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KALLIOPE

Preis: 4,99 13,95 2,49 13,95 

Arthur Gordon Wolf

THRILLER

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Inhalt


Markus Reuther, ein Wuppertaler Krimi-Autor, hat Probleme mit seinem aktuellen Roman. Seine Protagonistin weigert sich plötzlich, mit ihm zu »sprechen«. Hilflos muss er mit ansehen, wie sie von einer Katastrophe in die nächste stolpert. Dabei hat er keine Ahnung, was als nächstes geschieht. Liegt es vielleicht daran, dass es niemanden gibt, der ihn zum Schreiben drängt? Würde die Kommunikation mit seinen fiktiven Charakteren besser laufen, wenn von außen ein wenig mehr Druck auf ihn ausgeübt würde?
Dummerweise erzählt er einer Zufallsbekanntschaft in einem Klub von seinen Nöten. Von diesem Zeitpunkt an nimmt sein beschaulicher Alltag eine radikale Wendung. Es beginnt alles ganz harmlos. Reuther erhält mysteriöse Emails von einem Fan, der sich selbst nur als ›K‹ bezeichnet. »Schreibe immer! Tag und Nacht. Und fürchte den Zorn der Götter!« lautet die sich immer wiederholende Botschaft. Nur das Gefasel eines verrückten Lesers oder doch eine ernst zu nehmende Drohung? Für Reuther ist alles nur ein alberner Scherz. Seine selbsternannte Muse hat jedoch gerade erst damit begonnen, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Alle Freunde und Bekannten des Autors schweben plötzlich in tödlicher Gefahr.

KALLIOPE ist ein Thriller über die geheimnisvollen Mechanismen des Schreibens, über fiktive Menschen, die plötzlich zum Leben erwachen, über den schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Imagination. Ein blutiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Wupper und Rhein.


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Weitere Informationen

Ersterscheinung

2016

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

420

ISBN

978-3-95835-176-9

eISBN

978-3-95835-177-6

Leseprobe


Kapitel 1

 

Grelle Lichter. Ein endlos pulsierendes Band jagte ihr entgegen. Stechend, aggressiv, unerbittlich.
Begleitet wurden die Lichter von dem stetig an- und abschwellenden Dröhnen unzähliger Motoren.
Nora kniff die Augen zusammen, um die Straße vor sich besser erkennen zu können. Wann war es eigentlich dunkel geworden? Nervös fuhr sie sich mit Daumen und Zeigefinger über die Nasenwurzel. Die Sicht verbesserte sich dadurch jedoch überhaupt nicht.
Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie lange sie nun schon diese gewundene Küstenstraße entlangfuhr. Zwei Stunden? Drei?
‘Verdammt!’, dachte sie. ‘Die Zeit ist mir vollkommen entglitten.’ Sie seufzte. ‘Wie so vieles andere in meinem so erbärmlichen Leben auch.
An der nächsten Ausfahrt setzte sie spontan den Blinker, denn sie brauchte dringend etwas Abwechslung. Und deutlich weniger Gegenverkehr.
Die Ortsnamen auf den Schildern sagten ihr überhaupt nichts. Sie wusste nicht einmal, in welchem Bundesstaat sie sich gerade befand. Hatte sie die Grenze von Kalifornien vielleicht schon längst hinter sich gelassen? Sie entschied sich nun für eine Strecke in nördliche Richtung.
Die Straße führte in langen Serpentinen hinauf in die Berge. Dahinter erstreckte sich eine Hochebene aus staubigen Feldern und Weiden. Nirgendwo zeigte sich der Umriss eines Hauses. Im Dämmerlicht der hereinbrechenden Nacht konnte sie nicht einmal Unterstände für Vieh erkennen. Die windschiefen Pfähle der Stacheldrahtzäune waren der einzige Hinweis auf menschliche Besiedlung.
Einen Vorteil hatte die Einöde allerdings: Die schmerzenden Gegenlichter waren fast vollkommen verschwunden. Nur ganz selten kam ihr einmal ein Wagen entgegen. Meist handelte es sich dabei um verbeulte Pick-ups mit Holz oder Maschinenteilen auf der Ladefläche. Ansonsten war es um sie herum so dunkel, dass sie sogar einige Sterne durch die Windschutzscheibe hindurch funkeln sehen konnte.
Nora atmete tief durch. Sie spürte, wie mit jedem Kilometer ein Teil der Anspannung von ihr abfiel. Die Einsamkeit umhüllte sie wie ein schützender Mantel.
Die Straße überquerte einen unbeschrankten Bahnübergang und folgte von nun an der etwas höher gelegenen Trasse in östlicher Richtung.
‘Wahrscheinlich längst stillgelegt’, dachte Nora. Die Gegend sah nicht gerade danach aus, als ob hier ein großer Bedarf an Personen- oder Gütertransporten bestünde.
Sie wollte gerade damit beginnen, über ihre nächsten Schritte nachzugrübeln, als sie die Lichter im Rückspiegel bemerkte. Die Scheinwerfer eines Autos!
Da Nora auf den lang gezogenen Strecken bislang nichts aufgefallen war, musste der Wagen deutlich schneller als ihr alter Pontiac fahren. Oder war er aus einem Seitenweg an der Bahnüberquerung gekommen? Vergeblich bemühte sie sich, das Bild des Übergangs erneut vor ihrem geistigen Auge wachzurufen. ‘Hatte es nicht eine schmale Schotterpiste oberhalb der Gleise gegeben?’
Die Lichter im Rückspiegel wurden nun größer. Sie fingen langsam an, sie zu blenden. Nora kippte den Spiegel in die Anti-Blend-Stellung und presste ihren Rücken fester gegen den Sitz. Gleichzeitig drückte sie das Gaspedal weiter durch. Der V6-Motor des 1987er Bonneville hustete leicht, gehorchte dann aber ihrem Befehl. Für einige Zeit verschwanden die fremden Scheinwerfer in einer Wolke aus aufgewirbeltem Staub.
Warum ließ sie den Kerl hinter sich, der es scheinbar so eilig hatte, nicht einfach überholen? Wahrscheinlich war es nur ein Farmer, der den Zaun seiner Weide repariert hatte. Ein staubiger müder Mann, der sich nach Heim und Frau zurücksehnte.
‘Und wenn nicht?’, schoss es ihr durch den Kopf. ‘Was, wenn der Wagen ihr schon die ganze Zeit über gefolgt war und erst jetzt seine Scheinwerfer eingeschaltet hatte? Auf der Interstate war der Verkehr viel zu dicht gewesen; einen möglichen Verfolger hätte sie dort niemals bemerkt. Was, wenn sich der Wagen schon seit San Diego an ihre Fersen geheftet hatte? Konnte es sein, dass ihre Flucht nur eine Farce gewesen war? Ein taktischer Schachzug, bei dem ihr der Gegner einfach nur jede Menge Leine gab?’
Der Gedanke traf sie wie ein Faustschlag in die Magengrube. Spielten sie nur ein abgekartetes Spiel mit ihr?
Sie trat das Gaspedal bis zum Boden durch.
‘Dann wollen wir doch mal sehen, wie lang eure verdammte Leine ist! Kommt doch und holt mich!’
Die Tachonadel zuckte über die Hundert hinweg. Kleinere Schlaglöcher ließen den Wagen nun gefährlich nahe an den unbefestigten Seitenstreifen springen. Noras Griff um das Lenkrad wurde fester. Sie musste sich unglaublich konzentrieren; bei zu starkem Gegenlenken würde der Bonneville schnell ins Schleudern geraten können.
Ihr Blick wanderte nun ständig zwischen Rückspiegel, Tacho und Straße hin und her. Wie es aussah, wurden die Lichter des Verfolgers nicht größer. Ein Grund zur Entwarnung bestand dennoch nicht, denn die beiden glühenden Punkte wurden auch nicht kleiner. Sie konnte es nicht fassen. Trotz des mörderischen Tempos hielt das fremde Auto einen gleichbleibenden Abstand zu ihr.
Ein anderes Licht lenkte jetzt plötzlich ihre Aufmerksamkeit auf sich.
„Verdammt!“ Ihr Schrei übertönte das Röhren des Motors.
„VERDAMMT! VERDAMMT! VERDAMMT!!!“
Wie lange brannte diese kleine rote Lampe schon? In den vergangenen Stunden war ihr einfach zu viel durch den Kopf gegangen; an so triviale Dinge wie Tanken hatte sie natürlich nicht gedacht.
Unsinnigerweise tippte sie mit dem Finger gegen die Tankuhr. Der Zeiger blieb unbeweglich auf dem großen ‘E’ liegen.
‘Na, wunderbar!’
Für wie lange würde der Sprit wohl noch reichen? Sie starrte angestrengt nach draußen, doch außer kargen Weiden und knorrigen Kreosotbüschen konnte sie nichts erkennen.
‘Und wenn schon!’, dachte sie. Augenblicklich hatte sie ganz andere Probleme. Denn selbst wenn direkt vor ihr ein riesiges EXXON-Schild aufgetaucht wäre, was hätte sie tun sollen? Anhalten und tanken? Sollte sie ihre freundlichen Verfolger vielleicht freundlich darum bitten, in der Zwischenzeit eine Zigarette zu rauchen? Na, vielen Dank auch!
Nora blickte wieder in den Rückspiegel. Waren die Lichter nicht etwas größer geworden? Sie jagte jetzt mit hundertzehn Meilen durch die Einöde, aber das fremde Auto klebte trotzdem wie eine Klette an ihr. Frustriert schlug sie gegen das Lenkrad. Was sie jetzt dringend benötigte, war keine Tankstelle, sondern eine tiefe Höhle, in der sie sich mit ihrem Bonneville verkriechen konnte.
‘Wunderbares Timing, Cookie!’, hörte sie im Geiste die Stimme ihres Vaters. ‘Ohne Sprit mitten im Nirgendwo.’ Wie immer hatte ihr alter Herr recht. Die größte Höhle im Umkreis von hundert Meilen dürfte der Bau eines Präriehundes sein.
Nach einer Weile zweigte ein schmaler Schotterweg von der Hauptstraße ab. Im Licht der Scheinwerfer konnte Nora ein windschiefes Holzschild ausmachen. TUCKER hatte jemand mit ungelenken, weißen Pinselstrichen darauf gemalt.
Für einige Sekunden spielte sie mit dem Gedanken, dem Schild zu folgen. Angesichts des Zustandes der Straße würde sie aber dann deutlich langsamer fahren müssen. Ihr Verfolger könnte so möglicherweise schneller zu ihr aufschließen. Wahrscheinlich besaß der Wagen hinter ihr einen Allrad-Antrieb, wodurch er ihrem Bonneville eindeutig überlegen wäre. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wohin diese Schotterpiste überhaupt führte. Vielleicht war dieser ‘Tucker’ ja schon vor Jahrzehnten in eine weniger staubige Gegend umgezogen.
‘Vergiss’ es!’, sagte sie sich. Die Nebenstraße war ganz sicher eine Sackgasse, die an einer halb verfallenen Farm endete. Dort wäre sie so hilflos wie die sprichwörtliche Ente im Fass.
‘NO WAY!’
Nora raste also weiter über die Hauptstraße. So einfach würde sie es ihren Gegnern bestimmt nicht machen. ‘Kommt und holt mich doch!’, dachte sie todesverachtend. Sie hatte längst den Punkt der reinen Angst überschritten. An ihre Stelle war nun eine schon unheimliche Gleichgültigkeit getreten. Was nützte es denn schon, sich wegen unabänderlicher Dinge verrückt zu machen? Die Vergangenheit ließ sich sowieso nicht mehr ändern. Und was geschehen würde, würde eben geschehen. Wenn das Schicksal, Karma oder wie immer man es nennen wollte, vorgesehen hatte, dass sie den morgigen Tag nicht mehr erlebte, konnte sie wohl kaum etwas dagegen tun. Sie stieß ein leises Schnauben aus.
Nirgendwo stand allerdings geschrieben, dass man jenen ‘höheren Mächten’ auch noch behilflich sein musste. Vielleicht gab es ja auch alternative Handlungsabläufe. Vielleicht besaß jedes Individuum doch die Möglichkeit, seine Geschicke bis zu einem gewissen Grad selbst mitzubestimmen. Sie würde jedenfalls nicht einfach so die Hände in den Schoß legen und demütig auf ihr Ende warten.
‘Das verdammte Karma wird sich schon anstrengen müssen, um meinen Arsch zu bekommen.’
Nora blickte wieder in den Rückspiegel und blinzelte. Etwas stimmte hier nicht. Die Lichter waren plötzlich verschwunden. Hatten die Mistkerle ihre Scheinwerfer etwa wieder ausgeschaltet?
Obwohl sie sich der Gefahr durchaus bewusst war, drosselte sie ihre Geschwindigkeit. Nun konnte sie auch einen längeren Seitenblick riskieren, ohne befürchten zu müssen, gleich im Graben zu landen.
Hinter ihr und links war alles in vollkommene Dunkelheit gehüllt; rechts erspähte sie jedoch einen schwachen zittrigen Lichtstrahl, der sich immer weiter von ihr entfernte. Sie trat die Bremse so fest durch, dass sich der Wagen nun doch leicht querstellte und der Motor augenblicklich erstarb.
Ungläubig starrte sie auf den gelblichen Schimmer. Ihr Verfolger war tatsächlich auf den Nebenweg abgebogen.
„Verdammter Tucker!“ Ihr Fluch hallte laut im Inneren des Wagens wider. Warum war ihr der Kerl nur mit derart halsbrecherischem Tempo gefolgt? Hatte er etwa vergessen, die Kartoffeln vom Feuer zu nehmen? Oder war es in dieser Gegend vollkommen normal, nächtliche Jagden auf Durchreisende zu veranstalten?
Nora betrachtete ihre Hände, die noch immer das Lenkrad fest umklammert hielten. Als sie die Finger löste, durchfuhr sie ein heftiges Zittern. Schmerzhaft jagte das Adrenalin durch jede Faser ihres Körpers.
‘Das zum Thema coole Gleichgültigkeit’, dachte sie. Der blöde Hinterwäldler-Pick-up hatte sie in eine bibbernde Parkinson-Patientin verwandelt.
„Scheiß Rednecks!“
Sie spähte nach vorne über die endlose Prärie. Da das Standlicht kaum weiter als zehn Meter reichte, konnte sie die Landschaft allerdings nur erahnen.
‘Na wunderbar!’, dachte sie. Ein Problem war gelöst, das andere aber bestand nach wie vor. Im Tank befand sich nur noch ein Schnapsglas Sprit und die nächste menschliche Siedlung lag wahrscheinlich irgendwo am Yukon. Nora seufzte. Sie drehte den Zündschlüssel und legte den Gang ein. Langsam tuckerte sie weiter. Vielleicht hatte sie ja Glück. Vielleicht befand sich hinter dem nächsten Hügel ja eine Tankstelle … eine Tankstelle mit angeschlossenem Motel. Ähnlich dringend wie Benzin benötigte sie nämlich ein paar Stunden Schlaf. Sie musste endlich einmal zur Ruhe kommen. Im Augenblick drohte ihr der Kopf zu platzen von all den verrückten Vorfällen, deren Zeuge sie seit letztem Dienstag geworden war. Konnte es wirklich sein, dass seitdem erst fünf Tage vergangen waren?
‘Und dass ich noch immer lebe?’
Sie schüttelte unwirsch den Kopf. Zumindest gab es eine Sache, die durchaus ihre positiven Seiten besaß. Es war eine wirklich fette Beute, die sie am Haken hatte. Zur Freude bestand jedoch kein Anlass, denn noch musste sie das zappelnde Ding erst einmal sicher an Land bringen. Leichter gesagt als getan. Es gab dort draußen eine Menge Leute, die ihr den Fang streitig machen wollten. Lauter blutgierige Haie.
Ein leises Kichern entrang sich ihrer Kehle. ‘Die alte Parkinson-Frau und das Meer’.
‘Nein!’ Das schiefe Grinsen wich mit einem Mal ernster Entschlossenheit. Sie würde alles dafür tun, damit ihre Geschichte kein derart tragisches Ende nähme.
Verdammt, einmal in ihrem Leben hatte doch wohl auch Nora Phyllis Bolden Anspruch auf ein winziges Stückchen vom großen Kuchen des Lebens.
Sie schaltete in den zweiten Gang und versuchte das rote Lämpchen einfach zu ignorieren.
Sollen die Haie nur kommen. Sie würde ihren Fang und ihr eigenes Leben mit allen Mitteln verteidigen.
„Passt nur auf, damit ihr euch nicht die Zähne an mir ausbeißt!“, murmelte sie. „Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber die Tochter meiner Mutter kann ein verdammt zähes Miststück sein.“
Sie schaltete in den vierten Gang und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Sie war das Warten so leid; wenn ihr Weg auf dieser endlosen staubigen Straße sein Ende finden würde, dann sollte es zumindest mit dröhnendem Motor geschehen.