Primordia – Auf der Suche nach der vergessenen Welt

INHALTSBESCHREIBUNG


Als Ben Cartwright in sein elterliches Heim zurückkehrt, um den Tod seines Vaters zu betrauern, stößt er zufällig auf eine Reihe von kryptischen Briefen zwischen Arthur Conan Doyle und seinem Ur-Urgroßvater, welcher 1908 während einer Dschungelexpedition im Amazonas spurlos verschwand. Dieser Briefwechsel lässt den unglaublichen Schluss zu, dass die Expeditionen seines Ahnen dem berühmten Autor als Basis für seine fantastische Geschichte über eine vergessene Welt voller urzeitlicher Lebewesen diente. Ben stellt auf eigene Faust Nachforschungen an und erfährt von einem verschollenen Notizbuch, in dem sich eine Karte dieses Ortes befinden soll. Aber er ist nicht der Einzige, der hinter dieser Karte her ist – schließlich könnte die Existenz eines solchen Ortes alles infrage stellen, was die moderne Wissenschaft uns lehrte.

Zusammen mit einer Gruppe von Freunden begibt sich Ben auf eine gefährliche Reise in die entlegensten Winkel Venezuelas. Dort, im tiefsten Dschungel und jenseits verschlungener Pfade, die nur den einheimischen Stämmen bekannt sind, entdecken sie ein verbotenes Reich, das angsteinflößender und gefährlicher ist, als sie es für möglich gehalten hätten: Primordia.

Prolog

1908 – Südamerika, irgendwo im Südosten von Venezuela, in der feuchtesten Regenzeit

 

Benjamin Cartwright rannte so schnell wie nie zuvor in seinem Leben. Feuchte, grüne Blätter klatschten ihm ins Gesicht, Dornen rissen an seiner Kleidung und biegsame Ranken wickelten sich wie Lassos um jedes seiner Körperteile. Doch er rannte, lief und sprintete, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Denn so war es.

Das Ding, das ihm folgte, schob ganze Baumstämme aus dem Weg und sein nach einem Fleischfresser stinkender Atem klang wie eine Dampflok, die schnaubte und zischte, als sie ihm näherkam. Er zuckte zusammen, wich einem Felsbrocken aus und wechselte die Richtung. Dann erklang der tiefe Schrei der Kreatur und lederhäutige Wesen schwangen sich flüchtend in den Himmel auf. Benjamin spürte, wie seine Hoden vor Angst in seiner schweißnassen Hose zusammenschrumpelten. Er beschleunigte noch einmal und dann traf ihn ein frischer Luftzug, da der Dschungel ganz plötzlich aufhörte. Er kam stolpernd zum Stillstand und kniff die Augen zusammen, da er nun in der prallen Sonne stand. Vor seinen Füßen führte ein Abgrund steil in die Tiefe – vielleicht dreihundert Meter unter sich sah er ein dichtes, grünes Dach aus Pflanzen und Baumkronen.

Er starrte für einen kurzen Augenblick die merkwürdig tiefhängenden Wolken an, die um ihn herum zu rotieren schienen. Er wusste, es konnte sich nur noch um Stunden handeln, bis er für immer hier gefangen sein würde. Er zog eine Grimasse und drehte sich um. Die Bäume schwankten unnatürlich zur Seite, da sein Verfolger ihm immer näherkam. Er hatte gesehen, was dieses Monster mit Baxter getan hatte, und allein der Gedanke daran ließ seinen Magen rebellieren.

Armdicke Ranken wucherten über die kleine Lichtung und hingen über die Klippe, doch sie führten bei Weitem nicht so tief hinab, dass er sich so in Sicherheit hätte bringen können. Benjamin Cartwright wurde klar, dass ihm nur noch wenige Sekunden blieben. Seine Optionen waren, bei lebendigem Leib gefressen zu werden oder Selbstmord zu begehen. In jedem Fall würde er gleich tot sein.

Das Dickicht hinter ihm wurde auseinandergerissen und der zischende Schrei ließ ihn vor Angst erzittern. Er konnte nicht anders, als sich umzudrehen. Die Kreatur richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und thronte über ihm. Sie bestand nur aus Muskeln, glitzernden Schuppen und Zähnen, die so lang wie seine Arme waren. Baxters Überreste hingen immer noch zwischen diesen albtraumhaften Hauern.

Cartwright feuerte die letzte Kugel aus der Pistole, von der er beinahe vergessen hatte, dass er sie in der Hand hielt. Natürlich zeigte das keinerlei Wirkung und er warf den Colt auf den Boden. Dann wandte er sich dem Abgrund zu, schnappte sich eine der Ranken, sprach ein stilles Stoßgebet und sprang.

 

Kapitel 1

Im Jahre 2018 auf dem Friedhof von Greenberry in Ohio

 

Benjamin Cartwright stand einfach nur da, den Arm um die Schultern seiner Mutter gelegt. Warum regnet es bloß nicht, dachte er. Denn trotz des traurigen Anlasses schien die Sonne fröhlich vom Himmel und der grüne Rasen roch angenehm nach geschnittenem Gras und fruchtbarem Boden. Die Blätter an den Bäumen, die den Friedhof umrahmten, raschelten sanft in der leichten Brise.

Vielleicht war es doch passend, dachte er, denn sein Vater Barry war schon immer ein Naturfreund gewesen, von Kindesbeinen an. Dass er nun hier, scheinbar mitten im Wald, seine letzte Ruhestätte finden sollte, war eigentlich perfekt.

Seine Mutter schluchzte noch einmal und Ben drückte ihre schlanken Schultern an sich. Er spürte, wie sie zitterte, der zierliche Körper von Sorgen gebeutelt. Auch seine eigenen Augen wurden für einen Moment von Tränen verklärt und er musste mehrfach blinzeln, um wieder klare Sicht zu bekommen.

Es lag wohl daran, wie plötzlich und überraschend es gekommen war, dachte er sich. Sein Vater war erst 63 Jahre alt gewesen und hatte stark wie ein Bulle gewirkt. Dann hatte er sich ohne Vorwarnung während des Holzhackens an die Brust gefasst und die Lichter waren für ihn für immer ausgegangen.

Cynthia, seine Mutter, hatte ihn angerufen und ihm zuerst nur gesagt, dass sein Vater gestürzt war – schlimm gestürzt – mehr nicht. Doch er hatte direkt an ihrer Stimme gehört, dass es nicht um einen Sturz ging. Seine Eltern waren beide von der Sorte, die auch schwere Verletzungen beiseiteschoben, als wäre nichts gewesen. Selbst ein gebrochenes Handgelenk wurde als eine kleine Schramme bezeichnet. Deswegen hatte die Formulierung eines schlimmen Sturzes sofort sämtliche Alarmglocken bei Ben läuten lassen. Ihre Stimme war dann ganz leise geworden. »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, hatte sie gesagt.

In diesem Moment war Ben bereits krank vor Angst, doch er schluckte sie hinunter. Er versuchte ruhig zu bleiben und sagte ihr, sie solle die Polizei oder einen Krankenwagen rufen. Oder vielleicht einen Nachbarn. Und er würde sich sofort auf den Weg machen. Er lebte in der Stadt Boulder in Colorado und ein Flug würde über zwei Stunden dauern. Dazu kamen natürlich noch viele Stunden Fahrt, um von einem Punkt zum anderen zu kommen.

»Du musst ihn warm halten. Und Mama … versuche ruhig zu bleiben, okay? Ich werde bald da sein.« Er hatte sich seine Armbanduhr geschnappt, einmal tief durchgeatmet und war dann in sein Zimmer gerannt, um ein paar Sachen zu packen, die er in einen Rucksack stopfte. Er griff sich seine Geldbörse und das Handy und rannte zur Tür, wobei er in Gedanken betete, dass er sofort einen Flug bekommen würde.

Er rief alle und jeden an, die ihm einfielen. Er alarmierte den Notarzt sowie Hank, den Nachbarn. Seine Mutter hatte desorientiert geklungen und gesagt, dass Barry immer noch schlief und dass sie ihm seinen Mantel um die Schultern gelegt hatte, um ihn warm zu halten.

Nach den längsten fünf Stunden seines Lebens war er endlich da.

Als er ankam, fand er zu seiner Erleichterung heraus, dass der Notarzt gekommen und wieder gegangen war. Aber Hank hatte ihm die Hände auf die Schultern gelegt: »Sorry, Ben.« Mehr hatte er nicht herausgebracht.

Benjamin hatte sich darauf vorbereitet, hatte versucht, sich abzuhärten, dennoch traf es ihn wie ein Schlag in die Magengrube.

Betrübt trottete er auf das Haus zu, wo der Polizeichef, den er von früher noch kannte, auf der Veranda stand. Er salutierte vor Ben und schüttelte ihm dann die Hand.

»Mein Beileid, Ben. Dein Vater war ein persönlicher Freund. Er war ein guter Mensch.« Für einen Moment mahlten seine Kiefer, dann fuhr er fort: »Er hatte einen schlimmen Herzinfarkt. Wahrscheinlich hat er nichts gespürt.«

Ben nickte. »Und Mama? Ich meine, Cynthia?«

»Sie ist drinnen. Sie ist … in Ordnung. Sie wollte auf dich warten.«

Ben schritt an ihm vorbei und betrat das Haus. Er fand sie im Wohnzimmer, wo sie auf dem Sofa saß und auf den Kamin starrte. Er setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern.

»Dummer alter Mann, warum musste er unbedingt noch selbst Holz hacken«, schimpfte sie und brach dann in Tränen aus.

Ben spürte, wie auch bei ihm das Wasser in die Augen stieg. Barry war der perfekte Vater gewesen – glücklich, stark und immer für ihn da. Er hatte ihm alles beigebracht, angefangen vom Binden der Schnürsenkel bis hin zum Trinken aus einer Colaflasche, ohne sich an der Kohlensäure zu verschlucken.

Schuldgefühle nagten an ihm, weil er sich so lange nicht hatte blicken lassen. Sie hätten noch ein letztes Bier zusammen trinken können, ein letztes Gespräch führen, ein letztes Mal zusammen lachen. Dann hätte er zum letzten Mal die Möglichkeit gehabt, ihm zu sagen, dass er ihn liebte. Das war nun vorbei.

All das war erst vor ein paar Tagen passiert. Jetzt hatten sich Freunde und die Familie auf seiner Beerdigung eingefunden und starrten den polierten Sarg an, der in der Sonne glänzte. Keiner sagte etwas, die meisten schafften es nicht einmal, ihm über die Kondolenzbekundungen hinaus in die Augen zu schauen. Nur Emma Wilson, mit der er zu Schulzeiten kurz zusammen gewesen war, nickte ihm zu und er lächelte schwach zurück.

Dabei drehte er unauffällig den Kopf, um die Narbe auf seiner Wange zu verstecken – das Abschiedsgeschenk eines granatenwerfenden ISIS-Arschlochs in Syrien. Diese Linie, die sich von der Schläfe bis zum Kinn erstreckte, würde ihn nun auf ewig an seine Zeit im Militär erinnern. Die Granate war für seine Gegner ein Glückstreffer gewesen, denn sie landete genau zwischen fünf amerikanischen Soldaten. Ben hatte versucht, sie sich zu schnappen, doch sein Kamerad »Mad« Max Herzog war schneller gewesen. Er hatte ihn beiseite geschubst und seinen eigenen Körper auf die Sprengwaffe geworfen. Dann war die Hölle losgebrochen: Die Explosion, der Geruch brennenden Fleisches, die warme Feuchtigkeit von Blut auf seinem Gesicht, das ihm in die Augen und in den Mund lief. Er hörte das Klingeln seiner geplatzten Trommelfelle und die weit entfernt wirkenden Schreie der Männer, die ihm wieder auf die Beine halfen.

Von Max war nicht viel übrig geblieben, er war in zwei Hälften gerissen worden und ein weiterer Kamerad lag auf dem Rücken, während schwarzer Rauch aus seinem zerfetzten Bauchbereich aufstieg. Sie wurden überrannt und er wurde weggezerrt, doch vorher sah er noch, wie die Finger des Toten zuckten. Ben versuchte, sich loszureißen, wollte schreien, dass der Mann Hilfe brauchte, doch sein Mund gehorchte ihm nicht.

Später wurde ihm gesagt, dass der Kamerad namens Henderson definitiv tot gewesen war. Sein Verstand bestätigte ihm das, doch sein Unterbewusstsein wurde nicht müde, ihm einzuflüstern, dass er einen Mann zum Sterben zurückgelassen hatte. Diese zuckenden Finger besuchten ihn noch heute jede Nacht im Traum.

Ein Schrapnell aus der Granate hatte Ben das Gesicht zerschnitten, doch es war ihm klar, dass er riesiges Glück gehabt hatte. Er hatte gedient, er hatte überlebt, und alle Körperteile waren noch dran. Viele andere waren weitaus schlechter weggekommen.

Bens Augen wanderten wieder zu Emma und erst jetzt wurde ihm klar, dass er die Hand auf seine Narbe gelegt hatte. Seine Mutter hatte gesagt, sie ließ ihn auf eine brutale Weise gut aussehen. Andere waren der Meinung, sie ließe ihn einfach nur fieser aussehen, aber auch das war okay für ihn.

Ben starrte die Frau weiter mit seinen dunkelbraunen Augen an. Sein Blick hatte die Intensität eines Adlers. Emma war damals ein wirklich süßes Mädchen gewesen, doch inzwischen hatte sie sich zu einer wunderschönen Frau entwickelt. Er fragte sich, ob sie Kontakt zu seiner Familie gehalten hatte oder ob sie nur hier war, um ihn wiederzusehen. Du selbstgefälliger Arsch, dachte er sich zuerst, und dann: Ich hoffe, letzteres.

Im Anschluss stand ein Leichenschmaus in ihrem Haus auf dem Programm, der schwer zu ertragen war. Danach bat seine Mutter ihn darum, noch ein paar Tage zu bleiben, um ein paar Dinge zu regeln und an ihrer Seite zu sein.

Er wusste genau, was sie damit meinte. Dinge zu regeln bedeutete, Sachen wegzuschmeißen, deren Anblick sie nicht mehr ertragen konnte. Natürlich würde er das tun. Denn höflich ausgedrückt befand sich Ben sowieso gerade zwischen zwei Arbeitsplätzen. Nachdem er die Granate abbekommen hatte und die Wunde mit über zweihundertfünfzig Mikrostichen genäht worden war, hatte er seine Spezialeinheit und damit die Armee für immer verlassen. Für ihn fühlte sich das wie ein Weglaufen an und Schuldgefühle hingen deswegen über ihm wie eine dunkle Wolke. Aber er wusste: Er hatte genug gesehen, genug durchgemacht und genug überstanden, dass es für ein ganzes Leben reichen würde. Jetzt wollte er nur noch seine Ruhe haben und überlegte sogar, das Studium zum Tierpfleger wieder aufzunehmen. Tiere liebte er; es waren die Menschen, die zu den Grausamkeiten fähig waren, die er nicht mehr aushalten konnte. In diesem Sinne war er wie sein Vater und wie sein Opa und vermutlich alle anderen Cartwrights, die gern ein einfaches Leben in der Sonne führten. Auch sein Namensgeber, Benjamin Cartwright, der 1908 irgendwo in Venezuela bei einer Expedition im Dschungel starb, war ein Träumer mit einem Hang zum Abenteuer gewesen.

Seine Mutter kam zurück ins Wohnzimmer und nahm ein altes Foto in die Hand, starrte es für einen Moment an und fing dann wieder an zu schluchzen.

Ben seufzte. Ja, es sollte auf jeden Fall regnen.

Ende der Leseprobe

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