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TAGEBUCH EINES TOTEN

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Michael Dissieux

Endzeit-Thriller

Band 1
Serie: Die letzten Kinder der Erde

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Inhalt:

Sex, Drugs and Rock´n´roll, so lautet das erste Gebot in Steves ganz persönlichem Evangelium. Er kennt jeden Vers, jeden Spruch und jeden Song auswendig.
Menschen wie Steve haben keine Freunde. Sie schwimmen gegen den Strom, leben nach ihrer eigenen Philosophie und ernähren sich hauptsächlich von Whiskey, Bier und willigen Frauen.
Menschen wie Steve zelebrieren ihr Leben ebenso intensiv, wie es der Rest der Menschheit an jedem Sonntagmorgen macht, wenn die Kirchenglocken rufen und eine weitere Krisensitzung im Hause Gottes einberufen wird, nur dass sie dazu keine Kirche brauchen. Sie orientieren sich lieber an den unsterblichen Zeilen von Songs wie Stairway to heaven oder Whole lotta love. Ihre Götter sind Axl Rose, Ozzy Osbourne oder Marc Bolan, mit deren Segen sie behütet und auf ihre ganz spezielle Weise glücklich den Highway des Lebens entlangrasen.
Menschen wie Steve stehen gerne inmitten von Leuten, die sie nicht kennen, und die mindestens ebenso kaputt sind wie sie selbst.
Sie stehen in einem zugemüllten, nach Bier und Pisse stinkenden Stadtpark in einer Stadt wie Bakersfield gegen einen Baum gelehnt, lauschen einer Band, die den guten, alten Hardrock ihrer Jugend spielt, ohne zu ahnen, dass sich ihr Leben an diesem Tag innerhalb eines Augenblicks in einen Albtraum verwandeln kann …

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2016

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

384

ISBN

978-3-95835-187-5

eISBN

978-3-95835-188-2

Leseprobe

Auf dem Highway zur Hölle

Damals, als Steve noch jung und das Leben für ihn interessant gewesen ist, betete er zu einem Gott und nannte ihn Lemmy. Meistens dann, wenn er zu viel getrunken und Angst vor dem Morgen hatte, sein Verstand in bunte Watte gepackt war oder er einfach nur mal wieder Mist gebaut hatte.
  Sex, Drugs and Rock’n’roll, so lautet das erste Gebot in Steves ganz persönlichem Evangelium. Er kennt jeden Vers, jeden Spruch und jeden Song auswendig und weiß, wie sich das Himmelreich auf jede erdenkliche Weise anfühlt. Er kennt das Fegefeuer ebenso, wie die Posaunen des Jüngsten Gerichts, die seinen Schädel zu zerbersten drohen, und er hat alles erlebt und überlebt.
Menschen wie Steve haben keine Freunde. Sie werden begleitet von Bekannten, Weggefährten oder kurzzeitigen Affären, doch niemals von Freunden. Menschen wie Steve lassen so viel Nähe gar nicht zu. Sie schwimmen gegen den Strom, leben nach ihrer eigenen Philosophie und ernähren sich hauptsächlich von Whiskey, Bier und Frauen, die es ihnen in nach Zigaretten und Schweiß stinkenden Hinterzimmern in dunklen Ecken und ausgeleierten Betten billig und dreckig besorgen.
Sie zelebrieren ihr Leben ebenso intensiv, wie es der Rest der Menschheit an jedem Sonntagmorgen tut, wenn die Kirchenglocken rufen und eine weitere Krisensitzung im Hause Gottes einberufen wird, nur dass Menschen wie Steve dazu niemanden in Talar und mit gewichtiger Miene brauchen, der auf einer Kanzel steht und ihnen predigt, wie sie ihr Leben zu gestalten haben. Sie orientieren sich lieber an den unsterblichen Zeilen von Songs wie Stairway to heavenoder Whole lotta love. Ihre Götter sind Axl Rose, Ozzy Osbourne oder Marc Bolan, mit deren Segen sie behütet und auf ihre ganz spezielle Weise glücklich den Highway des Lebens entlangrasen.
Für sie gibt es kein Morgen, nur das Jetzt. Sie tanzen jeden Tag auf der Klinge eines frisch geschliffenen Messers und beten, dass ihnen die Zehen nicht zerschnitten werden. Menschen wie Steve stehen gerne inmitten von Leuten, die sie nicht kennen, und die mindestens ebenso kaputt sind, wie sie selbst. Sie stehen dicht gedrängt inmitten schwitzender Leiber und sind ihren Göttern auf diese Weise ebenso nahe, wie der Rest der Gesellschaft an jedem Sonntagmorgen.
Sie stehen in einem zugemüllten, nach Bier und Pisse stinkenden Stadtpark in einer Stadt wie Bakersfield gegen einen Baum gelehnt und klammern sich an die Träume einer Zeit, die sie nie so ganz loslassen und in den Schatzkisten ihrer Erinnerungen begraben wollen. Diese Schätze sind ihr ganz persönliches Halleluja und die Erinnerungen daran ihr von Herzen kommendes Amen.
Während die Gitarrenriffs sein Trommelfell malträtieren und die Bässe den Alkohol im Magen zum Kochen bringen, denkt Steve an früher und kann sich eines Lächelns nicht erwehren.
Damals, als er Anfang zwanzig war, hatte er Highway to hell von AC/DC geliebt. Das war zu einer Zeit, als er seine Haare genauso lang wie heute trug, nur nicht ganz so ergraut, und eine vielversprechende Lehre als Automechaniker abgebrochen hatte, um mit seinen Kumpels, der Roadgang, wie sie sich narzisstisch nannten, auf der Straße oder in verrauchten und dunklen Hardrock-Kneipen herumzuhängen. Es waren auch die Jahre, als er mit seinem Vater brach und versuchte, seine eigenen Fußspuren in der Welt zu hinterlassen. Highway to hell war seine persönliche Hymne gewesen, denn auch wenn er es sich damals nie eingestanden hätte, so wusste in jenen scheinbar unbeschwerten Tagen ein kleiner Teil von ihm bereits, dass er sich spätestens mit dem Abbruch seiner Lehre auf dem Highway zur Hölle befand.
Seine Kumpels waren das, was man in den Siebzigern als Halbstarke bezeichnete.
Manche hatten, genau wie Steve, ebenfalls ihre Lehre in den Sand gesetzt, sofern sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, sich für einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Oder sie hatten Mädchen geschwängert, die für sie nur im Bett oder auf den Rücksitzen ihrer Autos von Nutzen waren, und entzogen sich danach stets jedweder Verantwortung, indem sie der einstigen großen Liebe einfach den Laufpass gaben und jeglichen Austausch von Körperflüssigkeiten lautstark und sich gegenseitig auf die Schulter klopfend leugneten.
Für Steve waren diese Menschen, die Roadgang, seine Familie.
Wenn er sich heute zurückentsinnt, wird ihm auf schmerzliche Weise bewusst, dass er lediglich als kleiner unscheinbarer Tropfen im Fluss seiner Kumpels mitgeschwommen ist und keineswegs seine eigenen Fußabdrücke im Staub der Straßen hinterlassen hat. Er war nur ein Mitläufer, jemand, dessen Stimme zu leise war, um vom Gebrüll der anderen unterschieden werden zu können. Doch damals, in den späten Siebzigern, zu einer Zeit, als Heavy Metal sich mit der Discowelle anlegte und es zu erbarmungslosen Kämpfen unter ihren glühendsten Verfechtern kam, fühlte er sich unbesiegbar und baute sich seine eigene, kleine Welt auf den Fundamenten von Hardrock und Metal auf. He builts his city on rock’n’roll …
  Dass sein Reich nur auf einem äußerst bröckeligen Sockel stand und um ihn herum einstürzte, ohne dass Steve es überhaupt bemerkte, wurde ihm leider erst viel zu spät bewusst.
Seine Freunde verschwanden, einer nach dem anderen. Sie wanderten entweder in den Knast, weil die Mädchen, die sie in ihren verrosteten Autos geschwängert hatten, noch minderjährig gewesen waren, oder sie verließen die Stadt aus dubiosen Gründen und wurden nie wiedergesehen – und wenn, dann erst unzählige Jahre später und unter ebenso zweifelhaften Umständen. Steves Reich bröckelte, und zurück blieb ein junger Mann ohne Orientierungssinn, der nicht wusste, wohin er gehörte und der es gerade einmal schaffte, im Wald nicht gegen den erstbesten Baum zu laufen.
Sein Vater hatte ihn offiziell aufgegeben, als er seine Lehre abgebrochen hatte, seine Mutter war lange vor seiner rebellischen Zeit gestorben, was vielleicht auch der Auslöser seines Verhaltens sein könnte. Ihr war, wenn es nach den Worten seines Vaters bei ihrem letzten Telefonat ging, durch ihren Tod so einiges in ihrem armen und aufopfernden Leben erspart geblieben. Gott sei ihrer Seele gnädig, aber seinen Vater könnte er noch immer mit einem Fußtritt und einem breiten Grinsen auf direktem Weg in die Hölle treten.
Außer seiner Gang besaß Steve keinerlei Freunde.
Zu jener Zeit erhob er Highway to hell in den Stand seiner Lebensbeichte, so schwer es ihm damals auch gefallen war, diesen genialen Song für seinen eigenen Niedergang zu missbrauchen. Er fuhr den Highway entlang, ohne zu wissen, wo sich die Bremse befand oder auch nur einmal einen Blick in den Rückspiegel zu werfen. Er besaß nicht einmal genügend Verstand, um mitten auf der Straße zu wenden und durch die Dunkelheit, die ihn zu verschlucken drohte, wieder zurückzufahren.
Als Steve nun vor der kleinen Bühne im Stadtpark von Bakersfield steht, eine Dose Bier in der einen und eine Selbstgedrehte in der anderen Hand und erneut auf dem Highway zur Hölle fährt, denkt er an jene Jahre zurück. Es war eine Zeit, von der er bis heute nicht weiß, ob er sie verdammen oder festhalten sollte.
Er hat keine Ahnung, welches Gefühl in ihm überwiegt, die Melancholie, weil er die Zeit von damals trotz ihrer Entbehrungen und Erniedrigungen als die einzig glückliche seines Lebens ansieht, oder der Zorn, weil er von jenen Tagen an ein Ausgestoßener gewesen ist. Ein Aussätziger, dem man auf den Straßen mit gerümpfter Nase begegnet, weil man ihn in keine Schublade stecken kann und er sich beharrlich weigert, der aufgedrückten Norm der Gesellschaft zu entsprechen. Er war nie dazu bereit gewesen, sich an etwas anzupassen, von dem er nicht tief in seinem schwarzen Innern vollkommen überzeugt war.
Steve weiß, dass sein Leben nicht perfekt verlaufen ist. Fragt man seinen Vater, dem er heute nur noch sporadisch E-Mails schickt, ohne jemals eine Antwort zu erhalten, war sein bisheriges Leben sogar noch weniger wert als ein Eimer voller Scheiße.
Aber selbst wenn sein Leben nicht nach den Vorstellungen anderer Menschen verlaufen ist, und ehrlich gesagt, nicht einmal nach seinen eigenen, so ist Steve doch zufrieden mit sich. Zufrieden, aber nicht glücklich, doch mehr kann er in seinem Alter andererseits auch nicht mehr erwarten. Und mehr hat er wahrscheinlich auch gar nicht verdient. Er hat sich schon immer genommen, was er bekommen konnte und sich nie darüber beschwert. Er wollte nie mehr und war immer zufrieden damit gewesen.
Zufrieden, aber nicht glücklich.
Die Band auf der Bühne ist wirklich gut.
Er hatte den Namen Black Highway Riders vorher schon ein paar Mal in Kneipen gehört oder auf Plakaten gelesen. Als er vor einigen Tagen in einer Werbeanzeige im Internet gelesen hatte, dass die AC/DC–Coverband einen Auftritt in Bakersfield hat, war es für Steve eine Selbstverständlichkeit gewesen, sich auf seine 1966er Harley Davidson Shovelhead zu schwingen und sich auf den Weg zu machen.
Dillon kann auch einige Tage mal auf sich selbst aufpassen. Er ist es schließlich schon gewohnt, dass sich sein Vater ab und an für einige Zeit abmeldet, entweder, weil er den Idolen seiner verruchten Jugend hinterherfährt, oder sich einem weiteren Alkoholexzess hingibt, der ihn für ein paar Tage komplett außer Gefecht setzen wird.
  Dillon ist ein guter Junge, denkt er kurz, als er sich vorstellt, wie sein Sohn ihr Haus in Ridgecrest während seiner Abwesenheit auf den Kopf stellen und genau das tun wird, was Steve selbst tun würde, wäre er an Dillons Stelle. Er ist ein wirklich guter Junge, geht es ihm erneut durch den Kopf, auch wenn sie manchmal wie Feuer und Eis sind. Der Junge ist vielleicht das einzig Gute, das er je hervorgebracht hat.
Dann verschwindet Dillon wieder aus seinen Gedanken, und Steve widmet sich erneut den dieses Mal etwas melodischeren Riffs von Touch too much, ein Song, der nach Steves Meinung so gar nicht zu den Young-Brüdern und Brian Johnson passt, ihm aber dennoch immer gefallen hat.
Er sieht sich nun in der Menge um und wundert sich nicht zum ersten Mal, wie wenig Publikum Bands, die andere Bands covern, anlocken.
Natürlich wäre auch Steve ein Originalauftritt von Angus, Brian und ihren Kumpels hier in Bakersfield lieber gewesen, doch man musste schließlich realistisch bleiben. Städte wie Bakersfield waren lediglich für Coverbands interessant, nur in den seltensten Fällen auch für die Originale.
Er steht etwas abseits, in der Nähe des Waldrands, so, wie es seine Art ist. Steve liebt es, am Rande der Gesellschaft zu stehen, dort, wo er seine Ruhe hat und keine Aufmerksamkeit erregt. Dort, wo er die Leute ausgiebig beobachten und einteilen kann.
Vor ihm steht eine Gruppe von drei Jungs in schlecht sitzenden Lederoutfits mit einem jungen Mädchen in ihrer Mitte, das nicht älter als sechzehn sein kann, dennoch bereits Piercings und Tattoos zur Schau stellt und Steve in ihrem kurzen Ledermini und der Netzstrumpfhose durchaus zu unterhalten weiß.
Er grinst, als er an die Zeit zurückdenkt, in der er selbst in dem Alter gewesen ist. Damals versuchten die wenigen Mädchen, die auf seine Musik standen, krampfhaft sexy und verrucht zu wirken, was ihnen allerdings in den meisten Fällen gründlich misslang. Oftmals sahen sie einfach nur wie billige Kopien ihrer Idole aus, wie Doro Pesch oder Lita Ford, und ernteten damit nicht selten Steves überhebliches Kopfschütteln, wenn sie in den rauchgeschwängerten Kneipen lasziv vor ihm tanzten und ihm zuzwinkerten. Dennoch hatte ihn die Verzweiflung der Mädchen in den seltensten Fällen davon abgehalten, seinen Spaß mit ihnen zu haben, denn die knappen Outfits hatten ihn, ganz entgegen seiner Arroganz, durchaus gefallen. Gut für das Selbstbewusstsein, sowohl das der Girls, als auch das von Steve. Die Zeit damals bestand eben aus Geben und Nehmen, auch wenn sich Steve eingestehen musste, dass er stets mehr genommen, als gegeben hatte.
Er wünscht sich, dass es zu seiner Zeit auch schon Mädchen wie Cindy gegeben hätte. Sie wäre garantiert eine Metalqueen gewesen.
Ob die Kleine vor ihm wirklich Cindy heißt, weiß er natürlich nicht, doch Steve mag es, Menschen, die ihn interessieren, irgendwelche Namen zu verpassen. Steve war schon immer ein aufmerksamer Beobachter und wusste die Menschen in seiner Umgebung durchaus in Kategorien einzuteilen.
Das Mädchen, dessen wippender Hintern ihn teilweise zu hypnotisieren scheint, sieht aus wie eine kleine, naive und heiße Cindy, deshalb nennt er sie einfach so.
Die Namen der Jungs sind ihm gleichgültig. In Gedanken nennt er sie Chico, Harpo und Groucho.
Die Musik der Riders ist extrem laut und lässt den Boden unter seinen Füßen beben. Dennoch glaubt Steve zu hören, wie die Jungs vor ihm mit nach oben gereckten Fäusten einige Textpassagen, die sie irgendwann und irgendwo einmal gehört hatten, mitgrölen, während sich Cindy, sehr zu Steves Wohlwollen, aufs Tanzen beschränkt.
Steve betrachtet sie noch eine ganze Weile, wobei ihm der schnelle Rhythmus von Touch too much natürlich zugutekommt, und lässt seinen Blick dann über die Wiese des Stadtparks schweifen.
Am Rand hat man Bierstände und Hotdogbuden aufgestellt, darunter auch ein Stand, der asiatische Leckereien anbietet, sowie jemand, der alberne Figuren, deren Köpfe wackeln, und abgedrehte T-Shirts anbietet. Die meisten der Leute drängen sich um die Imbissbuden und blicken mit unverhohlenem Desinteresse zur Bühne, während sie ihr Bier in der Hand halten und ganz leicht im Takt auf und ab wippen. Einige wenige stehen auch großzügig verteilt vor der Holzkonstruktion, die als Bühne fungiert, und springen entweder im Takt oder schenken den Riders den obligatorischen Headbangergruß, indem sie den kleinen und den Zeigefinger von ihrer Faust abspreizen und in die Höhe recken.
Die Luft vibriert und schickt in Wellen dumpfe Bässe und kreischende Gitarrensoli zu Steve. Die Drums scheinen außerdem förmlich den festgestampften Boden der Parklichtung aufreißen zu wollen.
Steve inhaliert das alles so begierig, als wäre er wieder zwanzig Jahre alt. Er nippt an seinem Bier, das nicht seine bevorzugte Marke, aber dennoch gut ist, und zieht an seiner Zigarette, die Dillon nicht selten mit einem abfälligen Lächeln als Kraut bezeichnet.
  Dabei klaut er mir heimlich immer mein Kraut und ist sich auch noch sicher, dass ich es nicht merke, denkt Steve und lächelt kurz.
Vor ihm versucht Cindy gerade, ihn mit lasziven Bewegungen um den Verstand zu bringen. Sie wirft ihre langen schwarz gefärbten Haare über die Schulter, fährt sich mit beiden Händen durch die Mähne und kreist dann mit ihrem Hintern, als würde sie gerade auf einem ihrer pubertären Begleiter sitzen und ihn wie eine Furie reiten. Sie tanzt so leichtfüßig wie eine Elfe. Eine sehr erotische Elfe, wie Steve ihr anerkennend bescheinigen muss. Es ist kein Vergleich zu den einstudierten Tänzen der Mädchen aus seiner Jugend. Cindy lebt die Musik, sie wurde für harte Riffs und dumpfe Bässe geboren, und Steve fragt sich für einen kurzen Moment, wie das Mädchen wohl als alte Frau sein würde. Dann, wenn sie in Steves Alter gekommen wäre.
Ein breites Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, das man unter seinem ergrauten Bart allerdings kaum erkennen kann.
  Dies ist ein guter Tag, denkt er. Das Wetter hält sich entgegen der Vorhersage, die Fahrt war gut, die Band ist gut, und sogar das Bier in Bakersfield kann man als gut bezeichnen. Und Cindy ist sowieso die Beste.
Steves Grinsen wird noch breiter, als die Band Thunderstruck über die Lichtung brüllt und sogar die arroganten Typen an den Bierständen ihre Becher in die Luft recken und das Bier wie goldenen Regen verschütten.
Als er seine Augen für einen kurzen Moment von Cindy losreißen kann und in den Himmel blickt, sieht er zum ersten Mal den schwarzen Stern.
Steves Lächeln gefriert. Das Bier schmeckt plötzlich schal, so als hätte er etwas Verdorbenes in seinem Mund. Er hat das Gefühl, dass sich am sonnigen Himmel ein kleines schwarzes Loch aufgetan hat, so als hätte jemand mit einer brennenden Zigarettenspitze ein Loch in ein perfektes Gemälde gebrannt. Ein Punkt, der dort eindeutig nicht hingehört, der sich nicht bewegt und wie ein geöffnetes Auge auf ihn wirkt. Ein Auge, das ausschließlich ihn anzustarren scheint.
Steve blickt sich aufgeregt in der Menge um, doch keiner der Leute um ihn herum scheint das Phänomen bemerkt zu haben. Die Unterhaltungen und das Gelächter an den Bierständen gehen einfach weiter, die Meute vor der Bühne hüpft wie eine Welle zu Thunderstruck und Cindys Hintern zieht weiterhin unbekümmert seine anregenden Kreise.
Steve betrachtet nachdenklich das Bier in seiner Hand. Erst jetzt bemerkt er, dass der Alkohol schon seit geraumer Zeit seine warme und beruhigende Wirkung in ihm ausbreitet, unterstützt von den Schockwellen der Gitarren und Drums.
Er nimmt noch einen weiteren Schluck und lässt ihn dieses Mal bewusst auf der Zunge zergehen. Der üble, pelzige Geschmack ist nun endlich verschwunden.
Das wird es sein, sagt er sich und mustert erneut die Dose.
Das Bier und Cindy vernebeln mir einfach die Sinne.
Er stößt ein heiseres Lachen aus, das jedoch im Gewitter der Riders untergeht, und nimmt dann einen weiteren kräftigen Zug. Niemand dreht sich zu ihm um.
Verdammt, ich werde echt alt.
Als er erneut zum Himmel blickt, ist der schwarze Stern immer noch dort.
Doch jetzt schüttelt Steve lediglich den Kopf und starrt wieder zur Bühne. Die Welt schwankt ein wenig um ihn herum, neigt sich mal nach links, dann nach rechts. Steve nennt diesen Zustand zwischen Nüchternheit und BesoffenseinGedankenbeben. Es gab Zeiten, da liebte er diesen kleinen, lustigen Zwischenschritt, der ihn an billige Cartoons erinnerte, und der sein tristes Leben in weite Ferne rückte, ihn jedoch nicht ins Koma fallen ließ. Mittlerweile sagt ihm dieses Beben allerdings nur, dass es an der Zeit ist, mit dem Trinken aufzuhören. Die Zeiten ändern sich eben, und Steve unweigerlich mit ihnen.
Irgendwo weiter vorne kann er ein Kreischen hören, doch das ist bei einem Konzert wie diesem nichts Ungewöhnliches. Vielleicht hat irgendein Typ sein Mädchen an einer bestimmten Stelle berührt, weshalb sie diesen spitzen Schrei ausstieß.
Er betrachtet den Sänger der Black Highway Riders, der steif am Mikrofon steht und nicht die geringste Ähnlichkeit mit Brian Johnson aufweisen kann.
Sah man einmal von dem Typen an der Leadgitarre ab, der, genauso wie sein Idol, eine Schuluniform samt Ranzen trägt und Youngs rhythmisches Stampfen auf der Bühne nahezu perfekt imitiert, wäre Steve nie auf die Idee gekommen, dass die Jungs eine Coverband einer seiner Lieblingsgruppen darstellen könnten.
An einem der Imbissstände kann er plötzlich einen erneuten Schrei hören, dieses Mal so durchdringend und schrill, dass es sich nur um eine Frau handeln kann.
Steve dreht automatisch den Kopf und blickt in die Richtung, während er einen weiteren Schluck aus der Dose nimmt. Das Bier ist mittlerweile warm und beginnt erneut schal zu schmecken, doch der Tumult, der um die kreischende Frau herum ausgebrochen ist, lässt ihn sein Bier komplett vergessen.
Einige Männer halten nun eine langbeinige Blondine in schwarzer Lederkluft fest, die verzweifelt um sich schlägt und sogar einige Treffer landet. Längst hat sie die gesamte Aufmerksamkeit von den Leuten an den anderen Ständen auf sich gezogen.
Irgendwo in der Menge vor der Bühne erklingt plötzlich der tiefe panische Schrei eines Jungen und irgendwo neben ihm antwortet ihm das schrille Kreischen eines Mädchens.
Steve starrt abwechselnd in die verschiedenen Richtungen. Die Panik, die er in den Stimmen zu erkennen glaubt, überzieht seinen Körper trotz des Spätsommertages mit einer eisigen Gänsehaut.
Cindy und ihre Jungs hören nun auf zu springen, und auch vor der Bühne kommt die rhythmische Welle fast vollständig zum Stillstand, so als würden Meereswellen am Strand einer Bucht auslaufen. Stattdessen kann Steve sehen, wie sich unter den Leuten eine Unruhe auszubreiten beginnt. Einige Polizisten, die sich bisher eher unauffällig am Waldrand aufgehalten haben und fast vollständig mit den Schatten der Bäume verschmolzen waren, bewegen sich jetzt und streben auf die Unruheherde zu, während sie in kleine Funkgeräte sprechen.
Die Riders stimmen unbeirrt Back in Black an und lassen die Lichtung mit dem mächtigen Rhythmus des Songs erzittern.
Doch das Interesse der Meute vor der Bühne ist längst erloschen, und auch der Sänger sieht sich verunsichert nach seinen Kumpels um, die mit scheinbar makabrer Gleichgültigkeit die Tumulte auf der Wiese betrachten und ihre Gitarren und Bässe nur noch mechanisch bearbeiten, so als wären ihre Finger mit den Saiten verschmolzen.
Von überall erklingen jetzt spitze Schreie, ausgestoßen von Männern und Frauen gleichermaßen. Eine unheimliche Bewegung kommt in die Menge, die sich wie die Wellen einer aufgewühlten See ihren Weg über die Lichtung sucht und auch Steve nicht verschont.
Er zieht sich noch etwas weiter zurück und beobachtet das Geschehen mit einer Mischung aus Faszination, Unverständnis und kalter Furcht, wobei Letztere immer mehr die Oberhand gewinnt.
Cindy hat sich mittlerweile in den Arm von einem ihrer Begleiter geflüchtet und schmiegt ihren elfengleichen Körper so fest an den des Jungen, als versuche sie, in ihn hineinzukriechen. Dieser hat einen, mit einem zu großen und zu breiten Nietenband verunstalteten, dürren Arm um die schmale Schulter des Mädchens gelegt, beachtet sie jedoch nicht weiter, sondern redet aufgeregt mit seinem Kumpel auf der anderen Seite. Seine Stimme klingt so hoch wie die eines Kindes.
Unwillkürlich wirft Steve einen erneuten Blick in den Himmel, warum, kann er gar nicht so genau sagen. Er folgt einfach einer inneren Eingebung, die ihn dazu veranlasst, den schwarzen Stern zu suchen.
Tatsächlich steht etwas Düsteres und Finsteres inmitten des sonnigen Himmels und scheint den gesamten Horizont in ein aschfarbenes Grau zu verwandeln; als würde sich eine giftige Wolke langsam über dem Himmel ausbreiten.
Das Meer aus Leibern vor der Bühne gerät nun immer mehr in Aufruhr. Steve wird angerempelt, taumelt einige Schritte zurück und stößt dann schmerzhaft gegen den harten Stamm eines Baumes.
Jemand in seiner Nähe schreit plötzlich, dass die Welt untergeht, ein anderer mit vom Alkohol benebelten Blick meint, er hätte den Teufel auf der Bühne gesehen.
Steve lässt sein Bier und die Reste seiner Selbstgedrehten einfach fallen und presst sich dann fest gegen den Baumstamm.
  Der Teufel, denkt er. Jemand hat den Teufel gesehen.
  Eine kleine Stimme in seinem Kopf versucht über diesen Gedanken zu lachen, doch es wirkt aufgesetzt und falsch. Sein Blick sucht immer wieder den jetzt mit dunkler Farbe gestrichenen Himmel.
Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Die Jungs sind mittlerweile beim Refrain von Back in black angelangt, doch immer wieder mischen sich Misstöne in ihre Performance. Plötzlich weht etwas Heißes über die Lichtung. Als würde ein Drache, der sich hinter den Sternen versteckt gehalten hat, mit seinem heißen Atem die Erde verbrennen.
Steve hört noch, wie die Riders mit einem schmerzhaften Nachhall der Mikrofone verstummen und unzählige Schreie zurücklassen. Irgendwo in seiner Nähe meldet sich ein Funkgerät, ein Crescendo aufgeregter Stimmen weht durch den Park, dann fällt der erste Schuss, der die Welt um Steve herum zum Wanken bringt. Die Bäume beginnen zu tanzen und ihn scheinbar zu umkreisen. Der Himmel wird zu einer düsteren erstarrten Masse.
Als er zu Boden sinkt, wirft er einen letzten Blick auf den finsteren Stern, der immer noch wie ein schwarzes Auge am Himmel prangt.
  Er ist größer geworden, flüstert die Stimme in seinem Verstand unheilschwanger, dieses Mal allerdings, ohne zu lachen.
Als wolle er sich auf die Erde stürzen.
Dann verstummen die Schreie und die Schüsse und das Getrampel unzähliger, in Panik rennender Füße plötzlich von jetzt auf gleich.
Auch Steves ansonsten amüsantes Gedankenbeben verebbt augenblicklich.
Zurück bleibt nur …
… Stille.