Verraten

von Russell Blake

Serie: Jet
Band 2

Fans von Kill Bill, der Bourne-Trilogie und 24 werden ihre helle Freude an dieser wilden Achterbahnfahrt aus Action, Intrige und Spannung haben.

INHALTSBESCHREIBUNG


Die achtundzwanzigjährige Jet, ehemalige Mossad-Agentin aus dem gleichnamigen Roman JET, stellt sich einem beinahe chancenlosen, tödlichen Kampf, um die zu schützen, die sie liebt; einen Kampf von Nebraska bis zu den Zentren der Macht in Washington, von den Straßen Bangkoks bis in den Dschungel von Laos.

Kapitel 1

 

Gordon stupste seinen schlafenden Begleiter an. »Doug. Wach auf.«

Dougs Kinnlade hing herunter auf sein schmutziges, militärgrünes T-Shirt, das von der schwülen Hitze der Nacht durchgeschwitzt war.

Gordon stieß ihn noch einmal mit dem Ellbogen an.

Doug schüttelte sich, hob den Kopf und öffnete ein trübes Auge einen schmalen Spalt weit.

»Was?«

»Psst. Sei leise«, zischte Gordon. »Wir wollen doch die Wachen nicht auf uns aufmerksam machen.«

Er verlagerte seine in Tarnfarben gekleideten Beine im Schlamm und der welken Flora, dann betrachtete er die Wade seines Partners, wo ein schmutziger Verband um eine eitrige Schusswunde unterhalb der am Knie abgeschnittenen Hose gebunden war. Der rostrote Fleck getrockneten Blutes auf der Bandage wimmelte vor Ameisen, welche die einst weiße Mullbinde erkundeten.

Doug war blass und sein Körper kämpfte hart gegen Infektion und Fieber. Dass keiner der beiden in den vergangenen zwei Tagen etwas gegessen hatte und sie nur alle vier Stunden Wasser bekamen, kam erschwerend hinzu. Der Dschungel in den südlichen Hügeln von Myanmar war immerzu schonungslos grausam – wenn die Männer nicht von ihren Kidnappern getötet wurden, dann schon bald von der Natur.

»Meine Hände sind fast frei«, flüsterte Gordon. »Rutsch herüber, damit ich deine Fesseln lockern kann.«

Beide Männer waren mit auf den Rücken gefesselten Händen an einen Pfahl gebunden, der am Rand einer Lichtung in den Boden gerammt war. Eine harsche, aber effektive Art des Festhaltens – außerdem gab es nicht viele Orte, an die man sich hätte davonmachen können. Das Goldene Dreieck war ein gesetzloses Gebiet, das sich von Myanmar bis nach Vietnam erstreckte und einen Teil von Laos und Nordthailand umfasste. Abgesehen von gelegentlichen Dörfern, wo Einheimische in erbärmlicher Armut lebten, war dieses Gebiet ein Flickenteppich aus Dschungel und Schlafmohnfeldern.

»Wie?«, fragte Doug schwach, aber immer noch zu laut für Gordons Geschmack.

»Sei still. Rück einfach ein Stück näher heran. Und sei ruhig.«

Doug gehorchte und rückte zentimeterweise so hinüber, dass Gordon seine Handgelenke erreichen konnte.

Die Nacht war dunkel, aber ein Streifen Mondlicht, der oben durch die Bäume schien, spendete genug Licht, um Dougs ausgemergelte Züge zu beleuchten. Mit einem Blick nach rechts konnte Gordon die Zelte des Kernlagers auf der Lichtung und die wenigen grob aufgestellten Hütten nahe des Waldrands ausmachen, gleich bei einem der zahllosen Flüsse in den Hügeln des Shan-Staates, der an Laos und Thailand grenzte.

Gordon sägte mit einem scharfen Bambussplitter an dem Seil, den er unten vom Pfahl gelöst hatte. Seine Hände bluteten, wo die scharfe Kante die Haut aufgerissen hatte, was ihm aber egal war. Wenn sie es nicht schafften, zu entkommen, würden sie sterben. So einfach war das.

Er vermutete, dass es ungefähr ein Uhr morgens war. Die Sonne war vor mindestens fünf Stunden untergegangen. Obwohl sein Zeitgefühl wegen Dehydrierung, Hunger und der im Freien verbrachten Zeit etwas durcheinandergeraten war, konnte er das einigermaßen schätzen. Sie wurden sogar während der unvermeidlichen, regelmäßigen Regengüsse draußen gelassen, wo die Bergluft mit der Zeit die Feuchtigkeit auf ihrer nassen Haut trocknete, aber auch Moskitos mitbrachte, die um sie schwärmten. Er war so oft gestochen worden, dass jeder Flecken unbedeckter Haut rot geschwollen war, genau wie bei Doug.

Er wollte erst gar nicht an die Krankheiten denken, welche die Moskitos in sich trugen und die endemisch in diesem Gebiet auftraten. Denguefieber, Malaria, Gelbfieber, Chikungunyafieber … und dann konnte man sich noch Typhus, Hepatitis, Pest, hämorrhagisches Fieber und eine breite Palette weiterer Freuden holen, wenn man das Wasser in diesem Dschungel trank oder mit seinen Bewohnern in Kontakt kam.

Im Moment aber hatten sie größere Probleme.

Gordon lauschte angestrengt in Richtung des Lagers. Es war alles ruhig, aber diese Ruhe war trügerisch, denn tagsüber und auch nachts patrouillierten unregelmäßig zwei bis drei Männer mit Sturmgewehren auf den Schultern lautlos im Dschungel um die Buden. Es waren Shan: Stammesleute aus dem Gebiet, welche die Gegend kannten wie ihre Hosentaschen – Söldner, die dafür bezahlt wurden, ein Leben auf der Flucht zu führen und als Sicherheitskräfte für den Mann zu fungieren, der für sie eine Art Gott war.

Ein weißer Mann.

Ein Rundauge, unglaublich reich und mit einem Verlangen nach extremer Privatsphäre, beherrschte dieses Gebiet wie ein Warlord.

Gordon hatte das schwer erreichbare Ziel noch nicht ausgemacht: denFarang, den die Eingeborenen beschützten und in dessen Camp sie jetzt unfreiwillig zu Gast waren. Soweit Gordon den unterdrückten Gesprächen der Wachen entnehmen konnte, war der Mann gar nicht da. Selbst wenn also die Mission nach Plan verlaufen und es ihnen gelungen wäre, in das Lager einzudringen, ohne geschnappt zu werden, wäre alles umsonst gewesen.

Er spürte, wie das Seil um Dougs Handgelenke allmählich unter der Kraft des Bambussplitters ausfranste, und sägte daher systematisch weiter. Doug hatte erneut irgendwann das Bewusstsein verloren und das würde wohl die nächste Stunde so bleiben, also ließ ihn Gordon in Ruhe. Er würde schon bald alle Energie benötigen, die er aufbringen konnte.

Ein Geräusch durchbrach die Ruhe der Finsternis, und Zweige brachen schnappend, als zwei bewaffnete Männer aus dem Wald auf die Lichtung traten und sich im lokalen Dialekt unterhielten – die Wache für die Nacht war eingetroffen. Das Lager selbst schien am Tage ruhig, also hatten die Männer nicht viel zu tun und schlugen träge die Zeit mit Kochen, Patrouillieren und Glücksspiel untereinander tot. Es gab nichts zu bewachen, während ihr Chef nicht da war. Es gab niemanden, der Interesse daran hatte, eine schwer bewaffnete Gruppe anzugreifen, um ihre Zelte oder Waffen zu konfiszieren. In diesem kleinen Teil der Welt gab es jede Menge Waffen – sie waren in der ländlichen Hügellandschaft verbreiteter als Schuhe.

Gordon sah durch halb geschlossene Augen, wie die Neuankömmlinge zu einem kleinen Feuer gingen, wo ein weiterer Mann saß, der eine Kalaschnikow zärtlich im Arm hielt. Sie bedeuteten ihm synchron, seine Flasche weiterzureichen. Er protestierte halbherzig, dann gab er sie ihnen lachend. Danach wurden Zigaretten gezückt, gefolgt von den unvermeidlichen Spielkarten, die in Vorbereitung einer erneuten Umverteilung von Vermögen spät in der Nacht gemischt wurden.

Wenn die Zielperson zurückkehrte, wäre es vorbei mit dieser lockeren Art. Sie hatten beide das Dossier über ihn gelesen. Es war reines Glück, dass Gordon seine Fesseln eines Nachts lösen konnte, als die Wache nachlässig gewesen war. Das könnte der seidene Faden sein, an denen ihr Leben hing.

Obwohl die Aussichten für Doug eher schlecht standen.

Der Schuss in seine Wade hatte den Knochen verfehlt, aber eine Infektion hatte sich ausgebreitet und das würde seine Fähigkeiten einschränken, besonders weit zu kommen. Gordon hatte in Erwägung gezogen, ohne ihn abzuhauen, brachte es aber nicht übers Herz. Er wusste, dass Doug bei ihm geblieben wäre, falls er verwundet worden wäre. Nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, schuldete er Doug zumindest diesen einen Gefallen.

Was aber nicht hieß, dass seine Chancen günstig standen.

Wenn die Wachen so weiter tranken, hoffte Gordon, könnten sie in einer Stunde aufbrechen und in den Dschungel verschwinden. Wie aber ging es dann weiter? Sie waren mehrere Tage von allem entfernt, was auch nur ansatzweise an Zivilisation erinnerte. Außerdem waren ihre Kidnapper nicht die einzige bewaffnete Truppe in dieser Gegend. Drogenschmuggler, Banditen, Menschenhändler, Wilderer; sie alle blühten auf in diesem Niemandsland, welches das Dreieck war, und jeder von ihnen würde sofort töten, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

Das waren nicht die besten Aussichten, aber wenn Gordon sich nicht von seinen Fesseln hätte befreien können, hätten sie gar keine Chance gehabt.

Zwanzig Minuten später spürte er, wie die letzten zerfransten Schnüre der Fesseln leise schnappend auseinanderrissen. Er stieß Doug wieder an.

»Hey. Du bist frei. Schneid den Rest meiner Fesseln durch, wie ich deine zerschnitten habe.«

Doug fuhr zusammen und sah ihn mit verständnislosem Blick an. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, überhaupt so lange zu warten. Er war schon total weggetreten. Das Delirium, das mit der Infektion einherging, war zu weit fortgeschritten.

»Doug. Nimm das Stück Bambus. Lass deine Hände hinten. Mach keine plötzlichen Bewegungen. Schneide so lange, bis ich frei bin.«

Ein klarer Moment flammte auf und Gordon spürte, wie Dougs Finger nach dem Splitter tasteten.

Als die Fesseln endlich durchtrennt und seine Handgelenke frei waren, kehrte das Blut heftig spürbar in seine Hände zurück. Er spähte durch fast geschlossene Augen nach den Wachen, die ihre Flasche ausgetrunken hatten und Karten vor sich hin klatschten. Dabei betrogen sie einander mit träger Vertrautheit, ihre Wachsamkeit nur hervorgehoben durch einen gelegentlichen Rülpser oder abgehacktes Husten. Die Männer waren ungefähr siebzig Meter entfernt und Gordon hoffte, dass Doug und er durch das Unterholz davonkriechen konnten und es Stunden dauern würde, bis jemand ihr Verschwinden bemerkte. Seit die Sonne untergegangen war, hatte schließlich noch niemand nach ihnen gesehen, und die Erfahrung der vergangenen zwei Nächte hatte ihn gelehrt, dass frühestens bei Sonnenaufgang jemand kommen würde, um nachzusehen.

»Doug, hör zu«, murmelte Gordon. »Wir rutschen hinüber zu den Büscheln Pflanzen dort und dann rennen wir, was das Zeug hält. Schaffst du das?«

Doug schien aufmerksamer jetzt, da seine Hände frei waren und eine Aussicht auf Flucht bestand.

»Ich glaube schon. Wie machen wir es?«

»Ich gehe zuerst. Es ist so finster hier, dass sie uns nicht sehen können, solange wir uns nicht blöd anstellen. Sobald ich außer Sichtweite bin, kommst du zu mir gekrochen, dann laufen wir den Hügel hinunter. Wenn wir bis Tagesanbruch durchhalten, werden wir am Stand der Sonne feststellen, in welche Richtung wir uns bewegen, so gelangen wir dann zur thailändischen Grenze.«

Doug nickte.

Mit einem letzten flüchtigen Blick zu den Wachen bewegte sich Gordon zentimeterweise hinunter zum Boden und rollte sich auf den Bauch, dann robbte er zu den Bäumen. Niemand bemerkte etwas – es fielen keine Schüsse und kein Alarm wurde ausgelöst. Als er im Gestrüpp angekommen war, drehte er sich um und hielt Ausschau nach Doug. Er hoffte, dass es kein tödlicher Fehler war, ihn mitzunehmen.

Zwei Minuten später tauchte Doug neben ihm auf. Sie standen beide auf und Doug belastete zögerlich sein Bein. Die Schwere der Schmerzen, die dabei verursacht wurden, spiegelte sich in seinen Augen wider, aber er schluckte es einfach.

Nach einem letzten Blick zum Lager schlüpften sie tiefer ins Gebüsch. Der Klang der Kreaturen der Nacht ringsum begleitete sie, als sie sich wortlos durch die dichte Vegetation arbeiteten und hofften, einen Weg im dürftigen Mondlicht auszumachen.

Gordon stützte Doug, als sie vorwärts trotteten und schon eine Stunde auf dem Marsch in die Freiheit waren. Doug wurde bereits müde von dem Schaden, den die Infektion in seinem Körper anrichtete, aber er schleppte sich weiter, ohne zu murren. Gordons Arm brannte von der Entzündung an der Stelle, wo ihm die Wachen den eingepflanzten Peilsender einfach aus der Haut geschnitten und eine üble, klaffende Fleischwunde hinterlassen hatten. Er konnte sich nur vorstellen, was Doug durchmachte.

Sie kämpften sich durch Totholz und das Gewirr von Kletterpflanzen, bis sie an einen Fluss kamen, der sich vom Lager her den Hügel hinunter schlängelte. Ein Wildpfad verlief entlang des Ufers, was ihnen ermöglichte, schneller voranzukommen.

»Argh. Oh Gott …«, schrie Doug auf, als er mit dem Knöchel in einer Furche umknickte, was an seinem brutal angeschlagenen Wadenmuskel zerrte und ihm die Tränen in die Augen trieb.

»Lass uns eine Pause machen und den Verband abwaschen. Das Wasser wird dir gut tun«, sagte Gordon, als Doug zu Boden sank und sich ans Bein griff.

Als Gordon die Mullbinde abwickelte, schnappte Doug nach Luft und sein Atem kam in heiseren Stößen.

Der Gestank war fürchterlich. Wie verfaulendes Fleisch. Verfärbungen zogen sich an den Venen entlang und ein blutiges Eitergemisch quoll aus der Wunde. Gordon wusch sie vorsichtig ab und nahm Abstand davon, die Insekten zu erwähnen, die sich dort eingenistet hatten. Das Wasser spülte sie fort, aber Gordon machte sich nichts vor. Wenn Doug überlebte, würde er wahrscheinlich das Bein verlieren, außer, sie bekamen irgendein wundersames Antibiotikum in die Finger.

»Wie sieht es aus? Es tut weh wie …«

Gordon warf seinen Kopf zur Seite und legte einen Finger an die Lippen.

»Was?«

»Psst«, flüsterte Gordon und lauschte. »Verdammt. Wir müssen weiter. Jetzt. Wir müssen dich schnell verbinden. Wir müssen uns beeilen.«

Gordon wrang den Verband aus und wickelte ihn hastig um die klaffende Wunde – die Kugel war sauber durch den Wadenmuskel gegangen, aber die nachfolgende Infektion hat unermesslich großen Schaden angerichtet.

Doug sah ihn mit großer Aufmerksamkeit an. »Was hörst du?«

»Einen Hund.«

Sie standen mit Mühe auf und traten in den Fluss, in der Hoffnung, so ihre Spur zu verwischen – obwohl Gordon glaubte, dass Dougs Wunde einen starken Geruch verströmte.

Er hatte keine Ahnung, wie ihre Kidnapper zu einem Hund gekommen waren. Wahrscheinlich stammte er aus einem der Dörfer in der Nähe. Mit ein paar Dollars konnte man sich fast alles kaufen, auch um drei Uhr morgens. Ihr Glück war wohl einfach erschöpft.

Über den Himmel schoben sich Wolken und entließen ohne Vorwarnung einen Regenguss, der die beiden Männer durchnässte und ihnen die Sicht nahm. Es gab keinen Ort, an dem man sich vor dem Unwetter hätte unterstellen können, aber nass zu werden, war eine ihrer geringsten Sorgen.

Doug geriet ein paar Mal ins Stolpern und schrie auf. Allmählich sah es aus, als sei er nicht in der Lage, noch lange weiterzugehen.

»Lass mich einfach hier«, zischte Doug mit zusammengebissenen Zähnen.

»Vergiss es. Komm jetzt. Du musst schneller laufen.«

»Ich … ich kann nicht. Es ist zu …«

Der Feuerstoß eines Gewehrs durchdrang Dougs Oberkörper und Kugeln sirrten Gordon um die Ohren, der sich instinktiv auf den Boden warf. Doug wirbelte herum und brach neben ihm zusammen, wo er gurgelnd seinen letzten Atemzug tat und dann leblos liegen blieb. Der Lärm von Mensch und Tier, der sich ein paar Hundert Meter entfernt durch den Dschungel brach, ließ Gordon wissen, dass seine Zeit abgelaufen war. Er fragte sich, ob sie ihn wohl zurückschleifen würden oder sein Elend gleich mit einer Kugel in den Kopf beendeten.

Der Regen stürzte erneut kraftvoll vom Himmel, dicke Tropfen prasselten auf Gordon ein und er nutzte die vorübergehende Deckung, um vorwärts zu hasten, damit er Abstand zwischen sich und seine Verfolger brachte. Seine Stiefel traten schwer auf das felsige Flussbett, aber der strömende Regen um ihn herum erstickte das Geräusch. Seine einzige Hoffnung war nun, dass niemand ein Nachtsichtgerät hatte, oder noch schlimmer, ein Infrarotfernglas. Falls doch, dann war er schon tot.

Er folgte dem Bach, bis dieser in einen Flecken aufgewühlten Schaums stürzte. Stromschnellen, die aus dem vom Regen ansteigenden Wasser resultierten. Er trat vorsichtig auf die aufragenden Felsen und hüpfte von einem zum anderen über den Strom in der Hoffnung, auf die andere Seite zu gelangen, während die Regenflut ihm beim Entkommen Deckung verschaffte.

Da verlor er den Halt und rutschte mit der Sohle auf dem dritten Felsen aus. Gordon merkte, wie er stürzte, und verlor die Orientierung, als er im Wasser landete. Er schüttelte den Kopf, um klar zu werden und spürte, wie warme Flüssigkeit seinen Hals hinablief. Als er sich hinten ins Genick fasste, war seine Hand voller Blut.

Er blickte sich rasch um, brachte sich auf die Füße und rannte am Ufer entlang, während der Strom breiter wurde. Dann lauschte er angestrengt. Der gedämpfte Laut eines bellenden Hundes verriet ihm alles, was er wissen musste. Er musste, so gut es ging, Abstand zu seinen Verfolgern gewinnen. Wenn der Regen aufhörte, stünde er offen da – die Wachen waren Einheimische, die aus den umliegenden Weilern rekrutiert worden waren, und er zweifelte nicht daran, dass ein paar von ihnen als Führer auf den Schmugglerpfaden tätig waren, die sich durch die Hügel schlängelten. Sein einziger Strohhalm war nun ein schwacher Vorsprung und die Dunkelheit der Nacht. Wenn er überhaupt bis zum Morgen durchhielte, wäre er spätestens dann ein toter Mann, außer er schaffte es über die Grenze nach Thailand und damit in relativ zivilisiertes Gebiet.

Er verstand die Ironie darin, dass er die Beute war. Es war eine Vernichtungsmission, das Ziel relativ einfach, wenn auch schwer zu fassen. Gordon hatte in Afghanistan, auf dem Balkan und im Nahen Osten ähnliche Missionen frei von Komplikationen ausgeführt. Eigentlich war er das Raubtier. Das hier war nicht geplant.

Der Klang von Männern, die durch den Dschungel brachen, drang zu ihm, aber jetzt aus größerer Entfernung.

Vielleicht war sein Plan aufgegangen. Aber wenn, dann musste er bald weg von dem Fluss. Er hatte seinen Zweck erfüllt, aber man konnte ihm leicht folgen.

Ein kaum wahrnehmbarer Pfad zweigte zu seiner Rechten vom Wasser ab. Nach kurzem Zögern stürzte er sich auf diesen Weg und zwang seine Beine zu sehr hohem Tempo, denn ihm war schwindlig vom Blutverlust. Er würde schon bald anhalten und die Wunde verschließen müssen, oder sie übernahm den Job der Gewehrschützen.

Rufe hallten durch den Dschungel hinter ihm, aber immer noch weit genug entfernt, um ihm einen vorübergehenden Hoffnungsschimmer zu bieten. Wenn der Hund die Fährte am Fluss verloren hatte, dann waren sie genauso blind wie er selbst in diesem riesigen Gebiet.

Schlingpflanzen zerkratzten ihm die Haut, als der Pfad enger wurde. In diesem Augenblick hätte er alles für eine Machete und ein M4-Gewehr gegeben. Er würde kurzen Prozess mit den Amateuren machen, die ihn hetzten, sogar, wenn er nur die Machete hätte.

Schüsse erklangen weit entfernt, aber es gab keine Anzeichen in der Nähe, dass sie einschlugen. Die bewaffneten Männer feuerten also auf Schatten.

Eine Regung in einem der Bäume ließ Gordon abrupt anhalten – ein Paar glühender Augen starrte ihn brennend an. Er blinzelte in dem schwachen Licht und erstarrte vor Schreck. Dort auf einem Ast saß ein gefleckter Leopard, der in der Lage wäre, einen Hirsch zu reißen.

Die Großkatze fauchte, als sie ihn beobachtete, während er vorsichtig davonschlich und dabei Augenkontakt hielt, damit sie nicht dachte, er hätte Angst. Tiere konnten Angst spüren, das wusste Gordon. Er hatte keinen Streit mit dem hungrigen Leoparden, und wollte ihn auch auf keinen Fall provozieren. Mit über dreißig Kilo Lebendgewicht vermochte das Raubtier durchaus beachtlichen Schaden anzurichten, besonders, da Gordon sehr geschwächt war. Er ging rückwärts weg, aber der Leopard schien darauf aus zu sein, ihn herauszufordern. Ganz offenbar konnte er das Blut riechen.

Die beiden befanden sich etwa sechs bis sieben Meter voneinander entfernt und starrten einander tief in die Augen, bis die Katze der Auffassung war, dass der Dschungel leichtere Beute bereithielt und grazil auf einen anderen Ast sprang, dann auf den Boden hinunterkletterte und sich rasch durch die Büsche davonmachte.

Gordon seufzte erleichtert und setzte seinen Weg den Pfad entlang fort, wobei ihm mehr als bewusst war, dass die Schützen ihm immer noch dicht auf den Fersen waren. Er konnte am Lärm der letzten Schüsse erkennen, dass sie ungefähr vierhundert Meter entfernt mussten, aber er wollte bis zum Morgengrauen einige Kilometer daraus machen, falls möglich. Solange der Hund seinen Geruch nicht wieder aufspürte, war es machbar, vorausgesetzt, dass er nicht verblutete oder gefressen wurde.

Als er vorsichtig den Hügel hinabstieg, trat er in dichten Bodennebel, der wie ein Mantel über dem darunterliegenden Tal ausgebreitet lag. Gordon hatte eine vage Vorstellung davon, wo er sich befand, aber er wusste es nur ungefähr, da er und Doug weit vom Ort ihrer Gefangennahme weggebracht worden waren. Ein tragbares GPS-Gerät wäre ihm jetzt recht gekommen.

Rufe vom Kamm des Hügels, gefolgt von einem Bellen, ließen ihn wissen, was er wissen musste. Der Hund hatte den Geruch des Blutes im Wind gewittert und führte die Männer erneut direkt zu ihm. Das Bellen des Hundes nach seiner Beute schien jede Minute, die verstrich, lauter zu werden. Gordon biss die Zähne zusammen und hetzte weiter, immer schneller, bis er schließlich einfach rannte wie der Teufel.

Er blieb an einer Ranke auf dem Boden hängen, stolperte, stürzte den Hang hinunter und wurde immer schneller, als er den schlammigen Hügel hinunterglitt. Er streckte beide Hände aus, um seinen Fall zu bremsen, aber es half nichts. Die Schwerkraft behielt Oberhand und der Regen hatte den Grund zu einer eisglatten Rutschbahn gemacht.

Gordon knallte gegen einen Baumstamm, wodurch seine Abfahrt jäh gebremst wurde, und spürte etwas in seiner Brust knacken. Er nahm an, dass er sich mindestens ein bis zwei Rippen gebrochen hatte. Der einfache Auftrag war zu einer Tortur geworden, aus der er fürchtete, nicht lebend herauszukommen. Blut sickerte weiter von seinem Kopf und seine Hände waren bis auf das Fleisch aufgerissen. Die einzig gute Nachricht war, dass ihn seine Abfahrt mindestens hundert Meter weiter einen steilen Hang des Hügels hinuntergebracht hatte, wohin ihm niemand, der bei Verstand war, folgen würde. Wenn er einen Pfad aufspürte und sich zügig fortbewegte, könnte er eine Chance haben.

Gordon fühlte sich, als habe er zehn Runden mit einem Bären gerungen, zwang sich aber auf die Füße. Er atmete keuchend, und jedes Mal, wenn er Luft holte, durchdrang ein stechender Schmerz seine Brust, aber soweit er beurteilen konnte, war er immer noch einsatzfähig.

Er bahnte sich einen Weg durch das Gebüsch und achtete sorgfältig darauf, wohin er seinen Fuß setzte, denn er wusste, dass außer den bewaffneten Männern noch andere Gefahren hier lauerten. Leoparden, ein gelegentlicher Tiger, Tigerpythons … sie alle gingen im Schutz der Dunkelheit auf die Jagd. Gordon war verwundet, blutete, hatte keine Waffe, war halb verhungert und erschöpft. All das machte ihn hilflos gegenüber allem, das es auf ihn abgesehen haben könnte.

Das Schlimmste aber war, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere versagt hatte.

Er hatte seinen Partner verloren, war gefangen genommen worden und hatte nichts herausgefunden, was er nicht auch schon vor dem katastrophalen Einsatz gewusst hätte.

Der Sprühregen hörte auf und die Bäume um Gordon sahen ihn an wie stumme Wächter, als er ziellos vorbeistolperte und nach irgendeiner Art Weg suchte, der Abstand zwischen ihn und seine Verfolger bringen würde. Insekten summten überall im Gras; ein gelegentliches Rascheln empfing seine Schritte, wenn ein verborgenes Tier davonhuschte. Die Sohlen seiner Stiefel saugten sich im Schlamm fest und seine Beine waren bei jedem Schritt schwer wie Blei. Die Auswirkungen des Schlafentzugs und des Hungers forderten ihren Tribut. Es saugte ihm die Energie aus, als er nur noch mehr von seinem geschundenen Körper verlangte.

Als Gordon auf eine kleine Lichtung trat, teilten sich die Wolken gerade weit genug, um das Mondlicht hindurchscheinen zu lassen, dessen geisterhaftes Glühen ihm erlaubte, eine Lücke im Unterholz auf der gegenüberliegenden Seite zu erkennen.

Nebel waberte über die offene Fläche und kreiste das scheinbare Trugbild ein. Gordon taumelte auf die Bäume zu, überzeugt, dass er sich das nicht nur eingebildet hatte. Hinter ihm ertönte ein weiteres Bellen in der Ferne und trieb ihn vorwärts.

Dort.

Nur noch ein paar Meter.

Für einen Augenblick dachte er, er sei danebengeraten, dann begleitete das Knacksen trockener Zweige den Sturz seines Körpers in die Dunkelheit.

Ein bewusstseinsraubender Schmerz durchfuhr ihn. Heftige, brennende Agonie in seinem Bauch, seiner Brust und seinen Beinen.

Gordons Blick verschwamm, als er zum Himmel aufsah, wo der Mond spöttisch den Anblick seines Körpers beleuchtete, der auf angespitzten Bambuspfählen in der Grube aufgespießt war. Sein Blut kroch zäh und schwarz um die tödlichen Speere in dem unheimlichen Licht. Sein körperloser Geist überlegte, ob die Falle für Wildschweine, Rotwild oder eine andere Delikatesse gedacht war. Der Schmerz ließ nach, als sein Bewusstsein über ihm zu schweben schien und seinen erbärmlichen Zustand betrachtete. Seine Existenz war zu einem abrupten Ende gelangt, in einem Graben, in einem Höllenloch ohne Namen, irgendwo in einem Urwald, den Gott vergessen hatte.

Die Zeit schien sich zusammenzuziehen, als er gleichzeitig von vorbeirauschenden Erinnerungen und Gedanken des Bedauerns überwältigt wurde. Gordons letzter Gedanke war, dass es nicht auf diese Weise hätte enden sollen, dass er noch eine Aufgabe hatte. Auch wenn er persönlich viele von ihrer sterblichen Hülle befreit und ihnen teilnahmslos beim Sterben zugesehen hatte, überraschte ihn sein eigenes Dahinscheiden und er verstand endlich den verdutzten Ausdruck in den Augen seiner Opfer, wenn ihre letzte Stunde gekommen war.

Mit einem letzten unfreiwilligen Erzittern stemmte er sich gegen die Pfähle, dann erstarrte er, verkrampfte sich, und erschlaffte schließlich. Sein letzter Atemzug entfuhr ihm mit einem feuchten Rasseln, als das Blut in seine Lunge lief und sein Herz den sinnlosen Kampf aufgab, weiter zu schlagen.

Ende der Leseprobe

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