Buchcover:
Neuerscheinung

Ironcutter – Die Geheimnisse der Toten

von David Achord

Wer Krimis mag, wird das Buch nicht mehr aus der Hand legen können. [amazon.com]

INHALTSBESCHREIBUNG


Thomas Ironcutter liebt alte Autos, Zigarren und seinen Flachmann mit Scotch. Früher war er einer der besten Mordkommissare Nashvilles gewesen, doch nach dem tragischen Tod seiner Frau gilt er als Mordverdächtiger und sein eigenes Revier beginnt Ermittlungen gegen ihn anzustellen. Daraufhin hängt er seinen Job an den Nagel, verdient sich seine Brötchen als Privatermittler und wartet nur darauf, dass eines Tages ein ehemaliger Kollege an seine Tür klopfen wird, um ihn festzunehmen.

Chronisch knapp bei Kasse kommt der Auftrag eines alten Freundes wie gerufen. Ironcutter soll in einem Konkursfall ermitteln. Eigentlich ein simpler Fall, aber es dauert nicht lange, bis er über Tote, seltsame Geschäftspraktiken und das FBI stolpert – und irgendwie scheinen alle Spuren zurück zu dem Tod seiner eigenen Frau zu führen …

David Achords Ironcutter ist Detektivroman, Cop-Thriller und Gerichtsdrama gleichermaßen, mit einem sympathisch unkorrekten Protagonisten, der streckenweise an alte TV-Serien-Ikonen wie Magnum oder Stingray erinnert.

Kapitel 1

Ich hatte mir das ganz genau überlegt. Wirklich, kein Witz. Der Plan war brillant. Ich holte den Klappstuhl aus meinem Kofferraum, lief über den Parkplatz und pflanzte meinen Hintern auf ein Stück Parkplatz, auf dem mit roter Farbe sorgfältig »Reserviert« auf dem Asphalt stand.

Dann machte ich es mir gemütlich, was bedeutete, dass ich einen Schluck aus meinem Flachmann nahm, mir eine Zigarre anzündete, und mich in Ruhe umsah. Schließlich blieb mein Blick an dem Neonschild über dem Eingang hängen. Das Einzige, was mir dazu einfiel, war: Gentlemans Club, dass ich nicht lache. Das war ein Tittenlokal … einer dieser Orte, wo Männer ihre Kohle aus dem Fenster warfen und dabei zusahen, wie nackte Mädchen aufreizend für sie tanzten. Nicht, dass ich jemals darauf hereingefallen wäre. Das glauben Sie mir doch, oder?

Der Laden hatte in den letzten Jahren ein paar Mal seinen Namen geändert. Derzeit nannte er sich das Red Lynx. Damals, als ich meinen allerersten Mordfall untersucht hatte, hieß er noch das Cutie Cats. Um genau zu sein, hatte sich dieser Mord genau hier auf diesem Parkplatz, nur unweit von dem Platz, an dem ich nun saß, ereignet. Die Erinnerung ließ mich kurz in mich hineinlachen und mit halbem Auge bemerkte ich, dass meine Zigarre mittlerweile fast heruntergebrannt war.

Ich sah auf die Uhr und dann wieder zu der Leuchtreklame zurück. Laut der Anzeige würde der Klub um sechzehn Uhr öffnen, also in fünfzehn Minuten. Eigentlich sollte man annehmen, dass mittlerweile zumindest schon ein paar der Angestellten hier aufgekreuzt wären. Sie wissen schon, um das Licht anzumachen und so etwas, aber offensichtlich galten für dieses Lokal derlei ausgefeilte Geschäftspraktiken nicht. Ich zwang mich, geduldig zu sein. Schließlich ist Geduld nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Privatschnüffler.

Ich blickte noch einmal auf die Uhr.

Während ich mich umsah, fiel mir plötzlich auf, wie sauber der Parkplatz war. Nicht eine einzige Zigarettenkippe war zu sehen. Die Geschäftsleitung musste dafür wohl eines von diesen enervierend lauten Saugfahrzeugen eingesetzt haben, die einen um vier Uhr in der Früh aufweckten. Ich schnippte meinen Zigarrenstummel im hohen Bogen davon und sah zu, wie er direkt in der Mitte dieses tadellos sauberen Parkplatzes landete. Na bitte, so sah das schon viel besser aus.

Schließlich bog ein würfelförmiger blauer Kleinwagen auf den Parkplatz ein und hielt drei Plätze neben mir. Die dünne Aluminiumverkleidung des Wagens erzitterte förmlich unter den Bässen der vollkommen überdimensionierten Stereoanlage, was mich wieder daran erinnerte, wie sehr ich doch die Optik der meisten neumodischen Wagen hasste.

Neugierig beobachtete ich die Fahrerin. Sie blieb noch ein paar Minuten mit geschlossenen Augen in ihrem Wagen sitzen und wiegte sich zum Takt irgendeines geistlosen Rap-Songs hin und her, bevor sie ausstieg. Sie war Anfang zwanzig, etwas größer als der Durchschnitt, hatte hellbraune Haare, die nicht ganz auf ihre Schultern herab reichten und zwei schlanke Beine, die aus einem Paar abgewetzter Shorts herausragten. Ein pinkfarbenes knappes Shirt gab den Blick auf ihren flachen, trainierten Bauch frei. Kein BH. Sehr süß und sehr jung.

Zuerst tat sie so, als wäre ich unsichtbar, als sie mit ihrer riesigen Umhängetasche an mir vorbeilief, doch dann hörte ich, wie sie anhielt. Ich drehte den Kopf zu ihr um und sah, dass sie mich fragend anstarrte. Vielleicht, weil ich hier auf einem Klappstuhl mitten auf dem Parkplatz saß, oder weil ich an einem so heißen Nachmittag im Juni ein Sakko trug, oder, noch besser, sie starrte mich einfach nur deshalb an, weil ich so verdammt gut aussah.

»Guten Tag«, begrüßte ich sie höflich.

»Hey, Sportsfreund, ich habe keine Ahnung, was Sie da treiben, aber Sie sitzen auf Bulls Parkplatz.«

»Bull?«, fragte ich unschuldig.

»Ja, er ist einer der Türsteher hier, und keiner, mit dem man sich anlegen will«, antwortete sie.

»Sie wissen nicht zufällig seinen vollen Namen?«, fragte ich.

Jetzt musterte sie mich argwöhnisch. »Wer zum Teufel sind Sie?«

Ich legte die flache Aktenmappe, die ich bei mir hatte, ab und griff in meine Jackentasche, aus der ich ein paar Zwanziger hervorkramte und gut sichtbar in die Luft hielt. Sie starrte mich eine Weile an und ich versuchte, so zu tun, als würde ich nicht bemerken, dass sich ihre Nippel mittlerweile durch den Stoff ihres Shirts bohrten. Ich schätzte, dass dies eine natürliche Reaktion von Stripperinnen war, wenn sie einen Mann sahen, der mit Geld herumfuchtelte. Nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit siegte schließlich die Verlockung über die Vorsicht. Sie blickte sich um, kam zu mir und streckte ihre Hand nach dem Geld aus. Ich umklammerte es daraufhin fester.

»Den Namen, bitte«, erinnerte ich sie höflich.

Ihre Hand blieb auf meiner Hand liegen. »Sein Name ist Robert Turnbull und er dürfte jeden Moment hier sein.«

Bingo, da hatte ich meine Bestätigung. Ich lockerte meinen Griff und sie zog mir langsam die Geldscheine aus der Hand.

»Sind Sie ein Cop oder so was?«, fragte sie und sah mich mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht an.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin kein Cop.« Nicht mehr, wie ich in Gedanken hinzufügte.

Sie musterte mich weiter. »Sie sehen aber wie ein Cop aus.«

»Wie heißen Sie? Ihr richtiger Name, meine ich.« Den Zusatz hielt ich für wichtig, denn die meisten Stripperinnen benutzten ein Pseudonym.

Sie schenkte mir ein kleines schüchternes Lächeln, bevor sie antwortete: »Ich heiße Anna und Sie?«

»Thomas.« Aber bevor ich noch etwas hinzufügen konnte, schnitt mir das kehlige Auspuffbrummen mehrerer Motorräder, die die Straße herunterkamen, das Wort ab.

Sie sah in die Richtung, aus der der Lärm kam. »Hören Sie, ich will nicht dabei gesehen werden, wie ich mich mit Ihnen unterhalte.« Da war plötzlich ein Anflug von Unruhe in ihrer Stimme, als sie die Straße hinuntersah. »Seien Sie vorsichtig. Bull ist groß und gemein und er hat gute Freunde.«

Ich verstand. Ich zog noch schnell meine Visitenkarte aus meiner Jackentasche und reichte sie ihr. »Danke«, sagte ich. »Vielleicht kann ich Ihnen ja eines Tages mal einen Gefallen tun.«

Sie zögerte einen Moment, bevor sie sich die Karte schnappte und in das Lokal eilte. Die Tür war nicht verschlossen. Also war vielleicht doch schon jemand darin. Wenn ich nicht anderweitig beschäftigt gewesen wäre, hätte ich ihnen gesagt, dass sie endlich das verdammte Schild anschalten sollten.

Ich drehte mich wieder um, als drei Biker auf aufgemotzten Harleys auf den Parkplatz bogen. Alle drei trugen die typischen Biker-Klamotten, schmutzige Jeanswesten mit ihrem Klubnamen und eine Reihe weiterer Aufnäher mit kryptischen Symbolen. Diese Typen zählten sich zu den stolzen Onepercentern. Sie verachteten traditionelle Gesellschaftsformen und besaßen einen ausgeprägten Hass auf Gesetzeshüter.

Die Sorte kannte ich gut.

Die drei brachten ihre Maschinen nur wenige Zentimeter vor mir zum Stehen und drehten provokativ noch ein paar Mal die Motoren auf. Ich vermutete, der Lärm sollte mich einschüchtern. Ich blieb aber trotzdem ruhig sitzen und wartete. Nach ein paar Sekunden hörten sie mit dem Unsinn auf. Der Älteste von ihnen würgte seinen Motor ab und gab den anderen beiden ein Zeichen, seinem Beispiel zu folgen.

Einer von ihnen war dünn, drahtig, hatte einen langen schmierigen Kinnbart und die dunklen Augen eines Wiesels. Die anderen beiden waren etwas stämmiger. Der Ältere war vielleicht noch ein paar Zentimeter größer und ungefähr so alt wie ich, wog aber um einiges mehr. Etwas davon waren Muskeln, der Rest aber Fett. Wie die meisten älteren Biker schmückte ihn der standardmäßige Bierbauch. Spinnenweben-Tätowierungen zierten beide Ellenbogen, die in dicken, fleischigen Oberarmen mündeten. Auf einem davon zeichnete sich eine lange Narbe quer über dem Bizeps ab. Er trug einen breiten walross-artigen Schnurrbart, wie dieser Typ aus dem Fernsehen, der immer seine Söhne anschreit. Seine krumme Nase kündete von einigen Schlägereien, in die er in der Vergangenheit involviert gewesen war. Zumindest war das der Grund, warum meine schief war. Er schien derjenige zu sein, der hier das Sagen hatte, aber er war nicht der Grund, wieso ich hier war. Zumindest nicht der Hauptgrund.

Der, nach dem ich suchte, Bull, war der Größte von den Dreien. Knapp zwei Meter groß, gute hundertsechzig Kilo schwer und gebaut wie ein Football-Spieler. Irgendwie hatte ich so eine Vermutung, dass seine Persönlichkeit ihn davon abhielt, einen Mannschaftssport zu betreiben. Seine Arme waren mit Tätowierungen übersät und ausgehend von deren Umfang mussten dafür bestimmt vier Liter Tinte draufgegangen sein. Seine Beine erinnerten an Baumstämme und seine Biker-Stiefel mussten Übergröße haben. Ich warf einen schnellen Blick über den Parkplatz zu meinem Auto, um sicherzugehen, dass meine Verstärkung auch zusah.

Bull ließ sein Vorderrad gegen die blank gewienerte Spitze meines schwarzen Lackschuhes rollen. »Was zur Hölle hast du auf meinem Parkplatz verloren?«, knurrte er mich an.

Ich ergriff die Aktenmappe, setzte meinen besten entschuldigenden Gesichtsausdruck auf und erhob mich mit gespielter Nervosität von meinem Stuhl. »Ach du meine Güte, bitte entschuldigen Sie, aber ich war der Meinung, dass dieser Parkplatz für einen gewissen Robert Turnbull reserviert sei.« Der Älteste der drei Biker kniff misstrauisch die Augen zusammen. Wahrscheinlich hatte ihn meine Verwendung von Bulls bürgerlichen Namen alarmiert, aber bevor er etwas entgegnen konnte, meldete sich Bull schon wieder zu Wort.

»Das bin ich, du Arschloch«, krähte er. »Also beweg sofort deinen Arsch zur Seite.«

Ich nickte einsichtig. »Sofort, Sir«, antwortete ich und machte mich daran, nach meinem Klappstuhl zu greifen, dann aber zeigte ich ihnen den Aktenordner, wegen dessen ich nicht beide Hände benutzen konnte. Ich tat so, als wäre ich selbst davon genervt, wie ungeschickt ich auf andere wirken musste, und warf ihm beiläufig die Aktenmappe zu.

»Wenn Sie die bitte kurz halten könnten, Sir.« Er fing die Mappe ohne nachzudenken auf. Ich klappte den Stuhl zusammen, hob ihn auf und lief los.

»Hey, du Blödmann, du hast deine Mappe vergessen.« Er warf sie mir hinterher und die Dokumente wirbelten durch die Luft. Das Wiesel begann daraufhin zu lachen. Ich spähte zu dem Älteren hinüber. Dieser starrte mich durchdringend an. Er wusste genau, dass ich irgendetwas im Schilde führte. Ich ließ den Blick wieder zu Turnbull zurückwandern.

»Oh, die werde ich jetzt nicht mehr brauchen, Bull. Die ist für dich. Ordnungsgemäß zugestellt.« Ich beobachtete die anderen beiden. Genauer gesagt achtete ich auf ihre Körpersprache, um sicherzugehen, dass keiner von ihnen nach einer verborgenen Waffe griff.

»Was?«, brüllte Bull, der von seiner Maschine gestiegen war und mir hinterherlief. Ich hob warnend einen Finger und schob dann mein Jackett zur Seite, um ihm mein Baby zu zeigen. Eine umgebaute .45 Springfield Armory Modell XD, Halbautomatik, die in dem Holster an meinem Gürtel steckte.

»Bull!«, rief der Ältere. Bull blieb unwillkürlich stehen und drehte sich um.

»Hör dir an, was der Mann zu sagen hat«, riet ihm der Ältere.

Bull starrte mich an. »Glaubst du etwa, ich hätte Angst vor deinem dürren Arsch?«

»Vielleicht nicht vor mir, aber du solltest mit Sicherheit vor dem alten Mann da drüben Angst haben.« Ich deutete mit dem Daumen über meine Schulter, wo mein Onkel Mike, ein Polizei-Captain im Ruhestand, in meinem Auto saß. In einem 1961er Eldorado Kabriolett. Ein tiefschwarz glänzender Cadillac mit jeder Menge Chrom, Gangster-Weißwandreifen und einem weißen Verdeck. Hatte mich beinahe ein Jahr gekostet, ihn wieder vollständig zu restaurieren, aber es war jede Minute davon wert gewesen. Mein Onkel hatte eine Schrotflinte aus dem geöffneten Fenster geschoben, die in unsere ungefähre Richtung zeigte. Eine Zigarette hing aus seinem Mundwinkel und er starrte mit dunkelbraunen durchdringenden Augen zu uns hinüber.

»Bull, geh rein!«, brüllte der Ältere. Bull warf mir noch einen langen bösen Blick zu, als wollte er mich stillschweigend wissen lassen, dass wir beiden noch nicht miteinander fertig waren, bevor er schließlich das Lokal betrat. Der Ältere stieg von seiner Maschine und hob ein paar der Dokumente auf. Er überflog sie flüchtig und sah dann zu mir hinüber.

»Was soll diese Scheiße?«, blaffte er mich an.

Ich wollte schon antworten, dass er die verdammten Dokumente einfach lesen sollte, wenn er es wissen wollte, aber dann hielt ich mich zurück. Er hatte mir einen Gefallen getan, als er die Situation entschärft hatte, und außerdem konnte er wahrscheinlich nicht einmal lesen.

»So, wie es aussieht, hat Ihr Kumpel vor ein paar Monaten die Scheiße aus einem Mann herausgeprügelt, und dieser verklagt Bull und den Laden jetzt.«

Er starrte für einen Moment auf die Papiere hinunter und warf mir dann einen Blick zu, in dem eine Menge unverhohlener Feindseligkeit zu erkennen war. »Ich erinnere mich an diesen Idioten. Er ging bei einem der Mädchen zu weit. Als man ihn hinausbegleitete, verpasste er Bull einen Schlag. Er hat nur bekommen, was er verdiente.«

Ich zuckte mit den Schultern und lief zu meinem Auto. Wahrscheinlich hatte er sogar recht damit, dass der Typ es womöglich verdient hatte, aber es war nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Mein Job endete in dem Moment, wenn ich die Unterlagen übergeben hatte. Ich verstaute den Klappstuhl im Kofferraum und mein Onkel rutschte auf den Beifahrersitz hinüber.

»Du hast es echt drauf, dir Freunde zu machen«, meinte er, als ich einstieg. Ich zündete mir eine neue Zigarre an und er sich eine Zigarette. Das war unsere Art, mit der Nervosität umzugehen. Die Schrotflinte behielt er zur Sicherheit weiterhin auf dem Schoß. Nachdem er sein Feuerzeug eingesteckt hatte, hielt er mir die Hand in stiller Erwartung entgegen. Ich zog den Flachmann aus meinem Jackett, nahm einen langen Schluck und gab ihm die Flasche dann.

»Wir müssen noch einem Zwischenstopp einlegen. Liegt aber auf dem Nachhauseweg«, sagte ich, während ich den Cadillac auf die Division Street bugsierte, auf grünes Licht wartete und mich dann auf die I-40 einfädelte.

»Ich glaube, mich daran zu erinnern, dass du hier einmal an einem Mordfall gearbeitet hast«, meinte er. Ich warf ihm einen Blick zu. Das Alter nagte auch an ihm, aber sein Erinnerungsvermögen war immer noch intakt. Im Licht der Nachmittagssonne traten die Falten in seinem Gesicht besonders hervor.

»Ja, war mein allererster Fall. So ein Kerl war eifersüchtig auf seine Stripper-Freundin. Er tolerierte die Sache mit dem Strippen zwar, aber sie hatte noch ein kleines Nebengewerbe am Laufen. Mit diesen Freizeitaktivitäten schien er offenbar ein Problem gehabt zu haben. Eines Nachts lauerte er ihr nach der Arbeit auf und erschoss sie auf dem Parkplatz.«

»Was für eine Art von Nebengewerbe war das denn?«, fragte er interessiert.

»Prostitution.«

Er prustete und nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Dann hat die Nutte es nicht anders verdient«, meinte er. Ich schwieg. Ich hatte keine Ahnung, ob sie es verdient hatte oder nicht. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ihm zu sagen, dass das vielleicht ein etwas hartes Urteil sei, aber dann kam ich zu der Einsicht, dass es sich nicht lohnte, mit ihm darüber zu streiten.

»Was wurde denn aus ihrem Freund?«

»Er ging nach Hause und schoss sich den Kopf weg«, antwortete ich.

Mein Onkel nickte leicht, als wollte er damit sagen, dass er das für das einzig Richtige hielt. Er nahm noch einen letzten langen Zug von seiner Zigarette und schnippte sie dann auf die Interstate. »Brauchen wir die Schrotflinte noch?«

»Nope. Dieses Mal ist es ein Klient«, sagte ich, während ich die Fahrspur wechselte und schnell auf achtzig Meilen beschleunigte. Er nickte zufrieden und nahm noch einen Schluck aus dem Flachmann, bevor er ihn mir zurückgab. Fünfzehn Minuten später parkte ich den Wagen vor einem Starbucks in einer Ladenzeile am südlichen Ende der Stadt.

»Wer ist es dieses Mal?«, fragte er.

»Ein Mann mit mehr Geld als Verstand«, antwortete ich.

Onkel Mike grunzte. »Von denen laufen offenbar eine ganze Menge herum.«

Almose Larkins, der es vorzog, Al genannt zu werden, war ein unscheinbarer, pummeliger Mann mit kurzen dunklen Haaren, einem festgeklebten Grinsen und einer unbekümmerten Art. Er arbeitete als erfolgreicher Vertreter einer Handelskette für Getränke und lernte, zumindest seinem Äußeren nach zu urteilen, seine weiblichen Bekanntschaften vornehmlich im Internet oder in dunklen Bars kennen. Mit einer dieser Damen war er derzeit auch liiert, und sie war der Grund, warum er mich angeheuert hatte. Er saß an einem der Außentische und lächelte, als ich mich ihm näherte.

»Hi, Thomas«, begrüßte er mich überschwänglich, während ich mich setzte. Ich seufzte innerlich. Ich wusste, in ein paar Minuten würde er nicht mehr lächeln.

»Hi, Al.« Ich schüttelte ihm die Hand. »Okay, ich habe deine Informationen, zusammen mit der Rechnung. Das Ganze beläuft sich auf tausenddreihundertunddrei Dollar. Für dich glatte Tausenddreihundert.« Ich hatte ihm einen Nachlass gegeben, weil ich ihn als Freund ansah, aber ich musste trotzdem irgendwie meine Rechnungen bezahlen.

Al nickte, zückte sein Scheckbuch und füllte eilig einen der Schecks aus. Ich wartete geduldig. Als er ihn mir hinüberreichte, warf ich einen schnellen prüfenden Blick darauf, faltete ihn dann zusammen und steckte ihn in meine Tasche.

»In Ordnung, dann fassen wir deinen Fall noch einmal kurz zusammen.« Ich langte in den Aktenordner und kramte ein Porträtfoto einer atemberaubenden arabischen Schönheit mit wallendem rabenschwarzem Haar und mandelbraunen Augen hervor.

»Ja, das ist mein Mädchen«, sagte Al stolz. Ich nickte bestätigend und fuhr fort.

»Seit etwa einem Monat habt ihr beide verschiedene obszöne und bedrohende Textnachrichten erhalten. Alle richteten sich gegen sie.«

Al seufzte. »Richtig, und die Cops haben nichts dagegen unternommen«, nörgelte er. Ich legte eine kurze Pause ein, um im Kopf nach den richtigen Worten zu suchen, mit denen ich ihm erklären konnte, wieso die Cops nichts unternommen hatten.

»Das hier sind die Kopien der Berichte aus den Unterlagen des zuständigen Detectives.« Ich zog die betreffenden Papiere aus dem Ordner und schob sie ihm über den Tisch zu. »Wie du daraus ersehen kannst, hat der Detective die Herausgabe der Telefonaufzeichnungen erwirkt.«

Ich blätterte durch die Unterlagen und zog das entsprechende Dokument hervor. »Dieser Bericht des Mobilfunkbetreibers zeigt alle Telefonaufzeichnungen an. Du kannst sie gern in Ruhe studieren, aber im Moment möchte ich erst einmal auf den abschließenden Bericht des Detectives eingehen.« Ich schob ihm den Bericht zu und ließ ihn das Dokument überfliegen. Ganz besonders jene Sätze, die ich vorher mit einem gelben Textmarker gekennzeichnet hatte. »In ihrer Zusammenfassung kommt der Polizeibeamte zu dem Schluss, dass sämtliche Textnachrichten von einer getürkten Telefonnummer aus abgeschickt wurden«, sagte ich.

»Und was bedeutet das?«, fragte er.

»Das ist eine von diesen Handy-Apps, die man herunterladen kann, um seine eigene Nummer zu verschleiern und beim Angerufenen eine andere Nummer anzuzeigen. Das ist illegal, wird aber nur in den seltensten Fällen strafrechtlich verfolgt. Ich möchte allerdings besonders auf einen Satz des Detectives hinweisen. Er bezieht sich dort auf die Vergangenheit deiner Verlobten.«

Ich deutete auf den farbig hervorgehobenen Satz. »Das ist der Grund, warum sie den Fall zu den Akten gelegt haben.« Al las den Satz langsam, dann las er ihn noch einmal und sah mich schließlich an. Seine Verwirrung war ihm deutlich anzusehen.

»Ich fand den Satz recht interessant, also habe ich ein paar kleine Ermittlungen angestellt.« Ich griff erneut in meine Mappe und holte einen Stapel mit etwa zwölf Berichten hervor, die von einer Büroklammer zusammengehalten wurden.

»Was ist das alles?«, fragte er.

»Dies sind Polizeiberichte, die deine Verlobte in den vergangenen drei Jahren angehäuft hat. Wenn du sie liest, wirst du feststellen, dass es sich dabei um verschiedene Berichte über Stalking, Belästigungen, Drohungen und Ähnliches handelt. Die Ermittler, die mit diesen Fällen betraut waren, haben schließlich jeden einzelnen der Fälle aufgrund mangelnder Kooperation des Opfers eingestellt.«

Ich schwieg und ließ ihn für eine Minute die Berichte durchsehen. »Ich habe mich außerdem noch etwas näher mit den Textnachrichten beschäftigt«, sagte ich und zog den letzten Bericht hervor. »Sowohl die getürkte Nummer als auch die Handynummer deiner Verlobten sind stets zeitgleich am entsprechenden Funkmast eingetroffen.« Ich breitete den Bericht vor ihm aus. »Sie ist diejenige, die diese Nachrichten verschickt hat«, schloss ich mit leiser Stimme.

Al starrte mich ungläubig an. »Hat sie das? Aber wieso?«, fragte er verwirrt. Seine Stimme klang zweifelnd und beinahe kindlich.

»Manchmal ist es nicht leicht, das Verhalten anderer Menschen zu erklären, Al. Manche Ärzte würden vielleicht den Begriff Verfolgungswahn verwenden. Du hast mir mal erzählt, dass sie eine traumatische Kindheit hatte. Vielleicht hat das Spuren bei ihr hinterlassen, die erst jetzt zutage treten. Ich bin kein Psychiater, also kann ich nur raten. Alles, was ich sagen kann, ist, dass du, wenn du diese Frau liebst, an noch ein paar mehr Problemen zu knabbern haben wirst. Du solltest sie dringend überreden, einen Therapeuten aufzusuchen.«

Al wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und studierte stattdessen noch einmal die Berichte. Das Schweigen, das folgte, begann langsam unangenehm zu werden, also stand ich auf und machte mich leise vom Acker. Mein Onkel streckte mir den Flachmann entgegen, als ich in den Wagen stieg. Er war beinahe leer.

»Musst du noch irgendwohin, bevor ich dich absetze?«, fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf und zündete sich eine Zigarette an. Ich tippte auf ein Symbol auf meinem Telefon. »Die Vorladung für Turnbull wurde übergeben«, sprach ich in das Gerät.

»Mit wem sprichst du da?«

»Ich schicke eine Nachricht an William«, antwortete ich ihm. William, war William Goldman, ein frischgebackener Anwalt, der fest entschlossen dazu schien, jedermann in Nashville zu verklagen. Nicht, dass ich mich darüber beklagen will – schließlich verdiente ich eine beachtliche Summe an jeder Vorladung, die ich auslieferte.

»Eine Nachricht?« Mein Onkel war ein typischer Mittsechziger und hatte es nicht für nötig gehalten, mit den technischen Errungenschaften Schritt zu halten. Er grunzte angewidert: »Die meisten normalen Menschen reden am Telefon, mit einem lebenden Menschen am anderen Ende«, murmelte er.

Ich lächelte. »Klar, wenn es Sherman wäre, würde ich persönlich mit ihm telefonieren, aber das ist sein Enkel, und mit dem kommuniziere ich hauptsächlich über Nachrichten.« Sherman war Williams Großvater. Ihn bewunderte und verehrte ich. Mit William kam ich einfach nur irgendwie klar.

Ich setzte Onkel Mike an seinem Haus an der Vine Road Ridge ab und fuhr dann nach Hause.

Ende der Leseprobe

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