Buchcover:

Himmel, Hölle oder Houston

von Thom Erb

»Erbs Debütroman liest sich, als hätte Tarantino einen Zombiefilm gedreht … Witzig, brutal, temporeich und auch für die interessant, die von Zombies so langsam genug haben.« [Amazon.com]

INHALTSBESCHREIBUNG


Nach einem alles andere als erfolgreich verlaufenem Job als Personenschützer will Jay McCutcheon, ein Texas Ranger mit aufbrausendem Gemüt und Alkoholproblemen, nur noch nach Hause zu Frau und Kind. Zwischen ihm und seiner Familie liegen nur fünfhundert Meilen regennassem Asphalts, glaubt er. Doch da liegt er falsch. Denn Isandro Dianira ist aus dem Gefängnis ausgebrochen. Zusammen mit seiner Bande zieht er auf seinem Weg nach Mexiko eine Spur der Gewalt hinter sich her. Doch bevor er das Land verlässt, hat er noch eine Rechnung zu begleichen. Er will McCutcheon umlegen – das Schwein, das ihn damals eingebuchtet hat. Und während die beiden Männer unwissentlich einander immer näher kommen, zieht zu allem Überfluss ein Unwetter nach Westen. Ein Regensturm, der auf wundersame Weise die Toten wieder auferstehen lässt.

Jailhouse Rock

Staatsgefängnis McAlester, Oklahoma
31. Mai 1985, 3:35 Uhr
 

Die Stimme machte sich jetzt lautstark und fast flehentlich in Isandro Dianiras verschrobenem Geist bemerkbar. Häftling 926934 lächelte und weidete sich an dem warmen Blut des Gefängniswärters, das gerade über seine zerkratzten und schwieligen Hände floss.

Diese Stimme verlangte nach Blut. Isandro tat sich keinen Zwang an, die Klinge tief in den Bauch des Wichsers zu stechen, und fühlte sich durch die Vorstellung, dass der Mann nun starb, beinahe sexuell erregt. Er lachte, als er den leblosen Körper des Wärters fallenließ wie einen Zigarettenstummel. Dianira war der Anführer der Los Malvados, einer der mächtigsten Banden Mexikos. Die Freiheit lockte ihn, und nur noch wenige Sekunden trennten ihn von ihr. Nach zweijähriger sorgfältiger Planung und beträchtlichen Geldausgaben hätte er sogar seinen eigenen Bruder kaltgemacht, um hier herauszukommen. Er schlich jetzt eine Stahltreppe hinunter, die zu einer Laderampe führte, wo ein Mülllaster den berühmtesten Polizistenmörder in der Geschichte Texas abholen würde, alles lief genauso wie vorgesehen.

Der Mond warf in kühlen Blautönen Schatten über den Parkplatz. Isandro sprang hinunter und blieb geduckt, während er auf das Zeichen wartete. Es sollte von einer kleinen Stiftlampe ausgehen … ein schnelles Aufblinken, gefolgt von einem kurzen Pfiff. Sein dünner aber muskulöser Körper erstarrte vor Anspannung. Die Freiheit war nun endlich zum Greifen nahe, und er konnte sie schon regelrecht schmecken, aber eine sogar noch intensivere Empfindung beschleunigte gerade seinen Puls: Rachedurst!

Er war einem gewissen Texas Ranger zu besonderem Dank dafür verpflichtet, dass dieser ihm einen zehnjährigen Aufenthalt im Staatsgefängnis von Oklahoma aufgehalst hatte. Ihm schwebte deshalb so einiges für dieses Stück Scheiße namens Jay McCutcheon vor. Er freute sich, als das Lämpchen endlich aufblinkte und leise gepfiffen wurde. Ihn traf ein erster Regentropfen ins Auge; er rieb mit der Hand darüber und grinste, da er jetzt den großen, grünen Mülllastwagen mit laufendem Motor sah, an dessen Heck ein untersetzter Mann stand.

»Hector«, rief Isandro mit gedämpfter Stimme und lief schnell zu seinem Komplizen hinüber, um ihn zu umarmen.

»Toll, dich endlich wiederzusehen, Bruder«, erwiderte Hector, während er ihn zur Klappe lotste.

»Das Ganze wird jetzt ein bisschen … schmutzig, aber die Crew wartet bereits draußen. Hoffentlich macht es dir nichts aus, dich ein paar Minuten lang im Dreck zu wälzen.« Hector versuchte, seinen Verwandten noch einmal zu umarmen, doch Isandro hatte bereits genug von dem gefühlsduseligen Unfug. Er nickte daher distanziert und umklammerte einen Griff am Laster.

»Meine Fresse, nein, ich habe mich während der letzten zwei Jahre ständig im Dreck gewälzt und komme ohne Probleme damit klar.« Nachdem er seinen Bruder einen festen Klaps auf die Wange gegeben hatte, sprang er in den Laderaum des Fahrzeugs. »Verschwinden wir von hier.«

Hector schaute hoch. »Was möchtest du denn zuerst machen?«, fragte er strahlend.

»Puta«, antwortete Isandro mit einem Blick zurück zum Gefängnis. »Danach stelle ich McCutcheon und zeige ihm endlich, was richtiger Schmerz und die Hölle auf Erden bedeuten.« Er spuckte auf den regennassen Asphalt. »Vamanos!«

Er blickte zum schwarzen Himmel hinauf und ließ kalten Regen über sein vernarbtes Gesicht strömen. Äußerlich mochte er vielleicht besonnen wirken, doch tief in ihm prasselten das Feuer des Hasses und eine Vergeltungssucht, die er jahrelang fieberhaft geschürt hatte. Jetzt war er wieder frei, und dies bedeutete, dass die Welt bluten würde!

 

Good Texas

2.700 Fuß über Dallas/dem Fort Worth International Airport
Freitag, 1. April 1985, 20:30 Uhr
 

Ich wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht und versuchte, mich zusammen zu reißen, denn sonst hätte ich Galle gekotzt. Sie schmeckte nach schlechten Tortillas und verbrannten Arschhaaren. Beim Gedanken daran musste ich direkt einen weiteren Schwall des brennenden Safts hinunterschlucken. Nur noch ungefähr eine Viertelstunde, dann würde ich aus diesem beschissenen Vogel steigen und nach Hause zurückkehren können. Ich befürchtete jedoch, dass dies wohl knapp vierzehn Minuten zu lange dauern würde. Mein Magen fühlte sich nämlich an, als sei ich gerade auf einer Achterbahn mitgefahren, die Satan höchstpersönlich entworfen hatte. Der Flug von Washington aus hatte sich qualvoll dahingezogen, und der Gouverneur war ungefähr so charismatisch wie ein abgestorbener Baumstumpf. In der Kabine stank es nach Whiskey, Zigarren und Fürzen vom Widerlichsten. Ich arbeitete zwar erst wenige Wochen als Aufpasser für diese Witzfigur, war sein überhebliches Getue aber schon so was von leid. Allerdings konnte ich mich nicht entscheiden, was mir gerade schwerer zusetzte: Mein Hass auf das Fliegen oder die schlechten Witze, die der alte Stinkstiefel die ganze Zeit von sich gab wie eine Platte mit einer hängen gebliebenen Nadel oder Durchfall, der durch einen Rasensprenger gejagt wurde.

»Mein Junge, kennen Sie den, über den einbeinigen Hispanier mit dem Glas Erdnussbutter?« Der Gouverneur lachte ausgelassen und boxte kumpelhaft meinen Arm.

Dieser Typ ist echt die Krönung. Ich schenkte ihm ein verkrampftes Lächeln und tat so, als sei mir das Ganze nicht scheißegal.

Dieser schleimige Politiker war mit dem berühmten goldenen Löffel im Maul geboren worden und noch dazu erheblich korrupter als die NFL, MLB sowie alle Kongressabgeordneten zusammen. Noch mehr Galle vermengte sich mit meinem Speichel; ich würgte die Flüssigkeit krampfhaft wieder hinunter, kippte einen Schluck Wasser hinterher und warf anschließend dem dicken Mann einen Blick zu, an dem er keinen Anstoß nehmen konnte. Nun zog ich die Spucktüte aus dem Beutel am Sitz vor ihm. Deren frischer Inhalt trug noch mehr zu dem herrschenden Aroma an Bord bei, das an einen Hinterhof denken ließ. Meine Eingeweide drehten sich um, während sich das Flugzeug zur Seite neigte.

»Man hört, eine kleine, heiße mamacita aus Mexiko warte auf Sie, wenn wir landen, stimmt das?« Der Gouverneur zog seine langen, weißen Augenbrauen hoch, die mich irgendwie immer an Insektenfühler erinnerten, und zwinkerte mir kumpelhaft zu.

»Ja, Sir. Ihr Name lautet Inez. Wir sind verlobt.« Ich musste unbedingt cool bleiben, aber dieser Kerl raubte mir allmählich wirklich den letzten Nerv. Ich nippte erneut an dem warmen Wasser, weil ich den Geschmack von Erbrochenem im Mund loswerden wollte. Irgendwie war dieser aber trotzdem noch angenehmer als die Gesellschaft, in der ich während der vergangenen Stunden gesessen hatte. Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich liebe meinen Job, nie hätte ich etwas anderes werden wollen als Texas Ranger. Dieser Beruf ist ein Vermächtnis meiner Familie – von den stark belaubten Wipfeln des Stammbaums der McCutcheons bis ganz hinunter zu meinem runzligen Arsch, der noch gar nicht so alt ist. Wir alle haben ihm unser Leben gewidmet, ja einige von uns sind sogar für die Rangers gestorben, aber verdammt: Wachdienst für diesen Schürzenjäger schieben – für diesen Betrüger, der krummer war als ein Sahuaro-Kaktus im Wind – hätte selbst die ausdauerndsten unter den hartgesottenen Mitgliedern meiner Sippe vor eine Herausforderung gestellt.

»Oh, ich wollte Sie damit keineswegs beleidigen, Ranger.« Der Fettarsch mit dem zerknitterten Anzug stieß gegen meinen Oberschenkel und zwinkerte mir noch einmal scheußlich zu.

»Das dachte ich auch nicht, Sir.« Ich schluckte schwer und schob mein Bein unauffällig aus der Reichweite seiner schweißnassen Hände. Beim Lügen hatte ich mich schon immer schwergetan und ich hätte diesen nicht müde werdenden Schwätzer am Liebsten vor vollendete Tatsachen gestellt, aber ich wusste nur allzu gut, wohin das Ganze dann ausgeartet wäre. Diesen Fehler hatte ich leider schon zu häufig begangen, um noch mitzählen zu können, und war mir deshalb ziemlich sicher, meine Karriere dieses Mal nicht mehr retten zu können. Mich feuern zu lassen stand allerdings nicht auf der Liste der Aufgaben, die ich an jenem Tag erledigen wollte, also entschloss ich mich, die Kröte einfach zu schlucken und abzuwarten, bis das verfluchte Flugzeug endlich landete.

»Haben Sie zufällig Fotos von Ihrer Verlobten dabei?« Der besoffene Klops rutschte nun auf seinem Platz nach vorne, wobei das Leder knarrte, als er einen fahren ließ, der gewiss die ganze Kabine ausräuchern würde. Er selbst schien es allerdings gar nicht bemerkt zu haben. Ich ignorierte das Geräusch, doch der Geruch war leider nicht auszublenden. So ein Mist.

»Also was ist, Junge? Fotos? Warten Sie kurz, ich muss zuerst mal meinen kleinen Freund auswringen. Seien Sie so gut und schenken Sie mir in der Zeit einen Irish Whiskey ein, ja?« Nachdem er mir abermals zugezwinkert hatte, hievte er sein breites Gesäß aus dem Sitz, allerdings nicht, ohne vorher noch einmal knarzend Darmgas entweichen zu lassen.

»Oh, und ein Spritzer Cola light bitte auch, falls es Ihnen nichts ausmacht.« Er klopfte mit einer seiner fleischigen Hände auf den kleinen Kühlschrank und ging dann hastig nach hinten zur Toilette, während er sich in den Schritt fasste.

Ich hielt den alten Mann zwar für einen ausgemachten Volltrottel, führte seine Befehle aber natürlich dennoch immerzu aus und respektierte seine Position ungeachtet der Napfsülze, die sie bekleidete. Nun atmete ich einmal tief durch, nahm eine Lucky Strike aus der inneren Brusttasche meines Jacketts und zündete sie an. Der beruhigende Rauch breitete sich sofort in meiner Lunge aus, während ich zur Minibar ging, um ein Glas mit Whiskey für den spleenigen Politiker zu füllen.

Dabei wandte ich mich an Novak: »Jesus Christus, womit um alles in der Welt habe ich diesen Albtraum denn bloß verdient?« Als ich vor der Theke stand, nahm ich alles, was für den Drink des Arschlochs vonnöten war. »Ist das denn zu fassen?«, wisperte ich. Alles, was meine Kollegen zu entgegneten hatten, war ein zurückhaltendes Lachen.

Penner.

Ich war wohl weitaus angepisster, als ich gedacht hatte. Als ich mich umdrehte, schüttelten meine beiden Ranger-Freunde ihre Köpfe, so als stünden diese in Brand, und lächelten dabei einhellig spöttisch. Higdon formte wieder und wieder das Wort »Nein« mit seinem Mund; er kannte mich wohl bestens. Ich schaute nach unten und sah, dass ich die Colaflasche wohl zu fest gedrückt und deshalb den ganzen Inhalt auf die Theke gespritzt hatte.

Erneutes Gelächter folgte.

Blöde Saftsäcke.

»Oh, in Ordnung. Danke, Mom.« Ich holte mir ein Tuch, beseitigte die ganze Schweinerei und zeigte den beiden dann in Ruhe den Vogel. Als ich sie noch dazu mit einem bösen Blick strafte, nahm der Flugkapitän gerade eine weitere nicht ganz so subtile Kursanpassung vor. Mein Magen war wirklich extrem gereizt.

Der Gouverneur wankte nun mit einer ausgestreckten Hand und einer dicken Zigarre, die in seinem Mundwinkel wippte, zurück in die Kabine. Er nahm das Glas von der Bar, kämpfte sich im Zickzack zu seinem Platz vor und plumpste dann direkt hinein. Als alter Profi verschüttete er dabei natürlich nicht einen einzigen Tropfen und verlor auch keinen Krümel Asche.

»Also, Ranger, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, erzählen Sie mir doch bitte von der süßen, kleinen mamacita, die Sie haben. Kommen Sie, zeigen Sie mir mal etwas.« Der beschwipste Alte nahm jetzt einen kräftigen Schluck aus seinem Glas, und das Eis klirrte leise darin, als er mich mit der Hand, in der er die Zigarre hielt, dazu aufforderte, ihn mit pikanten Details zu versorgen.

Es wurde langsam nervig. Ich spülte meinen Verdruss mit einem kleinen Whiskey hinunter, den ich mir freimütig selbst eingeschenkt hatte, und wischte mir den Mund mit einer Seidenserviette vom Beistelltisch ab. Na gut, altes Haus, in ein paar Stunden bist du wieder daheim, und deine Anstellung bei dieser Hackfresse ist endlich vorbei. Noch nie zuvor hatte ich mich so sehr gefreut, nach Houston zurückkehren zu können.

»Jetzt aber, mein Junge: Ich bin mir sicher, Sie haben bestimmt ein schlüpfriges Polaroid oder so etwas dabei. Immerhin verbringen Ranger wie Sie eine ganze Menge Zeit unterwegs, und jeder von Ihnen muss sich doch auch mal zu irgendetwas einen von der Palme wedeln.« Whiskey floss nun aus dem Mund des Betrunkenen, als lasse sich ein dicker Barsch einen schmackhaften Wurm entgehen.

Dieser Kerl hatte den Ruf weg, deine berufliche Laufbahn schneller, als du gucken konntest, zunichtemachen zu können. So wie es aussah, stand ich stets mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen in einem zu schnellen Frachtzug, der mit hundertzwanzig Meilen die Stunde in die Gegenrichtung raste. Zu viel herausnehmen konnte ich mir auf keinen Fall, denn da Inez und ich eine kleine Tochter hatten – Bellia – und ein neues Haus sowie unsere Hochzeit bezahlen mussten, konnte ich mir eines auf gar keinen Fall leisten, nämlich diesen alten Perversen zu verärgern und somit der nächste Kandidat auf seiner Abschussliste zu werden. Dies und die Tatsache, dass mich nur eine läppische halbe Stunde von zwei Wochen Urlaub trennten, bewog mich deshalb dazu, tatsächlich widerwillig meine Brieftasche zu zücken und ein Foto von Inez aufzuklappen.

Der Gouverneur streckte sofort seine Wurstfinger danach aus, riss mir das Leder aus den Händen und hielt sich das Bild ganz nah vor seine Glupschaugen.

»Mein lieber Schwan, Ranger. Heiiiliges Kanooonenrohr.« Mit diesen Worten ließ er sich zurück in seinen Sitz sacken. Seine Augen blieben weit geöffnet, und er leckte sich mit seiner wulstigen, vom Rauchen ganz fleckigen Zunge die noch wulstigeren Lippen wie eine Schlange, die gerade Witterung aufnimmt.

Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass meine Kiefermuskeln schon wehtaten, und ballte die Fäuste. Politik und all die garstigen Nutznießer, die sie anzog, waren mir extrem zuwider, und jetzt hatte ich sogar ein Gesicht, das ich diesem schmutzigen Vorurteil zuordnen konnte. Nur noch ein paar Minuten bis zur Landung, betete ich mir mühsam vor.

Ich bemerkte, dass Novak und Higdon meine Reaktion abwägten und sich schließlich auf den nächsten Einsatz dessen gefasst machten, was sie witzigerweise McCutcheons fliegende Verliererfaust nannten – beziehungsweise vielleicht auch auf einen weiteren Fehltritt meinerseits. Da sie schon sehr lange mit mir zusammenarbeiteten, wussten sie genau über mich Bescheid. Meine Karriere war mir allerdings zu wichtig, als dass ich mich von diesem Schwein oder meinen übermütigen inneren Dämonen aus der Reserve locken lassen würde.

»Achtung: Wir setzen gleich zur Landung an, also bitte nehmen Sie alle Platz und sehen Sie zu, dass Sie Ihre Sicherheitsgurte angelegt haben«, flötete nun der Kapitän fröhlich durch die Lautsprecher im Raum, dessen Luft man gerade vor Spannung schneiden konnte.

»Also bei Gott, Jesus und allen Heiligen der Welt, wenn Sie da mal keine scharfe Braut Ihr Eigen nennen, Junge.« Der Alte griff sich wieder in den Schritt und bewegte seine Zunge. So wie er nun grinste, hätte er sich glatt die ganze Brieftasche einfahren können. Sein Lachen wuchs sich nun langsam zu einem Raucherhusten aus.

Ich wurde jetzt schlagartig erneut stinkwütend. Aber kaum, dass ich einen Schritt auf den widerlichen Politiker zuging, blieb ich auch schon wieder stehen, denn meine Partner waren sofort nachgerückt. »Der alte Wichser wird jetzt sein Amt niederlegen – und zwar unfreiwillig!«, zischte ich vor mich hin.

»Machen Sie mal halblang, Cowboy. Nur die Ruhe. Ich wollte damit doch nur sagen, dass Ihre Zukünftige eine wahre Schönheit ist.« Der feiste Lustmolch hob jetzt eine seiner Pranken hoch, um mich zu stoppen, und setzte dabei ein schmieriges Lächeln auf. Gern hätte ich ihm trotzdem seinen Zahnersatz in den nach Whiskey stinkenden Rachen gerammt, hielt mich aber zurück.

»Ja. Das … ist sie wirklich. Danke … Vielen Dank, Sir.« Ich rang mir die Worte mit angespannten Lippen ab. Immer noch passten meine Kollegen wie übertrieben fürsorgliche Kindermädchen auf mich auf.

»Aber mal eine Frage, mein Sohn: Schmeckt ihre Möse denn auch so süß, wie sie aussieht?« Das Ekel streckte nun seine Zunge wieder heraus, fuhr damit über das Foto und grunzte laut, während er es vor sein geiferndes Gesicht hielt.

So schnell, dass es selbst die anderen Ranger überraschte, sprang ich vorwärts und verpasste dem geilen Bock einen Kinnhaken, der ihn von seinem Sitz kippen ließ. Als er schließlich ausgestreckt auf dem Teppichboden liegen blieb, sah ich, wie Higdon sofort zu ihm eilte, während ich von Novak weggezogen wurde. Er drückte mich gegen die Wand, und ich wehrte mich rasend vor Wut, doch er war gut fünfzig Pfund schwerer als ich, und die paar Gläser Jameson, die ich getrunken hatte, gereichten dem großen Mann ebenfalls zum Vorteil. Er war zu stark und rang mich deshalb einfach nieder. Deswegen würden wir später unbedingt noch eine Unterhaltung führen müssen.

»Komm wieder runter, Jay. Du brauchst dich doch nicht auf diese Weise in Teufels Küche zu bringen«, flüsterte mir Novak ins Ohr. Ich starrte auf den blutenden Abschaum vor mir am Boden; wirklich, ich wollte den Bastard unbedingt umbringen. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass mein Kollege recht hatte – wie immer, verdammt. Letzten Endes entspannte ich mich und nahm meine Arme wieder herunter, woraufhin mir der Bärenkerl ein wenig mehr Spielraum gewährte, mich allerdings immer noch nicht vollständig losließ.

»Wieder alles klar bei dir?«, fragte er. Seine braunen Augen, mit ihrem stechenden Blick ruhten auf mir, solange er sich nicht sicher war, ob ich mich nun einsichtig zeigen würde. Er war beileibe kein Schaumschläger.

»Ja, alles wieder klar.« Wir wussten natürlich beide, dass ich log.

»Achtung.« Die gereizte Stimme des Kapitäns durchbrach nun die kurzzeitige Stille. »Nehmen Sie bitte alle Platz. Ich kann nicht genau sagen, was gerade bei Ihnen vor sich geht, doch wir landen gleich, also rate ich Ihnen, sich hinzusetzen.«

»Gute Idee. Sir, lassen Sie sich von mir aufhelfen.« Higdon versuchte, den angetrunkenen Mann hochzuziehen.

»Pfoten weg! Ich schaffe das alleine, um Himmels willen. Ich bin doch kein armer Krüppel«, empörte sich der Gouverneur und tupfte seinen blutenden Mund mit einem Taschentuch ab. Nachdem er die Hilfe brüsk abgewiesen hatte, pflanzte er sich beschwerlich zurück in seinen Ledersitz, der jetzt über und über mit Whiskey besudelt war. Er bemühte sich, seinen Anzug glatt zu streichen und sich so etwas Würde zu bewahren, scheiterte aber in Beidem kläglich. Sein bestes Stück war weiterhin erigiert, während er damit fortfuhr, sich über das verquollene Gesicht zu wischen. Er warf mir einen abfälligen Blick zu, wie ich ihn schon viel zu oft gesehen hatte.

Nach einigen hitzigen Momenten saßen wir aber wieder alle angeschnallt da und warteten darauf, dass die Maschine auf der Rollbahn landete. Als ich zur Ruhe kam, begriff ich langsam, was da passiert war. Ich hatte offenbar zum letzten Mal Scheiße gebaut. Jetzt konnte ich mir alles abschminken: Ich hatte keinen Job mehr, es würde keine Heirat und keine Flitterwochen geben … meine Karriere war futsch, Ende im Gelände. Wie konnte ich das bloß Inez beibringen? Dieses Mal würde sie mich bestimmt verlassen und Bellia gleich mitnehmen. Dann würde ich allein sein … wieder … und dieses Mal zweifelsohne verdientermaßen.

Nach dem Debakel in San Antonio und Galveston konnte ich von Glück reden, dass sie mich Taugenichts überhaupt noch so lange ertragen hatte. Ich durfte sie und das Baby aber nicht verlieren, denn ohne sie zu leben, kam mir vollkommen ausgeschlossen vor. Genauso gut hätte ich auch gleich sterben können. Zu jenem Zeitpunkt war ich mit meiner staatlichen Lebensversicherung und Rente tot sowieso weitaus mehr wert als lebendig. Diese Option hatte ich in letzter Zeit irgendwie ständig im Hinterkopf.

Ich sah mich allerdings außerstande, die Waffen bereits zu strecken. Angestrengt schluckend blickte ich hinüber zu dem zuckenden Scheißkerl und holte tief Luft.

»Sir, ich möchte mich bei Ihnen entsch…«

»Sparen Sie sich das gefälligst, Junge! Sie haben sich mit dem Falschen angelegt, mein Freund!« Der alte Mann hielt eine Hand in die Höhe und wollte nicht einmal mehr in meine Richtung schauen.

Novak und Higdon sahen mich sowohl verdrossen als auch verlegen an, was mich in keiner Weise aufbaute.

»Leckt mich doch am Arsch!«, schimpfte ich wiederholt, während die kleine Maschine endlich über dem Flughafen niederging. Um meinen Magen und meine Zukunft stand es zusehends schlimmer, je weiter sich das Flugzeug der warmen, feuchten Rollbahn näherte.

Ende der Leseprobe

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