Matthew Corbett und die Jagd nach Mister Slaughter

von Robert McCammon

Serie: Matthew Corbett
Band 5

MISTER SLAUGHTER ist eine rasant abenteuerliche Verbrecherjagd vor historischem Hintergrund, die an Thomas Harris’ Hannibal Lector und ein wenig an Sweeney Todd erinnert. [Elitist Book Reviews]

INHALTSBESCHREIBUNG


In Robert McCammons meisterhaftem dritten Teil der historischen Thriller-Reihe um Matthew Corbett erweckt er erneut die Kolonialwelt Amerikas zu schillerndem Leben.
Matthew, der mittlerweile als »Problemlöser« für die New Yorker Zweigstelle der Londoner Herrald-Vertretung arbeitet, erhält einen ungewöhnlichen und gefährlichen Auftrag: Zusammen mit seinem Begleiter Hudson Greathouse soll er den berüchtigten Massenmörder Tyranthus Slaughter von einem Gefängnis in der Nähe Philadelphias zum New Yorker Hafen eskortieren. Auf dem Weg dorthin macht Slaughter seinen Wächtern jedoch ein überraschendes und äußerst verlockendes Angebot – mit tragischen Folgen …

Mister Slaughter ist nicht nur die bis ins kleinste Detail fein ausgearbeitete Darstellung einer noch jungen Nation, sondern auch das zeitlose Porträt eines äußerst gewalttätigen Serienmörders, der seinen Häschern immer einen Schritt voraus ist.

Kapitel 1

 

Höret!, verkündete der Oktoberwind, der durch die Straßen von New York wirbelte und fegte. Ich habe eine Geschichte zu erzählen! Eine Geschichte darüber, wie sich die Witterung und das Geschick der Menschen ändern! Ob dieser da, der spindeldürre Gentleman, sich gegen mein Wüten auf den Beinen halten kann, bis ich ihn an die Wand schmettere – oder ob jener dort mit dem gewaltigen Bauch schnell genug sein wird, um seinen Dreispitz zu fangen, den ich ihm vom Kopf fege! Rempelnd und heulend rausche ich durch die Stadt, und welches schnelle Pferd wird mich überholen können?

Keins, lautete Matthew Corbetts gedachte Antwort.

Genau! Zollt meinem Kommen und Gehen Respekt, und seid Euch gewiss, dass sich etwas Unsichtbares als eine Macht erweisen kann, die kein Mensch zu beherrschen vermag.

Daran hegte Matthew keinerlei Zweifel, denn er hatte den Teufel zu tun, seinen eigenen Dreispitz auf dem Kopf zu behalten und sich von den Böen nicht umwerfen zu lassen.

Es war fast acht Uhr dreißig an diesem Donnerstagabend in der zweiten Oktoberwoche. Der junge Mann war in einer Mission unterwegs. Ihm war gesagt worden, dass er sich um halb neun an der Ecke von Stone Street und Broad Street einfinden sollte, und wenn ihm seine Haut lieb war, würde er sich wie befohlen zur Stelle melden. Hudson Greathouse, seinem Partner und alteingesessenem Mitarbeiter der Herrald Vertretung, war dieser Tage nicht danach, Matthew im Unklaren darüber zu lassen, wer das Sagen hatte und wer … es stimmte schon … der Sklave war.

Allerdings, so dachte Matthew im Sturmschritt während seines Kampfes mit dem Wind auf der Queen Street, wo die in eine Richtung gehenden Einwohner gegen unsichtbare Wände prallten und andere in entgegengesetzter Richtung wie Bündel leerer Kleider an ihm vorbeieilten, hatte der harsche Umgangston von Greathouse in letzter Zeit mehr mit Berühmtheit als Sklaverei zu tun.

Denn Matthew war berühmt.

So aufgeblasen, wie Ihr tut, passt Euch bald der Hut nicht mehr, sagte Greathouse seit der Lösung des Rätsels um die Königin der Verdammten beständig.

Doch, antwortete Matthew dem Mann dann so ruhig wie möglich, denn der stürzte sich auf jedes heftige Wort wie ein Stier aufs rote Tuch. So passt er mir gut. Das reichte nicht aus, um den Stier zum Angriff zu bewegen, aber es veranlasste ihn in unheilvoller Erwartung späterer Gewalt zu schnaufen.

Es stimmte. Matthew war tatsächlich eine Berühmtheit. Seine Heldentaten des Sommers, als er auf der Suche nach der Identität des Maskenschnitzers auf Chapels Landsitz dem Tod nur knapp entronnen war, hatten dem Zeitungsherausgeber Marmaduke Grigsby genügend Material für einen Riesenstapel Ohrenkneifer geliefert und das Blatt beliebter als die Hundekämpfe Samstagsabends an der Peck Werft gemacht. Der erste Bericht, gleich nach dem Ende des Abenteuers im Juli verfasst, war zurückhaltend und sachlich genug gewesen – dank Hauptwachtmeister Gardner Lillehornes Drohungen, die Druckerei niederzubrennen. Doch nachdem Marmadukes Enkelin Berry ihren Teil an dem Ganzen geschildert hatte, heulte der alte Schreiberling vor Matthews Haus vor Verzweiflung fast den Mond an – wobei es sich bei Matthews Behausung bloß um ein möbliertes Kühlhäuschen hinter Grigsbys eigenem Heim und der Druckerei handelte.

Anstandshalber und der Vernunft wegen hatte Matthew sich dagegen gewehrt, Einzelheiten der Geschichte preiszugeben. Doch mit der Zeit war seine Schutzhaltung geschwächt und schließlich überwältigt worden. In der dritten Septemberwoche war Die unsägliche Geschichte der Abenteuer unseres Matthew Corbett mit garstigsten Bösewichten und der Gefahr eines gräulichen Todes, Teil eins gesetzt und gedruckt worden, und Grigsby stand vor Fleiß und Einbildungskraft förmlich in Flammen.

Am Tag vor Erscheinen der Zeitung war Matthew ein dreiundzwanzig Jahre alter Mann gewesen, den das Schicksal und die Umstände vom verwaisten New Yorker Straßenjungen zum Gerichtsdiener und dann zum Ermittler der in London gegründeten Herrald Vertretung befördert hatten. Am folgenden Nachmittag rannte ihm eine immer größer werdende Menschentraube hinterher, die ihm Federn, Tintenfässer und Ohrenkneifer hinhielt, damit er seinen Namen quer über das erste Kapitel des Abenteuers schreiben konnte, das er kaum noch wiedererkannte. Anscheinend hatte Marmaduke einfach alles erfunden, was er nicht wusste.

Als in der vorigen Woche der dritte und letzte Teil herauskam, war Matthew von einem einfachen Einwohner der im Jahre 1702 fast fünftausend Köpfe zählenden Stadt New York zu einem Ritter der Gerechtigkeit geworden, der nicht nur den Zusammenbruch der Koloniewirtschaft verhindert, sondern auch alle jungen Mädchen der Stadt vor Schändung durch Chapels Schergen bewahrt hatte. Quer durch einen verrottenden Weinberg sei er mit Berry um sein Leben gerannt, verfolgt von fünfzig Mördern und zehn dressierten Geiern. Und er habe mit einem Trio von blutdürstigen preußischen Schwertkämpfern gefochten. Nun ja, in diesen ausgedachten Geschichten steckte tief ein Körnchen Wahrheit drin, doch es rankten sich die Auswüchse von Fantasie drumherum.

Nichtsdestotrotz war die Serie ein Segen für Grigsby und den Ohrenkneifer, und es wurde nicht nur in den Schänken, sondern auch an den Brunnen und Pferdetrögen diskutiert. Man erzählte sich, dass eines Nachmittags sogar der Gouverneur Lord Cornbury am Broad Way beobachtet worden war, wie er, zur Huldigung seiner Base Queen Anne mit blonder Perücke, weißen Handschuhen und Weiberkleidern herausgeputzt, verzückten lilafarben angemalten Auges die neueste Ausgabe las.

An der Kreuzung von Queen Street und Wall Street umwirbelte ein forscher Windstoß Matthew mit einem Geruchsbouquet aus Fisch, Teereimern, Werftpfählen, Vieh und Futter, dem Inhalt der aus den Fenstern auf das Straßenpflaster gekippten Nachttöpfe und dem bittersüßen gärenden Geruch des East River. Wenn Matthews sich schon nicht im Herzen von New York befand, dann zumindest in der Nase der Stadt.

Der Wind hatte in vielen der an den Straßenkreuzungen hängenden Laternen die Flammen ausgelöscht. Es war gesetzlich vorgeschrieben, dass jedes siebte Haus außen eine Laterne hängen haben musste, aber an diesem Abend war kein Mensch in der Lage, dem Wind zu befehlen, einen Docht zu verschonen – weder die ihre Runden ziehenden Wachtmeister noch ihr Vorgesetzter Lillehorne, trotz seiner Arroganz.

Das unaufhörliche Getöse, das um siebzehn Uhr begonnen hatte und keinerlei Anzeichen des Abschwellens zeigte, hatte Matthew zu dem philosophischen Gedankenaustausch mit dem brüllenden Sturm inspiriert. Jetzt musste er sich beeilen, denn selbst ohne die Silberuhr in seiner Westentasche zu konsultieren, wusste er, dass er um einige Minuten zu spät dran war.

Nun mit den Windböen im Rücken überquerte Matthew die Pflastersteine der Broad Street und erspähte im gequälten Licht einer noch flackernden Laterne seinen Zuchtmeister, der bereits auf ihn wartete. Ihre Amtsstube befand sich nur ein kleines Stück weiter in der Stone Street 7, eine schmale Stiege ins Dachgeschoss hoch. Dort spukten angeblich die Vormieter, die einander im Streit über Kaffeebohnen ermordet hatten. Matthew hatte in den letzten Wochen Knarzen und dumpfe Schläge gehört, aber er war sich sicher, dass das lediglich die Altersbeschwerden eines holländischen Gemäuers gewesen waren, das tiefer in die englische Erde sank.

Noch bevor Matthew Hudson Greathouse erreicht hatte, der eine Wollmütze und einen wie Rabenschwingen flatternden langen dunklen Mantel trug, kam dieser bereits auf ihn zu und rief im Vorbeigehen laut in den Wind: »Mir nach!«

Matthew verlor seinen Dreispitz fast aufs Neue, als er sich umdrehte, um ihm zu folgen. Greathouse marschierte in den Sturm hinein, als ob er ihm gehörte.

»Wohin gehen wir?«, schrie Matthew, aber entweder wurden seine Worte fortgeweht oder Greathouse zog es vor, nicht zu antworten.

Obwohl sie durch ihre Arbeit für die Herrald Vertretung viel miteinander zu tun hatten, würde niemand die beiden Ermittler für Brüder halten. Matthew war groß und schlank, aber zäh wie Schilfrohr. Sein hageres Gesicht endete in einem langen Kinn und die Haare unter seinem Dreispitz waren schwarz und fein. Sein vom Laternenlicht beschienener blasser Teint sprach von seinem Interesse an Büchern und abendlichem Schachspiel in seiner Lieblingsschänke, dem Trot Then Gallop. Seit seiner neuen Berühmtheit, die er durchaus gerechtfertigt fand – schließlich war er im Einsatz für Gerechtigkeit tatsächlich fast ermordet worden –, interessierte er sich für die Art von Kleidung, die sich für einen New Yorker Gentleman geziemte. In seinem neuen schwarzen Anzug, der wie die dazugehörige Weste von schmalen grauen Streifen durchzogen war, sah er wie ein Dandy aus. Es war einer von zwei Anzügen, die Benjamin Owles für ihn geschneidert hatte. Seine neuen schwarzen Stiefel, die erst am Montag geliefert worden waren, glänzten hochpoliert. Er hatte sich einen Spazierstock aus Schwarzdorn bestellt, wie ihn viele der gut situierten jungen Gentlemen der Stadt besaßen – doch da das vornehme Stück aus London verschifft wurde, würde er erst im Frühling in den Genuss seines Stocks kommen. Matthew hielt sich so sauber wie einen Seifennapf und rasierte sich stets glatt. Seine kühlen grauen Augen mit ihrem Anflug von Dämmerungsblau waren klar und an diesem Abend sorgenlos. Ihr aufrichtiger und fester Blick konnte, so würde mancher sagen – und Grigsby hatte es in seinem zweiten Artikel so ausgedrückt – einen Schurken dazu bringen, seine bösen Laster abzulegen, bevor sie so schwer wie Gefängnisketten wurden.

Der alte Zeitungsknabe wusste schon, wie man die Wörter drehen konnte, dachte Matthew.

Hudson Greathouse, der nach links abgebogen war und jetzt mehrere Längen vor ihm die Broad Street gen Norden entlangschritt, unterschied sich von Matthew wie ein Hammer von einem Dietrich. Siebenundvierzig Jahre alt, breitschultrig und stattlich, war er einen Meter neunzig groß, von einer Statur und einem Körperbau, der die meisten anderen Männer dazu veranlasste, mutsuchend zu Boden zu schauen, wenn sie auf ihn trafen. Wenn der schroff aussehende Greathouse mit den tief liegenden schwarzen Augen seinen Blick durch einen Raum schweifen ließ, schienen die Männer in dem Zimmer aus Angst, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, zu erstarren. Auf Frauen war der Effekt das genaue Gegenteil. In Gegenwart von Greathouses Limonen-Rasierseife hatte Matthew die frommsten Frauen zu tändelnden Kokotten werden sehen. Und im Gegensatz zu Matthew konnte der große Mann mit den wechselhaften Launen der neuesten Mode nichts abgewinnen. Ein teuer geschneiderter Anzug kam für ihn nicht infrage; modischer als ein hellblaues Rüschenhemd, sauber aber abgetragen, und einfache graue Kniebundhosen, dazu simple weiße Strümpfe und kräftige, ungeputzte Stiefel mochte er es nicht. Seine dichten Haare unter der Mütze waren eisengrau und mit einem schwarzen Band zu einem Zopf zurückgebunden.

Wenn die beiden außer der Herrald Vertretung noch eine Gemeinsamkeit hatten, dann waren es Narben. Matthews Ehrenabzeichen war ein Halbkreis, der kurz über der rechten Augenbraue begann und sich zum Haaransatz nach oben zog; ein lebenslanger Denkzettel an einen Kampf mit einem Bären vor drei Jahren in der Wildnis – und er konnte sich glücklich schätzen, diesen überlebt zu haben. Greathouse besaß eine gezackte Narbe, die die linke Augenbraue durchtrennte, und die ihm – wie er verdrießlich erklärt hatte – von seiner dritten Gattin mittels einer geworfenen, zerbrochenen Teetasse beigebracht worden war. Seiner ehemaligen Gattin natürlich, und Matthew hatte nie gefragt, was aus ihr geworden war. Um fair zu sein: Greathouse trug seine wahre Narbenkollektion – vom Dolch eines Auftragsmörders, einer Musketenkugel und einem Degenstich verursacht – unter dem Hemd.

Sie näherten sich dem aus gelbem Stein gebautem zweigeschossigen Rathaus, das an der Kreuzung von Broad und Wall Street stand. In manchen der Fenster leuchteten Lampen, denn die Geschäfte der Stadt verlangten nach Überstunden. An einer Seite des Gebäudes stand ein Baugerüst. Auf dem höchsten Punkt des Dachs wurde eine kleine Kuppel errichtet, damit die englische Fahne näher am Himmel flattern konnte. Matthew fragte sich, ob der Leichenbeschauer der Stadt, der effiziente, aber exzentrische Ashton McCaggers, sich durch das Hämmern und Sägen der Arbeiter über seinem Kopf gestört fühlte – denn er hauste mitsamt seines seltsamen Museums von Skeletten und grausigen Artefakten im Dachboden des Rathauses. Als Greathouse nach rechts abbog und die Wall Street hinunter auf den Hafen zuhielt, überlegte Matthew, dass McCaggers Sklave Zed bald in der Kuppel sitzen und über die wachsende Stadt und den Hafen blicken würde. Denn Matthew wusste, wie gern der riesige Afrikaner schweigend auf dem Dach saß, während der Rest der Welt zu seinen Füßen Handel trieb, schwitzte, fluchte und sich generell das Leben zur Hölle machte.

Nicht viel weiter, kurz nach einer Schänke, dem Cat’s Paw zu seiner Linken, erkannte Matthew, wohin Greathouse ihn brachte.

Seitdem das Horrorregime des Maskenschnitzers im Sommer ein Ende gefunden hatte, war niemand mehr in der Stadt ermordet worden. Hätte Matthew einem Besucher den Ort nennen sollen, an dem man mit höchster Wahrscheinlichkeit einen Mord miterleben konnte, dann hätte er auf die abgeblätterte rote Tür gezeigt, auf die Greathouse jetzt zuhielt. Das verwitterte rote Schild über der Tür verkündete: The Cock’a’tail. Das zur Straße zeigende Fenster war so oft von sich prügelnden Gästen zerbrochen worden, dass es mit rauen Brettern zugenagelt war, durch die schmutziges Licht auf die Wall Street sickerte. Von den gut ein Dutzend Wirtshäusern in New York war es dasjenige, das Matthew sorgfältig mied. Hier wurde die Ansammlung von Gaunern und Neureichen, die sich für Finanzgenies hielten, bei ihren Streitereien über den Wert von Handelswaren wie Sülze und Biberpelzen vom billigsten, grausigsten und hochprozentigsten Apfelbrandy angeheizt, der je ein Hirn in Flammen gesetzt hatte.

Zu Matthews Schrecken öffnete Greathouse die Tür und drehte sich einladend zu ihm um. Das gelbe Lampenlicht spie einen Nebel aus Pfeifenrauch nach draußen, der sofort vom Wind davon geweht wurde. Matthew biss die Zähne zusammen. Als er sich dem unheilvoll aussehenden Türrahmen näherte, sah er einen Blitz über den finsteren Himmel zucken und hörte hoch oben, von wo Gott auf die verdammten Idioten hinuntersah, Donner krachen. »Tür zu!«, rief sofort eine Stimme, die gleichzeitig brüllte und krächzte wie eine Kanone, die Bullfrösche verschießt. »Ihr lasst den Gestank raus!«

»Na«, sagte Greathouse mit einem wohlwollenden Lächeln, während Matthew den ranzigen Schankraum betrat. »Das wollen wir ja nicht, was?« Er schloss die Tür, und der dürre graubärtige Mann, der hinten auf einem Stuhl saß und beim Massakrieren einer guten Violine unterbrochen worden war, fuhr sofort mit seiner kreischenden Ohrenfolter fort.

Der Bullfrosch mit der Kanonenstimme hinter dem Tresen, der Lionel Skelly hieß und dessen feuerroter Bart fast bis an den unteren Saum seiner fleckigen Lederweste reichte, wandte sich wieder dem Einschenken einer frischen – um das Wort ungenau zu gebrauchen – Tasse Apfelzerstörung für einen Gast zu, der die Neuankömmlinge mit fischkaltem Blick beäugte.

»Hoho!«, sagte Samuel Baiter, ein Mann, der schon ein oder zwei Nasen abgebissen hatte. Außer diesem charmanten Talent war er ein notorischer Spieler und brutaler Frauenschläger, der einen Großteil seiner Zeit unter den Damen in Polly Blossoms rosafarbenen Haus in der Petticoat Lane verbrachte. Er hatte das flache, grausame Gesicht und die platte Nase eines Schlägers, und Matthew registrierte, dass der Mann entweder zu betrunken oder zu dumm war, um von Hudson Greathouse eingeschüchtert zu sein. »Der junge Held und sein Herr! Kommt, trinkt mit uns!« Baiter grinste und hob seine Tasse, aus der eine ölig-braune Flüssigkeit auf die Fußbodenbretter triefte.

Der zweite Mann im Bunde war ein Neuankömmling in der Stadt, der Mitte September aus England eingetroffen war. Er war fast ebenso groß wie Greathouse und hatte ausladende eckige Schultern, die die Nähte seines dunkelbraunen Anzugs strapazierten. Seinen Dreispitz, in der gleichen Farbe wie die Schlammpfützen des Broad Way, hatte er abgenommen und demonstrierte, warum er Bonehead Boskins genannt wurde: Sein Kopf war völlig kahl und seine breite Stirn prangte über einem Paar buschiger, schwarzer Augenbrauen wie eine Wand aus Knochen. Außer dass Boskins Anfang dreißig und arbeitslos war, aber gern in den Pelzhandel einsteigen wollte, wusste Matthew nicht viel über ihn. Der Mann rauchte eine Tonpfeife und sah mit kleinen hellblauen Augen zwischen Matthew und Greathouse hin und her, ohne dass sich irgendein Gefühl außer vielleicht kompletter Gleichgültigkeit in seinem Blick zeigte.

»Wir erwarten jemanden«, gab Greathouse in leichtem Ton zurück. »Aber ein andermal gern.« Ohne auf eine Antwort zu warten, packte er Matthew am Ellbogen und führte ihn an einen Tisch. »Hinsetzen«, murmelte Greathouse, und Matthew zog einen Stuhl zurück und ließ sich darauf nieder.

»Wie Ihr wollt.« Baiter schlürfte an seiner Tasse und streckte die Hand dann hoch empor. Er brachte ein dünnes Lächeln zustande. »Dann auf den jungen Helden. Ich hörte, dass Polly von Euch jetzt ganz hin und weg ist.«

Greathouse setzte sich mit dem Rücken zur Ecke hin. Seine Gesichtszüge waren entspannt.

Matthew sah sich im Schankraum um. Von in den rauchig-schmierigen Dachbalken eingelassenen Haken hing ein knappes Dutzend Lampen an Ketten herab. Sieben andere Männer und eine verkommen aussehende Frau saßen unter einer im Raum schwebenden Wolke Pfeifenrauch. Zwei der Männer lagen, anscheinend vom Rausch überkommen, mit den Köpfen auf dem Tisch in einer grauen Pfütze, bei der es sich möglicherweise um Muschelsuppe handelte. Ach nein, da war noch ein achter Mann mit dem Kopf auf einem Tisch – ebenso von seinen Getränken dahingerafft – zu Matthews Linker. Gerade, als Matthew das grüne Glas der Wachtmeisterlaterne auffiel, hob Dippen Nack sein verquollenes Gesicht und versuchte nicht zu schielen. Der Schlagstock des brutalen Wachtmeisters lag neben einer umgefallenen Tasse.

»Ihr«, ächzte Nack, dann knallte seine Stirn wieder auf die Tischplatte.

»Ganz hin und weg«, fuhr Baiter fort, der offenbar mehr dumm als betrunken war. »Von Euren Abenteuern, meine ich. Ich habe gehört, dass sie Euch eine … wie hat sie’s genannt? Eine Saisonkarte angeboten hat?«

Diese Einladung war tatsächlich bald, nachdem der erste Zeitungsartikel erschienen war, auf elegantem Briefpapier in Matthews Amtsstube eingetroffen. Er hatte nicht vor, davon Gebrauch zu machen, fand es aber eine nette Geste.

»Ihr habt doch über Matthew Corbett gelesen, oder, Bonehead? Wenn es ihn nicht gäbe, könnten wir uns nachts nicht auf die Straße trauen, was? Könnten weder auf einen Brandy noch zum Bumsen raus. Ja, Polly redet ständig über ihn«, sagte Baiter. Eine gewisse Härte lag jetzt in seiner Stimme. »Was für ein Gentleman er ist. Wie gescheit und nobel er ist. AlleanderenMänner sind nur mindere Kreaturen, mit denen man sich abfinden muss. Nutzlose Kreaturen. Aber über ihn, oh, da kann die Hure Lieder singen!«

»Ich glaub‘, die ganze verdammte Geschichte hat sich bloß wer ausgedacht, das denk‘ ich!«, meinte die verschlampte Dame, deren Wurstpelle einst, als sie noch fünfzehn Kilo weniger gewogen hatte, ein Kleid gewesen war. »Das kann ja keiner überleben, mit fünfzig Mann auf einmal zu kämpfen! Das denk‘ ich doch, stimmt’s, George?« Als keine Antwort kam, trat sie gegen den Stuhl des einen unbewussten Trinkbruders, woraufhin er ein leises Stöhnen von sich gab.

»Fünfzig Mann!« Dippen Nack hob wieder den Kopf. Die Anstrengung trieb ihm den Schweiß auf sein rotes Gesicht mit den dicken Engelsbacken. Allerdings war der Wachtmeister Matthews Meinung nach eher mit dem Teufel als einem Engel verwandt. Einer, der die Gefängnisschlüssel stahl, um nachts die Gefangenen anzupinkeln, stand nicht hoch in Matthews Gunst. »Verdammte Lüge! Und ich, wie ich dem scheiß Evans eins auf die Birne gegeben und Corbett das Leben gerettet hab, und dass dann nicht mal mein Name in dem Scheißblatt steht! Und dafür zum Dank krieg‘ ich dann noch ’n Messer in den Arm! Das ist doch ungerecht!« Nack gab einen erstickten Laut von sich, als würde er gleich zu weinen anfangen.

»Natürlich ist der ein Lügner, Sam«, sagte Bonehead und nippte an seinem Humpen. »Aber einen schicken Anzug hat er an. Passt auch gut zu so einem Gockel, der so rumstolziert. Wie viel hat Euch der Anzug gekostet?«, fragte Bonehead, den Blick in die Tiefen seines Getränks gerichtet.

Matthew begann zu ahnen, warum Greathouse ihn hierher gebracht hatte – ausgerechnet hierher, wo zwei Männer in brutalem Streit auf den Fußbodenbrettern verendet waren, die ihm mehr blut- als brandybefleckt aussahen. Von seiner Zeit als Richter Nathaniel Powers‘ Gerichtsdiener wusste Matthew auch, dass selbst Lionel Skelly kein Waisenknabe war, wenn es um Gewalt ging. Der Wirt hatte einst einem Mann die Hand mit einer Axt abgehackt, die er hinter der Theke parat hielt. Es war nicht empfehlenswert, in diesem Etablissement Münzen aus der Kasse mitgehen lassen zu wollen.

Greathouse mischte sich ein, um die Frage zu parieren: »Viel zu viel, finde ich.«

Stille.

Dann stellte Bonehead Boskins langsam seine Tasse hin und richtete seinen Blick auf Greathouse. Boskins sah jetzt ganz und gar wie ein Mann aus, der weder zu betrunken noch zu dumm, aber vielleicht gerade genug von beidem war, um Streit zu suchen. Er schien in der Tat davon überzeugt zu sein, Seitenhiebe austeilen zu können; geradezu erpicht darauf zu sein. »Ich hab mit dem jungen Helden gesprochen«, sagte er. »Nicht mit Euch, alter Mann.«

Ja, dachte Matthew, während sein Herz zu rasen begann und sein Gedärm sich verkrampfte. Ich habe richtig getippt. Der Verrückte hatte sie hergebracht, damit sie in Handgreiflichkeiten verwickelt wurden. Es reichte nicht, dass Matthew in seinen anstrengenden Fechtstunden, dem Zeichnen von Landkarten, dem Laden und Feuern von Pistolen, dem Reiten und ähnlichen für seine Arbeit erforderlichen Fertigkeiten sehr gute Fortschritte machte. Nein, er wurde in den unsinnigen Faustkämpfen, zu denen Greathouse ihn gezwungen hatte, nicht schnell genug besser. Denkt dran, hatte Greathouse oft wiederholt. Ihr greift mit Eurem Verstand an, bevor die Muskeln zum Einsatz kommen.

So wie es aussah, wurde Matthew jetzt der Verstand dieses großen Mannes vorgeführt. Möge Gott uns beistehen, dachte er.

Greathouse erhob sich. Noch lächelte er, auch wenn das Lächeln dünnlippiger geworden war.

Matthew machte eine neuerliche Kopfzählung. Der Fiedler hatte mit dem Geigekratzen aufgehört. War er ein Streicher oder Streiter? George und sein unbewusster Kamerad lagen noch immer mit den Köpfen auf dem Tisch, aber vielleicht würden sie beim ersten Schlagabtausch wieder zum Leben erwachen. Was Dippen Nack tun würde, konnte niemand sagen. Die schlampige Frau grinste. Ihre Schneidezähne hatte man ihr bereits ausgeschlagen. Baiter würde mit dem Nase abbeißen wahrscheinlich warten, bis Bonehead einen Kopf eingeschlagen hatte. Die fünf andern: Zwei sahen wie raubeinige Dockarbeiter aus, die Lust auf einen guten Kampf hatten. Die restlichen drei an einem der hinteren Tische trugen gute Anzüge, die sie vielleicht nicht beschädigen wollten und pafften Pfarrerspfeifen, auch wenn sie mit Sicherheit keine Gotteshirten waren.

Es konnte so oder so ausgehen, dachte Matthew, hoffte aber, dass Greathouse das Risiko zu berechnen wusste.

Statt auf Bonehead zuzumarschieren nahm Greathouse seine Mütze ab, zog sich den Mantel aus und hängte beides an Wandhaken. »Wir wollen hier nur ein Weilchen zusammensitzen. Wie ich schon sagte, wir erwarten jemanden. Weder Mr. Corbett noch meine Wenigkeit suchen Streit.«

Erwarten jemanden? Matthew hatte keine Ahnung, wovon er redete.

»Und auf wen wartet Ihr?« Bonehead lehnte sich an den Tresen und verschränkte seine dicken Arme. Eine Schulternaht drohte zu platzen. »Auf Eure Freundin Lord Cornloch?« Neben ihm fing Baiter zu kichern an.

»Nein«, erwiderte Greathouse. »Wir erwarten einen Mann, den ich möglicherweise für die Herrald Vertretung anheuern werde. Ich dachte mir, dass hier ein interessanter Ort für unser Treffen ist.« In diesem Moment ging die Tür auf. Matthew sah einen Schatten auf der Türschwelle, hörte schwere Stiefel, und Greathouse sagte: »Da ist er ja!«

Der Sklave Zed kam herein, mit einem schwarzen Anzug, weißen Strümpfen und einer weißen Seidenkrawatte bekleidet.

Bis auf kollektives Luftschnappen wurde es totenstill. Matthews Augen drohten ihm aus dem Kopf zu quellen, als er Greathouse mühsam ansah. Die Anspannung seiner Halssehnen brach ihm fast den Nacken. »Habt Ihr den Verstand verloren?«, brachte er heraus.

Ende der Leseprobe

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