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ROCKERBLUT

ROCKERBLUT

  • Vorbestellbar
  • Lieferbar ab 31.07.2019
  • Format: Klappenbroschur
  • Seiten: ca. 324
  • ISBN: 978-3-95835-452-4

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ROCKERBLUT

  • Vorbestellbar
  • Verfügbar ab 31.07.2019
  • ISBN: 978-3-95835-453-1

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Geköpfte Rocker auf den Landstraßen um Nordhaven. Der Mörder schlägt nachts zu und lässt die Köpfe der Opfer verschwinden. Der enthauptete Torso bleibt zurück. Keine Mordwaffe. Keine Spuren. Kein erkennbares Motiv. Bandenrivalität? Revierkämpfe? Tagstedt ermittelt, verliert vorübergehend den Verstand und fast sein Leben. Seine Kollegin Helen Terry hat eine Theorie – und Erfolg. Leider nicht auf der ganzen Linie. Tagstedt wartet auf die Stimme seiner Intuition und hört stattdessen den Wahn.

Verliese des Grauens. Vision oder Realität? Und die Zeit läuft ...

Hanno Tagstedt und Helen Terry von der Kripo Nordhaven sind mit ihrem brutalsten und gleichzeitig rätselhaftesten Fall konfrontiert, der sie an ihre Grenzen und ein ganzes Stück darüber hinaus führt.

Kapitel 1

Tagstedt fluchte und trat hart auf die Bremse, um den kopflosen Körper auf dem Asphalt nicht zu überfahren. Er war in dieser frühen Morgenstunde gerade auf dem Heimweg von einer Party bei seinem Freund Arno Uferberg und bis zu diesem Zeitpunkt ziemlich zufrieden mit sich und der Welt gewesen. Er war in schläfriger Ruhe gefahren, während die Scheinwerfer seines Wagens die von Gebüschen und Bäumen gesäumte Landstraße gewissenhaft ausleuchteten. Kein Tier, kein Mensch und kein anderes Auto war ihm begegnet, nur leise Musik im Radio, irgendein Klassiksender. Tagstedt fühlte sich für einen flüchtigen Moment zurückversetzt in seine Studienzeit, als er an den Wochenenden in Nordhaven, Nachtschichten als Taxifahrer gefahren war, hektisch meistens, ohne die langen Kreuzworträtsel- und Zeitungslektüreminuten der Kollegen von der Tagschicht, und frühmorgens war er dann aus der Stadt heimwärts gefahren, in genau dieser beginnenden Dämmerung, eine Dose Bier zwischen den Beinen unter dem Lenkrad, gegen den Nachhall des nächtlichen Stresses. Zuhause hatte er dann seine Einnahmen gezählt, seinen prozentualen Anteil von der Summe abgezogen, noch ein Bier getrunken und war ins Bett gegangen.

Wie viele von dem Partyvolk heute Nacht hatten wohl während des Studiums Taxi fahren oder kellnern müssen? Sofort tadelte er sich für diesen Gedanken, denn dieser entsprang irgendeinem Minderwertigkeitsgefühl, das die Gesellschaft von Künstlern und Professoren, und sei sie noch so vorübergehend, augenblicklich bei ihm auslöste. Dabei wollte er gar nichts anderes sein als das, was er war, und auch kein vermeintlich besseres Leben haben. Ganz im Gegensatz zu seiner Kollegin, deren Ehrgeiz sie unter Dauerdruck setzte und die dort, wo sie war, tatsächlich litt.

Tagstedt wusste natürlich, dass er nicht so klein war, wie er sich unter diesen Menschen fühlte, und dass diese bei Weitem nicht so groß und überlegen waren, wie er dachte. Sie machten sich einfach nur schon immer über andere Dinge im Leben Gedanken, und das war der Punkt. Es war ihnen gegeben worden. Unaufgeregtheit im Profanen. Hanno Tagstedt war vierundvierzig und Kriminalkommissar bei der Polizei in Nordhaven. Er war nur eine Randfigur auf der mondänen Fete seines Freundes Arno Uferbergs gewesen. Der international renommierte, erfolgreiche Klangkünstler hatte alle eingeladen. Ein lockerer Haufen Freunde … oder hatte er gesagt, ein Haufen lockerer Freunde? Es war kein besonderer Anlass gewesen, nur ein neuer Lehrauftrag in der Schweiz, irgendein Projekt, Tagstedt hatte vergessen, um was es dabei genau es ging … und gerade dieses Banausige unterschied ihn von all den Kunst- und Kulturmenschen. Er wäre wirklich gern feingeistiger. Als Kind hatte er Astronom werden wollen. Doch auch als solcher hätte er sich auf dieser Fete vielleicht als Außenseiter gefühlt und sich bei der Heimfahrt daran erinnert, dass er als Kind davon geträumt hatte, Polizeikommissar zu werden.

Tagstedt hatte seinem Freund Arno Uferberg eigentlich einen Grill schenken wollen, es dann aber doch nicht getan. Es handelte sich dabei um ein schweres Eisending, das ihm jemand aus der Nachbarschaft gebaut hatte und das jetzt unter Tagstedts Carport stand. Der Besitz dieses Monstrums, das mit richtigen Rädern anstatt mit kleinen Rollen ausgestattet war und aussah wie ein Kampfgefährt aus einem Mad-Max-Film, ging auf ein Missverständnis zurück; eines für Tagstedt typischen Überrumpelungsmissverständnissen. Die passierten ihm immer dann, wenn er über ein Angebot, erst einmal nachdenken musste, bei dem andere sofort einschlugen oder ablehnten. Er hingegen schaffte es ausgerechnet in solchen Momenten nicht, sich zu entscheiden. Während er dann etwas ebenso Unverbindliches wie Unverständliches murmelte, begann er, sich sein Leben nach der Umsetzung des Vorschlags in die Tat vorzustellen und das war absolut falsch.

In diesem Fall hatte ihm ein Dorfbewohner, ein Rentner genauer gesagt, nachdem er ihm einen glänzenden großen massiven Eisengrill gezeigt hatte, der sich zur Auslieferung auf einem Wagen befand, angeboten, ihm auch so einen zu bauen. Er wurde zusammengeschweißt, war äußerst günstig und hatte eine lebenslange Haltbarkeit. Ein Grill, hinter dem man bei einem Feuergefecht mit der Mafia bequem Deckung suchen konnte. Keine Kugel würde diesen je durchschlagen.

Tagstedt schaffte es mal wieder nicht, einfach spontan ja oder nein zu sagen, wie man es von jedem anderen in einer solchen Situation erwartete. Ihm kam weder ein begeistertes »Ja, fantastisch!« über die Lippen noch eine souveräne Ablehnung »Nee, lass mal, hab mir erst letztes Jahr einen neuen gekauft.« In Wahrheit machte ihm der Anblick dieser Eisenfestung von Grill sogar Angst.

Den ganzen heutigen Abend hatte er an dieses Ding denken müssen, ein Dutzende Kilo schweres Symbol der Gesetztheit. Ich bin auch gesetzt, hatte er gedacht und dabei Uferbergs Gäste beobachtet, die allesamt kaum Notiz von ihm nahmen. Er war nun mal kein Grüppchensteher und Kultur-Small-Talker, Bonmoteur und Plauderer. Er konnte einfach nur umherschlendern und beobachten. Wie peinlich, wenn er diesen Grill – den er im Übrigen gar nicht in seinen Wagen hätte hieven können – tatsächlich mitgebracht hätte.

Arno Uferberg hatte Hanno Tagstedt auch nicht als Polizisten vorgestellt, sondern als Kriminalisten, um ihn anschließend den hochgezogenen Augenbrauen und höflich erstaunten, in Wirklichkeit aber nur mäßig interessierten Fragen zu überlassen. Der große, international (zumindest unter dem Kunstvolk) bekannte Klangkünstler war ein vollkommen in sich ruhender Mann des Wissens und Könnens, aber kein Snob. Er war auf natürlich wirkende Weise unarrogant. Und das war es, was Tagstedt am meisten an seinem Freund gefiel. Aber ein solcher Mann hatte leider zwangsläufig kulturversnobte Bekannte.

Tagstedt war die Party dank verschiedener Darbietungen (Musik, Performance, Klanginstallation) erst weit nach Mitternacht langweilig geworden, auch weil er so gut wie nichts trinken konnte. Irgendwann war er dann dermaßen vollgesogen mit Eindrücken von Leuten und Gesprächsfetzen, Gesten, Mienen, und Menschenanblicken gewesen, dass er anfing, sich nach einem leichten Glimmer zu sehnen und beschloss, nach Hause zu fahren. Draußen herrschte die erste Frühlingsdämmerung und er fühlte sich diszipliniert (fast nichts getankt) und belebt (jede Menge interessantes Zeug), und er freute sich auf sein Zuhause, auf Sybille in seinem Bett, auf den freien Tag, auf zwei Gläser Rotwein vor dem Schlafengehen … eine milde Daseinsfreude.

Und jetzt das!

Eigenartigerweise dachte er beim Anblick des ein ganzes Stück entfernt im Straßengraben liegenden Motorrads sofort wieder an den Grill, den er nicht hatte ablehnen können. Die schwere Maschine – Chrom und schwarzer Lack – sah er anfangs allerdings noch gar nicht, weil direkt vor seinem Wagen, im Licht der Scheinwerfer, ein Körper lag.

Tagstedt blieb sekundenlang hinter dem Lenkrad sitzen und starrte nach einer scharfen Bremsung erst einmal angespannt aus den Seitenfenstern, ob vielleicht noch etwas geschah. Wer konnte das schon wissen? Dann öffnete er die Tür und ging zu dem auf der einsamen Landstraße Liegenden.

Dieser war kopflos.

Tagstedt richtete sich geschockt auf und prallte förmlich zurück, obwohl ihm schon beim Aussteigen hätte klar sein müssen, was ihn hier erwartete. Aus der sitzenden Position im Auto heraus, war das allerdings nicht eindeutig erkennbar gewesen, da der Tote mit den Füßen zum Wagen dalag. Oder Tagstedt hatte nicht glauben wollen, was er gesehen hatte. Jedenfalls ließ er den Motor laufen, als handele es sich hierbei um einen Wildunfall, dessen Opfer er nur kurz an den Straßenrand zerren musste. Er stieg ganz automatisch aus, ging hin, bückte sich und erschrak erst in diesem Moment. Vielleicht weil er nach der Halsschlagader hatte tasten wollen, die schlichtweg nicht mehr da war. Also sprang er gleich wieder hoch und flüsterte »Scheiße« in der frühmorgendlichen Stille.

Kein Laut außer dem sanften Brummen des modernen Verbrennungsmotors war zu hören. Tagstedt entdeckte im Licht der Autoscheinwerfer nun auch die Maschine im trockenen Straßengraben; es hatte, wie häufig im Frühjahr, nur sehr wenig geregnet in den letzten Wochen.

Tagstedt scheute sich, zu der Stelle zu gehen, wo das eisenschwer aussehende Motorrad lag, denn dort würde wahrscheinlich auch der Kopf liegen … noch im Helm steckend. Erste Hilfe war hier zumindest nicht mehr nötig, das beruhigte ihn. Denn es war schon schlimm genug, sich hier draußen an diesem frühen Maimorgen ganz allein in unmittelbarer Nähe einer Leiche zu befinden. Es war schaurig und ihm komplett zuwider, fast so schlimm wie in der Pathologie, wo er regelmäßig Qualen litt. Mit gelegentlichen heimlichen Besuchen bei Gerrit Johannsen, der Gerichtsmedizinerin, versuchte er dieser Leichenangst allerdings Herr zu werden. Ein Bulle bei der Mordkommission und Schiss beim Anblick von Toten, das ging nun mal gar nicht.

Er konnte sich einfach nicht überwinden, zu dem Helm hinüberzugehen, der irgendwo dort vorn liegen musste; schon die Vorstellung allein löste Entsetzen bei ihm aus. Eine Kinderangst … so als könnte der abgetrennte Kopf in dem Helm plötzlich anfangen zu sprechen oder zu schreien. Er konnte nur hoffen, dass seine überehrgeizige und ihn mehr oder weniger verachtende Kollegin Helen Terry nie hinter seine Phobie kam. Bis jetzt war es ihm meisterlich gelungen, diese zu kaschieren. Nur Gerrit Johannsen war eingeweiht, denn sie hatte er zwangsläufig zu seiner einzigen Verbündeten gegen dieses Problem machen müssen, da bei ihr die Leichen landeten, mit denen es Tagstedt zu tun bekam. Man musste sich eben absichern.

Er fand, dass dies der richtige Zeitpunkt war, um sein Handy aus dem Wagen zu holen und ein Warndreieck aufzustellen. Er würde allerdings trotzdem noch eine Weile allein mit der enthaupteten Leiche und ihrem Kopf irgendwo dort hinten im Straßengraben warten müssen. Er ließ den Motor seines Wagens weiterhin laufen, denn das beruhigte ihn irgendwie.

Aus der Dunkelheit des Waldes spürte er Blicke. Hoffentlich nur von Tieren. Sonst hätte er keine Chance. Hätte er ohnehin nicht, denn er war ohne Waffe unterwegs.

Warum bin ich bloß Bulle geworden und nicht Astronom? Ich hätte dann bestimmt mehr zu reden gehabt auf Uferbergs Party. Ich wäre ein komischer kluger Kauz geworden, um den sich die schönen gazellengleichen Frauen scharen würden, um fantastische Geschichten von den Sternen und den Geheimnissen des Universums zu hören.

Ende der Leseprobe

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