Buchcover:
Neuerscheinung

Machete – Der Passat-Killer von Hawaii

INHALTSBESCHREIBUNG


Während ihres Urlaubs auf Hawaii bittet man Gerichtsmedizinerin Dr. Jessica Coran, bei den Ermittlungen im Zusammenhang mit einem Serienkiller zu helfen.

Sie nennen ihn den Passat-Killer. Seine Opfer sind junge, schöne, hawaiianische Mädchen, seine Waffe eine lange, rasiermesserscharfe Klinge. Sein Vorgehen scheint überlegt, präzise, ritualistisch und beinahe religiös motiviert zu sein.

Jessica hat bereits mit einigen Serienmördern Erfahrungen sammeln können, ist ihnen oft gefährlich nahe gekommen. Nun zwingen sie die Nachforschungen, tief in die Unterwelt Hawaiis abzutauchen, an Orte, wo auch ihre FBI-Marke sie nicht mehr beschützen kann …

Kapitel 1

Hawaii, die Insel Oahu, am Rande von Honolulu, nahe des Kraters des Koko Head

01:35 Uhr, 12. Juli 1995

 

Er liefert eine schlechte Elvis-Imitation ab und schmachtet den Text von »Don’t be cruel!«, während es aus dem Lautsprecher seines Autoradios dröhnt, auf Hawaiis angesagtestem Rock-Sender, KBHT – »Hot Hawaii!« Kichernd unterbricht er sich selbst und sagt: »Zu spät, hey, Kelia Süße … zuuu spät für ›Don’t be cruel‹, oder, Baby?«

Sein eigener Kalauer und die Ironie des Elvis-Songs bringen ihn zum Lachen, er greift nach seiner Beifahrerin, hebt den entstellten Kopf von der blutverschmierten Brust und blickt in die leeren Augen des toten Mädchens, das er Kelia nennt. Einen Moment sinniert er über die Tatsache, dass ihre Hände fehlen, beide an den Handgelenken abgetrennt. Er kann sich nicht erinnern, sie abgeschnitten zu haben, oder, falls ja, ob er sich die Zeit genommen hat, die Hände auf Eis zu legen. Wenn nicht, wird er sich später darum kümmern, sobald er wieder zu Hause ist. Lopaka erinnert sich kaum an Dinge, die er während des Akts selbst tut; er kann sich die Einzelteile nur nach langen Phasen der Depression und wochenlangen Flashbacks zusammenstückeln. Wenn er sich, selbst Monate danach, die Hände des toten Mädchens ansieht, durchlebt er die ganze Erfahrung noch einmal, das Einzige, was ihm, abgesehen von einem weiteren Kill, Erleichterung von seiner Depression verschafft, wenn auch nur zeitweise. Und er glaubt nicht, dass die Götter wirklich ein Paar Hände vermissen werden.

Kelia, sagte er in Gedanken zu dem toten Mädchen neben sich, du bist so gut für mich, jetzt und für immer … ein berührender Gedanke mit Elvis als Untermalung, denkt er.

Bei Kelia hat er sich die ganze Nacht Zeit genommen und nun ist der Moment gekommen, sie auf die andere Seite zu schicken. Er ist sicher verborgen in der mondlosen hawaiianischen Nacht und dem schwarzen Innenraum des Buick. Wieder starrt er in die toten, leeren Augen. In den Abgrund zu starren, in die Iris des Todes, gehört dazu, sagt er sich.

Elvis wird abgelöst durch einen Neil-Diamond-Song: »You got the way to move me.« Der Cowboy singt im Gleichklang mit Diamond und seine heisere Stimme übertönt den sanften Gesang. »You got the way to move me … you got the way to move me … ahhhh, ahhhh, auuuuu!«

Die Passatwinde fegen schon seit Wochen über die Insel Oahu und die Hauptstadt Honolulu. Der kraftvoll streichelnde Wind, eine endlose, wirbelnde Brise, hatte hoch auf dem Gipfel des Mount Haleakala auf dem benachbarten Maui seinen Ausgang genommen und war mit voller Kraft hier angekommen. Doch dieser endlose Windhauch wird von den Touristen willkommen geheißen, denn man kann wunderbar unter freiem Himmel am Meer essen gehen, im Mondlicht am Strand und durch die Palmenalleen spazieren und sich auf dem Balkon lieben, ohne die nervenden Insekten, die vom Passat hinweggefegt werden. Es ist derselbe Wind, der ihm zu töten befiehlt, wieder und wieder.

In der trostlosen Finsternis eines mondlosen Himmels rüttelt der Wind an den Bäumen, die entlang des lavendelfarben beleuchteten Ala Moana Roadway stehen. Der Passat scheint den Wagen fast von der Straße heben und herumwirbeln zu wollen. Die Böen sind so stark, dass er beinahe den Eindruck hat, es sei der beißende Atem eines uralten, tyrannischen Inselgottes, vielleicht Kaneloa, den die christliche Tradition Satan nennt. Vielleicht will der große Kaneloa Lopaka wissen lassen, dass er seine nächtliche Arbeit gutheißt. Seelenvolle Stimmen tönen aus dem »langen« Wind, der von mauka herabweht, der Bergseite der Insel, wie immer zu dieser Jahreszeit, und sprechen deutlich von den kapus, den Tabus, die im Laufe der Zeit gebrochen wurden.

Er fährt auf die wartenden Lippen der hungrigen See zu, die die Überreste seines Opfers aufsaugen werden. Vielleicht ist es nicht der Wind, der ihm zu töten befiehlt, vielleicht ist es Gott.

Wo die kleinere Straße sich von der Interstate trennt, biegt er mit dem Wagen auf den Kalanianaole ein, laut Schild Highway 72, der Hauptverkehrsweg durch Honolulu und durch Oahus makai oder südliche Seeseite.

Zielstrebig, doch gleichzeitig wie im Traum, fährt er das steile Kliff hinauf, das über der Hanauma Bay liegt, fünfzehn Meilen südlich von Honolulu. Etwa drei Meilen weiter wird er an der südlichsten Spitze von Oahu angekommen sein, am Touristentreff namens Blow Hole, bei Tag häufig besucht, in der Nacht verlassen. Hier, am Spalt im vulkanischen Felsen, der in einem riesigen Vorsprung über den Pazifik ragt, wird er die Leiche des Mädchens ins Meer werfen.

Der Pazifik rollt mit solcher Kraft in den Eingang der Höhle dort, dass es das Wasser himmelwärts durch das sogenannte Blow Hole treibt, das dadurch wie das Atemloch eines Wals wirkt, und der beeindruckende Geysireffekt schleudert es über sieben Meter in die Höhe. Dieser spektakuläre Tanz zwischen Wasser und Land erzeugt in der Höhle eine solche Kraft, dass jedes Objekt, das man hineinwirft, wie etwa ein menschlicher Körper, sofort bis zur Unkenntlichkeit pulverisiert wird. Das zerstört auch praktischerweise in Minuten alle Beweise für sein Verbrechen, so wie früher schon.

Die Kleidung des Mädchens, zusammengebunden in einem weichen, blutigen Bündel, wird er anderswo entsorgen. Sie wird die Welt verlassen, wie sie sie betreten hat, ohne irgendetwas am Leib, das sie als die Hure und Prostituierte identifizieren konnte, die sie gewesen war. Eine Hure aus Honolulu.

»Ja«, murmelt er, während er auf den gleichmäßig asphaltierten Parkplatz rollt, von dem aus man das Blow Hole sehen kann, »der Passat hat aufgefrischt.«

Als er aus dem Auto steigt, fegt ihm der Wind zuerst wie ein verspieltes Haustier um die Beine, das ihn dazu ermuntern will, seine Arbeit zu Ende zu bringen, im nächsten Moment ist er in seinem Rücken wie die Hand eines wohlmeinenden Vaters, der ihm von hinten einen festen Schubs gibt. Wenn Kelia am Leben wäre und den Wagen umrunden würde, um zu ihm zu kommen, würde der Wind ihr Kleid so weit hochwehen, dass nichts verborgen bliebe. All die Huren auf Honolulu gestatten es dem Wind, die Ware freizulegen. Aber sie läuft nicht mehr, redet nicht mehr und schreit nicht mehr wie in der Nacht zuvor.

 

01:40 Uhr, Koko Head Road

 

Officer Alan Kaniola war auf Streife an der Waialae Road, dem alten Hauptverkehrsweg, der aus der Stadt in Richtung des südlichen Endes von Oahu hinausführt. Er hatte einen nicht besonders ungewöhnlichen Bericht über etwas erhalten, was nur ein Streit auf der Straße gewesen zu sein schien und eine mögliche Entführung. An einem Ort war ein Streit zwischen Mitfahrern in zwei verschiedenen Fahrzeugen über einen leichten Unfall ausgebrochen und an einer anderen Stelle am Ala Wai Boulevard, so der Bericht, war eine junge Frau grob und offensichtlich gegen ihren Willen in einen Wagen gezerrt worden. Man konnte davon ausgehen, dass es eine Streitigkeit zwischen Geliebten war oder eine Auseinandersetzung zwischen einer Hure und ihrem Zuhälter, aber wer wusste das schon? Es gab wenig, um den Wagen oder den Angreifer zu identifizieren, und das hörte sich nicht nach irgendeinem Zuhälter an, den Kaniola kannte. Das Auto wurde als unscheinbar beschrieben, dunkle Farbe, braun oder weinrot, leicht getönte blaue Scheiben, eine verschrammte Karosserie, aber ein getunter Motor, ein Wagen, der keine besonderen Merkmale aufwies.

Und hier hatte er also eine weinrote Limousine vor sich, einen schlecht gepflegten Buick, der in Richtung Koko Head fuhr, eine vulkanische Landzunge am südlichen Ende der Insel. Das Auto fuhr relativ schnell und irgendetwas daran weckte Kaniolas Neugier. Er gab seine Position per Funk durch und sagte der Zentrale, er folge einem verdächtig aussehenden Wagen, und während er es noch aussprach, fragte er sich, wie ein Auto wohl verdächtig aussehen konnte.

Er wurde von einem anderen Streifenpolizisten angefunkt. Thom Hilani, ebenfalls ein hawaiianischer Cop. Hilani war ein großer, kräftiger Motorradcop, und er hatte ebenfalls den zu schnell fahrenden Wagen bemerkt, der in Richtung Koko Head unterwegs war. Hilani schloss sich Kaniola an und sagte, er werde ihm Rückendeckung geben. Die Nacht war ruhig, abgesehen vom Knistern des Funkgeräts und dem Geräusch des Windes in den Kokospalmen und den Regenbäumen. Am Tag war die Strecke wunderschön, mit den blendend weißen Stränden und dem endlosen smaragdgrün-blauen Ozean unten in Hanauma Bay, die zwischen zwei Landzungen lag, die in den Pazifik ragten. Zu dieser Stunde wirkte die Strecke ganz anders. Es gab keine Straßenbeleuchtung, die dem Streifenwagen den Weg wies, während er sich den Berg hinaufschlängelte und die Lichter von Honolulu immer weiter hinter sich ließ. Kaniola mochte das Hinterland von Hawaii und kannte die Straßen in- und auswendig. Er war schon oft in den Bergen wandern gewesen.

Irgendwann verlor Alan Kaniola auf den gewundenen, aufwärts führenden Serpentinen von Koko Head den verfolgten Wagen aus den Augen. Auf dem Parkplatz, der einen Blick auf die Bucht und das berühmte Blow Hole bot, wäre er fast daran vorbeigefahren.

Er stoppte den Streifenwagen abrupt, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr gerade rückwärts, als Hilanis Motorrad um die Kurve kam und beinahe mit ihm kollidiert wäre. Hilani fluchte aus dem Funkgerät und drückte auf die Hupe. »Gib denen mal unsere Position durch, Hilani«, sagte Joe zu dem anderen Officer.

So viel zum Thema Überraschungsmoment, dachte Kaniola. Nachdem er mit Officer Hilani geredet hatte, bog Joe auf den Parkplatz, der am Tag mit Touristenbussen und Autos in allen Größen und Farben vollgestopft war, was das Parken dort zu einem gefährlichen Unterfangen machte. Hier kämpften normalerweise Busladungen von Touristen um den besten Platz am künstlich angelegten Pfad und dem Geländer, um das berühmte Blow Hole etwa 30 oder 40 Meter unter ihnen zu sehen, wobei ihre Kameralinsen von der Gischt beschlugen.

Die meisten Touristen waren schlitzäugige Japsen, lamentierte Kaniola. Wie die meisten Hawaiianer empfand er einen latenten Hass auf die Japaner und ihre Attacke auf Pearl Harbor, bei der viele Zivilisten und amerikanische Soldaten umgekommen waren. Kaniolas Großvater war eines der Opfer der Attacke gewesen, und die Geschichten, die sich um diesen Tag rankten, waren noch so frisch wie der Fang von gestern. Jungen Hawaiianern und Halb-Hawaiianern brachte man bei, sie sollten niemals den Verrat der Japaner vergessen, egal wie viel Trinkgeld sie gaben. Für hawaiianische Jungen und Mädchen, die halb Japaner waren, war das verwirrend.

Heutzutage war Hawaii so etwas wie das Rio de Janeiro der Südsee, ein Spielplatz für reiche Japaner, die jedes Jahr in größerer Zahl auf den Inseln einfielen. Japanische Paare heirateten sogar auf den Inseln und verbrachten ihre Flitterwochen dort, nur um die enormen Kosten einer Hochzeit in der Heimat zu sparen, denn wenn sie in Japan heirateten, mussten sie jedes einzelne Mitglied der häufig weitverzweigten Familien beider Partner einladen. Es war jedoch nicht unehrenhaft, nach Hawaii durchzubrennen … in letzter Zeit waren viele Grundstücke in die Fänge reicher japanischer Geschäftemacher gefallen und das hatte in großem Umfang den historisch bedingten wirtschaftlichen Würgegriff der Weißen auf die Ressourcen und den Reichtum Hawaiis abgelöst. Gleichzeitig gehörten den Ureinwohnern von Hawaii wenig oder gar keine bleibenden Werte in ihrer eigenen Heimat, sie waren größtenteils durch die englischen und amerikanischen haoles Jahrzehnte vorher entrechtet worden. Doch wie die meisten Hawaiianer gab Kaniola den Amerikanern und Briten den Vorzug gegenüber den Japsen. Alles in allem waren jedoch wenige Vollblut-Hawaiianer so glücklich, wie es in den Reiseführern und Birnbaum’s Guide to Paradise dargestellt wurde.

Viele fanden Trost im Alkohol und im Vergessen. Andere arbeiteten hart, um sich westliche Konsumgüter zu leisten, sich dem Lebensstil der Weißen anzupassen, und wenn schon nicht reich, dann wenigstens in der Lage zu sein, in einer immer gefährlicher werdenden Welt für die eigenen Kinder zu sorgen. Andere hielten den Humor der Ureinwohner, mitunter finster und bissig, für das beste Mittel gegen den westlichen Fortschritt, der seit langem Oahu und besonders Honolulu, das Miami des Südpazifik, in seinen Fängen hatte.

Alan Kaniola war zwei Jahre auf dem College gewesen, bevor er sich an der Polizeiakademie einschrieb, weil er sich selbst und seiner kleinen fünfköpfigen Familie einen gewissen Wohlstand sichern wollte. Normalerweise genoss er seine Arbeit und musste selten gegen irgendjemanden Gewalt anwenden. Die Autorität der Uniform genügte meist. Aber die Verbrechensrate von Honolulu stieg jedes Jahr und lag kaum noch unter der auf dem Festland. Wenn es nötig war, dann wurde er mit den toughesten Straßenkämpfern und den Seeleuten aus Pearl Harbor auch auf Augenhöhe fertig. Er mochte es besonders, amerikanische Seeleute und japanische Touristen festzunehmen, aber immer, wenn er das tat, rügten ihn seine Vorgesetzten, er sei zu hart mit ihnen umgesprungen. Vermutlich hatte ihn das zusammen mit seiner Abstammung darum gebracht, letzten Monat zum Detective befördert zu werden.

»Ist viel sicherer, einen Chinesen zu verhaften oder eine japanische Prostituierte«, hatte er einmal zu seinem Vater gesagt, der eine kleine Zeitung auf Hawaiianisch herausbrachte, die sich für den Schutz der Interessen der Eingeborenen und der Umwelt engagierte. Der Name war The Ala Ohana, Der Weg der Großfamilie, und sie war eine der letzten ihrer Art. Sein Vater war altmodisch und ein Träumer, immer das Gesicht dem Mond zugewandt, dachte Kaniola.

Alan nutzte den Suchscheinwerfer seines Streifenwagens, um das verlassen wirkende Fahrzeug in einen hellen Lichtstrahl zu tauchen, stieg behutsam aus dem Auto aus und bewegte sich langsam und mit der gebotenen Vorsicht auf den dunklen Buick zu. Es schien niemand darin zu sein. Thom Hilani trat auf die andere Seite des Wagens, beide Männer bewegten sich lautlos und schweigend.

Sie bemerkten gleichzeitig das Bündel verschmutzter Kleidung auf dem Rücksitz. Es waren auch mehrere dunkle Flecken auf einer Decke auf dem Beifahrersitz. Hilani wollte nach dem blutigen Bündel auf dem Rücksitz greifen, die Fenster waren weit geöffnet, aber der erfahrenere Cop hielt ihn zurück, nahm die Kleidung selbst in die Hand und roch das kupferne Aroma des purpurfarbenen Flecks. Ihm war sofort klar, es war Blut. So frisch, dass seine Hand feucht wurde. »Geh zurück zum Motorrad, Thom, und rufe Verstärkung. Ich glaube, wir haben vielleicht den Passat-Killer geschnappt.«

»Kein Scheiß, yeh, auwe, heh? Vielleicht, was? Da werden die okole-Löcher in der Zentrale aber Augen machen, verdammt, Mann!« Thom verfiel stets in den simplen Rhythmus des Pidgin-Englisch, wenn keine haole-Cops in der Nähe waren, die es hören konnten.

»Beeil‘ dich, hol‘ Hilfe, Thom. Der Kerl könnte bewaffnet sein.«

Ein Knall war zu hören und Hilani schlug so hart auf dem Boden auf, dass Alan Kaniola hören konnte, wie der Schädel seines Freundes brach. Kaniola versuchte die Richtung zu bestimmen, aus der der Schuss gekommen war, aber die Schwärze um ihn herum war undurchdringlich und ihm wurde klar, dass er vor den Scheinwerfern seines eigenen Wagens als perfekte Silhouette erkennbar war. Er hechtete genau in dem Moment in Deckung, als der zweite Schuss ertönte.

Er wurde nicht getroffen. Wenn er nur an sein Funkgerät kommen und Hilfe rufen könnte. Die Entfernung zwischen dem Buick und seinem Funkstreifenwagen war zu groß. Er musste sich schnell etwas einfallen lassen.

Der Killer war wohl irgendwo auf dem Fußweg zum Blow Hole. Wahrscheinlich entsorgte er die Überreste seiner Nachtschicht, eine Leiche. Guter Ort, um sich einer Leiche zu entledigen, dachte der Polizist. Verflucht cleverer Bastard. Er versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen, konzentrierte sich auf den Beginn des Pfades und feuerte auf das, was der Umriss eines Mannes zu sein schien. Ein weiterer Schuss traf Kaniola in die rechte Schulter und die Wucht des Treffers riss ihm die Waffe aus der Hand. Hilflos lag er neben dem Fahrzeug des Verdächtigen, blutend und geschwächt, und umklammerte die blutige Kleidung, die er immer noch in der linken Hand hielt, presste sie in die Wunde und bemühte sich verzweifelt, nicht ohnmächtig zu werden.

Er hörte, wie sich die Schritte des Mannes näherten, und hinter der Stoßstange des Buick sah er ein Paar Stiefel mit silbernen Spitzen, die den Wagen umrundeten. Kaniola hatte kein Gefühl in der rechten Hand, trotzdem griff er nach der versteckten Waffe, die er um seinen Fußknöchel geschnallt trug. Seine Hand fühlte sich wie ein Stumpf an. Er konnte spüren, wie mit seinem Blut die Kraft den Körper verließ. Seine Fingerspitzen hatten gerade die zweite Waffe erreicht, als der Stiefel des Mannes brutal auf seine Hand trat.

Der Killer stand über ihm, grinsend, ein Lachen wie das Bellen eines Schakals platzte aus ihm heraus. Seine Gesichtszüge wirkten durch das Spiel von Licht und Schatten finster und verzerrt. Kaniola sah dem Mann in die dunklen, verstörenden Augen, und mit einem Funken Hoffnung stellte er sich vor, dass Thom aufstand, zielte und den Irren tötete. Stattdessen sah Kaniola einen Blitz, die Reflexion einer riesigen Zuckerrohrmachete. Die wuchtige Klinge schlitzte mit Leichtigkeit Kaniolas breiten dunklen Hals auf und bedeckte ihn und seinen Hemdkragen mit Blut.

Der Killer riss Kelias blutige Kleidung aus der verkrampften Faust des toten Cops und legte sie zusammen mit der großen Zuckerrohrmachete in die Sicherheit seines Wagens zurück. Er konnte nicht wissen, wie viele weitere Bullen unterwegs waren. Also sprang er schnell in den Wagen und steuerte ihn mit durchdrehenden Reifen vom Parkplatz. Die toten Cops überließ er ihren Göttern. Er hatte nicht gewollt, dass es so weit kam, aber sie hätten ihn nicht hierher verfolgen sollen. Sie hatten sich das selbst eingebrockt, sagte er sich.

Er drehte das Radio auf und suchte einen Sender, der sanfte hawaiianische Volksmusik spielte, so beruhigend und so real. Er vergaß den Vorfall mit den beiden Polizisten und durchlebte stattdessen in seinem Geist erneut, wie er das Mädchen hatte leiden lassen für das, was sie getan hatte.

Die große Zuckerrohrmachete war vor dem Glitzern ihrer kleinen, schwarzen, hawaiianischen Augen brutal, gigantisch und glänzend gewesen. Jetzt war kein Licht mehr in diesen Augen, nichts übrig von ihrem geschmeidigen kleinen Körper, den Beinen mit der samtweichen Haut oder dem frivolen Mundwerk, alles dank der See.

Nur noch eine Handvoll mehr, ermahnte er sich schweigend.

Ende der Leseprobe

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