Buchcover:

Notizen einer Verlorenen

von Heike Vullriede

Faszinierend, verstörend und erschreckend. Eine traurige und berührende Geschichte. [Amazon.de]

INHALTSBESCHREIBUNG


Sarah ist tot.

Ein Unbekannter entdeckt ihren Leichnam in einer verlassen Scheune. Neben ihr findet sich ihr Tagebuch. Aufzeichnungen der letzten Wochen eines jungen Lebens - die Notizen einer Verlorenen.

Mit leisen Tönen skizziert Heike Vullriede in ihrem Roman »Notizen einer Verlorenen« das Psychogramm einer jungen Frau, gefangen zwischen ihren eigenen Obsessionen und der Sogwirkung sektiererischer Organisationen. Es ist ein Buch über Liebe und Tod, über Selbstmord und den Wert des Lebens, aber auch über Manipulation, Fanatismus und Machtmissbrauch. Bedrückend realistisch, anrührend und verstörend.

Pressestimmen

Bedrückend und nah

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Vullriede gibt mit "Notizen einer Verlorenen" zahlreiche kritische Denkanstöße und hebt mit ihrer schonungslosen Offenheit das Tabu rund um das Thema Selbstmord und Sterbehilfe auf.

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Sarah

 

Ihr Unterkörper war unversehrt, bis auf die abgeschürften Füße, doch Kopf und Brustkorb ruhten deformiert über ihrer restlichen zierlichen Gestalt. Erst das Licht einer Petroleumlampe offenbarte ihm den grausamen Fund. Als er sie dort liegen sah, auf dem Boden der verlassenen Scheune, wurde ihm schlecht und er hätte sich fast über ihrem Blut erbrochen, in das er im Dunkeln getreten war. Schon krochen die ersten Fliegen über ihren Leichnam. Wusste der Teufel, woher die Viecher in dieser kalten Jahreszeit kamen!

Hast du das wirklich so gewollt, Sarah? Ist das die Erfüllung, das Lebensende, das du geplant hast?

Glauben konnte er das nicht.

Nur das Summen der Insekten und sein eigener stockender Atem in der fäulnisschwangeren Luft zeugten in der Stille von Leben.

Sie lag unter einer makabren Tötungsmaschine, deren Funktion aus einem Comicheft hätte stammen können. Irgendwo zwischen Zeichentrick und ernst gemeinter Physik fand sich die Kettenreaktion dieser Maschine wieder. Es war nicht ihr Werk, das wusste er, es musste von Alexander stammen. So etwas Monströses hätte sie sich niemals ausgedacht, und ohne Hilfe hätte sie das nicht zustande gebracht. Schon wegen des schweren alten Ofens, der an einem Seil hängend letztendlich ihren Oberkörper zerschmettert hatte. Comics und Graphic Novels … nein das passte nicht zu Sarah.

Sie lag da, als hätte sie sich einfach darunter schlafen gelegt und mitten in dem ganzen Blut und der grauen Masse am Boden lagen ihre braunen gewellten Haare, wie eben noch glatt gestrichen. Mit den Augen folgte er dem Aufbau vor und über ihm. Ein metallenes Blasrohr, in der Länge etwa zwei Meter messend, schien ihm der Auslöser der todbringenden Kettenreaktion. Sie hielt das Metall noch, ganz wie nebenbei, locker in ihrer blassen Hand. Eine zielgerichtete Luftbewegung aus dem Rohr hatte den einfachen, aber einfallsreichen Mechanismus in Gang gesetzt. Ein leichtgängiges Windrad war angetrieben worden, nur eine halbe Umdrehung vielleicht. Ausreichend, um etwas in einen großen Kaffeebecher zu Fall und die darin enthaltene Flüssigkeit zum Überlaufen zu bringen. Ein Kaffeebecher, wie es ihn an jedem Frühstückstisch gab … der Überlauf der Tasse hatte anscheinend für den Fortgang der Kettenreaktion gesorgt. Ein schmales Brett auf einer Wippe war gekippt, ein Zylinder herabgerollt, der eine Kerze verschoben hatte, gar nicht weit. Es reichte ein leichter Ruck von zwei, drei Zentimetern. Jedenfalls stand die Kerze genau unter einem nun abgebrannten Seil, an dessen Ende dieser zentnerschwere Ofen hing, der sie schließlich zermalmt hatte. Das also war Alex' großartiges Kunstwerk.

Er fragte sich, wie sie während so einer Prozedur einfach still hatte daliegen und auf ihren Tod warten können. Entweder, sie war betrunken gewesen oder komplett ihrem Verstand entrückt oder aber, man hatte sie bereits tot hier abgelegt. Wie gebannt umrundete er bereits zum siebten Mal ihren Leib und er vermied es dabei, die Fliegen und vor allem ihren Kopf anzusehen, der unter der Last des Ofens hervorquoll. Bei diesem Rundgang jedoch sah er etwas Rotes unter ihrem Oberschenkel hervorblitzen, kaum erkennbar … ein rotes Stück Pappe vielleicht. Er ging in die Hocke. Mit zwei Fingern zog er an dem roten Karton unter ihrem Körper, bis er schließlich ein Buch in der Hand hielt. Ein Notizbuch, wie es schien, Din A5, etwas beschmiert von Sarahs Blut, aber nur äußerlich. Die Blätter selbst waren unbeschadet. Er ließ die zerknitterten Seiten durch seine Finger gleiten. Das Buch war bis zum vorletzten Blatt in kleiner geschwungener Schrift beschrieben – mit blauem Kugelschreiber. An manchen Stellen allerdings waren die Wörter unleserlich, als hätten herabgetropfte Tränen sie verwischt. Neugierig blätterte er zum Anfang zurück. Ganz oben, in der ersten Zeile, stand: Notizen einer Verlorenen.

Allein diese kleine Überschrift zerrte sofort an der Mauer aus Selbstlügen, die er sich in den letzten Wochen und Monaten zugelegt hatte. Sollte er das wirklich lesen? Unentschlossen ließ er sich auf einen der verrotteten Strohballen an der Seitenwand der Scheune fallen, stellte die alte Lampe neben sich und überflog, halb gebückt darüber kauernd, die ersten Seiten. Er war fast schon gehemmt bei dem Gedanken, auf ein noch grausameres Geheimnis zu stoßen, als das, was ihn bereits jetzt an die Hölle knebelte.

Sarah war tot. Trotzdem fühlte er sich wie ein Voyeur, weil er in diesem Buch herumschnüffelte. Wirklich sicher war er sich nicht, ob sie tatsächlich nichts dagegen hätte, wenn ausgerechnet er es las.

 

Notizen einer Verlorenen

 

Ich schreibe dies, weil ich Teil eines Geheimnisses bin. Ein Geheimnis, das mich am lebendigen Leib gnadenlos Zelle für Zelle erdrückt. Ich bin schuldig! Das muss ich jemandem mitteilen, deshalb schreibe ich es auf. Wissend, dass ich damit einen Schwur breche … eine besondere Gemeinschaft verrate … sie der verständnislosen Normalität aussetze und gleichzeitig unbeantwortete Fragen einer ahnungslosen Welt hinterlasse. Wer sollte das alles verstehen? Wer sollte uns verstehen? Alex, mich und die anderen?

Trotzdem will ich niederschreiben, was mich belastet. Dass meine Schuld damit nicht getilgt sein wird, weiß ich. Vielleicht wird das hier niemand lesen. Vielleicht wird man mir nicht glauben. Mag sein, doch es muss raus aus meinem Kopf und raus aus meinem Herzen!

Ende der Leseprobe

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