Hotel Megalodon

von Rick Chesler

Ein heißer Syfy-Channel »Sharknado«-Anwärter. [Amazon.com]

INHALTSBESCHREIBUNG


Ein einzigartiges Unterwasser-Luxushotel in der Nähe einer tropischen Insel … wenige Tage vor dem großen Eröffnungswochenende.
Die ganze Welt fiebert voller Spannung diesem nur ausgesuchten VIPs vorbehaltenen Megaereignis entgegen und nur zwei Dinge trennen das Hotel noch von seiner glamourösen Eröffnung – ein skrupelloser Geschäftsmann und ein achtzehn Meter langer prähistorischer Hai.
Als der Unterwasserkomplex von dem räuberischen Ungeheuer belagert wird, muss die frischgebackene Meeresbiologin Coco Keahi den Kampf gegen das uralte Ungetüm aufnehmen. Doch die Gefahr lauert nicht nur im Wasser, denn auch ein menschliches Ungeheuer setzt alles daran, sie zu einem Opfer der Kreatur werden zu lassen …

Prolog

Fidschi-Inseln

 

Fünf alte Männer, allesamt auf dieser Insel geboren, saßen auf einer bewaldeten Bergspitze und blickten hinab auf eine türkisfarbene Lagune, die mit Korallenformationen gespickt war. Dahinter erstreckte sich der dunkelblaue Pazifik, über allen Maßen erhaben und tiefer, als das Verständnis der meisten Menschen reicht. Als weiße Linie setzte die tosende Brandung das seichte Atoll von der hohen See ab. Die Männer waren mit ihrer natürlichen Umgebung tief vertraut und erkannten jeden Vogel an dem jeweiligen Zwitschern, das sie hörten, alle herumschwirrenden Insekten und auch jedes Tier, das Spuren hinterlassen hatte. Trotz des Tageslichts war eine Fackel angezündet worden, die stinkenden Qualm hochsteigen ließ.

Sie hatten sich um eine große Holzschüssel herum versammelt, die aufwendig mit über Generationen hinweg weitergegebenen Stammesmustern verziert war. In dieses Gefäß tauchten sie nun Kokosnussschalen und füllten sie mit einer zähen, braunen Flüssigkeit namens kava, einem traditionellen Getränk im pazifischen Raum, das aus einer Pflanze mit entspannender Wirkung gewonnen wurde. Sie tranken jetzt reihum, und vor jedem neuen Durchgang spielte ein Mann die lali-Trommel, ein Schlaginstrument aus einem ausgehöhlten Baumstamm. Tock-tock-tocktocktocktock … Der Rhythmus begann langsam, doch das Tempo wurde bald gesteigert, bis die Männer erneut ihre Kokosnussschalen ansetzten, um mithilfe des erdigen Getränks entspannter zu werden.

Normalerweise ließen sie ihre Siedlung nicht so weit hinter sich, um eine kava-Zeremonie abzuhalten, doch ihr heutiges Treffen galt der Diskussion einer Frage, die das ganze Dorf betraf. Der Stammeshäuptling, der verfilzte lange weiße Haare hatte, legte nun seine Trinkschale nieder und starrte in die Lagune hinunter, wo selbst von dieser hohen Warte aus, eine ganze Flotte schwerer Maschinen dahintrieb … Lastkähne mit Baggervorrichtungen, die turmhoch mit Baumaterialien beladen waren. Gelegentlich zerrissen sogar Explosionsgeräusche die Luft, wenn man die unter Wasser liegenden Korallenriffe aus dem Weg sprengte, um Platz für das neue Projekt zu schaffen. Beim Blick in die Lagune machten die Bewohner ernste Gesichter, denn darin bestritten sie den überwiegenden Teil ihres Lebensunterhalts durchs Fischen, so, wie es auch ihre Väter und Großväter vor ihnen getan hatten.

Wenngleich fast die ganze Republik Fidschi schon vor Jahren dem internationalen Touristenstrom nachgegeben hatte, lag ihre kleine Insel weitab vom »Festland«, wie man die Hauptinsel Viti Levu nannte, obwohl auch sie lediglich eine von mehreren Inseln im Südpazifik war und dem Kontinent genauso fern war. Jetzt schien die Zeit jedoch auch diese Menschen eingeholt zu haben, und zwar auf äußerst spektakuläre Weise, denn man baute nun ein Luxushotel unten in der Lagune. Es sollte kein herkömmliches Hotel sein, sondern selbst für westliche Verhältnisse höchst ungewöhnlich, hatten die Dorfleute gemunkelt.

Es sollte nämlich ein Unterwasserhotel werden. Errichtet auf einem lebenden Korallenriff, würde es ein Aquarium im gegenteiligen Sinn werden, in dem Menschen von Wasser umgeben in einer künstlichen, durchsichtigen Luftblase wohnen konnten. Die Einheimischen fanden das äußerst sonderbar. Schließlich konnte man das Riff doch jederzeit sehen, wenn man wollte. Man tauchte einfach hinunter und schaute es sich an, denn der Dorfälteste verbot so etwas nie. Offiziell aber gehörte das Land an der Lagune der Regierung von Fidschi, die eine lukrative Gelegenheit darin sah, einem australischen Bauträger einen langfristigen Pachtvertrag zu gewähren.

Nun hörte man den ganzen Tag lang Lärm im Ausmaß eines geschäftigen Industriegebiets, während die Bauarbeiter das Riff abtrugen und die Landmasse nach ihrem Belieben neu formten. Die Männer schauten einander jetzt durch den Rauch ihrer Fackeln an. Der Stammeshäuptling sprach zuerst: »Es ist nicht gut für die See.«

Die anderen nickten zustimmend, doch einer wandte ein: »Es bringt aber den Leuten in unserem Dorf und in den Nachbarorten Arbeit.«

»Wir können es sowieso nicht aufhalten«, meinte ein Dritter, während er die Betriebsamkeit auf dem Wasser beobachtete.

Nun nickte der Häuptling weise. »Das können wir nicht, nein, doch wir müssen unsere Gepflogenheiten entsprechend anpassen; wir müssen die See höher denn je achten.«

Daraufhin meldete sich ein anderer Stammesältester zu Wort: »Das Fischen ist seitdem nicht mehr so wie früher.«

»Schlechter?«, fragte der Trommler und nahm die lali-Stöcke wieder zur Hand; es war Zeit für einen weiteren Durchgang.

Der Älteste zog seine Schultern hoch und schaute ihn verunsichert an: »Nicht schlechter, sondern einfach … anders. Was wir einmal an einer bestimmten Stelle gefangen haben, finden wir jetzt an einer anderen. Was wir zuvor in niedriger Zahl eingeholt haben, ist jetzt üppiger vorhanden. Fische, die ich seit vielen Monden nicht mehr gesehen habe, kehren nun plötzlich zurück, und Arten, die wir jeden Tag mitgebracht haben, sind auf einmal verschwunden.«

Die Männer nickten erneut, und der Trommler griff seinen Rhythmus wieder auf. Tock-tock-tocktocktocktock … Erneut schöpften sie mit ihren Kokosnussschalen kava aus der Schüssel und tranken. Nun, wo sie gelassener waren, ließen sie schweigend ihre Gedanken schweifen, ohne das Treiben unten aus den Augen zu lassen. Einer der Männer, der sein Leben lang Fischer war und den Stamm mit seiner Arbeit ernährte, sann über die vielen Fahrten nach, die er gemeinsam mit seinem Vater auf einem Auslegerkanu unternommen hatte. Nach einer Weile überkam ihn das Bedürfnis, die Gruppe an seinen Gedanken teilhaben zu lassen.

»Das Gleichgewicht könnte durcheinandergebracht worden sein«, fasste er zusammen, was er gerade dachte. Die anderen nickten und nippten weiter an ihren Schalen. Sie wussten, dass er damit die ökologische Balance zwischen Meer und Mensch meinte. Dann schickte er sich an, von einer besonderen Fahrt zu erzählen, die er als kleiner Junge erlebt hatte.

Er hatte als Kind ein lebendiges Tier gesehen, das so unverhältnismäßig groß und so enorm gewesen war, dass er es nicht glauben würde, hätte er es damals nicht mit eigenen Augen bezeugt. Forscher, das wusste er, würden es ihm ohne Beweise niemals glauben, sondern ihm vorwerfen, dass er Geistergeschichten zum Besten gab, nachdem er zu viel kava getrunken hatte. Selbst mancher aus den Nachbardörfern schien seinen Bericht nicht für bare Münze zu nehmen. Er hatte es aber wirklich gesehen – sein Vater auch, der selige Mann – und nun brachte er es erneut zur Sprache. Ein Tier von solchen Ausmaßen lebte wahrscheinlich sehr lange. Es könnte also immer noch da sein, dachte er, irgendwo dort unten, aufgescheucht durch die unnatürlichen Störungen, die die Ausländer verursachten, weil sie Schindluder mit dem Riff betrieben.

»Sollen wir die anderen warnen?«, fragte einer der Männer, nachdem er die Schilderungen des Fischers gehört hatte.

Der Häuptling legte seine Schale hin und schaute seine Gefährten abwechselnd an, während er antwortete: »Es hat seine guten Seiten und auch seine schlechten. Wir nehmen beide, wie sie kommen, und müssen hoffen, dass es genügen wird. Darum brauchen wir nichts zu sagen, doch lasst uns stattdessen beten … beten wir jeden Tag.«

 

Kapitel 1

Sechs Monate später

 

Coco Keahi grinste ihr verzogenes Spiegelbild in der Acrylkuppel des Mini-U-Boots an. Ihre Nase sah darin viel breiter und platter aus als in Wirklichkeit … eine übertriebene Betonung ihrer polynesischen Wurzeln. Auch ihre Frisur, das lange, wallende schwarze Haar, war verzerrt. In ihr floss hawaiianisches Blut, und diese nicht ganz alltägliche Abstammung hatte ihr zu einem vollen Stipendium verholfen, mit dem sie an der Universität von Hawaii Meeresbiologie studiert hatte. Dabei hatte sie überragende Leistungen erbracht, vor allem in Kursarbeiten zum Thema Ökologie von Korallenriffen. Nach ihrem Abschluss war sie wie die meisten Studenten am Ende ihrer Universitätszeit auf Jobsuche gegangen. Aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage auf Hawaii hatte sie sich schließlich familiäre Beziehungen zunutze gemacht und eine Stelle auf den entlegenen Fidschis gefunden; einer Inselrepublik im Südpazifik, die sechs Flugstunden von ihrer Heimat im Aloha-Staat entfernt lag.

Dort geschah jedoch gerade etwas so Aufregendes, dass die Reiseentfernung in den Hintergrund trat. Ein entfernter Cousin, der in Suva arbeitete, hatte ihr von einem unglaublichen neuen Projekt erzählt, das ein australischer Bauträger finanzierte: ein Unterwasserhotel. So spannend Coco das auch gefunden hatte, hatte sie es sich zunächst nur als Urlaubsort vorstellen können, aber nicht als möglichen Arbeitsplatz. Sie war schließlich Meeresbiologin und keine Hauswirtschafterin oder dergleichen. Zumindest hoffte sie das. Andererseits war ihr auch klar gewesen, dass sie früher oder später jede Stelle annehmen musste, die sich ihr bot. Doch dann hatte ihr Cousin auf einmal gesagt, dass man eine Gruppe von Meeresbiologen anstellen würde, um den Hotelgästen umweltbezogene Besichtigungstouren anzubieten und die ihnen dabei helfen sollten, erklärende Beschilderungen im gesamten Komplex zu gestalten, die Informationen zum Meeresleben bieten würden.

Coco hatte das zuerst als weit hergeholt erachtet, aber auch keinen Grund gefunden, der dagegen sprach, es zu wagen. Denn jeder Meeresbiologe im Pazifischen Raum würde sich um einen solchen Job reißen. Nachdem sie ihre Bewerbung online eingereicht hatte, war sie gar nicht davon ausgegangen, je eine Antwort zu erhalten. Eines Tages jedoch hatte sie einen überraschenden Anruf erhalten und war zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden, und ehe sie gewusst hatte, wie ihr geschah, war sie nach Fidschi geflogen – eines der wenigen exotischeren Länder als Hawaii – und das sogar auf Kosten des Unternehmens. Dort geht es noch so zu wie bei uns vor fünfzig Jahren!, hatte eine ihrer Tanten gemeint.

Nach ihrer Ankunft war Coco von einem Gremium der Hotelleitung empfangen worden, das ihr Fragen gestellt hatte, die zunächst, so schien es, überhaupt nichts mit dem Job zu tun hatten. Situationsbezogene Fragen wie »Können Sie uns von einem Moment erzählen, in dem Sie zu etwas aufgefordert worden sind, was Sie nicht tun wollten?« oder »Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie der Meinung wären, ein Aufseher erledige seine Arbeit nicht ordnungsgemäß?«

So war es über eine Stunde lang weitergegangen. Ein halbes Dutzend Personen hatte sie abwechselnd befragt, während die anderen Notizen gemacht hatten, und Coco war die ganze Zeit über bemüht gewesen, sich nicht von der atemberaubenden Aussicht durch das vom Fußboden bis unter die Decke reichende Wandfenster – der unberührten, mit Palmen besprengten Lagune draußen – ablenken zu lassen. Später hatte man dann auch die erwarteten Fragen gestellt, auf die sie bestens vorbereitet gewesen war. »Welche Fische sind das?«, »Benennen Sie diese Korallenart«, »Führen Sie uns durch dieses Unterwasservideo des Riffs, und spielen Sie die virtuelle Fremdenführerin«, »Welche Missstände tun sich an von Menschen gebauten Unterwasseranlagen im Laufe der Zeit auf?«

Damals war es ihr nicht bewusst gewesen, doch was sie von ihren Mitbewerbern unterschieden hatte, waren ihre Antworten auf die erste Reihe von Fragen gewesen. Dank ihrer psychologischen Anlage eignete sie sich perfekt für diesen Job, was sehr wichtig war, aufgrund der Art, wie sie die Öko-Touren mit der wohlhabenden Klientel des Hotels durchziehen sollte. Nämlich in einem Mini-U-Boot. Sie war bereits eine zugelassene Tiefseetauchlehrerin, doch als man ihr den Zuschlag gegeben und ihr mitgeteilt hatte, dass sie die Stelle bekam, verpflichte sie sich zu einer Führerscheinprüfung für U-Boote und war hellauf begeistert gewesen.

Sie hatte sich in ihrem Kopf sofort ihre neuen Visitenkarten ausgemalt: Coco Keahi, Meeresbiologin/U-Boot-Kapitänin. Nicht schlecht! Sie hatte im zarten Alter von dreiundzwanzig ihren Traumjob ergattert: offizielle Meeresbiologin im Triton Undersea Resort.

Als sie nun ihren Blick schärfte, um durch die Scheibe die Wasserlandschaft außerhalb ihres kleinen Fahrzeugs zu sehen, brachte sie das Bild, welches sich ihr vor der gewölbten Scheibe bot, dazu ihren Überschwang zügeln zu müssen. Zu ihrer Linken lag das neuerrichtete Unterwasserhotel. Wenige Fuß über dem prachtvoll strahlenden Korallenriff verband ein mittig verlaufendes Rohr mehrere nierenförmige Bauten miteinander. Mittlerweile wusste Coco, dass es fünfzehn Stück zu beiden Seiten waren. In allen befand sich eine Luxussuite mit drei Zimmern; jede dieser Wohnungen verfügte über einen Aussichtsbereich mit Fenstern aus einem speziellen Kunststoff, einem der Kuppel ihres U-Boots nicht unähnlichen Material, das weite Blicke ins Meer zuließ. Die Seitenwände dieser Zellen, die nur wenige Fuß nebeneinanderlagen, waren die einzigen blickdichten Teile, um die Privatsphäre der Bewohner gegenüber ihren Nachbarn zu wahren.

Momentan waren die Suiten noch unbesetzt, doch morgen sollte die große Eröffnungsfeier des Ressorts stattfinden. Coco war bereit, wollte aber mit dem U-Boot noch einmal zur anderen Seite der Lagune fahren, um die Steilansicht zu üben. Sie hatte nämlich vor, ihre Passagiere zum äußersten Rand der Formation zu bringen, wo sich ein Riss in dem kreisrunden Atoll befand, der direkt in einen Unterwassercanyon führte. Im Grunde war es ein schmaler Meeresgraben, der zu einem viele Meilen tiefen Abgrund wurde. Natürlich würde sie dort nicht eintauchen, denn ihr kleines Fahrzeug war ungeeignet für solche Tiefen, zumal sich der durchschnittliche Hotelgast viel zu sehr fürchten würde. Dort unten war es nämlich extrem finster und man stieß auch nur auf wenig Leben im Vergleich zu den bunten Farben des Korallenriffs in der Lagune.

Coco konnte jedoch bis dicht an den Rand des Abgrunds fahren und die Passagiere anschließend ein paar Sekunden lang in den tatsächlichen Ozean schauen lassen – hinunter in seinen gähnenden Schlund – während sie interessante und leicht verdauliche Fakten auftischen würde … dass die Tiefsee noch lange nicht so gründlich erkundet worden war wie der Mond, obwohl sie unter allen Lebensräumen auf unserem Planeten den größten Prozentsatz ausmachte … und so weiter und so fort … Für eine Meeresbiologin war das sehr unterhaltsames Zeug.

Coco scherte nun langsam mit dem U-Boot aus, bis sie über das ringförmige Riff hinwegfuhr, das den Großteil der seichten Lagune ausmachte und sich vom Hotel entfernte. In diesem von den Turbulenzen des offenen Meeres geschützten Gewässer lag in vierzig Fuß Tiefe der Unterwasserkomplex. Dies bedeutete, dass er tagsüber durchweg gut ausgeleuchtet war, wenn das verführerische himmelblaue Licht in die aquatischen Räume fiel; selbst nachts bei Vollmond konnte man von den Suiten aus dabei zusehen, wie die Strahlen den Garten unter der Oberfläche zum Funkeln brachten. Coco war insgeheim ein bisschen neidisch darauf, nicht selbst in einer der Suiten wohnen zu dürfen. Selbstverständlich hatte sie im Rahmen einer Führung schon darin gestanden, um nachvollziehen zu können, wie die Gäste das Ganze erleben würden, doch bei den Dienstquartieren handelte es sich um eine langweilige Reihe von Bungalows beziehungsweise bures, wie man sie auf den Fidschis nannte. Diese standen gemeinsam mit den übrigen Funktionsgebäuden des Unterwasserhotels an Land.

Geschickt steuerte sie nun das U-Boot unter überhängenden Korallen hindurch und kam schließlich zu einer ebenen Sandfläche, die kurz darauf zu einem felsigen Hang abfiel. Nachdem sie das Fahrzeug zwischen die Korallenwände bugsiert hatte, betätigte sie den Schubknopf und drückte den Knüppel nach vorne, um vorwärts abtauchen zu können.

Sie folgte dem Gefälle ungefähr zehn Fuß weit, bis es abrupt aufhörte. Dies war die Kante des Canyons. Sand rieselte in den tunnelartigen Schlund wie ein Wasserfall aus glitzernden Körnern.

Genau hier … das war perfekt!

Sie schaute zur Seite auf die beiden leeren Plätze neben sich, wo bald schon zahlende Gäste sitzen würden. Das ist so aufregend! Hier und nirgendwo anders musste sie den Blick in den Abgrund gewähren. Nun übte sie die wortreiche Rede, die sie halten würde, wobei ihre Stimme ein wenig in der fast leeren Kabine des U-Boots widerhallte.

»Hier bietet sich ein einzigartiger Blick in …« Sie hielt inne und dachte über die richtigen Worte nach, ehe sie fortfuhr, ohne die Position des U-Boots dicht am Rand des Grabens zu verändern: »Hier schauen wir in einen Unterwassercanyon, der senkrecht in den tiefsten Bereich des Ozeans führt. Dort – Tausende Meilen unter dem Meeresspiegel, wo es kalt und fortwährend dunkel ist – existiert eine ganz andere Welt, die sich drastisch von dem Korallenriff unterscheidet, auf dem unser Hotel steht …«

Genau, das ist schon ziemlich gut! Noch etwas mehr, dann sollte es für die Gäste reichen …

»Keine Sorge, heute tauchen wir nicht hinein! Lehnen Sie sich also zurück, entspannen Sie sich und …«

Plötzlich begann der rieselnde Sand vor ihr, nach oben zu strudeln, als habe ihn ein Wirbel in Bewegung gesetzt. Lehnen Sie sich also zurück, entspannen Sie sich und …

Zuerst hielt Coco es nur für einen vorübergehenden Auftrieb – eine Strömung aus der Tiefe, die durch den Graben jagte – doch je länger es dauerte, desto mehr Sand stob auf, bis sich das Wasser schließlich sogar eintrübte, sodass sie Schwierigkeiten bekam, durch die Scheibe etwas zu erkennen. Was ist denn da los?

Sie war sich nicht sicher, was es war, aber als sie hörte und spürte, wie das U-Boot seitwärts gegen die Korallenwand stieß, wurde ihr klar, dass sie sich jetzt besser entfernen sollte. Demnächst nicht mehr soweit den Hang hinunterfahren!

Doch es war schon zu spät. Sie schwebte am Rand des sandigen Gefälles, das steil in den eigentlichen Graben führte, und trudelte danach in der kraftvollen Strömung auf der Stelle. Um wieder hoch auf das Riff zu gelangen, müsste sie die Drehung irgendwie unterbrechen und die Kontrolle über das U-Boot wiedergewinnen. Um das zu schaffen, legte sie den Steuerknüppel nach links um und hielt ihn dort fest, während sie nur das linke Triebwerk betätigte, um der Rotation entgegenzuwirken.

Das Ganze schien tatsächlich zu funktionieren. Das Fahrzeug raste jetzt den Hang hinauf ins Wasser oberhalb des Canyons. Das Riff befand sich direkt hinter ihr und sie setzte sich vom Graben ab. Nachdem sie sich umgesehen und neu orientiert hatte, stieg sie nach rechts auf, womit sie sich wieder der Formation näherte. Sie beschloss angesichts all der Turbulenzen, es nicht durch den Spalt zu versuchen, sondern in freier Umgebung nach oben zu fahren, bis sie den höchsten Punkt des Riffs hinter sich gelassen hatte, und dann geradeaus zu fahren, um darüber hinwegzukommen.

Doch auf einmal sah sie es, am Rande ihres Blickfelds. Die Kuppel des U-Boots war auch am Boden durchsichtig, um eine Aussicht nach allen Seiten zu ermöglichen. Deshalb sah sie, als sie zwischen ihren Füßen hindurchschaute, das dunkle Wasser des Tiefseegrabens.

Sie hätte schwören können, dass gerade etwas unter ihr vorbeigeschwommen war, doch da war nichts. Seltsam, dachte sie, als sie weiter in die Düsternis spähte. Als ich vor Kurzem hier war und die Idee für den Blick in den Abgrund als Programmpunkt bekommen habe, hatte ich auch schon das Gefühl, etwas gesehen zu haben. Einen schattenhaften Umriss … ist er das jetzt schon wieder?

Nun drängte sich ihr ein Gefühl auf, das sie dazu bewog, rasch den Kopf in den Nacken zu legen und nach oben zu schauen.

Doch was sie da sah, war nicht nur ein Umriss, sondern sehr real. Worum auch immer es sich handelte … aufgrund seiner enormen Größe konnte Coco keinen konkreten Bezug herstellen, aber es war gewaltig und es bewegte sich schnell – und zwar genau auf ihr U-Boot zu. Während sie mit der Steuerung des Fahrzeugs haderte, tat sich ihr Verstand schwer damit, eine Antwort auf die Frage zu finden, was dies für ein Geschöpf sein könnte. Ein Hai kam nicht infrage. Sicher, hier gab es eine ganze Menge davon, Schwarzspitzen-Riffhaie und ähnliche, aber egal was dieses Wesen war … es ließ ihr U-Boot im Vergleich klein erscheinen, und kein ihr bekanntes Tier hatte auch nur annähernd solche Maße.

Ein Wal vielleicht? Dass sich ein Buckelwal auf der Jagd nach einem Schwarm kleiner Fische zu nah ans Riff gewagt hatte, hielt Coco durchaus für denkbar. Vielleicht war auch ein Teil des Riffs vom Schelf abgebrochen und gesunken. Sie glaubte allerdings nicht, dass es in diesen Gefilden häufig zu Seebeben kam. Die geologische Festigkeit dieser Korallenformation zählte sogar zu den wichtigsten Argumenten, die dafürgesprochen hatten, das Hotel genau hier und nicht an all den anderen Orten auf der Welt zu bauen, die man dafür hätte wählen können, darunter Dubai und verschiedene Orte in der Karibik. Hawaii war zum Beispiel gerade wegen seiner vulkanischen Instabilität ausgeschieden.

Coco hatte gerade den Bogen beschrieben, um das Riff anzusteuern, als sie das Wesen erneut auf das U-Boot zukommen sah. Eine Wand aus … irgendetwas … etwas Dunklem … stieß nun gegen die linke Bordwand. Sie hatte nur einen Sekundenbruchteil, um es wahrzunehmen, doch etwas schwarz Glänzendes huschte kurz an ihrem Gesichtsfeld vorbei.

War das etwa ein Auge?

Sie wusste es nicht und hatte im Moment eigentlich auch keine Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, denn das U-Boot kollidierte gerade mit der rechten Kante des Schelfs, einer festen Wand aus Korallen. Beim Aufprall wurde Coco in ihrem Schalensitz durchgeschüttelt, dann folgte ein lauter Knall und ein markerschütterndes Knirschen, als die Aufhängung des Steuerbordtriebwerks des Fahrzeugs – ein Propeller in einem runden Käfiggehäuse – über die Korallen schrammte.

Kurz danach erlebte sie etwas, worauf sie sich einfach keinen Reim machen konnte … das Riesending rutschte vorn über ihre Sichtkuppel. Die blinkenden Lichter der Instrumente und der näselnde Systemalarm, der auf Probleme mit der Maschine hinwies, lenkten Coco zwar ab, doch sie sah definitiv etwas Weißes, Dreieckiges. Sie hörte es nun knacken, als das unbekannte Geschöpf gegen die Acryloberfläche stieß … doch dann, einfach so, war es verschwunden.

Bestürzt aktivierte sie die entsprechenden Steuerelemente für den Rückwärtsgang des U-Boots, doch statt sich wie vorgesehen geradeaus nach hinten zu bewegen, hatte es einen leichten Drall nach rechts und rammte die Korallenwand erneut.

Verdammt!

Coco versuchte das ganze Manöver erneut, allerdings mit dem gleichen Ergebnis: Das Fahrzeug setzte zurück, aber nach rechts und wieder gegen das Schelf. Sie fluchte leise weiter. Das war nicht gut, ganz und gar nicht. Der linke Propeller ist im Eimer.

Jetzt keimte zum ersten Mal, seit sie begonnen hatte, U-Boote zu fahren, was ja noch nicht allzu lange her war, Angst in ihr auf. Was, wenn ich es nicht zurück nach oben schaffe? Sie konnte in dieser Tiefe unmöglich ohne Weiteres die Kuppel aufklappen, denn der Wasserdruck war zu hoch. Zwar bestand eine Funkverbindung zu den Betriebszentren im Hotel und in der Anlage an Land, aber um Gottes willen, sie sollte morgendamit anfangen, Gäste zu befördern!

Außerdem schwang in ihren Bedenken noch etwas Dunkleres mit: Was war dieses Ding, das dies verursacht hat? Was, wenn es meinetwegen zurückkehrt?

Coco zwang sich, gelassen Luft zu holen, bevor sie wieder versuchte, die Steuerung in den Griff zu bekommen. Als sie hinten durch die Kuppel schaute, sah sie wegen des Sandes nichts, der noch als Wolke im Wasser schwebte. Indem sie nur das rechte Triebwerk einsetzte, nahm sie Abstand von der Korallenwand und fuhr in offenes Gewässer. Von dort aus schaute sie zum Riff hinüber, doch es war nach wie vor zu trüb, um etwas erkennen zu können. Danach warf sie einen Blick auf den Kompass am Armaturenbrett. Westen, das war gut. Denn das Hotel lag in dieser Richtung.

Da ein Propeller ausgefallen war, kam sie nur im Zickzackkurs voran – abwechselnd links, dann rechts. Das funktionierte, und es dauerte auch nicht lange, bis sie zwischen den vertrauten Korallenformationen des Riffs hin und her schlingerte, auf dem das Hotel stand. Sie schaute sich nun noch einmal über die Rückenlehnen nach hinten um, doch nichts folgte ihr. Schließlich gerieten die Umrisse des Schwimmdocks für das U-Boot in Sicht, und Coco verdrängte, was sie gesehen hatte, um sich aufs Steuern zu konzentrieren. Mit nur einem Triebwerk anzulegen würde garantiert nicht leicht werden. Sie ging es deshalb geruhsam an und führte das Fahrzeug durch die Unterwasserschleuse, die sie so leitete, dass sie genau in der Mitte des Beckens auftauchte.

Sie stieg anschließend senkrecht nach oben, bis Wasser von der Spitze der Kuppel hinabströmte und gleißendes Sonnenlicht in die Kabine fiel. Wie üblich war Mick Wright sofort zur Stelle und begrüßte sie mit einem Grinsen im Gesicht, das von strubbeligen Haaren umrahmt wurde. Er vertäute das U-Boot, entsicherte den Einstieg der Kuppel und klappte ihn dann auf. Coco atmete tief die frische Luft ein, was sie nach dem aufbereiteten und muffig verbrauchten Sauerstoff im U-Boot immer als unheimlich befreiend empfand.

»Hey, was ist passiert? Der linke Propeller ist ja vollkommen verbogen! Und eine tiefe Beule im Fahrwerk hast du dir auch noch eingehandelt!«

Coco stieg aus und lächelte ihn verlegen an. Doch als sie sich rechtfertigen wollte, hielt Mick eine Hand hoch.

»Spar’s dir, hier kommt der Big Boss. Ihm musst du es auf jeden Fall erklären.«

Sie erschauderte, als sie zum Pier hinüberschaute und den Mann sah, der sich zügigen Schrittes näherte. Er war nicht bloß ihr Vorgesetzter, sondern hatte sie alle unter seiner Fuchtel, da ihm die Gesellschaft Triton Undersea Resort LLC gehörte.

»Na toll. Wie lange, schätzt du, wird die Reparatur dauern?«

Mick betrachtete den ruinierten Propeller und schüttelte den Kopf. »Mindestens bis morgen.«

Der Hotelbesitzer kam nun freudestrahlend auf seine beiden Angestellten zu.

»Also dann, wie sieht es aus für morgen?«

Ende der Leseprobe

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