SURVIVAL INSTINCT

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Kristal Stittle

ZOMBIE-THRILLER

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Beschreibung


Auf den ersten Blick wirkt Leighton wie jede andere Stadt auch. Auf ihren belebten Straßen tummeln sich eine bunte Vielfalt geschäftiger Einwohner.
Und wie in jeder anderen Stadt auch, leben im Untergrund von Leighton die Ratten.
Doch diese Ratten unterscheiden sich von anderen Schädlingen dahingehend, dass sie eine bedrohliche Krankheit in sich tragen.
Freunde und Verwandte gehen plötzlich aufeinander los, ein tiefer Schock lähmt die Bevölkerung, als immer mehr Menschen durchdrehen und unglaubliche Gräueltaten begehen.
Nun steht sich jeder selbst am nächsten – zu überleben, ist alles was zählt!


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2015

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

664

ISBN

978-3-95835-024-3

eISBN

978-3-95835-025-0

Leseprobe


Tobias lief Lucas Jonas durch den überfüllten Park hinterher. Es war heiß und laut, stank nach Haargel sowie Körperausdünstungen. Die Kameratasche, die er trug, fing schon wieder an zu rutschen, also zog er das schwere Ding weiter auf der Schulter zum Hals hin und zwängte sich durch eine besonders dicht zusammenstehende Traube von Menschen.
  Das Gedränge der Leiber ging ihm allmählich auf die Nerven. Er hasste große Menschenmengen. Obwohl er größer als die meisten war – durchschnittlich große reichten ihm gerade bis zur Nase – beunruhigte ihn die schiere Masse, die sich um ihn scharte. Tobias war kein Einzelgänger; er erfreute sich eines ansehnlichen Freundeskreises, doch überall, wo er es mit mehr als zehn Personen zu tun bekam, wurde ihm beklommen zumute. Hier waren es Hunderte, wenn nicht gar an die Tausend.
  Allmählich kamen ihm Zweifel daran, ob es wirklich ein so toller Lebensentwurf war, in der Stadt zu wohnen. Andererseits dachte er das auch nicht zum ersten Mal.
  »Wie weit noch?«, rief er nach vorne zu Lucas.
  Dieser antwortete nur mit einer Drehung seiner Hand auf Schulterhöhe. Tobias grummelte in sich hinein; mit großen Namen wie Lucas Jonas zu arbeiten, war stets am schlimmsten. Sie beantworteten niemals Fragen und bestanden andauernd darauf, die schwerste Ausrüstung mitzuschleppen. Tobias hatte ursprünglich eine viel kleinere und leichtere Tasche gewählt, doch als Mr. Großkotz diese sah, bestand er auf die schweren Geschütze. Größer bedeutete zwar nicht besser, sah aber beeindruckender aus, und der schöne Schein war alles, worum es diesen Typen ging. Aber Lucas Jonas … Was für ein Name war das überhaupt?
  Endlich brachen sie durch den Auflauf und erreichten den Sicherheitszaun. Tobias blieb stehen, um frische Luft zu schnappen – soweit das überhaupt möglich war, im Stadtpark in der heißen Augustsonne neben einem Wust schwitzender Leiber. Während dieser Pause verlor er Mr. Jonas vorübergehend aus den Augen, und als er ihn wiederentdeckte, schlug dieser sich zum Kontrollpunkt durch. Tobias seufzte und machte sich auf den Weg hinüber. Lucas diskutierte bereits mit einem Sicherheitsmann, einem kräftigen Schwarzen mit Armen so dick wie Tobias\‘ Beine.
  »Wissen Sie, wer ich bin?« Lucas stand auf Zehenspitzen und konnte dem Riesen trotzdem nicht auf Augenhöhe begegnen. »Ich bin Lucas Jonas, verdammt! Können Sie diesen Ausweis lesen?« Er fuchtelte so hektisch mit dem laminierten Papier vor dem Gesicht des Wächters, dass sich Tobias ziemlich sicher war, dieser erkenne nicht einmal die Farbe. »Er berechtigt mich dazu, überall hinzugehen, wo ich in diesem elenden Durcheinander hingehen will!«
  Als Lucas schließlich bemerkte, dass Tobias neben ihm stand, zog er ihn grob zu sich. Er entriss ihm die Tasche und öffnete einen Reißverschluss, wobei die teuren Geräte fast auf den Boden gefallen wären.
  »Sehen Sie? Eine Filmausrüstung!« Mit hochrotem Kopf drehte er sich zu Tobias um. »Steh nicht rum wie ein Ölgötze, Toby, sondern zeig dem Mann deinen verfluchten Ausweis!«
  Er ließ Tobias\‘ Arm mit einem Schubser los. Tobias hätte aus der Haut fahren können, weil er Toby genannt worden war, was wie ein Hundename klang, zog aber trotzdem den Pass an dem Band um seinen Hals hervor. Er gab ihn dem Wachmann, der ihn gründlich prüfte.
  »Anstrengender Tag heute, Mackenzie?«, fragte er mit tiefer Stimme, während er Tobias\‘ Pass las.
  »Ist das so offensichtlich?« Tobias grinste Lucas selbstgefällig von der Seite an. Es brachte gelegentlich Vorteile mit sich, dass er bei seiner Arbeit für Leighton Network schon viele Sicherheitsbeamte kennengelernt hatte.
  »Du kennst den Mann?« Lucas schaute zwischen den beiden hin und her. »Warum zum Henker hast du das nicht gleich gesagt? Mein Gott, diese Anfänger …« Er sprach das letzte Wort entnervt langgezogen in Silben.
  Der Wachmann trat zur Seite, woraufhin Lucas mit einem arroganten Grinsen vorbeilief, das strahlend weiße Zähne offenbarte.
  »Wie bist du denn an den geraten?«, fragte der Mann Tobias, während er Lucas hinterherschaute.
  »Mit Pech, schätze ich.« Einmal mehr zog Tobias seine Tasche hoch. »Sag mal, Bruce, ich gehe nächsten Freitag mit ein paar Kumpels ins The Foxers; kommst du mit?« Er mochte den Laden, weil es dort nie übermäßig voll war. Dort hatte er Luft zum Atmen im Gegensatz zu anderen Läden – oder der Meute, durch die sie gerade gekommen waren.
  »Klar, Mackenzie, aber der zieht nicht mit, oder?« Sicherheitsmann Bruce zeigte mit dem Daumen über seine Schulter Richtung Lucas.
  »Falls doch, ist mein Leben vorbei. Ich gehe jetzt besser, bevor er meinem Boss Bescheid gibt und einen anderen Lastesel verlangt.« Mit einem Seufzen machte sich Tobias Mackenzie auf den Weg hinter Lucas her.
  Bruce rief ihm noch mit seiner Brummstimme nach: »Dein Boss wäre nie so gemein zu jemand anderem, nur zu dir!«
  Tobias streckte den Mittelfinger über einer Schulter nach hinten aus. Bruce\‘ Gelächter hallte ihm nach, während er sich nach Mr. Lucas Jonas umschaute. Bis er wieder ein so aufrichtiges und völlig argloses Lachen hörte, sollte einige Zeit vergehen.
  Als er sich seinen Weg um die Aufbauten und üblichen Gerätschaften bahnte, die es immer hinter einer Bühne gab, entdeckte er Jonas endlich. Als dieser wiederum ihn sah, stürmte er auf ihn zu, und Tobias wusste, dass dies nichts Gutes verhieß. Lucas packte ihn am Arm und zog ihn noch schneller neben sich her. Tobias ließ sich die unfreiwillige Führung gefallen, indem er tief durchatmete und schwieg. Beschissene Fernsehtypen – ständig in Eile, dachte er.
  Lucas blieb zwischen dem Bühnenrand und der Reihe von Bussen stehen, in denen sich die Rockstars aufhielten.
  »Hier.« Er zeigte vor seine Füße.
  »Was hier?«, nölte Tobias. Der Fleck festgetretener Erde kam ihm nicht sonderlich anders oder interessanter vor als der Rest der Umgebung.
  »Ich will, dass du von hier aus filmst.« Mr. Jonas verdrehte die Augen, als sei es selbstverständlich. »Alle Musiker müssen auf dem Weg zur Bühne hier vorbei. Das ist die perfekte Gelegenheit, um jeden von ihnen zu interviewen und Eindrücke ihrer Shows mitzuschneiden.«
  »Sie wollen, dass ich alles von einer Stelle aus filme?«
  »Hast du meine Sendung überhaupt schon einmal gesehen? Natürlich nicht. Du bist so ein unersprießlicher Wicht. Mein Schaffen übersteigt deinen Verstand bei weitem.« Lucas strafte Tobias mit einem ruckartigen Wink ab und fing an, sich umzuschauen.
  Tobias hegte wenig Zweifel daran, dass Lucas nicht wusste, was »unersprießlich« bedeutete, sondern das Wort nur gebrauchte, um ihn zu beleidigen. Zur Entspannung holte er noch einmal tief Luft und schloss die Augen. »Ihnen ist klar, dass wir, wenn wir hier drehen, a) im Weg und b) so dicht neben den Boxen stehen, dass die Musik alles übertönen wird, was Sie sagen.«
  »Was?« Erst jetzt schien Lucas die Anlage zu bemerken, obwohl sie nur wenige Schritte entfernt stand.
  Aus diesem Grund filmte Tobias ungern bei Konzerten, speziell solchen zu Wohltätigkeitszwecken: Die Musik verhagelte ihm den Ton, und wenn das Publikum Kameras sah, rastete es umso mehr aus. Unheimlich gern wäre er einer der Kollegen gewesen, die nur dasaßen und feststehende Kameras bedienten. Sie mussten keinen Volltrottel verfolgen, sondern brauchten nur draufzuhalten und einzufangen, was interessant aussah. Hierbei stimmte wenigstens die Kohle.
  »Also gut, dann filmen wir flexibel«, meinte Lucas und klang dabei, als ringe er sich ein großes Opfer ab. »Nimm deine Kamera raus.«
  Tobias wuchtete das schwere Gerät aus seiner Tasche. Er stellte es neben seinen Füßen ab und begann mit der Verkabelung. Um den klobigen Akku und diverse weitere Zusätze halten zu können, hatte er sich sogar einen Hüft- und Beingurt besorgt, wie ihn Felskletterer verwendeten. Während er diesen anzog, beobachtete er Mr. Jonas aus dem Augenwinkel. Der Kerl bestaunte sein eigenes Gesicht in einem Taschenspiegel und kratzte an seinen bestimmt teuer gebleichten Zähnen.
  »Hier, können Sie sich das anstecken?« Tobias hielt ihm ein Mikrofon mit Stromversorgung hin, die er sich im Kreuz an den Gürtel klemmen musste. Lucas verdrehte erneut die Augen, als er es entgegennahm.
  Tobias brachte seine Vorbereitungen zu Ende, wobei er sich bemühte, nicht mit den Zähnen zu knirschen, und hob sich die Kamera dann auf die Schulter. Seine jetzt nahezu gänzlich leere Tasche hängte er sich an den Rücken. Beim letzten Mal, als er seine Kameratasche im Rahmen einer solchen Veranstaltung unbeaufsichtigt gelassen hatte, war sie für immer verschwunden.
  Sobald er in den Startlöchern stand, führten sie den Soundcheck durch. Durch seine rauschunterdrückenden Kopfhörer verstand Tobias nichts von dem, was Mr. Jonas sagte. Wie es aussah, hatte der Mann das Mikro korrekt angebracht, aber nicht eingeschaltet. Irgendwie drehte er es aber so, dass er Tobias die Schuld dafür zuschieben konnte.
  »Also gut, ich will, dass du von hier an alles filmst, verstanden? Im Schnitt basteln die das hinterher schon stimmig zusammen.« Lucas schaute erneut an sich hinunter und strich seinen Anzug glatt. Er versuchte, gleichzeitig wie ein Reporter und wie ein Rocker zu wirken, während Tobias fand, er sah aus wie ein Volltrottel, aber was das anging, war er wohl leicht voreingenommen.
  Er selbst zählte zu den Typen, die sich mit Jeans und T-Shirt zufriedengaben. Heute allerdings trug er eine beigefarbene Cargo-Hose. Dass deren große Taschen in seinem Job praktisch waren, hatte er schon früh begriffen. Tobias war nie großartig auf sein Äußeres bedacht gewesen und ließ sein sandig hellbraunes Haar zu einem Pilzkopf auswachsen. Mancher sagte ihm nach, er erinnere durch sein entspanntes Auftreten an einen kumpelhaften Surfer-Typen, insbesondere wenn er im Laufe des Sommers braun wurde. Persönlich fand er, sein Aussehen entspreche einem übergroßen Teenager mit sanfteren Gesichtszügen als der Rest seiner Altersgenossen. Bei den Girls kam er deshalb aber umso besser an; sie fühlten sich in seiner Gegenwart geborgen, weil er so harmlos anmutete.
  Nachdem er mit den Fingern von fünf an rückwärts gezählt hatte, betätigte Tobias die Aufnahmetaste, woraufhin Lucas Jonas sofort seine Fernsehpersönlichkeit hervorkehrte. Tobias wusste nicht, wie er es beschreiben sollte, hatte es aber schon unzählige Male in Aktion erlebt: Die Menschen beim TV nahmen eine andere Fassade an, sobald sich eine laufende Kamera auf sie richtete. Der Wandel war so drastisch, dass Mr. Jonas wie eine völlig andere Person erschien. Jetzt konnte Tobias nachvollziehen, wie der Kerl es geschafft hatte, so bekannt zu werden. Wenn er sich so verwandelte, wirkte er viel nahbarer.
  Bald schlüpfte auch Tobias in sein Alter Ego – seine Kollegen nannten es den Film-Modus. Er folgte Mr. Jonas, egal wohin er ging, und hielt dabei den Mund. Falls jemand, den der Moderator interviewte, Tobias eine Frage stellte, antwortete Lucas für ihn, oder er selbst bejahte oder verneinte, indem er die Kamera ein wenig schüttelte beziehungsweise vor und zurück bewegte. Sein Boss meinte, Mr. Jonas\‘ Zuschauer stünden darauf.
  Ansonsten blieb Tobias aber völlig geistesabwesend. In seinem Kopf war er ganz woanders, gegenwärtig beim kommenden Freitag: Dann würde er mit den Jungs, zu denen jetzt wohl auch Bruce zählte, ins The Foxers gehen. Es war ihre Lieblingskneipe, also schlugen sie häufig dort auf, aber Tobias freute sich auf diesen Besuch mehr als sonst, weil Katie vermutlich auch kam. Einer seiner Freunde ging seit kurzen mit einem Mädchen aus, dessen beste Freundin – Katie – wiederum bei fast allen Treffen der Gruppe aufkreuzte. Momentan entsprach sie Tobias\‘ Traum von der perfekten Frau … der sich gleichwohl ständig änderte. Katie erwies sich als außergewöhnlich klug, und Tobias war es nicht gewohnt, dass Girls mehr auf dem Kasten hatten als er. Dieser Unterschied gefiel ihm, auch und gerade weil die Braut, mit der er zuletzt ausgegangen war, rein gar nichts in der Birne hatte.

***

Tobias Mackenzie fing gerade die Reaktionen der Menge auf die Bühnenperformance ein, als Lucas anfing, vorm Objektiv mit den Fingern zu schnippen. Tobias drehte sich zur Seite, um ihn anzusehen, und runzelte die Stirn ein wenig wegen der Störung. Lucas hatte gerade niemanden, den er interviewen konnte.
  »Was?« Obwohl er selbst über ein Mikro verfügte, das direkt an den Knopf in Lucas\‘ Ohr sendete, musste Tobias gegen die Musik anbrüllen, die trotz der dicken Kopfhörer, die er trug, wahnsinnig laut war.
  »Was glaubst du, geht da vorne vor sich?«, fragte Lukas in sein eigenes Mikrofon und zeigte auf das Meer von Fans. Tobias schaute in die Richtung, die Lucas mit dem Arm vorgab. Auf der gegenüberliegenden Seite der Menge bewegte sich ein Teil des Publikums anders als der Rest: Während der Großteil der Besucher zur Bühne drängte, um ihren Idolen nahe zu sein, schienen die Menschen dort drüben vom Zentrum aus in alle Richtungen zu schwärmen.
  »Keine Ahnung.« Tobias zoomte den Bereich mit der Kamera heran, um besser zu sehen. Die Entfernung war immer noch zu weit, um alle Einzelheiten zu erkennen, aber was er ausmachen konnte, genügte: verschreckte Gesichter auf der Flucht vor etwas mitten im Publikum.
  »Was ist es?« Lucas zupfte ihn am Ärmel.
  »Kann ich nicht genau sagen, aber sie fliehen vor irgendetwas.« Er nahm die Kamera herunter. »Vermutlich nur eine Stinkbombe oder so.«
  »Oder so, was? Lass mal sehen; klapp den Bildschirm auf.« Lucas langte mit seinen penibel gepflegten Händen nach dem Gerät. Tobias zog es jedoch von ihm fort. Er wollte jegliches teure Equipment von Lucas\‘ Griffeln fernhalten. Deshalb öffnete er den LCD-Sucher und drehte ihn, sodass Lucas hineinschauen konnte. Die Menge geriet ins kleinformatige Bild, als Tobias die Kamera wieder auf sie richtete. Einige der Fans versuchten nun tatsächlich, über andere zu klettern, um vor was auch immer zu entkommen.
  »Na, wenn das nichts ist!« Lucas grinste voller Begeisterung, zeigte sein ganzes Gebiss wie ein Krokodil. Tobias verbarg sein Missfallen nicht, als er ihn anschaute. Menschen in Panik sollten niemandem Freude bereiten.
  »Komm, Toby, wir gehen dort hinüber.« Lucas schlug ihm auf den Arm, ohne auf seinen Blick einzugehen.
  »Warum möchten Sie das?«
  »Bist du wirklich so blöde? Um darüber zu berichten, wozu sonst?« Lucas machte sich flugs auf den Weg hinter der Bühne entlang, indem er Kabel und Teile des Gerüsts umging oder übersprang.
  Während sich Tobias an sein Revers heftete, redete er auf ihn ein, zurückzubleiben. »Das sind wahrscheinlich schon andere, die mitfilmen. Sie können doch später aus dem Off kommentieren oder so.«
  »Lucas Jonas kommentiert nicht aus dem Off: Entweder bin ich hautnah dabei, oder nichts läuft.« Er wand sich gerade an einem besonders großen Haufen Kabel und Gerätschaften vorbei. Mit der Kamera auf dem Arm konnte sich Tobias nur schwerlich bewegen, weshalb es nicht lange dauerte, bis er zurückfiel.
  »Scheiße«, fluchte er bei sich, als er sich in einem Kabel verhedderte. Ärsche wie Lucas mit seinem überzogenen Ehrgeiz steckten ihre Nasen ständig in Sachen, die sie nichts angingen. Endlich gelangte Tobias an die Sicherheitsabsperrung und wandte sich an Bruce, der nicht schwer zu finden war. Er zählte nicht nur zu den wenigen Männern in Tobias\‘ Bekanntenkreis, die ihn überragten, sondern war auch zwei- bis dreimal so breit wie er. Heute fiel er besonders stark auf, weil er ein weißes T-Shirt trug, das sich deutlich von seiner dunklen Haut abhob.
  »Hey, hast du die Nervensäge gesehen, mit der ich vorhin hergekommen bin?« Tobias zog seinen Kopfhörer aus. Zum Glück dröhnte die Livemusik hier nicht so laut, sodass sie einander verstanden, auch wenn der unvermittelte Lärm auf Tobias hereinbrach wie ein Erdbeben. Er hasste Konzerte zutiefst.
  »Ja, der Typ ist in diese Richtung gelaufen.« Bruce zeigte in die Menge.
  »Ich glaube, im Publikum geht etwas vor sich – etwas Ungutes.« Tobias wollte sich nicht wieder hinaus in die Meute schlagen.
  »Unter den Zuschauern?« Der stämmige Sicherheitsbeamte wartete nicht auf eine Antwort: Er kletterte auf eine Zementbarriere und hielt sich am Rahmen eines Zaunelements fest, um sein Gleichgewicht zu halten. Nach einem kurzen Blick wandte er sich an einen Kollegen: »Hey, Jake, gib mir das Fernglas.«
  Der andere Wachmann, der genauso kräftig, aber kleiner war, nahm einen Feldstecher von einem Tisch und reichte ihn Bruce nach oben.
  »Was siehst du?« Tobias stand auf Zehenspitzen da, konnte aber nicht weit über die Köpfe der Menge schauen.
  »Gib mir einen Augenblick Zeit.« Bruce drehte an den Einstellrädern, um einen klaren Blick fassen zu können. »Scheiße, Blut. Das sieht übel aus.« Er zog sein Funkgerät vom Gürtel und sprach rasch hinein. Wegen der Musik bekam Tobias nicht mit, was er sagte.
  »Ich nehme an, dein Freund läuft dorthin, weil er sich eine Story erhofft, richtig?« Nachdem Bruce das Gerät wieder an seinen Gürtel geklemmt hatte, hüpfte er neben Tobias hinunter. Der nickte, obwohl er Mr. Jonas niemals als Freund bezeichnet hätte, nicht einmal ironisch gemeint.
  »Komm mit, du wirst mir dabei helfen, diesen Idioten einzufangen.« Bruce zwängte sich durch die Lücke zwischen den Zaunelementen.
  »Aber …« Tobias wollte sich auf gar keinen Fall unter die Masse mischen. Jetzt sträubte er sich sogar noch vehementer davor als sonst, denn sein Bauchgefühl vermittelte ihm ganz deutlich, dass dies eine schlechte Idee war.
  »Bleib dicht bei mir.« Bruce streckte einen Arm nach hinten aus und zog Tobias mit.
  Als sie den Rand der Menge erreichten, ließ Bruce Tobias los, der ihm alsdann widerwillig folgte. Hinter dem großen Sicherheitsmann herzulaufen, war deutlich einfacher, als er es bei Lucas empfunden hatte; Bruce\‘ imposante Gestalt und autoritäre Stimme sorgten dafür, dass die Menschen schnell Platz machten, und seine wuchtigen Schultern bahnten einen Weg für Tobias, der breit genug war, um die Kamera zu tragen. Dennoch wurde Tobias immer unwohler, je weiter sie in den Mob vordrangen.
  Als er noch sehr jung gewesen war, hatte er einmal in einem Vergnügungspark seine Eltern verloren. Stundenlang war er völlig allein im Menschenauflauf herumgeirrt. Alles, was er hatte sehen können, war ein merkwürdiger Wald von Beinen, egal wohin er ging. Schlussendlich war er jemandem aufgefallen, der ihn dann zum Fundbüro gebracht hatte, damit er von seinen in Tränen aufgelösten Eltern abgeholt werden konnte. Er vermutete mittlerweile, dass sein Widerstreben, was Menschenmassen anging, in diesem Erlebnis seinen Ursprung hatte. In solchen Situationen verspürte er stets Unruhe, obwohl er gelernt hatte, damit umzugehen.
  Im Augenblick jedoch und in dieser Menge pochte sein Herz heftiger als das Riff des Bassisten der Band auf der Bühne. Er blickte fortwährend zum klaren, blauen Himmel auf, was ihn normalerweise unter Garantie beschwichtigt hätte – leider aber nicht in dieser Meute. Irgendetwas stimmte einfach nicht … etwas, das er nicht benennen konnte.
  Er nahm wahr, dass Bruce nunmehr lauter brüllte, während sie deutlich langsamer vorankamen. Die Menschen ringsum strebten ausnahmslos in die entgegengesetzte Richtung. Zu Anfang, als sie sich unters Publikum gemischt hatten, waren die Besucher weitgehend ruhig gewesen, wenn auch leicht genervt, doch die Gesichtsausdrücke änderten sich, je weiter Bruce und Tobias vorstießen.
  Dann blieb der Wachmann endgültig stehen, sodass er den Ansturm vor sich teilte. Die Zuschauer strömten an ihm vorbei wie ein Fluss um einen Felsen. Die Mienen wandelten sich rasch von leicht beunruhigt zu ängstlich und letztlich geradezu entsetzt. Als Tobias die ersten Blutenden sah, wurde ihm bewusst, dass er auf Bruce ununterbrochen einredete.
  »Bitte, Bruce, wir müssen gehen, wir müssen von hier fort. Komm schon, Bruce, verschwinden wir, lass uns zur Bühne zurückkehren.« Er packte das Hemd des Wachmannes fester und zerrte daran wie ein Kleinkind, das an der Hand oder dem Hosenbein seines Vaters zog.
  Plötzlich brach die Musik ab, sodass man Schreie vernahm. Anscheinend hatte jemand unter den Verantwortlichen realisiert, dass etwas nicht in Ordnung war.
  Der Andrang der Menschenmenge ließ ein wenig nach.
  »Um Gottes willen«, murmelte Bruce gerade so laut, dass Tobias es mitbekam.
  Er trat vorsichtig hinter Bruce zur Seite, nun da Platz war. Vor ihm hatte sich ein freies Rund gebildet, und mittendrin zwischen fallengelassenem Müll lagen Menschen: verwundet, blutend und vor Schmerz zuckend. Ein paar sahen aus, als seien sie entweder bewusstlos oder gar tot. Einer war auf jeden Fall nicht mehr am Leben; ein Regenschirm steckte zwischen seinen Rippen. Tobias musste unweigerlich daran denken, wie seltsam es war, auf diese Art den Löffel abzugeben: Tod durch Schirm.
  Auf der anderen Seite des Platzes rangen mehrere Sicherheitsbeamte und eine Handvoll Polizisten mit einem Mann, der überhaupt nicht auf ihr Geschrei und die gelegentlichen Schläge einging, die sie ihm versetzten. Tobias und Bruce sahen mit Grauen dabei zu, wie der Widerspenstige einen beträchtlichen Fetzen Fleisch aus dem nackten Arm eines Wächters biss.
  Langsam führte Tobias die Kamera an sein Auge. Durch den Sucher zu blicken, enthob ihn der Szene, als spiele sie sich bereits im Fernsehen ab. Ein Polizeibeamter zückte eine Elektroschockwaffe und schoss damit auf den rasenden Kerl. Dieser zuckte etwas, gab aber nicht nach. Der Stromschlag bewirkte praktisch nichts. Der Mann schnappte sich den Polizisten mit der Waffe, biss ihm aber nicht in den Arm, sondern hatte es auf sein Gesicht abgesehen. Verdammt, er hat ihm die Kehle rausgerissen!