Buchcover:
Neuerscheinung

Möwen, Meer und Tod

INHALTSBESCHREIBUNG


Nach einer längeren Berufspause freut sich Kriminalhauptkommissarin Luna Maiwald, erneut durchzustarten. Doch kaum zurückgekehrt, muss sie sich zunehmend den Problemen des Alltags stellen. Ihre Ehe kriselt, ihre Tochter ist im Selbstfindungsmodus und auch beruflich wird ihr keine Atempause gegönnt, denn auf Rügen geschehen seltsame Dinge. Neben einem fraglichen Reitunfall häufen sich mysteriöse Todesfälle. Augenscheinlich gesunde und junge Menschen versterben völlig unerwartet. Ihr Todeskampf ist qualvoll und ähnelt sich, aber sonst scheint sie nichts miteinander zu verbinden; außer die Zigarette vor ihrem Ableben.

Um dem Täter auf die Spur zu kommen, muss sich Luna ihrer Vergangenheit stellen und Kontakt zu dem Mann suchen, der Gegenstand ihrer Albträume ist, und den sie einst selbst wegen abscheulicher Morde hinter Gitter brachte. Gefangen zwischen routinierter Ermittlungsarbeit und der Angst vor den düstersten Tiefen ihrer Seele gerät sie zunehmend in einen gefährlichen Sumpf psychischer Abhängigkeit und sexuellen Verlangens.

Prolog

Niemand hätte es voraussehen können, auch sie nicht. Wie auch? Alles lief gut, bis zu diesem Moment, der wie ein unüberwindbares Geschwür über sie hereinbrach und sich an ihre Seele heftete. Sie hatte ihm vertraut, ihre kleine große Welt vollends in seine Hände gelegt und damit ihre aufrichtige Liebe bewiesen. Er war es wert, hatte sie gedacht und keinen Augenblick auch nur im Geringsten an seiner Loyalität gezweifelt. Als würden die wundervollsten blauen Augen auf dieser Welt nicht lügen können. Dachte er ernsthaft, er käme damit durch? Ganz sicher nicht, schrie es aus ihr heraus. Eine Lena Schröder servierte man nicht so einfach ab. Verbittert trat sie einen Ast zur Seite, der ihren Weg kreuzte. Und während sie ihn wegtrat, stellte sie sich vor, dass Er es war. Angewidert spuckte sie hinterher, griff in ihre Collegemappe und kramte die Zigarettenschachtel heraus, die sie ganze drei Tage unberührt mit sich herumgetragen hatte, um ihm zu beweisen, wie willensstark sie sein konnte. Doch nun war alles egal. Ihre Finger fuhren ehrfürchtig über die Kanten der Schachtel, während sie gegen erneut aufkommende Tränen ankämpfte. Dieses Schwein! Dieser elende Hurensohn! Sie öffnete die Schachtel und blickte hinauf zu den Baumkronen, die im aufsteigenden Nebel wie bizarre Fantasiegebilde wirkten. Nach so langer Zeit der Abstinenz würde sie also wieder rückfällig werden und ins Lager der abhängigen Raucher zurückkehren. Ihr Mund formte ein Pfff und ihre Stimme stammelte ein theatralisches »C'est la vie« vor sich hin, bevor sie sich eine Zigarette zwischen ihre vollen Lippen steckte und anzündete. Der erste genüssliche Zug vermischte sich mit dem Geruch von modrigem Holz und feuchter Erde. Er schmeckte alles andere als gut, obgleich sie den Duft des Granitzer Waldes liebte. Erneut zog sie an der Zigarette und blies den Qualm in den dichter werdenden Nebel, der wie ein Geist seine Hände nach jedem Baum und jedem Zweig ausstreckte. Sie verspürte einen kleinen Schwindelanfall, gefolgt vom Gefühl der Rastlosigkeit. Ein seltsames Gefühl durchströmte ihren Körper, ein ungutes Gefühl. War es das Nikotin, das durch ihre Blutbahn schoss? Ihre Schritte wurden schneller. Zügig lief sie den Pfad entlang, der von Binz nach Sellin führte und den sie schon unzählige Male gegangen war. Mit jedem Schritt verstärkte sich ihr Unwohlsein, aber auch die Wut auf ihn. Auf Rache sinnend, zog sie ein weiteres Mal an ihrer Zigarette und blieb erschrocken stehen. Barg der Nebel etwa Schatten? Das Herz pochte heftig gegen ihre Brust. Ein seltsames Kribbeln in ihren Händen verstärkte ihre Angst. Es schien, als verdichtete sich der Wald um sie herum. Das Säuseln des Windes war zu vernehmen, der durchs blattlose Geäst kroch. Einer der Schatten verschmolz zu einer Gestalt und starrte sie an. »Hallo?«, rief sie angsterfüllt. »Ist da wer?« Doch niemand antwortete. Sie wandte sich von den Schatten im Nebel ab und versuchte die aufkommende Panik in sich zu unterdrücken. Noch ein letzter mutmachender Zug an der Zigarette, dann rannte sie los. Ihre Hand umklammerte fest den ledernen Trageriemen ihrer Mappe, die andere hielt den sündigen Glimmstängel fest zwischen den Fingern, nicht fähig, ihn wegzuwerfen. Und obwohl sie den Weg kannte, schien alles mit einem Mal so fremd. Taumelnd kam sie vom Pfad ab und stieß gegen herabhängende Zweige, die ihr den Weg versperrten. Ein knorriger Ast, der sich wie ein gekrümmter Zeigefinger mahnend erhob, kratzte schmerzhaft über ihr Gesicht. Ein anderer schlug bedrohlich wie ein schier unüberwindliches Wurzelgeflecht gegen ihren Körper, als wollte er sie zur Umkehr bewegen. Blut rann ihre Wange herunter. Es schmeckte nach Eisen und machte ihre Zunge taub. Irgendwer war ihr auf den Fersen. Irgendwer verfolgte sie. Verzweifelt suchte sie nach einem Orientierungspunkt, fand aber keinen. Ihre Atmung wurde schwerer und flacher. Schwerfällig schnappte sie nach Luft, während sich ein Schwall Tränen mit dem Blut auf ihrer Wange vermischte. Ihre Beine versagten gänzlich. Nicht mehr imstande, sich auf den Füßen zu halten, sank sie zu Boden. Ihr Körper bebte und zuckte unkontrolliert, als hätte eine andere Macht die Steuerung übernommen. »Bitte, bitte tu mir nichts«, stammelte sie kraftlos mit halb gelähmter Zunge. Doch außer dem Wind antworte ihr niemand. Übelkeit kam auf. Dann erbrach sie sich, immer und immer wieder. War es die Angst, die ihren Magen krampfartig zusammenpresste? Bibbernd und mit letzter Kraft schob sie sich Stück für Stück über den feuchtkalten Boden des Waldes. Irgendwo musste der Pfad doch sein. Doch ehe sie ihn finden konnte, durchbohrte ein immer stärker werdender Schmerz ihren Körper und beraubte sie ihrer Sinne.

 

Kapitel 1 – Montag

 

Einundzwanzig Tage später …

Kriminaldienststelle Bergen, 27. März, 08.15 Uhr

 

Der Winter war noch einmal auf die weißstrandige Insel zurückgekehrt. Eisiger Wind zog übers Meer und ließ den bereits angetauten Schnee gefrieren. Von den Dachrinnen der Kriminaldienststelle hingen malerisch glitzernde Eiszapfen, die Luna zu einem Blick hinauf verführten. Voller Bewunderung blieb sie stehen, zog ihren pelzummantelten Hut tiefer ins Gesicht und atmete mit einem Seufzer aus. Wie lange hatte sie sich auf diesen Moment gefreut, den Moment ihrer Rückkehr. Fast ein ganzes Jahr außer Dienst, daheim bei Mann und Kind. Und nun war es endlich soweit. Ein bewegender Augenblick, der locker eine Zigarette wert war, um ihn vollends zu genießen. Ein heißer Kaffee dazu wäre noch besser, dachte Luna und kramte in ihrer großen ledernen Handtasche nach dem unliebsamen Lasterzubehör. Ob Schröder schon im Büro war? Sie steckte ihre Zigarette an und nahm einen kräftigen Zug. Hach ja, Schröder, er war ein guter Ersatz gewesen, während ihrer Abwesenheit. Doch nun war es an der Zeit, das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen und Schröder zu entlasten. Aber wollte er überhaupt entlastet werden? Was, wenn er sich ans Chefsein längst gewöhnt hatte? Luna pustete den Qualm zwischen ihre gespitzten Lippen in den frostigen Morgen hinaus. Ach was, nicht Schröder, verwarf sie ihre Gedanken. Er und Luna waren stets ein gutes Ermittlerteam gewesen. Und ebenso würde sich ihre Zusammenarbeit auch fortsetzen lassen.

Lunas Stiefelabsätze schlugen hart auf den Boden der Kriminaldienststelle, als sie am kleinen unbesetzten Schalterfenster vorbeilief. Die finanziellen Mittel, welche eine dauerhafte Besetzung garantierten, waren scheinbar immer noch nicht bewilligt worden. Ein Punkt, der in Lunas To-do-Liste schon länger aufgeführt war. Schritt für Schritt kam sie dem Treppenabsatz näher, der zu ihrem Bürotrakt führte. Alles schien etwas befremdlich. Wo waren die eingestaubten Grünpflanzen, die einst auf dem Gang des Flures standen? Und wo der Kaffeeautomat? Luna eilte die Treppe hinauf. Sie hoffte, dass sich im oberen Teil der Dienststelle weniger verändert hatte. Zumindest hoffte sie, den altbewährten Kaffeeautomaten dort zu finden, der stets gute Dienste bei der Bekämpfung von Müdigkeit geleistet hatte. Ihr Blick fiel den Gang entlang. Nichts. Weder eine Grünpflanze, noch der verbeulte Kaffeeautomat. Eine eher ungewohnte Ordnung schlug ihr entgegen und ließ den Flur unpersönlicher erscheinen, fast sogar etwas kälter als sonst.

»Willkommen zurück, Chefin«, empfing Kommissar Sandiego sie und äugte lächelnd über den Rand seiner Brille. Er trug einen Stapel Papiere unter seinen Arm geklemmt, während er eine dampfende, übervolle Kaffeetasse in seiner Hand jonglierte. »Ganz schön frostig da draußen, nicht wahr?«

»Oh ja, das ist es. Wie ich höre, haben Sie Ihren Ruhestand verschoben«, erwiderte Luna und starrte neidvoll auf den duftenden Kaffee ihres Kollegen, der seine Tasse auf ein angrenzendes Aktenregal abstellte. »Ehrlich gesagt bin ich froh darüber, Sie weiterhin bei uns zu wissen.«

Kommissar Sandiego lächelte verlegen und schüttelte Lunas Hand, die sie ihm zur Begrüßung entgegenstreckte. »Danke, Chefin. Es fiel mir nicht sonderlich schwer, meinen Ruhestand noch etwas aufzuschieben, jetzt, wo Sie wieder da sind. Immerhin haben mich die Dienstjahre unter Ihrer Führung jung und vital gehalten.«

Luna lachte. »Oh ja, wir hatten jede Menge Stress und durchzechte Nächte bei Kaffee und Aspirin. Woher haben Sie eigentlich diesen herrlich duftenden Kaffee?«

»Aus der Küche.«

»Wir haben eine Küche?«

»Ja, sogar mit Mikrowelle, Wasserkocher und Kaffeemaschine«, erläuterte der ergraute Kommissar und wandte sich um. Mit seiner Hand wies er auf das letzte Zimmer linker Hand im Flur. »In Zimmer Einhundertelf.«

»Schröders Büro?«, entfuhr es Luna.

»Ja, sozusagen. Er meinte allerdings, dass es von größerem Nutzen wäre, daraus eine kleine Dienststellenküche zu machen. Aber wenn ich ehrlich sein soll, ich vermisse den alten Kaffeeautomaten.«

Luna blickte mit Wehmut auf Kommissar Schröders ehemaliges Büro. »Ja, unser alter Kaffeeautomat war toll und schon fast kultig. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich von Kommissar Schröders Umbau halten soll, aber gegen einen heißen Kaffee hätte ich definitiv nichts einzuwenden.«

»Na, dann legen Sie mal in aller Ruhe ab, während ich Ihnen einen Kaffee hole.« Kommissar Sandiego drückte Luna seinen Stapel Papiere in die Hand. »Das sind die mysteriösen Todesfälle, von denen Sie gewiss schon gehört haben«, murmelte er dabei.

Luna blickte angespannt auf die Protokolle. »Hat schon irgendwer nach Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit älteren und ungeklärten Todesfällen gesucht?«, rief sie Kommissar Sandiego hinterher.

»Ich glaube nicht«, erwiderte er aus der Küche rufend. »Einzig die Tatsache, dass die Opfer allesamt vor ihrem Ableben völlig gesund waren und der Leichenbeschauer keine konkrete Todesursache feststellen konnte, macht diese Fälle für unsere Abteilung interessant. Milch und Zucker?«

»Ja, gerne.« Luna blätterte sich auf dem Weg in ihr Büro durch die medizinischen Untersuchungsberichte. Dann hob sie ihren Blick und ließ ihn durch den Raum gleiten. Ihr Garderobenständer stand noch immer hinter der milchverglasten Tür. Auch ihren Schreibtisch hatte Kommissar Schröder während ihrer Abwesenheit keinen Zentimeter verrückt. Ebenso die Blumentöpfe, die sich auf der Fensterbank aneinanderreihten. Selbst die krumm gewachsene Yucca-Palme zierte noch immer die Fensterecke des Raumes. So befremdlich der Weg zum Büro auch war, so vertraut war dieser Raum geblieben. Über Lunas Gesicht huschte ein Lächeln. Sie war angekommen.

»Nun setzen Sie sich doch erst einmal«, forderte Kommissar Sandiego, der auf einem Tablett den Kaffee nebst einem Stück Torte servierte.

»Es gibt Torte?« Luna legte überrascht die Akten nieder, zog ihren Mantel aus und warf ihn über die Lehne des Bürosessels.

»Ein Geschenk von Bäckerei Steffens mit lieben Grüßen zum Arbeitsstart.«

»Oh mein Gott, ist die lecker«, schwärmte Luna beim ersten Fingertest. »Ist das etwa …?«

»Ja, Kokos-Mandel-Sahnetorte.«

»Hm, Kokos-Mandel-Sahnetorte«, wiederholte Luna wie in Trance. »Meine absolute Lieblingstorte. Erwähnte ich bereits, dass ich dafür sterben würde?«

»Mehr als einmal«, ertönte Kommissar Schröders Stimme hinter ihr. »Und zwar jedes Mal nach dem Verzehr eines dieser delikaten Hüftgoldstücke.«

»Schröder, wie habe ich Sie und Ihren Humor vermisst.« Luna wandte sich um und fiel dem Kommissar spontan um den Hals. »Was sind schon ein paar Kilo mehr, wenn man dafür glücklich ist.«

»Sie wissen schon, dass das ein Trugschluss ist?«

»Och Schröderlein, nun rauben Sie mir nicht mit Ihrem wissenschaftlich fundierten Studienwissen die Illusion, die dieses Stück Torte in mir auslöst. Manchmal muss man das Gehirn ausschalten, um Wunder zuzulassen, oder besser gesagt, zu schmecken.«

Kommissar Schröder lachte. »Sie sind die Expertin für Wunder, Sie müssen es wissen.«

Luna entledigte sich ihres Hutes, zupfte ihr Haar zurecht und schwang sich mit einem freudigen »Ach, es tut so gut, wieder hier zu sein« auf ihren ledernen Schreibtischsessel.

»Was ist mit den rechtsmedizinischen Berichten?«, fragte Kommissar Sandiego. »Möchten Sie, dass ich diese an andere Kriminaldienststellen schicke, um sie mit bundesweiten Fällen abzugleichen?«

Luna schüttelte den Kopf, während sie sich durch die obere Mandel-Sahneschicht schlemmte. »Später, Sandiego. Ich will zuerst selbst durchgehen und mir einen Überblick verschaffen.«

»Sie glauben, es war Mord?«

»Ja, tut sie, so wie ich unsere alte und neue Chefin einschätze«, unterbrach Kommissar Sandiego Schröders aufkommende Frage. »Und vielleicht ist da sogar etwas dran. Drei mysteriöse Todesfälle in nur zwei Wochen erscheinen schon verdächtig.«

»Hm, mag sein, obwohl ich persönlich dagegenhalte. Aber gut, eine Vergleichsanalyse kann nicht schaden.«

»Wann in all den Dienstjahren haben Sie jemals an eine Serientat geglaubt, Schröder?«, stellte Luna klar und wechselte unverfroren das Thema. »Wie ich höre, haben wir jetzt eine Küche anstelle eines Kaffeeautomaten.«

»Ja, das alte Ding hat es nicht mehr getan und nur noch wässrigen Kaffee produziert.«

»Und Sie hatten keine Probleme damit, Ihr Büro dafür zu opfern? Ich meine, jetzt wo ich wieder die Leitung der Kriminalabteilung übernommen habe, gibt es definitiv ein Büro zu wenig. Allerdings könnten Sie sich auch in meinem Büro eine Ecke herrichten.«

»Danke, aber ich habe meinen Schreibtisch bereits ins Büro zu Kommissar Möllemann bringen lassen.«

»Sind Sie sicher?« Luna wollte keinesfalls ihren engsten Kollegen vertreiben, der sie in der langen Zeit ihrer Abwesenheit gut vertreten hatte.

Kommissar Schröder schmunzelte. »Nein, nein, es ist völlig okay, mit Kommissar Möllemann ein Büro zu teilen.«

»Apropos Möllemann … wo steckt er eigentlich?«

Kommissar Sandiegos Blicke wanderten hilfesuchend zu Kommissar Schröder, der schulterzuckend stammelte: »Keine Ahnung.«

Aber aus irgendeinem Grund nahm Luna ihm das nicht ab. Ihr beruflicher Partner war einfach ein viel zu schlechter Lügner. Dennoch fragte sie nicht weiter, sondern genoss den wundervollen Augenblick ihrer Rückkehr.

Wenige Minuten später war Kommissar Möllemann mit einer Flasche Sekt eingetroffen. Allerdings kam er nicht allein. Mit ihm betrat Peter Bäriger Lunas Büro, in seinen Händen einen großen Blumenstrauß haltend. »Willkommen zurück im Namen aller Kollegen und des Polizeirates.«

Luna sprang auf und umarmte ihren alten Schulfreund. »Danke, Bärchen.« Dann blickte sie zu Kommissar Möllemann. »Sekt?«

»Na ja, ich kannte Ihren Parfümgeschmack nicht, konnte mich aber noch gut an Ihre Vorliebe für lieblichen Sekt erinnern«, stammelte er etwas verlegen.

Luna klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Danke, Möllemann. Wenn Sie die öffnen könnten, ohne dabei ein Loch in die Deckenplatten zu schießen, wäre der Tag perfekt.«

»Und ich hole derweil unsere Plastikbecher für Sekt-Notfälle«, meinte Kommissar Schröder und verließ das Büro, in das eine lebendige Stimmung eingekehrt war. Als er zurückkehrte, hatte er nicht nur die Becher in der Hand, sondern auch einen kleinen Karton, der mit einem glänzenden Schleifenband zugebunden war. »Ich dachte, dieses kleine Ding könnte vielleicht nützlich sein.«

Luna griff danach, bedankte sich und rüttelte daran herum. »Okay, was ist das?«

»Öffnen Sie es«, erwiderte Kommissar Schröder.

»Es ist ganz sicher etwas Praktisches, so wie ich Sie kenne«, murmelte sie beim Entfernen des Schleifenbandes. Verwundert blickte sie auf den Inhalt. »Ein Pager?«

»Sie haben mir vor sieben Monaten das Leben gerettet. Und sollten Sie irgendwann mal in Gefahr sein, will ich rechtzeitig da sein können und dasselbe für Sie tun.«

Tränen schossen in Lunas Augen, so sehr rührten sie die Worte ihres Kollegen. »Was soll ich sagen? Danke, Schröder. Und jetzt sollten wir alle anstoßen und uns danach diesem Stapel Protokollen widmen.« Dabei klopfte sie auf die Unterlagen, die auf ihrem Schreibtisch ruhten.

»Zuvor solltest du aber noch diese beiden Dinge hier entgegennehmen«, sagte Peter Bäriger, schlug seine Lederjacke zurück und zückte Lunas Dienstwaffe inklusive ihres Dienstausweises. »Hans-Jürgen Richter hätte dir das gern selbst übergeben, aber du kennst ja den übervollen Terminplaner unseres Polizeirates.«

»Klar, kein Problem.« Luna steckte den Dienstausweis ein und küsste ihre P6. »Oh Baby, wie habe ich dich vermisst«, murmelte sie ihrer Waffe liebevoll zu, bevor sie sie in den Holstergurt schob, den sie wie üblich über ihrem Kleid trug. Ihre Kollegen kannten die seltsame Zuneigung, die Luna ihrer P6 entgegenbrachte, und schmunzelten darüber.

»So, meine Herren, dann erhebe ich jetzt meinen Sektbecher und trinke auf eine gute Zusammenarbeit.«

 

Randgebiet Putbus, Haus Luna Maiwald, 27. März, 18.23 Uhr

 

Als Luna das Haus betrat, eilte ihr Marcia mit Block und Stift entgegen. »Und, wie war dein erster Tag?«

»Viel zu kalorienreich und ohne besondere Vorkommnisse.«

»Keine Leichen oder Kriminellen, über die es sich zu schreiben lohnt?«

Luna lachte auf. »Kein Kommentar, Süße. Auch wenn du meine Tochter bist, so mache ich dennoch von der Verschwiegenheitsklausel Gebrauch und behandle dich wie alle Presse-Geier.«

»Och, Mom. Wie soll ich jemals eine Star-Reporterin werden, wenn du mir nicht wenigstens einen Happen hinwirfst.«

»Momentan bist du eine Schüler-Reporterin, und das auch nur stundenweise. Also kümmere dich lieber um deine Hausaufgaben, statt über Kriminelle zu berichten. Außerdem schreibst du doch erfolgreich über die Seevogel-Auffangstation deines Großvaters, oder nicht?«

»Ja, schon, aber nur über Opas Neuzugänge zu berichten, macht auf Dauer keinen Spaß«, nörgelte Marcia und klappte enttäuscht ihren Block zu. »Eine Leiche mit abgeschlagenem Kopf wäre durchaus reißerischer.«

»Ich frage mich nur, von wem du diesen gruseligen Ehrgeiz geerbt hast«, murmelte Luna kopfschüttelnd, während sie ihre Jacke an die Garderobe hängte und die mitgebrachten rechtsmedizinischen Berichte in einem gesicherten Schrank verstaute, der eigentlich für ihre Waffe angedacht war.

»Dad sagt, von dir.«

»Ja, klar, von wem sonst. Von deinem Vater hast du auch nur die guten Eigenschaften. Wo ist er eigentlich? Noch immer in der Praxis?«

Marcia zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Bin auch erst vorhin heimgekommen. Ich war noch bei Claudia, Englisch pauken.«

»Seit wann paukst du Englisch? Ich dachte, du stehst auf eins.«

»Ich schon, nur bei Claudia hapert es gewaltig. Hast du mal eine Sächsin Englisch sprechen hören? Zum Weghauen, sag ich dir.«

»Nun ärgert sie doch nicht ständig ihres Dialektes wegen. Ein Sachse sächselt eben, so wie ein Bayer bayrisch redet. Ist doch ganz normal.«

»Ja, ja. Moralpredigt angekommen. Ich mach‘ mir jetzt einen Tee. Dieses Sauwetter hat mir Eisfüße beschert. Magst du auch einen?«

Luna lehnte dankend ab. Sie sehnte sich nach einer schaumgefüllten Badewanne und etwas Entspannung. »Ich geh lieber rauf und lasse mir ein Bad ein. Wenn dein Vater kommt, sag ihm, das Bad sei vorübergehend geschlossen.«

 

Eine Stunde später

 

»Luna? Geht‘s dir gut? Nun sag doch was, oder ich breche die Tür auf.«

Aufgeschreckt vom Fausttrommeln gegen die Badezimmertür fuhr Luna hoch. Sie war eingeschlafen. »Ja, ja, alles okay«, stammelte sie frierend. Das Badewasser war mittlerweile dermaßen abgekühlt, dass sich selbst der Schaum vor Kälte aufgelöst hatte. Mit einem Badetuch bedeckt stieg sie fröstelnd aus der Wanne und öffnete die Tür, vor der Fred und Marcia standen. Mit großen Augen starrten sie Luna an.

»Was schaut ihr so komisch? Kann man in diesem Haus nicht mal in aller Ruhe ein Bad nehmen?«

»Du bist eingeschlafen, oder?«, mutmaßte Fred und traf damit ins Schwarze. »Wie oft habe ich dir gesagt, dass das höllisch gefährlich ist, wenn du die Tür verriegelst, während du dein Badewannen-Nickerchen hältst.«

Luna warf Fred einen bösen Blick zu. »Ich habe kein Nickerchen gehalten, sondern ein entspannendes Bad genommen.«

»Ah ja! Und weshalb zitterst du dann so?«

»Ist das ein Verhör oder was soll die ganze Fragerei? Gib mir lieber einen Kuss und erzähl‘, wie dein Tag war.«

»Er war wie jeder Tag, voller Patienten die sich ihrem Herzen gegenüber nicht gerade herzlich verhalten. Erzähl‘ lieber, wie dein Einstieg war. Gab es eine Willkommensparty oder eine Leiche zum Dessert?«

Marcia kicherte. »Der war gut, Dad. Leider wirst du ebenso wenig Erfolg auf eine Antwort haben, wie ich. Mom hüllt sich neuerdings in Schweigen, wenn es um Leichen geht.«

»Ja, und das hat auch seinen Grund, Fräulein Star-Reporterin. Und jetzt will ich nur noch in meinen flauschigen Hausanzug schlüpfen und mich mit meinen beruflichen Unterlagen aufs Bett werfen, also aus dem Weg ihr zwei.«

»Und das Abendbrot?«, fragte Fred.

»Das müsst ihr ohne mich einnehmen. Ich bin auf Diät nach zwei Stücken kalorienreicher Kokos-Mandel-Sahnetorte.«

»Ich dachte da weniger ans Einnehmen, sondern vielmehr ans Machen«, erwiderte Fred enttäuscht. »Aber fein, dann mache ich eben das Abendbrot für unsere Tochter.«

»Die bereits so groß ist, sich ihr Abendbrot durchaus selbst zuzubereiten«, entgegnete Luna. Sie ärgerte sich über Freds altbackenes Frauenbild. Und darüber, dass er stets Marcia vor Dinge schob, mit denen alleinig er ein Problem hatte.

Mit einem Seufzer warf sich Luna aufs Bett. Sie griff nach den drei Akten und schlug die oberste auf.

Name: Alexander Wünschler Alter: 24 Jahre Größe: 1,79 Meter Gewicht: 82 Kilogramm Berufsstand: Restaurantfachangestellter Zuletzt lebend gesehen: Sterbe-/Todeszeitpunkt: 13.03.2017/ 12.47 Uhr Tode aufgefunden am: ----- Notiz: Er kollabierte während seiner Mittagspause, nachdem er einen Teller Eintopf gegessen und eine Zigarette geraucht hatte. Vor Eintreffen des Notarztes: Erbrechen, heftiges Zittern, Lähmungserscheinungen – laut Zeugenaussage *1. Proben vom Eintopf wurden gemäß Lebensmittelüberwachungsgesetz gesichert und ausgewertet *2. Beim Eintreffen des Notarztes: Nicht ansprechbar. Komatöser Zustand, irreversibler Herzstillstand/ Atemstillstand nach erfolgloser Reanimation auf dem Weg ins Krankenhaus.

Luna blätterte weiter.

 

Leichenschau

 

1. Veranlasser der Leichenschau: Vergeblicher Notarzteinsatz, Klinikleitung Prof. Dr. Kahjan 1.1. Zeitpunkt der Veranlassung: 14.05 Uhr 1.2. Zeitpunkt der Durchführung: 15.37. Uhr 2. Ort der Leichenschau: Pathologische Abteilung, Klinik Bergen 3. Identifikation des Verstorbenen: Dem Leichenschauer bekannt, nach Angaben von Dritten 4. Zustand der Bekleidung: Geordnet, sauber, Hemd und Weste aufgeschnitten aufgrund Reanimation, keine Verschmutzungen oder Schleifspuren am Schuhwerk, eine Armbanduhr, ein Ring, eine Halskette mit Sternzeichen Stier dem Leichnam entnommen 5. Reanimation: Ja, siehe DIVI-Rettungsprotokoll *3 6. Lage der Leiche: -------- 7. Untersuchung des Leichnams 7.1 Leichenerscheinungen: Livores rotviolette, normal der Lageposition ausgeprägt von der hinteren Rumpfwand bis zu den vorderen Achsellinien. Schulter- u. Gesäßbereich sowie Wadenwölbungen und Fersen, vollständig wegdrückbar, postmortales Temperaturplateau, Kerntemperatur 34° Celsius, Körperöffnungen weisen keine Veränderungen auf, Ausprägungsgrad der Leichenerscheinungen mit dem angegebenen Zeitpunkt des Todeseintritts kompatibel. 7.2 Systematische Untersuchung des Leichnams: Keine aromatischen Gerüche wahrnehmbar, keine Narben, Ödeme, Stich- oder Injektionsverletzungen, Gebiss i. O, Zähne festsitzend, Fingernägel i. O, keine Abwehrverletzungen. 8. Anamnese/ Umstände des Todeseintritts: Ungeklärter Todesfall 9. Wer hat die Leichenschau durchgeführt: Dr. Zimt, Zeuge: Dr. Demir

 

So schnell konnte das Leben enden, dachte Luna und schluckte den aufkommenden Kloß in ihrem Hals herunter. Dieser junge Mann war von jetzt auf gleich in einen Zustand verfallen, der auf Drogen, Gift oder eine schwere Erkrankung schließen ließ, wobei letzteres auszuschließen war. Sein Todeskampf dauerte nicht lange, schien aber von starkem Schmerz zu sein. Und am Ende versagte sein Herz – einfach so. Luna schauderte bei dem Gedanken an seine Familie. Das Kind von einem Tag zum anderen aus dem Leben gerissen, völlig ohne Vorerkrankung. Die Familie will ganz sicher Antworten, will wissen, wer oder was für diesen sinnlosen Tod verantwortlich ist, genau wie Luna selbst.

Sie gähnte und rieb sich ihre Augen. Der Text verschwamm zunehmend im Licht der kleinen Tischlampe. Nicht einschlafen, mahnte sie sich selbst und blätterte sich Seite für Seite durch die Akte nebst Anhängen. Dann war der nächste Todesfall dran und der nächste Leichenschau-Bericht, dessen Inhalt dem vorherigen ähnelte.

Ende der Leseprobe

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