PANIK! – DAS HAMMERKRASSE TOURNEE-ENDE

7,99 12,99 

Wilhelm Karkoska

KRIMINALROMAN

»Mille Grazie, Willi Karkoska, für das geile Buch. Das geht ja ab wie die Flummis! Ahuuuuuu Yeah.« [Udo Lindenberg]

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Beschreibung


Joachim Butol, einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands wird kurz vor dem obligatorischen Abschlußkonzert seiner Band in Münster entführt. Die Kripo tappt lange im Dunkeln, bis in einem Wald in der Nähe der Stadt die Lederjacke des Musikers gefunden wird …
Ein Muss für alle Musik- und Krimifans. Faszinierende Einblicke in die Musikszene und die Untiefen der menschlichen Seele. Spannend, packend, überraschend bis zur letzten Seite.


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

368

ISBN

978-3-95835-174-5

eISBN

978-3-95835-175-2

Leseprobe


Nur langsam wurde Joachim Butol wach, blickte mit schläfrigen Augen um sich, ohne seine Umgebung real wahrzunehmen. Er schaute ins Leere, erkannte Konturen eines spärlich eingerichteten Raumes mit einem runden Tisch aus modrig riechendem Holz und dazugehörigen Stühlen, die schon bessere Tage gesehen hatten. Das alles glich der Möbelausstattung des Vorzeltes auf einem Campingplatz. Seine Augenlider waren schwer wie Blei, senkten sich immer wieder, wenn er versuchte die Augen aufzuhalten. Seine Sinneseindrücke waren getrübt. Er hatte keine Orientierung, spürte Schmerzen in seinen Gliedern, war kurz davor, wieder einzuschlafen. Sein Körper wehrte sich dagegen. Nicht einschlafen! Wach bleiben! Du bist doch sonst so agil. Mit Erfolg.
JB sackte nicht weg, wurde zunehmend wacher und auch klarer im Kopf. Er nahm zunehmend wahr, was um ihn herum passierte, blickte in das Gesicht einer sich über ihn beugenden, mit schwarz geschminkten Augenbrauen, ihn freundlich mit blauen Augen anstrahlenden Frau. Ihre langen blonden Haare streichelten seine Gesichtsmuskeln. Die tiefrot geschminkten Lippen der unbekannten Blondine vereinigten sich vorsichtig mit seinen. Er fühlte den warmen Atem dieser Frau, der nach billigem Wein roch. Der Versuch, sich aufzurichten, misslang.
Joachim Butol spürte Fixierungsschnallen an seinen Händen und Füßen, nahm wahr, dass er an das Bett gefesselt war, in dem er lag. Ein Faktum, dass ihm zunächst wenig Angst einflößte. Im ersten Moment hielt er das Ganze für einen Scherz, einen PR-Gag, den sich irgendwelche hirnlosen Werbefritzen hatten einfallen lassen, um noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken.
Dieses Gefühl hielt jedoch nicht lange an. Er spürte, dass das keine Werbeaktion war, sondern brutale Realität. Seine ansonsten eher blasse Gesichtsfarbe verfärbte sich purpurrot. Er merkte, wie das Blut in seinen Adern kochte. Er neigte ohnehin zur Hypertonie, nahm immer wieder Blutdrucksenker. Tausend Gedanken gingen ihm strukturlos durch den Kopf. Sein sich normalisierendes Bewusstsein ließ die Erkenntnis in ihm reifen, dass er sich in einer außergewöhnlichen Situation befand.
»Guten Morgen mein Schatz. Du hast lange geschlafen. Willkommen in unserem neuen Zuhause.« Endlich sind wir zusammen. Ich liebe dich.«
In diesem Moment war Joachim Butol endgültig wach, völlig klar im Kopf. Seine Schaltzentrale im Gehirn kam auf Touren. Vor sich sah er einen Berg voller Fragen. Was sollte diese eindeutige, ihm gerade ins Ohr gehauchte Liebesbekundung dieser Blondine? Wo befand er sich überhaupt? Wie war er an diesen Ort gekommen? Und vor allem: Weshalb war er an das Bett gefesselt worden? Das Ganze musste doch eine Bedeutung haben.
Erklärungsversuche für seinen kläglichen Zustand schossen ihm spontan durch den fast schon platzenden Schädel. Er erinnerte sich glasklar an die Situation in seiner Garderobe im MMC, an das geplante Tournee-Ende-Konzert und auch daran, dass ihn dort diese Blondine in seiner Garderobe aufsuchte. Er sah sie vor sich stehen. Nervös mit dem rechten Auge zuckend, unauffällig bekleidet mit einer hellen Jeans und einer blauen, bis oben zugeknöpften Seidenbluse. Er hörte ihre zittrige Stimme, die ihm ein eher krankhaftes als emotional geprägtes »Ich liebe dich« entgegenhauchte. JB hatte mit einem Mal die Szene vor Augen, wie er versuchte, die Annäherungen dieser ihm unbekannten Blondine abzuwehren.
Von da an konnte er sich an nichts mehr erinnern. Totaler Filmriss. Irgendetwas war wohl in seiner Garderobe passiert, etwas, das zu seiner jetzigen, erbärmlichen Lage geführt hatte. So sehr er sich auch anstrengte, eine Erklärung für seine missliche Lage blieb ihm verborgen. Dass weibliche Fans vor und nach Konzerten seine körperliche Nähe suchten, war nichts Außergewöhnliches. Ein angesagter Popstar hatte nun mal gewisse Privilegien bei der Abteilung mit den Hügeln unter der Bluse. Soweit man da von Privilegien sprechen durfte.
Eines aber wurde ihm schnell bewusst. Er musste jetzt spontan reagieren, improvisieren, wie er es vor tausenden von Fans immer wieder bei Konzerten gemacht hatte, wenn es auf der Bühne mal anders lief als geplant – und das kam nicht selten vor – ohne, dass auch nur einer seiner Fans etwas bemerkte. Mit Erfolg! JB blickte die ihm immer noch unbekannte Blondine an, zeigte ein vorsichtiges, warmes Lächeln. Er war nicht nur einer der gefragtesten Musiker Deutschlands, sondern auch ein guter Schauspieler mit einer exzellenten Spontan-Mimik und Gestik.
»Hallo du. Die Nummer ist nicht schlecht. Für welchen Sender arbeitest du? Wo sind die Kameras und Mikros? Ihr dreht doch sicher irgend so einen Clip für Youtube oder sonst was. Mich habt ihr wahrscheinlich deswegen nicht vorher informiert, damit die Spontanität nicht verloren geht. Clever, muss ich euch lassen. Geile Nummer. Alles soll wohl so authentisch wie möglich wirken.«
JB drehte seinen Kopf nach rechts in den Raum hinein, so als würde sich dort eine Kamera nebst Aufnahmeteam befinden. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Sein Blick wirkte jetzt durchdringend. Er versuchte seinen Kopf zu heben, verzog keine Miene. Ganz anders als noch kurz zuvor, sagte er mit ironischem Unterton: »Hi Leute. Keine Panik. Ist ein total geiles Gefühl, sich hier so gefesselt auf dieser Pritsche wiederzufinden. Aber ich finde, das reicht jetzt. Ach ja, das Konzert in Münster holen wir natürlich nach. Also, alles easy. Wir sehen uns. Schnallt mich jetzt mal wieder ab. Ihr hattet euren Spaß und ich wahrscheinlich jetzt Tattoos auf meinen Astralbeinen. Wow! Mir schlafen die Füße ein. Die sind schon megamäßig gelangweilt. Wir sollten die Nummer jetzt canceln. Packt eure Klamotten ein und zieht euch zurück ins Nirwana der unbegrenzten Möglichkeiten da draußen.«
Die bis dahin für ihn noch blonde Unbekannte fiel ihm ins Wort: »Schatz, du verstehst das falsch. Hier gibt es keine Kameras. Viel zu lange haben andere an deinem Leben teilgenommen, wollten dir nichts Gutes, dich für sich haben. Du hast das nur nicht bemerkt. Alles Menschen, die dich mir wegnehmen wollten. Vor denen muss ich dich doch beschützen. Hier hast du endlich Ruhe vor diesen miesen Typen. Jetzt wird alles gut. Wir gehören zusammen. Ich passe auf dich auf.«
JB reagierte sofort. Er bemerkte, dass irgendetwas mit dieser Frau nicht stimmen konnte. Sein Körper war schweißüberflutet. Er lag vollbekleidet im Bett. Seine Anziehsachen hätte man auswringen können. Bis dahin hatte er gehofft, die Angelegenheit in den Griff bekommen zu können. Ihm wurde zunehmend bewusst, dass seine Entführerin psychisch gestört sein musste. Das machte ihm Angst. Er versuchte, sich seinen emotionalen und auch psychischen Zustand nicht anmerken zu lassen. »Das ist lieb von dir. Wegen Münster … das tut mir leid. Aber ich hatte einfach nicht die Zeit und Muße, vor dem Konzert mit dir zusammen zu sein. Da wollte ich mir schon mehr Zeit lassen. Du bist keine Frau für einen Quickie. Du willst ganz weit nach oben ins Universum der uneingeschränkten Erfahrungen. Wow, eine richtige Rakete. Das habe ich sofort gemerkt. Du hast Stil. Wir können das ja hier nachholen. Niemand drängt uns. Wir haben alle Zeit der Welt …«
Die Blonde fiel JB mit bestimmender Tonlage ins Wort. Sie machte den Eindruck, als wüsste sie haargenau was sie wollte. »Du scheinst mich nicht zu verstehen. Mir kommt es nicht darauf an, mit dir zu schlafen. Ich will dich, deine Nähe spüren.«
Je mehr JB von der Unbekannten in seiner beschissenen Lage mitbekam, desto mehr überfiel ihn ein in dieser Intensität lange nicht mehr empfundenes Gefühl der Angst um das eigene Leben. Seine Gedanken führten ihn zurück ins Jahr 1984. Auch in der ehemaligen DDR waren JB und die Firewalls große Stars gewesen, feierten dort vor der Wende große Erfolge. Damals bekam er nach einem Konzert in Dresden einen Herzkasper. Er wurde zum Glück schnell durch einen Fan, der Arzt war, notärztlich versorgt, bis der Rettungsdienst kam. Er war kurz davor, abzunibbeln. Zwei Tage lag er im Koma. In der Klinik erfuhr er dann, dass er dem Sensenmann gerade noch von der Schüppe gesprungen war. JB hatte mit einmal das Bild aus Dresden vor Augen, wie er nach dieser Offenbarung im eigenen Schweiß badete und sich unkontrolliert einnässte. Festgestellt wurde da auch eine schwere Alkoholvergiftung. Es waren zu der Zeit doch wohl ein paar Eierliköre zu viel, die er sich genehmigt hatte.
Jetzt, 30 Jahre später, sah er sich wieder in solch einer lebensbedrohenden Lage und es schüttelte ihn am ganzen Körper. Seine Entführerin war für ihn unbestritten eine psychisch kranke Frau. Ihr Verhalten musste er als unberechenbar einstufen. JB war weiter als Schauspieler in höchstem Maße gefordert. Unter keinen Umständen durfte die Situation eskalieren. Diese Frau schien zu allem fähig zu sein.
»Für mich ist Sex auch nicht das Entscheidende. Das wird von unzähligen Leuten viel zu sehr hochgejubelt. Es kommt doch in einer Beziehung auf ganz andere Dinge an.«
»Genauso ist es.«
Jo wollte antworten, wurde aber sofort von der blonden Unbekannten unterbrochen.
»Auf die Nähe. Es gibt nichts Schöneres, als dem Menschen, den man liebt, in die Augen schauen zu können. Mitzubekommen, dass es ihm gut geht. Für ihn da zu sein.«
»Du bist nicht nur eine Rakete, du bist ein echter Knaller. Und du siehst geil aus. Viel zu schade für nur samenproduzierende Nichtsnutze, die nichts anderes in ihren verwirrten Birnen haben, als sich in dir zu entladen. Nimm mir es bitte nicht übel, aber ich weiß nicht einmal, wie du heißt.«
JB musste diese Frage stellen. Er wollte seine Entführerin aus der Reserve locken.
»Ist ein Name denn wichtig?«
»Ich finde schon. Dass ich Jo heiße, weißt du ja.«
»Dann such dir einen Namen aus. Einen, von dem du glaubst, dass er zu mir passt.«
Die blonde Unbekannte reagierte ein wenig genervt. Ihr schien dieses Hin und Her um ihren Namen nicht zu gefallen.
»Du, ich möchte dich aber mit deinem wirklichen Namen ansprechen.«
»Dann nenn mich Rose.«
Wie aus der Pistole geschossen schmetterte JB\’s Entführerin ihm den Namen entgegen.
»Gut, wenn das dein Wunsch ist, dann bist du für mich Rose.«
Ein freundliches, mit einem leicht skeptischen Gesichtsausdruck belastetes Lächeln machte sich auf Roses Gesicht breit. Sie schien JB seine schnelle Zustimmung nicht abzukaufen.
»Das sagst du jetzt nur, weil du Angst hast. Die brauchst du aber nicht zu haben. Ich bin bei dir.«
»Warum soll ich vor dir Angst haben? Bleib locker. Du liebst mich doch. Ich würde dich jetzt gerne in den Arm nehmen wollen. Dich an meinen Körper drücken, sodass wir gegenseitig unsere Herzschläge spüren können. Das willst du doch auch. Eigentlich ist das alles ganz easy. Aber so ist es schwierig, Rose.« JB deutete auf seine Fuß- und Handfesseln. »Außerdem, ich muss mal. Du weißt schon. Wie lange sind wir schon hier? Wie spät ist es eigentlich?« JB startete erneut einen Versuch, mit Rose ins normale Gespräch zu kommen.
»Ach Schatz, was bedeutet schon Zeit? Die ist vergänglich. Unsere Liebe wird ewig dauern. Da gibt es kein Ende. Du hast dich viel zu lange von der Zeit treiben lassen. Jetzt kannst du endlich zur Ruhe kommen.«
Rose antwortete so, als hätte sie JB\’s Bedürfnisbotschaft nicht verstanden. Seine innere Unruhe wuchs. Er registrierte zunehmend, dass er hilflos einer Psychopatin ausgeliefert war, die sich eine Scheinwelt zusammenbastelte. Eine nicht existierende Realität, ein Psychoszenario, in dem er eine von zwei Hauptrollen zugewiesen bekommen hatte. Vielleicht eine Tragödie mit ungewissem Ausgang.
»Wenn ich jetzt nicht aufs Klo kann, dann pisse ich ins Bett. Und das wäre ganz und gar nicht cool und stinkt außerdem bestialisch. Das kannst du doch nicht wollen. Mir soll es doch gut gehen.«
JB versuchte, Rose mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.
»Ach, entschuldige. Ja, ja, dein Urindrang.«
Rose verließ für einen Moment den Raum. Dann kehrte sie mit einer Urinflasche zurück, wie sie bei bettlägerigen Patienten in Krankenhäusern verwendet wurden.
»Schatz, ich mache das schon.«