KNUCKLEDUSTER

4,99 13,95 

Andrew Post

SciFi-Thriller

Lieferzeit: sofort nach Zahlungseingang, versandkostenfrei

Kategorien: , Schlüsselwort:
Clear selection

Inhalt


Brody ›Knuckleduster‹ Calhoun ist ein Gangster, darauf spezialisiert, gewalttätige Ehemänner aufzuspüren und zusammenzuschlagen. Auf diese Weise verdient er sich das Geld für die teuren Batterien, mit denen seine speziellen Karotin-Linsen angetrieben werden. Denn ohne diese ist er blind, seit er das Augenlicht während seiner Zeit beim Militär verlor.
Für Fremde ist er einfach nur ein Junkie mit seltsamen, orangefarbenen Augen.
Für die Polizei ist er ein Wiederholungstäter mit einem beachtlichen Vorstrafenregister – über siebzehn Fälle von schwerer Körperverletzung, alle mit einer tödlichen Waffe ausgeführt: seinem Schlagring.

Als Brody einer Einladung seines alten Freundes Thorp Ashbury ins ländliche Illinois folgt, ahnt er noch nicht, welche Ereignisse er damit in Gang setzt. Thorps Schwester wird vermisst, und Brody nutzt die Chance, auf diese Weise der Gewalt der Stadt zu entfliehen. Doch seine Suche nach dem vermisstem Mädchen führt ihn auf die Spur einer erschreckenden Verschwörung, die die Grundfesten all dessen erschüttert, woran er bisher geglaubt hat. Eine Verschwörung, die Brody zwingt, sich seiner eigenen Zukunft zu stellen.


»Knuckleduster ist ein echter Page-Turner. Von der ersten Seite an wird man in die Geschichte und in die dunkle und beängstigende Welt hineingezogen.« [Anja S., Amazon]

»Die Zukunfts-Welt welche im Buch dargestellt wird, ist einfach mal was komplett anderes. Nix mit heile Welt sondern, sie zeigt die grobe, raue Seite in welche unsere Gesellschaft geraten könnte.« [Mein Bücherregal und ich]

»Interessantes und außergewöhnliches Buch, was man aufmerksam lesen sollte.« [AmberStClair, lovelybooks]


auch hier erhältlich (Auswahl) … AMAZON | THALIA | WELTBILD | HUGENDUBEL | MAYERSCHE | BÜCHER.DE | KOBO

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

396

ISBN

978-3-95835-148-6

eISBN

978-3-95835-149-3

Leseprobe


Künstliches Licht fiel durch ein dichtes Gewirr aus Kabeln und Leitungen auf den Mann mit den orange verfärbten Augen. Der Türsteher sah ihm zu, wie er eine Zigarette nach der anderen rauchte, da es sonst nicht viel zu sehen gab. Als er auf die Uhr seines Handys schaute, tat der Türsteher dasselbe.

  Um zehn vor elf steckte der Mann das Telefon in die Tasche seiner Cabanjacke, trat seine Zigarette mit dem Stiefel aus und marschierte über die zugemüllte Allee. Es gab keine Schlange, darum ging er direkt zum Türsteher und rief über den markerschütternden Bass, der durch die Eingangstüren drang. Es war der Sound des Tages – einsame Cowboy-Countrymusik mit unpassend eingestreutem Schlagzeug. »Wie viel?«

  »Zehn«, antwortete der stark tätowierte Türsteher zum hundertsten Mal an diesem Abend. Als der Mann seine Puzzle-Karte hervorholte, musterte ihn der Türsteher. Hoch aufgeschlossen, gebaut wie eine Basketballspieler. Kurzgeschnittenes, schlammbraunes Haar mit einer Welle vorn, gekrümmt durch eine Tolle. Ein langes, schmales Gesicht mit einem grob gewachsenen Wochenbart. Vertraut.

  Es dauerte eine Sekunde, bis sich der Türsteher an letzten Monat erinnerte. Der Mann war schon mal hier gewesen, hatte Fragen gestellt, einen Kampf begonnen und jemanden halb totgeprügelt. Welche Waffe hatte er noch mal benutzt? Unter diesem Namen war sie allen bekannt. Totschläger? Reifenmontierhebel? Socke voller Münzen? Nein, er benutzte seine Faust, gepanzert mit schwarzem Metall über den Fingern – einen Schlagring. Aber es war auch in der Mitte seines Namens, wie der Spitzname eines Schwergewichtskämpfers. Irgendwas “Knuckleduster“ irgendwas.

  ›Irgendwas Knuckleduster irgendwas‹ hielt ihm sichtlich ungeduldig seine Puzzle-Karte hin.

  Der Türsteher zog die Karte mit den tätowierten Händen durch sein Gerät und wartete, bis der Bildschirm etwas anderes, als eine Sanduhr anzeigte. Bevor ein Piepen die Abbuchung des Eintrittsgeldes bestätigte, traf ihn der Stoß einer Erinnerungen.

  Er sprang auf und versperrte dem Mann mit ausgestreckter Hand den Eintritt. »Hey, Kumpel, wir wollen hier heute Abend keinen Ärger. Hier sind eine ganze Reihe Typen, die nur abschalten und nicht gestört werden wollen, okay? Außerdem bist du nur einer und die sind Gott weiß wie viele. Glaubst du wirklich, es wär ‘ne gute Idee hier Stress zu machen?«

  Der Mann stand nur da. »Was hat Ihnen das Ding gesagt?« fragte er kurz darauf und nickte in Richtung des Gerätes.

  Der Türsteher schaute ihm in die Augen, die er nun aus der Nähe sehen konnte. Er sah einen dunkelbraunen Farbton und noch etwas, bei dem er sich vorher nicht sicher gewesen war – das Weiß erschien leicht in der Farbe einer Kürbisschale. Unheimlich.

  Der Mann wiederholte seine Frage, was das Gerät ihm gesagt hätte, diesmal langsamer.

  »G-Gar nichts«, stotterte der Türsteher und riss sich von den fixierenden Augen los. »Der Boss wollte nicht die guten Geräte kaufen, die hier ziehen nur Zehner ab und überprüfen, ob Sie mindestens einundzwanzig Jahre oder älter sind.« Er schüttelte das Gerät, als könnte er die Technik dadurch verbessern. »Und es sagt mir auch nicht, wer hier reingeht.« Er merkte, dass er zu viel redete und hielt die Klappe.

  »Wenn ich wissen wollte, ob ein Freund von mir heute Abend hier ist, könnten Sie es mir nicht sagen?«, fragte der Mann.

  »Nein.«

  »Und wenn aus irgendeinem Grund heute Abend was passiert …«

  »Der Boss sagt, das ist ein Ort, an dem sich die Leute nicht beobachtet fühlen sollen«, antwortete der Türsteher und zitierte dabei den Barbesitzer und seine Vision für dieses wortwörtliche Wasserloch. Er brauchte eine Sekunde, ehe er begriff, was der Mann mit der Frage angedeutet hatte. Er wollte gerade den Mund öffnen und eine Lüge ausspucken, um seine Spuren zu verwischen, da wurde er auch schon unterbrochen.

  »Ich will nur einen Drink«, sagte der Mann mit tiefer, gleichmäßiger Stimme.

  »Sie sind nicht hier, um jemanden aufzumischen? Sie haben den Typen vor einem Monat fast getötet.« Er erinnerte sich an die blutige Szene – wie der Typ auf einer Liege herausgerollt wurde, Arm gebrochen, Kiefer zertrümmert. Hässliche Sache.

  Der Mann lächelte, zeigte dabei seine hohen, geraden Zähne und schüttelte den Kopf. »Nur ein kurzer Drink, dann bin ich weg. Pfadfinderehrenwort.«

  Natürlich konnte der Türsteher jeden abweisen, den er nicht in der Bar haben wollte. Aber die Zeiten waren hart und sein Boss hatte ihm die Anweisung gegeben jeden reinzulassen, der nicht nackt war oder sich mit Glasscherben Symbole in den Körper ritzte. Zur Hölle, lasst auch die Verrückten rein, die bringen Stimmung. Er gab dem Mann seine Puzzle-Karte zurück.

  »Na schön«, sagte der Türsteher und ballte eine Faust mit ausgestrecktem Daumen. Er zeigte hinter seine Schulter und trat zur Seite. »Gehen Sie weiter. Aber wenn Sie hier irgendeinen Scheiß mit jemandem anfangen, wandern Ihre Schlagringe in meine Tasche.«

  »Darauf können Sie einen lassen.« Wie-auch-immer-sein-Name-war grinste und ging in die Bar.

Der Laden war voll.

  Der Lärm war überwältigend und konnte klaustrophobische Gefühle hervorrufen. Ohne Atempause ging ein Song in den anderen über. Schwere Clubmusik mit obszönen Texten, gefolgt von weiteren Country-Remixes. Brody studierte die sich stetig verändernde Masse Tänzer unter den Stroboskoplichtern, farbigen Laserschwaden, die über ihre schweißnassen Körper schnitten. Die Lichter und konstanten Bewegungen der fuchtelnden Menge, vermittelten den Eindruck eines schwankenden Gebäudes in einer endlosen Spirale der Schwerelosigkeit, in der die Leute nicht tanzten, sondern um Stabilität auf wackligem Untergrund kämpften.

  Brody stand weitab der Tanzfläche an der Rückwand und sah der Menge fünfzehn ohrenbetäubende Minuten lang zu. Er machte sich mit dem Laden vertraut – wo die Ausgänge waren, wo das Personal stand. Von jeder Person nahm er so viele Details wie möglich und glich sie mit dem Bisschen ab, das er über Jonah Billingsly wusste. Er hatte eine sehr grobe Beschreibung erhalten, irgendetwas über ein altes Tattoo, das zu einem chaotischen Fleck verblichen war. Er wusste auch, was der Mann getan hatte, aber wer sah schon aus wie ein misshandelnder Freund?

  Die Bar-KI musste Wind davon bekommen haben, dass sich hier jemand länger als zehn Minuten ohne ein bestelltes Getränk aufhielt. Eine Frau erschien in durchschimmerndem Blau und mit aggressiv entblößten Brüsten. Sie meckerte ihn an: »Hey Süßer, wie wär’s mit einem Großen Jungen? Das wären nur fünfzehn Wilde Cowboys für die nächsten zehn Minuten.«

  Brody winkte dem Hologramm ab, woraufhin die Frau einklappte und verschwand, um vor jemand anderem belästigend aufzutauchen, dem sie etwas vorwackeln konnte.

  Sein Blick wanderte von einer Ecke zur anderen, vorbei an den tanzenden Transvestiten in ihren glitzernden Fummeln. Brody nahm an, dass ein aggressiver Säufer, der seine Freundin jede Woche bewusstlos prügelte, nicht viel von einem Tänzer aufwies.

  Er beobachtete stattdessen die Gruppe an der Bar: Männer, gekleidet in schmutzige Overalls. Hafenarbeiter womöglich. Sie stießen an mit dunklem Bier und kippten Schnaps weg, der selbst dem stärksten Mann Tränen in die Augen trieb. Brody wusste nicht, welches Leben Jonah führte, denn Marcy hatte ihm nur vage Details gegeben. Aber es bestand eine gute Chance, dass er in dieser Gruppe war.

  Brody wollte sehen, wie viel sie preisgaben, wenn er sich als einsamer Betrunkener ausgab, der nur ein wenig plaudern wollte. Schwankend ging er auf die verkleidete Horde zu. Dabei trat er absichtlich auf einen der Stahlkappenschuhe. Er entschuldigte sich ausschweifend und ließ die Augen vergeblich nach einem Ziel suchen, um schwer betrunken zu wirken. »Hey, hey tut mir echt leid, man«, lallte er.

  Der Typ schob seine Strickmütze hoch, um den Störenfried besser sehen zu können. Als er sich in die Lichtimpulse drehte, sah Brody ein hartes Gesicht, aufgedunsen und rötlich, mit dicken Augenbrauen und engen Lippen, die so spröde waren, dass sie verbrannt wirkten. Er schien zu überlegen, ob er den Tritt auf seinen Schuh aufbauschen sollte. Dies erledigte sich jedoch, als ein neues Bier hingestellt wurde und Brody seine Puzzle-Karte auf die Bar klatschte, um dafür zu zahlen.

  Der Barkeeper scannte die Karte mit seinem Handgerät und ging wieder, ohne sie berührt zu haben.

  »Noch mal, tut mir leid, man. Wirklich.«

  »Ist halb so wild. Sind sowieso alte Stiefel.« Der Hafenarbeiter klopfte Brody auf die Schulter, hob das Bier und nahm einen großen Schluck. Er ahnte nicht, dass er eindringlich beäugt wurde.

  Marcy, die Frau mit dem zugeschwollenen Auge, die Brody kontaktiert hatte, erwähnte ein Tattoo am Handgelenk ihres Freundes, das einst ihren Namen beschrieb, nun aber eher einem verschwommenen Strichcode gleichkam. Als der Mann erneut den Krug hob, um einen weiteren Schluck zu trinken, sah Brody das Tattoo flüchtig unter der Manschette des Overalls hervorblitzen.

  Diesmal war es leicht. Kein Herumfragen, keine falschen Hinweise, kein Bezahlen für Informationen. Der erste Blödmann, den er ansprach, war der, wegen dem er hergeschickt wurde. Manchmal liefen die Dinge einfach. Es spielte keine Rolle, welches Paar Jonah und Marcy früher gewesen waren, wenn sie denn überhaupt je glücklich miteinander sein konnten. Es zählte einzig, was Jonah nun war: Ein gemeiner Säufer, der Frauen schlug.
Brody betrachtete sich manchmal als die Summe einer Gleichung. Das Plus entsprach ihm, der lebenden Summe schlechter Taten.

  Er ließ die Maske des fröhlichen Betrunkenen fallen, richtete sich auf und spürte sein Herz in einem plötzlich wachen, schnellen Rhythmus schlagen.

  Der Hafenarbeiter bemerkte, dass Brody immer noch dastand. Auch sein Gemüt veränderte sich und ging in offenkundige Feindseligkeit über. Er stellte seinen Krug mit den Schaumresten zur Seite. »Nicht der richtige Laden, Nancy.«

  »Bist du Jonah?«, fragte Brody, den Spott ignorierend.

  Der Hafenarbeiter richtete die Mütze auf seinem Kopf. »Das ist richtig.«

  »Geht dir dabei einer ab? Machst du es deswegen?«

  »Wie bitte?«, fragte Jonah und zog seine dicke Hand aus der gummierten Tasche des Overalls. Blaue Knöchel, geschwollenes Handgelenk – Indizien dafür, dass er kürzlich gegen etwas Hartes geschlagen hatte, wie einen Frauenschädel.

  Es gab eine Boa constrictor, die von Brody lebte. Er trug sie Tag und Nacht. Beim Anblick von Jonahs verletzter Hand zog sie sich zusammen. Sie hing arglos um seine Schultern, wenn er Marcy oder andere Frauen im Gemeindezentrum traf. Wie eine Blumenkette um den Hals gelegt, ein zusätzlicher Kuss auf der Wange, harmlos. Doch ganz langsam, als die misshandelte Freundin ihm mehr über diesen Mann erzählte, wurde die kalte Haut der Wut um Brodys Hals enger.

  Sein Siedepunkt war nun erreicht. Die ganze Woche hatte er von Jonah geträumt, während er geduldig auf Freitag wartete. Er wusste, dass dieser Typ nach der Arbeit mit seinen Jungs saufen ging. Solche Nächte endeten meist mit Faustschlägen in Marcys Gesicht.

  Dieses Mal nicht, beschloss Brody.
Er hatte Jonah trinken lassen, bis er locker und sein Blick trüb war. Bevor er seine Rechnung bezahlen und wütend heimgehen konnte, um die Frau, die er angeblich liebte, mit Hieben zu strafen, würde Brody ihn umleiten, die Sache geraderücken und ihn auf einen neuen Kurs schicken. Statt in seiner beschissenen Wohnung seinen Rausch auszuschlafen, nachdem er seiner sterbenden Freundin ein paar Ohrfeigen verpasst hatte, würde Jonah im Krankenhaus liegen und viel Zeit bekommen über die Abwärtsspirale seines Lebens nachzudenken, die ihn dorthin brachte.

  »Sie ist krank«, sagte Brody.

  Jonahs Augen verengten sich. »Du kennst meine Freundin?«

  »Hast du gemerkt, dass sie drei Tage lang verschwunden war? Sie war im Gemeindezentrum, schlief auf einem Feldbett, aß kalte Suppe. Wir haben uns getroffen und geredet.«

  »Bist du ‘n Sozialarbeiter? Kommst hierher und willst mir sagen, dass ich zu viel trinke und meine Freundin nicht schlagen soll, obwohl mir die Schlampe mit ihrer verdammten Medizin die Haare vom Kopf frisst?«

  »Nein. Sie hat mich gebeten, dir das zu geben.« In einer schnellen Bewegung zog Brody seine Hand aus der Manteltasche, die Knöchel in einem flachen Stück Metall, und donnerte sie in Jonahs Wange.

  Jonahs Kopf wurde zurückgeworfen, seine Mütze fiel herunter. Der Mann war benommen, seine Reflexe vom Alkohol betäubt. Er machte einen Schritt nach vorn und schwang seine Rechte.

  Brody duckte sich und griff Jonahs Ellbogen. Er nutzte den Moment, um ihn von seiner Meute von Freunden wegzubewegen. Ihnen war das sicher nicht entgangen, aber keiner eilte ihm zu Hilfe. Sie hielten die Griffe ihrer Bierkrüge und starrten wortlos vor sich hin. Als die Leute auf der Tanzfläche die Prügelei bemerkten, stellten sie ihre Rotationen ein und traten zur Seite. Manche tanzten in sicherer Entfernung weiter, offenbar zu ergriffen von dem Lied, um zwei betrunkenen Idioten Aufmerksamkeit zu schenken. Andere gafften ungeniert. Ein paar handelten mit hektischen Handbewegungen Wetten aus. Ein Finger auf Brody, eine offene Hand für Fünfziger.

  Brody machte mit Jonah kurzen Prozess und landete mit dem Messingschlagring mühelos einige Treffer.

  Jonah schwang wild umher. Seine weiten Schläge zogen ihn nach vorn und er stolperte in die Richtung, in der er Brody gerade vermutete. Er fluchte, zischte und sabberte. Jonah wusste wahrscheinlich, dass er nicht gewinnen konnte. Doch irgendetwas trieb ihn an – vielleicht war es tiefe Verachtung – dabei hatte er noch keinen einzigen Gegenschlag gelandet.

  Brody gab ihm einen rechten Haken, direkt auf Jonahs Mund. Der Klang von Metall auf Zähnen musste für seine Freunde an der Bar deutlich zu hören gewesen sein.

  Jonah nahm die Wucht auf wie jeder andere. Schläge gegen die Wange, den Bauch oder die Brust taten definitiv weh, waren aber noch kein Grund aufzugeben. Doch gegen die Zähne? Das streckte jeden Mann nieder. Jonah bedeckte seinen stark blutenden Mund und begann zu husten. Der rosa Nebel wurde vom flackernden Stroboskoplicht erleuchtet und sah aus wie die Zeitlupe einer gut platzierten Scharfschützenkugel.

  Brody wartete, während Jonah sich krümmte und Zähne auf den Boden spuckte. Die anderen Hafenarbeiter sahen bloß zu, stupsten einander mit dem Ellbogen an und schauten missmutig. Da war ein Zwiespalt in ihren Augen: Vielleicht sollten sie sich einmischen.
Doch keiner entfernte sich von der Bar und den Getränken. Brody konnte an ihren alkoholgeröteten Gesichtern ablesen, dass Jonah ein Arschloch war und diese Abreibung keineswegs überraschend kam.

  »Tu das nie wieder«, erinnerte ihn Brody und vergewisserte sich. »Okay?«

  »Ja, okay, schon gut … nur … schlag mich nicht wieder, okay?«, nuschelte Jonah.

  Dieser Unterdrücker hatte seine eigene Medizin gekostet und wiederholte nun die Worte seiner Opfer. Brody hätte am liebsten weitergemacht, bis Jonah nur noch ein wimmernder Haufen gebrochener Knochen war, sich seinen Bauch und das Gesicht mit Händen haltend, die nicht wussten, wo sie als nächstes hinfassen sollten, weil alles schmerzte.

  Doch als Jonah sich gekrümmt an die Knie seiner Hosen klammerte und Blut auf den Boden spuckte, spürte Brody, wie die Schlange ihren Würgegriff löste. Ihr Hunger war gestillt. Sie hatte sich langsam entknotet und mit dem letzten Schlag abgelassen. Nun war sie fort und hatte einen bleibenden Durst hinterlassen. Die Leere, die der Drang zu schlagen und zu verletzen hinterlassen hatte, wurde von einem Gewissen erfüllt, das irgendwo aus der Tiefe rief. Er sollte aufhören. Sich zurückhalten. Nachdenken. Widerstehen.

  Marcy wollte, dass du Jonah das antust, was er ihr angetan hat, drängte sein Gewissen. Nicht, dass du den Hurensohn umbringst.
  Brody lockerte seine Faust. »Also, sind wir uns einig?«

  »Ja«, würgte Jonah hervor. »Ich werde es nie wieder tun. Scheiße, ich schwöre es.«

  »Wunderbar.« Brody nahm den klebrigen Schlagring von seinen wunden Fingern.

  Als er Richtung Ausgang lief, gingen ihm die Gäste aus dem Weg. Er verließ die Bar und zündete eine Zigarette an. 01:59:59 konnte er in kleinen roten Ziffern im Augenwinkel erkennen, während er auf die Flamme zwischen seinen gewölbten Händen sah. Er musste bald nach Hause.

  Er vernahm den Türsteher, der mit verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue in seinem Stuhl saß. Brody nahm das Stück Metall aus seiner Tasche und bot es dem stämmigen jungen Mann an. Der Schlagring war blutverschmiert. »Schätze, ich schulde Ihnen mein Verdienstabzeichen.«

  Der Türsteher starrte auf das Objekt in Brodys Hand, machte aber keine Anstalten es zu nehmen. »Nein, danke«, sagte er und schob sein Handy in die Jackentasche. »Aber ich habe Ihnen eine Mitfahrgelegenheit gerufen.«

  In dem Moment vermischte sich das Licht unter dem Vordach der Bar mit roten und blauen Blinklichtern. Brody stand da, die Hände in den Taschen, und sah zu wie der Streifenwagen die heruntergekommene Straße entlangfuhr.

  Das Polizeiauto parkte und auf der Beifahrerseite stieg ein Mann aus. Detective Nathan Pierce trug einen Fedora und einen schiefergrauen Nadelstreifenanzug. Er blickte Brody nur kopfschüttelnd an.

  »Boss?« fragte der andere Officer.

  »Hol uns ein paar Aussagen.«

  Der Officer ging rein.

  Detective Pierce kam lässig angelaufen und verkündete: »Brody ›Knuckleduster‹ Calhoun.«

  Sobald der Name des freiberuflichen Rächers fiel, schnippte der Türsteher mit den Fingern. »Das war’s. Wusst’ ich’s doch.«

  Nathan ignorierte das Eigenlob des Türstehers und nahm die Handschellen von seinem Gürtel. »Nun?«

  Brody seufzte und ließ die Zigarette zwischen den Lippen hängen, während er seine Handgelenke mit den blutigen Handflächen nach vorn zeigte.