Buchcover:
Neuerscheinung

Hinter den Gesichtern

von Richard Lorenz

Der Farbton Richard Lorenz hat auf der deutschen Literaturpalette bislang gefehlt. Fast meint man, der junge Ray Bradbury habe sich in die tiefsten Schatten der bayrischen Provinz verirrt. - Kai Meyer

INHALTSBESCHREIBUNG


Eine verschlafene Kleinstadt. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich, dass die alleinerziehende Krankenschwester Lisbeth Broussard das zweite Gesicht hat. Seit sie als junges Mädchen in einem intuitiven Moment ausgerechnet den achtbaren Schuldirektor als grausamen Serienmörder enttarnte, feiert man sie einerseits als Heldin – andererseits hält man respektvoll Abstand von der wunderlichen Frau mit den rabenschwarzen Augen, die scheinbar mehr sieht, als so manchem im Ort lieb sein kann …

Kapitel 1

 

In meinem Kopf tanzt ein böser Engel.

Er zeigt mir Dinge. Rabenschwarze Dinge.

 

Lisbeth sieht sich selbst als Kind, als zehnjähriges Mädchen, in einem Hinterhof. Sie steht auf einer wackeligen Mülltonne aus Blech, damit sie dem Himmel näher ist. Eine schwarz-weiß gefleckte Katze sieht ihr zu.

Kleiner böser Engel, hör auf zu tanzen. Das sagt sie, aber nur ganz leise. Weil sie zweierlei gleichzeitig glaubt: Gott hatte ihr etwas schenken wollen. Der Teufel hatte sie bestrafen wollen. In der rechten Hand hält Lisbeth ein Stück Draht versteckt, das sie im Rinnstein gefunden hat. Der Himmel sieht nach Regen aus und nach einem Herbststurm, der alles Verlorene davonträgt.

Aber es ist kein Geschenk. O nein! Die Leute haben Angst vor ihr. Und jetzt hört Lisbeth sie auch wieder, die hässlichen Musikfragmente aus verbeulten Instrumenten.

Es ist immer so, wenn ihr Gott oder der Teufel etwas zeigen. Bemalend die Auren der jungen Lisbeth Broussard, kurz vor den schmerzhaften Episoden, von denen sie heimgesucht wird wie von einem unerwarteten Gewitter. Düstere Wahrnehmungen, die Augen blind, das Herz eröffnet. Jene Serien von Bildern, die sie zu Tode erschrecken in dem kleinen Haus ihrer Kindheit, mit den stummen Mäusen hinter den Wänden und den Tauben auf den Dachvorsprüngen.

Großmutter sagt, Lisbeth hat das zweite Gesicht. Aber Lisbeth will kein zweites Gesicht. Nur noch eine Sekunde, dann werden die Kopfschmerzen wieder anfangen, das weiß sie. Es ist immer so. Sie spürt einen eiskalten Regentropfen auf der Wange. Hässlich, die Musik ist so hässlich, dass es wehtut in den Knochen. Sie vibrieren. Vor drei Jahren hatte im Haus nebenan ein alter Mann gewohnt, nur einen einzigen Sommer lang. An den Abenden hatte er rauchend auf der Veranda gesessen und Radio gehört. Das ist Jazzmusik, die kommt aus dem Mund des Teufels, hatte Vater gesagt, und Lisbeth musste schnell alle Fenster schließen. Aber gehört hatte sie sie dennoch, selbst als das Radio längst ausgeschaltet war, und sie hört sie seither bei jeder Vision, immer wieder.

Ja, sie wird sich den Draht in das Ohr stechen, ganz tief hinein. Um den bösen Engel darin endlich totzumachen. Damit er nicht mehr tanzen kann. Das wird wehtun, und vielleicht wird sie dabei sogar sterben. Aber dann wird alles endlich stumm sein, und diese Vorstellung ist herrlich.

Doch bevor sie die Hand mit dem Draht heben kann, sieht sie das Feuer aus den Fenstern schlagen. Sieht Augen in Köpfen platzen und Haare lichterloh brennen. Lisbeth taumelt schreiend, fällt zu Boden. Und dann ist alles so dunkel wie in einem Grab.

In meinem Kopf tanzt ein böser Engel.

Wie lange hat sich Lisbeth nicht mehr daran erinnert? Vermutlich ein halbes Leben lang, ganz sicherlich aber nicht mehr seit der Geburt Marlenes. Ihres Herzschlagmädchens, das seit dem ersten Tag stark genug gewesen war, um alles von ihr zu nehmen. Selbst die losen, beinahe nebensächlichen Ausläufer einer scheinbar starken Hellsichtigkeit, das Nachbeben einer Kindheit voller merkwürdiger Geschehnisse. Einer Kindheit, in der sie Dinge voraussehen konnte wie alte Männer den ersten Schnee. Natürlich nicht alles Zukünftige, aber doch genug davon, um sie einsam und ängstlich zu machen. Verloren. Die verrückte Broussard, die Hexe Lisbeth, hatten die anderen Kinder sich heimlich zugeflüstert und sie gemieden, als hätte sie die Pocken. Wenn sie dich anfasst, dann bist du mausetot, konnte es Lisbeth aus den Schulhofecken wispern hören. Dabei geschah überhaupt nichts, wenn das Mädchen jemanden berührte, wie sehr sie sich auch anstrengen mochte. Großmutter, die eigentlich so gut wie nie etwas Vernünftiges sprach, sondern meist nur stumm mit ihrem Mund verrückte Wörter formte, sagte vor gefühlten hundert Jahren unvermittelt: »Das liegt alles in der Luft. Sie atmet es ein.« Und vielleicht trifft es das sogar am genauesten.

Alles war versteckt, doch gerade jetzt muss Lisbeth wieder daran denken, so wie man plötzlich an eine alte Liebe denkt, an den heimlichen Kuss zwischen Kirschbäumen. Daran denkt, ohne es eigentlich zu wollen. Aber sie spürt auch: Dinge, an die man nicht mehr glauben kann, ruhen nie für sehr lange Zeit, sind wie Scheintote, die an den Sarg klopfen. Daran zu glauben, dass sie so eine Art Wunderkind, ein Medium gewesen ist   – viel später hatte sie einiges darüber gelesen    –, fällt ihr schwer. Zu zersplittert die meisten Erinnerungen, als würde sie jetzt an ein ganz anderes Mädchen denken, das eine Zeit lang in ihr gelebt hat. Während sie frierend in ihrem Auto sitzt, vom Spätdienst in der Notfallambulanz nach Hause fahrend, die schmale, sich schlängelnde Straße vor sich. Vielleicht muss sie ja wegen der flirrenden Schneeflocken im Scheinwerferlicht an früher denken, die sie an die grellen Lichtpunkte hinter den Augen erinnern. Mit denen immer alles angefangen hatte, zusammen mit einem schrecklichen Pochen und unglaublichen Brennen, so als hätte sie sich etwas ins Auge gerieben. Die Bilder der Geschehnisse, die noch kommen sollten, nichts als glühende Eisenspäne, die in ihre Pupillen regneten. Untermalt von sich überschlagenden Jazztönen aus den Sommernachtsträumen.

»Du bist einfach nur müde, das ist alles. Hundemüde.« Und tatsächlich fühlt sich Lisbeth so ausgelaugt wie schon lange nicht mehr. Der Dienst in der Notfallambulanz war wegen des Wintereinbruchs hoffnungslos und blutig gewesen. Erst hatte es geregnet, dann doch noch geschneit. Sieben Verkehrsunfälle auf den spiegelglatten Nebenstraßen, zwei Leichen und ein abgetrennter Oberarm mit einer ausgeblichenen Popeye-Tätowierung darauf. Den Geruch des Sterbens immer noch in der Nase, auf der Haut, an ihren Händen. Eine Melange aus altem, gestocktem Blut und frischem galligen Erbrochenem, an die sich Lisbeth selbst nach beinahe fünfzehn Jahren Krankenschwesterndasein nie gewöhnen wird. Auch wenn sie, bei Gott!, schon mehr gesehen hat, als andere in einem dieser billigen Gruselfilme in der Spätvorstellung. Männer, die sich beim ersten Mähen der Wiese hinter dem Haus den Vorfuß amputieren und mit erkalteten Zehen in der Plastiktüte in die Notaufnahme kommen, führen bis zum Spätsommer die Spitzenliste der Aufnahmen an. Im Herbst dann die Stromunfälle, einige davon wirklich hässlich. Im Winter die weihnachtlichen Familienstreitigkeiten mit leichten bis schweren Verletzungen; Lisbeth hat dabei früh gelernt, dass tatsächlich alles zu einer gefährlichen Waffe werden kann. Im Frühjahr fangen die Leute merkwürdigerweise an, alte Dinge in den Hinterhöfen anzuzünden und sich dabei selbst schwer zu verbrennen, vermutlich zu viel Spiritus und noch mehr Schnaps. Dazwischen natürlich immer wieder Kinder, die Murmeln verschlucken, mit Mumps aufwachen oder schlicht an Bauchschmerzen leiden. So gliedert sich das Jahr für Lisbeth in ein absonderliches Kalendarium der Vorhölle. Was nicht heißt, dass es nicht schlimmer kommen könnte    – die wahre Brut des Bösen, das waren schon immer die Angehörigen.

Hätte sie nicht eine Tochter, die ihr das Leben außerhalb der Arbeit offenbart, sie würde die Abende wohl ebenfalls in Franks Bar verbringen, so wie Dutzend andere Krankenschwestern, um die Schreie der Patienten und das Meckern der Angehörigen vergessen zu können. Allein um das Dunkle des Tages zu übertünchen, würde sie sich jetzt gern an den Namen der Frau erinnern, die mit einer äußerst schlechten Atmungssituation, kardial längst hoffnungslos dekompensiert, vor knapp einer Stunde auf dem Reanimationsbrett lag und noch einmal kurz nach Lisbeths Hand griff, ehe sie starb. Weit, ganz weit offen die Augen, in ihrem Mund ein kleiner See frischen Bluts, in dem sich das Neonlicht spiegelte. Nur um den Namen ganz leise vor sich her zu sprechen, des Herzens wegen. Aber auch daran wird Lisbeth sich nie gewöhnen können: an das rasche Vergessenwerden von Sterbenden, die nichts hinterlassen als einen Fleck auf dem Fliesenboden und eine späte Fahrt in die Prosektur, kurz vor Dienstschluss. Heute waren alle Kühlfächer belegt gewesen, der örtliche Leichenbestatter kam wegen des schlechten Wetters nicht mehr rechtzeitig. Nachtbuchung im Hotel Poe, so nennen es die Ärzte, wenn die Angehörigen längst nach Hause gegangen sind und in der Leichenhalle nur noch das Notlicht brennt.

Das Auto schlittert über den Mittelstreifen, Lisbeth erschrickt. Die Flocken sind faustgroß geworden und wirbeln herum wie in einer Schneekugel. Das Radiogerät rauscht gespenstisch, verzerrt einen Song von den Beatles ins Unkenntliche. Strawberry Fields Forever. Während der Ostwind zu einem Orkan anwächst und die Äste der Bäume zu Boden drückt, schwindet John Lennons Stimme und verstummt schließlich ganz. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie doch noch einen Kaffee mit dem Bereitschaftsdienst der Intensiv und der Anästhesie in dem verlassenen Krankenhauscafé getrunken hätte, statt gleich nach Schichtende aufzubrechen. Doktor Lehmann hat heute Nachtdienst auf der Intensivstation, und sie findet ihn ziemlich attraktiv. Vielleicht wird sie sogar mit ihm nach den Weihnachtstagen ausgehen, runter zum Jahrmarkt oder zum See. Lisbeth lächelt, weil sie es sich vermutlich doch nicht trauen wird. Sie kennt ja nicht mal seinen Vornamen.

»Verdammt!« Der Ford schlittert abermals, und Lisbeth hält schließlich den Wagen an. Bei der weit entfernten Kirche glaubt sie das orange Warnlicht des Streufahrzeugs flackern zu sehen, während der Schnee auch den letzten Rest des Asphalts bedeckt.

»Na, komm schon!« Das Streufahrzeug verschwindet und taucht am anderen Ende der Vorstadt wieder auf, entfernt sich scheinbar von ihr. Lisbeth schaltet die Warnblinkanlage und das Innenlicht gleichzeitig an. Hupt einmal kurz auf. Als Kind hatte sie starke Angst vor der Dunkelheit, vor den Traumgestalten in den Schattenschlägen, und diese Angst hat sie nie ganz verloren. Dunkle Träume, in denen Gespenster ihren Namen rufen. Jene Gespenster aus ihrer Kindheit, die sie nicht hatte retten können durch ihre Hellsichtigkeit, bevölkern nun die Mauerritzen und warten auf schlaflose Nächte.

Was würde sie gerade jetzt für eine Zigarette geben, sie streift über ihren Mund und verwischt dabei den Lippenstift. Irgendwo müssten hier doch noch welche sein! Ungeduldig kramt sie in ihren Taschen, flucht leise und findet eine völlig vertrocknete Camel, aus der bereits der Tabak rieselt, am Meeresgrund ihrer Handtasche. Vor Marlenes Geburt hat sie eine, manchmal sogar zwei Schachteln am Tag geraucht und es mit der Schwangerschaft vor vierzehn Jahren von einem Tag auf den anderen aufgegeben. Nur manchmal, besonders nach einem Tag wie diesem, raucht sie heimlich auf dem Nachhauseweg. Sie hasst sich dafür, auch weil Marlene es hasst. Zitternd zündet sie sich die Zigarette an, inhaliert tief und lehnt den Kopf zurück. Längst hätte sie die Winterreifen aufziehen lassen sollen, hat es aber dann doch immer wieder verschoben und schließlich vergessen. Nach der Zigarette wird sie einfach so langsam wie nur möglich weiterfahren und beten, nicht in den Straßengraben zu rutschen.

Im Radio singt Dean Martin, und erst jetzt bemerkt Lisbeth, wie verlassen sie hier draußen ist. Das nächste Haus viele Hundert Meter entfernt. Weit und breit kein anderes Auto, sie ist umschlossen von der Dunkelheit der Nacht und der Stille des frischen Schnees.

Merkwürdig, dass man oft am falschen Ort an das Falsche denkt. Nicht etwa an die eigenwillige Schönheit des unberührten Schnees oder an die nicht mehr allzu fernen Weihnachtstage, nicht mal ein einziger Gedanke an Lehmann. Die Angst des Augenblicks zentriert das Schreckliche, und Lisbeth denkt an den ersten gellenden Schrei von Schwester Hannah aus dem Schockraum 2 am Ende des Flurs vor drei Tagen. Obwohl Schwester Hannah ein alter Hase ist, schreit sie immer mal wieder wie eine hysterische Schwesternschülerin, besonders wenn die Leute etwas Ansteckendes haben. In den Noro-Virus-Hochphasen im Frühjahr und Herbst kommt Hannah manchmal gar nicht mehr aus dem Schreien heraus. Deshalb hat sich Lisbeth auch erst einmal gar nichts dabei gedacht, wenngleich der Schrei diesmal anders gewesen ist, lauter als gewohnt. Draußen ein Rettungswagen mit offener Tür, Lisbeths Behandlungsraum leer. Ihr letzter Patient auf dem Weg zur Röntgenabteilung, als der Schrei, der zweite Schrei, die Zeit zerschneidet. Ein Schrei von jemandem, der offensichtlich gerade dabei ist, den Verstand zu verlieren.

Lisbeth zieht lange an der Zigarette, das Wageninnere füllt sich mit Rauch, sie versucht die hässliche Momentaufnahme aus ihrem Kopf zu drängen. Zu Hause wird Marlene schon auf sie warten, mit einer heißen Schokolade in der Küche. Vielleicht, nein, ganz sicher, wird sich Lisbeth dann ein heißes Bad einlaufen lassen. Sie wird.

Sie wird umfallen, wenn sie so weiterschreit. Einfach umfallen und einen Krampfanfall erleiden. Das jedenfalls hat sich Lisbeth gedacht, als sie über den wellig gewordenen Linoleumboden nach hinten in Richtung Schockraum 2 gerannt ist und sich auf halbem Wege geärgert hat, kein Valium aufgezogen zu haben. Vielleicht ist ihrem Ehemann ja etwas zugestoßen, ein Unfall in der Arbeit. Er trinkt zu viel, das erzählen sich hier die Schwestern. Aber dann hat sie Hannah gleichzeitig mit dem diensthabenden Chirurgen erreicht, der gerade eine Platzwunde genäht hat. An seinen Handschuhen schmale Streifen Blut.

Schließlich hat Lisbeth es gesehen.

Sie wischt ein kleines Sichtfenster an der Seitenscheibe frei, blickt nach draußen und versucht immer noch, es zu verstehen. Vom Himmel fallen nur noch vereinzelte Schneeflocken, auch der Sturm hat inzwischen ein wenig nachgelassen. Als Mädchen hat sie den Winter geliebt, weil der Schnee und das Eis alles wegnehmen, überdecken. Jegliche Erinnerungen, die in jeder Seitenstraße zu finden sind. Sommerwünsche, die sich nicht erfüllt haben. Sie seufzt und drückt die Zigarette im Aschenbecher aus.

Patienten, die in die Notaufnahme kommen, sind entweder sehr krank oder haben einen Unfall erlitten. Tote bringen sie eigentlich nicht in die Notfallambulanz. Warum auch?

Vielleicht, und darüber denkt sie gerade nach, verschwinden Erinnerungen niemals, nicht einmal nach hundert Jahren. Vielleicht sind sie wie trübes Wasser in einem sonst so klaren See: Ein Blick auf den Grund des Wirklichen wird nahezu unmöglich.

Der Mann im Schockraum 2 ist tot gewesen, keine Frage. Und tatsächlich hat sich Lisbeth im ersten Augenblick gedacht: ein häuslicher Streit, ein Unfall oder vielleicht eine Messerstecherei. Aber dann überfluten sämtliche Bilder von damals alles Gegenwärtige.

Die Kinder, der Brustkorb eröffnet. Das Herz gestohlen.

Vor dreißig Jahren.

Nein, natürlich hat dort kein Kind gelegen. Aber das Messer hat in seinem Herzen gesteckt, und das allein hat gereicht, um Schwester Hannah schreien zu lassen. Lisbeth drückt ihre Stirn an das kalte Seitenfenster und zählt ihre Atemzüge, wie sie es als Kind getan hat, wenn ihr schlecht wurde.

Fahr nach Hause!

Hat sie es laut ausgesprochen, oder ist die Stimme nur in ihrem Kopf gewesen? Obwohl die Heizung des Fords auf höchster Stufe läuft, friert Lisbeth bis auf die Knochen. Tief innen steckt die Kälte wie ein verschluckter Eisklumpen. Plötzlich ist bei den Sträuchern am Straßenrand eine Bewegung zu erkennen. Nein, keine Windböe, die Unrat von sich hertreibt, sondern ein Mann. Ein vom fast vollen Mond geworfener Schattenriss, rabenschwarze Zungen auf unberührtem Schnee. Lisbeth erschrickt, stößt einen kurzen grellen Schrei aus. Weder links noch rechts sind die Türknöpfe nach unten gedrückt, aber die Angst lähmt jegliche Bewegung. Aus dem Radio, vermengt mit statischem Rauschen, singt David Bowie sein Weltraummärchen.

Die Arme weit ausgebreitet, in jeder Mulde ihres Körpers purpurnes Blut    – das sieht Lisbeth für Sekunden hinter den Augen. Ein verblassendes Polaroid in falschen Farben, beinahe bereits eine Negativaufnahme, die Lisbeth erkennt zwischen zwei Lidschlägen. Keine Vision, vielmehr die fotografische Darbietung eines Kinderalbtraums: tot auf einem Feld zu liegen, bedeckt von den Wolken, bedeckt vom eigenen Blut. Wie dumm muss man sein, um einfach mitten im Nichts stehen zu bleiben, Lisbeth, flüstert Großmutter aus ihrem Grab heraus.

 

May God’s love be with you. Two. One.

 

Und dann überquert ein ausgewachsenes Reh die schmale Straße, so nah, dass Lisbeth es hätte berühren können, wenn sie die Hand aus dem Fenster gestreckt hätte. Gleichgültig sieht das Tier in ihre Richtung, verweilt einen Moment und stiebt dann zum Waldstück am Stadtausläufer davon. Lisbeth kichert hysterisch, lacht über ihre Angst, obwohl diese wie ein Parasit in ihren Eingeweiden steckt und sich immer tiefer frisst, bis auf den Grund ihrer Seele. Kognitive Verschiebung der Eindrücke nennen das einige Psychologen, darüber hat sie gelesen und sich ihre eigene Erklärung zurechtgelegt. Die Episoden der Vorahnungen haben nach und nach ihre Nerven blank gescheuert. So einfach ist das.

Ende der Leseprobe

Empfehlungen

Mordsjob - Danny King