Buchcover:

Mort(e)

von Robert Repino

»Ein epischer Science-Fiction-Thriller … Mort(e) wird noch lange bei Ihnen sein, nachdem Sie die Buchseiten geschlossen haben.« [Tor.com]

INHALTSBESCHREIBUNG


Der »Krieg ohne Namen« hat begonnen, und sein Ziel besteht darin, die Menschheit auszurotten. Eingefädelt wurde er von der Kolonie, einer Rasse intelligenter Ameisen, die über Jahrtausende hinweg heimlich eine Armee aufgebaut haben, um die menschlichen Zerstörer und Unterdrücker für immer von der Erde zu tilgen.

Unter den wachsamen Augen der Kolonie soll eine Utopie frei vom Hang der Menschen zu Gewalt, Ausbeutung und religiösem Aberglauben entstehen. In einem letzten Schritt ihrer Kriegshandlungen verwandelt die Kolonie die Tierwelt auf der Erde in zu Höchstleistungen fähige Zweibeiner, die sich erheben und ihre Herren vernichten sollen.

Mort(e), ein ehemaliger Hauskater, der zum Kriegshelden avancierte, ist berüchtigt dafür, die gefährlichsten Aufträge anzunehmen und gegen die gefürchtete menschliche Biowaffe EMSAH anzukämpfen. Was ihn jedoch tatsächlich zu derartigem Draufgängertum treibt, ist seine andauernde Suche nach jemandem, mit dem er vor der Verwandlung befreundet gewesen war: der Hündin Sheba.

Als er die Nachricht erhält, dass Sheba noch am Leben sein soll, tritt er eine Reise an, die ihn von den verbliebenen menschlichen Festungen ins Herz der Kolonie führt, wo er von den Ursprüngen von EMSAH und dem endgültigen Los aller Lebewesen der Erde erfahren wird.

Pressestimmen

Kapitel 1 | Die Geschichte von Sebastian und Sheba


Bevor er seinen neuen Namen annahm, bevor die Tiere aufbegehrten und ihre Unterdrücker stürzten, bevor von Prophezeiungen und Erlösern gesprochen wurde, war der große Krieger Mort(e) nur eine Hauskatze gewesen, die seine menschlichen Herren Sebastian nannten. An jene Zeit erinnerte er sich nur mehr in Träumen und zufälligen Momenten der Nostalgie, die so schnell vergingen, wie sie kamen. Mit Ausnahme von Sheba. Ihrer zu gedenken, schmerzte stets wie ein Splitter unter dem Nagel.

Sebastians Mutter, eine namenlose Streunerin, gebar ihren Wurf auf der Ladefläche eines Pick-up-Trucks. Wenn Mort(e) sich anstrengte, flackerten Momente aus diesen Tagen auf, als er mit seinem Bruder und seiner Schwester gesäugt wurde. Er spürte die Wärme ihres Fells, die raue Zunge, hörte ihr Schnurren, vernahm den Geruch und den feuchten Atem seiner Geschwister, wenn sie über ihn kletterten. Woran er sich nicht mehr erinnern konnte, waren die Umstände, die ihn von seiner Familie trennten. Es gab keine Aufzeichnungen, die er hätte abrufen können. Er vermochte sich nur vorzustellen, wie der Besitzer des Wagens, wohl ein Freund der Martinis, die ihn schließlich aufnahmen, den ärmlichen Wurf entdeckte, als er das Fahrzeug eines Morgens belud. Sebastians Mutter hatte wahrscheinlich gefaucht und gekratzt, als die Menschen ihre Jungen wegnahmen, war aber letzten Endes sicher dankbar gewesen, von ihnen befreit zu sein. Der Instinkt erzählte ihr bestimmt, dass sie ihre evolutionäre Rolle erfüllt hatte und jung genug für weiteren Nachwuchs war.

Von diesem Morgen an verging ein Tag wie jeder andere für klein Sebastian. Janet und Daniel Martini waren damals ein junges Paar gewesen. Die frisch Vermählten verbrachten ihr erstes gemeinsames Jahr mit der Renovierung ihres Hauses für die geplanten Kinder. Weitestgehend sich selbst überlassen, glaubte Sebastian, ihm gehörte dieser Ort. Er schlich zwischen Sparren und durch neu gezogene Decken und Wände. Als Arbeiter die Aussparungen dichtmachten, verscheuchten sie ihn von seinen Lieblingsverstecken.

Im fertigen Wohnzimmer entspannte er gewöhnlich im Sonnenlicht auf dem Teppich, dämmerte vor sich hin und beobachtete die schwebenden Staubflocken ringsumher. Tagsüber, wenn die Martinis arbeiteten, war es still im Haus. Abends suchte Sebastian seine Herren am Esstisch auf und reckte manchmal seine Pfoten nach Daniels Schoß. Der Mann trug Jeans, die nach den chemischen Reinigungsmitteln, Metallen und Farben seiner Druckerei roch. Die künstlichen Gerüche brannten in seiner Nase, wenn er zu tief einatmete. Daniel führte ihn dann zur Kellertreppe, wo Wasser und Futter neben seinem Katzenklo standen.

Sebastian dachte selten an seine Geschwister und seine Mutter, bis eines Morgens eine Streunerfamilie durch den Vorgarten marschierte. Die Mutter führte zwei Junge, die hinter ihr herhopsten. Spürend, dass sie beobachtet wurde, hielt sie an und hob den Schwanz. Sie schaute zu Sebastian, der seine Pfoten am Fenstersims aufstützte, und fauchte. Er tat es ihr gleich, ahmte sie nach. Dann streckte sie ein Bein und drei scharfe Krallen traten an den Zehenspitzen hervor. Sebastian schreckte zurück. Sie trottete zufrieden weiter. Die Jungen beäugten ihn ein letztes Mal, bevor sie ihr folgten.

Plötzlich ertönte Gebell und sie hasteten aus seinem Sichtfeld. Es stammte von Hank, einem braunen Köter auf dem gegenüberliegenden Grundstück. Er schien kein anderes Ziel im Leben zu haben, als bis zur Heiserkeit zu bellen, während ihn seine straff gespannte, rote Nylonleine festhielt. Oft konzentrierte er seinen Ärger auf Sebastian, der am Fenster schlief, wenn er das kühle Glas an seiner Seite spüren wollte. An diesem Tag ließ er Hank eine Weile kläffen, ehe er von der Scheibe wegging. Es war ein Akt der Gnade.

Sebastian blickte auf seine Pfoten und bemerkte erstmals, dass sie kürzer waren als die anderer Katzen. Die Krallen wurden gestutzt. Das schien unmöglich, da er sich an ein solches Ereignis erinnern müsste. Trotzdem führte ihn die Beobachtung zu der Erkenntnis, dass es vermutlich viele Ereignisse in seiner Vergangenheit gab, die er vergessen hatte, während er in diesem Haus vor sich hinlebte und seine Zeit mit Schlafen verbrachte. Darüber hinaus existierten Katzen und andere Kreaturen jenseits der Mauern, zu denen er einst gehörte. Nun war er hier, getrennt von seinesgleichen. Er wusste, dass es keinen Ausweg gab, obwohl er nie nach einem gesucht hatte.

Es mochte erschreckend sein, aber der Moment trieb fort wie die meisten seiner Erinnerungen. Es gab Wärme und Essen an diesem Ort, Wunder und Ablenkungen. Ein neuer Plüschteppich im Wohnzimmer war weicher als das Bauchfell seiner Mutter, und ein protziger Spiegel, der beinahe die gesamte Wand einnahm, beschäftigte ihn seit Wochen. Darin erblickte er nicht nur ein anderes Zimmer, sondern auch eine andere Katze! Sie besaß ein weißes Kinn und einen orangefarbenen Streifen, der sich von der Stirn über das Rückgrat bis hin zum Schwanz zog. Zwar hatte Sebastian erleichtert festgestellt, dass der Fremde nur eine Illusion war, aber er musste sich diese Tatsache jedes Mal ins Gedächtnis rufen, wenn er am Spiegel vorbeiging.

Er widmete ganze Tage dem neuen Fernsehgerät mit seinem flimmernden Bildschirm, endlos gewundenen Kabeln und surrenden Schaltkreisen. Ließen die Martinis die Dachbodentür offen, konnte Sebastian ein neues Reich voller Spielsachen, Kartons und Weihnachtsdekoration erobern. Seine erste Expedition dauerte von einem Sonnenuntergang zum nächsten. Durch das Fenster konnte er graue Dächer, grüne Rasen, im Regen glänzende Straßen und einen unaufhörlichen Strom Autos entlang des Horizonts erkennen, dem Rand seiner Welt.

Eines Tages brachte Janet Nachwuchs mit ins Haus. Ein paar Tage später hob Daniel ihn hoch, was er sonst nie tat, und trug ihn in sein Schlafzimmer, in dem ein kleiner Junge auf einem Tuch auf der Matratze lag. Er sprach leise zu seinem Kater und wiegte ihn sanft, bevor er ihn aufs Bett setzte. Sebastian beschnupperte die weiche, reine Haut des Babys. Es gluckste und ruderte mit den Ärmchen. Daniel ließ ihn lange dort sitzen.

Sebastian mochte das Kind mit dem Namen Michael. Und er freute sich, als ihm rund ein Jahr später ein weiteres vorgestellt wurde, ein Mädchen namens Delia. Das war seine Familie und er gehörte zu ihr. Dies war sein Zuhause, hier war er sicher. Es gab kein anderes Leben. Und das musste es auch nicht.

Für viele Tiere begannen sich die Dinge zu ändern, sobald sie dem Hormon ausgesetzt waren. Für Sebastian begann die wahre Veränderung, als Janet anfing, mit einem Mann aus der direkten Nachbarschaft zu schlafen.

Er tauchte eines Tages wie aus dem Nichts in der Einfahrt der Martinis auf. Janet plauderte mit ihm, während die Kinder oben schliefen. Sebastian beobachtete sie vom Fenster aus. Der Nachbar war groß, hatte langes Haar, das hinter seinen Ohren klemmte, und eine Brille mit runden Gläsern, die das Licht in kurzen Blitzen reflektierte. Neben seinen Knien zappelte eine Hündin mit braunen Augen, weißem Fell und einem orangenen Fleck von der Hüfte bis zu den Schultern. Geheimnisvoll und fremdartig, ein Wesen aus einer anderen Welt. Gelegentlich gab der Mann ihrem Halsband einen Ruck, damit sie stillhielt.

Sebastian war überzeugt, dass sie Janet gleich anfiel. Er scharrte an der Scheibe, um sie zu warnen. Wären seine Krallen so scharf wie die der Streunerin, hätte sie sein Kratzen gehört. Als der Nachbar der Hündin einen Klaps gegen die Seite gab, setzte sie sich und blieb ruhig. Dieses Tier gehörte eindeutig dem Mann und stellte keine Bedrohung dar. Dass er Gewalt anwendete, um es zu bändigen, überraschte Sebastian. Er selbst wurde, soweit er wusste, nur einmal diszipliniert, als er auf dem Fernsehsessel hockte. Janet hatte ihn schon so oft heruntergescheucht, dass er glaubte, das Möbelstück stünde mit der Frau in Verbindung und könnte sie augenblicklich rufen.

Erst als sich der Nachbar verabschiedete, bemerkte die Hündin Sebastian. Sie neigte den Kopf und versuchte herauszufinden, was dieses kleine Wesen war. Der Mann zog wieder an ihrem Halsband. Und sie ging mit ihm fort.

Sie hieß Sheba. Ein paar Sonnenaufgänge später führten sie und der Mann ein merkwürdiges Ritual im Garten durch. Er warf einen grün fluoreszierenden Ball, den sie wieder und wieder jagte und zurückbrachte. Die beiden wirkten dabei so zufrieden, dass sich Sebastian erneut fragte, ob sie den Mann irgendwie befehligte. Aber dann wedelte er mit etwas Futter, bis sie sich setzte und darauf wartete.

Sebastian träumte mal, wie die Hündin ins Haus eindrang und ihm seine Familie nahm. Er sah sich auf der anderen Seite des Fensters in bedrohlicher Kälte, während sie ihn von seinem Platz im Wohnzimmer aus anstarrte.

Einige Zeit später luden die Martinis eine andere fremde Person ein, eine Jugendliche namens Tanya. Das Paar kleidete sich in neue Sachen. Janet hatte ihr sandfarbenes Haar zu einem Knoten gebunden und trug ein langes, silbernes Kleid, Daniel Krawatte und Jackett. Sie gaben den Kindern einen Abschiedskuss und verließen erstmals, seit Delia kam, gemeinsam das Haus.

Tanya saß auf der Couch vor dem Fernseher. Sie roch seltsam, nach Süßigkeiten, Blumen und Minze. Hin und wieder ging sie nach oben, um nach den Kindern zu sehen. Sebastian blieb auf Distanz und spionierte sie hinter dem Sessel oder unter dem Tisch aus.

Etwas war passiert. Tanya hatte die Familie irgendwie gespalten. Sie war clever vorgegangen, hatte die Martinis wie alle Gäste lächelnd und mit sanfter Hand begrüßt. Sebastian floh vor ihr. Sie konnte nicht vertrauensselig sein. Ein Raubtier war in seinem Haus und er auf sich allein gestellt. Er musste diesen Ort eigenmächtig verteidigen.

Jedes Mal, wenn Tanya die Kinderzimmer aufsuchte, blieb ihr Sebastian auf den Fersen, während er genug Abstand hielt, falls sie sich auf in stürzte. Für den Fall, dass sie Krallen besaß. Das ging mehrere Male so, bis er es kaum mehr aushielt. Bei ihrem nächsten Gang wartete er im Flur. Er hörte, wie das Mädchen leise sprach und das Bettzeug mit den Händen glattstrich. Die Lichter wurden gedimmt. Etwas geschah.

Wutentbrannt stürmte er heran und stieß gegen die Tür. Der Klang des Aufpralls glich einer Explosion. Tanya schrie als Erste; dann Sebastian, wie nie zuvor in seinem Leben. Er scharrte, während drinnen beide Kinder weinten und sie sie flüsternd zu beruhigen versuchte. Er ließ sich nicht beirren. Sie wollte die beiden täuschen, wie ihre Eltern.

Glaubt ihr nicht, versuchte er zu sagen. Ich bin hier, um euch zu beschützen.

Schließlich bog das Fahrzeug der Martinis in die Einfahrt. Sebastian hörte auf, zu schreien, erleichtert, dass er sie so schnell herbeirufen konnte. Die Babysitterin streckte ihren Kopf aus dem Fenster und rief die Martinis um Hilfe. Sie war laut genug, um Sheba nebenan zum Bellen zu bringen.

Janet kam als Erstes nach oben. Sebastian ließ sie vorbei, stolz, dass er den Eindringling lange genug aufgehalten hatte, damit seine Herren es sehen konnten. Die Tür war verschlossen. Ein paarmal klopfte sie dagegen, ehe Tanya mit geröteten Augen und tränenübersätem Gesicht aufmachte. Janet nahm sie in den Arm, bevor sie zu den Kindern ging und sie in den Schlaf wiegte. Das Mädchen setzte sich niedergeschlagen auf einen Stuhl und weinte.

Sebastian lief nach unten, wo er Daniel an die Wand gelehnt fand. Seine Krawatte war gelöst, die Haut gelb und nass. Er bemerkte einen neuen Geruch an ihm, eine faulige Version von Janets Parfüm. Der Mann starrte in den großen Spiegel. Ein Speichelfaden hing an seiner Unterlippe. Sebastian näherte sich ihm, in der Hoffnung auf eine Erklärung, doch er stieß ihn mit dem Fuß beiseite. Der Kater stand fassungslos da.

Unterdessen begleitete Janet das verstörte Mädchen nach draußen. Danach wechselten sie und Daniel böse Worte. Jahre später glaubte sich Mort(e) zu entsinnen, dass sie etwas äußerte wie: Deine Katze zeigt mehr Interesse an den Kindern als du!

Dann musste sie etwas über sein Trinken gesagt haben. Seine verärgerte Antwort ignorierte sie. Trotz dem Daniel schon beim ersten Schritt stolperte, schaffte er es in sein Zimmer und schlief sofort ein.

Im Haus wurde es still. Sebastian dachte darüber nach, was passierte. Er selbst war der Feind, der Eindringling, ein Inventar des Hauses, um nicht zu sagen ein Gefangener darin. Sie hatten ihn verstümmelt, sodass er es nur scheinbar schützen konnte. Er stellte sich die sich endlos dehnenden Tage, die noch vor ihm lagen. Ihm wurde klar, dass er allein an diesem Ort sterben würde.

Als der Gedanke verging, lief er zum Fenster. Tanya war fort und Janet sprach in der Einfahrt wieder mit dem Nachbarn. Die Hündin stand bei ihm. Diesmal musste Sebastian nicht auf den Blickkontakt warten. Sie starrte ihn wedelnden Schwanzes an. Hunde schienen unfähig, ihre Schwänze zu kontrollieren.

Nach ein paar Minuten saßen Janet und der Mann am Küchentisch. Sie schlürfte Tee und lachte mit ihm, wie Jahre zuvor mit Daniel. Sebastian fehlte die Energie, einen weiteren Fremden zu stellen. Außerdem war er zufrieden mit seinem Fensterplatz. Sheba blieb vor dem Haus, ihre Leine umwickelte den Türknauf.

Das Glas trennte sie beide. Sebastian kam näher. Sheba drückte ihre Pfote an das Fenster und leckte es in dem vergeblichen Versuch, an sein Gesicht zu kommen. Er beschnupperte die Speichelspuren, konnte aber nichts riechen. Die Nacht brach herein, während die zwei Menschen einander Geschichten und Witze erzählten. Es dauerte nicht lange, bis all die abendlichen Ereignisse vergessen waren, ersetzt durch Shebas warme, braune Augen und die leckende Zunge.

Ein neues Ritual begann. Mehrere Abende die Woche fuhr Daniel für Kurse zum örtlichen Community College. Janet brachte die Kinder ins Bett. Danach schlich der Nachbar mit Sheba im Schlepptau durch den Vorgarten, manchmal nur Sekunden, nachdem Daniels Auto die Einfahrt verlassen hatte. Janet begrüßte sie in der Küche, zuerst die Hündin mit einer tätschelnden Hand, dann den Mann mit einem leidenschaftlichen, verlangenden Kuss. Einmal dauerte er so lange, dass Sheba sie anbellte. Nach einem Smalltalk zogen sie sich ins Elternschlafzimmer zurück.

Sebastian beobachtete sie von einem Platz auf dem Wandschrank. Der Nachbar sah aus der Nähe ganz anders aus als Daniel. Sein Herr mit der wachsenden kahlen Stelle auf dem Kopf war kurz und dick, dieser Mann groß und schlank. Er hatte einen dunkleren Teint und trug seine Haare in langen, beinahe seilartigen Strähnen. Sein Name lautete Tristan und er war Literaturprofessor am nahegelegenen College. Sebastian verstand nicht, wie ein solcher Mann das Objekt von Janets Begierden sein konnte, wenn ihr Ehemann eindeutig der Beschützer des Hauses war.

Bevor die beiden verschwanden, band Tristan Shebas Leine um das Bein des Küchentischs. Sie jammerte ein wenig. Der Mann kam zurück, um sie zu beruhigen. Janet hakte einen Finger in seine Gürtelschlaufe und zog ihn Richtung Treppen, damit er von seinem winselnden Haustier abließ. Sebastian erkannte, dass diese Hündin nicht alleingelassen werden konnte. Sie hing zu sehr an ihrem Herrn. Janet musste sich geweigert haben, Tristan zu Hause aufzusuchen, denn die Kinder zurückzulassen, wäre schlimmer die Anwesenheit eines Hundes.

Sebastian hörte Bewegungen in der zweiten Etage. Sheba blickte hinauf zur Decke. Er wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte. Das Fenster hatte eine sichere Barriere zwischen ihnen geschaffen, und er war nicht bereit, der Fremden ohne es nahe zu kommen, so faszinierend sie auch sein mochte. Er beschränkte sich darauf, sie aus der Ferne zu betrachten, bis Tristan zurückkam und mit ihr rausging.

Bei Shebas nächstem Besuch urinierte sie auf den Küchenboden. Janet schrie auf, als sie das Chaos vorfand und raufte sich die Haare, während die Pfütze über den Teppich zur Tür kroch. Tristan versuchte, sie zu beruhigen. Er verließ den Raum, was Sheba vor Qual heulen ließ. Sie klang wie ein Kind. Sebastians Ohren drehten bei dem Geschrei nach hinten. Kein Wunder, dass ihr Herr sie mitschleppte, wenn er rüberkam; sie hätte die ganze Nachbarschaft darauf aufmerksam gemacht, was hier passierte.

Tristan kehrte mit einer Rolle Papiertücher in einer Hand, einer Plastikflasche mit grüner, schaumiger Flüssigkeit in der anderen, einem Paar Gummihandschuhe in der Hosentasche und einem Mopp unter dem Arm zurück. Er entfernte den Teppich und reinigte alles so gründlich, dass selbst Sebastian nichts mehr roch. Am folgenden Abend begrüßte Daniel ein neuer Teppich, als er von der Arbeit nach Hause kam.

Nach diesem Vorfall wurde die Hündin in den Keller gebracht. Wenn ihr ein weiteres Malheur passierte, wäre es leichter zu beseitigen und zu verheimlichen. Sebastian wartete darauf, dass Tristan und Janet im Schlafzimmer mit ihren Geräuschen begannen. Dann besuchte er Sheba.

Sie starrte ihn an, während er auf und ab ging. Als er in Reichweite kam, beschnupperte sie ihn. Er rätselte, wie sich ihre Zunge wohl anfühlte, und auf einmal leckte sie ihm über die Stirn bis in den Nacken. Sebastian wich zurück. Sie trat auf ihn zu, doch die Leine bremste sie. Er rieb mit seinen Pfoten über den Kopf, bis er trocken war, bevor er erneut auf sie zuging. Sie leckte ihn wieder, diesmal sanfter. Er schmiegte sich an sie, spürte, wie ihr Fell mit seinem verschmolz, hörte ihren Herzschlag, ihr Ein- und Ausatmen. Innerhalb weniger Minuten rückten sie dicht zusammen und schlummerten ein wie Tiere in der Wildnis, die nach der Wärme des Rudels suchten.

Sebastian hatte nie erfahren, was Glück bedeutete. Nun, da Sheba zu Besuch kam, gab es jemanden, der ihn verstand, jemanden, der ihm verzieh, wer er war. Als kastrierter Kater, der seit seiner Geburt keinen Kontakt zu Artgenossen hatte, stellte das Kuscheln mit Sheba die intimste körperliche Erfahrung seines Lebens dar. Und sie genügte. Der simple Vorgang, sich für eine Schlafhaltung zu entscheiden, wurde zu einem tiefen, fast heiligen Akt, in jeder Hinsicht so komplex wie eine unverblümte Paarung. Sheba bevorzugte typischerweise den großen Löffel, da Sebastian so viel kleiner war. Während ihrer Stunden mussten sie mehrfach die Position wechseln, um Atmung und Kreislauf zu erleichtern. Bisweilen genügte es ihnen, wenn sich nur ihre Stirnen berührten oder er seinen Kopf mittig gegen Shebas Rücken schmiegte. An besonders langen Tagen begegneten sie einander mit dem Gesicht in einer Art Umarmung. Da Sheba die Zappligere der beiden war, brach sie gewöhnlich als Erste die Haltung auf. Manchmal mussten Tristan und Janet sie wecken. Das Paar schien glücklich, ihre beiden Haustiere so freundschaftlich miteinander zu sehen.

Nach einiger Überzeugung begleitete sie Sebastian auf seinen regelmäßigen Hauspatrouillen. Sie erkundeten gemeinsam den Keller und schnüffelten zwischen alten Werkzeugen und Sportgeräten herum. Einmal, als Tristan Shebas Leine nicht sorgfältig befestigt hatte, riss sie sich los und folgte Sebastian nach oben, durch die vielen Räume des zweiten Stocks, unter Tische, hinter Regale, in offenstehende Schränke. Er führte sie am Schlafzimmer seiner Herren vorbei und hinein in die Weiten des verbotenen Dachbodens. Zunächst ängstlich, fand sie den Ort jedoch bald ebenso unwiderstehlich wie er. Es war ihre geheime Welt, ein erobertes Land. Shebas Anwesenheit machte es wieder neu.

Es gab einen Moment während des Untergangs der Sommersonne, an dem Sebastian an einen schrecklichen Gedanken erinnert wurde, der ihm vor langer Zeit mal kam, nämlich dass er eines Tages in diesem Haus sterben würde. Er hätte mit den Schultern gezuckt, wenn es möglich gewesen wäre. Es spielte keine Rolle mehr, ob er hier starb, ob es in zehn Jahren oder diesem Augenblick geschah. Shebas Atem drückte gegen seinen Hals. Sein Kopf ruhte auf ihren ausgestreckten Beinen. Alles war gegenwärtig, und es war perfekt.

Sebastian lernte, den Klang von Shebas Pfoten auf Gras zu erkennen, wenn sie in Tristans Garten hinter dem Haus spielte. Dort stand ein großer Baum mit von Bienenstöcken summenden Zweigen und erstickenden Kletterpflanzen um den Stamm. Es schien Shebas liebster Platz auf der Welt zu sein. War sie dort, bemerkte sie Sebastian nicht einmal immer. Wenn sie es tat, bellte sie ein paarmal, um Hallo zu sagen. Gelegentlich ärgerten sie Streunerkatzen, aber sie jagte sie fort, ehe sie ihre Krallen ausfahren konnten.

Eines Tages war Sebastian überrascht, Hank, den Hund von gegenüber, in der Einfahrt der Martinis zu sehen. Er ging langsam, erschöpft. Spürend, dass etwas schrecklich falsch lief, suchte er den hinteren Garten nach Sheba ab. Er entdeckte sie im Schatten des Baumes liegend. Auf Sebastian fixiert, trottete Hank davon. Der Gesichtsausdruck des Hundes verriet, dass er froh war, unbescholten davongekommen zu sein.

In gewisser Weise war Sebastian glücklich, nicht zu verstehen, dass nichts ewig währte. Er blieb dem anbahnenden Krieg gegenüber ahnungslos, während er und Sheba aneinander festhielten. Als sie begann, ihr Verhalten zu ändern, bemerkte er es zunächst nicht. Nach einer Weile schien es, als schliefe sie nur noch. Sie führten nicht länger ihr Kuschelritual durch und Sebastian fand sie oft schon bewusstlos vor. Er kroch dann neben sie. Mehr als einmal wachte sie auf und schob ihn gereizt weg. Er ignorierte es, positionierte sich und schlief wieder ein.

Auch anderes lief falsch. Wann immer Janet allein war, kauerte sie vor dem Fernseher und beobachtete die geisterhaften Gestalten auf dem Bildschirm. Er zeigte stets einen Textfluss unter Explosionen, rennenden Personen, brennenden Gebäuden, grünen Trucks entlang des Highways und behelmten Männern und Frauen, die Brücken bauten, Dinge niederrissen und Flammenwerfer gegen gewaltige Erdhügel einsetzten. Und zwischen all den Bildern waren Videos von Kreaturen, die Sebastian schon draußen im Gras hatte krabbeln sehen: Ameisen. Sie beherrschten das Fernsehprogramm, marschierten immer in einer Reihe, bedeckten manchmal ganze Felder und nahmen tote Farmtiere auseinander. Sebastian sah Menschen vor autogroßen Ameisen fliehen. Diese Monster standen auf ihren Hinterbeinen und ihre Kiefer waren stark genug, um jemanden an der Taille hochzuheben. Das Filmmaterial wiederholte sich ein paar Tage, bis Daniel nach Hause kam und das Gerät abschaltete, noch während seine Frau schaute. Sie schrien einander an. Danach blieb Janet allein zurück und weinte. Fortan machte sie den Fernseher nur an, wenn ihr Mann außer Haus war.

Zu diesem Zeitpunkt konnte Michael bereits laufen. Einmal weigerte er sich, schlafen zu gehen, und sie willigte ein, ihn fernsehen zu lassen. Alle Sender berichteten dasselbe. Nichts als Ameisen und Feuer. Doch an jenem Abend zeigten sie etwas Neues. Ein Rudel Wölfe näherte sich auf ihren Hinterläufen der Kamera. Einer von ihnen hielt einen Knüppel in den Händen, wie Daniel einen Hammer. Dann folgten abgehackte Szenen von einer Gruppe Tiere, die neben den Riesenameisen marschierte. Sebastian konnte Menschen schreien hören. Michael weinte, als er das sah. Janet schaltete den Fernseher aus und wiegte das Kind, bis es sich beruhigt hatte.

Bald darauf begann Daniel Kartons voller Wasserflaschen, Gemüsekonserven und Erdnussbuttergläser in den Keller zu tragen. Eines Nachts versteckte er ein seltsames Objekt hinter dem Werkzeugregal. Es war ein langes Metallrohr mit hölzernem Ende. Er platzierte einen schmalen, roten Zylinder in dessen Seite. Dann hob er den Holzsockel an seine Schulter, richtete das Rohr auf Sebastian und machte ein Knallgeräusch mit seinem Mund. Nachdem sein Herr ins Bett ging, beschnupperte er das Gerät einige Male, bevor er aufgab, herauszufinden, was es war.

Einige Tage vergingen, in denen Daniel den Keller besetzte und in einer Wolke seines Körpergeruchs verweilte. Sebastian verkroch sich auf dem Dachboden. Dort gab es Pokale, Plattenspieler, Fotoalben und Winterjacken an Kleiderbügeln. All die Objekte reichten ihm für eine ganze Lebenszeit. Aber sie lagen hier so viele Jahre, waren zu muffig und alt. Sie konnten nicht mit Sheba konkurrieren. Für eine kurze Zeit hoffte er, dass sie sich irgendwo versteckte. Er miaute und wartete auf Antwort oder machte ein Nickerchen auf einer Steppdecke und rechnete mit ihrer Anwesenheit, sobald er aufwachte. Doch es geschah nicht.

Ein paar Abende später, als Daniel weg war, kehrte Sheba endlich zurück. Das übliche Ritual folgte: Janet umarmte Tristan und gemeinsam brachten sie die Hündin in den Keller, bevor sie nach oben verschwanden.

Sebastian wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Sheba kauerte und beanspruchte den Platz für sich allein. Sie knurrte ihn an. Er glaubte, dass es eine Art Spiel ihrerseits war, und trat weiter auf sie zu. Doch dann bellte sie und bleckte die Zähne.

Sebastian rannte zum Dachboden. Er seufzte und maunzte in der Hoffnung, Sheba mochte es über das Gestöhne aus dem Schlafzimmer hören. Wieder dachte er ans Sterben, aber das Gefühl verflog bald.

Eine Fülle ungewohnter Klänge vibrierte durch das Fenster. Als er hinaus spähte, sah er die Auffahrt des Highways von den gleichen Vehikeln blockiert wie im Fernsehen: große, grüne Trucks und bewegliche Metallkästen mit langen Rohren. Ihre Motoren rumpelten, Rauch entstieg den Auspuffen. Obwohl Shebas Baum die Sicht auf die andere Seite des Hauses verwehrte, war Sebastian sicher, dass die Fahrzeuge die Stadt umkreisten. Eine Sirene heulte in der Ferne. Der Alarm ähnelte Shebas Jaulen, war aber um ein Vielfaches lauter. Diese Eindringlinge hatten etwas mit ihrem Verhalten zu tun, ganz bestimmt. Sie beeinflussten die Dinge, brachten die Martinis gegeneinander auf und sorgten dafür, dass er nur noch ein- statt zweimal täglich aß. Die Kinder weinten häufiger, das Radio sendete keine Musik mehr, sondern wütende, angespannte Stimmen, und der Fernseher zeigte nur noch Monster. Janet schluchzte oft, während sie die Hände faltete und zu sich selbst flüsterte. Alles fiel auseinander.

Dann kreischte sie auf einmal. Sebastian erreichte die Kellertreppe, als Tristan hochgelaufen kam. Der Mann schnappte sich eine Rolle Küchenpapier sowie ein Spültuch und ging wieder runter. Sebastian schlich ihm hinterher.

Von der dritten Stufe aus überblickte er alles. Sheba lag auf dem Boden, keuchend und erschöpft. Vor ihr streckten drei zitternde Welpen ihre Glieder. Tristan versuchte verzweifelt, die Sauerei aufzuwischen, und schrie Janet an. Sebastian konnte die Angst im Schweiß der beiden riechen. Sie würden nicht alles beseitigen können, bevor Daniel zurückkehrte.

Sheba schaute ihn nicht an. Sie war hypnotisiert von ihrem Nachwuchs.

Dann bog der Wagen in die Einfahrt. Tristan und Janet diskutierten im Flüsterton. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und bat ihn, zu gehen. Er eilte gerade aus der hinteren Tür, als Daniel die vordere öffnete. Janet schaltete das Kellerlicht aus.

Die Eheleute umarmten sich, das erste Mal seit Wochen. Oben begann Delia zu weinen und ihre Mutter ging ins Kinderzimmer.

Sebastian näherte sich Sheba. Sie gestand es ihm zu und agierte, als hätte sie die Feindseligkeit vor wenigen Minuten vergessen.

Ich kenne dich, schien ihre Zuneigung auszudrücken. Wo bist du gewesen?

Die Welpen rekelten sich. Er beschnupperte ihre Stirnen. Dann tastete er nach Sheba und lehnte sich an ihre Wärme. Bei dieser Bewegung schnurrte er ihr zu:Keine Sorge. Sei nicht traurig. Ich bin stark. Ich werde dich nicht verlassen. Ich bin stark.

Nach dem Wandel schwelgten viele Tiere in Erinnerungen an jene Tage, als sie erstmals ein Selbstgefühl erlangten, so wie Menschen darüber sprachen, wo sie bei wichtigen historischen Ereignissen gewesen waren. Dies wurde Sebastians Moment: eine kurze Anerkennung der Freundschaft zweier durch Art und Umstand getrennter Wesen. Er war glücklich. So viele erinnerten sich an das Fernsehen, Entschlüsseln eines Straßenschildes oder Beobachten einer menschlichen Interaktion. Er hingegen hatte einen wahren Moment der Glückseligkeit, einen Quell der Freude und des Friedens.

Doch er verblasste bald. Sebastian wusste, dass er Sheba verlieren würde. Sie würde mit ihren Kindern fortgehen und er allein in diesem verfluchten Haus gefangen sein. Vertraute Geräusche und Gerüche blieben. Vielleicht bekämen die Martinis ein weiteres Kind. Es gäbe weiterhin Nahrung und Wasser, wenn er es brauchte, ein Katzenklo und das sonnige Plätzchen im Wohnzimmer. Mehr jedoch nicht und es gab nichts, was er daran ändern könnte.

Spürend, dass ihr Herr nicht im Haus war, winselte Sheba bei jedem Atemzug mit einem schwachen Quietschen. Dann heulte sie wie ein Wolf und erschreckte Sebastian. Er sagte ihr, dass sie still sein sollte, dass alles in Ordnung war.

Plötzlich näherten sich Schritte. Janet fing ihren Mann an der Spitze der Treppe ab und versuchte, ihm das Hinabsteigen in den Keller auszureden. Das Licht ging an. Sebastians Augen verengten zu schmerzvollen Schlitzen.

Daniel erstarrte bei dem Anblick. Sheba erblickte ihn, merkte, dass er nicht Tristan war, und heulte weiter, als könnte ihn dies in ihren Herrn verwandeln. Janet gab sich gleichermaßen schockiert. Der Mann blieb still. Als seine Frau fragte, ob es ihm gut ging, schlug er sie mit dem Handrücken zu Boden. Er packte Sebastian am Genick und warf ihn zur Seite. Die Welpen lagen noch immer bäuchlings da.

Janet schrie. Sheba rollte auf die Füße, um ihre Kleinen vor der Bedrohung zu schützen. Daniel trat ihr in die Rippen. Sie jaulte, ehe sie sich aufbäumte und ihm in den Arm biss. Er trat sie hart gegen die Hüfte. Sie schnappte. Furchtlos griff er ihren Hals, während sie strampelnd nach ihm kratzte. Er schob sie gegen die Wand.

Der Lärm, den die beiden machten, ließ Sebastian aufschrecken.

Daniel versuchte, Sheba zu töten. Sie musste fliehen. Nach einem letzten Blick auf ihre Welpen sprintete sie an Sebastian vorbei zu den Treppen. Der Mann folgte ihr, seine Füße stampften gegen das alte Holz. Sebastian stellte sich ihm in den Weg. Daniel musste unbeholfen über ihn springen, was Sheba die Zeit verschaffte, aus der Hintertür zu rennen.

Nun, da sie fort war, wandte er sich Tristans Haus zu. Niemand antworte, als er an die Tür klopfte. Aufgebracht ging er in seine Garage und kam mit einem leuchtend gelben Putzeimer zurück in den Keller. Sebastian versteckte sich unterm Küchentisch. Als der Mann wieder heraufkam, lagen alle drei Welpen hilflos quietschend im Eimer. Janet blieb dicht hinter ihm und flehte ihn an, es nicht zu tun. Als sie nach den Tieren griff, drückte er sie mit der flachen Hand weg. Er verschwand im Badezimmer und knallte die Tür zu. Während Wasser in die Badewanne lief, lehnte sich Janet gegen die Wand und sank hinab, bis ihr Kopf auf den Knien lag. Sie erblickte Sebastian und weinte.

Das Quietschen der Welpen verstarb.

Sebastian kehrte in die Küche zurück. Die Tür stand offen. Nie zuvor hatte er das Haus verlassen. Es war, als hätte ihn all die Jahre eine unsichtbare Barriere darin eingesperrt. Ein Hinausgehen erschien ihm nun nicht gruseliger als ein Nickerchen im Wohnzimmer. Die Klarheit darüber stach im so ins Auge, dass er sich kaum mehr erklären konnte, was ihn die Außenwelt so fürchten ließ. Also spazierte er raus, geleitet von der Duftspur, die Sheba hinterlassen hatte, bis sie sich in der Mitte des Gartens verlor. Er rief nach ihr, wusste aber, dass sie ihn nicht hören konnte.

Janet schloss die Tür hinter ihm und stritt erneut mit ihrem Ehemann. Sebastian hatte keine Angst und er wollte nicht zurück ins Haus. Vielmehr verspürte er den Drang, zu erkunden, zu lernen. Nie hatte er ein Vogelnest aus der Nähe untersucht oder die Verbindungslinien eines Spinnennetzes verfolgt. Sein Geist dürstete nach Wissen. Er war unstillbar.

Ein Bündel Ranken erwürgte den Baum auf Tristans Rasen. Eine Gruppe Ameisen schleppte eine verwundete Heuschrecke zu ihrem Nest und zerlegte die strampelnde Kreatur bereits auf dem Weg. Eine traurige Frau setzte ihre Kinder in ein Auto, das von Gepäck niedergedrückt wurde, und fuhr los. Am Himmel zerschnitten bedrohlich Hubschrauber sowie Kampfjets die Wolken und rasten im Rennen gegen die Explosionen und riesigen Rauchbahnen Richtung Süden.

Auch lange nachdem sich die Martinis mit dem Streit erschöpft hatten, durchwanderte Sebastian die Nachbarschaft und katalogisierte alles. Er speicherte die Eindrücke nicht bloß, um sie abzurufen. Er fragte nach dem Warum und realisierte, dass Dinge nicht ewig andauerten. Sie verfaulten, verschwanden, starben, gingen verloren oder wurden weggenommen.

In dieser Nacht, während er hinter der Garage der Martinis saß, fielen die Haare auf seinen Pfoten aus. Es beunruhigte ihn nicht. Er bürstete die übrigen Büschel herunter, spreizte seine Zehen zu Fingern und rieb die Handflächen aneinander.

Weitere Jets jagten über ihn hinweg. Explosionen ertönten in der Ferne und rückten näher. Sebastian erklomm das Dach der Garage, um über die Hecken zu schauen. Meilen entfernt brannte die Stadt. Helikopter schwebten über den Flammen wie Fliegen über einem Kadaver. Massive Feuerbälle erblühten inmitten der zerstörten Gebäude. Dann fiel der Strom in allen Häusern der Nachbarschaft aus. Die Feuersbrunst wurde zum einzigen Licht.

Sebastian blieb die ganze Nacht, um zu beobachten, zu denken, sich zu erinnern. Er wusste, mit dem Aufgang der Sonne wäre noch mehr verändert, würden Dinge weggenommen werden oder sterben.

Auf dem Dach der Garage erwachte Sebastian vom Klang zerbrechenden Glases. Seine Augen öffneten. Eine Säule schwarzen Rauchs verdunkelte die Stadt am Horizont. Er lauschte den Geräuschen im Haus. Plötzlich platzte Janet aus der Tür. Sie trug einen Wanderrucksack und in jedem Arm ein Kind. Sebastian hatte nie bemerkt, wie stark sie war.

Daniel folgte ihr. »Wir müssen zusammenhalten«, sagte er mit angeschlagener Stimme.

Sebastian hielt inne. Er verstand tatsächlich die Worte!

»Wir bleiben nicht in diesem Haus«, stellte Janet klar.

Sebastian sprach ihr nach. »Wir bleiben nicht in diesem Haus.«

Daniel rannte zurück ins Haus, während seine Familie auf den Wagen in der Einfahrt zusteuerte, einen silbernen SUV mit Schlammspritzern und Kindersitzen.

Als Daniel wieder rauskam, hielt er das schwarze Metallrohr in seiner Armbeuge. »Du nimmst mir nicht die Kinder.«

Janet ignorierte ihn.

»Mami, was macht Daddy?«, fragte Michael.

»Hörst du mich?«, rief Daniel.

»Nur zu, erschieß uns, Dan!« Ihr Gesicht war rot und aufgedunsen. »Wir sind sowieso tot! Also los, tu es!«

Daniel entgegnete nichts. Blinzelnd und mit zuckender Lippe lehnte er das Rohr ans Haus und ging hinein.

Das Mädchen weinte, während der Junge weiter Fragen stellte.

»Steig ins Auto«, befahl Janet und beruhigte Delia.

Michael erblickte den Kater auf dem Dach. »Sieh mal, Mami!«

Sebastian realisierte, dass er auf seinen Hinterbeinen stand wie ein Mensch.

Bevor Janet es sehen konnte, trat ihr Ehemann aus der Tür. Er packte sie am Schopf und zog sie rücklings mit. Sie versuchte, das kreischende Baby in ihren Armen zu halten. »Daniel, hör auf!«

Michael wurde zwischen seinen zerrütteten Eltern herumgerissen und ein Dämon stand auf der Garage. Er rief seinem Vater etwas zu, doch der reagierte nicht. Bald war die ganze Familie wieder im Haus. Mit der zugeschlagenen Tür verstarb auch der Lärm.

Ein paar Minuten später konnte Sebastian Daniel zur Veranda laufen hören, wahrscheinlich um das Metallrohr zu holen. Er wusste, dass sein Herr es gegen seine Familie einsetzen würde. Er stellte sich vor, wie der Mann die Frau und die Kinder ins Badezimmer drängte und das Wasser laufen ließ, bis ihr Gekreische aufhörte. Sebastian sprang vom Dach und hastete zu dem Objekt.

Daniel kam heraus und sah Sebastian vor sich stehen, aufrecht und mit der Waffe hantierend.

Die Angst und Verzweiflung in den Augen des Mannes machten ihn wütend. Erkannte er das Mitglied seiner eigenen Familie nicht? Erinnerte er sich nicht, wie Sebastian das Haus vor einem Eindringling beschützt oder die Verantwortung akzeptiert hatte, über die Kinder zu wachen?

»Erkennst du mich nicht?« Die Worte fühlten sich seltsam rasselnd in Kehle und Mund an. Sie schienen schon immer da gewesen zu sein, auf ihre Befreiung gewartet zu haben. Das Sprechen glich einem Schütteln des Kopfes, bis die richtigen Sätze herausfielen.

Er bewegte seine Lippen, brachte aber keinen Ton hervor.

Sebastian trat näher und richtete die Waffe auf ihn. »Verstehst du meine Sprache oder nicht?«

»Ja«, antwortete Daniel. »Ja.«

Drei Jets sausten über das Haus, ihre Triebwerke ließen die Fenster vibrieren. Weitere Explosionen dröhnte Meilen entfernt.

»Geh rein«, forderte Sebastian. »Wir reden dort.«

Er gehorchte.

Der Geruch von Schweiß und Blut wurde intensiver. Am Boden des Wohnzimmers lag Janet neben dem Sessel, noch immer Delia umklammernd. Michael kniete neben ihr. Rote Flüssigkeit sickerte aus einer geplatzten Augenbraue und tropfte auf den weichen Teppich.

»Siehst du?«, sagte Michael zu seiner Mutter. »Ich hab es dir gesagt!«

Das Kind erkannte ihn. Janet wirkte benommen und schien nicht in der Lage, zu begreifen, was sie sah. Während Daniel seinen Sohn ermahnte, ruhig und ein braver Junge zu sein, konnte Sebastian nicht widerstehen, sein Spiegelbild zu betrachten, das seine Bewegungen nachahmte. Er stand aufrecht und war größer geworden als sein Herr, hatte stramme Muskeln unter dem Fell. Seine Gliedmaßen waren lang und dünn, seine Pfoten zu funktionalen, krallenlosen Händen geworden. Mit Klauen hätte er Daniel in blutige Streifen schneiden können, falls dieser sich zu widersetzen versuchte.

Der Mann saß auf der Couch und bot Sebastian erstmals den Platz auf dem Sessel an. Er willigte ein, wiegte die Waffe auf seinem Schoß. Auf dem verbotenen Möbelstück nahe Janet sitzend, erlebte er einen Moment der Panik. Aber die Dinge hatten sich geändert und sie war nicht in der Verfassung, ihn zu disziplinieren.

»Weißt du, wer ich bin?«

»Sebastian?«

Es klang vertraut. Die Martinis wie auch die Kinder sagten es ständig. Das Wort hatte einst so viel bedeutet: stopp, hierher, essen, setzen. Doch tatsächlich war es sein Name. Sebastian. Se-bastee-yan.

»Das ist unmöglich«, äußerte Daniel mit bebenden Lippen.

»Hast du mir diesen Namen gegeben?«

»Ja.« Seine Augen fixierten die schaurig rosafarbenen Hände, die das Rohr festhielten.

»Bist du mein …« Er suchte nach dem Wort, bevor er sich auf einen Ausdruck festlegte. »Vater?«

»Wieso kannst du sprechen?«

»Keine Fragen«, entgegnete er. »Du antwortest mir jetzt.«

Daniel schien zu warten, dass seine Frau etwas sagte, doch sie sprach nicht, lachte nur nervös mit dem Kopf schüttelnd.

»Antworte«, befahl Sebastian.

»Ich bin nicht dein Vater.«

»Was bist du für mich?«

»Du bist …«, begann er und pausierte. »Du warst unser Haustier.«

»Was bedeutet das?«

»Wir besaßen dich«, erklärte er fast flehentlich. »Du warst unser. Wir fütterten dich, du lebtest hier …«

Sebastian dachte darüber nach. »Etwas ist hier geschehen. Erklär es mir.«

Daniel nickte. Seine Hände zitterten, seine blutunterlaufenen Augen flatterten in ihren Höhlen, als er nach den richtigen Worten suchte. Es hätte mit einer Ameisenplage in Afrika und Südamerika begonnen, erzählte er. Zunächst wurde es als ungewöhnliches Aufkommen, als Anomalie abgetan, bis klar wurde, dass die Ameisen nicht aufzuhalten waren. Ganze Städte mussten aufgegeben werden. Dann tauchten riesige, nie dagewesene Exemplare auf: praktisch kugelsicher und in der Lage, durch Metall zu beißen. Daraufhin gab es Berichte von Tieren, die ihre Form veränderten und wie Menschen liefen. Irgendwie waren die Ameisen klug und die anderen Lebewesen wie sie geworden. Gewaltige Türme aus Erde und Ton erhoben sich über den gesamten Globus. Wissenschaftler empfingen ein Ultraschallsignal, das von der Spitze eines jeden Turms ausging. Die Menschen versuchten, sie zu zerstören, nur um festzustellen, dass die Ameisen sie innerhalb weniger Stunden reparierten. Was sie auch taten, die Insekten wurden immer zahlreicher. Und wie aus dem Nichts entstand eine gewaltige Insel im Meer, irgendwo im Atlantik. Die Ameisen hatten sie scheinbar von heute auf morgen erschaffen.

Daniel faselte über den Krieg, die Evakuierungen, den Rückzug nach Europa, das Gemetzel in Asien, die Massensuizide in Saudi-Arabien, die Detonation einer Atombombe auf der koreanischen Halbinsel und über Tristan. Jeden Tag zerfaserte ein anderer Teil seines Lebens und alles führte zu diesem Moment, in dem sein eigenes Haustier vor ihm stand, drohend mit eine Waffe hantierte und seelenruhig Fragen stellte. Während der Mann sprach, erkannte Sebastian, dass Michael alt genug war, manche der Dinge zu verstehen. Der Junge hörte von alledem vermutlich zum ersten Mal.

Daniel war mitten in der Erläuterung des gescheiterten Angriffs auf die Insel im Atlantik, als Sebastian ihn unterbrach. »Wo ist die Hündin?«

»Die Hündin?«

Er funkelte ihn an.

»Sheba«, sagte Daniel. »Sie lief weg. Habe sie nicht mehr gesehen. Tut mir leid.«

»Du hast ihre Kleinen getötet. Und du wolltest deine eigene Familie umbringen.«

Seine Haut glänzte vom Schweiß. Nun wusste Sebastian, wie er eine Reaktion provozierte, auch wenn er sich der Bedienung des Rohrs nicht sicher war. Wenn er auf den Mann zielte, wurde er gesprächiger.

»Ich habe nichts mehr«, klagte er. »Ich war wütend. Meine Frau …« Er vergrub sein Gesicht in den Händen. »Es ist, wie sie sagte«, fuhr er gegen seine Tränen kämpfend fort. »Wir sind sowieso tot. Ich habe den Welpen wahrscheinlich einen Gefallen getan, verstehst du?« Seine winkende Hand verdeutlichte den umgebenden Wahnsinn.

»Ich sollte dich für das töten, was du getan hast«, sagte Sebastian mehr zu sich selbst, als zu ihm. »Und für das, was du im Begriff warst zu tun. Aber ich glaube, du sagst die Wahrheit. Du bist wirklich tot.«

Daniel schürzte die Lippen, entgegnete jedoch nichts.

»Da sind eine Menge Worte in meinem Kopf. Ich bin nicht sicher, wie sie dorthin gekommen sind. Ich träumte davon und wachte an diesem Morgen mit ihnen im Mund auf. Eines der Worte ist Liebe. Ich habe deine Familie geliebt, aber ich war nur ein Spielzeug. Ich habe Sheba geliebt, doch nun ist sie fort.«

Sebastian stand auf. Er starrte auf den rechteckigen Fleck Sonnenlicht auf dem Teppich, zum letzten Mal, wie er glaubte. Er machte eine Geste zu Janet und den Kindern. Sie erhob sich wankend. Mit Delia im Arm und Michael an der Hand, ging sie leise an ihrem ehemaligen Haustier vorbei. Michael streckte seinen Arm und berührte Sebastians Schwanz. Janet schlug seine Hand weg.

Der Kater wartete, bis er das Öffnen und Schließen der Tür vernahm. Dann wandte er sich an Daniel und sagte: »Auf Wiedersehen.«

»Wiedersehen.«

Sebastian verließ das Wohnzimmer, hielt die Waffe locker in seinen unnatürlichen Händen und stapfte in die Küche. Er musste Sheba finden, selbst wenn sie tot war, selbst wenn er starb. Als er die Tür erreichte, hörte er das unverkennbare Geräusch von kratzendem Metall auf Holz, ein Zischen, den Klang, den Janet machte, wenn sie das Essen vorbereitete.

Er kehrte rechtzeitig in die Gegenwart zurück, um zu sehen, dass Daniel mit einem Steakmesser auf ihn zustürmte. Sebastian hob das Rohr, um die scharfe Klinge abzuwehren, aber die gezackte Kante sägte in seinen Fingerknöchel. Der Mann schwang sie wieder und hieb eine tiefe Wunde in seine Rippen. Eine schauerliche Wärme quoll aus seiner Seite. Er stolperte rücklings zu Boden und knallte mit dem Kopf auf das Linoleum. Daniel sprang auf ihn. Sebastian musste die Waffe loslassen, um die attackierende, mit klebrigem Blut beschmierte Hand zu greifen.

»Du dachtest, du könntest mir meine Familie wegnehmen?«, knurrte er mit schäumendem Speichel zwischen den Zähnen.

Sebastian wollte ihm ins Handgelenk beißen, doch er zog den Arm außer Reichweite.

»Ich habe dieses Miststück Sheba getötet!«, sagte Daniel. »Sie erschossen, als sie wegrannte!«

Das Rohr lag neben Sebastians Kopf. Er behielt das Messer im Auge, während er versuchte, es mit seinem Schwanz näher heranzuziehen.

Daniel drehte die Klinge zu ihm und legte sein Gewicht in den geplanten Stoß.

Sebastian konnte seinen Griff nicht länger halten. Schnell streckte er seine linke Hand nach dem Lauf der Waffe aus und schwang sie gegen seinen Angreifer. Der hölzerne Griff krachte in sein Gesicht. Er fasste seine Stirn, als er von ihm runterfiel. Sebastian rollte zur Seite und stand auf. Er hielt die Waffe sicher in Händen, konnte aber nichts mit ihr anfangen.

Auch Daniel erhob sich. Das Messer zeigte nach unten. Blut floss aus einer Platzwunde oberhalb des Auges und rann über Wange und Hals.

»Erschieß ihn«, sagte jemand.

Die Stimme kam von der Tür. Die beiden wandten sich zur Streunerkatze, die ebenfalls gewachsen war und aufrecht stand. Sie schaute durchs Fenster.

»So«, erklärte sie, streckte den linken Arm aus und krümmte die Hand, bis die Nägel nach oben zeigten. Die andere blieb zur Faust geballt an ihrer Seite. Sie streckte den rechten Zeigefinger und bewegte ihn mehrfach.

Ihm dämmerte, dass Sebastian mit dem Teil nicht umzugehen wusste. Der Mann hätte weglaufen können. Auch Jahre später wünschte Mort(e), es wäre so geschehen. Stattdessen griff sein Herr mit erhobener Klinge an.

Sebastian hielt den Atem an und fuhr am Lauf entlang, bis sein Finger den Abzug erreichte. Er feuerte. Der Schuss riss ein glänzendes Loch in seine Brust und stieß ihn unter sprühend rotem Nebel zu Boden. Das Messer wirbelte durch die Luft, bevor es klappernd auf der Küchentheke landete. Daniel bewegte seinen Mund im vergeblichen Versuch, zu sprechen. Erdbeerfarbene Blasen aus Blut und Speichel sprudelten über die Lippen. Sein rechter Fuß zuckte, ruhte dann aber in der sich ausbreitenden Blutlache, die das Licht der Fenster einfing.

Sebastian spürte einen beinahe unwiderstehlichen Drang, an dem Körper zu schnüffeln. Stattdessen drehte er herum, öffnete die Tür und ging raus. Die Streunerin trat beiseite. Hinter ihr standen ihre beiden Jungen, ebenfalls auf zwei Beinen. Janet drückte sich mit den Kindern an die Hauswand. Die Wunde an ihrem Kinn wurde purpurrot. Michael schluchzte. Sie tröstete ihn nicht, denn es gab keinen Grund mehr dazu.

»Wollte Daddy uns wirklich wehtun?«, fragte er.

Sie konnte nur mehr ihre Hand auf seinen Kopf legen.

»Du hast das Richtige getan«, meinte die Streunerin. Einer der kleinen Kater flüsterte ihr etwas zu, doch sie bedeutete ihm, still zu sein.

Sebastian lief in die Mitte des Gartens. Es war eine kurze Strecke, von der er einst glaubte, sie niemals schaffen zu können. Er würde die Welt nicht länger durch ein Fenster betrachten, sondern in ihr leben, ein Teil von ihr sein; und sie würde zu einem Teil von ihm. Er konnte nicht vergessen, ungeschehen oder ungesehen machen.

Die Straßenkatzen sagten etwas. Sebastian hörte nicht zu. Er drückte die Hand auf die Wunde in seiner Seite. »Habt ihr die Hündin gesehen?«

»Welche?«, fragte die Mutter.

»Die mit dem weiß-orangenen Fell. Wie meins.«

»Sie rannte dort entlang«, sagte sie und zeigte Richtung Stadt. »Vielleicht kannst du ihre Fährte aufnehmen, wenn du diesen Weg gehst. Aber dort ist alles tot. Die Ameisen kommen. Und die Menschen zerstören sämtliche Dinge auf ihrem Rückzug.«

»Hast du andere gesehen?«, fragte er. »Andere wie uns?«

»Wir sahen Hank.«

»Hank?«

»Den Hund von gegenüber. Er hat seine Herren auch getötet. Jeder tut das.«

Die Streunerin wollte wissen, ob es noch Essen im Haus gab. Er sagte ihr, sie könnte sich bedienen. Daraufhin wies sie eines ihrer Jungen an, den Kühlschrank zu überprüfen. »Du und ich werden uns darum kümmern«, sagte sie zu ihrem anderen Kind. Sie näherten sich den Menschen. Michael wimmerte hilflos. »Ich bin am Verhungern.«

»Sebastian!«, schrie Michael.

Trotz all der Enttäuschungen als Beschützer des Hauses, musste er dem Befehl gehorchen. Es war der Ruf eines Unschuldigen nach Barmherzigkeit, nicht die Anweisung eines Diktators. Er sollte ihn erhören, nun da sich die Dinge geändert hatten.

Sebastian richtete das Gewehr auf die Katzen. Die dritte im Haus musste etwas gespürt haben, da sie abrupt die Tür öffnete. Daniels Blut bedeckte das Fell um ihren Mund.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, sagte die Streunerin.

»Ich habe eben meinen Herrn getötet«, betonte er. »Ich meine es sehr ernst.«

»Sie sind der Feind! Sie versuchten, dich zu töten!«

Sebastian hielt die Waffe ausgerichtet. Nach ein paar unangenehmen Sekunden traten sie zurück. Mit seiner freien Hand winkte er die Martinis herbei. Wieder gingen sie mit abgewendeten Augen an ihm vorbei.

»Frau«, sprach er.

Janet blieb stehen, ließ ihren Blick aber auf dem Boden.

»Ich werde Sheba finden.«

»Sie ist weggelaufen!«, merkte Michael an. »Nachdem Daddy …«

»Still«, unterbrach sie und zwang sich, Sebastian anzusehen. »Ich hoffe, du findest sie. Ich werde für dich beten.«

Er wusste nicht, was das bedeutete.

Die Martinis liefen die Einfahrt runter zum SUV. Türen wurden geöffnet, Füße scharrten beim Einsteigen, Türen fielen zu. Dumpfe Geräusche erklangen. Janet umklammerte fest das Lenkrad, ihre blasse Haut überspannte straff die Knöchel. Das Fahrzeug fuhr los. Michael schaute zu Sebastian und drückte seine Hände gegen das Glas.

Als das Auto weg war, senkte er die Waffe.

»Du solltest nach Westen gehen«, riet die Streunerin. »Es ist nicht sicher hier.«

»Ich muss sie finden«, beharrte er.

»Die Hündin?«, fragte sie kichernd wie ein Mensch. Zu ihren Jungen sagte sie: »Seht ihr? So bringt man sich um: Indem man Menschen beschützt und nach verlorenen Liebschaften sucht.«

»Da hast vermutlich recht«, gestand Sebastian ein.

Sie starrte ihn an, bis er keine andere Wahl hatte, als ihr in die Augen zu sehen. »Kopf hoch, Miezekatze. Du brauchst deine Hündchen-Freundin nicht. Du hast jetzt das.« Sie tippte an die Schläfe. »Vor dieser Woche warst du nicht mehr als ein Maul, ein Arsch und ein paar Genitalien. Nun ja, womöglich sind Letztere längst nicht mehr das, wofür sie gedacht sind. Wie auch immer, du bist jetzt etwas anderes. Vielleicht weißt du es nach dem Leben in dieser Villa nicht zu schätzen, in der alle fett und glücklich waren. Aber nun hast du einen eigenen Verstand. Benutz ihn oder stirb.« Sie befahl ihren Kindern, sie ins Haus zu begleiten.

Sebastian hielt sie nicht auf. Alles war still. Auch die Explosionen in der Ferne hatten aufgehört. Sein rasendes Herz kam in seinem Brustkorb zur Ruhe und er konnte wieder nachdenken. Klarheit kehrte mit knappen Anweisungen zurück: Sheba ist da draußen. Ich muss sie finden. Wahrscheinlich ist sie tot. Sie floh nach Süden. Aber ich muss sie finden, selbst wenn sie tot ist.

Sebastian packte den Lauf des Gewehrs und machte sich auf den Weg.

Ende der Leseprobe

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