Buchcover:

Knuckleduster

von Andrew Post

»Ein wunderbarer Noir-Sci-Fi-Roman … Wer Detektivgeschichten mag, welche nicht immer geradlinig verlaufen, der hat hier einen kleinen Geheimtipp. [SciFi-News]

INHALTSBESCHREIBUNG


Brody ›Knuckleduster‹ Calhoun ist ein Gangster, darauf spezialisiert, gewalttätige Ehemänner aufzuspüren und zusammenzuschlagen. Auf diese Weise verdient er sich das Geld für die teuren Batterien, mit denen seine speziellen Karotin-Linsen angetrieben werden. Denn ohne diese ist er blind, seit er das Augenlicht während seiner Zeit beim Militär verlor.

Für Fremde ist er einfach nur ein Junkie mit seltsamen, orangefarbenen Augen.

Für die Polizei ist er ein Wiederholungstäter mit einem beachtlichen Vorstrafenregister – über siebzehn Fälle von schwerer Körperverletzung, alle mit einer tödlichen Waffe ausgeführt: seinem Schlagring.

Als Brody einer Einladung seines alten Freundes Thorp Ashbury ins ländliche Illinois folgt, ahnt er noch nicht, welche Ereignisse er damit in Gang setzt. Thorps Schwester wird vermisst, und Brody nutzt die Chance, auf diese Weise der Gewalt der Stadt zu entfliehen. Doch seine Suche nach dem vermisstem Mädchen führt ihn auf die Spur einer erschreckenden Verschwörung, die die Grundfesten all dessen erschüttert, woran er bisher geglaubt hat. Eine Verschwörung, die Brody zwingt, sich seiner eigenen Zukunft zu stellen.

Pressestimmen

Knuckleduster ist ein echter Page-Turner. Von der ersten Seite an wird man in die Geschichte und in die dunkle und beängstigende Welt hineingezogen.

Anja S., Amazon

Ein wunderbarer Noir-Sci-Fi-Roman … Wer Detektivgeschichten mag, welche nicht immer geradlinig verlaufen, der hat hier einen kleinen Geheimtipp.

SciFi-News

Die Zukunfts-Welt welche im Buch dargestellt wird, ist einfach mal was komplett anderes. Nix mit heile Welt sondern, sie zeigt die grobe, raue Seite in welche unsere Gesellschaft geraten könnte.

Mein Bücherregal und ich

Interessantes und außergewöhnliches Buch, was man aufmerksam lesen sollte.

AmberStClair, lovelybooks

Kapitel 1


Künstliches Licht fiel durch ein dichtes Gewirr aus Kabeln und Leitungen auf den Mann mit den orange verfärbten Augen. Der Türsteher sah zu, wie er eine Zigarette nach der anderen rauchte, da es sonst nicht viel zu sehen gab. Als er auf die Uhr seines Handys schaute, tat der Türsteher dasselbe.

Um zehn vor elf steckte der Mann das Handy in die Tasche seiner Cabanjacke, trat seine Zigarette mit dem Stiefel aus und marschierte über die zugemüllte Allee. Es gab keine Schlange, darum ging er direkt zum Türsteher und rief über den markerschütternden Bass, der durch die Eingangstüren drang. Es war der Sound des Tages: einsame Cowboy-Countrymusik mit unpassend eingestreutem Schlagzeug. »Wie viel?«

»Zehn«, antwortete der stark tätowierte Türsteher zum hundertsten Mal an diesem Abend. Als der Mann seine ID-Karte hervorholte, musterte er ihn. Hoch aufgeschlossen, gebaut wie ein Basketballspieler. Kurz geschnittenes, schlammbraunes Haar mit einer Welle vorn, gekrümmt durch eine Tolle. Ein langes, schmales Gesicht mit grob gewachsenem Wochenbart. Vertraut.

Es dauerte einen Moment, bis sich der Türsteher an letzten Monat erinnerte. Der Mann war schon mal hier gewesen, hatte Fragen gestellt, einen Kampf begonnen und jemanden halb totgeprügelt. Welche Waffe benutzte er noch mal? Unter diesem Namen war sie allen bekannt. Totschläger? Reifenmontierhebel? Socke voller Münzen? Nein, er benutzte seine Faust, gepanzert mit schwarzem Metall über den Fingern, einen Schlagring. Aber er bildete auch den Mittelteil seines Namens, wie beim Spitznamen eines Schwergewichtskämpfers. Irgendwas ›Knuckleduster‹ irgendwas.

›Irgendwas Knuckleduster irgendwas‹ hielt ihm sichtlich ungeduldig seine ID-Karte hin.

Der Türsteher zog sie mit den tätowierten Händen durch sein Gerät und wartete, bis der Bildschirm etwas anderes, als eine Sanduhr anzeigte. Bevor ein Piepen die Abbuchung des Eintrittsgeldes bestätigte, traf ihn der Stoß einer Erinnerung.

Er sprang vor und versperrte dem Mann mit ausgestreckter Hand den Weg. »Hey, Kumpel, wir wollen heute Abend keinen Ärger. Hier sind eine ganze Reihe Typen, die nur abschalten und nicht gestört werden wollen, okay? Außerdem bist du nur einer und die sind Gott weiß wie viele. Glaubst du wirklich, es wär 'ne gute Idee hier Stress zu machen?«

Der Mann stand nur da. »Was hat Ihnen das Ding gesagt?«, fragte er kurz darauf und nickte in Richtung des Gerätes.

Der Türsteher blickte ihm in die Augen, die er nun aus der Nähe betrachten konnte. Er sah einen dunkelbraunen Farbton und noch etwas, bei dem er sich vorher nicht sicher gewesen war. Das Weiß erschien leicht in der Farbe einer Kürbisschale. Unheimlich.

Der Mann wiederholte seine Frage, was das Gerät ihm gesagt hätte, diesmal langsamer.

»G-Gar nichts«, stotterte er und wich den fixierenden Augen aus. »Der Boss wollte nicht die guten Geräte kaufen. Die hier ziehen nur Zehner ab und überprüfen, ob Sie mindestens einundzwanzig Jahre oder älter sind.« Er schüttelte das Gerät, als könnte er die Technik dadurch verbessern. »Und es sagt mir auch nicht, wer hier reingeht.« Er merkte, dass er zu viel redete und hielt die Klappe.

»Wenn ich wissen wollte, ob ein Freund von mir heute hier ist, könnten Sie es mir nicht sagen?«

»Nein.«

»Und wenn aus irgendeinem Grund heute was passiert …«

»Der Boss sagt, das ist ein Ort, an dem sich die Leute nicht beobachtet fühlen sollen«, antwortete der Türsteher und zitierte dabei den Barbesitzer und seine Vision für diesen speziellen Laden Wort für Wort. Er brauchte eine Sekunde, ehe er begriff, was der Mann mit der Frage angedeutet hatte. Er wollte gerade den Mund öffnen und eine Lüge ausspucken, um seine Spuren zu verwischen, da wurde er auch schon unterbrochen.

»Ich will nur einen Drink«, sagte der Mann mit tiefer, gleichmäßiger Stimme.

»Sie sind nicht hier, um jemanden aufzumischen? Sie haben den Kerl vor einem Monat fast getötet.« Er erinnerte sich an die blutige Szene, wie der Typ auf einer Liege herausgerollt wurde, Arm gebrochen, Kiefer zertrümmert. Hässliche Sache.

Er lächelte, zeigte dabei seine hohen, geraden Zähne und schüttelte den Kopf. »Nur ein kurzer Drink, dann bin ich weg. Pfadfinderehrenwort.«

Natürlich konnte der Türsteher jeden abweisen, den er nicht in der Bar haben wollte. Aber die Zeiten waren hart und sein Boss hatte ihm die Anweisung gegeben jeden reinzulassen, der nicht nackt war oder mit Glasscherben Symbole in den Körper ritzte. Zur Hölle, lasst auch die Bekloppten rein, die bringen Stimmung. Er gab dem Mann seine ID-Karte zurück.

»Na schön«, sagte er und ballte eine Faust mit ausgestrecktem Daumen. Er zeigte über seine Schulter und trat zur Seite. »Gehen Sie weiter. Aber wenn Sie hier irgendeinen Scheiß mit jemandem anfangen, wandern Ihre Schlagringe in  meine  Tasche.«

»Darauf können Sie einen lassen.«  Wie-auch-immer-sein-Name-wargrinste und ging hinein.

Der Laden war voll und der Lärm überwältigend, konnte klaustrophobische Gefühle hervorrufen. Ohne Atempause ging ein Song in den anderen über. Schwere Klubmusik mit obszönen Texten, gefolgt von weiteren Country-Remixes.

Brody studierte die sich stetig verändernde Masse Tänzer unter den Stroboskoplichtern, farbigen Laserschwaden, die über ihre schweißnassen Körper schnitten. Die Lichter und konstanten Bewegungen der fuchtelnden Menge vermittelten den Eindruck eines schwankenden Gebäudes in einer endlosen Spirale der Schwerelosigkeit, in der die Leute nicht tanzten, sondern um Stabilität auf wackligem Untergrund kämpften.

Brody stand an der Rückwand, weitab der Tanzfläche, und sah der Menge fünfzehn ohrenbetäubende Minuten lang zu. Er machte sich mit der Örtlichkeit vertraut, schaute nach den Ausgängen, der Position des Personals. Von jedem Besucher nahm er so viele Details wie möglich auf und glich sie mit dem Wenigen ab, dass er über Jonah Billingsly wusste. Er hatte eine sehr grobe Beschreibung erhalten, irgendwas über ein altes Tattoo, das zu einem chaotischen Fleck verblichen war. Er kannte auch die Taten des Mannes, aber wer sah schon wie ein misshandelnder Freund aus?

Die Bar-KI musste Wind davon bekommen haben, dass sich hier jemand länger als zehn Minuten ohne ein bestelltes Getränk aufhielt. Eine Frau erschien in durchschimmerndem Blau und mit aggressiv entblößten Brüsten. Sie machte ihn an: »Hey, Süßer, wie wär's mit einem Tall Boy? Das wären nur fünfzehn Buckaroos für die nächsten zehn Minuten.«

Brody winkte dem Hologramm ab, woraufhin die Frau einklappte und verschwand, um vor jemand anderem belästigend aufzutauchen, dem sie etwas vorwackeln konnte.

Brodys Blick wanderte von einer Ecke zur anderen, vorbei an den tanzenden Transvestiten in ihren glitzernden Fummeln. Er nahm an, dass ein aggressiver Säufer, der seine Freundin jede Woche bewusstlos prügelte, nicht viel von einem Tänzer aufwies.

Brody beobachtete stattdessen die Gruppe an der Bar: Männer, gekleidet in schmutzige Overalls. Hafenarbeiter womöglich. Sie stießen mit dunklem Bier an und kippten Schnaps weg, der selbst dem stärksten Mann Tränen in die Augen trieb. Brody wusste nicht, welches Leben Jonah führte, denn Marcy hatte ihm nur vage Details gegeben. Aber es bestand eine gute Chance, dass er in dieser Gruppe stand.

Brody wollte sehen, wie viel sie preisgaben, wenn er sich als einsamer Betrunkener ausgab, der bloß ein wenig plaudern wollte. Schwankend ging er auf die verkleidete Gruppe zu. Dabei trat er absichtlich auf einen der Stahlkappenschuhe. Er entschuldigte sich überschwänglich und ließ seine Augen vergeblich nach einem Ziel suchen, um schwer betrunken zu wirken. »Hey, hey, tut mir echt leid«, lallte er.

Der Typ schob seine Strickmütze hoch, damit er den Störenfried besser sah. Als er sich in die Lichtimpulse drehte, erkannte Brody ein hartes Gesicht, aufgedunsen und rötlich, mit dicken Augenbrauen und engen Lippen, die so spröde waren, dass sie verbrannt wirkten. Er schien zu überlegen, ob er wegen des Trittes auf seinen Schuh eine Szene machen sollte, bis ein neues Bier hingestellt wurde und Brody seine ID-Karte auf die Bar klatschte, um dafür zu zahlen.

Der Barkeeper scannte sie mit seinem Handgerät und ging wieder, ohne sie berührt zu haben.

»Noch mal, tut mir leid, Mann. Wirklich.«

»Ist halb so wild. Sind sowieso alte Stiefel.« Der Hafenarbeiter klopfte Brody auf die Schulter, hob das Bier und nahm einen großen Schluck. Er ahnte nicht, dass er eindringlich beäugt wurde.

Marcy, die Frau mit dem zugeschwollenen Auge, die Brody kontaktiert hatte, erwähnte ein Tattoo am Handgelenk ihres Freundes, das einst ihren Namen beschrieben hatte, nun aber eher einem verschwommenen Strichcode gleichkam. Als der Mann erneut den Krug hob, um einen weiteren Schluck zu trinken, sah Brody das Tattoo flüchtig unter der Manschette des Overalls hervorblitzen.

Diesmal war es leicht. Kein Herumfragen, keine falschen Hinweise, kein Bezahlen für Informationen. Der erste Blödmann, den er angesprochen hatte, war der, wegen dem er hergeschickt worden war. Manchmal liefen die Dinge einfach. Es spielte keine Rolle, welches Paar Jonah und Marcy früher gewesen waren, wenn sie denn überhaupt je glücklich miteinander sein konnten. Es zählte einzig, was Jonah nun war: Ein gemeiner Säufer, der Frauen schlug.

Brody betrachtete sich manchmal als die Summe einer Gleichung. Das Plus entsprach  ihm, der lebenden Summe schlechter Taten.

Er ließ die Maske des fröhlichen Betrunkenen fallen, richtete sich auf und spürte sein Herz in einem plötzlich wachen, schnellen Rhythmus schlagen.

Der Hafenarbeiter bemerkte, dass Brody immer noch dastand. Auch sein Gemüt wechselte und ging in offenkundige Feindseligkeit über. Er stellte seinen Krug mit den Schaumresten beiseite. »Nicht der richtige Laden, Nancy.«

»Bist du Jonah?«, fragte Brody, den Spott ignorierend.

Der Hafenarbeiter richtete seine Mütze. »Das ist richtig.«

»Geht dir dabei einer ab? Machst du es deswegen?«

»Wie bitte?«, entgegnete der Kerl und zog seine dicke Hand aus der gummierten Tasche des Overalls. Blaue Knöchel, geschwollenes Handgelenk; Indizien dafür, dass er kürzlich gegen etwas Hartes geschlagen hatte – wie einen Frauenschädel.

Es gab eine Boa constrictor, die von Brody lebte. Er trug sie Tag und Nacht. Beim Anblick von Jonahs verletzter Hand zog sie sich zusammen. Sie hing arglos um seine Schultern, wenn er Marcy oder andere Frauen im Gemeindezentrum traf. Wie eine Blumenkette um den Hals, ein Kuss auf der Wange, harmlos. Doch ganz langsam, als die misshandelte Freundin ihm mehr über diesen Mann erzählt hatte, war die kalte Haut der Wut um seinen Hals enger geworden.

Sein Siedepunkt war nun erreicht. Die ganze Woche hatte er von Jonah geträumt, während er geduldig auf Freitag wartete. Er wusste, dass dieser Typ nach der Arbeit mit seinen Jungs saufen ging. Solche Nächte hatten meist mit Faustschlägen in Marcys Gesicht geendet.

Dieses Mal nicht, beschloss Brody.

Er hatte Jonah trinken lassen, bis er locker und sein Blick trüb war. Bevor er seine Rechnung bezahlen und wütend heimgehen konnte, um die Frau, die er angeblich liebte, mit Hieben zu strafen, würde Brody ihn umdrehen, die Sache geraderücken und ihn auf einen neuen Kurs schicken. Statt in seiner beschissenen Wohnung seinen Rausch auszuschlafen, nachdem er seiner sterbenden Freundin ein paar Ohrfeigen verpasste, würde Jonah im Krankenhaus liegen und viel Zeit haben, über die Abwärtsspirale seines Lebens nachzudenken, die ihn dorthin gebracht hatte.

»Sie ist krank«, sagte Brody.

Jonahs Augen verengten sich. »Du kennst meine Freundin?«

»Hast du gemerkt, dass sie drei Tage lang weg war? Sie war im Gemeindezentrum, schlief auf einer Pritsche, aß kalte Suppe. Wir haben uns getroffen und geredet.«

»Bist du 'n Sozialarbeiter? Kommst hierher und willst mir sagen, dass ich zu viel trinke und meine Freundin nicht schlagen soll, obwohl mir die Schlampe mit ihrer gottverdammten Medizin die Haare vom Kopf frisst?«

»Nein. Sie hat mich gebeten, dir das zu geben.« In einer schnellen Bewegung zog Brody seine Faust aus der Manteltasche, die Finger in einem flachen Stück Metall steckend, und donnerte sie in Jonahs Wange.

Dessen Kopf wurde zurückgeworfen und die Mütze fiel herunter. Der Mann war benommen, seine Reflexe vom Alkohol betäubt. Er machte einen Schritt nach vorn und schwang seine Rechte.

Brody duckte sich und griff Jonahs Ellbogen. Er nutzte den Moment, um ihn von seinen Freunden wegzubekommen. Gewiss war ihnen das nicht entgangen, aber keiner eilte zuhilfe. Sie hielten die Griffe ihrer Bierkrüge fest und starrten wortlos vor sich hin. Als die Leute auf der Tanzfläche die Prügelei bemerkten, stellten sie ihre Rotationen ein und traten zur Seite. Manche tanzten in sicherer Entfernung weiter, offenbar zu ergriffen vom Song, um zwei betrunkenen Idioten Aufmerksamkeit zu schenken. Andere gafften ungeniert. Ein paar handelten mit hektischen Handbewegungen Wetten aus. Ein Finger auf Brody, eine offene Hand für Fünfziger.

Brody machte mit seinem Gegner kurzen Prozess und landete mit dem Messingschlagring mühelos einige Treffer. Jonah schwang wild umher. Seine weiten Schläge zogen ihn nach vorn und er stolperte in die Richtung, in der er Brody gerade vermutete. Er fluchte, zischte und sabberte. Wahrscheinlich wusste er, dass er nicht gewinnen konnte. Doch irgendetwas trieb ihn an, vielleicht tiefe Verachtung. Dabei konnte er keinen einzigen Gegenschlag landen.

Brody gab ihm einen rechten Haken, direkt auf den Mund. Der Klang von Metall auf Zähnen musste für seine Freunde deutlich hörbar gewesen sein.

Jonah nahm die Wucht auf wie jeder andere. Schläge gegen die Wange, den Bauch oder die Brust taten definitiv weh, waren aber kein Grund aufzugeben. Doch gegen die Zähne? Das streckte jeden Mann nieder. Er bedeckte seinen stark blutenden Mund und begann zu husten. Der rosa Nebel wurde vom flackernden Stroboskoplicht erleuchtet und sah aus wie die Zeitlupe einer gut platzierten Scharfschützenkugel.

Brody wartete, während Jonah sich krümmte und Zähne auf den Boden spuckte. Die anderen Hafenarbeiter sahen bloß zu, stießen einander mit dem Ellbogen an und blickten missmutig drein. Da war ein Zwiespalt in ihren Augen, als überlegten sie, einzugreifen. Aber keiner entfernte sich von der Bar und den Getränken. Brody konnte an ihren alkoholgeröteten Gesichtern ablesen, dass Jonah ein Arschloch war und diese Abreibung keineswegs überraschend kam.

»Tu das nie wieder«, befahl Brody deutlich. »Okay

»Ja, okay, schon gut … nur … schlag mich nicht wieder, okay?«, nuschelte er.

Dieser Schikaneur hatte seine eigene Medizin zu kosten bekommen und wiederholte jetzt die Worte seiner Opfer. Brody hätte am liebsten weitergemacht, bis Jonah bloß ein wimmernder Haufen gebrochener Knochen war, der sich seinen Bauch und das Gesicht mit Händen hielt, die nicht wussten, wohin sie als Nächstes fassen sollten, da  alles  wehtat.

Doch als Jonah gekrümmt seine Knie umfasste und Blut spuckte, bemerkte Brody den gelösten Würgegriff der Schlange. Ihr Hunger war gestillt. Sie hatte sich langsam entknotet und mit dem letzten Schlag abgelassen. Nun fort, hinterließ sie Leere durch den Drang zu schlagen und zu verletzen. Sie wurde gefüllt von einem Gewissen, das von irgendwo aus der Tiefe rief. Er sollte aufhören, innehalten, nachdenken, widerstehen.

Marcy wollte, dass du Jonah das antust, was er  ihr  angetan hat, erinnerte es.  Nicht, dass du den Hurensohn  umbringst.

Brody lockerte seine Faust. »Also, sind wir uns einig?«

»Ja«, würgte Jonah hervor. »Ich werde es nie wieder tun. Fuck, ichschwöre  es!«

»Wunderbar.« Brody zog den klebrigen Schlagring von seinen wunden Fingern.

Als er in Richtung Ausgang lief, gingen ihm die Gäste aus dem Weg. Er verließ die Bar und zündete sich eine Zigarette an.  01:59:59  konnte er in kleinen, roten Ziffern im Augenwinkel erkennen, während er auf die Flamme zwischen seinen gewölbten Händen sah. Er musste bald nach Hause.

Brody vernahm den Türsteher, der mit verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue in seinem Stuhl saß. Er griff nach dem Stück Metall in seiner Tasche und bot es dem stämmigen jungen Mann an. Der Schlagring war blutverschmiert. »Schätze, ich schulde Ihnen mein Verdienstabzeichen.«

Der Türsteher starrte auf das Objekt in Brodys Hand, machte aber keine Anstalten es zu nehmen. »Nein, danke«, sagte er und schob sein Handy in die Jackentasche. »Aber ich habe Ihnen eine Mitfahrgelegenheit besorgt.«

In dem Moment vermischte sich der Schein des Barvordachs mit roten und blauen Blinklichtern. Brody blieb mit den Händen in den Taschen stehen und sah den Streifenwagen die heruntergekommene Straße entlangfahren.

Das Polizeiauto parkte. Auf der Beifahrerseite stieg ein Mann aus. Detective Nathan Pierce trug einen Fedora und einen schiefergrauen Nadelstreifenanzug. Er blickte Brody nur kopfschüttelnd an.

»Boss?«, fragte der andere Officer.

»Hol uns ein paar Aussagen.«

Detective Pierce kam lässig angelaufen, während sein Kollege die Bar betrat, und sagte: »Brody Knuckleduster Calhoun.«

Als der Ordnungshüter seinen Namen nannte, schnippte der Türsteher mit den Fingern. »Das  war's!  Wusst' ich's doch.«

Nathan ignorierte das und nahm die Handschellen vom Gürtel. »Nun?«

Brody seufzte und ließ die Zigarette zwischen den Lippen hängen, als er seine Handgelenke mit den blutigen Handflächen nach vorn hob.

Ende der Leseprobe

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