MATTHEW CORBETT UND DIE HEXE VON FOUNT ROYAL (BAND 2)

4,99 19,95 

Robert McCammon

Thriller

Band 2
Reihe: Matthew Corbett

»… eine herausragende Geschichte, fesselnd und voller Spannung …« [Stephen King]

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Beschreibung


Geht eine Hexe in Carolina um? Das zumindest glauben die Bewohner der kleinen Stadt Fount Royal. Ihr Name ist Rachel Howarth, eine Fremde – wunderschön und mutig. Kein Wunder, dass sie von manchen Einwohnern gehasst wird und den meisten zumindest suspekt vorkommt.

Der fahrende Friedensrichter Isaac Woodward und sein scharfsinniger Gerichtsdiener Matthew Corbett sollen ihr den Hexenprozess machen. Die Beweise sind erdrückend: In ihrem Haus finden sich okkulte Hinweise, sie weigert sich, die Worte des Herrn zu sprechen, und Zeugen berichten von unaussprechlichen Dingen, die sie mit dem Leibhaftigen selbst begangen haben soll.

Aber Matthew zweifelt an den Anschuldigungen. Gibt es so etwas wie Hexerei wirklich? Und wenn Rachel tatsächlich wie ein Dämon durch die Nacht fliegen kann, wieso hat sie sich dann nicht längst selbst aus dem Gefängnis befreit?

In Fount Royal gehen noch weitaus rätselhaftere Dinge vor. Wer ermordete Rachels Ehemann? Wer wäre imstande, eine ganze Stadt zu paralysieren? Und wer würde davon profitieren, wenn die Hexe verbrannt würde?

Es tobt tatsächlich ein Kampf zwischen Gott und Teufel, zwischen Gut und Böse in dieser Stadt, und selbst die Unschuldigen sind nicht länger sicher. Schon bald muss sich Matthew Corbett mit Herz und Hirn dem wahrhaftigen Bösen stellen, das in Fount Royal umgeht …


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2017

Format

Hardcover mit Schutzumschlag / Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 500

ISBN

978-3-95835-230-8

eISBN

978-3-95835-231-5

Leseprobe


Matthew konnte das stürmische Meer tosen hören. Wellen schlugen gegen Inseln oder brachen sich auf Sandbänken vor dem Sumpf, durch den er sich jetzt mit großen Schwierigkeiten kämpfte. Vor ihm, fast schon außer Sichtweite, ging der mitternächtliche Herumschleicher: ein dunkler, sich bewegender Fleck in der Finsternis. Wäre da nicht der schwache orangefarbene Mond gewesen, dessen kümmerliches Licht eifersüchtig von den dahinjagenden Wolken gehortet wurde, hätte er ihn schon längst aus den Augen verloren.
Es war offensichtlich, dass der Mann nicht zum ersten Mal hier war, sondern vermutlich öfter herkam. Obwohl ihm keine Laterne den Weg leuchtete, ging er schnell und sicheren Fußes. Wegen des hüfthohen Sumpfgrases und Schlamms, der an den Schuhen saugte, war es schwierig und mühsam – aber Matthew schaffte es, ihm auf den Fersen zu bleiben.
Fount Royal hatten sie schon weit hinter sich gelassen. Matthew schätzte, dass sie sich mindestens eine Viertelmeile vom Wachturm entfernt hatten, an dem er dank einer Abkürzung durch das Kiefernwäldchen unbemerkt vorbeigekommen war. Falls der Wachmann nicht geschlafen hatte – was Matthew stark bezweifelte –, musste er zum Meer hinausgeschaut haben. Wer erwartete auch schon, dass sich mitten in der Nacht jemand aus der Stadt in diesen Morast wagen würde?
Der mitternächtliche Wanderer hatte ein klares Ziel vor Augen; eines, das seinen Füßen Flügel verlieh. Matthew hörte rechts von sich etwas im Gras rascheln. Es klang nach etwas Großem und Unheimlichem, sodass sich auch seine Schritte plötzlich beschleunigten. Im nächsten Moment jedoch erkannte er, dass der Sumpf sein schlimmster Feind war: Er marschierte in einen seichten Tümpel hinein, der seine Knie umfing und ihm fast die Beine unterm Leib wegzog. Seine Schuhe blieben auf dem Grund des Tümpels im Schlamm stecken, und es gelang Matthew nur mit äußerster Mühe, sich wieder zu befreien. Als er sich aus dem Wasser herausgekämpft hatte, bemerkte er, dass er die Gestalt, die er verfolgte, nicht mehr sehen konnte. Er ließ den Blick von rechts nach links und wieder zurück schweifen, doch inzwischen war es stockfinster geworden.
Immerhin wusste er, dass der Mann in ungefähr diese Richtung gegangen war. Er setzte sich wieder in Bewegung und passte besser auf, wohin er trat. Der Sumpf war wirklich ein tückischer Ort. Der mitternächtliche Herumschleicher musste schon oft hier gewesen sein, dass er so problemlos an all den Gefahren vorbeiging. Matthew nahm an, dass sich der Mann die sicherste Route aufgezeichnet und auswendig gelernt haben musste.
Nach drei oder vier weiteren Minuten konnte Matthew noch immer keine Bewegung in der Dunkelheit entdecken. Er warf einen Blick zurück und sah, dass sein Weg ihn um eine Landspitze herumgeführt hatte. Zwischen ihm und dem Wachturm, der jetzt wohl mehr als eine Meile entfernt war, lag ein schwarzer Waldstreifen aus Kiefern und Sumpfeichen. Vor ihm erstreckte sich nur noch mehr Sumpf. Er versuchte sich zu entscheiden, ob er umdrehen oder weitergehen sollte. Hier draußen war alles undurchdringlich schwarz und finster – was konnte er schon erreichen? Ein paar Schritte ging er trotzdem noch, und hielt dann an, um den Horizont zu betrachten. Mücken tanzten ihm um die Ohren, waren auf der Suche nach Blut. Im Schilf quakten Frösche. Von einem anderen Menschen war keine Spur zu sehen.
Warum trieb sich jemand hier herum? Zwischen Matthews Fußabdrücken und der Stadt Charles Town ließ sich in dieser trostlosen Wildnis kaum eine einzige zivilisierte Menschenseele finden. Was also wollte diese geheimnisvolle Gestalt hier?
Matthew schaute zu den Sternen empor. Der Himmel war so endlos und der Horizont so weit, dass man sich fürchten konnte. Das Meer war wie ein eigener, finsterer Kontinent. Als er so an diesem Küstenstreifen stand, die unerforschte Welt in seinem Rücken, wurde Matthew bange. Es war, als würden sein inneres Gleichgewicht und sein Platz auf dieser Erde von der endlosen Weite herausgefordert. Plötzlich verstand er, warum Menschen das Bedürfnis hatten, Dörfer und Städte zu bauen und sie mit Palisaden zu umringen: Es war nicht nur, um sich vor den Indianern und wilden Tieren zu schützen, sondern auch, um sich die Illusion von Kontrolle in einer Welt zu erhalten, die zu groß war, um gezähmt zu werden.
Dann wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Auf dem Meer blinkten zweimal zwei Lichter auf.
Matthew hatte gerade wieder nach Fount Royal zurückgehen wollen, aber jetzt blieb er wie angewurzelt stehen. Ein paar Sekunden verstrichen. Dann blinkten die beiden Lichter erneut.
Was als Nächstes passierte, brachte Matthews Herz fast zum Stocken. Keine fünfzig Meter von ihm entfernt tauchte eine helle Laterne auf, die in die Luft gehoben wurde. Die Laterne schwankte hin und her, und verschwand mit einem Mal. Matthew vermutete, dass der rätselhafte Mann sie unter seinem Mantel verbarg, und dass er sich zuvor hingekauert haben musste, um ein Streichholz und dann die Kerze anzuzünden. Oder dass er das unter seinem Mantel gemacht hatte. Wie auch immer – er hatte damit auf das Lichtsignal vom Meer geantwortet.
Vorsichtig duckte Matthew sich ins Sumpfgras, bis er gerade noch etwas sehen konnte. Er wollte näher ans Geschehen heran und begann, sich leise und wachsam auf die Stelle zuzubewegen, an der die Laterne aufgeleuchtet hatte. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass er, falls er in dieser geduckten Stellung auf eine Giftschlange treten sollte, in eine äußerst sensible Stelle gebissen werden würde. Er konnte sich dem Mann im dunklen Mantel bis auf dreißig Fuß nähern. Dann war er gezwungen anzuhalten, weil das hohe Gras dort aufhörte. Der Mann stand auf festem Sand, nur ein paar Meter von den schäumenden Wellen des Atlantiks entfernt. Er wartete auf irgendetwas. Sein Gesicht war dem Meer zugewandt, seine Laterne unter dem Mantel versteckt.
Auch Matthew wartete. Nach ungefähr zehn Minuten, während derer der Mann ungeduldig hin und her ging, ohne sich weit von seinem Standposten zu entfernen, konnte Matthew einen schemenhaften Umriss auf dem dunklen Meer ausmachen. Erst kurz bevor es das Ufer erreichte, erkannte Matthew, dass es sich um ein schwarz oder dunkelblau gestrichenes Ruderboot handelte. Drei Männer waren an Bord, alle in dunkle Sachen gekleidet. Zwei von ihnen sprangen in die Brandung und zogen das Boot an den Strand.
Matthew wurde klar, dass das Ruderboot von einem größeren Schiff weiter draußen auf dem Meer gekommen sein musste. Ich habe den Spitzel der Spanier gefunden, dachte er.
»Seid gegrüßt!«, rief der Mann, der im Ruderboot geblieben war – und der sich alles andere als spanisch anhörte, sondern vielmehr so, als stammte er aus Gravesend, England. Er kletterte aus dem Boot auf den Sandstrand. »Wie geht\’s?«
Der nächtliche Wanderer aus Fount Royal antwortete mit so leiser Stimme, dass Matthew kein einziges Worte ausmachen konnte.
»Sieben diesmal«, meinte der Ruderbootpassagier. »Das sollte Euch reichen. Schafft sie raus!« Der Befehl richtete sich an die beiden anderen Männer, die nun etwas, das wie Holzeimer aussah, aus dem Boot zutage förderten. »Gleiche Stelle?«, fragte er den Mann aus Fount Royal, der daraufhin nickte. »Ihr seid ein richtiges Gewohnheitstier, was?«
Der Mann holte die Laterne aus seinem Mantel, und im gelben Kerzenschein konnte Matthew sein Profil erkennen. »Ich bin ein Mann mit guten Gewohnheiten«, erwiderte der Stadtverwalter Edward Winston streng. »Hört auf zu schwätzen – vergrabt das, und fertig!« Er senkte die Laterne, mit der er dem anderen Mann zu verstehen gegeben hatte, dass ihm nicht nach trödeln zumute war.
»Gemach, gemach!« Der Mann langte ins Boot und holte zwei Schaufeln heraus, mit denen er bis zu der Stelle den Strand überquerte, an der das hohe Sumpfgras begann. Kaum fünfzehn Fuß von Matthew entfernt, an einer Stelle, an der stachelige Sägepalmen wuchsen, blieb er stehen. »Hier wollt Ihr sie haben?«
»Das passt schon«, sagte Winston, der ihm gefolgt war.
»Bringt sie rüber!«, befahl der andere seinen Männern. »Und zwar flott, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!« Die anscheinend versiegelten Eimer wurden an die Stelle bei den Palmen gebracht. Der Ruderbootpassagier gab den Männern die Schaufeln, die auch sogleich zum Einsatz kamen.
»Ich weiß, wo noch eine dritte Schaufel ist«, sagte Winston. »Ihr könntet sie benutzen, Mr. Rawlings.«
»Ich bin doch keine verdammte Rothaut!«, gab Rawlings scharf zurück. »Sondern ein Dieb!«
»Dem möchte ich widersprechen. Ihr seid ein Indianer, und Mr. Danforth ist Euer Häuptling. Ich würde Euch vorschlagen, dass Ihr für das Geld von ihm auch einen Handschlag leistet.«
»Die paar Münzen, Sir! Für diese Arbeit heute Nacht ist das äußerst wenig!«
»Je schneller alles vergraben ist, desto schneller könnt Ihr wieder gehen.«
»Wozu überhaupt was vergraben? Wer soll denn schon herkommen und das finden?«
»Sicher ist sicher. Stellt einen Eimer beiseite und vergrabt die anderen. Und zwar ohne Widerworte.«
Rawlings brummelte leise vor sich hin, griff in das Palmengestrüpp und zog eine Schaufel mit kurzem Stiel heraus, die dort versteckt gewesen war. Matthew sah, wie Rawlings im gleichen Rhythmus wie seine Männer zu graben begann. »Und wie ist das jetzt mit der Hexe?«, fragte er Winston während des Schaufelns. »Wann wird sie gehängt?«
»Gehängt wird sie nicht. Sie kommt auf den Scheiterhaufen. Ich denke, in den nächsten Tagen.«
»Damit seid Ihr dann auch fertig, was? Ihr und Danforth!«
»Kümmert Euch besser ums Schaufeln«, fuhr Winston ihn an. »Allzu tief muss es nicht sein, aber es muss gut zugeschüttet werden.«
»Ist ja gut! Macht weiter, Jungs! Wir wollen ja nicht mehr Zeit als nötig in diesem Teufelsland verbringen.«
Winston grunzte. »Ob hüben oder drüben – es ist doch alles Teufelsland, oder?« Er klatschte sich auf die linke Seite seines Halses und erschlug damit einen kleinen Blutsauger.
Es dauerte nicht lange, bis im Sand ein Loch entstand, in welches sechs der Eimer versenkt und gleich darauf zugeschaufelt wurden. Rawlings verstand sich gut darauf, so zu tun, als würde er schwer arbeiten: Sein Gesicht verzerrte sich, sein Atem ging in Stößen – aber angesichts der kleinen Menge Sand, die von seiner Schaufel bewegt wurde, hätte er genauso gut einen Löffel in der Hand halten können. Als die Eimer vergraben waren, trat Rawlings einen Schritt zurück, wischte sich mit dem Arm übers Gesicht und sagte: »Wunderbar, wunderbar!«, als würde er sich selbst zum vollendeten Werk beglückwünschen. Er stellte seine Schaufel zurück ins Versteck in den Palmen und grinste Winston breit an, der schweigend zugeschaut hatte. »Das war dann wohl die letzte Fuhre!«
»Ich denke, dass wir noch einen Monat lang weitermachen sollten«, sagte Winston.
Rawlings verging das Grinsen. »Wozu braucht Ihr denn noch mehr, wenn sie verbrannt wird?«
»Da wird es schon noch Gründe geben. Sagt Mr. Danforth, dass ich zur verabredeten Stunde hier sein werde.«
»Wie Ihr wünscht, Majestät!« Rawlings verbeugte sich übertrieben und die beiden anderen Männer lachten. »Sonst noch irgendwelche Botschaften, die wir dem Königreich übermitteln sollen?«
»Unsere Zusammenarbeit ist hiermit beendet«, sagte Winston kalt. Er hob den siebten Eimer am Drahtgriff an, der beiseitegestellt worden war, und drehte sich abrupt in Matthews Richtung um. Matthew duckte sich sofort und drückte sich ins Gras.
»Ich hab noch nie \’ne Hexenverbrennung gesehen!«, rief Rawlings Winston hinterher. »Seht zu, dass Ihr hingeht, damit Ihr mir alles erzählen könnt!«
Winston antwortete nicht. Er marschierte weiter. Erleichtert stellte Matthew fest, dass sich Winston zehn oder zwölf Fuß von ihm entfernt in westlicher Richtung davon bewegte. Schließlich war er mit seiner tiefgehaltenen Laterne an Matthew vorbei. Die Kerze würde er vermutlich schon lange löschen, bevor er sich dem Wachturm näherte, vermutete Matthew.
»Das arrogante Arschloch! Den kann ich mit dem kleinen Finger umlegen!«, prahlte Rawlings, nachdem Winston außer Hörweite war.
»Den kannst du mit deinem gottverdammten Atem umlegen!«, sagte einer der Männer. Der andere lachte.
»Da hast du recht! Also dann, lasst uns die elendige Nussschale wieder ins Wasser schieben! Gott sei Dank haben wir heute Nacht wenigstens den richtigen Wind!«
Matthew hob den Kopf und sah, wie die Männer zu ihrem Ruderboot gingen. Sie schoben es ins Wasser. Rawlings kletterte als erster an Bord, gefolgt von den beiden anderen. Dann wurden die Ruder angepackt – allerdings nicht von Rawlings – und das Boot bewegte sich durch die Brandung, bis es bald darauf von der Dunkelheit verschluckt wurde.
Matthew wusste, dass er vielleicht ein Anzeichen für ein größeres, vor Anker liegendes Schiff sehen würde, wenn er lange genug wartete. Vielleicht das Aufblitzen eines Streichholzes, mit dem eine Pfeife angesteckt wurde, oder ein vom Mondschein erfasstes Segel. Aber ihm fehlten sowohl die Zeit als auch die Motivation, um so lange zu warten. Ihm reichte das Wissen, dass ein Ruderboot für die Seefahrt ungeeignet war.
Er schaute in die Richtung, in die Winston verschwunden war: nach Fount Royal. Kaum, dass er sich versichert hatte, nun tatsächlich allein am Strand zu sein, ging Matthew aus der Defensive in die Offensive über. Er suchte die frisch umgegrabene Stelle, an der die Eimer verscharrt worden waren, und packte die versteckte Schaufel am Stiel – jedoch nicht, ohne sich erst an den Stechpalmen zu verletzen.

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