Buchcover:

The Ascent – Der Aufstieg

von Ronald Malfi

»THE ASCENT ist ein aufregender, beinahe unerträglich spannender Ritt, den man nicht verpassen sollte. Lassen Sie sich von dem Titel nicht in die Irre führen – der Roman hat weniger mit einem Berg und viel mehr mit dem Leben an sich zu tun. Wenn Sie Thriller lieben, die Sie bis zum Ende im Ungewissen lassen, ist dieser ein Muss.« [Kendall Gutierrez, Suspense Magazine]

INHALTSBESCHREIBUNG


Die Geister, die wir in uns tragen …

Es ist ein gefährliches Unterfangen – denn es könnte sein Ende bedeuten. Doch für Tim Overleigh, einem ehemals berühmten Bildhauer, der nach dem Tod seiner Frau langsam dem Alkoholismus verfällt, ist die Flucht in Extremsportarten das Einzige, dass ihn vor der Abwärtsspirale aus Selbstvorwürfen und Schmerz rettet.

Er schließt sich einer Gruppe von Bergsteigern an, die von dem ebenso reichen wie exzentrischen Abenteurer Trumbauer für einen selbstmörderischen Trip durch die Bergwelt Nepals zusammengestellt wurde. Jeder Teilnehmer scheint aus einem ganz besonderen Grund ausgewählt worden zu sein. Je weiter sich Overleigh in die unerforschten Regionen des Himalaja vorwagt, um so mehr vermischen sich reale Strapazen mit den Schatten seiner Vergangenheit, und auch Trumbauer scheint einen ganz eigenen Plan zu verfolgen.

Aus dem Kampf mit dem Berg und der Kälte wird ein Kampf gegen die eigenen Dämonen.

Kapitel 1

 
– 1 –
 

Ich war nicht dort, als es passierte, kann es aber deutlich vor mir sehen: Eine italienische Landschaft, kühl in der Brise eines frühen Sommers, der verspricht, nicht unerträglich heiß zu werden. Wolken hängen bewegungslos an einem klaren, blauen Himmel und wirken träge wie Ölbohrinseln im Meer. Ich kann mir die saftigen, abfallenden Hänge vorstellen, wie sie sich langsam zum Talboden hin verjüngen. Das Gras ist aquamarinfarben und bevölkert von farbenfrohen Blumen, die der Form nach wie Fingerhüte aussehen. Es gibt eine unbefestigte Schotterpiste, gerade breit genug, damit ein Wagen darauf fahren kann, die sich um den Hügel schlängelt wie ein Band aus Satin. Das Fahrzeug erscheint zunächst als hell schimmernder Leuchtstreifen auf dem entfernten Hügel. In die anfängliche Stille mischen sich nun das Dröhnen des Motors und das Holpern der Reifen über dem Boden. Ich erkenne jetzt, dass es sich bei dem Fahrzeug um einen alten Klassiker aus dem Jahr 1920 handelt. Das Verdeck ist zurückgezogen und an der Seite gibt es mit Gummiunterlagen versehene Laufbretter. Die Scheinwerfer sind so groß wie kleine Trommeln. Davis sitzt hinter dem Steuer. In meiner Vorstellung trägt er eine absurd große Fahrerbrille auf der Nase, Lederhandschuhe, und schützt sich mit einer Bomberjacke vor dem Fahrtwind. Das Einzige, das jetzt noch fehlt, ist ein seidener Schal, der um seinen Hals flattert. Hannah ist auf dem Beifahrersitz. Sie lacht, und ich kann das Funkeln der Sonne auf ihren Zähnen sehen, und die schwachen Linien, die sich um ihre Mundwinkel abzeichnen. Ihr Haar ist kurz geschnitten, kräuselt sich auf Höhe der Kiefer und glänzt wie frisch poliertes Kupfer unter einer Nachmittagssonne. Als der Wagen gegen etwas auf der Piste aufschlägt – einen in die Straße hineinragenden Ast, oder einen großen Stein – reist David das Lenkrad herum, und Hannahs Lachen erstirbt. Ich sehe, wie der Wagen auf dem engen Weg ins Schlittern gerät und auf eine kleine, grasige Anhöhe zurast. Das Fahrzeug erreicht den Gipfel und in dem Moment erscheint es nur vernünftig, dass es am Scheitelpunkt zur Ruhe kommt, schaukelnd zwar auf dem Unterboden, aber trotzdem sicher. Stattdessen stürzt es unvermittelt weiter und rollt auf der anderen Seite wieder hinab. Der Wagen kippt nach vorn und kracht in das gebirgige Terrain weiter unten, wo er dann in einem explodierenden Kelch aus Feuer in Flammen aufgeht. Diese Vorstellung geistert beständig durch meinen Kopf, während ich im Sterben liege.

 
– 2 –
 

Zumindest dachte ich, dass ich mich im Sterben befände …

Meine Augen blinzelten, sehen konnte ich aber dennoch nicht. Pure Finsternis umgab mich. Meine Hand tauchte durch das kalte Wasser, bis sie die zylindrische Form der Taschenlampe ertastet hatte. Ich schlug sie ein paarmal in meine Handfläche, bis der Lichtstrahl anging. Im Schein der Lampe konnte ich eine Wand aus Kalkstein sehen, weniger als zwei Meter von meinem Gesicht entfernt. Ich befand mich in einer Art Höhlenkammer, lag ausgebreitet in knöcheltiefem Wasser, 1.100 Fuß unter der Erdoberfläche, und verlor langsam die Orientierung.

Beim Versuch, mich aufzusetzen, schoss ein sägender Schmerz durch mein linkes Bein, raste an den Nervenbahnen hoch ins Gehirn und detonierte in einem Farbenrausch hinter meinen Augen. Ich richtete den Strahl auf eine der Höhlenwände und schloss die Augen, bis sich meine Atmung halbwegs beruhigt hatte. Die Dummheit, allein aufgebrochen und hergekommen zu sein, traf mich wieder mit aller gebührenden Wucht. Es verstieß einfach gegen die allgemeingültigen Regeln. Mindestens zu zweit eine Expedition begehen; Bekannten davon berichten, wohin man unterwegs ist, sodass sie deine Rückkehr abschätzen können. Dämlich, wie ich war, hatte ich mich an keinen der aufgestellten Leitfäden gehalten.

»Scheiße«, stieß ich zwischen zusammengepressten Lippen heraus. Ich streckte den Arm aus und konnte die Stelle an meinem Bein spüren, wo ein schartiges Stück meines Schienbeins die Haut und den Stoff der Hose durchstoßen hatte. Um nicht den Verstand und das Bewusstsein zu verlieren, weigerte ich mich, die Taschenlampe auf die Wunde mit dem offenen Bruch zu richten, sondern führte den Strahl der Lampe an den Wänden der Höhle entlang. Das Licht wurde von den wie zu Wurfspeeren gefrorenen Formationen reflektiert und gebrochen. An einer Stelle brach sich der Schein in einem Regenbogen und ich versuchte, ihn in dieser Position zu halten, regungslos und den Atem anhaltend.

Trotz der Kälte schwitzte ich in meinem Anorak. An meiner Hüfte hingen Metallhaken, die sich langsam in mein Fleisch bohrten. Ich korrigierte meine Haltung und wischte mir mit einer stark zitternden Hand den Schweiß von den Augenbrauen. Ich sah nach oben. Die Decke der Höhle schien sich direkt auf mein Gesicht zu legen. Darin eingebettet waren die Kalziumablagerungen und der zu verschieden glänzenden Mustern angeordnete Glimmer zu sehen. Ich entdeckte auch wieder das schmale Loch; das Loch, durch welches ich so fahrlässig hinuntergestürzt war, und in diesem Moment ging der Strahl der Taschenlampe ein weiteres Mal aus.

Absolute Schwärze …

»Mach schon, du verdammtes Scheißding …«

Wieder schlug ich einige Male gegen die Lampe, aber diesmal blieb sie aus. Sekunden waren inzwischen vergangen, aber sie kamen mir wie Stunden vor. Der Schmerz schien in der Dunkelheit zuzunehmen und pochte synchron mit dem Blut aufgerissener Kapillaren in meinen Augen. Ich konnte meinen eigenen, abgestandenen Atem riechen, der wie ein Hall in der engen Höhle auf mich zurückgeworfen wurde. Wie viel Luft verblieb mir hier unten? Wie lange mochte es dauern, bis ich schließlich ausbluten würde.

Nach einer Weile stellte ich fest, dass ich trotz der Dunkelheit meine blassen Hände sehen konnte – offenbar war die Finsternis doch nicht so absolut, wie ich es zunächst befürchtet hatte. Aus zusammengekniffenen Augen konnte ich einen äußerst schwachen Lichtstreif erkennen, eine etwa münzgroße Öffnung weit über meinem Kopf. Ich wusste nicht, ob es sich hierbei um Tageslicht oder um die Reflexion von einer mit Eis überzogenen Oberfläche handeln mochte. Es war, als ob ich inmitten eines Spiegelkabinetts nach der echten Welt suchen würde. Plötzlich ging die Taschenlampe in meiner Hand wieder an und ließ mich erschrocken zusammenfahren. Ich richtete den Strahl hinauf zu der unscheinbaren kleinen Öffnung über mir, wo er in der Entfernung zunächst abgedämpft und dann von einer milchigen Dunkelheit verschluckt wurde. Ich musste an die 20 bis 30 Fuß tief gefallen sein, war mir aber nicht sicher über die tatsächliche Höhe.

Im Licht der Lampe konnte ich an den Wänden der Kammer vage Strukturen ausmachen, die mir womöglich als Kerben für meine Hände dienen könnten, aber der Schacht an sich wirkte erschreckend schmal. Wie um alles in der Welt war es mir nur gelungen, so einen engen Schacht hinunterzustürzen?

Du bist auf diesem Weg runtergekommen, sagte ich mir. Und du kannst auch auf demselben Weg wieder nach oben.

Ich tat einen tiefen Atemzug und versuchte mich auf meinem unverletzten Bein aufzurichten. Die Hose um meine Schenkel, die praktisch die ganze Zeit in dem Wasser gelegen hatten, waren vollgesogen und taub. Der Schaft war schmal genug, um mich gegen die Wand zu lehnen und die Belastung von meinem gebrochenen Bein zu nehmen, obwohl die geringste Veränderung meiner Körperhaltung unsägliche Schmerzen mit der Wucht eines Wirbelsturms durch meinen Körper fegte. Ich biss die Zähne so fest aufeinander, dass ich sie beinahe zu Pulver zermahlen konnte. Aber es gelang mir trotz der Widrigkeiten, mich auf ein Bein aufzustützen, und meinen Kopf und die Schultern den schmalen Schacht aufwärts zu schieben. Ich hörte meinen Anorak reißen und die Metallhaken entlang der Eiswände reiben. Jedes Mal, wenn ich ausatmete, wurde mir die verbrauchte Luft im Schacht zurückgeworfen. Die Öffnung war so schmal, dass ich meine Arme nicht anheben konnte. Für eine panikerfüllte Sekunde war ich davon überzeugt, hier drinnen festzustecken. Irgendwie schaffte ich es aber, freizukommen und mich durchzuschieben. Ich musste die Muskeln anspannen, wodurch sich der ohnehin knappe Raum noch weiter um mich schloss und ich mit einer an meine Brust gehobenen Hand in meiner Bewegung erstarrte. Die Hand mit der Taschenlampe hing immer noch an meiner Seite, zu klobig, um sie im Schacht anzuheben, und so orientierte ich mich an dem kleinen, verschwindend geringen Lichtpunkt weit über mir. Mein verletztes Bein ließ sich nicht strecken, doch ohne die Beine auszustrecken, würde es unmöglich werden, aus dem Schaft zu klettern. Sogleich verwarf ich diesen Gedanken und versuchte, die freie Hand nach unten zu bringen, schaffte es aber nicht – ich klemmte fest.

Jesus

Ich dachte über meinen SUV nach und das war kein gutes Zeichen. Mein metallisch-grüner Jeep war abseits der Hauptstraße geparkt und nur sichtbar, wenn man auch wirklich danach Ausschau halten würde. Nicht, dass jemand auf diesen Gedanken kommen würde. Aus meinen zahlreichen Unterhaltungen mit Höhlenforschern wusste ich, dass man ganz schön in der Scheiße saß, wenn man sich Gedanken darüber machte, ob das eigene Fahrzeug vom Highway aus zu sehen war oder nicht; hing man erst mal dieser Überlegung nach, hatte man bereits die berühmt-berüchtigte Arschkarte gezogen.

Fünf Jahre alt, ging es mir plötzlich durch den Kopf. Schwimmunterricht. Dad sagt dir, dass du deinen Kopf unter Wasser halten sollst, halt den Kopf unter Wasser, halt den Kopf unter Wasser. Ein tiefer Atemzug, und dann halte den Kopf …

»Unter Wasser«, flüsterte ich.

Ich sprach es nicht aus, um es zu hören, vielmehr, um die Luft aus meiner Lunge zu atmen und den Brustkorb so weit wie möglich einzuziehen. Der Fels lockerte seinen eisernen Griff um mich und nun gelang es mir wieder, die festgeklemmte Hand zu bewegen. Ich zog meinen Arm den engen Spalt zwischen meinem Körper und der Wand hoch und tastete mit der gefühllosen Handfläche nach einer der Kerben, die ich vorher im Schein der Taschenlampe gesehen hatte, und die mir möglicherweise einen sicheren Halt bieten würde, glitt mit den Fingern hinein, und griff zu. Irgendwas legte sich an meinen Hals und das Bild eines in Spinnweben eingewickelten Skeletts erschien vor meinem geistigen Auge. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und es gelang mir, im Licht der Taschenlampe die andere Hand ebenfalls aufwärts zu bringen. Der Geruch von Schwefel war allgegenwärtig.

Das ist nicht Sulfur, sondern Chlor, versuchte mich eine hartnäckige Stimme in meinem Kopf zu überzeugen. Das ist nicht viel anders als Schwimmen. Und du schwimmst. Du schwimmst in einem Pool, siehst du das nicht?

Alles klar. Ich konnte es sehen, ich konnte es spüren. In Ordnung.

Die Taschenlampe fiel aus meiner Hand. Ich hörte sie gegen die Wände prallen, während sie runterfiel, und den hellen Strahl mit sich zog. Sie landete mit einem hohlen, gummiartigen Platschen im Wasser. Augenblicklich danach wurde der Schacht wieder in Finsternis getaucht.

Das ist wie Schwimmen. Das ist wie Schwimmen …

Jetzt erst stellte ich fest, dass ich den Atem angehalten und meiner Lunge seit geraumer Zeit keine frische Luft zugeführt hatte. Daher holte ich tief Luft, die Lunge stöhnte unter der Belastung, und meine Brust weitete sich wieder, drückte gegen das mich umgebende Gestein.

Das beklemmende Gefühl, in dieser Enge ersticken zu müssen, war wieder zurückgekehrt. Ich konnte keinen normalen Atemzug tätigen. Die Angst, hier unten allein zu sterben, verlieh mir jedoch die erforderliche Kraft, weiter emporzuklettern.

Meine Finger streckten sich über die Oberfläche der Wand, um sich um günstige Kerben und Vorsprünge zu schließen, während die Muskeln in Armen und Schultern vor Anstrengung brannten und ich mich vom Boden hochzog, ohne dabei die Beine unterstützend einzusetzen. Der Schacht war einfach zu eng, als dass ich ein Knie hätte anwinkeln und hochbringen können. Meine Beine hingen als nutzloser Ballast unter mir. Das gebrochene, linke Bein fühlte sich an, als wäre es mit Glas gefüllt, und über einen Kleiderbügel geworfen.

Ich bekam einen Vorsprung zu fassen und konnte den zurückweichenden Schacht hinter meinen Schultern spüren. Der Tunnel wurde breiter. Das ist wie Schwimmen. Das ist wie Schwimmen. Ich schob mich weiter nach oben.

Meine Hände glitten weg und ich sah den Fall, bevor dieser tatsächlich eintrat. Als ich schließlich unten aufschlug, war der Schmerz so gewaltig, dass mein Geist davongeschleudert wurde …

Ich stand am Ende eines langen Piers und beobachtete ein in der Dämmerung träge kreisendes Riesenrad. In meinem Hals kratzte es unangenehm und ich hustete in meine Hand. Beunruhigt nahm ich zur Kenntnis, dass einige Leute auf der Promenade in meine Richtung schrien und dabei auf mich zeigten. Ich legte die Hände an meinen Mund und hustete wieder. Überrascht stellte ich fest, dass ich diesmal eine Narzisse ausgehustet hatte, feuchtglänzend von meinem an ihr klebenden Speichel.

Und ohne Vorwarnung bin ich wieder dort, stehe in der Ferne, und blicke prüfend auf die saftigen, grünen Hänge des Abhangs, irgendwo in Italien. Sobald ich realisiere, wo ich mich befinde, sehe ich auch schon das Fahrzeug um die Kurve rasen. Ich winke mit den Armen, flehe den Fahrer an, langsamer zu fahren.

Ich fand mich in einem pechfinsteren Raum wieder, als eine Figur aus den Schatten tauchte. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, wie es mir gelungen war, in der Dunkelheit die Umrisse der Gestalt erkannt zu haben, aber als sie sich mir näherte, konnte ich deutlich ihre Präsenz spüren, fast schon wie eine Art Strahlung, die sie abzugeben schien, und eine sonderbare Erwartungshaltung regte sich in mir.

Dann öffneten sich meine Augen in der Schwärze der realen Welt.

Hier, dachte ich. Hier unten werde ich sterben.

Der Schmerz war so intensiv gewesen, dass ich sofort in barmherzige Bewusstlosigkeit gefallen war. Nach dem Aufwachen spürte ich mein linkes Bein nicht mehr – diese entsetzliche Vorstellung, das es nicht mehr da war – aber der Schmerz, der mir vorher das Bewusstsein versengt hatte, der nicht auszuhaltende, wahnsinnige Schmerz, war nicht mehr da.

Ich lag inmitten des eisigen Wassers auf dem Grund. Mir war durchaus bewusst, das ich wieder bei Sinnen und verstandesmäßig klar war, aber ich verweigerte jede Regung. Die Taschenlampe war hinüber, wahrscheinlich kaputtgegangen, nachdem ich draufgefallen war, doch es kümmerte mich nicht. Das war es. Ich sah den Wagen über den Abhang hinausschießen; fort waren die Gedanken um den eigenen Jeep Cherokee.

Ich war nicht allein hier unten.

Die Empfindung war nicht falsch zu deuten. Als ich noch ein kleines Kind war, pflegte meine Mutter mich auf ihren Schoß zu nehmen, und mit ihren Fingernägeln über meinen Rücken zu streichen. Sie zog verschiedene Formen und Figuren über meine Haut und ich musste erraten, um welche es sich dabei handelte – eine Schildkröte, ein Löwe, ein Wolkenkratzer. Sekunden, bevor sie ihre Fingernägel auf meine Haut aufsetzte, konnte ich ihre Anwesenheit spüren, wie ein Stechen entlang meines Rückens, ein Kribbeln am Steißbein. Das war dasselbe Gefühl: das unverrückbare Wissen um die Anwesenheit eines anderen.

»Ich sterbe«, sagte ich. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich das laut ausgesprochen hatte.

Nein, tust du nicht, widersprach Hannah. Mein Herz tat einen Sprung in meiner Brust. Ich wünschte mir Licht, damit ich sie sehen konnte, aber natürlich gab es hier kein Licht. Dies hier war eine Gruft unter der Erdoberfläche.

–Steh auf, befahl sie mir.

»Ich kann nicht«, schaffte ich zu entgegnen, und diesmal war ich sicher, die Worte ausgesprochen zu haben, denn meine eigene, krächzende Stimme wurde in der kleinen Höhle auf mich zurückgeworfen.

»Kann … mich nicht … bewegen.«

–Du darfst hier unten nicht sterben, warf sie ein.

Sie sprach noch weitere Worte. Worte, die keinen Sinn ergaben, aber darauf abzielten, mich zum Weitermachen anzuheizen, mich aus dem eisigen Wasser aufzurichten, und wieder den Aufstieg ins Auge zu fassen.

Die Hand, die sich aus der Finsternis nach mir streckte, blieb meinem Blick verborgen, aber ich konnte deutlich wahrnehmen. Das Gefühl war ähnlich dem, welches ich als Kind immer hatte, wenn meine Mutter das Spiel mit ihren Fingernägeln auf meinem Rücken trieb; ich bekam eine Gänsehaut, und ein Kribbeln kroch an meiner Wirbelsäule entlang abwärts.

Ich wusste natürlich, dass sich keine echte Hand in der Dunkelheit befand, die mir unterstützend zur Seite gestanden hätte – das mein gemarterter Verstand dieses Hirngespinst von einer Emotion und die Hand erschaffen hatte – aber die Vorstellung war so klar und stark umrissen, das ich begann, wieder neue Kraft zu schöpfen, zu hoffen, und eine Zuversicht in mir zu spüren, die schon an Euphorie grenzte.

Diesmal brachte ich die Arme gleich zu Beginn über meinen Kopf, denn ich hatte aus meinem vorherigen Fehler gelernt. Ich tastete mit den Fingern entlang der Wand, bis ich geeignete Kerben gefunden und diese ergriffen hatte. Mit meiner wiedergefundenen Stärke und Entschlusskraft hievte ich mich vom Boden und aus dem frostigen Wasser, in dem ich seit meiner Landung gelegen hatte, doch bei der Bewegung schoss wieder der übelkeitserregende Schmerz durch mein linkes Bein, von dem ich angenommen hatte, das er nun völlig taub sei. Der Schmerz war nicht auf das Bein beschränkt, sondern pulsierte durch meinen gesamten Körper, nahm jeden Nerv, jede Zelle in Beschlag, und ließ mich die Zähne aufeinanderbeißen. Aber ich schob mich weiter in Richtung des kleinen Lochs über meinem Kopf, wobei mir nur die Hände und das Eine, gesunde Bein zur Verfügung standen.

Aufgrund der klaustrophobischen Maße des Schachtes, konnte ich meine Ellbogen nicht über den vollen Bewegungsradius zurückziehen und anwinkeln. Mir blieb in etwa ein Spielraum von 30 Grad, wodurch ich mit den Armen nur eine kurze Strecke über die Wand ertasten und mich hochziehen konnte, aber daran konnte ich nichts ändern. Die Wände waren so nah aneinandergerückt, dass sie an den Spitzen meiner Ellbogen scheuerten, und der aufgewirbelte Staub in meine Lunge drang. Es bedurfte einiger Anstrengung und Überwindung, eine Hand von der Kerbe zu nehmen, und damit an der Wand nach einer höher gelegenen Nische zu greifen, während ich wie das Pendel einer Uhr über dem Boden schwang. Ich streckte den Arm geradewegs nach oben und der Raum um mich wurde etwas größer. Dann zog ich mich mit der anderen Hand, die ich immer noch um die Kerbe hielt, ein Stück weiter hinauf. Die Sehnen und Bänder in meinem Körper waren gespannt wie die Saiten einer Violine und schienen vor Belastung im Gleichklang zu vibrieren. Aber es gelang mir, mit dem freien Arm noch weiter nach oben zu greifen. Mit tauber Zufriedenheit stieß ich mit der freien Hand auf einen Stein über meinen Kopf und augenblicklich glitten die Finger in eine weitere Kerbe. Schnell und unbedacht kletterte ich weiter und wurde für meinen Übereifer bestraft, als der aus der Haut herausragende Schienbeinknochen gegen die Felswand des Schachtes geschlagen wurde.

Der Schmerz ließ mich blind und einer Ohnmacht nahe an der Wand krampfen und wurde von den funkelnden, bunten Explosionen vielzähliger Feuerwerkskörper verdrängt, die mich annehmen ließen, ich sei bereits gestorben und würde in einem Fass mit geschmolzenem Gestein in der tiefsten Ebene der Hölle gekocht werden.

–Hoch, drängte Hannah. –Hoch.

Der Schmerz hätte mich in seiner bewusstseinstrübenden Intensität verschlingen und zerstören können, aber ich leitete ihn in einen anderen Kanal um, und ließ ihn meine Aggression und meinen Überlebenswillen nähren. Jetzt war es mir egal, ob ich den freiliegenden Schienbeinknochen an der Wand zu gelbem Pulver zermahlen würde. Ich würde hier herausklettern und der Schmerz war mein Treibstoff.

Ich setzte den Aufstieg zu dem schwachen Lichtschein fort. Am Ende wusste ich nicht, wie viel Zeit es mich gekostet hatte, um die darüber liegende Kammer zu erreichen, in der aus einer Öffnung an der Decke schwindendes Tageslicht in die Höhle geworfen wurde. Es hätten Minuten, aber auch Stunden vergangen sein können.

Als ich aus der Höhle einen Weg nach draußen fand und wieder über stabilen, irdenen Boden kroch, brach ich zusammen.

 
– 3 –
 

Kurze Momente des Bewusstseins zogen an mir vorbei wie Libellen im Flug. Ich vermochte nicht zu sagen, ob ich mich in einem Traum befand oder nicht, denn als sich meine Augenlider hoben, war ich irgendwie außerhalb der Höhle und befand mich in der Wüste, wo ich Echsen dabei beobachten konnte, wie sie mit ihren schwarzen, zitternden Zungen Wasser aus kleinen Rinnsalen leckten, während ich die vorabendliche Hitze auf meinem Körper spürte. Ich kroch im Wüstensand auf einen großen, aus dem Boden ragenden Stein zu, den ich mir im Geist als den versteinerten Rückenwirbel eines gewaltigen, prähistorischen Tieres vorstellte. Abermals verlor ich das Bewusstsein.

Diesmal war es bereits Nacht, als ich aus der Umnachtung zu mir kam. Der Mond schimmerte als dicke Perle hinter einer lang gezogenen Bank aus ausgefranst und schmutzig aussehenden Wolken. Die Luft war kühl auf meiner Haut. Mehrmals blinzelte ich mit den Augen, versuchte, mich daran zu erinnern, wo ich mich befand und wie in aller Welt ich hierhergekommen sein mochte. Ich wollte aufstehen, doch mein Körper zeigte wenig Kooperationsbereitschaft und ich fiel wieder zurück in den Dreck, wobei ich von Höllenqualen bis ins Mark erschüttert wurde. Ich starrte an mir herab und sah das Gemetzel, das mal mein gesundes linkes Bein gewesen war – die von meinem Blut durchtränkte Hose und den geisterhaften, fahlen Glanz des freiliegenden Knochens – und übergab mich in den Sand. Ob ich wieder in die Bewusstlosigkeit abdriftete oder der Autopilot die Kontrolle an sich riss, konnte ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.

Das Nächste, woran ich mich klar erinnern konnte, war, dass ich mich gegen eine Steinmauer gelehnt hatte, gestützt auf einen Ast als behelfsmäßiges Provisorium, und meinen Blick in die Ferne schweifen ließ. Samtene Sterne hingen am Himmelsdach. Der Lärm um mich herum – das Zirpen und Summen von Insekten, das Geschnatter der Vögel, das Heulen der Wölfe – die geballte, kumulative Geräuschkulisse der Natur war ohrenbetäubend.

Ich versuchte über Sandbänke hinweg den Highway zu finden. Allerdings konnte ich weder Scheinwerfer von vorbeifahrenden Autos erkennen, noch das schwache Leuchten von Natriumlampen einer Stadt ausmachen. Die Mondoberfläche hätte nicht weniger verheißungsvoll aussehen können.

Hannah stand etwa 20 Meter vor mir. Sie trug ein einfaches Kleid aus Baumwolle, ihr Haar war zu einem Bob kurz geschnitten, wie ich es mir oft vorgestellt hatte, ihre Haut so hell, beinahe an der Grenze zur Transparenz. Im Schein des Mondes wirkte sie wie ein Geist, der über den Boden zu schweben schien. Und das war sie ja auch. Immerhin war sie tot.

»Hannah«, krächzte ich aus einem sich rau und kratzig anfühlenden Hals.

Das Atmen bereitete mir Schmerzen, vom Reden ganz zu schweigen. Gott allein wusste, wie lange ich bisher ohne Wasser ausgekommen war.

Sie wandte sich ab und lief – nein, vielmehr schien sie zu schweben – auf einen kleinen, felsigen Hügel, und verschwand auf der anderen Seite. Sie sagte nichts, und die Entfernung war zu groß, um ihren Gesichtsausdruck sehen zu können, aber, und dessen war ich mir sicher, sie wollte, das ich ihr hinterherging. Auf meine Krücke gestützt, humpelte ich zu der kleinen Anhöhe, einmal kurz innehaltend, um zu Atem zu kommen und wieder etwas Gefühl in mein taubes, linkes Bein fließen zu lassen.

Es gab keinen Schmerz. Ich hatte den Schmerz hinter mich gebracht, was für den Moment gut und vorteilhaft war, obwohl im Kontext des Ganzen eine lang andauernde Taubheit eher als schlechtes Omen zu werten war. Das Bein schien nicht mehr zu retten zu sein.

Nun merkte ich auch die Folgen einer einsetzenden Unterkühlung. Die Zeichen waren allzu offensichtlich und nicht zu verkennen: Kalter Schweiß, Schüttelfrost, verschwommene Sicht, die schwindende Kraft bei jedem mühsamen Schritt, der mir gelang. Ich wollte nur noch die Augen schließen und mich fallen lassen. Wahrscheinlich hätte ich genau dies getan, wenn nicht Hannah so plötzlich aufgetaucht wäre.

Das ist aber nicht Hannah, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Hannah ist tot.

Hannah stand auf der anderen Seite des Hügels und starrte geradewegs in meine Richtung. Als ich mich wieder auf die Krücke stützte und unbeholfen auf sie zustakste, drehte sie sich weg und verschwand hinter einem Wall aus niedrig gewachsenen Bäumen. Ich folgte ihrer Erscheinung durch die Bäume und benutzte dabei Zweige und Äste zur weiteren Unterstützung. Hätte ich in der Dunkelheit den Blick auf ihr weißes Abendkleid verloren, hätte ich mich der Erschöpfung hingegeben, bevor ich durch den Baumbestand hindurch auf eine gewaltige Lichtung hinausgetreten wäre.

Aber es war keine Lichtung. Es war eine Straße. Ich stand mitten auf dem Highway.

 
– 4 –
 

Ich habe den Mann nicht kennengelernt, der letztlich angehalten, meine klägliche Gestalt von der Straße geholt, in sein Auto gehievt und in das nächstgelegene Krankenhaus gefahren hat. Aber das mich behandelnde medizinische Personal versicherte mir, dass er schwer in Ordnung gewesen war und mir alles Gute auf dem Weg der Genesung gewünscht hatte.

Ende der Leseprobe

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