Buchcover:

Salvage Merc One

von Jake Bible

Wer auf Militär-Action steht und dazu noch einen gut verpackten Thriller lesen will, ist hier genau richtig. [SciFiNews]

INHALTSBESCHREIBUNG


Joseph Laribeau war dafür geboren, ein Marine der Galaktischen Flotte zu sein. Er war dafür geboren, die als SKRANG ALLIANCE bekannten feindlichen Aliens zu bekämpfen und als Marine Sergeant durch die Galaxie zu reisen. Er liebte sein Leben. Doch dann endete der Krieg und Joe wurde aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Damit verlor er den besten Job, den er je hatte, und es schien, als würde er nicht wieder in ein geregeltes Leben zurückfinden.

Doch dann tritt eine wunderschöne Außerirdische in sein Leben und bietet ihm eine Chance an, die noch größer ist, als in der Flotte zu dienen: das Salvage Merc Corp.

Unter seinem neuen Namen Salvage Merc 1-84 bekommt Joe Laribeau von seinen Vorgesetzten beim Corp den ultimativen Auftrag. Doch zu seiner Überraschung ist es keine militärische Rettungsaktion und auch keine Bergungsmission für ein Unternehmen. Vielmehr muss Joe sein Leben für einen seiner eigenen Leute riskieren. Er soll jene Legende finden und zurückbringen, mit der das Corp überhaupt erst begann.

Er soll IHN finden – den Salvage Merc One.

EINS


Wenn du bei den Marines bist, lernst du ganz schnell, dass du im Kampf nur zwei Verbündete hast: Dein H16 Plasma-Sturmgewehr und den Soldaten, der direkt neben dir steht.

Alles andere kann zur Hölle fahren. Schon allein deswegen, weil es dein verdammter Job ist, alles dorthin zu schicken!

Eine wirklich passende Philosophie, wenn man dreckige Skrang und ihre noch viel schlimmeren Verbündeten, die B'clo'no, bekämpft.

Das Dumme ist nur, in der Sekunde, in welcher der Krieg vorbei war, hatte ich diese beiden Freunde verloren. Mein H16 vermisste ich wirklich. Es war die beste Multiwaffe, die sich ein stahlharter Marine wünschen konnte, wenn er mal in die Enge getrieben wurde. Ich habe mit diesem Baby einen ganzen Haufen Skrangs erledigt. Aber ich sehe natürlich ein, dass man am Ende seiner Dienstzeit die Waffe abgeben muss. So läuft das eben bei der Galaktischen Flotte.

Wie ich meinen zweiten Freund verloren habe? Den Marine, der in all diesen Feuergefechten gegen muskelbepackte Reptilien und Schleimmonster nicht von meiner Seite gewichen ist? Okay, den habe ich nicht wirklich verloren. Crawford ist bei der Flotte geblieben. Ihn haben sie nicht gebeten, zu gehen, denn er war immer noch im Vollbesitz all seiner Organe und Gliedmaßen. Er musste nie einen einzigen Chit für Implantate ausgeben. Er war zu hundert Prozent menschlich.

Oder anders gesagt: Bei ihm mussten sie nicht draufzahlen.

Ich dagegen habe die mir zustehenden Repchits im zweiten Dienstjahr gleich beide auf einmal einlösen müssen, denn ich war dummerweise in eine B'clo'no Paarungsfalle getreten, und das hat mich beide Beine gekostet, bis knapp unter die Knie. Ich weiß nicht mal, ob es ein Männchen oder ein Weibchen war, das da in der Grube auf mich gelauert hat, denn das ist bei diesen Schleimwesen schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass nicht mehr viel von dem Viech übrig blieb, als ich damit fertig war. Ist mir auch egal, ob es eine Milliarde Eier enthalten hat, so wie die Weibchen, oder nur eine Million, so wie die Männchen. Ich habe diesen Riesenhaufen Schnodder komplett in Stücke geschossen, als er mir die Beine weggefressen hat. Ein doppeltes Hurra auf mein H16!

Nachdem ich meine beiden Repchits also ausgegeben hatte und dann auch noch die Wartungskosten für meine schönen neuen Cyborg-Beine aufgelaufen waren, haben die Oberen entschieden, dass ich nicht gerade wirtschaftlich war. Nachdem der Krieg zu Ende ging, war die Galaktische Flotte wirklich ganz schön knauserig geworden. Nun musste das Geld für den Frieden ausgegeben werden, statt für die Vernichtung von Skrang und diesen verdammten, klebrigen B'clo'nos.

Crawford durfte bleiben … und mich haben sie rausgekickt.

Ist mir aber egal. Also, inzwischen ist es das. Am Anfang hat es mich tierisch gekränkt, aber so ist das im Leben. Ich habe mich einfach ein paar Monate um Sinn und Verstand gesoffen, bis ich in eine Wubloov-Kneipe auf diesem einen Planeten gestolpert bin … wie hieß er noch … ach ja, auf Xippeee war das.

Ich weiß, ich weiß… ich frage mich selbst immer, wer sich diese bescheuerten Namen für Planeten ausdenkt! Xippeee mit drei e? So ein Quatsch treibt mich in den Wahnsinn!

Wo war ich stehengeblieben?

Ach ja, bei Xippeee.

Da hing ich also volltrunken in dieser Bar, als eine Frau hereinkam. Sie war eine Halferin, eines dieser seltenen Mischlingswesen, die es in der Galaxis gibt. Sie war halb Mensch, halb Gwreq. Von denen hatte sie die Steinhaut abbekommen, aber sie besaß nur zwei Arme statt vier. Und sie war heiß. Damit meine ich, dass jeder in dieser Kaschemme sofort alles stehen und liegen ließ. Männer, Frauen und Asexer aller Rassen bekamen den Mund nicht mehr zu und starrten sie einfach nur an.

Ich für meinen Teil trank auch noch Wubloov, und das Zeug hat nach dem sechsten Pitcher ernsthafte halluzinogene Effekte. Deswegen bin ich erst mal davon ausgegangen, dass sie nur ein Hirngespinst war. Ohne Scheiß. Aber diese Halferin kam auf mich zu, ignorierte die Blicke aller Anwesenden, und setzte sich an meinen Tisch. Genau in diesem Moment bestellte ich einen weiteren Pitcher Wubloov, weil ich nicht wollte, dass dieser Trip jemals endete.

Als sie jedoch eine KL09-Blasterpistole aus einem Holster zog und sie auf den Tisch legte, dämmerte mir, dass sie vielleicht mehr als ein Produkt meiner Fantasie sein könnte. Was irgendwie ziemlich ätzend war, denn in meiner Fantasie hätte ich ihr bestimmt an die Wäsche gehen können. Aber im wirklichen Leben würde sich eine Traumfrau wie sie garantiert nicht mit einem vernarbten, abgehalfterten und sehr betrunkenen Ex-Marine einlassen. Egal, wie sexy meine Cyborg-Beine auch waren.

»Sergeant Joe Laribeau?«, fragte sie, nachdem die Kellnerin meinen zweiten Pitcher Wubloov auf den Tisch gestellt hatte. Mein Gegenüber wartete, bis die Bedienung verschwunden war, dann goss sie sich ein Glas ein, schüttete es sich in den Rachen und deutete mit dem leeren Glas in meine Richtung. »Ich spreche Common, von daher weiß ich, dass Sie mich verstehen. Sind Sie Sergeant Joe Laribeau oder nicht?«

Sie sagte den letzten Satz wirklich sehr, sehr langsam, als wäre ich ein Zurückgebliebener, der nicht mehr als drei Worte pro Minute verarbeiten konnte. Und da ich gerade im Begriff war, meinen siebten Pitcher Wubloov zu leeren, hatte sie damit vermutlich gar nicht so unrecht.

Allerdings habe ich eine Gabe. Keine Ahnung, woher ich sie habe. Die Ärzte der Flotte dachten, dass es ein Alien-Virus sein könnte, den ich mir auf einem unserer Einsätze eingefangen habe, aber natürlich wollte sich keiner darauf festlegen. Denn dann wäre das ja im Dienst passiert, ein Arbeitsunfall sozusagen, und die Flotte müsste für die Folgen aufkommen.

Und was ist diese Gabe? Eine Form der absoluten Klarheit.

Vereinfacht gesagt, egal wie betrunken, krank, verletzt oder was auch immer ich bin, im Bruchteil einer Sekunde kann mein Verstand zu rasiermesserscharfer Konzentration zurückkehren. Das Grundrauschen des Lebens ist dann einfach verschwunden und ich kann kristallklar jedes noch so feine Detail wahrnehmen. Das hat aus mir einen Soldaten gemacht, der nicht danebenschießen kann. In diesen Momenten kommt es mir immer vor, als würden sich meine Gegner nur in Zeitlupe bewegen, sodass ich auf einzelne Moleküle zielen könnte, wenn ich wollte.

Jetzt würde man denken, dass die Flotte so einen Mann wie mich doch um jeden Preis behalten wollen müsste, aber wie gesagt, das Budget wurde zusammengestrichen und sie wollten nicht für mich verantwortlich sein, falls meine Gabe auf einmal verschwände und mir stattdessen acht Zehen aus der Stirn wüchsen. Denn genau das habe ich auch schon persönlich miterlebt. Es ist alles andere als schön anzusehen!

Dazu kommt, dass ich mich auf meine Gabe nicht verlassen kann. Ich kann sie nicht bewusst aktivieren, das passiert einfach von selbst – oder auch nicht. Aber bei dieser Halferin klappte es, und deswegen passte ich ganz genau auf. Eine fremde Person kennt meinen Namen und gießt sich ein Glas aus meinem Pitcher ein, ohne vorher zu fragen. Scheißegal, wie gut sie aussieht, da werde ich doch gleich misstrauisch.

»Wer?«, frage ich also.

»Sie sind es«, stellte sie fest und setzte dazu an, ihr Glas noch einmal zu füllen, aber ich packte ihre Hand und schüttelte meinen Kopf. Sie zog eine Augenbraue hoch, und da ihre Haut aus Stein bestand, sah das aus, als würde ein Haufen Kiesel einen Steinbogen über ihrem Auge bilden. Sie starrte böse auf meine Hand.

»Wer zur Hölle bist du?«, fragte ich, und verstärkte meinen Griff. Sie starrte immer noch auf meine Hand, ich starrte ihr ins Gesicht, und der ganze Laden war auf einmal stumm wie ein toter Nuft.

»Nimm bitte deine Hand weg«, sagte sie.

Ich warf einen Blick auf ihre KL09 und sie verlagerte ebenfalls ihre Aufmerksamkeit auf die Handfeuerwaffe.

»Ich habe sie extra auf den Tisch gelegt, damit du weißt, dass ich sie nicht heimlich auf deine Eier richte«, sagte die Frau. Sie seufzte und schob die Waffe mit ihrer freien Hand weiter in meine Richtung. »Du kannst sie ruhig behalten. Ich habe noch ein dutzend andere auf meinem Schiff. Du musst nur bestätigen, dass du Sergeant Joe Laribeau bist und mir dann für fünf Minuten zuhören.«

»Fünf galaktische Minuten oder Sterli-Minuten? Ich war nämlich mal auf Sterli gewesen, und die ziehen sich wirklich ewig hin«, antwortete ich.

»Echte Minuten«, sagte die Frau. Dann seufzte sie wieder. »Bitte, lass meine Hand los.«

Das tat ich. War ja nur fair, nachdem sie mir ihre Pistole rübergeschoben hatte. Sie ließ den Pitcher los und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Die nackte Haut ihrer Oberarme rieb sich an der Lehne und der halbe Laden zuckte bei dem Geräusch zusammen. Es klang nicht ganz so wie Fingernägel auf einer Tafel, war aber verdammt nah dran.

»Muss ich noch einmal fragen?«, sagte sie, fast flehend.

Dieser Tonfall änderte alles. Warum sollte eine Halferin mich anflehen, meinen Namen zu bestätigen? Das machte keinen Sinn. Vor allem, weil sie wahrscheinlich nur über den Tisch langen musste, um meinen Schädel mit ihren bloßen Händen zu zerquetschen, falls ihr der Sinn danach stand. Jedenfalls, wenn sie zusammen mit der Haut der Gwreq auch deren Stärke geerbt hatte. Wenn sie mich tot gewollt hätte, wäre ich das längst. Ich meine, die Hälfte der Leute in der Kneipe hätte zu viel Schiss, sie zu melden, und die anderen waren so heiß auf sie, dass sie das Ganze garantiert für ein sexy Lächeln vergessen hätten. Ich wäre dann nur noch ein Haufen Blut und Knochen mit zwei Cyborg-Beinen in der Mitte, und sie bräuchte keinerlei Konsequenzen zu fürchten.

»Ja, ich bin Joe Laribeau«, antwortete ich also wahrheitsgemäß.

Der erleichterte Ausdruck in ihrem Gesicht war unbezahlbar. An ihrem Gürtel piepte etwas und sie zog einen kleinen Scanner hervor. Den hielt sie für zwei Sekunden an ihr Auge, bis er zu piepsen aufhörte. Dann entspannte sie sich, clippte den Scanner wieder an ihren Gürtel und seufzte ein drittes Mal. Dieser Seufzer wurde von einem Lächeln begleitet, der die Außenhaut einer Sternenfregatte zum Schmelzen hätte bringen können.

»Ich bin Hopsheer Balai«, sagte sie und reichte mir ihre Hand.

Ich schlug ein und schob die Pistole zurück auf ihre Seite.

»Ich habe selbst eine«, sagte ich und tätschelte die Kanone, die an meine Wade geschnallt war. »Ich brauche keine Zweite.«

»Man braucht immer eine Zweite«, entgegnete Hopsheer und schob die Waffe wieder in meine Richtung. »In unserer Zunft verbrauchen wir Schusswaffen wie Toilettenpapier.«

»Wir? Zunft?«, fragte ich. »Erkläre mir mal bitte, worum es überhaupt geht, bevor mein Wubloov wieder seine Wirkung entfaltet.«

»Wieder seine Wirkung entfaltet?« Hopsheer lachte. »Deine Pupillen sind größer als die Monde von Venti. Ehrlich gesagt wundert es mich sogar, dass du dein Sprachzentrum noch ansteuern kannst. Wie viele Gläser hast du denn schon getrunken?«

»Gläser? Keine Ahnung«, sagte ich, während ich mir erneut einschenkte. »Aber dies ist Pitcher Nummer sieben. Nimm dir ruhig auch noch einen Schluck, wenn du willst. Aber nur, wenn du mir sagst, was zur abgefohten Hölle hier los ist!«

»Danke«, sagte Hopsheer und bediente sich. Sie deutete kurz mit dem Glas in meine Richtung und schüttete es dann wieder auf Ex in sich hinein. »Oh Mann, das ist gut. Der einzige Stoff in der Galaxis, der meinen Metabolismus durchdringen kann. Wenn man zur Hälfte Gwreq ist, macht das einem den Spaß an so ziemlich allen halb- und illegalen Substanzen kaputt.«

»Das ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe«, antwortete ich. »Ich hatte keine Ahnung, dass das überhaupt möglich ist!«

»Nur für Halfer wie mich«, sagte sie, als sie wieder nach dem Pitcher griff und plötzlich innehielt. Ich nickte ihr zu, und sie goss ihr Glas voll.

»Ich bin kein Rassist, aber das wäre mal ein Argument gegen artenübergreifende Fortpflanzung.« Ich lächelte, damit sie auch ganz sicher verstand, dass das ein Witz sein sollte.

»Das brauchst du mir nicht erzählen«, sagte sie und nippte diesmal nur an ihrem Drink. »Ich habe mal sechs Schüsse in den Bauch bekommen und musste daraufhin siebzehn Stunden operiert werden … und die Narkose hat nichts gebracht, außer ein bisschen zu kitzeln.«

»Foh«, sagte ich, wartete ein paar Sekunden ab und schaute sie einfach nur an, denn wer würde das nicht tun wollen? Doch sie sagte nichts weiter.

»Okay, aber insgesamt ist das schon ein bisschen gruselig«, meinte ich dann. »Du bist wirklich heiß, aber ich stehe nicht auf verrückte Weiber. Tut mir leid. Habe schon meinen Anteil von denen durchgefoht. Diese eine Nemorianerin bin ich erst nach drei Wochen wieder losgeworden. Die hat doch glatt ihren Wassertank in einen GF-Frachter geladen, um mir zu folgen. Nur, um mir zu sagen, dass sie mich liebt, hat sie ihren Wasserplaneten verlassen!«

»Nemorianer sind eine Nymphenrasse«, erklärte Hopsheer, »Die gehen eine permanente emotionale Verbindung ein, wenn sie Sex haben. Hättest dir also denken können, dass das kompliziert wird.«

»Tja, bei dem Teil hat mir meine Gabe leider nicht weitergeholfen«, sagte ich.

»Deine Gabe«, schrie Hopsheer förmlich.

Einige der Gäste, die uns bis zu diesem Punkt beobachtet hatten, drehten sich nun weg. Denn niemand würde gerne von einem aufgeregten Gwreq dabei erwischt werden, dass man ihn anstarrte – selbst wenn es nur ein Halfer war. Denn auf diese Art konnte man leicht einen bis zwei Arme verlieren.

»Genau deswegen bin ich hier«, sagte Hopsheer. »Deine Akte ist in die Hände der SMC gelangt und meine Bosse haben die Notiz über deine Gabe gelesen: Perfekte Wahrnehmung unter Stress.« Sie deutete auf den Pitcher. »Das erklärt, warum du trotz Wubloov noch sprechen kannst.«

»Und …?«, fragte ich. »Moment, sagtest du SMC? So wie in Salvage Merc Corporation

»Genau die«, sagte sie und warf mir wieder dieses Lächeln zu, während sie an ihrem Drink nippte. Dann stellte sie das Glas ab und lehnte sich nach vorn.

»Die SMC sucht nach neuen Rekruten. Wir hatten in letzter Zeit einige bedauernswerte Verluste, vor allem durch diese Edger-Rebellen, die durch die Galaxis ziehen und Probleme machen. Sobald die einen Salvage Merc ankommen sehen, werden sie nervös und denken, dass die Nummer ein Ticket für sie hat.«

»Wollen sie das denn nicht?«, fragte ich. »Übrigens, was ist eine Nummer?«

»Häh?«, fragte sie und beobachtete über ihre Schulter zwei Männer, die gerade hereingekommen waren.

»Was meinst du mit Nummer?«, fragte ich noch einmal. »Ich weiß, dass ein Ticket ein Auftrag für einen Söldner ist. Aber ich habe keine Ahnung, was eine Nummer in dem Zusammenhang ist.«

»Ich bin die Nummer«, sagte Hopsheer, die Augen immer noch auf die beiden Fremden gerichtet, die vom Eingang aus zur Bar gingen. »Wir Mercs sind die Nummern. Jeder von uns hat eine Nummer. Ich bin Salvage Merc Acht. Und deswegen nennen wir uns untereinander Nummern. Das ist so ein Insider, weißt du?«

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich und ihre Hand glitt ganz unauffällig zu der Pistole, die immer noch auf dem Tisch lag. »Das wirst du alles in unserem Hauptquartier lernen.«

»Ich habe nie gesagt, dass ich mit dir in euer Hauptquartier komme«, antwortete ich.

Die zwei Neuankömmlinge bestellten an der Bar, dann drehten sie sich um und starrten direkt zu unserem Tisch. Sie hatten abgesägte Scatterblaster über die Schultern geschnallt. Rostige Dinger, die so aussahen, als würden sie höchstens in ihren Händen explodieren, wenn sie den Abzug drückten. Aber meine Vermutung war, dass das nur ein Trick war, um potenzielle Gegner in Sicherheit zu wiegen. Wahrscheinlich funktionierten sie in Wahrheit tadellos und würden meinen Kopf mit einem einzigen Schuss abtrennen.

»Das solltest du aber«, sagte Hopsheer und deutete mit dem Kopf in Richtung Bar. »Siehst du diese Jungs? Die sind nicht hier, um zu trinken.«

»Habe ich mir schon gedacht«, stimmte ich zu.

»Der Grund, warum meine Bosse deine Akte gesehen haben, ist, dass jemand sämtliche Daten von hochdekorierten Marines ins Grid kopiert hat«, sagte sie. »Für den durchschnittlichen Weltraumcowboy ist das kein Problem, aber für jemanden wie dich, der so eine Gabe und dazu noch Cyborg-Beine hat, könnte es brenzlig werden.«

»Wieso das denn«, fragte ich. »Ich habe die Flotte doch schon vor zwei Jahren verlassen.«

»Das ist egal« entgegnete Hopsheer und ihr Griff um die Waffe verengte sich. »Diese Typen sind Kopfgeldjäger. Sie sind von jemandem geschickt worden, um dich in die Gewalt desjenigen zu bringen, der am meisten bezahlt. Die müssen dir nur einen KI-Chip in den Kopf implantieren und schon bist du eine fernsteuerbare Mordmaschine!«

»KI-Chips sind aber illegal, und das in der gesamten Galaxis«, sagte ich. »Darauf steht lebenslange Haft.«

»Ein heißes Indiz dafür, dass die Organisation, die diese Freaks geschickt hat, nicht gerade gesetzestreu ist«, sagte Hopsheer. »Sieht so aus, als hätte ich dich in allerletzter Sekunde gefunden!«

»Galaktische oder Sterli-Sekunde?«, fragte ich mit einem Lächeln. Ich lockerte den Verschluss um meine KL09 und zog sie langsam aus dem Holster. »Das war ein Scherz.«

»Und ein witziger noch dazu«, stellte Hopsheer nüchtern fest. Dann verhärtete sich ihr Blick. Und zwar buchstäblich, denn ihre Augen wurden zu Stein. »Ich muss jetzt wissen, ob du daran Interesse hast, ein Salvage Merc zu werden.«

»Warum?«

»Weil mein Ticket nur beinhaltet, dich zu finden – nicht, dich mitzunehmen«, sagte Hopsheer. »Du musst aus freien Stücken mitkommen. Das bedeutet, ich darf dich nicht mit Waffengewalt verteidigen, es sei denn, du äußerst spezifisch den Wunsch, ein Salvage Merc zu werden. In der Sekunde, wo du das tust, stehst du unter dem Schutz der SMC und diese beiden Männer sind für mich Freiwild.«

»Ich wäre ziemlich bescheuert, wenn ich dich zurückweisen würde«, sagte ich. »Das meine ich auch auf erotische Art.«

»Jetzt sei kein Terpig«, knurrte sie und verzog das Gesicht. »Wir sind doch gut miteinander ausgekommen, bis du das gesagt hast.«

»Sorry«, sagte ich und trank mein Glas leer. Dann schlug ich es auf die Tischplatte und stand auf. »Ich bin ganz offiziell daran interessiert, ein Salvage Merc zu werden. Wann geht's los?«

»Sofort«, meinte Hopsheer, stand auf und drehte sich in Richtung der beiden Männer, die sich gerade von ihren Barhockern erhoben und langsam auf uns zukamen. »Bleib hinter mir.«

»Ich kann gut auf mich selbst aufpassen«, sagte ich.

»Nicht bei diesen abgefohten Jirks«, entgegnete sie.

»Jirks?«, schluckte ich. »Hauträuber? Okay, ja, dann geh du lieber voran!«

Ich konnte sehen, wie ihre Haut sich unter ihrer Kleidung verhärtete. Der Stoff spannte sich und ihre Bewegungen wurden kantiger. Nicht holperig oder ungelenk, sondern eher kraftvoller. Sie war bereit, zu kämpfen.

»Kein Kopfgeld für ihn«, sagte einer der Jirks.

Die Haut, die er trug, hatte einen hellen Lilafarbton, was bedeutete, dass er vor Kurzem jemandem aus dem Tersch-System getötet haben musste, wo sie diese helle, rote Sonne hatten. Seine Augen glänzten golden und als er lächelte, zeigten sich zu Spitzen gefeilte Zähne. Das bedeutete, dass er einer niedrigen Jirk-Kaste angehörte. Denn die Zähne verrieten die unteren Ränge der Hauträuber. Sie eigneten sich jeden Aspekt ihres Opfers an, bis auf die Zähne. Höhergestellte Jirks konnten hingegen auch ihr Gebiss anpassen. Und leider stammten die meisten Jirk-Assassinen aus gutem Hause, sodass es verdammt schwer war, die Bastarde zu fangen und zu verurteilen. Sie standen unter dem Schutz der Familien.

Aber das galt nicht für diese Jungs. Die stammten definitiv aus der Arbeiterklasse. Fußvolk, das geschickt wurde, um die Drecksarbeit zu erledigen.

»Er ist ein freier Mann«, sagte Hopsheer. »Er hat keine Gesetze gebrochen, weder lokale noch galaktische, und deswegen gibt es in der Tat kein Kopfgeld für ihn.«

»Ich bin sowieso allergisch gegen Kopfgeld«, sagte ich. Da machte sich wieder der Wubloov bemerkbar. Ich hätte lieber gar nichts sagen sollen, aber wenn ich betrunken war, wurde ich immer vorlaut. Denn meine Gabe wirkte sich leider nicht auf meinen Mund aus. »Sorry, ignoriert mich«, fügte ich schuldbewusst hinzu.

»Wir gehen«, sagte Hopsheer, doch der zweite Mann, der ebenfalls lilafarbene Haut hatte, stellte sich neben seinen Kompagnon, sodass der Weg versperrt war.

»Jetzt kommt schon, Jungs«, sagte Hopsheer. »Ich will euch nicht töten, und ich schätze mal, ihr wollt mich auch nicht töten. Jirks hassen es doch, Halfer zu sein, oder? Wenn ihr mich tötet, nehmt ihr meine Gestalt an, wenn ihr nicht Unmengen Energie darauf verschwendet, es nicht zu tun.«

»Ich würde deine Gestalt lieber durchnehmen, statt sie anzunehmen«, sagte der zweite Jirk. »Das bedeutet, ich würde dich gerne fohen wie eine …«

»Ja, ich weiß, was das bedeutet«, unterbrach Hopsheer ihn. Ich konnte ihre steinernen Augen zwar nicht sehen, da sie mir den Rücken zugewendet hatte, aber ich war ziemlich sicher, dass sie sie in diesem Moment verdrehte.

»Du hast dein Ticket abgehakt«, sagte der erste Jirk. »Dein Job ist erledigt. Du hast den Kerl gefunden, jetzt mach dich aus dem Staub. Wir übernehmen ab hier.«

»Ihr müsst euch doch nicht um mich streiten«, sagte ich. »Es ist genug für alle da. Was haltet ihr davon, wenn ich dieser wunderschönen Frau ins SMC-Hauptquartier folge, mir anhöre, was die zu sagen haben, anschließend zu eurer Organisation komme, mir dort die Arbeitsbedingungen erklären lasse, meine Optionen abwäge und mich dann entscheide. Wenn die Leute, die euch angeheuert haben, ein besseres Angebot machen, steige ich gern bei denen ein. Aber deswegen muss doch niemand kämpfen, niemand muss sterben, seine Haut verlieren oder irgendwelche hässlichen Dinge sagen.«

»Warum hast du mich wunderschön genannt?«, fragte Hopsheer, ohne sich umzudrehen. Ihr Fokus ruhte immer noch auf den Jirks. »Du hättest mich eine Frau nennen können, aber du hast mich eine wunderschöne Frau genannt. Vollkommen unnötig, mein Aussehen ins Spiel zu bringen. Meine Attraktivität macht mich nicht zu dem Menschen, der ich bin.«

»Okay, dann entschuldige?«, sagte ich ziemlich verwirrt. Bisher war es für mich noch nie nach hinten losgegangen, wenn ich eine Frau wunderschön genannt hatte. »Du hast recht? Ich hätte dich einfach nur Frau nennen sollen?«

»Warum klingen deine Sätze alle wie Fragen?«, schnauzte sie mich an.

Die beiden Jirks schauten zwischen uns hin und her und lachten. Doch das hörte abrupt auf, als Hopsheer beiden mitten in die Brust schoss. Ich hatte nicht einmal wahrgenommen, dass sie ihre Pistole gehoben hatte. Die beiden Typen fielen in sich zusammen, es blieben nur zwei Häufchen aus Klamotten und leerer, toter Haut übrig. Anschließend verwandelte sich die Kneipe in ein schreiendes Chaos, und alle Gäste versuchten, so schnell wie möglich nach draußen zu kommen.

Hopsheer zeigte dem Barkeeper ihren SMC-Ausweis. Er nickte und zeigte auf eine Videokamera in der Ecke.

»SMC oder nicht, die Behörden werden darüber entscheiden«, sagte er.

»Ich weiß«, entgegnete Hopsheer. »Aber ich würde mich freuen, wenn Ihre Aussage zu meinen Gunsten ausfallen würde. Wir wissen doch alle, worauf dieses Gespräch hinausgelaufen wäre.«

»Ich möchte bitte zu Protokoll geben, dass ich mich bedroht fühlte und Angst um mein Leben hatte, sodass Salvage Merc Acht hier in meinen Augen genau das richtige gemacht und die Gefahr neutralisiert hat«, sagte ich direkt in die Kamera. »Wenn sie diese Jirks nicht erschossen hätte, wäre ich höchstwahrscheinlich gekidnapped und an eine sehr böse, kriminelle Organisation ausgeliefert worden! Mögen die acht Millionen Götter meine Zeugen sein!«

»Was machst du denn da?«, fragte Hopsheer. »Das Ding nimmt keinen Ton auf!«

Dann schaute sie schweigend und unterschwellig bedrohlich den Barkeeper so lange an, bis er ihr zunickte.

»Danke«, sagte sie, »ich werde mich persönlich darum kümmern, dass meine Bosse Ihr Entgegenkommen zur Kenntnis nehmen. Das wird für Sie und Ihren Betrieb von Vorteil sein.«

»Das will ich doch hoffen«, antwortete der Barmann.

Hopsheer packte mich an der Schulter und zog mich in Richtung Tür.

»Warte doch mal«, sagte ich und versuchte, mich loszureißen. Es blieb bei dem Versuch. »Hey, lass doch mal los! Ich muss noch meine Rechnung begleichen!«

»Das geht auf's Haus«, sagte der Barkeeper, »Zischt endlich ab.«

»Auf keinen Fall«, sagte ich, als Hopsheer mich endlich losließ.

Ich ging zu dem Terminal an der Bar und hielt mein Handgelenk daran. Es zeigte meine Rechnung an und zog die Summe von meinem Konto ab.

»In Kneipen mache ich nie Schulden«, sagte ich. »Die Zeche zu prellen bringt Unglück!«

»Wenn du meinst«, erwiderte der Barmann, den Blick fest auf die Überreste der Kopfgeldjäger gerichtet. »Könnt ihr jetzt bitte gehen? Ich muss hier noch aufräumen und den Laden für heute dichtmachen, dann rufe ich die Behörden.«

»Wir gehen«, sagte Hopsheer. »Vielen Dank noch mal.«

»Stimmt, danke«, sagte ich, als ich Hopsheer in das schwache gelbliche Licht folgte, das noch vom Tage übrig war.

Mein Blick wanderte nach oben zu den zwei überlappenden Sonnen, die an Xippeees Himmel prangten, und ich schüttelte den Kopf. Ich war in eine Kneipe gegangen, um ein paar Pitcher psychoaktiven Biers zu trinken, und war als Gast eines Salvage Mercs wieder herausgekommen – mit der Aussicht auf ein Vorstellungsgespräch im SMC-Hauptquartier.

Die Galaxis war schon verrückt.

Ende der Leseprobe

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