Primordia – Die Rückkehr zur vergessenen Welt

von Greig Beck

Serie: Primordia
Band 2

»Ein fantastisches Abenteuer, dass unbedingt auf die große Leinwand gehört.« [Amazon.com]

INHALTSBESCHREIBUNG


Im Dezember 2018 folgten der ehemalige Special-Forces-Soldat Ben Cartwright und ein Team aus naiven Entdeckern den Hinweisen seines Ahnen zu einem Plateau mitten im Dschungel des Amazons. Der Legende nach sollte sich dort alle zehn Jahre ein Portal in eine längst vergessene Welt öffnen.

Die wagemutigen Forscher schritten hindurch und fanden eine Welt voller Wunder … und des Grauens. Einzig Ben und seine Jugendliebe Emma überlebten. Doch dann begann sich das Portal wieder zu schließen und Ben blieb auf der anderen Seite gefangen.

Emma hat zehn Jahre lang darauf gewartet, dass sich das Portal wieder öffnet. Dieses Mal würde sie vorbereitet sein. Dieses Mal würde sie gut ausgerüstet sein, um zu jenem höllischen Ort zurückzukehren und zu überleben.Alles, worauf sie hofft, ist, dass Ben noch am Leben ist …

Die Fortsetzung des Bestsellers PRIMORDIA führt den Leser erneut in eine prähistorische Welt, über Berge, durch Sümpfe, eigentümliche Urwälder und sogar in die Tiefen eines urzeitlichen Ozeans.

KAPITEL 1

   

Venezuela, tief im Amazonas,
auf einem unbekannten Tafelberg

    

Emma hockte sich hin und griff eine Handvoll Geröll. Sie schaute sich die verwitterten Steinfragmente an und rieb sie nachdenklich mit ihrem Daumen, bevor sie sie wieder fallen ließ.

Sie lehnte ihre Unterarme auf die Knie und drehte langsam den Kopf, wobei sie die Wangen aufblies. Dieser Ort, dieser Tafelberg, in der Landessprache Tepui genannt, befand sich in der Mitte des Nirgendwo, er war nicht kartografiert und nicht erforscht.

Und warum sollte er auch?, dachte sie. Er war wie die Oberfläche eines fremden Planeten – von Rissen durchzogen, ein paar Pfützen hier und da, karge Bäume und ein paar steife Gräser.

Sie schaute sich weiter um und suchte nach etwas, nach irgendeinem Anzeichen, dass hier einmal etwas anderes gewesen war. Während sie so dasaß, kam ein kleiner Sandfisch unter einem flachen Stein hervorgekrochen und verfolgte ein winziges Insekt. Sie schaute zu, wie das Reptil mit seinen purpurroten Augen in zuckenden Bewegungen auf sein Opfer zustürmte.

Desinteressiert wandte sich Emma ab. Hier war nichts, hier gab es keine Geheimnisse zu entdecken. Wenn die feuchteste Jahreszeit zurückkehren würde, so wie sie das wahrscheinlich seit Tausenden oder Millionen von Jahren tat, dann würde alles, was hier war, begraben, versteckt oder sogar zerstört werden. Stattdessen würde man wieder das vorfinden, was vor 100 Millionen Jahren hier existierte. Nur an diesem einen, bestimmten Ort in der Welt.

Was sie verloren hatte, würde sie dann vielleicht wiederfinden können. Sie legte eine Handfläche auf den sonnengewärmten Boden. »Bist du da, Ben?«

Sie hielt einen Moment inne, dann ließ sie die Finger über die Oberfläche des uralten Felsens gleiten. Sie wusste, dass keine Antwort kommen würde – nicht, bevor noch weitere zwei Jahre vergingen und die richtige Zeit gekommen war.

Hinter ihr wartete ein riesiger Helikopter. Der Pilot sah ihr regungslos zu, schließlich war er großzügig dafür bezahlt worden, sein Fluggerät mit zusätzlichen Treibstofftanks auszustatten und darüber hinaus sein völliges Stillschweigen über diese Flüge zuzusichern.

Sie konnte sich sehr gut vorstellen, was er dachte. Vermutlich das gleiche, was jeder andere dachte, dem sie von ihrem Abenteuer erzählt hatte: Dschungelfieber, Halluzinationen, posttraumatische Störungen oder pure Wahnvorstellungen. Das alles waren Vorwürfe, die sie sich bereits hatte anhören müssen.

Doch sie kannte die Wahrheit und schaute auf in den strahlend blauen Himmel. Eines Tages würde der verhängnisvolle Streifen dort auftauchen; der Schweif von Komet P/2018-YG874, genannt Primordia. Erst würde er eine Aurora Australis in der Atmosphäre entstehen lassen und dann würde sein kraftvolles Magnetfeld Raum und Zeit an der Erdoberfläche verzerren. Ein Durchgang würde sich öffnen, genau hier, und sie würde darauf warten.

Emma Wilson stand auf und drehte sich um, wobei sie ihren Zeigefinger hocherhoben in der Luft rotieren ließ. Der Pilot startete sofort die Motoren und die riesigen Rotorblätter setzten sich in Bewegung.

Sie war soweit fertig mit ihren Vorbereitungen, doch eine Sache gab es noch, die sie tun musste.

 

KAPITEL 2

  

Venezuela, Caracas,
Museum der Wissenschaften

  

Emma stieg aus dem Taxi und stand nun vor dem bemerkenswerten Gebäude, dessen fantastische Skulpturen und Ornamente von dem großartigen Künstler Francisco Narvaez stammten.

Sie ließ die gesamte Opulenz der Fassade des Museums auf sich wirken, das eines der ältesten des Landes war. Als es eröffnet wurde, nannte man es das naturwissenschaftliche Museum, doch im Laufe der Zeit wurde der Name auf Museo de Ciencias verkürzt – das Museum der Wissenschaften – um der im Verlauf der Jahre immer weiter gefassten Ausrichtung gerecht zu werden. Es war aber auch egal, wie man es nun genau nannte – wie die meisten Orte, die der öffentlichen Bildung dienten, lag es im Sterben. Ein Opfer der schnelllebigen Zeit des Internets und all seiner jederzeit verfügbaren Informationen.

Emma war aus einem ganz bestimmten Grund hierhergekommen. Obwohl es hier einige der besten Sammlungen aus den Bereichen Archäologie, Anthropologie, Paläontologie und Herpetologie des ganzen Landes zu sehen gab, interessierte sie sich für nur eine einzige Sache.

Sie lief die Treppe hinauf und auf die riesigen Türen zu, wobei sie ihr geisterhaftes Abbild in den Glasscheiben sah. Sie waren derart poliert, dass sie wie Spiegel wirkten, und sie betrachtete ihr eigenes Abbild: Die leuchtend grünen Augen, die braunen Haare, die im direkten Sonnenlicht schimmernde, rötliche Akzente hatten, und hier und da gab es noch einige Sommersprossen auf ihren Wangen und der Stupsnase.

Doch als sie näher kam, wurde dieses Abbild immer klarer und detaillierter. Emma blieb für einen Moment stehen und schaute genauer hin. Sie hatte eine Strähne silbrigen Haares direkt über der Stirn, die sie nicht zu färben gedachte, in ihren Augenwinkeln hatten sich zahlreiche Falten gebildet, weil sie so oft in grellem Sonnenlicht unterwegs war. Dazu gab es eine deutliche vertikale Linie mitten auf ihrer Stirn, wahrscheinlich aufgrund von Sorgen. Ihr Gesicht wirkte älter, weiser, und so mancher würde vielleicht sagen: traumatisiert.

Dann ist das eben so, dachte sie, als sie den Kopf schüttelte und die schweren Türen beiseiteschob und sofort eine Erleichterung von der venezolanischen Hitze verspürte. Tief atmete sie den Geruch von altem Holz und Papier ein, von Bohnerwachs und etwas, das vielleicht Konservierungsmittel sein konnte.

Als sie das Klackern sich schnell nähernder Schritte auf dem Marmorboden bemerkte, drehte sie sich um und winkte einem kleinen Mann mittleren Alters zu, der perfekt gepflegtes, zurückgekämmtes, graues Haar hatte und einen makellosen dreiteiligen Anzug trug. Sie ergriff seine ausgestreckte Hand und griff fest zu. Sie musste ihn auf ihre Seite bringen, und zwar schnell.

»Herzliche Grüße, Misses Wilson!« Der Mann strahlte sie an. »War Ihre Reise zufriedenstellend?«

Sie nickte. »Ja, vielen Dank, Señor Alvarez. Sie sind ja in natura genauso gut aussehend wie auf den Fotos!«

Der Mann strahlte weiter, wurde aber auch etwas rot. Er schüttelte ihre Hand noch ein paar Sekunden länger und wirkte verlegen wie ein Schuljunge.

»Ach, eigentlich brauche ich neue Porträts.« Er deutet auf seinen Kopf. »Meine Haare sind ja inzwischen komplett ergraut.«

»Das steht Ihnen.« Emma sah sich um. »Ein wunderschönes Museum! Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, mich zu empfangen.«

Er drehte sich um und berührte sie am Ellbogen, wobei seine andere Hand auf einen Gang zeigte. »Ach wissen Sie, bei uns ist es in letzter Zeit sehr ruhig.« Seine Mundwinkel wanderten abwärts. »Die jungen Leute heutzutage sind ungeduldig, sie holen sich ihr Wissen, und vielleicht sogar ihre Weltsicht, aus dem Internet.« Er seufzte.

»Ich weiß, aber die wissen gar nicht, was sie verpassen«, antwortete Emma.

Die beiden liefen schweigend den Gang hinunter, wobei die einzigen Geräusche ihre Schritte auf dem polierten Boden waren, hin und wieder das Quietschen einer der schweren Türen, die sie passierten.

Alvarez hatte nicht übertrieben, stellte Emma fest, denn sie schienen den ganzen Laden für sich allein zu haben. Der kleine Mann hatte beim Gehen die Hände in die Taschen gesteckt und drehte seinen Kopf in ihre Richtung.

»Sie waren also schon mal in unserem Land? Und im Amazonas?«

»Ja, vor acht Jahren.« Sie schnaubte leise. »Vor acht Jahren, drei Wochen und zwei Tagen, um genau zu sein.«

Alvarez' Augenbrauen hoben sich. »So genau wissen Sie das noch?«

Emmas Miene verfinsterte sich. »Sagen wir mal, es gab bleibende Eindrücke.«

Der Mann musterte sie für einen Moment und räusperte sich dann. »Der Dschungel bietet manchen Menschen nicht nur positive Erlebnisse.«

Er lief schweigend ein paar Meter weiter, entschied sich dann aber doch dafür, die Stille mit etwas mehr Small Talk zu füllen. »Wussten Sie, dass der Amazonas immer noch der größte Regenwald der Welt ist?«

Sie lächelte und nickte. »Ja, das weiß ich.«

Er erwiderte das Lächeln. »Aber wussten Sie auch, dass frühere Schätzungen, unser Dschungel wäre 55 Millionen Jahre alt, sich inzwischen als viel zu vorsichtig entpuppt haben? Es gibt in den tiefsten, abgelegensten Gebieten Bereiche, die bis zu 100 Millionen Jahre alt sein könnten.«

Ihr Lächeln wurde noch breiter. »Sogar das wusste ich.«

»Sie haben wirklich ihre Hausaufgaben gemacht, Misses Wilson, meinen Respekt.« Alvarez legte den Kopf etwas schief. »Das erklärt auch, warum Sie zu den wenigen Menschen auf der Welt gehören, die etwas über unser Artefakt wissen.« Er blieb vor einer verschlossenen Tür stehen und kramte einen Moment in seiner Tasche, bevor er ein großes Schlüsselbund hervorzog. »Ich frage mich nur, wie haben Sie davon erfahren?«

Emma spürte einen Anflug von Aufregung, als sie darauf wartete, dass die Tür sich öffnete. »Ein Professor Michael Gibson von der Universität Ohios hat mir davon erzählt. Er war sich allerdings nicht einmal sicher, ob es stimmte. Er sagte, vielleicht sei es nur eine Geschichte.«

»Das ist ein renommierter Experte für Archäologie, ich habe schon von ihm gehört.« Er steckte einen Schlüssel in das Schloss, hielt jedoch noch einen Moment inne, um sie zu mustern. »Trotzdem haben Sie eine lange Reise auf sich genommen, um etwas zu sehen, das zwar real, aber auch sehr verwirrend ist.«

»Pure Neugier«, sagte sie und hielt ihren Blick auf der Tür.

»Die soll ja laut einem Sprichwort in Ihrer Sprache schon Katzen das Leben gekostet haben, nicht wahr?« Er grinste sie an.

»Nicht nur Katzen«, antwortete sie in böser Erinnerung.

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Vermutlich nicht nur Katzen«, stimmte er zu, entriegelte die Tür und schob sie auf. Er schaltete das Licht an und vor ihnen eröffnete sich ein großer Raum voller Ausstellungsstücke, die entweder eingelagert worden waren oder noch auf ihre Klassifizierung warteten.

Emmas Blick wurde sofort von einem großen Schrank an der gegenüberliegenden Wand angezogen, der direkt von einem eigens dafür eingerichteten Lichtkegel angestrahlt wurde, sodass die bronzenen Griffe an den stabil aussehenden Schubfächern nur so funkelten. Sie musste sich beherrschen, nicht einfach an Alvarez vorbeizustürmen. Stattdessen ging sie ruhig hinter ihm her. Er griff nach einer der größten Schubladen, die die gesamte Breite des Schrankes einnahm und zog sie hervor. Emma spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug.

»La huella de Dios«, sagte Alvarez in ehrfürchtigem Ton.

Emma flüsterte die Übersetzung: »Der Fußabdruck Gottes.«

Sie starrte das Objekt an, es war eine steinerne Scheibe, etwa sechzig Zentimeter breit und dreißig Zentimeter tief. An einem Rand war etwas, das wie ein menschlicher Fußabdruck aussah, dessen Zehen tief in das Material gepresst worden waren. Eher in der Mitte befand sich der Abdruck einer Art riesiger Echsenkralle, möglicherweise der Fuß eines Dinosauriers. Der Anordnung der Füße nach sah es so aus, als würde die eine Person rennen, die andere ihr folgen. Emma schloss die Augen für einen Moment und spürte, wie das Wasser darin aufsteigen wollte.

»Diese Versteinerung ist auf 100 Millionen Jahre datiert worden, sie stammt also aus der späten Kreidezeit.« Er wandte sich ihr zu. »Dem Zeitalter der Dinosaurier.«

Emma starrte wieder auf das Fundstück, ihr Blick nun verwässert. »Glauben Sie …?« Sie zog die Nase hoch und wischte sich schnell mit dem Ärmel über das Gesicht.

Alvarez nickte. »Es ist unmöglich, ich weiß. Aber dieser Fels wurde mit aller wissenschaftlichen Genauigkeit radiologisch datiert. Doch damals gab es noch keine Menschen. Viele Experten glauben deswegen, dass es der verzerrte Abdruck irgendeines unbekannten Tieres ist. Andere sehen es als Beweis, dass Gott durch unser Land wandelte, um seine Schöpfung zu bewundern.« Er zuckte mit den Schultern und grinste wieder. »Wir nennen es das Surama-Geheimnis, nach dem Ort, wo wir es gefunden haben, inmitten des Amazonas.« Er kicherte. »Ausstellen können wir es nicht, denn wer würde uns schon glauben?«

»Meinen Sie … kann ich es mal berühren?« Sie wandte sich ihm zu und hoffte, dass ihr Flirten sich nun auszahlen würde.

»Wie bitte?« Er schien verwirrt, vermutlich aufgrund des Nachdrucks in ihrer Stimme.

»Es ist wichtig.« Sie starrte ihm in die Augen, doch seine Mundwinkel wanderten nach unten. »Warum? Warum wollen Sie …?«

»Bitte«, drängte sie, »es ist mir extrem wichtig.«

Alvarez Unterkiefer zuckte, offenbar wog er ihre Bitte ab. »Señorita Wilson, Sie müssen sehr vorsichtig sein. Und bitte heben Sie den Stein nicht von der Unterlage.« Er warf einen Blick über seine Schulter. »Machen Sie schnell.« Er beobachtete sie genau.

Emma hob ihre Hand, streckte die Finger aus und näherte sich dem dunklen Stein. Sie fühlte seine Kühle und ließ ihre Finger über die Abdrücke gleiten, ertastete die Ferse und die Zehen.

»Der Stein wurde vor über hundert Jahren in der Mündung eines Flusses gefunden, nach starkem Regen. Er muss aus dem tiefsten Amazonas herbeigespült worden sein.« Alvarez sah zu, wie sie ihre Finger beinahe liebevoll über die Abdrücke gleiten ließ. »Wer oder was auch immer diese Abdrücke gemacht hat, diese Wesen sind seit hundert Millionen Jahren tot.«

»Für mich nicht«, flüsterte sie, zog ihre Hand ruckartig zurück und drehte sich auf dem Absatz um.

»Wie? Das war schon alles?« Alvarez richtete sich auf, als sie sich daran machte, den Raum zu verlassen. »Äh, vielleicht könnten wir uns noch ein bisschen unterhalten, bei einem Kaffee vielleicht, oder …?«

Emma schaute noch einmal über ihre Schulter, als sie die Tür erreicht hatte. »Vielen Dank, Señor Alvarez, aber ich habe sehr viel zu tun und nicht mehr viel Zeit.«

Sie verließ das Gebäude und rannte die Treppen hinunter, wobei ihre Gedanken rasten. Statt sich sofort ein Taxi zu nehmen, ging Emma die Straße hinunter und folgte den prächtigen Alleen, während sie in ihrem Kopf ganz woanders war, in einer anderen Zeit vor vielen, vielen Jahren.

Sie stellte sich Ben in dem dunklen, urzeitlichen Dschungel vor, wie er um sein Leben rannte und verfolgt wurde.

Das letzte Mal hatten sie sich wie dumme Kinder verhalten, die keine Ahnung hatten, worauf sie sich da einließen. Und dafür hatten sie bitter bezahlt, die meisten von ihnen mit ihrem Leben. Doch diesmal würde sie bereit sein. Sie würde ein Team zusammenstellen, das über genug Fachwissen und Feuerkraft verfügte. Sie musste noch einiges erledigen und hatte leider schon viel zu lange gewartet. Doch ihr Entschluss, an Ort und Stelle zu sein, wenn die feuchteste Regenzeit zurückkehren würde, war unumstößlich und brannte in ihrem Herzen noch genau so sehr wie an jenem Tag, als sie von diesem teuflischen Plateau heruntergeklettert war und mit angesehen hatte, wie es sich scheinbar in Luft auflöste.

Personal, Logistik, Zeitfenster und Finanzen jagten durch ihren Kopf und sie achtete auf kaum etwas anderes. Geistesabwesend lief sie durch die Straßen und registrierte plötzlich, dass sie sich in einem ziemlich heruntergekommenen Teil der Stadt befand. Es gab Ecken in Venezuela, da zählte Respekt nicht mehr viel, denn wenn die Zeiten hart sind, werden Menschen ungemütlich. In diesem Viertel war sie keine Frau oder auch nur ein menschliches Wesen mehr, sondern einfach nur ein Ziel.

Als sie an einer dunklen Gasse vorbeiging, packte sie jemand von hinten und drückte ihr eine kleinkalibrige Pistole gegen die Wange. Emma hätte gern ihre eigene Dummheit verflucht, aber mit dem muskulösen Arm um ihren Hals konnte sie nicht mehr sprechen.

Sie ließ zu, dass man sie tiefer in die Gasse hineinzog, wo ein weiterer Mann vor ihr auftauchte. Er war auf den ersten Blick ein zwielichtiger Geselle – mit wulstiger, gebrochener Nase, gelblich gefärbten Augen und vielen Zahnlücken.

Der Druck auf ihren Hals ließ nach.

»Nehmen Sie!« Emma hielt ihre Augen auf den Mann gerichtet, während sie ihm ihre Tasche entgegenhielt. Er riss sie ihr aus der Hand. »Mal sehen, ob heute guter Tag!«, sagte er in brüchigem Englisch und musterte sie. »Aber ich glauben, nicht gut für Sie!«

Der größere Mann, der sie festhielt, schnaubte in ihr Ohr.

»Nehmen Sie das Geld und lassen Sie mich laufen. Ich werde nicht zur Polizei gehen«, sagte sie ruhig.

»Oh, das weiß ich«, entgegnete der Mann mit der gebrochenen Nase und warf einen weiteren Blick auf sie. »Aber ich glauben, wir noch nicht fertig mit so schöne Frau!«

Er wühlte durch ihre größtenteils leere Tasche. »Americano?«

Sie ignorierte ihn, denn sie wusste, was jetzt kommen würde, und der Diebstahl war dabei ihre geringste Sorge. Sie würden sie ausrauben, verprügeln und vergewaltigen, und wenn sie noch ihre Spuren verwischen wollten, würden sie ihr die Kehle durchschneiden. In jeder Stadt der Welt gab es solchen Abschaum.

Ihre Wut schwoll an. Der große Mann hinter ihr verlagerte seine Haltung, um zusehen zu können, wie sein Komplize ihre Tasche ausleerte.

»Letzte Chance«, sagte sie.

Er schüttelte die Tasche aus und verzog das Gesicht. »Bring sie zum Schweigen!«

Die Pistole entfernte sich kurz von ihrer Wange und der fleischige Arm bewegte sich – vermutlich, um ihr eine Hand über den Mund zu legen oder Schlimmeres.

Doch genau auf diesen Moment hatte sie gewartet, denn für einen Sekundenbruchteil hatte er sie nicht mehr voll unter Kontrolle. Sie ließ sich fallen und rutschte durch die Arme ihres Peinigers, der sich nun nach vorn beugte, um sie zu packen. Doch sie rammte ihre Hacken in den Boden, stieß sich ab und jagte wie eine Sprungfeder wieder nach oben, wobei ihr Kopf genau in Richtung seines Kinns raste.

Es war ein Volltreffer – sein Kopf wurde mit einem Krachen zurückgeschleudert und ihre Hand griff nach der Pistole. Sie umschloss seine Hand, legte ihren Zeigefinger auf den seinen und hatte damit Kontrolle über den Abzug. Dann riss sie seine Hand herum, sodass die Mündung der Waffe nun auf das überraschte Gesicht des kleineren Mannes zeigte. Sie zögerte keine Sekunde und feuerte.

Das Ohr des Mannes verwandelte sich in eine Fontäne aus Blut und Knorpeln und er jaulte vor Schmerzen auf, die Augen weit aufgerissen. Er ließ die Tasche fallen, während Emma die Pistole aus der Hand des immer noch benommenen Muskelbergs hebelte. Dann zog sie ihm den Griff über den Schädel und der Hüne kippte um wie ein gefällter Baum.

Sein Kumpan mit der gebrochenen Nase hatte genug gesehen – er drehte sich um und rannte davon. Hinter Emma stöhnte der andere vor Schmerzen mit einem lilafarbenen Fleck auf dem Kinn und einer wachsenden Beule an seinem Schädel.

Routiniert ließ Emma das Magazin aus der Waffe fallen und die letzte Kugel aus dem Lauf springen. Dann warf sie die Einzelteile in einen Mülleimer. Sie sammelte ihre Sachen ein, zog ihre Kleidung gerade und verließ die Gasse.

Seit sie sich durch den Amazonas gekämpft hatte, war sie sehr fleißig gewesen. Sie hatte hart trainiert und ihren Körper gestählt. Sie war zwar beinahe zehn Jahre älter, doch ihr Körper bestand jetzt aus purem Stahl.

Wenn Primordia wiederkommen würde, war sie auf jeden Fall bereit.

  

***

  

Emma Wilson lief ganz entspannt zur nächsten Hauptstraße und hielt sich ein Taxi an. Auf der anderen Seite der Straße stand ein Auto mit heruntergelassenen Scheiben. Darin befand sich ein Mann, der ein langes Teleobjektiv auf Emma richtete und in schneller Folge ein Bild nach dem anderen machte.

Als Emmas Taxi losfuhr, ließ er das Objektiv sinken, startete seinen Motor und folgte ihr.

Ende der Leseprobe

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