Heiße Nächte in Unterfilzbach

von Eva Adam

Serie: Unterfilzbach
Band 3

Band Drei der erfolgreichen niederbayrischen Krimikomödie um „Hobby-Detektiv“ Hansi Scharnagl und die ebenso schrulligen wie liebenswürdigen Bewohner des beschaulichen Dorfes Unterfilzbach – für Fans der Regionalkrimis von Rita Falk, Jörg Maurer und Volker Klüpfel.

INHALTSBESCHREIBUNG


Aufregung im niederbayerischen Dorf Unterfilzbach:
Der pensionierte Unterfilzbacher Briefträger und Gemeinderat Erwin Weiderer kommt bei einer so spektakulären wie tragischen Explosion ums Leben – und natürlich wittern die erprobten Bauhof-Spürnasen Hansi Scharnagl und Sepp Müller sofort mehr als nur einen unglücklichen Zufall.

Doch damit nicht genug: Die Neuwahl des Feuerwehrkommandanten steht an und die Dorfgemeinschaft fiebert bereits einem Show-Down zwischen Sepp und seinem Kontrahenten Fritz Kronschnabl entgegen. Ganz klar, dass da der aus München angereiste Filmregisseur Klaus-Maria Ranftl mit seinen Plänen und Starallüren den Dorfbewohnern einfach nur auf die Nerven geht. Welche Rolle aber die amourösen Abenteuer des Juniorchefs der Oberfilzbacher Feuerlöscher-Firma Karl Brandl, der Liebeskummer von Hansis Freund Sepp und ein manipulierter Feuerlöscher für die Lösung des dritten Kriminalfalls aus Unterfilzbach spielen, müssen Hansi und Sepp auf gewohnt unorthodoxe Weise allein herausfinden …

Kapitel 1

  

Friedhofs-Tuning

  

Ende Oktober fiel im kleinen niederbayerischen 3.000-Einwohner-Dörfchen Unterfilzbach im schönen Bayerischen Wald jährlich der Startschuss für einen wahren Brauchtumsmarathon. Am Jahresende häuften sich die Riten der Eingeborenen merkwürdigerweise, warum auch immer.

Es war der 31. Oktober und auf der ganzen Welt hieß dieser Tag Halloween, vereinzelt sogar hier in Unterfilzbach. Im örtlichen Kindergarten Die Filzmäuse wurde inzwischen regelmäßig eine Halloween-Party mit kleinen Gespenstern und Vampiren veranstaltet und abends zogen auch schon mal ein paar Kinder von Haus zu Haus, um Süßes oder Saures zu verlangen. Aber das war’s dann auch schon mit dem neumodischen amerikanischen Glump, diesem Halloween-Zeug, wie die rüstige und ausgesprochen gesprächige, aber wenig feinfühlige Dorfratschn Berta Hinkhofer immer zu sagen pflegte.

In Unterfilzbach hatte der 31. Oktober eine ganz andere Bedeutung. Etwas Großes lag in der Luft, etwas Bedeutendes. Geschäftiges Treiben herrschte im ganzen Ort, vor allem rund um die Gärtnerei und den Friedhof. Seit Tagen veranstalteten alle schon ein Mordsgewusel. Das große Gräber-Tuning stand an. Am 1. November war Allerheiligen, was im katholischen Bayern sogar ein Feiertag war. An diesem Tag wurde der Toten gedacht. Das war der Sinn dieses Tages, also eigentlich eine ruhige und besinnliche Angelegenheit – sollte man meinen. Allerdings war dieses Gedenken mit einem ganzen Haufen Aufwand verbunden, sofern man für die Grabpflege in Unterfilzbach verantwortlich war. Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass man hier förmlich unter gesellschaftlichen Erwartungsdruck gesetzt wurde, denn das geheime Motto lautete: schöner, aufwendiger, kreativer, üppiger! Schließlich reiste teilweise sogar die gesamte Verwandtschaft an und man wollte sich ja vor den anderen nicht blamieren, egal ob Mitbürger oder verwandte Tagestouristen. Denn: »Was sagen denn da d´Leut?«

Hansi Scharnagl, angestellt im kommunalen Bauhof, wurde am 31. Oktober von seinem Chef Wiggerl zu einer sofortigen Notfallaktion abkommandiert. Er sollte am Friedhof die Wege ein wenig mit Kies auffüllen. Ein paar Damen, die gerade dabei waren, ihre zu pflegenden Gräber im Endspurt aufzumotzen, hatten sich nämlich beschwert. Der neurotische Bauhofkapo Ludwig Hackl, genannt Wiggerl, war leider nicht mit einem besonders starken Nervenkostüm ausgerüstet und geriet bei Beschwerden schon mal leicht an die Grenzen der Belastbarkeit.

»Hansiii! Was machst du grad? Egal, was du tust, hör sofort auf damit!«, schallte es aufgeregt aus dem Bauhoffunk.

»Ähm, Hundetoiletten leeren. Das hast du mir ja heut Morgen angeschafft, oder nicht?«, sagte Hansi, verwundert darüber, wie vergesslich sein Chef schon wieder war.

»Lass sofort alles stehen und liegen, wir haben einen Notfall.«

Auch Hansi neigte ab und zu ein wenig zur Hysterie und hatte sofort die schrecklichsten Bilder im Kopf. Ein Terroranschlag auf das Rathaus? Explosion in der örtlichen Biogasanlage? Geiselnahme im Bauhof?

»Die Hinkhoferin hat mich gerade angerufen. Am Friedhof sind die Wege wohl unbegehbar und das wäre absolut lebensgefährlich, hat sie gesagt. Du musst da sofort hin und Kies auffüllen. Was sagen denn da d´Leut? Morgen ist schließlich das ganze Dorf am Friedhof und dann schimpfen sie wieder alle über den Bauhof, wenn wir nichts unternehmen.«

Ein Lächeln huschte über Hansis Gesicht. Das ließ er sich nicht zweimal sagen, denn Hundetoiletten zu leeren, war nicht unbedingt eine direkte Herausforderung und ekelhaft noch dazu.

  

Leider war rund um den Friedhof kein einziger freier Parkplatz zu bekommen; sie standen einfach ü-ber-all … egal, ob Halteverbot oder Feuerwehranfahrt.

Man könnt´ ja meinen, es geht hier um Leben und Tod, dabei sind wir eh schon am Friedhof, dachte Hansi leicht genervt wegen dieser Panik.

Mangels Alternativen musste Hansi dann halt kurz entschlossen mit seinem kommunalorangenen Unimog direkt in den Friedhof hineinfahren. Gut, dass der kleine Unimog wunderbar durch das Eingangstor passte, und zwar millimetergenau. Nur das Eisentor litt an den Scharnieren ein wenig, aber dann musste halt der Wiggerl wieder einmal einen Arbeitsauftrag für einen Neuanstrich erteilen. Alles war besser als Hundetoiletten – oder HT, wie es der Bauhofkapo immer auf den Einsatzplan schrieb. Wer HT-Dienst hatte, war an diesem Tag eher der Depp vom Dienst.

Im Inneren des Friedhofs war das Durchkommen aber genauso schwierig, es wimmelte nur so von gestressten Grabgärtnern und -gärtnerinnen.

Ja, was wäre denn da der Münchner Stachus, ging es Hansi durch den Kopf. Überall wurde geschrubbt, gepflanzt, gegossen oder gezupft. Alle Grabpfleger hatten allerdings eher ein heimliches Auge auf die Konkurrenzgräber anstatt auf Hansi in seinem Unimog, der sich etwas genervt seinen Weg zu bahnen versuchte. Nicht, dass man vielleicht einen Modetrend in Sachen Grabdesign verpasste. Das war offenbar ein wichtigeres Thema, als eventuell von einem Unimog überrollt zu werden. Hansi erinnerte sich noch allzu gut daran, wie seine liebe Ehefrau Bettina vor ein paar Jahren furchtbar verzweifelt war, weil sie den »Moostrend« nicht mitbekommen hatte. Damals hatte die Hinkhoferin sie an ihrem Arbeitsplatz, der Supermarktkasse, so saudumm angeredet.

»Mei Bettina, hast aber dein Grab wieder langweilig hergerichtet heuer, hab ich so gehört. Hast du denn nicht gesehen, dass man jetzt Moos im Muster auslegt? Da muss man schon ein wenig im Trend bleiben. Ist ja nur gut gemeint, Bettinalein. Nur ein kleiner Tipp von mir. Mir wär’s ja wurscht, aber was sagen denn da die Leut´?«

Die ganze Kundenschlange hinter Berta hatte Bettina daraufhin so komisch vorwurfsvoll angesehen, und die Supermarkt-Kassiererin war sogar noch heute ein bisschen traumatisiert.

Seitdem war auch Frau Scharnagl jedes Jahr ein wenig gestresst, wenn sich das Allerheiligen-Tamtam wieder näherte. Mit Argusaugen beobachtete sie, wie auf den anderen Grabstellen dekoriert wurde, und trieb sich stundenlang im Floristik-Fachgeschäft herum. Hansi verdrehte innerlich die Augen, als er beim Anblick des aufgeregten Treibens hier am Unterfilzbacher Friedhof an seine Frau und ihre Allerheiligen-Panik erinnert wurde.

Doch nun musste er den mit weißem Kies beladenen Unimog irgendwo abstellen. Direkt vor dem Leichenhaus war dann Gott sei Dank ein kleines Fleckchen frei. Das war ganz praktisch, denn von dort aus konnte er dann zentral den Kies mit dem Schubkarren ausfahren.

Die Hinkhofer Berta erwartete ihn bereits, um ihm die gefährlichsten Stellen auf den Wegen zu zeigen. Mit verschränkten Armen und klopfendem Vorderfuß stand sie da und zeterte sofort drauflos, als er den Motor abstellte.

»Na endlich! Das ist ja wieder einmal typisch Bauhof, für jeden Schmarrn habt ihr Zeit und euer Wiggerl sieht alles immer als Gefahr. Aber hier, wo man sich alle Haxen brechen könnte, da überlasst ihr uns arme Bürger unserem Schicksal. Direkte Löcher sind in den Kieswegen, da habt ihr schon ewig nix mehr gemacht, das sieht man gleich, direkt verwahrlost sind die Wege hier. Nicht zu verantworten ist das, das sag ich dir, Scharnagl.«

Berta Hinkhofer und Hansi Scharnagl waren nicht unbedingt die besten Freunde. Immer wieder waren sie in der letzten Zeit aneinandergeraten. Dementsprechend angespannt war die Stimmung zwischen den beiden.

»Berta! Jetzt schrei mich nicht so an, ich hab ja erst einmal den Kies auf den Unimog raufschaufeln müssen. Herrschaftszeiten! Aber davon hast du ja keine Ahnung. So wirklich hast du ja noch nie was gearbeitet in deinem Leben«, verteidigte sich der Bauhof-Angestellte.

Vielleicht hätte er besser gar nichts gesagt, denn die Berta tat sich mit Kritik an ihrer eigenen Person etwas schwer. Sie war pensionierte Bürgermeister-Sekretärin und daher mit einem ziemlich soliden Selbstbewusstsein ausgerüstet.

»Ja, genau, aber ihr vom Bauhof, ihr seid ja die Allerfleißigsten … ach, rutsch mir doch den Buckel runter, Scharnagl. Nimm deinen Schubkarren und geh weiter jetzt.«

Schon stapfte sie voraus und blieb nur ab und zu an einer ihrer Meinung nach, lebensgefährlichen Stelle, stehen. Hansi teilte diese Auffassung von »Gefahr« in diesem Falle nicht, aber in Gottes Namen, dann verteilte er halt zwei Schaufeln Kies auf die Gefahrenstelle – damit Ruhe war. Außerdem wollte er nicht so schnell wieder zurück zu den Hundetoiletten. Langsam fand er es außerdem doch recht amüsant, das Treiben zu beobachten. Man konnte hier und da einen kleinen Ratsch halten und so verging die Zeit bis zum Feierabend recht zügig.

Neben den zahlreichen aufgeregten Hausfrauen, die die möglichst tiefschwarze Erde auf ihren Gräbern sogar teilweise mit der Wasserwaage glätteten, waren auch ein paar alleinstehende Herren zugange, die sich allerdings ein wenig unbeholfen anstellten. Sie hatten nun mal keine Dame an der Hand, die sich um die Grabpflege kümmerte, und der ortsansässige Gärtner hätte garantiert einen saftigen Allerheiligen-Zuschlag auf die Rechnung gesetzt, also mussten sie wohl oder übel selbst ran.

Hansis bester Freund Sepp war so ein Fall. Er war ein ganz besonderer Mensch und außerdem Hansis Lieblingskollege. Sepp Müller war äußerst intelligent und handwerklich ein Genie. Er hatte sogar ein paar Semester Chemie und Maschinenbau studiert, bis er wohl ein wenig aus der Bahn geworfen wurde. Natürlich war eine Frau daran schuld gewesen. Die heutige Metzgereibesitzerin Maria Aschenbrenner hatte ihm damals das Herz gebrochen. Weiber halt!

Der Sepp kam irgendwann vor ein paar Jahren nach längerer Abwesenheit wieder zurück nach Unterfilzbach und arbeitete seitdem Seite an Seite mit Hansi am Bauhof. Er war schon ein armer Kerl, der Sepp, fand der Scharnagl. Seine Eltern waren schon lange verstorben und eine Frau hatte er seit der Sache mit Maria nicht mehr angeschaut. Geschwister hatte er auch keine, nur seinen Kater Willy. Hansi und die Scharnagls hatten ihn aber gern in den Schoß der Familie aufgenommen. Sepp war zwar allein, aber sehr beliebt im Dorf. Seine ruhige und besonnene Art kam überall gut an. Außerdem war er Erster Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Unterfilzbach und behielt immer einen kühlen Kopf, auch in Stresssituationen. Somit war er schon mal grundsätzlich einer von »den Guten«. In persönlichen Dingen war er allerdings eher zurückhaltend und verschlossen.

»Öha, des schaut aber wirklich super aus, Sepp«, zollte Hansi ihm Respekt für sein wirklich schön bepflanztes Familiengrab. Sogar das kann er, dachte Hansi anerkennend.

Hilfsbereit, wie der Müller nun einmal war, half er auch seinem Nachbarn, dem Weiderer Erwin, sein Grab ein wenig allerheiligentauglich zu machen. Auch der Erwin war ein alleinstehender Herr, der neben Sepp am Ortsrand ein kleines altes Häuschen bewohnte. Er war bereits in Rente, eigentlich noch topfit, aber als pensionierter Postbote nicht abgeneigt, wenn er Arbeiten delegieren konnte, am liebsten an den gutmütigen Sepp.

Nach einer informativen Plaudereinheit des Herrentrios gingen Hansi, Sepp und Erwin wieder ans Werk. Sepp ordnete an, dass Erwin wenigstens die frisch angepflanzten Alpenveilchen gießen könnte, und drückte ihm eine Gießkanne in die Hand.

Hansi beobachtete Sepp gerade dabei, wie dieser gekonnt und fachgerecht die Kletterrose am Weiderer-Grab zuschnitt, als ein lauter Schrei über den Friedhof schallte. Aus der Ferne konnten Sepp und Hansi sehen, wie sich vier Grabreihen weiter in Sekundenschnelle eine kleine Menschentraube bildete. Natürlich mussten sie da gleich einmal nachschauen, denn der Bauhof war ja irgendwie für alles zuständig. Also eilten die zwei Bauhof-Sheriffs in Richtung Menschenauflauf.

Der Weiderer Erwin war mit seiner Gießkanne auf dem frisch aufgekiesten Friedhofsweg ausgerutscht und hielt sich jetzt seine Hüfte fest, während er lautstark jammerte. Vielleicht hatte es Hansi doch ein wenig zu gut gemeint mit dem Aufbessern des Wegebelags.

»Ruft vielleicht jemand a mal einen Sanka!?«, übertönte jetzt Berta das aufgeregte Stimmengewirr.

»So, das hast jetzt davon, Berta! Jetzt ist was passiert, weil zu viel Kies auf dem Weg war. Wegen dir ist der Erwin jetzt hingefallen«, rief Hansi leicht aufgeregt.

Das musste jetzt sein, dachte sich Hansi, die Hinkhoferin, das alte G’scheidhaferl. Immer musste sie alles besser wissen. Das geschah ihr grad recht. Ein ganz ein schlechtes Gewissen soll sie plagen, die alte Bissgurken, ein ganz ein schlechtes, echauffierte sich Hansi gedanklich.

Der Sanka kam mit einiger Verspätung, weil sich die Parkplatzsituation rund um den Friedhof inzwischen nicht verändert hatte. Zwei schimpfende und fluchende Sanitäter transportierten den immer noch herzerbärmlich jammernden Erwin ab ins Kreiskrankenhaus. Verdacht auf Oberschenkelhalsbruch.

Die Sanitäter waren stockgrantig. Sie mussten Erwin auf der Trage fast bis zum KaufGut-Supermarkt schleppen, weil partout kein Parkplatz für den Sanka zu finden war. Kurzerhand hatten sie daraufhin die Polizeiinspektion angerufen und es hagelte nur so Strafzettel. Berta traf es dabei am schwersten, ihr feuerroter tiefergelegter Scirocco Sportflitzer wurde aus der Feuerwehranfahrt abgeschleppt. Da half auch Bertas wüstes Beschimpfen der Polizeibeamten nichts.

Genüsslich lächelte Hansi seiner Lieblingsfeindin zu, als er mit dem Unimog an ihr vorbei zurück in Richtung Bauhof tuckerte.

Ende der Leseprobe

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