Snow Bone

INHALTSBESCHREIBUNG


»In darkness no one can hear your scream!«
»Hell is behind your mind!«

Das Snow Hill Hotel hoch oben in der Sierra Nevada.
Abgeschnitten von der Außenwelt.
Ein tosender Schneesturm.
Fünf unbedarfte Wanderer.
Vier gewalttätige Jäger.
Ein scheinbar harmonisches Hausmeister-Ehepaar.
Unsäglicher Hunger.
Unfassbare Gewalt.
Namenloses Grauen.
Kannibalismus, Blut und Horror.
Die Vergangenheit ist lebendiger als die Gegenwart.
Und alles ist nicht so, wie es scheint!

1-1

 

Es war nicht so, dass die bekannte Welt von einem Moment zum anderen aus den Fugen geriet. Es fing eigentlich alles ganz harmlos an …

  

Die Sierra Nevada, der längste und höchste Gebirgszug in den Vereinigten Staaten, erstreckte sich sechshundertfünfzig Kilometer parallel zur Pazifikküste. Genauer gesagt vom Fredonyer Pass im Norden bis zu den Tehachapi Mountains im Süden. Das Hochgebirge bildete außerdem die Grenze zwischen Kalifornien und Nevada. Sein höchster Punkt war der Mount Whitney im südlichen Teil, dessen Gipfel über viertausendvierhundert Meter in den Himmel ragte. Während im Westen die Berggruppe sanft anstieg, fiel sie im Osten mit einem der steilsten Felsabbrüche zum Great Basin, dem Großen Becken ab. Außerdem bildete die Sierra Nevada eine gewaltige Wetterscheide, die den vom Pazifik kommenden Winden nahezu sämtliche Feuchtigkeit nahm. Aus diesem Grund war das Wetter hier auch von extremen Unterschieden bestimmt. Es reichte vom Wüstenklima wie im Death Valley bis zur arktischen Witterung auf den Berggipfeln.

An diesem schicksalhaften Januartag war der perlgraue Himmel dicht mit schwangeren Wolken verhangen. Nur ab und zu blitzte durch die spärlichen Lücken eine blasse Sonne hindurch. Ein eisiger Wind fuhr durch die Wipfel der kegelförmigen Tannen und der weit ausladenden Kiefern und seufzte sein Lied von der Einsamkeit in den Zweigen. Die Reinheit der beißenden Kälte war nahezu berauschend.

Die menschlichen Eindringlinge waren es, die diese Urwüchsigkeit der Wildnis störten und ihre Bewohner aufschreckten. Gedrungene Pfeifhasen versteckten sich irgendwo in den Geröllhalden, während sich die scheuen Rotluchse im Dickicht verkrochen. Flinke Belding-Ziesel huschten die von Eis und Schnee bedeckten Baumstämme hoch, und über ihnen hüpften mausgraue Kiefernhäher aufgeregt von Ast zu Ast.

Bei den Störenfrieden, die in diese atemberaubende Natur eindrangen, handelte es sich um fünf Wanderer. Zwei Männer und drei Frauen. Mit langen Skistöcken stapften sie lautstark durch den Schnee, der allmählich immer tiefer wurde. Immer weiter mussten sie die Knie hochziehen, um zwischen dem dichten Bergwald voranzukommen. Aufgrund des zusätzlichen Gewichts durch die Trekkingrucksäcke auf ihren Rücken wurde dies jedoch zunehmend schwerer und anstrengender und ihre Bewegungen langsamer und zäher. Fast so, als kämpften sie sich vergebens in einem Sumpf vorwärts, nur, dass dieser Morast aus Schnee und Eis bestand.

Die Gesichter unter den Kapuzen der dick gefütterten Parkas waren von der Kälte und den Strapazen gerötet. Atemwolken standen vor ihren verzerrten Lippen, als stießen sie hektisch tief eingezogenen Zigarettenqualm aus.

Die alten Jagdwege waren kaum mehr als schneebedeckte, schwer begehbare Pässe. Die wenigen Saumpfade, die die Holzfäller benutzten, die ohnehin nicht weit und manchmal sogar im Kreis führten, waren ebenfalls zugeschneit.

Je höher und näher die Wanderer der Baumgrenze kamen, umso spärlicher wurde die Vegetation. Die Tannen und Kiefern sahen immer verkrüppelter und kleiner aus und waren nicht mehr sehr viel höher als fünfzig Zentimeter. Wären da nicht die majestätischen Berge gewesen, die sich ringsherum erhoben, hätte man denken können, die Welt sei zu einem Mikrokosmos zusammengeschrumpft.

Immer weiter trieb der steife Wind eine breite und dunkle Schlechtwetterfront an die hoch aufragenden Gipfel heran, bis die schwachen Sonnenstrahlen schließlich vollends erstarben. Die geschlossene Wolkendecke, die nun bleiern am Firmament hing, war mehr als beunruhigend.

Ned Harlan, der Vorderste der kleinen Gruppe, blieb jetzt unvermittelt stehen und richtete seinen Blick gen Himmel.

»Sieht nach noch mehr Schnee aus«, stellte er schwer atmend und beunruhigt fest.

Die übrigen Wanderer, Neds Verlobte Laura Kelly, Tobey Arness und seine Freundin Veronica Cassavates sowie die alleinstehende Britt Eklund, scharten sich nervös um ihn. Auch sie sahen besorgt zu der bedrohlich wirkende Wolkenwand hinauf.

»Nicht mal ohne Neuschnee werden wir es bis zum Parkplatz schaffen, bevor es dunkel wird.« Tobey, der mit seiner Körpergröße von über zwei Metern die anderen weit überragte, sprach jetzt das aus, was insgeheim alle dachten. »Noch dazu haben wir keine Ahnung, wohin der Weg führt, dem wir nun schon seit Stunden folgen«.

Damit hatte er ebenfalls recht. Vor zwei Tagen und bei strahlendem Sonnenschein hatten die fünf Freunde ihre Fahrzeuge – Tobeys antiken, neu aufgemotzten 1980 Chevrolet Camaro Z28 und Neds Cadillac ATS Limousine – tief unten im Tal abgestellt. Britts Ford Mustang stand in der heimischen Garage, weil sie mit Tobey und Veronica mitgefahren war.

Vom Parkplatz aus waren sie zu Fuß aufgebrochen, um dem dreitägigen Rundwanderweg zu folgen, der sie in eine Höhe von über dreitausend Metern hinaufführen würde. Die ersten beiden Nächte hatten sie in Schutzhütten verbracht. Eine dritte Übernachtung in der Wildnis war allerdings nicht geplant, weil sie noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück im Tal sein wollten. Doch dann hatten sie die Orientierung verloren. Genauer gesagt, hatten sie ein vollkommen verschneites Schild des ausgewiesenen Wanderwegs übersehen. Deshalb folgten sie nun einem anderen Pfad, ohne zu wissen, wohin dieser eigentlich führte.

Laura Kelly griff in die Tasche ihrer Winterjacke und holte ihr Smartphone heraus, nur um kurz darauf festzustellen, dass es hier oben gar kein Funknetz und damit auch keinen Empfang gab. Mit einem tiefen Seufzer steckte sie das Handy wieder weg.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Britt Eklund sorgenvoll. Wie eine Tarantel kroch Angst in ihr hoch. Die Aussicht, hier draußen in der Wildnis in einem Schneesturm festzustecken, erschreckte sie bis ins Mark. Letzten Endes waren sie nämlich nicht im Geringsten darauf vorbereitet, ohne Schutzhütte im Freien zu übernachten. Bei diesen eisigen Temperaturen würde das ganz gewiss ihren sicheren Tod bedeuten.

In Hollywood wirst du dann nirgendwo mehr für die Hauptrolle eines zweitklassigen Filmes vorsprechen müssen! Dafür gibst du aber garantiert eine gute Eisleiche ab …

»Vorhin habe ich das halbverschneite Hinweisschild eines Hotels gesehen«, meldete sich Veronica zu Wort. »Vielleicht ist es ja hier irgendwo in der Nähe.«

»Du hast recht. Ich konnte den Namen Snow Hill Hotel entziffern«, erinnerte sich jetzt auch Tobey.

Hoffnung keimte in den Freunden auf, die sich von der Westküste am Pazifischen Ozean aufgemacht hatten, um das große Abenteuer in den Bergen zu suchen. Alle fünf wohnten und arbeiteten in San Francisco, in dem es selbst im Winter noch milde Temperaturen gab. Dabei war der Trip in die Sierra Nevada keineswegs einer bloßen Schnapsidee entsprungen, sondern schon seit Monaten geplant gewesen.

Wie eine Ballerina, wenn auch nicht ganz so elegant, sondern eher staksig, was seiner Körperlänge geschuldet war, drehte sich Tobey im Kreis. Mit zusammengekniffenen Augen suchte er das Terrain ab. Ihnen gegenüber ragte ein noch höherer Berg auf, als der auf dem sie sich momentan befanden. Die schlanke Silhouette seiner gezackten Spitze schien die tief hängenden, bleigrauen Wolken fast zu berühren. Unter ihm breitete sich eine Schlucht aus, deren Grund mit einer Eisschicht bedeckt war. Die Berghänge wirkten schwindelerregend steil.

Als Tobey, schon halb entmutigt, seinen Blick in die andere Richtung schweifen ließ, machte sein Herz plötzlich einen Satz, denn etwas weiter oben entdeckte er tatsächlich das Hotel. Es war in einen Steilhang eingebettet und stand genau dort, wo sich der Tannen- und Kiefernwald ein wenig lichtete. Um es zu erreichen, mussten sie nicht einmal in die Schlucht hinab und auf der anderen Seite wieder hinaufsteigen. Ein solches Unterfangen wäre angesichts des zu erwartenden Unwetters, der fortgeschrittenen Uhrzeit und ihrer körperlichen Verfassung ohnehin unmöglich gewesen. Stattdessen mussten sie lediglich dem Weg, den sie bislang beschritten hatten, einfach nur weiter folgen. Irgendwo gab es bestimmt eine Abzweigung zu dem etwas höher gelegenen Berg-Resort.

Tobeys Einschätzung nach, lag dieses nicht mehr als fünf Kilometer von ihrem Standort entfernt. Der Parkplatz im Tal hingegen, auf dem ihre Fahrzeuge standen, war mindestens doppelt so weit weg.

Als er die Freunde auf seine Entdeckung aufmerksam machte, sah er sofort Erleichterung in ihren missmutigen Mienen. Halb steif vor Kälte, weil der Frost ihnen durch Mark und Bein ging, aber mit neuem Mut, machten sie sich erneut auf, durch die eiserstarrte Wildnis zu stapfen. Der Wind drehte nun auf Nordost. Die Landschaft glänzte in einem harten, tiefgrauen Licht, das skurrile Schatten von den Bergen und der Vegetation warf.

Ned, der mit Tobey vorausging, ließ immer wieder mal den Besserwisser raushängen. So wie es eben seine Art war.

»Schau dir mal diese Natur an«, sagte er theatralisch. »Die Berge kümmern sich nicht um uns. Sie sind weder gut noch schlecht; sie ragen seit Jahrmillionen in den Himmel und werden auch noch weiter dort stehen, wenn wir längst schon Staub und Asche sind. Für sie sind wir sprichwörtlich nichts.«

»Ich wusste gar nicht, dass du Philosoph bist.« Das war der einzige Kommentar, den Ned von seinem Freund erhielt.

Der Geruch des Waldes, den der Wind zu ihnen hinübertrug, war absolut überwältigend. Über ihnen war jetzt der stille Ruf eines Kiefernhähers zu vernehmen. Je mehr das Tageslicht jedoch wich, umso eisiger wurden die Temperaturen, die schon jetzt weit unter null lagen. Die schneidige Luft drang ihnen durch die dicke Winterkleidung bis in die Knochen. Langsam fingen die Fingerspitzen in ihren Handschuhen und die Zehen in den robusten Trekkingstiefeln an, vor Kälte taub zu werden.

»Weißt du eigentlich, dass die Sierra Nevada zu den Regionen mit dem höchsten Schneefall gehört?«, regte Ned ein neues Gespräch an.

Tobey schüttelte nur den Kopf, ohne etwas zu sagen, aus Angst, seine Zähne würden anfangen zu klappern.

»1991 fielen bei Tamarack, einem kleinen Kaff in der Nähe der Mammoth Lakes, innerhalb eines Monats, fast zehn Meter Neuschnee. Im Winter 1906/07 sogar über zweiundzwanzig Meter. Unfassbar, was?«

»Davon hast du bei der Planung unseres Trips aber kein Wort gesagt.«

»Na ja, ich habe das auch erst kurz vor der Abreise gelesen und wollte niemanden beunruhigen.«

Als ob Ned Harlans Worte vom Wettergott erhört worden wären, wirbelten auf einmal die ersten Flocken vom grauen Himmel.

Tobey, der mit seinem fröhlichen Gemüt seltener fluchte als der Papst im Petersdom, zerdrückte nun leise eine Verwünschung zwischen seinen Zähnen. Es war ja schließlich nicht mehr weit bis zum Hotel, in dem sie bestimmt Unterschlupf finden würden. Vorausgesetzt, sie verpassten die richtige Abzweigung nicht.

Die drei Frauen hinter ihm keuchten vor Anstrengung, als sie ihre Schritte beschleunigten. Er warf einen kurzen Blick über die Schulter zurück und zeigte ihnen sein obligatorisches Sonnyboy-Lächeln. Das sollte Zuversicht signalisieren, obwohl die Lage, in der sie sich gerade gezwungenermaßen befanden, alles andere als hoffnungsvoll war. Denn jetzt fiel der Schnee unablässig. Zehn, fünfzehn Zentimeter und mehr. Dicke Flocken sammelten sich in den Falten ihrer Kleidung.

Wie ein Blizzard zog die Kaltfront über die einsamen Bergwanderer her. Das Vorankommen wurde immer beschwerlicher. Sobald sie nur einen halben Meter vom Weg abkamen, den sie mehr erahnen als sehen konnten, traten sie mit ihren Stiefelsohlen auf loses Geröll, das tückisch unter der weißen Decke versteckt lauerte. Dadurch stieg die Gefahr, auf der Seite zum steilen Gefälle hin, abzustürzen. Immer wieder lösten sie kleinere Schneerutsche aus, von denen manche schließlich zu ausgedehnten Lawinen anwuchsen, die mit Tosen und Krachen in die von Wildbächen gegrabene Talschlucht donnerten.

Britt Eklund, die Letzte in der Gruppe, spürte unweigerlich, wie erneut Panik in ihr hochstieg.

Schneestürme kommen lautlos und machen blind.

Irgendwo hatte sie das einmal gelesen. Tatsächlich verwandelte sich die Welt um sie herum immer mehr in ein Gemälde aus Schnee, Nebel und Fels. Einen Moment lang glaubte sie wirklich, erblindet zu sein, denn Himmel und Erde, oben und unten, waren auf einmal vollkommen gleich. Die Sicht betrug jetzt kaum mehr als einen halben Meter. Vor ihr verschwammen die Konturen von Veronica und Laura, die hinter ihren Partnern hergingen, zu undeutlichen Schemen. Mehr als einmal rutschte einer von ihnen aus, aber zum Glück, ohne sich dabei die Knochen zu brechen.

Alles glitzerte in einem taubengrauen Licht unter einer garstigen, stahlharten Eis- und Schneeschicht. Minuten später nahm der Sturm an Heftigkeit zu und drosch wie ein Bombenhagel auf die einsamen Ausflügler ein. Blitze zerrissen das Zwielicht und elektrisierten die heulende Luft. Krachender und grollender Donner ließ die Bergwände erzittern, wie ein vielstimmiger nervenzehrender Chor. Der eisige Dunst des unerbittlichen Windes trieb Eissplitter vor sich her und schüttelte die Baumwipfel durch, als bestünden sie lediglich aus Gummi.

Es wirkte so, als würde in diesem Abschnitt der Sierra Nevada gerade die Welt untergehen.

Die Apokalypse, schoss es Tobey unwillkürlich durch den Kopf. Aufgrund seiner puritanischen Eltern war er mit einem fest verankerten Gottesglauben aufgewachsen, deshalb war der Tag des Jüngsten Gerichts für ihn nicht nur eine hohle Phrase.

Längst war bei den Freunden jegliches Zeitgefühl abhandengekommen. Schon seit einer halben Ewigkeit schienen sie sich durch die immer höher auftürmenden Schneewehen zu kämpfen.

Die Berge hörten einfach nicht auf, vor Elektrizität zu beben, und weiß glühende Blitze krachten von einem nun tiefschwarzen Himmel. Die Flocken fielen mittlerweile so dicht, dass man die eigene Hand vor Augen kaum noch sehen konnte. Alles um sie herum versank unter einem weißen Schleier.

Wie durch Watte hindurch drang plötzlich ein freudiger Ruf an Britts Gehör, die sich immer noch am Ende der kleinen Gruppe befand. Tobey und Ned waren offenbar auf die Abzweigung zum Hotel gestoßen.

Schweigend und fast am Ende ihrer Kräfte folgten die fünf Menschen dem zugeschneiten Weg die kleine Anhöhe hinauf. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, sodass sie aufgrund der Dunkelheit und des dichten Schneefalls kaum noch etwas sehen konnten. Wie Blinde, vorsichtig nach einem sicheren Untergrund tastend, setzten sie einen Schritt vor den anderen.

Vom Heulen und Tosen der Elemente begleitet, schälte sich schließlich irgendwann der riesige, lang gestreckte und rechtwinklige Umriss des Hotels aus dem gespenstischen Zwielicht heraus. Wie eine Trotzburg ragte das vierstöckige Gebäude im Neokolonialstil mit den beiden turmartigen Seitenflügeln, dem schrägen Schindeldach und der breiten Fensterfront aus dem finsteren Bergwald vor ihnen auf.

Schlagartig senkte sich eine unnatürliche Stille über die Ankömmlinge. Weder das Heulen des Sturmwindes noch das Rascheln der zerzausten Baumwipfel oder das Knirschen des Schnees unter ihren Schuhsohlen war zu hören. Es schien beinahe so, als hätte die Welt jäh ihren Atem angehalten.

Von den mächtigen Mauern, die die Menschen wie Zwerge wirken ließen, ging eine düstere, alles beherrschende Macht aus, einem Gifthauch gleich.

Das jedenfalls glaubte Britt Eklund zu spüren, die von den fünf Freunden am emphatischsten war. Beim ersten Anblick des Snow Hill, der sie wie einen Schlag in die Magengrube traf, vermischten sich in ihrem Denken Empfindungen, Ängste und Visionen. Sie war auf einmal fest davon überzeugt, dass die kathedralenartigen Fenster mit einem geradezu irren Blick auf sie herabstarrten, während dahinter seltsam groteske Schatten wie auf einem Hexensabbat tanzten, so als buhlten sie um die Gunst des Teufels. Die verschlungenen Korridore hinter der säulenbewehrten Fassade schienen langen, steinernen Schlünden zu gleichen, bereit alles Lebende zu verzehren. Sämtliche Maschinen und Geräte in den einzelnen Räumen pochten und summten so unregelmäßig wie der Herzschlag eines Sterbenden. Etwas Finsteres, unaussprechlich Scheußliches, Abstoßendes, Groteskes und Fremdes, lag hinter diesen Mauern.

Hinter diesen toten Mauern, vor denen die Menschen fast zwergenhaft erschienen. Etwas Unheimliches und Düsteres, geboren aus den Abgründen zwischen den Welten, deren eisige Ströme Britt Eklund bis ins Mark erschaudern ließen. Auf ihrem Rücken unter dem Schneeparka breitete sich eine Gänsehaut aus und ihre Nackenhaare richteten sich auf.

Dieses Hotel ist in Wirklichkeit eine Leichenhalle!

Britt wusste nicht, wie es ihren Freunden gerade erging, ob sie ähnlich dachten oder empfanden wie sie. Vielleicht bildete sie sich das alles ja auch nur ein, genarrt von unheilvollen Ängsten und Spukbildern, die sie seit ihrer Kindheit unregelmäßig heimsuchten.

Wie dem auch sei, ihnen blieb so oder so nichts anderes übrig, als im Snow Hill Hotel Schutz vor der eisigen Nacht und dem wütenden Schneesturm zu suchen.

Ein lautes Klopfen riss die Schauspielerin aus ihren düsteren Gedanken. Wie verrückt hämmerte Tobey gegen die doppelte und vielfach verstärkte aus Ornamentglas bestehende Eingangstür, die einem großen Tor ähnelte, um drinnen gehört zu werden. Vorausgesetzt, es gab überhaupt jemanden, der darauf aufmerksam werden konnte, weil das Hotel nämlich seltsam verlassen aussah.

Mit dem Mut der Verzweiflung hämmerte nun auch Ned mit seinen Handschuhen gegen die Pforte.

Es klingt so, als würde man freiwillig um Einlass in die Hölle bitten!, schoss es Britt jäh durch den Kopf.

Poch, poch, poch.

Die drei Frauen traten nun ebenfalls an die Tür heran und hoben ihre eisigkalten, behandschuhten Hände.

POCH, POCH, POCH.

Dann endlich öffnete sich die schwere Tür einen schmalen Spalt breit. Gerade so weit, als würde das Snow Hill Hotel seinen geifernden Schlund aufreißen, um jeden einzelnen der Neuankömmlinge zu verschlingen.

Ende der Leseprobe

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