PREDATOR X

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C.J. Waller

HORROR-THRILLER

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Inhalt


Als beim Fracking nach Öl ein gewaltiger unterirdischer See entdeckt wird, entsendet man ein Team von Höhlenforschern und Wissenschaftlern dorthin, um diese Welt in der Tiefe zu untersuchen. Doch kurz nachdem sie das unterirdische Gewölbe erreicht haben, verschwinden sie spurlos.

Ein zweites Team unter Leitung der Höhlenforscherin Megan Stoker soll das Alpha-Team suchen.
Die Nachforschungen bleiben jedoch erfolglos – stattdessen wird das Rettungsteam mit etwas völlig Unerwartetem in der Tiefe konfrontiert.
Uralt …
Riesig …
Gefährlich …
Predator X

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2016

Formate

Taschenbuch / Ebook (epub, mobi)

Seiten

224

ISBN

978-3-95835-140-0

eISBN

978-3-95835-141-7

Leseprobe


Manche Menschen behaupten, es gebe keine Wildnis mehr, die noch nicht erkundet worden ist. Spricht man mit diesen extremen Überlebensfreaks, lächeln diese sogar über Orte wie die Antarktis, und meinen, diese seien doch nur etwas für Anfänger. Vielleicht haben sie ja recht, was das angeht, schließlich kann man sich heutzutage Pinguine auch auf Fünfsterne-Kreuzfahrten ansehen. In puncto Wildnis irren sie sich aber, denn es gibt noch solche Orte, nur ist es verdammt schwierig, dorthin zu gelangen. Wir wissen weniger über unsere Ozeane als über den Mond, doch das ist immer noch eine Fülle von Kenntnissen im Vergleich zu jenen, die wir über die tiefsten Stellen auf unserem Planeten haben. Über die Höhlen.
Ich bin Sedimentologin, und das ist ungefähr genauso cool, wie es sich anhört. Aber ich mag Höhlen. Deshalb gehörte ich auch zu den ersten Freiwilligen, die hinuntersteigen und sich genauer umsehen wollten, als wir an der tuwinischen Grenze beim Fracking nach Schiefergas auf ein weitläufiges Tunnelnetz gestoßen sind.
Das vorbereitende Training war ziemlich brutal. Die Kerle, die es erteilt haben, fackelten nicht lange, aber das konnten sie auch nicht, denn eine falsche Bewegung und du bist tot. Es ist wirklich ganz einfach zu verstehen.
Ich spielte wiederholt mit dem Gedanken, das Handtuch zu werfen, aber die Neugier ist schon etwas Seltsames; sie übt oft eine stärkere Macht aus als die Furcht.
Ich wollte ins Alpha-Team aufgenommen werden und diese Erfahrungen als eine der Ersten machen, bin aber leider letztendlich doch eine Wissenschaftlerin und keine Überlebenskünstlerin. Sie stellten Teams zusammen, die sich am besten dazu eigneten, den Weg abzusichern, und zunächst schien auch alles recht gut zu laufen. Rückmeldung erstatteten sie uns über eine Reihe von Richtfunkverbindungen und per Video. Es gab einige heikle Stellen, aber nichts Unüberwindbares. Dann erhielten wir einen vielversprechenden Hinweis auf etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten – einen gewaltigen Untergrundsee, der seit Jahrtausenden von der Oberflächenwelt abgeschnitten war.
Mir war sofort klar, ich muss dort runter.
Aber danach … nichts mehr.
Wir wissen immer noch nicht, was mit Team Alpha passiert ist, aber wir werden es herausfinden.

***

Höhlen sind sakrale Orte. Ein wenig ähneln sie Kirchen oder Bibliotheken: Man spricht leise in ihnen. Zum Teil geschieht dies aus Sicherheitsgründen, denn Lärm hat die missliche Eigenschaft, Gestein zu lockern, das dann wiederum gegen andere Felsstücke stößt, und ehe man sich versieht, wird man unter Hunderten Tonnen davon zerquetscht – ein noch triftigerer Grund ist die Atmosphäre. Die ist nämlich heavy, aber nicht im Sinn von »echt heavy, Mann«, sondern buchstäblich, eine wirkliche körperlich wahrzunehmende Schwere. In der Tiefe kann es passieren, dass man Atemprobleme bekommt. Gott (oder jedenfalls jenen netten Technikern der Fujiyama Corporation) sei Dank hat jemand ein anständiges Gerät auf kinetischer Basis entwickelt, das Luft filtert und zugleich als Lichtanlage dient. Diese spielt wiederum wegen der zweiten Eigenart von Höhlen eine wichtige Rolle, denn sie sind dunkel, und damit meine ich rabenschwarz oder so finster, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Da unten gibt es keinerlei Lichtquelle; hat es nie gegeben, was aber nicht bedeutet, dass dort nichts lebt.
  Das war eine ziemliche Überraschung. Wir erwarteten schon, auf das eine oder andere Anzeichen von Leben zu stoßen, Sie wissen schon, Algen und so weiter. Die schiere Vielfalt der Arten allerdings – alle bislang nicht von der Wissenschaft entdeckt, oder zumindest gehen wir davon aus – ist wirklich atemberaubend. Zu schade, dass es sich ausschließlich um verdammt gruseliges Getier handelt: Spinnen, Tausendfüßler, seltsame Würmer mit Mäulern voller Haken und andere Schönheiten, doch das beweist nur einmal mehr, dass das Leben in der Tat stets einen Weg findet.

  »Um Himmels willen, Meg!«, flüstert eine Stimme in der Dunkelheit. Ich schaue mit einem Stift in der Hand auf. Es ist Marcus, der mir wieder einmal auf die Nerven fällt. Oh Wunder. »Ständig musst du irgendetwas schreiben. Wir haben Kameras, um diesen Scheiß aufzuzeichnen, du brauchst deine Finger nicht zu bemühen.«
Er grinst. Auch wenn er oft wie ein ausgemachtes Arschloch klingt, ist Marcus in Ordnung, sobald man sich erst einmal an ihn gewöhnt hat. Er gehört zu der Mannschaft, die für den Umgang mit Notsituationen geschult worden ist, und hätte sich eigentlich Team Alpha anschließen sollen, doch eine Verletzung hinderte ihn daran, und so lautstark er sich auch dagegen ausspricht, kann er meiner Meinung nach recht froh darüber sein, dass er hier ist, wenn man die gesamten Umstände betrachtet.
Wir sind schon ein paar Stunden hier. Es gilt, in ein gefährliches Loch zu steigen, wozu sich Nik und Janos als Vorhut angeboten haben. Natürlich hat das Alpha-Team den Weg bereits vorgegeben, aber die beiden wissen, dass niemand von uns auf diesem Feld erfahren ist, also gehen sie sicherheitshalber voraus.
Langsam mache ich mir doch ein wenig Sorgen. Wir mussten schon mehrmals stehen bleiben und warten, aber noch nie so lange. Ich ertappe mich dabei, wie ich in die unendliche Finsternis des Abgrunds vor uns schaue, und gerne wissen würde, ob das schwache Licht dort von ihren kinetischen Fackeln ausgeht oder ob meine Augen vielleicht versagen, sodass das Gehirn einfach die Leerstellen ausfüllt.
Selbst Marcus schweigt jetzt. Fi hat die Augen geschlossen; wie kann sie so schlafen? Ich brauchte ewig, um mich zu akklimatisieren. Sie hat vermutlich einfach mehr Erfahrung. Brendan andererseits hält es wie ich, er schreibt in einem fort und lässt nichts aus. Womöglich ist er sogar noch schlimmer als ich. Hier unten erleben wir den feuchten Traum jedes Ökologen. Ich glaube, falls wir noch eine weitere Spezies entdecken, wird er vor Aufregung explodieren.
Von unten ertönen leise Echos. Obwohl ich weiß, dass es nur Nik und Janos sind, die zurückkommen, habe ich plötzlich Herzklopfen. Niemand spricht darüber, aber dass sich jeder in Gedanken mit dem Verschwinden von Team Alpha beschäftigt, ist offensichtlich. Keiner weiß, was gerade mit ihnen geschieht. Wir hoffen, dass ihnen bloß die Ausrüstung hinuntergefallen ist … aber wieso sind sie dann bis jetzt noch nicht zurückgekehrt? Nein, ich will gar nicht weiter darüber nachgrübeln. Noch nicht, nicht eher, bis …
Ich kneife die Augen zusammen und schlucke angestrengt. Warum verschwende ich auch nur einen Gedanken daran? Konzentriere dich doch einfach auf das, was ansteht.Es gibt schließlich genug, worüber ich mir Gedanken machen müsste, ohne … all das.
Jemand streckt gerade seinen Kopf über die Kante der Felszunge: Janos. Er schaut ziemlich düster drein, aber das macht mir keine Angst, denn er sieht immer so aus, ungefähr so, wie ein abgebrühter Hollywoodheld. Als ich ihn kennenlernt habe, habe ich fast erwartet, dass er klischeehafte Phrasen dreschen und wie Dirty Harry reden würde, aber in Wirklichkeit ist er ein sehr ernsthafter Mensch, der nur viel spricht, wenn es nötig wird.
»Nikolay ist noch unten geblieben, um das Seil festzuhalten«, erklärt er. Es klingt, als verlese er gerade eine Totenanzeige. »Der Abstieg wird nicht leicht werden, aber immer noch besser als geahnt.« Er wendet sich an Marcus. »Sie sollten zuerst gehen, dann der Forscher oder die Forscherin, hinterher Fiona und zuletzt der oder die andere. Ich komme dann hinterher.« Nach diesen Worten nickt er und lässt sich am Rand des Schachts nieder. Er weiß, dass niemand ihm widersprechen wird, nicht in diesen Belangen. Janos mag sich zwar manchmal wie ein elender Hurensohn benehmen, verfügt aber, wenn es um Höhlen geht, über einen Instinkt, dem zu vertrauen wir mittlerweile alle gelernt haben.
Marcus hat nichts dagegen, sich als Erster abzuseilen, und schlägt mich als Nächstes vor. »Ich werde Brendan bestimmt nicht auf dem ganzen Weg nach unten auf den Arsch starren«, meint er grinsend. Normalerweise hätte ich mich über seine Sticheleien aufgeregt, aber jetzt nicht, denn er ist harmlos.
Mir wird flau im Magen, als mir Janos hilft, mich über die Kante zu schwingen. Abgesehen von Marcus’ Kopflampe zehn Fuß unter mir gibt es kein Licht, ich könnte ebenso gut einen Schritt ins Leere machen. Nachdem mir Janos gezeigt hat, wo ich mich festhalten kann, lege ich los, während ich mich an den mit Bedacht platzierten Führungsleinen orientiere.
Er hat nicht übertrieben, dieser Abstieg ist wirklich eine heftige Angelegenheit. Ich höre, wie Marcus unter mir vor sich hinmurmelt. Wenn ich hinunterschaue, blicke ich selten direkt in den Strahl seiner Lampe. Vermutlich ist der Witz, dass er es bevorzugt, lieber meinen als Brendans Arsch zu sehen, längst vergessen, nun da er so sehr darauf achten muss, wohin er seine Füße setzt.
Meine Beine tun mittlerweile so weh, dass ich schreien könnte. Ich bin zwar fitter denn je, doch das bedeutet nichts; jeder Schritt ist trotzdem eine Qual. Mann sollte eigentlich meinen, irgendwo hinunterzusteigen sei leichter als rauf, aber Pustekuchen. Denn Hochklettern heißt, dass man weiß, wohin man gelangt, aber die Gegenrichtung? Das ist größtenteils Spekulation oder kommt mir zumindest immer so vor.
Ich hole tief Luft und halte einen Moment lang inne, bevor ich meinen Sicherheitsgurt aushake, um mich an der nächsten Reihe von Seilen einzuklinken. Obwohl es nur eine Sekunde dauert, werde ich das Gefühl nicht los, genauso schnell abrutschen zu können. Erst als der D-Ring hörbar einrastet und ich ihm einen Ruck gebe, atmete ich aus. Wieder sicher … na ja, wenigstens ein bisschen.
Ich schaue nach oben. Drei kleine Lichtpunkte tänzeln über mir, nachdem sich die anderen auf den Weg nach unten gemacht haben. Die Luft hier schmeckt eigenartig: kalt und metallisch. Die Wände sind trocken. Wir befinden uns zu tief in der Erde für Grundwasser, weshalb uns die vorausgegangene Nachricht über den unterirdischen See umso mehr verblüfft hat. Ich meine, wie zur Hölle konnte er entstehen, wenn kein Wasser durch das Gestein sickern konnte? Ebendies ist das Aufregende daran: Es sickerte wirklich nicht.
Es war schon immer da!
Ich arbeite mich Stück für Stück tiefer nach unten. Mein Bauch kribbelt mittlerweile. Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob wir bald da sind. Wir berufen uns stets zum überwiegenden Teil auf Mutmaßungen. Als Wegweiser dienen uns die Markierungen von Team Alpha, aber das war es im Grunde genommen auch schon. GPS funktioniert hier unten nicht, denn die Felsen sind zu dick, und es herrscht eine unterschwellige Strahlung, die zwar relativ ungefährlich für uns ist (ich würde trotzdem ungern Monate hier verbringen, wenn ich irgendwann einmal Nachwuchs zeugen möchte), aber die meisten elektrischen Geräte, die wir dabeihaben, verrückt spielen lässt, was mich leicht beunruhigt.
»Okay, wir nähern uns nun dem Boden«, ruft Marcus nach oben. Gut, denn meine Arme tun jetzt schon genauso weh wie meine Beine, weshalb ich noch lauter schreien könnte und am liebsten loslassen würde.
»Unten!« Ein weiterer Ruf, gefolgt von lautem Wispern, das sich in der stehenden Luft viel leichter trägt. »Wo zum Teufel steckt Nik?«
Mein Magen dreht sich fast um. Wir kommen unserem Ziel näher – dorthin, wo das Alpha-Team verschwunden ist. Das Letzte, was unsere Gruppe mit ihren angespannten Nerven braucht, ist der Verlust eines weiteren Mitglieds aus unseren eigenen Reihen.
Ich klettere die letzten zehn Fuß hinunter, während ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was ich tue, und dabei kläglich scheitere. Meine Finger rutschen ab, und während ich die verbleibenden fünf Fuß hinunterschlittere, schürfe ich mir die Hände auf. Alleine das dicke Material meines Survival-Anzugs schützt meine Knie. Ich komme viel schneller am Boden auf als beabsichtigt, sodass meine Beine einknicken.
Marcus ist nirgendwo zu sehen.
Sofort nimmt mich nackte Angst in Beschlag … zuerst Nik, jetzt Marcus … was geschieht als Nächstes?
Fi landet neben mir, als ich gerade aufstehe. Dass sich die beiden praktisch in Luft aufgelöst haben, scheint sie nicht sonderlich zu beunruhigen. Stattdessen duckt sie sich und stakst in der Finsternis davon.
»Nik?«, ruft sie.
»Jepp!«, bekommt sie zur Antwort.
»Alles klar?«
»Jepp.«
Fi strahlt, wie ich trotz der Dunkelheit erkennen kann. »Prima.«
Eigentlich sollte mich dieser Wortwechsel ermutigen, aber mein Magen rumort davon nur noch schlimmer. Die Jungs sind nicht verschwunden, sondern einfach nur weitergegangen, um den Weg zu sondieren, der anscheinend vor einer glatten, steilen Wand endet.
Vorausgesetzt, man übersieht den Riss gleich auf Bodenhöhe.
Höhlenforscher nennen das Kriechgänge, und für mich sind sie ein Albtraum. Damit meine ich nicht, dass sie schwierig zu bewältigen sind, sondern eher, dass sie mir haarsträubende Angst einjagen. Sie sind ein Aspekt in diesem Metier, an den ich mich wohl nie richtig gewöhnen werde, und ohne die Aussicht auf etwas wirklich Ehrfurcht gebietendes auf der anderen Seite würde ich, glaube ich, niemals mitkommen.
Brendan und Janos sind jetzt auch unten und bei uns. Fi streift ihren Rucksack ab und schiebt ihn in den Spalt, dann legt sie sich flach hin und windet sich hinein. Daher kommt übrigens auch der Name Kriechgang, denn man kommt nur auf dem Bauch robbend hindurch.
Brendan folgt als Nächstes. Er bringt zwar nicht so viele Referenzen in Sachen Überleben mit wie die anderen, dafür jedoch weit mehr Erfahrung als ich darin, sich in Kriechgängen und Höhlen zurechtzufinden. Ich spüre meinen Herzschlag immer weiter oben im Hals und schlucke deshalb zwanghaft. Nein, ich werde nicht panisch. Es ist schließlich sicher hier, denn vier andere Personen sind vor mir hineingerutscht und leben noch, also kein Grund zum Ausflippen.
Langsam ziehe ich meinen Rucksack aus und lasse mich nieder. Mir ist jetzt seltsam schummrig zumute, so als hätte ich einen über den Durst getrunken. Während ich die Tasche von mir her schiebe, widerstehe ich dem Drang, eine Hand auf meinen Kopf zu drücken, um ihn am Wegfliegen zu hindern.
»Alles klar mit Ihnen?«
Janos kniet neben mir und sieht mich besorgt an. Er legt mir eine ruhige Hand auf den Rücken. »Ich bin ja bei Ihnen, keine bange. Ich werde aufpassen, dass Sie nicht steckenbleiben.«
Seine Direktheit hilft mir. Ich bin immer noch kurz davor, zu hyperventilieren, als ich mich hinlege und in den pechschwarzen Spalt schaue, aber dass Janos da ist, bewahrt mich davor, komplett abzudrehen. Die meiste Zeit über ist er wohl ein Spielverderber, aber in diesem Moment bin ich froh mit ihm, seiner Gefasstheit und seinem Ernst hier zu sein. Marcus würde Witze reißen, Fi wäre hämisch, und Nik täte es einfach achselzuckend ab, doch Janos? Er wird dafür sorgen, dass mir nichts passiert. Außerdem passe ich von meinen Maßen her zwei Mal in ihn hinein, und wenn er davon ausgeht, dass er sich in diesen Spalt zwängen kann, dann sollte es für mich doch ein Spaziergang werden.
»Denken Sie daran«, ermahnt er mich und unterbindet damit meine aufsteigende Panik. »Finger weg von allem, was Nik nicht gelb besprüht hat. Vergessen Sie nicht, Luft zu holen, und bewegen Sie sich immer weiter vorwärts. Das klappt schon.«
Ich atme tief ein und strecke mich in den Kriechgang aus, während ich meinen Rucksack vor mir herschiebe. Dabei drehe ich den Kopf zur Seite, damit mein Schutzhelm nicht stecken bleibt, und erschaudere, als ich höre, wie der Fels das Plastik zerkratzt. Während ich vorwärtsrutsche, konzentriere ich mich auf meinen Rücken. Da hinter mir auf einmal ein Licht flackert, weiß ich, dass Janos jetzt nachkommt. Er klopft gegen meinen Stiefel.
»Gelb gleich vor Ihnen.«
Ich schiebe meinen Rucksack ein wenig nach rechts, und tatsächlich: Dort am Stein prangt ein leuchtender Punkt gelber Sprühfarbe. Deshalb rutschte ich seitwärts, um ihn zu meiden. Nik ist ein vorsichtiger Mensch. Beim Berühren der Stelle würde mir wohl nichts geschehen, aber ich möchte trotzdem nicht diejenige sein, die sein Urteilsvermögen auf die Probe stellt.
Obwohl die Decke so weit ansteigt, dass ich den Kopf ein wenig anheben kann, kommt mir der Kriechgang doch enger denn je vor. Das Schwindelgefühl stellt sich erneut ein. Ich versuche, es durch Blinzeln zu überwinden, kann aber an nichts anderes mehr denken als an die Felsmasse, die sich momentan über mir auftut. Es heißt, das Fracking sei so lange vollständig eingestellt worden, bis wir mit unseren Untersuchungen fertig sind, aber das bedeutet vielleicht nicht, dass noch kein Schaden entstanden ist. Eine falsche Bewegung, und ich bin platt wie eine Flunder, oder schlimmer noch: Gefangen, für immer eingeschlossen in einem Grab aus Kalkstein drei Meilen unter der Erde, wo mich niemand schreien hört und selbst wenn, nichts zu meiner Rettung unternehmen könnte.
»Immer weiter«, sagt Janos.
Ich stemme meine Zehen in den Boden und drücke mich vorwärts. Er hat recht, ich muss in Bewegung bleiben, kann es aber leider nicht. Ein weiterer Versuch, doch ich stecke fest – in der Patsche, eingeklemmt unter dem Gestein und nicht imstande, zu entkommen. Ich atme automatisch schneller und bemühe mich, den Kopf anzuheben, aber er knallt sofort an die Decke über mir. Eine Decke, die mich niederdrückt, gefangen hält und erstickt.
»Keine Panik«, beschwichtigt mich Janos. Erneut dringt er trotz des wachsenden Schreckens zu mir durch. »Ihr Schnürsenkel ist nur an einer Steinknolle hängen geblieben.«
Ich spüre, wie er an meinem Fuß herumfummelt, und dann ist es so, als lasse der Druck darauf nach. Als ich es abermals versuche, gelingt es mir wie durch ein Wunder, mich weiter vorwärtszubewegen. Licht dringt plötzlich in den Spalt hinein, gefolgt von einer ausgestreckten Hand. Es ist Marcus, der sich über unseren Fortschritt vergewissert.
»Alles klar, Hasenfuß?«, fragte er, als er mich aus dem Kriechgang zieht. »Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«
Ich möchte antworten, kann aber nicht, weil ich zu sehr zittere. Janos rutscht nun hinter mir heraus und schultert seinen Rucksack.
»Sie hat sich tapfer geschlagen«, meint er und läuft an mir vorbei, um wieder seine angestammte Position an unserer Spitze einzunehmen.
Es dauert eine Weile, bis ich die Platzangst aus dem Kriechgang abschütteln kann. Das Wissen darum, dass wir auf dem gleichen Weg zurückkehren müssen, ist dem nicht gerade zuträglich. Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Vorstellung, auf ewig hier unten festzusitzen, fast angenehm.
Marcus ist wieder hinter mir. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund hält er sich gerne in meiner Nähe auf. Vielleicht bevorzugt er einfach Menschen in seiner Umgebung, denen er sich überlegen fühlen kann. Tja, entweder liegt es daran, oder er steht auf mich. Dadurch fühle ich mich allerdings auch nicht wirklich besser. Er hat eine Frau und drei Kinder, also werde ich den Teufel tun, die Frau zu sein, die eine glückliche Familie kaputtmacht. Es ist aber auch nicht so, dass ich es darauf anlegen würde. Marcus entspricht meinem Geschmack nämlich kaum.
Er murmelt irgendetwas vor sich hin, aber ich höre ihm nicht richtig zu. Wieso sollte ich das auch bei so vielen faszinierenden Eindrücken um mich herum? Dieser Abschnitt der Höhle ist etwas Anderes, das steht fest.
Brendan bleibt immer wieder stehen, um die Gesteinsoberfläche zu betrachten. Hin und wieder schüttelt er den Kopf, wobei sein Gesichtsausdruck zwischen Begeisterung und Fassungslosigkeit hin und her schwankt. Das kann ich ihm nicht verübeln, denn ich selbst bin auch aufgeregt wegen alledem. An den Wänden klebt seltsamer Schleim, wahrscheinlich eine Art von chemotrophen Bakterien oder etwas Ähnliches in Anbetracht des ausbleibenden Sonnenlichts hier unten, denn sie leuchten, so wie man es sich in einer unheimlichen Grotte vorstellen würde. Es handelt sich um eine bläulich grüne Helligkeit, die ich noch nie gesehen habe, höchstens auf Raves, und sie dient überhaupt keinem biologischen Zweck in Anbetracht des Umstands, dass sich hier alles in absoluter Finsternis entwickelt hat. Mir kommt es so vor, als wünsche sich die Höhle beinahe, dass wir hier sind.
Wir kommen jetzt relativ gut voran, ein paar dicke Brocken, über die wir klettern müssen, und ein teils versperrtes Schlupfloch sind keine wirklichen Hindernisse. Da Einiges darauf hindeutet, dass die Felsen bewegt worden sind, fällt mir Team Alpha wieder ein. Keine Hinweise dafür vorzufinden, dass sie vorbeigekommen sind, wundert mich nicht, denn das Motto jedes Höhlenforschers, der etwas auf sich hält, lautet: Nimm nichts mit außer Erfahrung und lass nichts zurück als Erinnerungen. Außerdem hat man uns, weil die Entdeckung voraussichtlich bahnbrechend sein wird, sogar dazu angehalten, unser Geschäft in spezielle Plastiktüten zu verrichten, die alles zu fast nichts austrocknen, sodass wir jegliche Abfälle mit zurück nach oben nehmen können. Dennoch kann ich mich leiser Bedenken nicht erwehren, die schon fast an Beklommenheit grenzen. Denn nichts verweist darauf, dass sie hier gewesen sind, was wiederum ausschließt, etwas über ihr Schicksal erfahren zu können, und dieser Gedanke lässt mich nicht los. Werden wir in die gleiche Falle tappen wie sie?
  »Ich werd verrückt …«, ruft Nik vor mir leise. Fi, die hinter ihm ist, schüttelt nur ungläubig den Kopf. Ich besteige den niedrigen Geröllhaufen, auf dem sie stehen.
In der Tat, man glaubt seinen Augen, nicht zu trauen.
Wir wussten gleich, dass Team Alpha etwas Umwerfendes entdeckt hatte, als uns ihre Aufzeichnungen in die Hände gefallen sind. Ihre Reaktionen zeugten von Ehrfurcht vor ihrem Fund, aber wie es sich nun einmal mit den meisten Wundern auf der Welt gestaltet, ist hautnahes Erleben trotzdem durch nichts zu ersetzen.
Der Vorsprung, auf dem wir gerade stehen, fällt ungefähr fünfzehn Fuß tief bis auf einen Strand aus glitzernd schwarzem Sand hinunter – treffender kann ich es einfach nicht beschreiben. Die Felswände an den Seiten sind alle mit jenen eigenartig glimmenden chemotrophen Bakterien bedeckt, sodass der Eindruck entsteht, man schaue in eine märchenhafte Unterwelt wie aus einer alten Legende. Daran liegt unser unglaubliches Staunen aber nicht.
Der See ist der Grund dafür.
Als ich zum ersten Mal nach Amerika gereist bin, erblickte ich den Lake Champlain in seiner ganzen Pracht. Als Britin hatte ich zu wissen geglaubt, wie ein See aussieht (wie Windermere, falls es Sie interessiert), aber beim ersten Anblick des Lake Champlain wurde mir bewusst, dass ich bis dato anscheinend bloß Tümpel gekannt hatte.
Dieses Gewässer allerdings übertrifft ihn um Längen.
»Wie weit, schätzt du, reicht er?«, fragt Marcus.
Brendan neben mir zieht die Schultern hoch.
»Es könnte nur eine optische Täuschung sein, aber wir haben die Theorie aufgestellt, das Becken hier unten ist eventuell größer als das Schwarze Meer, und das trifft anscheinend zu.«
  Das Schwarze Meer. Genau, dieser Vergleich erscheint mir stimmig. Das Wasser erstreckt sich weiter, als jemand von uns sehen kann. Hinter dieser Höhle liegt nichts, nur ein umfangreiches, undurchschaubares Gewässer. Es ist gruselig, denn an der Erdoberfläche kann man Entfernungen anhand des Horizonts abschätzen, doch hier gibt es nichts, sodass man sich von der Weite zugleich eingeschüchtert und beengt fühlt. Mir fällt nur eine Analogie ein, die dem Eindruck wohl am nächsten kommt: ein Blick in die unendlichen Tiefen des Alls. Eine unerklärliche Gleichgewichtsstörung überkommt mich plötzlich, sodass ich vorübergehend glaube, ich treibe nur so dahin. Ich strecke mich aus, um irgendetwas zu packen, und zufälligerweise ist es Janos.
»Dr. Stoker.« Er hält mich fest, sodass ich nicht nach vorne kippe. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«
Ich nicke und schlucke wieder schwer, bringe es aber nicht über mich, zu sprechen, zumindest bis auf Weiteres.
Wir beginnen unseren Abstieg, einer nach dem anderen. Wie gewohnt geht Nik zuerst, allerdings nicht ohne anzumerken, es sei ein Klacks, weil man sich überall an der zerklüfteten Oberfläche festhalten könne. Janos bleibt mit mir hinten, was mich leicht nervt.
  War er darauf angesetzt worden, mich im Auge zu behalten? Ich will nicht lügen: Seine verlässliche Gegenwart ist ein Trost für mich, also kein Grund zur Klage.
Nik hat recht, der Abstieg gestaltet sich ziemlich einfach, sodass wir alle binnen kürzester Zeit an dem befremdlichen Strand stehen und auf den See starren. Die Luft riecht ein wenig salzig, und die schwelenden Bakterien bilden dicke Schichten auf den Felsen in Wassernähe, sodass die Umrisse des Ufers phosphoreszieren. Brendan bückt sich und schöpft etwas Wasser mit der hohlen Hand, um davon zu trinken. Ich weiß nicht so recht, wie klug das ist, bin aber auch nicht hier, um ihn daran zu hindern.
»Salz! Das hab ich mir schon gedacht«, sagt er, »und wärmer als erwartet. Vielleicht haben wir es ja dort unten mit hydrothermaler Aktivität zu tun.«
»In einem Höhlensystem aus Sedimentgestein?«, fragt Fi. Sie verhehlt ihre Abneigung so gut wie gar nicht. Ich schätze, sie mag Brendan nicht allzu sehr.
»Durchaus denkbar«, werfe ich ein, weil ich mich berufen fühle, meinen Wissenschaftskollegen verteidigen zu müssen. »Der obere Abschnitt des Systems besteht aus Sedimentgestein, doch sollte dieses Gewässer tief genug sein, könnte es genau über einer geologisch aktiven Zone liegen. So etwas ist bislang ohne Beispiel.«
»Aber das würde gleichzeitig bedeuten, dass es Tausende Fuß tief ist.«
Ich zucke mit den Schultern und erwiderte: »Mag sein.«
»Wie lange ist es Ihrer Einschätzung nach schon von der Oberfläche isoliert?«, möchte Nik wissen.
Ich zucke wieder mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Die anderen haben Schichten aus Jura-Schiefer gefrackt, also sprechen wir theoretisch über hundertsechzig Millionen Jahre.«
Marcus stößt einen leisen Pfiff aus. »Hundertsechzig Millionen, meinst du das ernst?«
»Nun ja, ich bin keine Paläobiologin … aber ja, das ist definitiv möglich.«
»Falls also etwas hier lebt, wäre es vielleicht seit fast zweihundert Millionen Jahren vom Rest der Evolution unbeeinträchtigt?«
»Richtig.«
»Falls etwas hier lebt«, wiederholt Fi.
»Eigentlich stehen die Chancen dafür ziemlich gut«, behauptet Brendan. »Denn sollten die vorhandenen Bakterien darauf hinweisen, dass dieses System noch biologisch aktiv ist, gibt es nichts, was dagegen spricht. Proben aus anderen isolierten Gewässern dieser Art bezeugen, dass sich Leben auch sehr gut unabhängig von der Außenwelt entwickeln kann. Nehmen wir zum Beispiel den Wostoksee, dort suchte man ursprünglich Bakterien und entdeckte Fische.«
»Du glaubst, hier könnte es Fische geben?«, fragt Marcus.
»Ja, das glaube ich.« Brendan grinst und auch ich kann nicht anders, als zu lächeln. Seine Begeisterung steckt an. »Wer weiß?«