Tag der Abrechnung

INHALTSBESCHREIBUNG


Zwei Border Patrol Agents verlieren bei einem tödlichen Feuergefecht an der Grenze zu Mexiko ihr Leben.
Auf einem Highway in Virginia wird der Leiter der CIA das Opfer eines Bombenanschlags.
Und das Weiße Haus sieht sich mit der Verbreitung von Geheimnissen konfrontiert, die nie an die Öffentlichkeit hätten gelangen sollen … und greift zu allen Mitteln, die Verursacher mundtot zu machen.

Harry Nichols, der für eine Spezialeinheit der CIA arbeitet, hat noch immer mit den Folgen des Verrats in seinen eigenen Reihen zu kämpfen. Doch er ahnt nicht, dass dies erst der Anfang war …

Als CIA-Direktor David Lay nach einem Bombenattentat vermisst und für tot erklärt wird, liegt es an ihm, dessen Tochter zu beschützen. Keine leichte Aufgabe, denn ein Mordkommando aus Ex-Spetsnaz-Soldaten ist ihnen auf den Fersen – und es gibt keinen Ort, an dem sie sich lange verstecken können. Denn Nichols gilt plötzlich als Verräter, und die CIA, das FBI und die Polizei suchen nach ihm.
Auf der Flucht vor ihren Verfolgern sieht sich Nichols gezwungen, höchst ungewöhnliche Bündnisse einzugehen.
Die Mission hat Vorrang; die Tochter des CIA-Direktors muss unter allen Umständen beschützt und die Mörder ihres Vaters gefunden werden.

Prolog

  

23. November
23:23 Uhr Ortszeit
Big Bend National Park
Texas

  

Niemand kam je freiwillig, um den Big Bend zu besuchen. So lautete zumindest ein Scherz, den man sich hier erzählte. Der Nationalpark war noch nie ein besonders beliebtes Urlaubsziel für Babyboomer gewesen, und seit der Rezession waren selbst die wenigen Besucher noch ausgeblieben.

Außer den Kojoten, dachte Emmanuel Gutierrez und schnalzte leise mit der Zunge seiner Stute zu, während diese ihren Weg über das felsige Gestein und um einen Busch Kaktusfeigen herum suchte. Kojoten … aber nicht die vierbeinige Sorte, sondern jene Schmuggler, die ein paar Meilen weiter südlich illegale Einwanderer über den Rio Grande führten.

Er hatte das Lagerfeuer vor etwa einer Stunde bemerkt, eine unbedacht in den Himmel lodernde Flamme –  zweifellos ein Kojote oder eine Gruppe von Einwanderern, die sich eine Mahlzeit aufwärmten, bevor sie weiterzogen. Die Nacht war kalt und wolkenlos, der Mond schien auf das felsige Terrain herab und die Temperaturen schwebten nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. Seine Remington-870-Schrotflinte hing locker in einem Gewehrholster vor seinem Sattel in Griffweite –  mit einem nichttödlichen Sandgeschoss im Lauf und fünf Schrotpatronen dahinter.

Der dreiundfünfzigjährige Officer der Border-Patrol hatte schon alles erlebt. Vier Jahre Dienst an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, davor zwei Einsätze in Afghanistan. Er hatte Freunde in Helmand zurücklassen müssen.

»Zac, bist du in Position?«, erkundigte er sich und drehte an dem Regler seines Funkgeräts herum, während er sein Pferd durch einen Salbeistrauch manövrierte. Er und sein Partner hatten sich aufgeteilt und näherten sich dem Lager nun von zwei Seiten.

»Beinahe, Manny. Sieht aus, als wären es neun, vielleicht zehn Männer. Ich werde zu Fuß weitergehen und sie ansprechen. Gib mir Rückendeckung und bleib im Sattel, falls einer auf den Gedanken kommt, abzuhauen.«

»Verstanden«, antwortete Gutierrez mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Es gab immer jemanden, der sich für besonders schlau hielt. Immer.

Er konnte das leise Murmeln ihrer Stimmen hören, als er die Anhöhe erklomm und dann den Hang hinabblickte, der in einer von Felsbrocken übersäten Schlucht endete.

Mach schon, Zac, dachte er bei sich, zog seine Remington aus dem Holster und legte sie in seinen Schoß. Als dunkle Silhouette, mit der er sich vor dem Nachthimmel abzeichnete, war es gut möglich, dass die Einwanderer ihn erblicken würden.

Und dann hörte er die Stimme seines Partners aus der Schlucht, die einen schroffen Befehl rief. Er sah, wie die Männer aufsprangen und Wasser über die Feuerstelle kippten.

Das metallene Funkeln eines Waffenlaufs tauchte unter einem Mantel auf und schimmerte im Mondlicht. »Die Hände dort, wo ich sie sehen kann«, rief er und gab seiner Stute die Sporen, den Hang hinabzutrotten, die Remington nun schussbereit in seinen Händen. Er sah, wie der Mann mit der Waffe aufblickte und den Reiter erst jetzt bemerkte.

Sah ihn zögern, sein Gesicht im Zentrum des Ghost-Ring genannten taktischen Visiers seiner Remington. Eine Hundertstelsekunde der Unentschlossenheit hing zwischen ihnen in der Nacht. Nicht lange genug.

Die Pistole kam gänzlich zum Vorschein, eine lange Waffe. Ende der Warnung. Gutierrez legte den Sicherungshebel um und die Schrotflinte stieß gegen seine Schulter, als er den Abzug drückte.

Es war zu dunkel, um zu sehen, ob er den Mann getroffen hatte, aber nichts hätte verhindern können, was dann geschah. Ein Geräusch wie von Feuerwerkskörpern explodierte und aus der Waffe des Einwanderers stoben Flammen. Vollautomatik, schoss es dem Officer durch den Kopf, während der Kugelhagel bereits die Erde um sein scheuendes Pferd aufriss. Er erkannte eine Kalaschnikow, wenn er eine hörte.

Etwas traf Gutierrez ins Bein. Grellweißer heißer Schmerz schoss durch ihn hindurch, während er rückwärts von seinem Pferd fiel, im Staub landete und die Beine unter ihm nachgaben. Er fluchte laut und kämpfte gegen die Panik an, die ihn zu überwältigen drohte.

Das war Afghanistan. Musste es sein. Sein Konvoi unter Beschuss, das ohrenbetäubende Rattern der Browning auf dem Dach. Mudschaheddin griffen an – und die Luftunterstützung war noch zwanzig Minuten entfernt.

Aber das hier war nicht Helmand –  es war keine Luftunterstützung auf dem Weg zu ihnen und keine Ma Deuce auf dem Dach eines Humvee, die ihnen Unterstützungsfeuer geben konnte. Sie waren allein.

Er konnte die Schüsse automatischer Waffen aus der Schlucht hören – zusammen mit dem helleren Krachen von Zacs M-4. Der Klang des Krieges. Den Schmerz ignorierend, der durch sein blutendes Bein jagte, richtete er sich auf und griff nach seiner Schrotflinte. Eine weitere Salve prasselte auf die Felsbrocken um ihn herum ein und er warf sich hinter einem großen Stein in Deckung und presste das Funkgerät an seine Lippen.

»Hier spricht Charlie Patrol, wir werden beschossen. Ich wiederhole, wir werden beschossen. Benötigen Hilfe.«

Rauschen. Hier draußen an der Grenze durfte man sich nicht auf Empfang verlassen. Nicht, wenn man ihn am dringendsten benötigte.

Er stemmte sich hoch und zog die Heckler&Koch-Halbautomatik Kaliber .40 aus seinem Hüftholster. Lehnte sich gegen den Felsbrocken und zielte auf die schattenhaften Umrisse in der Schlucht unter ihm.

Wieder war eine abgehackte Salve zu hören, dann verstummte Zacs Gewehr. Die Stille des Todes. Gutierrez schoss, bis der Schlitten seiner H&K in zurückgezogener Position verharrte und ein leeres Magazin anzeigte. Kugeln pfiffen um seinen Kopf herum.

Mit einem Druck seines Daumens ließ er das Magazin herausschnappen. Metall klapperte über die Steine, als es herausfiel. Mit den Fingern tastete er nach der Tasche an seinem Gürtel. Eine Kugel bohrte sich durch das Fleisch in seinem Arm und wirbelte ihn halb herum, während eine zweite Kugel in seine Brust einschlug. Der Border-Patrol-Officer sackte nach hinten zusammen, seine Pistole glitt ihm aus den Fingern.

Dunkelheit. Die Sterne schienen um seinen Kopf zu kreisen, während er am Boden lag. Nichts von alledem schien real. Wie lange hatte das Feuergefecht gedauert? Zwei Minuten? Drei? Nicht lange, alles andere als lange, verglichen mit den Jahren des Krieges, die er überlebt hatte.

Und doch lag er im Sterben.

Gutierrez hustete, Blut besprenkelte seine Lippen. Stimmen, dann Schritte, die sich den Felsen näherten.

Sie suchten. Nach ihm.

Die Stimmen waren jetzt näher und unterhielten sich in ihrer Sprache. Das war kein Spanisch, wurde ihm in einem Moment plötzlicher Klarheit bewusst. Aber er hatte sie schon einmal gehört … irgendwo.

Er schloss seine Augen, versuchte sich zu erinnern, während Zweifel an seinem Gehirn nagten.

Und dann war er wieder in Afghanistan, transportierte Vorräte nach Norden, entlang der pakistanischen Grenze. Hörte ihrem Übersetzer zu, wie er sich mit den Dorfbewohnern unterhielt. Über die Monate hinweg hatte er sogar selbst ein paar Worte aufgeschnappt. Worte auf … paschtunisch.

Aber das war nicht Afghanistan. Er war zuhause. In den Vereinigten Staaten.

Flackernd schlug Gutierrez die Augen auf, sah in das Gesicht eines dunkelhäutigen, bärtigen jungen Mannes und in den Lauf einer Pistole in dessen Händen.

Er hörte eine weitere Stimme aus der Ferne, die etwas auf paschtunisch fragte. Es dauerte einen Moment, bis die Frage seinen sich immer mehr verdunkelnden Verstand durchquerte, dann fiel ihm die Übersetzung dafür wieder ein. »Ist er tot?«

Über ihm schüttelte der Pakistani den Kopf und zog den Hammer seiner Pistole zurück. »Nein.«

Ende der Leseprobe

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