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STRATTON: DIE GEISEL

4,99 14,95 

Duncan Falconer

THRILLER

Band 1
Serie: Stratton

»Als ehemaliges Mitglied des Special Boat Services sind Falconers Bücher vollgepackt mit authentischen Details … und er weiß genau, an welchen Stellen er die Spannungsschrauben anziehen muss.« [Mail on Sunday]

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Beschreibung


Während eines Undercover-Einsatzes zur Überwachung der Real IRA wird einer der im Einsatz befindlichen Agenten des Special Boat Service entführt. Alles deutet auf einen Maulwurf beim MI5 hin, der die Männer ans Messer geliefert hat.
Wenig später wird jedoch auch bei dem Versuch, in Paris die Identität des Verräters zu lüften, ein  Navy Seal der Amerikaner entführt.
Der Britische Geheimdienst aktiviert daher den einzigen Mann, der die Agenten retten kann, bevor es zu spät ist: Stratton. Ein Mann, der für seine tödliche Präzision bekannt ist.

Der Einsatz wird zu einem Wettlauf gegen die Uhr, denn die Entführungen sind nur Teil eines ausgeklügelten Plans, der nicht weniger als den größten Terroranschlag der IRA auf englischem Boden zum Ziel hat.


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2017

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 650

ISBN

978-3-95835-281-0

eISBN

978-3-95835-282-7

Leseprobe


Spinks lag im dunklen Kofferraum eines Autos und aß ein Käsesandwich. Der beengte Raum aus Blech verstärkte seine Kau- und Schluckgeräusche. Er war ungepflegt, langhaarig, unrasiert und roch schlecht. Für einen kurzen Augenblick unterbrach er seine Mahlzeit, um in der Nase zu bohren, eine Angewohnheit, die ihm viel Freude bereitete und der er nicht nur in privaten Momenten wie diesem frönte. Den Popel rollte er zwischen den Fingern, bis er trocken genug war, um ihn wegzuschnippen. Dann nahm er noch einen Bissen vom Sandwich, kaute weiter bedächtig vor sich hin und blinzelte in die Dunkelheit.

Es war schon das zweite Mal, dass er einen Tag im Kofferraum eines Autos verbrachte, bisher zumindest war es jedoch nicht annähernd so denkwürdig wie das erste Mal. Das war vor vier Monaten gewesen, im Hochsommer, einer der schrecklichsten Tage im Leben des 29-jährigen. Spinks war nicht besonders groß, aber wer auch immer an jenem Tag den Wagen ausgesucht hatte, schien überhaupt keinen Gedanken an seine Größe verschwendet zu haben; alle hatten sich ausschließlich auf das Ziel des Auftrags konzentriert und kein bisschen an seinen Komfort gedacht. Zum Teil war das entschuldbar, schließlich hatten sie so etwas zum ersten Mal probiert und waren dabei recht unüberlegt vorgegangen. Spinks hatte keine Ahnung gehabt, worauf er sich da eingelassen hatte. Sobald der Kofferraum geschlossen und alles pechschwarz geworden war, hatte er einen klaustrophobischen Anfall bekommen. Erst als das Auto durch die Sicherheitsabsperrung rollte und an dem schlafenden Polizisten vorbei, der am Haupteingang des Camps saß, war ihm eingefallen, dass eine weiche Unterlage auf dem blanken Blechboden nicht verkehrt gewesen wäre.

Die etwa 20 Meilen lange Fahrt, die größtenteils über Landstraßen führte, war in dem dunklen, beengten Raum sehr unangenehm und er streckte sich aus wie ein Seestern, um nicht dauernd hin und her zu rollen. Nach einer Weile wurde ihm das allerdings zu anstrengend. Er malte sich die schrecklichen möglichen Folgen eines Unfalls aus, vor allem die eines Auffahrunfalls. Als die Fahrt endete, dachte er, das Schlimmste sei vorbei, aber das war nur der Anfang gewesen. Was Spinks beinahe getötet hätte, war für ihn genauso überraschend wie für alle anderen gewesen.

Er hatte das Haupttor des Crossmaglen Rangers\‘ Gaelic Football Club an einem sonnigen Sonntagnachmittag filmen sollen, als sich das Team auf die Begegnung mit Dromintree vorbereitete. Crossmaglen war ein kleiner Ort, der fast komplett von der Grenze umgeben wurde. Die meisten Straßen führten direkt in die Republik und einige Mitglieder der IRA, die von Interesse waren und im Süden der Stadt lebten, wollten angeblich das Spiel besuchen. Es war ein sehr heißer Tag gewesen und die Sonnenstrahlen hatten langsam die Blechhülle des Autos aufgeheizt. Am frühen Nachmittag hatte es sich im Inneren wie in einem Backofen angefühlt. Spinks verglich es später mit einem ›Schwitzkasten‹ im Gefängnis, nur viel kleiner und ohne Luftzufuhr – und die Häftlinge mussten wenigstens keine aufreibende Fahrt über unebene Straßen ertragen, bevor sie gebraten wurden. Die Kombination aus Hitze und verbrauchter Luft hatte ihm derart zugesetzt, dass er fast ohnmächtig geworden wäre. Niemand ahnte, wie sehr er zu leiden gehabt hatte, bis endlich der Job erledigt, das Auto weggefahren und der Kofferraum geöffnet worden war. Spinks lag da, völlig ausgetrocknet und schwer atmend, aber er hatte trotzdem seinen Auftrag stoisch zu Ende gebracht. Und das war ihm hoch anzurechnen.

Diesmal war der Kofferraum viel größer, und er hatte die Schaumstofffüllung einer alten Matratze zurechtgeschnitten, um sich darauf zu legen. Mit etwas Anstrengung gelang es ihm, von einer Schulter auf die andere zu rollen, aber die Beine konnte er auch hier nicht ausstrecken. Entscheidender jedoch: Jetzt war Herbst. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, gegen die Kälte in einem Kühlschrank half eine warme Jacke, gegen die Hitze in einem Backofen war man jedoch machtlos.

Spinks übler Körpergeruch rührte vor allem daher, dass er sich selbst selten wusch, und seine Kleidung noch seltener. Er behauptete immer, seine mangelhafte Hygiene sei ein notwendiger Teil seines Jobs. Wenn man dazugehören will, sollte man alles geben, war seine Ausrede. Es stimmte zwar, einige der Typen, gegen die sie vorgingen, gehörten zu der Sorte Landbewohner, die persönliche Hygiene nicht gerade als Priorität betrachtete, aber Spinks war der Einzige, der ein solches Maß an Hingabe aufbrachte. Die Belohnung für seinen Übereifer, sich anzupassen, bestand in Aufgaben wie dieser. Für seine Kollegen war dabei vor allem wichtig, dass er allein arbeitete.

Ein dünner Lichtstrahl fiel durch das kleine Loch in der Abdeckung des Rücklichts, dessen Birne und Fassung entfernt worden waren. Er linste hindurch. Dann drückte er auf den Lichtknopf seiner Uhr. Schon seit sechs Stunden lag er hier. Der Fahrer hatte das Auto mitten in der Nacht abgestellt, damit er nicht gesehen wurde, wohl wissend, dass sich erst am späten Morgen etwas tun würde. Das war alles Teil der nötigen Sicherheitsvorkehrungen, aber Spinks fiel es schwer, wach zu bleiben, da er nichts anderes zu tun hatte, als in der Dunkelheit zu liegen und möglichst still und leise zu sein. Es gab zwar ein paar Möglichkeiten, sich selbst zu unterhalten, aber viele waren es nicht. Eines seiner Hobbys war Furzen – natürlich am besten leise Schleicher. Er hielt sie so lange wie möglich zurück, um Druck aufzubauen, und ließ sie dann so langsam entweichen, wie es ging, ohne Unterbrechung, um zu sehen, wie sehr er die Entlüftung seines Darms in die Länge ziehen konnte. Hinterher in seinem eigenen Gestank zu liegen, war ein besonderer Quell der Freude für ihn. Er vertrat sowieso die Ansicht, es sei ungesund, einen Furz zu unterdrücken, selbst in Gesellschaft, und gab freimütig zu, dass ihm der Geruch nicht unangenehm war. Seiner Meinung nach roch jeder seine eigenen Fürze gern, nur über die von anderen beschwere man sich.

Er stopfte sich den Rest des Sandwichs in den Mund und spähte durch das Loch. Kauend suchte er im Dunkeln nach seiner Wasserflasche. Sie schien nicht neben seiner Schulter zu sein, wo er sie abgelegt hatte. Er ertastete seine MPK5-Maschinenpistole mit dem kurzen Lauf, geladen und schussbereit. Daneben die Blendgranate, die er immer dabei hatte. Die Granate war nicht Teil der Standardausrüstung, aber nachdem er bei einer Demonstration des SAS gesehen hatte, wie man sie einsetzte, um ein Zimmer zu stürmen, hatte er eine gestohlen. Er hielt es für clever, stets eine griffbereit zu haben. Seine halbautomatische 9-Millimeter-Browning lag genau unter dem Lichtstrahl. So wusste er sofort, wo er hingreifen musste, falls es brenzlig werden sollte.

Er dehnte die Suche nach der Wasserflasche bis zu seinen Füßen aus und ertastete sie schließlich in einer Ecke des Kofferraums. Sie musste während der Fahrt dort hingerollt sein. In der Enge streckte er sich mühsam so weit wie möglich, wobei er sein Gesicht gegen den Kofferraumdeckel presste, bis er mit seinen Fingerspitzen endlich die Flasche greifen konnte. Er zog sie an die Brust und verschnaufte nach dieser Anstrengung kurz. Es störte ihn nicht im Geringsten, dass er übergewichtig und nicht in Form war. Wenn er nicht mit einem Auftrag beschäftigt war, blieb er in seinem Wohnwagen, der ein ziemliches Dreckloch war, und hörte Country-CDs oder schlief. Und wenn er dort nicht war, dann kochte er sich was in der Gemeinschaftsküche. Oder er kippte in der kleinen Bar, die sein Team sich in seinem geheimen Lager eingerichtet hatte, ein Glas Bier, das er gern mit Jenkins, dem alkoholsüchtigen Labrador seiner Truppe, teilte.

Bevor er die Flasche aufschraubte, überlegte er einige Sekunden, wie voll seine Blase schon war. Das letzte Mal gepinkelt hatte er vor über sechs Stunden, bevor er in den Kofferraum geklettert war. Es drückte etwas, ein Schluck Wasser könnte für seine Blase bereits zu viel sein. In die Hose zu machen war jedoch kein großes Problem für Spinks. Wäre nicht das erste Mal, dass er stundenlang im eigenen Urin gelegen hätte. Das Gefühl der warmen Pisse, die sich in seinem Schritt ausbreitete, fand er durchaus angenehm. Er nahm einen tiefen Schluck, tropfte sich voll, da er so ungünstig lag, und spülte kurz seinen Mund aus, um die Reste des Sandwichs zu beseitigen. Beim Herunterschlucken spähte er wieder durch das Loch nach draußen. Was er sah, führte beinahe dazu, dass er sich verschluckte. Er ließ die Flasche fallen. Wasser lief aus, während er nach dem kleinen Schalter fingerte, der Teil seiner Kommunikationsausrüstung war und am Kabel aus seinem Ärmel hing. Es gelang ihm gerade noch, ein Husten zu unterdrücken, als er in das Mikro flüsterte, das in seinen Kragen eingenäht war.

»Four Two Charlie …« Er räusperte sich einige Male. »Four Two Charlie, er kommt raus. Wiederhole: O\’Farroll kommt raus.«

Spinks ließ das Auge am Loch, so konzentriert, dass er nicht mal zu blinzeln wagte. Von seiner Position aus konnte er genau die Vordertür der Kirche sehen und die Menschen, die herauskamen. Die Kirche, ein einzeln stehendes, gedrungenes, graues Bauwerk am Rand einer ruhigen Landstraße, war eine gute Meile von der nächsten Stadt entfernt. Alle Gebäude in diesem hügeligen und weitläufigen Teil des County Tyrone, ein paar Meilen westlich von Lough Neagh, waren grau – zumindest sahen sie so aus. Selbst die üppige Landschaft, die sie umgab, hatte einen grauen Farbton. Vielleicht lag es am dunklen Himmel. Zu dieser Jahreszeit regnete es viel.

Die Kirche sah nicht sehr groß aus, bestimmt passten nicht mehr als 50 Personen hinein, aber so viele tauchten heutzutage am Sonntagmorgen sowieso nicht auf. Zwei Männer kamen heraus, die halblange Mäntel über ihren Sonntagsanzügen trugen. Sie gingen an den schiefen, unleserlichen Grabsteinen vorbei durch eine Öffnung in der gedrungenen Steinmauer, die am Rande der Straße entlang verlief. Während die restlichen Gemeindemitglieder, größtenteils ältere Menschen, sich auf den Weg zu ihren Autos machten, die auf den grasbewachsenen Seitenstreifen standen, blieben die beiden stehen, um noch miteinander zu plaudern.

»O\’Farroll und ein männlicher Unbekannter stehen draußen und unterhalten sich«, flüsterte Spinks.

Ein merkwürdiges Geräusch kam aus dem kabellosen winzigen Kopfhörer, der tief in seinem Ohr steckte. Es klang wie eine Stimme unter Wasser. Nach einer Sekunde wurden die Worte verständlich. Das abhörsichere Kommunikationssystem zerstückelte die Nachricht, verschickte sie dann gut verschlüsselt durch die Luft, um sie beim Empfänger wieder zusammenzusetzen. Es hieß, die leistungsfähigsten Computer würden einen Monat brauchen, um auch nur einen Satz zu rekonstruieren.

»Verstanden, One Three Kilo«, sagte eine weibliche Stimme als Antwort auf Spinks\‘ Nachricht.

Spinks behielt die beiden Männer im Auge, ohne zu blinzeln.

Die weibliche Stimme gehörte Agatha, die lieber Aggy genannt wurde, obwohl sie eigentlich keinen der beiden Namen leiden konnte. Normalerweise ignorierte sie jeden, der sie Agatha nannte, außer natürlich, es war ein vorgesetzter Offizier. Keiner der beiden Namen war ihr echter. Kein Agent benutzte seinen echten Namen, für den Fall, dass sie gefangen genommen und gefoltert werden würden. Es kam ihr komisch vor, die Abkürzung eines falschen Namens zu benutzen. Bis zu dem Tag, als sie das versteckte Camp betrat, wo das Auswahlverfahren stattfand, hatte sie keine Ahnung gehabt, dass sie eine falsche Identität brauchen würde. Alles war so top secret gewesen. Erst während der Prozedur bei der Ankunft, als ihre Taschen samt Inhalt konfisziert wurden und sie sich für die Durchsuchung auszog, hatte man sie nach einem Decknamen gefragt. Den sollte sie von nun an benutzen, noch bevor sie irgendeinen der anderen Rekruten traf, deren Identitäten genauso geheim waren, und dann für den gesamten Rest ihrer Dienstzeit als Undercover-Agentin. Vorausgesetzt natürlich, sie würde den anstrengenden, vier Monate langen Auswahlprozess überstehen. Der ungeduldige Geheimdienstoffizier hatte ihr nur Sekunden gelassen, um einen Namen zu wählen. Sie hatte sich spontan für Agatha entschieden, so hieß ihre Lieblingstante. Kurze Zeit später stellte sie fest, dass ihr der Name nicht besonders gefiel, doch da war es schon zu spät. Er hatte es bereits notiert und war in den nächsten Raum gegangen, wo ein weiterer entkleideter Rekrut sich einer Identitätsfeststellung unterzog. Von diesem Moment an hieß sie Agatha oder Aggy.

Aggy war hübsch und Anfang 20. Ihr Gesicht, besonders ihre Augen, hatten etwas Katzenhaftes, aber alles andere, ihr Benehmen und ihre Kleidung, wirkte maskulin. Sie trug nie Kleider und lungerte meist in wenig damenhafter Weise an ihrem Schreibtisch: einen Fuß auf dem Tisch oder über die Armlehne gehängt. Die Hände hatte sie fast immer in den Hosentaschen und sie konnte kaum stillstehen, ohne sich irgendwo anzulehnen. Während des Auswahlprozesses hatte sie das Haar kurz getragen und den Spitznamen ›Kid‹ verpasst bekommen, weil sie wie ein hübscher Junge aussah. Nachdem sie zur Abteilung gestoßen war, hatte man sie hinter ihrem Rücken mit einem weit weniger netten Spitznamen bedacht, der ihre sexuelle Orientierung in Zweifel zog. In Anbetracht des Berufes, den sie gewählt hatte, und angesichts dessen, was sie durchmachen musste, um ausgewählt zu werden, und was von ihr alles erwartet wurde, erschien ihr burschikoses Wesen gleichermaßen Vorteil und Nachteil zu sein. Man erwartete von ihr, so tough zu sein wie ein Mann, in einem Job, der früher reine Männersache war, den sie aber als Frau ausfüllen sollte. Sie wurde genauso unterrichtet und denselben Tests unterzogen wie ihre männlichen Kollegen, sie wurde ebenso schroff und brutal behandelt. Schließlich erwartete man das auch von einem Agenten, der undercover arbeitet und einen Auswahlkurs durchläuft, dessen Härte legendär war. Dies alles ohne Rücksicht auf ihren schwächeren Körperbau. Und am Ende bat man sie dann, ihre weibliche Seite zu kultivieren, und schickte sie raus, um den gleichen Job zu erledigen, wie ihre männlichen Kollegen, aber dabei weiblich auszusehen und sich auch so zu verhalten. Ihr völliges Versagen auf dem Fachgebiet Weiblichkeit hätte möglicherweise mehr Kritik bei einigen Hardlinern unter den Agenten hervorgerufen, wenn sie nicht so ein hübsches Gesicht gehabt hätte. Frauen wurden für diesen Job rekrutiert, weil es einen spezifischen Bedarf an weiblichen Undercover-Agenten gab. Eine Agentin, die wie ein Mann aussah, machte keinen Sinn. Viele betrachteten das sogar als gefährlich.

Aggy saß in ihrem dunkelbraunen, viertürigen Audi. Sie trug weite Jeans und eine schwarze Skijacke und hatte ihre Turnschuhe zu beiden Seiten des Lenkrads auf dem Armaturenbrett platziert. Das Auto parkte auf einer Lichtung in einem kleinen Nadelwald, nur ein paar Meilen von der Straße entfernt, an der die Kirche stand. Neben ihr saß Ed, der mürrische, abgehalfterte Agent, der Spinks nachts abgesetzt hatte. Sie warteten, während Spinks das Treffen observierte. Er sollte ihnen Bescheid sagen, sobald er fertig und der Kirchplatz leer war, damit Ed ihn abholen konnte. Aggy würde die Straße entlangfahren und Ed außerhalb der Sichtweite von Personen oder Häusern absetzen, ein paar hundert Meter von der Kirche entfernt. Er sollte dann allein weiter zu Spinks\‘ Auto gehen und es zum Hauptquartier zurückbringen.

Es war einer dieser typischen Aufträge, bei denen man ewig herumsaß, und Aggy war genervt, nicht so sehr über den Auftrag an sich, sondern wegen der Zusammenstellung der Teams – genauer gesagt, wegen Ed. Die Tarnung für männliche und weibliche Agenten, die in einem einsamen Auto warten mussten, war normalerweise romantischer Natur. Wenn jemand vorbeikäme, konnten sie sich küssen und herumschmusen, um keinen Verdacht zu erregen: Sex im Auto war ein weitverbreiteter Zeitvertreib in Nordirland. Keiner hätte als ihr Freund jedoch unpassender wirken können, als Ed. Bei genauerem Hinsehen hätte ihr kleines Schäferstündchen in der Wildnis sicher niemanden davon überzeugt, dass sie auch nur einen Hauch von Leidenschaft füreinander empfanden. Ed war hager, hatte jedoch einen Bierbauch. Er trug einen zerzausten Oberlippenbart und rauchte eine selbstgedrehte Woodbine nach der anderen. Eine Angewohnheit, der er seit seinem dreizehnten Lebensjahr frönte und die zweifellos dazu beigetragen hatte, dass sein Gesicht ziemlich vertrocknet und ausgezehrt wirkte. Er war 40, sah aber viel älter aus. Ed verabscheute jede Form körperlicher Ertüchtigung. Das letzte Mal gerannt war er bei seinem Auswahlverfahren vor 18 Jahren.

Und als wären die Unterschiede zwischen ihm und Aggy nicht schon groß genug gewesen, fand sie zudem, er sei einer der langweiligsten und nervigsten Nörgler, den sie je getroffen hatte. Von seinen 18 Jahren beim Militär war er sechs davon als Agent im Einsatz gewesen. In den restlichen zwölf Jahren hatte er Bürojobs für die ihm übergeordnete Aufklärungsabteilung erledigt. Ed war nur deshalb Sergeant geworden, weil er lange genug gedient hatte. Mit seinen relativ begrenzten Fähigkeiten hatte das nichts zu tun. Sein Aufstieg durch die Dienstränge war einzig der Undercover-Einheit geschuldet: Da er oft auf Achse war, wurde er »in Abwesenheit« beurteilt und wegen seiner »Spezialaufgaben« war seine Beförderung recht großzügig ausgefallen. Nur ein kleines Rädchen im Getriebe seiner Einheit, hatte er als Dinosaurier einen gewissen Nutzen. Er war der älteste Agent auf der Gehaltsliste und einer der wenigen, der einen feuchtfröhlichen Abend in einer verqualmten Arbeiterkneipe verbringen konnte, ohne aufzufallen. Zu Aggys Unglück hielt Ed sich für einen großen Gelehrten und Bewahrer der Weisheiten der Undercover-Arbeit. Die »Frischlinge«, wie er ihre Generation an Agenten nannte, ließ er nie vergessen, wie viele Dienstjahre er schon auf dem Buckel hatte.

Ed war von diesem speziellen Auftrag genauso genervt wie Aggy. Er war einer derjenigen, die sich am lautesten über weibliche Agenten beschwerten und es half nicht gerade, dass er während dieser speziellen Partnerschaft von den anderen Agenten »der Päderast« genannt wurde. Das trug zweifellos dazu bei, dass er nur sehr widerwillig mit ihr kuschelte, wenn es die Situation erforderte. Seitdem sie kurz nach vier Uhr morgens hier angekommen waren, hatten sie sich schon dreimal umarmen müssen. Ed war unrasiert, stank nach Zigaretten, sein Schnurrbart war feucht von dem Kaffee, den er immer wieder aus seiner Thermoskanne nippte, und er hielt sie, als hätte sie einen ansteckenden Ausschlag. Einmal mussten sie eine grausame Viertelstunde kuscheln, weil ein notgeiles Pärchen mit zwei Autos zu einem frühmorgendlichen Schäferstündchen aufgetaucht war.

»Die denken sicher, ich bin \’ne verdammte Schwuchtel«, stöhnte er, als er sie im Arm hielt. Diese Standard-Beschwerde äußerte er an diesem Tag noch häufiger. »Gab noch keine Frauen, als ich vor 18 Jahren mit dem Job angefangen hab«, sagte er in seinem dicken Yorkshire-Dialekt. »Wir ha\’m einfach Perücken genommen, wenn\’s nötig war … Zumindest kenn ich keine Frau, die ihre verdammten Füße auf dem Armaturenbrett hat, wenn sie im Auto sitzt.«

Aggy verdrehte nur die Augen. Es war sinnlos, überhaupt zu versuchen, mit ihm zu streiten. Der Funkspruch von Spinks war daher ein willkommenes Zeichen, dass sich ihre Aufgabe dem Ende näherte und sie bald getrennte Wege gehen konnten.

»Bestätige, O\’Farroll und eine unbekannte männliche Person«, flüsterte Spinks in seinen Kragen. O\’Farroll war der Ältere der beiden Männer. Spinks drückte auf einen Knopf, der sich im Rücklicht verbarg. Der Verschluss einer Kamera, die in einen anderen Scheinwerfer eingebaut war, klickte leise und fing O\’Farroll, der mit dem Unbekannten redete, in einer Weitwinkelaufnahme ein und der Film rollte zum nächsten Bild weiter. Der andere Mann war zweifellos niedriger im Rang als O\’Farroll, der Quartermaster der Real IRA und nur dem Kriegsrat unterstellt war. Die Annahme erschien vernünftig, da alle Paten der RIRA bekannt waren und es unwahrscheinlich war, ein neuer und in der Rangfolge höher Stehender könnte einfach auf der Bildfläche erscheinen, ohne dass die militärische Aufklärung es herausfand.

Der Unbekannte lachte über eine Bemerkung von O\’Farroll und tat dann etwas, wobei Spinks beinahe die Nerven durchgingen. Er sah direkt auf das Auto, in dem Spinks lag, und ihm kam es ein wenig zu lange vor. Jeder Undercover-Agent hatte eine gut ausgeprägte Paranoia, die er zu kontrollieren lernen musste. Die beiden Männer sahen entspannt und heiter aus, als würden sie nur ein wenig Zeit totschlagen, aber Spinks, der ein guter Beobachter war, merkte, dass eine gewisse Spannung zwischen den beiden herrschte.

Ein paar Minuten später tat es der Unbekannte erneut. Seine Augen wanderten von O\’Farroll weg, um einen Blick direkt auf das Heck von Spinks\‘ Wagen zu werfen. Spinks machte ein weiteres Foto und starrte den Unbekannten an, versuchte herauszufinden, was da vor seinen Augen ablief. Dann fuhr ein Wagen vor, hielt auf der Straße und versperrte Spinks die Sicht auf die beiden Männer. Er hielt etwa eine halbe Minute mit laufendem Motor, und als er wegfuhr, war O\’Farroll ebenfalls weg und der Unbekannte stand allein an der Straße. Der Mann wartete einen Moment und steckte die Hände in die Manteltaschen. Bevor er sich zum Gehen umwandte, sah er noch einmal direkt zu Spinks, dann geriet er außer Sicht.

Unruhe machte sich in Spinks breit. Etwas in ihm ließ die Alarmglocken schellen. Seine Erfahrung in diesem tödlichen Spiel hatte ihn gelehrt, der Fantasie ein wenig Spielraum einzuräumen, aber es gab eine Grenze. Er versuchte, das nagende Gefühl der Sorge einzudämmen, schließlich konnte er nichts tun, ohne seine Tarnung auffliegen zu lassen. Da der Kofferraum abgeschlossen war, konnte er nur raus, indem er den Rücksitz nach vorn schob und ins Auto kletterte. Wenn er seiner Paranoia nachgab und da draußen nichts Kriminelles vor sich ging, dann würde er die Mission scheitern lassen. Waren seine Ängste berechtigt, dann wären auch seine Handlungen gerechtfertigt. Läge er falsch, würde der Boss der Abteilung das vielleicht verstehen, aber dann würden sie vermuten, Spinks habe keine Nerven mehr. Das war nichts Ungewöhnliches in seinem Job. Dann könnte er sich von der längeren Dienstzeit verabschieden, auf die er hoffte. Seine drei Jahre waren bald vorbei und er wollte noch mal drei Jahre verlängern. Verdammt, eigentlich wollte er nie damit aufhören. Er konnte nicht wieder ins reguläre Militär zurück, nicht jetzt, nicht nach seiner Zeit bei der Abteilung. Und der Gedanke an ein ziviles Leben war für ihn unerträglich.

Spinks kam aus der Air Force, dort war er normaler Soldat gewesen, Mädchen für alles. Es war damals schon schwer genug für ihn gewesen, jeden Tag Uniform zu tragen und sie auch noch sauber zu halten. Nach der Schule hatte er sich der Royal Air Force angeschlossen, weil er sich nicht vorstellen konnte, irgendetwas anderes zu machen – eine verlorene Seele ohne Ehrgeiz und Motivation. Er war nur deswegen zum Auswahlkurs für diese Einheit geschickt worden, weil sein Boss einen Rundbrief vom Verteidigungsministerium erhalten hatte, in dem um Freiwillige für »besondere Dienste« gebeten wurde und er das als prima Gelegenheit sah, den widerspenstigen Soldaten loszuwerden. Sechs Monate später hatte für Spinks ein neues Leben begonnen. Nach seiner Zeit als Undercover-Agent wieder in diese gewöhnliche Existenz zurückzukehren, wäre unmöglich. Wenn er gehen musste, dann als Zivilist, aber dann hätte das Leben keinen Zweck, keine Bedeutung mehr für ihn.

Sollte draußen wirklich etwas vorgehen und es gefährlich werden, würde er warten, bis er absolut sicher war, selbst wenn es dann möglicherweise keine Chance mehr gab, etwas daran zu ändern. Aber dieses Leben hatte er eben gewählt.

Spinks war kein Spitzenagent. Nicht dass es eine offizielle Rang- oder Bestenliste gegeben hätte. Aber es gab eine inoffizielle unter seinen Kollegen. Es kursierten viele Geschichten über Heldentaten, jedoch alle über Agenten, die schon Geschichte, manche davon sogar eine Legende geworden waren. Fast jeder Undercover-Agent träumte davon, dass es wenigstens ein tolles Erlebnis gäbe, welches ihn in diesen exklusiven Klub der Superhelden beförderte, aber die wenigsten kamen auch nur nahe dran. Man musste zur falschen Zeit am falschen Ort sein und dann auch noch mit einem irgendwie positiven Ergebnis die Sache überstehen, nicht nur einfach überleben. Der Heldenstatus, den Undercover-Agenten vom Rest des Fußvolks beim Militär zugeschrieben bekamen, weil sie einen solch geheimnisvollen und gefährlichen Job hatten, war für einige nicht genug. Unter den ganzen Helden der Superheld zu sein, war die schwindelnde und fast unerreichbare Höhe, zu der sich viele aufschwingen wollten. Die etwas direktere Route zum Ruhm führte natürlich über einen Kill. Aber ein Kill machte einen nicht automatisch berühmt, auch wenn es ein guter Anfang war. Wahrer Ruhm kam nur mit mehreren Kills. Und Glückstreffer zählten dabei nicht. Die konnten sogar dazu führen, dass man sich über einen Agenten lustig machte.

Aber Spinks teilte diese Träume nicht, zumindest nicht auf diese Weise. Er kannte seine Grenzen. Nicht mal annähernd konnte er sich vorstellen, mit jemandem wie zum Beispiel Stratton mitzuhalten, der schon mehrere Kills vorzuweisen hatte; vier offizielle, seit er hier angekommen war, aber jeder wusste noch über mindestens zwei weitere Bescheid. Und dann waren da die angeblich unzähligen Kills aus Strattons »vorheriger Militärkarriere«. Man munkelte von Dutzenden, aber niemand in der Einheit würde jemals die genaue Zahl erfahren, zumindest nicht von Stratton. Spinks träumte vom Ruhm. Das Erstaunliche daran … er hatte sogar einen Plan, wie er ihn erlangen konnte. Nachdem er sich für einige der weniger beliebten Aufgaben freiwillig gemeldet und sie zufriedenstellend und ohne Klage ausgeführt hatte, stellte er fest, dass bei Einsatzbesprechungen sein Name fiel und die Teamleiter ihn für bestimmte Aufgaben einsetzten, die niemand wirklich haben wollte. Er war derjenige, an den man sich für die eher unangenehmen Beschattungen wendete. Er hatte seine Nische gefunden, hatte sich selbst einen einzigartigen und positiven Ruf erworben. Und das war mehr, als die meisten von sich sagen konnten. Undercover-Agenten kamen und gingen, nur wenige blieben in Erinnerung, und noch weniger waren auch bei den kommenden Generationen Gesprächsthema. Wenn ein Agent buchstäblich bis zum Hals in der Scheiße stecken musste, um einen Auftrag durchzuführen, war Spinks der richtige Mann.

Plötzlich fiel ihm ein – er hatte Ed gar nicht das Okay gegeben, damit dieser ihn abholte. Er verfluchte sich selbst für seine Dummheit, tastete nach dem Knopf für das Funkgerät und flüsterte in seinen Kragen.

»One Three Kilo, hier ist Four Two Charlie. O\’Farroll hat sich mit einem Fahrzeug in Richtung Süden entfernt. Klar für Pick-up«, wisperte er.

Aggy drückte den versteckten Rufknopf, der unter dem Sitz am Rahmen des Wagens befestigt war. »One Three Kilo, verstanden. Unterwegs zu deiner Position.«

»Four Two Charlie«, bestätigte Spinks, ließ den Knopf los und versuchte, sich zu entspannen. Ed würde vermutlich etwa sieben Minuten brauchen. Dann war ihm, als hätte er etwas gespürt. Als hätte jemand sanft über die Seite des Autos gestrichen. Er versuchte, seine Sinne auf die Außenseite des Wagens zu konzentrieren. Da war es wieder, eine leichte Berührung der Karosserie. Spinks atmete kaum, erstarrt wie ein Kaninchen, vor dessen Bau eine Schlange lauert, die durch den Eingang späht.