taschenbuch / Ebook (epub

Seiten

368

ISBN

978-3-95835-104-2

eISBN

978-3-95835-105-9

Leseprobe


Kapitel Eins

Wellen schlugen gegen das Versorgungsschiff. Thomas Calhoun stand am Ausguck des Hecks und blickte auf das schiefergraue Wasser. Gelegentlich tauchte eine Flosse auf und drehte ab. Ob es Delfine oder Haie waren, spielte für ihn keine Rolle, denn ihm bereitete die finstere Gewitterfront, die sie gerade hinter sich gelassen hatten, mehr Sorgen.
  Nachdem sie durch prasselnden Regen und zehn Fuß hohe Flutwellen gelangt waren, fühlte er sich erschöpft und hatte weiche Knie. Wäre er die ganze Zeit über in seiner Kajüte geblieben, hätte er sie bestimmt vollgekotzt; so jedoch war es ihm gelungen, die Toilette nur ein einziges Mal nicht zu treffen. Danach hatte er nämlich beschlossen, sich das Mittagessen nur oben an Deck noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Besser die Fische zu füttern, als die Luft in seiner Kabine zu verpesten.
  Wäre ihm bewusst gewesen, dass das Schiff so heftig auf und niedergehen würde, hätte er versucht, auf anderem Weg zur Bohrinsel zu gelangen. Ein Hubschrauber schaffte den Weg allerdings nicht mit einer Tankfüllung, sondern musste dafür einen Zwischenstopp auf See einlegen, und das würde Petro-Pem Exploration eine Menge Kohle kosten. Mittlerweile war er aber der Meinung, er hätte sie dennoch zwingen sollen, dafür zu zahlen.
  Jetzt war er nur noch eine halbe Tagesstrecke von der Insel entfernt, der Sturm lag hinter ihm, und die Luft roch frisch, abgesehen vom Gestank des Dieselkraftstoffs. Den war Calhoun zwar gewohnt, doch das bedeutete nicht, dass er ihn mochte. Allerdings würde er bald mehrere Monate auf einer Förderplattform verbringen, wo es erheblich schlimmer stank.
Das stete Brummen der Motoren wirkte sich fast beruhigend auf ihn aus. Der Kapitän, ein abscheulicher Portugiese, der höchstens 1,65m maß, war nicht gerade erbaut darüber, dass sich Calhoun an Deck befand. Dieser wiederum hatte immer wieder versucht, mit dem Mann zu diskutieren, der nur gebrochenes Englisch sprach. Letztendlich waren sie übereingekommen, dass er am Heck bleiben dürfe, sich aber verflucht noch mal vom Führerhaus fernhalten solle.
Wenigstens musste sich Calhoun keinen Kummer wegen Standlees Ausrüstung machen. Denn die Prototypen der unbemannten beziehungsweise ferngesteuerten Unterwasserfahrzeuge waren bereits vergangene Woche geliefert worden. Laut der letzten E-Mail des Technikers hatte dieser die Maschinen auch schon ausprobiert und ihre Programmierung überprüft. Das war doch immerhin etwas.
  Als Petro-Pem sein Team angeheuert hatte, waren sie mehr als nur bereit gewesen, das Bargeld springen zu lassen, um Standlees aktuelle Entwürfe neben Calhouns neuen Bohrgeräten zu verwenden. Das war alles Teil des Vertrags gewesen. Seine Leute behielten die Patente und Urheberschaft auf das geistige Eigentum, während PPE dem Rest der Industrie eine lange Nase drehen konnte – ein gutes Abkommen, wie Calhoun fand.
  Craig »Catfish« Standlee fungierte beim Entwerfen und Programmieren der Roboter als sein Partner. Während andere Unternehmen noch mit dem Aufholen beschäftigt waren, markierten Catfishs Modelle, Steuersysteme und Sensoren bereits die Weltspitze. Er war ein Senkrechtstarter; Calhouns Erfahrung als Ingenieur und die Robotertechnologie zusammengenommen hatte den Konzern gerne einen Aufschlag für ihre Dienste zahlen lassen.
  PPE versuchte mit Leaguer etwas Neues. Statt Vertragsunternehmen zu verpflichten, um einen Großteil der Schichtenanalyse und des Geschiebes von Gerätschaften sowie das eigentliche Bohren zu übernehmen, hatten sie sich dazu entschieden, Spezialisten anzuheuern und so viel Technik wie nur möglich zu kaufen. Sie wollten zu der führenden Offshore-Explorationsgesellschaft aufsteigen. Falls Leaguer ein Erfolg wurde, konnte PPE als Dienstleister für alle wesentlichen Ölkonzerne arbeiten. Diese konnten theoretisch durch geringere Kosten, Arbeitskräftefluktuation und ein einziges, integriertes Sicherheitsprotokoll Milliarden bei der Rohstoffförderung sparen.
  Calhoun war sich allerdings nicht sicher, ob ihre Strategie wirklich aufgehen würde. Denn er wusste, der Rest der Offshore-Industrie beobachtete Leaguer und PPE mit großem Interesse. Falls sich M2 als größter Fund auf offener See in der Geschichte herausstellte, war das Unternehmen allerdings auf Jahrzehnte hinaus saniert.
  In ein paar Stunden würde das Schiff über das Unterwasserfeld fahren. Laut Einschätzung der Seismografen war das Gebiet, was Öl anbelangte, größer als Saudi-Arabien – vorausgesetzt natürlich, man stellte sich das Land dreißigtausend Fuß unter Wasser versunken vor.
  Der Graben, den PPE im Rahmen des Projekts M2 nannte, war auf keiner Karte verzeichnet gewesen und bis zum heutigen Zeitpunkt noch kaum erkundet worden; in zwei Jahren hatte man es nicht geschafft, in dieser Hinsicht auch nur einen Finger zu rühren, sondern die Zeit lieber damit verschwendet, sich Klarheit über eine mutmaßliche Goldgrube im Lizenzgebiet des Konzerns zu verschaffen. Allein auf der Grundlage möglicher Vorkommen waren die Aktienkurse in die Höhe geschossen, doch man hatte bisher keinen einzigen Tropfen Öl gefördert, nicht einmal zu Zwecken der Analyse.
  Catfishs ursprüngliches seismisches beziehungsweise magnetisches Equipment hatte das Gebiet mehr oder weniger zufällig entdeckt. Während Calhoun mit seinem Team in Nigeria gewesen und mit einem wichtigen Ölförderprojekt zugange gewesen war, hatte sein Partner einen nicht gerade prall subventionierten Auftrag zur Erkundung von M2 für die NOAA unterzeichnet, die Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten. Calhoun hatte ihm die Teilnahme an dieser Mission aufgrund der Steueranreize erlaubt … nun ja, deshalb und weil es eine Gelegenheit darstellte, ein paar neue Drohnen zu testen.
  Catfishs Maschinen waren offensichtlich jedoch zu mehr imstande gewesen als einer einfachen Untersuchung. Seine unbemannten Sonden oder AUVs – ferngesteuerte hießen kurz ROVs – hatten das Gebiet in Erfüllung ihrer Aufgabe gesichtet; als sie wieder aufgetaucht waren, um Informationen via Satellit zu übermitteln, hatte Catfish etwas Wichtigeres als die Topografie des Schelfs erfahren. Den Magnetsensoren war nämlich etwas untergekommen, womit er nie im Leben gerechnet hatte – Öl unter der Oberfläche des Grabenbettes.
  Da die NOAA kein Interesse an eventuellen Ölfunden hegte, hatte er sich auch nicht dazu bemüßigt gesehen, sie darüber zu informieren, Calhoun dafür jedoch sofort gemeinsam mit den Berichten eine PGP-verschlüsselte Nachricht zukommen lassen. Dieser hatte die E-Mail bei einer Bullenhitze in einem Hotel in Abuja empfangen und Standlees Zahlen noch einmal recherchiert. Nach kurzer Überprüfung war er bereit gewesen, Nigeria sofort zu verlassen und nie wieder dorthin zurückzukehren.
  Nun zog Calhoun eine Zigarre aus seiner Brusttasche, brach ein Ende ab und zündete sie mit einem vergoldeten Feuerzeug an. Sein langärmeliges Tropenhemd flatterte im Wind, während der Qualm aus seinen Nasenlöchern waberte. Er wischte sich den Schweiß von seiner glänzenden Stirn und ging noch einmal im Kopf durch, was er heute noch vorhatte.
  Was war am Allerwichtigsten? Sichergehen, dass die Idioten, die seine Geräte verluden, keine seiner neuen Bohrmaschinen kaputtmachten. Zweitens? Das Personal auf der Insel anzuweisen, den Bestand vollständig aufzunehmen, bevor das Schiff wieder aufbrach. Tat es dies nämlich, war eine weitere Belieferung mehrere Tage lang, falls nicht sogar Wochen unmöglich.
  Blitze zuckten über der wabernden, schwarzen Wolkenbank. Calhoun erschauderte. Er hoffte, der Sturm würde ihnen nicht bis zur Fundstelle folgen. Falls doch, durfte er sich auf einen höllischen Wochenanfang einstellen.
»Thomas?«, fragte eine Stimme hinter ihm.
Er drehte sich um und blinzelte eine kleine blasse, aber drahtige Frau in Bermudashorts und einem weißen T-Shirt an. Dann lächelte er und blies eine Rauchfahne in die Luft. »Shawna, was gibt’s?«
Sie schaute zu ihm auf und erwiderte: »Ich habe gerade per Funk mit Catfish geredet. Wie es aussieht, werden sie bereit sein, wenn wir eintreffen. Er legt sich gerade ins Zeug, um den Rest der Sachen hinunterzuschaffen.«
Thomas nickte. »Du hast die Übersichtskarten kontrolliert, und sie sind mit der Plattform in Position gegangen wie von dir befohlen«, antwortete er mit gedehnten Vokalen. »Ich glaube, wir alle sind nun bereit, herauszufinden, was es dort unten gibt.«
Die Geologin rieb sich die Hände. »Falls uns dieser elende Kahn heil ankommen lässt.«
»Das kannst du laut sagen«, erwiderte Calhoun. Er blickte wieder hinaus auf den Ozean. »Hoffentlich hast du deine Angel mitgebracht.«
»Ach ja, fast vergessen«, meinte Shawna und musste dabei ihre Stimme gegen den Wind und das Rauschen der Wellen erheben. »Ich habe mich auch mit JP unterhalten; er hat sein Zeug zum Speerfischen mitgenommen.«
Calhoun verdrehte die Augen. »Vraebel wird ausflippen«, sagte er und lachte verschmitzt. »Der Arsch hasst uns ohnehin schon, und ihr werdet ihn bestimmt in den Wahnsinn treiben.«
Sie wippte auf ihren Zehen. Während das Schiff schlingerte, geriet die zierliche Frau leicht ins Schwanken. »Wir können doch schließlich nichts dafür, dass er ein Spielverderber ist. Außerdem arbeitet JP schon genauso lange mit wie Catfish, und Vraebel hat die Zwei bis jetzt nicht ins Meer geworfen – noch nicht zumindest.«
  Nun verzog Calhoun sein Gesicht. Vraebel, der Aufseher der Ölbohrinsel, hatte zwar weder Catfish noch JP über die Planken gehen lassen, ihm dafür aber jede Menge Mails geschickt und darin genau damit gedroht. Dieser humorlose Redneck meldete sich nahezu täglich bei PPEs Vizeoperationschef. Ständig kotzte er sich über sein Missfallen aus – Beschwerden wegen unprofessionellen Verhaltens, fahrlässiger Arbeitsabläufe et cetera, und was hatte Calhoun getan? Seine Mitstreiter verteidigt, wie üblich.
  Jetzt schaute er Shawna finster an. »Wenn wir die Plattform erreichen, will ich eine vollständige Bestandsaufnahme: die Bohrtechnik, eure Sachen, Catfishs Zeug, alles.« Er schnippte etwas Asche von der Zigarre. »Und dieses Mal wäre es nett, wenn du deinen Laptop nicht an Bord des Versorgungsschiffs zurücklassen würdest.«
Shawna öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, schloss ihn aber gleich wieder. Ihre Ohren glühten rot. »Ja, Boss. Dieses Mal gehe ich ganz sicher, dass ich mein ganzes Rüstzeug dabeihabe.«
Calhoun nickte wieder. »Gut. Denn ansonsten …« Er zeigte mit der Zigarre auf die Geologin. »… lasse ich dich schwimmen, um es zu holen.«
Die kleine Frau sah ihn nachdenklich an. »Solange ich einen Anzug und Flossen kriege, kein Problem.«
Thomas lächelte. Er arbeitete nun schon seit fast zehn Jahren mit Shawna. Trotz ihrer nervigen Charakterzüge war sie immer verlässlich.
»Aha«, gab er zurück. »Hast du vor, mit JP Fisch zu fangen?«
»Selbstverständlich«, antwortete Shawna. »Vorausgesetzt, du gönnst uns ein wenig Freizeit.«
Calhoun zuckte mit den Achseln. »Die Gelegenheit dazu ergibt sich bestimmt. Morgen werden wir die Anschlüsse überprüfen und den Bohrer ausrichten. Sobald das alles getan ist, könnt ihr euch so lange verziehen, wie ihr wollt, während Vraebels Personal den ganzen Maschinenpark verbindet – aber übermorgen …« Er grinste. »… will ich Ölschlamm aus der Druckleitung sprudeln sehen.«
»Ich denke, das lässt sich einrichten«, behauptete Shawna. »Es wird genauso laufen wie letztes Mal.«
Daraufhin lachte Calhoun und klemmte sich die Zigarre wieder zwischen die Zähne.« Hoffentlich nicht.«

***

Obwohl sich Catfish die Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, flatterte sie im Wind. Er stand auf dem Aussichtsturm hoch über den Maschinen der Anlage und der emsig arbeitenden Inselbesatzung. Vraebel hatte deutlich gemacht, dass Rauchen nur ganz oben auf seiner Bohrinsel erlaubt sei. Was für ein Wichser …
  Catfish paffte seine Zigarette, sog den Rauch tief ein und blies ihn dann in den Wind hinaus. Der verhangene Himmel hatte das Meer in eine ruhelos wallende Masse verwandelt, die dunkelgrau war wie das Metall eines Gewehrs. Fische tummelten sich im Wasser. Er schmunzelte; JP war schon in seiner Kabine und schärfte gerade seine Harpunen. Der Taucher und Spezialist für Tiefseetechnik grinste schon seit Tagen wie ein Irrer. Jedes Mal, wenn er eine der unbemannten Sonden hochgeholt hatte und zurückkam, plapperte JP ausgiebig von den Fischen in diesem Meeresabschnitt. Seine Ausrüstung für lange Tauchgänge lag auf dem Versorgungsschiff; Catfish hoffte, JP würde sie nicht brauchen.
Die AUVs, die er mit Calhoun entwickelt hatte, legten aber leider vereinzelt Kinderkrankheiten an den Tag, insbesondere Nummer 5. Das verdammte Ding bestand zwar stets alle Diagnosetests, die Catfish mit ihm durchführen konnte, verfehlte aber oft ihre Oberflächenziele. Die Funkverbindung gestaltete sich auch nicht unbedingt störungsfrei. Das nahm zwar keine so extremen Ausmaße an, dass die Computer die Informationen nicht hätten verarbeiten können, aber Nummer 5 erschwerte das Vorankommen definitiv.
Catfish hoffte, dass Calhoun imstande war, das Problem zu lösen, denn nachdem er sich dem Problem selbst eine Woche lang gewidmet hatte, wusste er nicht mehr, was er noch versuchen sollte. Gemeinsam mit dem Techniker hatte er über ein Jahr mit der Entwicklung der gottverdammten Torpedos verbracht, um so viel elektronisches Gerümpel und Sensoren in deren drei Meter lange Gehäuse zu stopfen wie nur möglich. Aber auch nach neun Monaten andauernden Tests im Golf von Mexiko mussten sie sich mit Komplikationen herumschlagen.
Er seufzte, drückte seine Kippe auf dem Handlauf aus und warf sie dann in ein Schwerabfallfass, dessen Boden schon mit Stummeln übersät war. Vraebel mochte Glimmstängel hassen, doch viele seiner Männer rauchten. Unter Bohrturmarbeitern galten Zigaretten, Alkohol und leichte Damen (üblicherweise Oben-ohne-Tänzerinnen) als stereotype Freuden – und dieses Klischee stimmte absolut.
Catfish warf einen letzten Blick hinaus auf das Meer, ehe er sich die Treppe hinunter ins Quartier der Crew begab. Auf dem engen Korridor ging er an Kojen mit Stahlbetten vorbei. Platz war auf der Förderplattform ein kostbares Gut, weshalb die meisten Roughnecks – so nannte man sich in diesem Beruf – zu zweit oder manchmal gar zu viert in einem Raum lagen. Calhouns Team andererseits hatte gleich drei Gästekajüten bekommen. Craig und JP schliefen zusammen, Calhoun und Shawna jeweils allein. Catfish schaute kurz in die leere Koje seines Partners; ohne dessen Gepäck sah sie leer und viel zu groß aus. Er musste lächeln, denn lange würde sie nicht mehr so bleiben.
Als sie zuletzt gemeinsam auf einer Hochseeförderinsel gewesen waren, hatte Calhoun alle Wände seiner Privatkabine mit Karten und Diagrammen tapeziert. Der Kerl konnte einfach nicht anders, als auf alles zu zeichnen, das er in die Finger bekam – und außerdem nie mit dem Grübeln aufhören. Dass er sich schon zwei Mal hatte scheiden lassen, war kein Wunder. Denn welche Frau konnte schließlich einen Mann ertragen, der es ihr kurz und heftig besorgte, ehe er sich danach sofort wieder daranmachte, über Chemie, mechanische Entwürfe und die immerwährende Suche nach schwarzem Gold nachzudenken?
Catfish seufzte und ging weiter zu seiner Koje. Ein dünner Lateinamerikaner mit einer düsteren versteinerten Miene kam ihm entgegen; er lächelte ihn an und fasste sich an den imaginären Hut. Der Roughneck grinste schief zurück und bewegte sich dann ohne ein Wort zu sagen an ihm vorbei.
Typisch. Egal, auf welcher Bohrinsel Calhouns Team unterkam, es wurde königlich behandelt – oder mit anderen Worten: wie Scheiße. Die gewöhnlichen Arbeiter hassten die Truppe stets, weil sie jegliches Vorrecht genossen und gegen alle Regeln verstoßen durften. Außerdem machten sie sich in den Augen des Stammpersonals nie die Finger schmutzig.
Catfish konnte ihnen erklären, wie anstrengend es war, vor einer Demonstration bis vier Uhr morgens Schaltbretter zusammenzuschweißen oder Assemblercodes auf Fehler hin abzuklopfen; er hätte ihnen auch beschreiben können, wie es sich anfühlte, einen zwei Millionen Dollar schweren Prototypen zu Wasser zu lassen, damit er plötzlich zweitausend Fuß unter der Meeresoberfläche einfach implodierte. So viel zum Thema Arbeitsdruck; die beschissenen Roughnecks hatten doch gar keine Ahnung davon, was das wirklich bedeutete.
Von ihnen wiederum verstand das Team genauso wenig. Diese Männer leisteten gefährliche Arbeit. Sie wurden zweifellos gut dafür bezahlt, aber das genügte beileibe nicht, um tagtäglich das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Catfish konnte gut nachvollziehen, warum sie sogenannte »Schreibtischstrategen« hassten, doch sie mussten verflucht noch mal endlich darüber hinwegkommen. JP und er waren jetzt schon seit über einer Woche vor Ort, führten Überprüfungen durch und stellten die Maschinen auf den Betrieb ein. Sie plagten sich genauso ab und schwitzten in den stickigen Räumlichkeiten wie alle anderen.
In den kommenden Wochen würde Catfish nur während seiner sechsstündigen Auszeit täglich natürliches Licht sehen und den Wind im Gesicht spüren. Sobald die Bohrung richtig begann, würde es die Hölle werden, und dann ging es ihm ganz genauso dreckig wie dem Rest der armen Schweine hier auf der Insel. Obwohl er sich weder im Gesicht noch an anderen Körperstellen mit Öl beschmieren würde, blieb auch er nicht vor Schmierfett, Ruß und Salz gefeit. Jedes Mal, wenn eine seiner unbemannten Drohnen zurückkehrte, würde er sich ihrer annehmen, sie warten und reparieren müssen – und das alles ohne Labor oder einer in irgendeiner Weise angemessenen Werkstatt. Scheiß auf die Roughnecks; die wussten doch nicht, was Stress war!
  Er zog sich das Gummiband vom Hinterkopf und schüttelte sein Haar, als er auf die Kabine zuging, die JP und er bezogen hatten. Nachdem er tief Luft geholt hatte, klopfte er gegen die geschlossene Luke. »Yo, JP? Holst du dir da drin gerade einen runter?«
Gedämpftes Lachen brach hinter der Tür aus. »Komm schon rein, Catfish.«
Er lächelte und öffnete die Luke. JP stand in seiner vollen Größe von knapp 1,80m vor dem Bullauge. Überall am Boden befand sich Gepäck: Stiefel, Schwimmflossen, Kreislauftauchgeräte, Masken … Der Kerl hatte mehr oder minder drei Seesäcke voller Gerümpel auf dem ganzen Boden verstreut.
»Alter, was soll das?«
JP fuhr sich mit einer Hand durch seine ergrauenden Haarstoppeln. »Ich, äh … musste etwas nachschauen.«
Catfish schüttelte unwirsch den Kopf. »Was denn? Und hättest du das nicht an Deck tun können?«
Der Ältere erwiderte mit betretenem Grinsen: »Oh, na ja, ich dachte, da du weg warst …«
»Kumpel, zwischen weg und kurz raus besteht ein riesiger Unterschied.« Catfish betrachtete das Durcheinander. »Also, hast du alles dabei?«
JP streckte beide Hände nach der unteren Schlafbank aus und hob zwei Gewehre hoch. Die Harpunen waren nicht aufgesteckt, doch Catfish wusste aus Erfahrung, dass sein Genosse mindestens fünf für jede Waffe irgendwo herumliegen hatte.
»Ich glaube schon«, antwortete JP und warf ihm eine zu.
Der Techniker fing das Gewehr mit einer Hand, dann betrachtete er es. »Wir gehen also zum Speerfischen?«
In JPs wettergegerbtem Gesicht zeichnete sich ein breites Grinsen ab. »Das hatte ich vor, wenngleich mich Thomas ermahnt hat, dass wir uns benehmen müssen, bis er hier ist.«
Catfish verdrehte die Augen. »Lass mich raten: Vraebel meckert wieder?«
»Natürlich«, bestätigte JP. »Er mag hier sozusagen der Anführer sein, bleibt aber immer noch ein Roughneck. Er hasst niemanden so sehr wie uns.«
»Der Typ kann mich mal«, schimpfte Catfish.
JP hielt ihm eine Faust hin, und er stieß mit seiner dagegen. »Richtig, aber wir müssen uns noch bis heute Nachmittag unauffällig verhalten.« Er legte das Gewehr für die Harpunen behutsam auf die obere Pritsche. »Abgesehen davon sollten wir aber wirklich mal schwimmen gehen.«
»Genau«, pflichtete Catfish ihm bei, »denn darüber kann sich Vraebel ja nicht beschweren.«
JP zog die Schultern hoch. »Also, Nummer 5 nehmen wir aber nicht für eine Runde mit, oder?«
Catfish schmunzelte. »Um genau zu sein doch.«
»Worauf warten wir denn dann noch?«, fragte JP und warf seinem Freund ein Paar Flossen zu.

***

Auf der Plattform war es sengend heiß. Metallstufen und Geländer führten hinunter auf die Ebene aus geriffeltem Stahl. Wollte man tauchen, war dies die sicherste Stelle, um sich ins Wasser zu lassen. Hier befand sich zugleich auch das Be- und Entladedock für die AUVs und das ROV. Diese waren über dem Gitter aufgehängt und durch dicke Stahlseile miteinander verbunden.
  JP fuhr sich über seine schweißnasse Stirn. Er wartete darauf, dass Standlee mit seinem Tauchanzug die Stiege herunterkam. Wie gewohnt ließ sich der Mann, den alle Catfish nannten, alle Zeit der Welt. Der langhaarige Computer- und Bautechniker war nie beim Militär gewesen und hatte anscheinend nicht gelernt, wie man eine Uhr las. JP starrte auf seine Uhr am Arm und seufzte tief. Na ja, dachte er, lasse ich eben schon mal das Boot ins Wasser.
  AUV Nummer 5 – Spitzname »Zicke« wegen all der Probleme, die sie verursachte – befand sich immer noch im Ozean. Catfish hatte ihr einen Befehl zugesandt, aufzutauchen und wieder zurückzukehren. Für die Zicke bedeutete »Rückkehr«, dass sie hochkam und mehrere Hundert Yards von der Insel entfernt auf der Stelle trieb.
Nachdem JP das Zodiac-Beiboot hinuntergelassen hatte, vertäute er es. Wegen des drei Meter langen Torpedorumpfs würden sie auf dem Rückweg nur langsam vorankommen, doch das war okay; Catfish und er wollten schließlich schwimmen, also konnte Vraebel sie mal kreuzweise.
»Sie beide wollen sich einfach nicht an die Regeln halten, oder?«, rief plötzlich eine Stimme von der Treppe aus.
  JP warf einen genervten Blick über seine Schulter. Apropos Vraebel, dachte er. Der Aufseher mit der breiten Brust und der sonnengebräunten Haut lehnte gerade am Geländer. Seine Wangen schienen wie sein kurz geschnittenes, rotes Haar in Flammen zu stehen. Als er das Gesicht vor Wut verzog, bleckte er gleichzeitig auch seine weißen Zähne.
  »Welche Regeln meinen Sie genau?«
»Zuallererst die, immer einen Tauchplan auszufüllen«, begann Vraebel, »dann den Rettungsschwimmern Bescheid zu geben, dass Sie aufbrechen, und außerdem: Wer hat Ihnen überhaupt erlaubt, ins Wasser zu gehen?«
JP zeigte auf die AUVs über ihm. »Sehen Sie die? Ich zähle nur vier; Nummer 5 ist draußen im Meer. Haben Sie Standlees Bericht nicht erhalten?«
Vraebel öffnete und schloss den Mund mehrmals kurz hintereinander. JP erkannte, dass die Mühlen im Kopf des Mannes mahlten. »Ja, und ihn auch gelesen.«
»Dann verstehen Sie ja, dass wir los müssen, um sie zu holen.«
Der Aufseher trat mit seinen schweren Unfallstiefeln gegen die Treppe. »Na ja, das ist aber immer noch keine Entschuldigung dafür, dass sie keinen verdammten Tauchplan ausgefüllt haben – mal ganz davon abgesehen, dass Sie sich nicht bei den Rettungsschwimmern gemeldet haben.«
JP seufzte wieder. »Entschuldigung, Mr. Vraebel. Ich schätze, wir haben es einfach vergessen.«
»Ganz genau. Wenn Calhoun hier eintrifft, werden wir uns ein bisschen über den schludrigen Mist unterhalten müssen, den sie zwei hier veranstaltet haben.«
»Jawohl, Sir«, antwortete JP mit einem Salut. Vraebels Wangen wurden dunkelrot. Er nickte dem Mann zu und stapfte dann wütend die Stufen hinauf.
JP schüttelte den Kopf, während er dabei zuschaute, wie der Chief der Förderplattform auf die Hauptebene zurückkehrte. Vraebel war ein Arschloch – ein komplettes, totales Arschloch. Schließlich blickte er auf das Beiboot hinab; der Kerl hatte andererseits aber auch recht; sie hätten einen Tauchplan einreichen müssen. Er seufzte abermals und wickelte die Leinen dann ordentlich auf. Danach griff er zu zwei Sauerstofftanks und stellte sie in die Halterungen an Bord, zog den Reißverschluss seines grünen, wasserdichten Seesacks auf und nahm die beiden Gewehre heraus.
Diese legte er zusammen mit vier Harpunen in die verriegelbare Bordkiste. Die rasiermesserscharfen Spitzen waren durch Pfropfen aus Kork gesichert. JP achtete stets darauf, dass sie sich jederzeit einsetzen ließen; schließlich wusste man nie, wann man die Gelegenheit bekam, etwas »Besonderes« zu erlegen.
  In Gedanken ging er noch einmal seine Checkliste durch. Er hatte die Masken mitgenommen und sie eingeschmiert, damit sie nicht beschlugen. Was nun? Waren die Tanks voll? Jawohl. Riemen und Gurte für sie beide? Auch da. Zwei Leinen? Ja. Er öffnete die kleine Bordkiste, die am Boot befestigt war, und schaute hinein. Am Boden lagen ein Handfunkgerät und zwei Signalleuchten. Dies brachte ihn zum Lächeln, denn das war alles, was sie an Ausrüstung brauchten – gesetzt den Fall, dass sich Catfish irgendwann einmal fertig angezogen hatte.
  Die beiden hielten sich wie gesagt schon über eine Woche vor Ort auf. Die Routineabläufe von Catfishs Robotern durchzukauen, war anstrengend, besonders wegen der Probleme, die Nummer 5 machte. Da sich das ROV an Leinen führen ließ, stellte es kein annähernd so großes Problem dar, und die AUVs steuerten jeden Punkt an, zu dem man sie dirigierte. Solange Catfishs Codierung flexibel genug war, um sie auf jegliche Hindernisse gefasst zu machen, sollte ihnen eigentlich nichts passieren, doch auch dies hatte Schwierigkeiten nicht ausgeschlossen.
Vor Kurzem waren die Propeller aller fünf Sonden beschädigt worden, als sie sich in einem Algenwald am Meeresgrund verheddert hatten. Catfish hatte fluchend und einem Wutanfall verflixt nahe, darauf gewartet, dass sie wieder auftauchten. Alle fünf waren zwar hochgekommen, aber JP hatte insgesamt drei Mal hinausfahren müssen, um sie zu holen – es war ein langer Arbeitstag für sie gewesen.
Abgesehen von seinen Taucheinsätzen bestand seine Aufgabe auch darin, Catfish beim Warten der Maschinen zu helfen, wozu auch die Roboter zählten. Die Antriebsschrauben der AUVs zu reparieren hatte eine verdammt zähe Nacht lang gedauert. Allerdings waren alle fünf schon am darauffolgenden Nachmittag wieder im Wasser gewesen. Catfish hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, sondern einige neue Verfahren festgelegt, damit sie sich nicht wieder im Seetang verstrickten. Mit roten Augenringen und kehlig heiserer Stimme war der Techniker zu einer Dreißigstundenschicht angetreten, um alles wieder instand zu setzen und zum Laufen zu bringen.
Erst nachdem die AUVs wieder im Meer und unterwegs auf dessen Boden gewesen waren, hatte er geschlafen. Dreißigtausend Fuß tief zu tauchen dauerte Stunden, außer man jagte die Motoren in den roten Bereich. JP war bereit gewesen, am Steuerpult sitzen zu bleiben und die Roboter zu beaufsichtigen, doch das hatte Catfish ausgeschlagen. In für ihn typischer Manier war er an seiner elektrischen Zigarette saugend, bis er deren Flüssigkeit verbraucht hatte, in seinem Sessel an der Überwachungskonsole eingeschlafen.
Und so hatte es sich nicht zum ersten Mal abgespielt. Der Mann meinte es todernst mit seinen Erfindungen und fasste es praktisch als persönliche Beleidigung auf, wenn eine von ihnen versagte. JP verstand Catfishs Verantwortungsbewusstsein nur allzu gut, doch hin und wieder würde der Kerl gut daran tun, verdammt noch mal eine ruhige Kugel zu schieben. Hoffentlich reichte ihm dieser kurze Ausflug dazu, denn falls nicht, würde Calhoun mit einem stressgeplagten Techniker zu tun bekommen.
»Sind wir startklar?«
JP drehte sich zur Treppe um. Catfish kam in aller Ruhe die Stufen herunter. Er hatte sich die langen Haare zu einem Zopf geflochten, der mit jedem Schritt hinter seinem Kopf baumelte.
Sein Kumpel grinste. »Nettes Leibchen; soll ich den Reißverschluss für dich zumachen?«
Catfish winkte ab. Sein schwarzer Taucheranzug sah aus wie der von JP, war jedoch vorne an der Hüfte geöffnet. Das herunterhängende Material schlackerte hin und her, während er sich bewegte. Als er den Fuß der Treppe erreicht hatte, ging er auf das Boot zu.
»Hast du Vraebel gesehen?«, fragte JP.
Catfish entgegnete mit einem genervten Blick: »Ja, habe ich. Er war angepisst wie immer. Ich habe jetzt seinen elenden Tauchplan ausgefüllt und den Schwimmern Bescheid gesagt.«
»Gut«, erwiderte JP. »Was das angeht, müssen wir besser achtgeben. Calhoun hätte uns den Arsch aufgerissen, wenn wir so mit ihm umgesprungen wären.«
»Ach, egal.« Catfish zog seinen Anzug hoch und den Reißverschluss zu. »Hast du alle Sachen verstaut?«
»Ja, wir sind bereit«, bestätigte JP.
Catfish lächelte und stieg ins Boot, das sich kaum bewegte, während er sein Gewicht in die Mitte verlagerte. »Auf geht’s.«
»Weißt du, wo Zicke ist?«
»Klar doch«, antwortete Catfish und zog einen grellgelben, rechteckigen Kasten von seinem Gürtel. Als er einen Knopf daran betätigte, fing es an zu piepen. »Dreihundertfünfzig Yards entfernt, Süd bis Südost.« Das las er von der Anzeige daran ab. Dann schaute er zu JP und lächelte wieder. »Weit genug, um noch ein bisschen Fische zu jagen, was?«
»Aber hallo«, stimmte JP zu. Er startete den Motor, und sie legten vom Tauchdeck ab.

***

Die Brücke befand sich in einem makellosen Zustand. Vraebel nippte schwarzen Kaffee aus einer Aluminiumtasse, an der das eingeprägte Logo von PPE prangte. Er stöhnte genüsslich, als das starke Getränk seinen Rachen hinunterlief. Durch die sauberen Fenster beobachtete er, wie das Zodiac hinaus auf das Meer fuhr. JP Harvey jagte den Motor zu weit hoch, während Standlee am Bug stand wie in einem bescheuerten Actionfilm.
  Gut möglich, dass der Techniker von Bord fiel; das würde dem selbstgefälligen Fatzke zweifelsfrei nur recht geschehen. Gott, wie Vraebel die beiden hasste … Sie waren erst etwas länger als eine Woche hier und hatten es bereits geschafft, den Alltag seiner Crew komplett durcheinanderzubringen. Unangekündigte Abstecher auf den Ozean, keine Tauchformulare oder Ankündigungen, dass sie diese verfluchten Drohnen versenkten.
  Teufel auch, sie machten nur Meldung, wenn sie mal etwas vom Personal brauchten – seiner Mannschaft, weder jene von Calhoun noch PPE. Jawohl, es war Vraebels Mannschaft; er hatte jeden Arbeiter auf dieser Insel eigens ausgesucht, außer Calhouns Ausschuss natürlich.
  Vize Simpson hatte Vraebel befohlen, alles zu tun, um Calhouns Truppe zu helfen. Ohne sie hätte man die Plattform genauso gut in der Wüste aufstellen können, um Öl zu fördern – oder zumindest dachte dies der stellvertretende Einsatzleiter. Der Aufseher hingegen wusste ganz genau, dass das Unsinn war. Er war zwar kein Geologe, arbeitete aber nun schon seit über zwanzig Jahren auf Ölfeldern und den Weltmeeren. Seine Crew hätte er jederzeit auf eine beliebige andere Bohrinsel abrücken lassen.
Calhoun jedoch besaß die Spielzeuge, die moderne Bohrtechnologie – Standlees neue Roboter. Außerdem sollte diese Geologin Sigler ein wahres Wunderkind sein, aber egal, denn es handelte sich trotzdem ausnahmslos um einen Haufen undisziplinierter, bevorteilter Arschlöcher. Er für seinen Teil war der Ansicht, Calhouns Team könne sich kollektiv ins Knie ficken.
Er hatte Simpson mehrere private E-Mails geschickt und darum gebeten, Standlee gemeinsam mit Harvey der Plattform zu verweisen. Die Antwort des Vizes war knapp ausgefallen und ein Versuch gewesen, Vraebel in seine Schranken zu weisen. Ätzender Schlipsträger. Wenn der Führungsstab eines der wesentlichen Konsortien zur Rohstoffförderung keinerlei Erfahrung mit dem Leben auf einer Bohrinsel hatte, sollte Gott der Welt beistehen.
  Das bedeutete, er musste Calhoun gefällig sein oder ihm zumindest aus dem Weg gehen, dies jedoch nur so lange, bis der alte Ingenieur wiederum ihm in die Quere kam. Für Vraebel spielte es überhaupt keine Rolle, ob Calhoun alle reich machen würde oder nicht; dies war seine Plattform, und hier ließ er sich von niemandem etwas befehlen.
  Er hatte den Bau des Turms persönlich beaufsichtigt und jeden Tag mit seiner Crew verbracht, während das Monster Stück für Stück zusammengesetzt worden war – Tonnen über Tonnen von Stahl, Druckbehältern, meilenlangen Rohren, Generatoren, Kabeln und Hydraulikvorrichtungen. Er hatte jedes Detail, jeden Winkel und jede Nische dieser gewaltigen Maschinerie überprüft.
Nun trank er noch einen Schluck Kaffee. Vraebel hasste Fördertürme. Sie wurden mitten im Nirgendwo hochgezogen, und zwar ohne jegliche Garantie auf Ausbeute. Darüber hinaus unterzog man sie üblicherweise keiner Tests, und die Ingenieure feilten ständig weiter an der Konstruktion herum – mit anderen Worten: Sie stifteten Chaos mit Ansage.
  Leaguer aber gehörte ihm und diese Anlage würde funktionieren! Schichtführer Steve Gomez und sein Team sollten ihre Aufgabe erfüllen. Dazu war es aber erforderlich, dass schwarzes Gold unter dem Gestein verborgen lag und Calhouns Leute die eine richtige Stelle zum Bohren fanden; dann konnte alles klappen.
  Das Zodiac war mittlerweile ein schwarzer Fleck am Horizont geworden. Hätte er die Fahrt nicht mitverfolgt, wäre es ihm gar nicht aufgefallen. Standlee und Harvey schwammen jetzt bestimmt schon mit den Fischen, statt ihrer Pflicht nachzugehen – typisch. Wenn Calhoun ankam, würde sich Vraebel als Erstes lange mit ihm unterhalten müssen.
Auch der Rest der Mannschaft hasste diese beiden Kerle. Sie wusste, dass sie eine Riesensumme Geld erhielten, aber bisher rein gar nichts dafür geleistet hatten. Sie hatten keinerlei Dienste annehmen müssen, weder zur Wartung oder Müllbeseitigung noch zum Putzen – kurz gesagt: Sie taten nur das, wozu sie Lust hatten, und das war den übrigen Crewmitgliedern eben nicht entgangen.
  Vraebel lächelte innerlich. Natürlich hatte er dafür gesorgt, dass seine Männer Wind davon bekamen. Niemand würde diese Typen bei einer Pokerrunde mitspielen lassen. Ginge es nach dem Aufseher, müssten sie, soweit es in seiner Macht stand, ein Hundeleben auf der Plattform führen – außer sie stießen wirklich auf Öl. Dann würde man diese Penner als Helden feiern … jedenfalls bei PPE.
  Aber das war auch egal. Leaguer war eine Förderplattform und keine Raffinerie. Die Angestellten des Konzerns wurden nicht am Gewinn beteiligt, wenn man von ihren betrieblich steuerbegünstigten Rentenplänen, Aktienbezugsrechten und Boni absah. Unter Ausnahme Letzterer sowie der Tatsache, dass es ihrem Ruf guttat, konnte es der Crew reichlich egal sein, ob die Typen auf Gold stießen – und aus diesem Grund würde sie hart für Vraebel arbeiten. Denn diejenigen, die ihn beeindruckten, konnten überall in der Industrie Jobs ergattern. Und wenn sie versagten? Dann würde er dafür sorgen, dass sie sich sogar schwer dabei tun würden, eine Stelle als Latrinenputzer zu finden.
  PPE wollte dem Aufseher ebenfalls eine unerhört hohe Finanzspritze geben, falls die Insel ihren Zweck erfüllte und Öl fand, also nahm er sich vor, einfach freundlich mitzuspielen. Bis zu einem gewissen Punkt sollten Calhoun und seine Leute bekommen, was sie brauchten.
  Vraebel blickte hinaus an den wolkenverhangenen Himmel. Weiße Bäusche wie aus Baumwolle verbargen nun die Sonne. In der Wettervorhersage war keine Rede von Regen gewesen, doch der Sturm zog vom Festland her in seine Richtung. Möglicherweise würde es noch ein paar Tage dauern, doch das Tief könnte sich über die Insel wälzen. Er nahm sich vor, den Radar im Auge zu behalten. Die Meteorologen von PPEwürden ihn zwar wissen lassen, wenn sich das Unwetter anbahnte, doch das hieß noch lange nicht, dass die Landratten es entdecken würden, bevor es schon über ihnen hing.
  Schritte auf den Stufen; jemand kam zur Brücke hinauf. Vraebel nahm noch einen kräftigen Schluck Kaffee und schloss die Augen. Die Gangart der Person klang zögerlich. Er lächelte wieder in sich hinein. Kurz, nachdem sie den oberen Absatz erreicht hatte, ging die Tür zur Brücke auf.
»Hallo, Steve«, grüßte ihn Vraebel, ohne sich auch nur umzudrehen.
»Martin«, entgegnete Gomez. »Haben Sie kurz Zeit für mich?«
Vraebel drehte sich nun mit seinem Sessel zu ihm und nippte abermals an seiner Tasse.
Der Bohrmeister stand mit seiner schmutzig schwarzen Baseballmütze in den Händen im Eingang. Sein dicker Jeansoverall war überall mit dunklen Flecken gespickt. Steve fuhr sich mit einer Hand durch sein dichtes, schwarzes Haar, während er geduldig abwartete. »Was ist los?«, fragte Vraebel schließlich.
»Wir haben damit begonnen, die Bohrschraube für den Einsatz fertigzumachen«, gab Gomez an, »und laut Standlee sind die AUVs bereit, um in die Tiefe zu gehen.« Er räusperte sich. »Ich glaube, wir können praktisch sofort beginnen, sobald Calhoun eintrifft.«
Vraebel nickte. »Gut gemacht, Steve. Steht noch irgendetwas an?«
»Nein. Ich denke, wir haben alles erledigt.«
»Okay«, sagte der Aufseher und stellte seine leere Tasse auf die Konsole. »Geben Sie Ihren Leuten durch, dass sie jetzt eine ausgedehnte Pause haben. Hier gibt es nichts mehr zu tun, bis das Versorgungsschiff ankommt.«
Nun strahlte Steve. »Das werden sie bestimmt gerne hören.«
»Sie doch bestimmt auch, oder?«, Martin kicherte. »Also gönnen Sie sich entweder etwas Schlaf oder werfen Sie Ihre Leinen aus und fangen Sie uns etwas zum Abendessen.«
Gomez verbeugte sich vor ihm. »Fische können wir Ihnen definitiv besorgen.« Mit diesen Worten drehte er sich um und ging die Treppe hinunter.
Vraebel lief bereits das Wasser im Mund zusammen, denn Gomez und die anderen Mexikaner waren verboten gute Angler. Sie stellten sich für gewöhnlich auf die unteren Ebenen und ließen ihre Köder in der Nähe der Stützpfeiler ins Meer hängen. Die Fische schienen das Gefühl zu haben, dass es sich bei der Unterkonstruktion um ein Riff handelte. Ein, oder zweimal hatte Gomez sogar einen Hai erwischt.
Der Aufseher schaute auf die schwarze Taucheruhr an seinem Handgelenk. Das Versorgungsschiff sollte in vier Stunden ankommen. Falls sie sich nicht aufgrund des Sturmes verspäteten, würden sie vor dem Dinner da sein. Hoffentlich konnten seine Männer vor dem Ausladen noch etwas essen, denn schließlich stand ihnen eine lange Nacht in Aussicht.