GRAUES LAND

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Michael Dissieux

ENDZEIT-THRILLER

Band 1
Serie: Graues Land

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Inhalt


Harvey und Sarah führen ein glückliches, ruhiges Leben in den Bergen. Als Sarah erkrankt, kümmert sich der alte Harv liebevoll um seine Ehefrau.
Doch eines Tages hat sich etwas geändert in der Welt da draußen. Es beginnt damit, dass die Fernsehsender kein Programm mehr ausstrahlen, dann fällt die Stromversorgung aus, auch das Telefon verstummt. Ein grauer Schleier umhüllt das Land. Eine trügerische Stille liegt über den Feldern, über dem Haus.
Des Nachts glaubt Harvey, Kreaturen ums Haus schleichen zu hören. Und die kurze Begegnung mit einer jener Kreaturen im Garten bringt die schreckliche Gewissheit, keiner Einbildung erlegen zu sein.
Harvey beschließt, in Erfahrung zu bringen, was zum Teufel mit der Welt geschehen ist. Und so steigt er in seinen rostigen Van und fährt hinüber zu seinem alten Freund Murphy, der ein paar Meilen die Straße hinab ein kleines Lebensmittelgeschäft betreibt. Doch dieser scheint bereits dem Wahnsinn anheim gefallen zu sein …

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2011

Formate

Taschenbuch / Ebook (epub, mobi)

Seiten

262

ISBN

978-1496191-43-4

eISBN

978-3-943408-95-9

Leseprobe


Als das brüchige, graue Band der Straße an mir vorbeirauscht, habe ich das absurde Gefühl, mich immer tiefer in eine surreale Welt hineinzuwagen. Ich kenne die Gegend um die Hügel seit über vierzig Jahren. Jeder Baum und jede Unebenheit auf der Straße bedeuteten bisher für mich einen unverzichtbaren Teil meines Lebens.
Doch an diesem Morgen, dem ersten, an dem ich mein Haus verlasse, seit es begonnen hat, erscheint mir die Welt wie ein fremdartiges, fürchterliches Gemälde; als versuche Gott selbst, seine Schöpfung zu verspotten.
Durch die dicke Wolkendecke dringt kaum Tageslicht. Die Sonne ist lediglich als blasser Schemen hinter grauem Dunst zu erahnen und taucht den Himmel in kränklichen Schimmer. Tiefe Schatten liegen über dem Land und verwandeln die Wälder und Felder in ein gespenstisches Kunstwerk. In den Senken der schwarzen Äcker hängen bleiche Nebelschwaden wie lange vergessene Seen.
Nichts ist mehr, wie es einmal war.
Das Land ist fremd, als hätte sich ein Riss aufgetan und eine fürchterliche, leere Welt offenbart. Plätze und Bäume, die mich stets an meine Zeit mit Sarah erinnert haben, wirken plötzlich bedrohlich. Die früher einmal nach Gras und Erde duftende Luft ist erfüllt mit dem herben Gestank von Zerfall, die Wälder sind schwarz.
Während das Land als unwirklicher Albtraum an mir vorüberzieht, sucht meine Hand unweigerlich den Weg zu dem altertümlichen Radio, das Sarah und mich in so manchen Vollmondnächten begleitete, als wir einfach nur am Straßenrand angehalten und gemeinsam die Herrlichkeit einer stillen, klaren Sternennacht betrachtet hatten. So althergebracht sich das auch anhören mag, für zwei verliebte Menschen waren diese Momente der Himmel auf Erden.
Der Knopf gibt ein lautes Klicken von sich, danach folgt lediglich statisches Rauschen. Was hatte ich erwartet?
Meine Finger drehen am Sendersuchlauf, doch ich weiß, dass ich selbst die kleine Station in Devon nicht empfangen werde. Trotzdem drehe ich noch eine Weile, wobei sich das Rauschen mit schrillen Pfeiftönen abwechselt. Keine Musik, keine simplen Scherze, über die ich nie hatte lachen können, doch nach denen ich mich jetzt plötzlich sehne. Keine Nachrichten, die mich bis in meine Albträume verfolgen.
Als ich das Radio wieder abschalte, bleiben das rostige Quietschen der Fahrerkabine und das Klopfen kleiner Steine gegen den Boden des Pick-ups zurück. Das träge Dröhnen der alten Maschine erscheint mir plötzlich als das schönste Geräusch der Welt – eines der wenigen Überlebenden aus der alten Zeit.
Ich schüttele den Kopf, um meine Gedanken klar zu bekommen. Die gute alte Zeit. Woher will ein alter Mann abseits jeder größeren Stadt wissen, ob die gute alte Zeit zu Ende ist? Wer hatte ihm denn gesagt, dass sie beendet sei?
Die wichtigste und gleichzeitig auch beängstigendste Frage aber leuchtet wie eine grelle Neonreklame in meinem Kopf: Was kommt nach der guten, alten Zeit? Was konnte besser als ›gut‹ sein?
Nach gut kommt schlecht, sage ich mir und spüre im gleichen Augenblick wie sich ein düsterer Schleier über meine Gedanken legt und jegliche aufkeimende Verzweiflung zu unterbinden sucht.
Mit ausdruckslosen Augen starre ich in die bizarre Welt jenseits der mit Fliegen und Dreck beschmutzten Windschutzscheibe hinaus, wobei ich es vermeide, meinen Blick zu den Bäumen oder Feldern wandern zu lassen. Ich möchte nicht daran erinnert werden, dass ich wohl nie wieder den vertrauten Anblick meiner Heimat sehen oder das Gefühl von Geborgenheit in mir spüren werde, wenn ich mich auf den Weg zu Murphys Laden mache. Vielleicht habe ich auch einfach nur Angst davor, einem weiteren Shoggothen zu begegnen. Meine Augen starren stur auf das graue Straßenband, das mir verwaist und lange schon unbenutzt erscheint. Wann ist wohl der letzte Wagen auf dieser Strecke gefahren? Ich versuche mich zu erinnern, ob ich in den letzten Tagen das Geräusch eines Motors oder rumpelnder Reifen gehört habe.
Doch alles, was ich in meiner Erinnerung finde, ist die Stille, welche zu meinem und Sarahs ständigem Begleiter geworden ist. Kein Auto. Kein rotes Fahrrad, das den kleinen Daryll den Hügel hinaufträgt, damit er mir mit einem erschöpften Lächeln die Zeitung bringen kann. Sein Lächeln war stets eine Spur breiter geworden, wenn ich ihm den einen oder anderen Dollar entgegengehalten hatte.
Die Welt hat sich weitergedreht.
Doch in welche Richtung?
Ich fühle mich schläfrig, ohne Musik und die Abwechslung der Natur, die ich stets genossen habe. Das, was an den Wagenfenstern entlangzieht wie eine schauerliche Parade, will ich nicht sehen.
Als meine Hand erneut den unweigerlichen Griff zum Radio versucht, denke ich an den Abend zurück, an dem ich vor einigen Tagen in das aufgebrachte und erschöpfte Gesicht der jungen Nachrichtensprecherin im Fernsehen geblickt habe …
Ich hatte mich beeilt, Sarah zu waschen und für die Nacht frisch einzukleiden. Ich fühlte mich ihr gegenüber lausig, denn jetzt lag sie viel früher in ihrem dunklen Zimmer, als sie es gewohnt war – sofern sie dies überhaupt noch registrierte. Doch ich wollte mit meinen täglichen Arbeiten fertig sein, um die Abendnachrichten im Fernsehen anzuschauen. Ich wusste nicht, warum ich das tun wollte, doch die Nachrichten der vergangenen Tage hatten selbst einen alten Narren wie mich nervös gemacht.
Bislang hatte ich stets in der Annahme gelebt, dass sich all das Schlimme, das man am Abend in den Nachrichten zu sehen bekam, lediglich auf den Rest der Welt beschränkte. Nie hätte ich den Gedanken zugelassen, dass sich eines Tages einmal der verpestete Atem einer Welt, die schleichend, aber unabdingbar vor die Hunde ging, die Hügel hinauf durch die Wälder schlängeln würde und unsere eigenen Gedanken mit Furcht durchtränkte. Doch genau dies war geschehen.
Etwa eine Woche ist es her, dass die junge Nachrichtensprecherin, die ich immer schon im Geheimen als bezaubernd und hübsch empfunden hatte, mit ernstem Gesicht von fürchterlichen Anschlägen in Europa berichtete. Sie erzählte mit einer Stimme, die all ihre Erotik, die mir stets so an ihr gefallen hatte, vermissen ließ, von einem bislang unbekannten arabischen Terrornetzwerk, das mittels getarnter Attentäter Anschläge mit nuklearen und bakteriellen Waffen in verschiedenen europäischen Großstädten verübt hatte.
Ich konnte an dem Abend nicht wirklich viel mit diesen Meldungen anfangen, denn sie gehörten schon fast zum festen Bestandteil der Nachrichten aus der Welt jenseits unserer Hügel. Doch die zittrige Stimme der jungen, hübschen Frau und ihr Blick, der dem eines eingeschüchterten Kindes glich, hatten mich unweigerlich an den Fernseher gefesselt. Ich fühlte mich wie in einem Albtraum, aus dem man trotz eines fürchterlichen Schreis nicht erwachen wollte.
Sie sprach von einer kaum vorstellbaren Zahl an Toten. Doch erst, als ihre bestürzte Stimme berichtete, dass die Städte Montpellier und Enschede nicht mehr existierten, sickerte das ungeheuerliche Ausmaß dieser Anschläge, gleich zäher Tropfen, in meinen Verstand. Natürlich erinnerte ich mich der Attentate vom elften September oder von Oklahoma City. Doch die Bilder der Zerstörung, die sich nur schwerlich ihren Weg in meinen Kopf bahnen konnten und mit wackeliger Kamera aufgenommen waren, ließen diese Verbrechen wie simple Ladendiebstähle erscheinen.
Der Fokus der Kamera schwenkte über rauchende Krater und eingestürzte Häuser, deren schwelende Stahlträger wie die abgebrochenen Zähne eines Riesen in einen aschegeschwängerten Himmel stießen. Straßen hatten sich in flammende Äcker verwandelt. Überall standen verbrannte Bäume wie schwarze Skelette in einer unwirklichen Gegend, die als Kulisse eines Horrorfilmes hätte dienen können. Hubschrauber flogen in Schwärmen über den schwarzen Himmel, da es keine Straßen und Autobahnen mehr gab. Menschen in rußgeschwärzten Strahlenschutzanzügen stoben hilflos wie winzige Insekten durch das Chaos der Zerstörung. Es schien Nacht zu sein auf den Aufnahmen, doch glaubte man der am unteren Bildrand eingeblendeten Zeit, so wurden die Bilder am frühen Nachmittag aufgenommen. In der linken oberen Bildschirmecke prangte das Logo ›Montpellier‹, das fortan die Gräuel von ›Ground Zero‹ verdrängen würde.
Es folgten Aufnahmen von Enschede, ebenfalls zur Mittagsstunde aufgenommen, obwohl sich auch dort bereits die Nacht über eine zerrissene und rauchende Landschaft gesenkt zu haben schien. Die Kamera hatte Schwierigkeiten den dichten Schleier aus Asche und Ruß zu durchbrechen. Doch da hatte ich mich bereits abgewendet, das Gesicht in den Händen vergraben, und versuchte, den rasenden Zug der Gedanken in meinem Kopf zu stoppen.
Schon Tage zuvor hatte ich in den Abendnachrichten und dem Autoradio von Internetbotschaften und Warnungen einer arabischen Terrorvereinigung gegen die westliche Welt gehört, doch hatte sich mein Empfinden, was das Grauen des Alltags betraf, wie wohl bei den meisten Menschen unserer Zeit, auf ein Minimum reduziert. Zu schreckliche Dinge waren in den letzten Jahren geschehen. Zu viel Blut hatten meine Augen sehen, zu viele Schreie von Sterbenden und Kindern meine Ohren hören müssen.
Da war Timothy McVeigh, der Oklahoma-Bomber, der 1995 das ›Alfred P. Murrah Building‹ in Oklahoma City in die Luft sprengen wollte und dabei mehrheitlich Kinder in den Tod riss. Oder der Giftgasanschlag auf die Untergrundbahn von Tokio, ebenfalls 1995. Und natürlich ›Nine-Eleven‹, wie man heute freimütig den größten Terroranschlag in der Geschichte bezeichnete.
All diese Ereignisse und Nachrichten hatten uns abstumpfen, vielleicht sogar innerlich sterben lassen, ohne dass wir uns dessen bewusst geworden waren. War es also wirklich so verwunderlich, dass Drohungen aus der östlichen, radikalen Welt gegen den Westen nicht mehr den Schrecken in uns entfachen konnten, wie wohl noch vor zwanzig Jahren? Man hörte den angespannten Stimmen der Sprecher zu, doch ihre Worte fanden keinen Weg in die Tiefen unseres verletzlichen Verstandes, sondern prallten am Bollwerk unserer Ignoranz ab.
Doch an jenem letzten Abend, an dem ich mir die Nachrichten im Fernsehen ansah, war irgendetwas anders. Die grauenvollen Bilder aus Frankreich und den Niederlanden entfachten ein bislang namenloses und unbekanntes Feuer von archaischer Angst in mir. Ich saß da, in meinem alten, ramponierten Lieblingssessel, dessen altmodischer Bezug schon seit vielen Jahren zerschlissen war, und machte mir zum ersten Mal Gedanken darüber, was es bedeuten könnte, zu sterben. Ich dachte über das Ende der Welt nach, so wie ich sie kannte. An diesem Abend sah ich auch zum ersten Mal diesen verdammten Satz aus dem verdammten Buch wie das grelle Licht einer Leuchtreklame vor mir:
»… die Welt hat sich weitergedreht …«
Was auf die Berichte aus Europa folgte, waren die üblichen hektisch einberufenen Versammlungen von Staatsoberhäuptern und Stellungnahmen verschiedenster Menschen, die sich an Wichtigkeit zu übertreffen suchten und deren Blicke mir nur noch mehr Angst einflößten. Denn jeder von ihnen wiederholte in seinem Wortlaut lediglich die von der zitternden Kamera aufgenommenen Abscheulichkeiten zweier ehemaliger Städte. Eine ratlose Beschreibung des Offensichtlichen. Zu mehr war ihr geschulter Verstand nicht fähig.
Das Einzige, was mir noch in Erinnerung geblieben ist, war die Rede des amerikanischen Präsidenten, dessen Gesichtszüge schmal und übermüdet wirkten. In seinen Augen hatte ich trotz seiner straffen Haltung eine tiefempfundene Furcht entdecken können. Wenn man so alt geworden ist wie ich, dann erkennt man die Emotionen der Menschen in ihren Augen ohne größere Schwierigkeiten.
Der Mann sprach mit ernster Stimme von einem unverzeihlichen Angriff auf die gesamte westliche Welt, und er drückte sein unendliches Bedauern und seine persönliche Anteilnahme für das Leid der Menschen in Europa aus. Auf keinen Fall würde man einen derart barbarischen Akt der Verachtung von Menschenwürde und menschlicher Zivilisation ohne die geeigneten Gegenmaßnahmen hinnehmen. Zu lange schon hätten er wie auch seine Vorgänger im Amt und ihre europäischen Kollegen vor dem rebellischen Verhalten der arabischen Länder und deren religiöser Ausrichtung und politischen Zielsetzungen in der Welt gekuscht. Mit dieser Politik der Toleranz müsse von dieser Stunde an Schluss sein.
Ich kann mich heute nicht mehr an den genauen Wortlaut der Rede des Präsidenten erinnern, doch ich weiß noch, dass er von geeigneten Vergeltungsmaßnahmen sprach, und davon, dass diese nicht lange auf sich warten lassen würden. Die USA und Europa würden sich zusammenschließen und all ihre militärische Macht in die Waagschale werfen, um die Gerechtigkeit siegen zu lassen und den Osten in seine Schranken zu verweisen.
Er sprach nie von Krieg – das Wort hatte er nie verwendet.
Und zu einem Krieg ist es im Grunde auch nie gekommen …
Zu meiner Linken taucht die Einfahrt zum Haus der Millers aus dem trüben Licht des Morgens auf. Zwei alte Holzpfosten flankieren den Weg. Ihre schwarze, wettergebleichte Farbe wirkt wie das stumpfe Grau abgestorbener Haut.
Ich stoppe den Wagen am Straßenrand und erschrecke, als das monotone Quietschen der Karosserie verstummt. Lediglich das unregelmäßige Knattern des Motors zerreißt die Stille der Welt. Plötzlich werde ich zum bizarren Teil dieses fremdartigen Gemäldes, in das sich die Hügel und Wälder verwandelt haben.
Mit zu schmalen Schlitzen verengten Augen blicke ich den ausgetretenen Sandweg zu der kleinen Blockhütte hinauf, in der Cindy und Danny Miller seit ungefähr fünf Jahren leben. Sie waren damals aus Los Angeles gekommen, auf der Suche nach Ruhe und Inspiration für ein Buch, das Danny schreiben wollte, aber bis zum heutigen Tage nie beendet hat, wie ich weiß. Cindy hatte schnell eine Anstellung als Lehrerin in Devon gefunden, und beide engagierten sich sehr in der Kirche der kleinen Stadt, wofür ihnen der alte Pater Morris überaus dankbar war.
Seit die Welt zu Grunde gegangen ist, habe ich beide nicht mehr gesehen.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich in den letzten zehn Tagen auch keinen einzigen Gedanken an Danny und Cindy verschwendet habe. Ein weiterer Aspekt der menschlichen Natur. In Krisenzeiten scheint man sich tatsächlich nur um die eigenen Belange zu kümmern.
›Jeder ist sich selbst der Nächste‹, ist alles andere als eine bloße Redewendung.
Blätter liegen auf dem Weg zur Hütte. Die Büsche zu beiden Seiten wirken starr und kalt. Die Fliegengittertür steht offen und schwankt sanft im Wind. Als ich das Fenster des Pick-ups herunterkurbele, kann ich das leise Schnarren der Scharniere hören. Es ist das einsamste Geräusch, das ich jemals in meinem Leben gehört habe.
Keine Bewegung ist zu sehen.
Ich versuche zu erkennen, ob die Haustür hinter dem Fliegengitter geschlossen ist, doch die Luft ist dunstig und der Regen der Nacht steigt als leichter Nebel aus dem Vorgarten auf, sodass die Tür verborgen bleibt. Vielleicht sollte ich mir einige Minuten Zeit nehmen und den Sandweg zur Hütte hinauflaufen? So, wie ich es unzählige Male getan habe, wenn mich Cindy dazu eingeladen hat, ihr doch einiges von dem selbstangebauten Gemüse abzunehmen. Sie hat nie etwas dafür haben wollen, sondern darauf bestanden, dass ich Sarah einen herzhaften Salat oder frisch gepressten Rübensaft – oder etwas in der Art – zubereite.
Meistens habe ich Cindy Milch oder eine gute Flasche Wein im Tausch mitgebracht, die ich zuvor in Murphys Laden gekauft hatte. Ich war stets der Ansicht gewesen, es gehörte sich einfach für eine gute Nachbarschaft, dass man die Gutmütigkeit solcher Leute nicht schamlos ausnutzte.
Die Vorstellung, an diesem Morgen den Weg zwischen den beiden morschen Holzpfosten entlangzugehen, die Luft einzuatmen, die mir fremd und schlecht erscheint, und mich von der Sicherheit meines alten Wagens zu entfernen, gefällt mir gar nicht. Der hellblaue Buick von Danny parkt vor dem Haus, dennoch scheint mir die Hütte verlassen zu sein. Vielleicht sind beide zu Fuß in die Stadt unterwegs oder sie sind schnell zu Murphy gegangen, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Oder sie liegen tot in ihrer Wohnung, seit Tagen, und ihre bleichen Körper beginnen bereits zu verwesen …
Ich schließe die Augen und schüttele den Kopf. Es fällt mir nicht schwer, mich an die veränderten Verhältnisse in der Sicherheit meines eigenen Hauses, in Sarahs Nähe, zu gewöhnen, so grotesk sich das auch anhören mag. Jedoch mitten auf der Straße, inmitten einer Welt, über die irgendetwas gekommen war, das sich der menschliche Verstand nicht erklären kann, schnüren mir derartige Gedanken die Kehle zu. Bin ich wirklich auf dem besten Wege, den Verstand zu verlieren?
Cindy und Danny würde ich mit Sicherheit in Murphys kleinem, altbackenem Laden finden. Bei einer guten Tasse Kaffee würden wir vielleicht sogar die alte Ordnung der Dinge wiederherstellen können.
Warum steht Dannys Wagen vor dem Haus …?
Ich kurbele das Fenster hoch und bin froh, als das metallische Klappern des Motors nur noch als leises Brummen zu hören ist. Warum ist Danny nicht mit dem Buick zu Murphy gefahren …?
Sollte ich die beiden wider Erwarten nicht in dem kleinen Laden antreffen, würde ich auf der Rückfahrt wieder hier anhalten und nach dem Rechten sehen. Der Gedanke beruhigt mich nicht in dem Maße, wie ich erhofft habe.
Das Haus wirkt fremd und weit entfernt. Als wäre es schon lange unbewohnt und als hätten nie Freunde darin gelebt. Doch ich schaffe es einfach nicht, auszusteigen und den Weg hinaufzulaufen. Selbst bei dem Gedanken daran, beginnen meine Beine zu zittern.
Mit einem Gefühl im Magen, für das ich mich schäme und das mir den Tag noch ein klein wenig düsterer erscheinen lässt, lege ich knirschend den Gang ein und fahre weiter die Straße entlang, hinunter nach Devon. Nur noch etwa zwei Meilen und ich würde bei Murphy vorbeikommen. Und dann würde hoffentlich alles gut werden.
Niemand läuft zwei Meilen, wenn er einen Wagen vor der Tür stehen hat …
Doch mit der Scham kommt die Gewissheit, dass überhaupt nichts gut werden würde …
»Halte hier bitte an, Harv.«
Sarah legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel und massierte ihn leicht. Eine Berührung, die mich selbst nach fünf Jahren immer noch um den Verstand bringen konnte.
Ich ließ den Impala langsam am Straßenrand ausrollen und schaltete den Motor ab. Augenblicklich umhüllte uns die Stille der Berge, wie man sie wohl nirgendwo sonst auf der Welt finden konnte. Lediglich die leise Stimme der wunderbaren Karen Carpenter im Radio leistete uns Gesellschaft. Ich lehnte mich zu Sarah und nahm ihre Hand in meine.
»Ist das nicht wundervoll«, flüsterte sie und blickte mit glänzenden Augen durch die Windschutzscheibe.
Wir hatten uns beide etwas in unseren Sitzen nach vorn gebeugt, um das unvergleichliche Schauspiel eines Sonnenunterganges in den Bergen zu bewundern. Die Welt vor meinem alten Chevy wurde in einen goldenen Schimmer getaucht, der die Luft mit zartem Dunst überzog. Über die Wipfel eines nahen Tannenhains hatte sich ein schwaches Glühen gelegt, das sich bis ins Tal nach Devon hinunterzog, als würde Honig den Hang hinabfließen. Ich betrachtete Sarah von der Seite, wie sie dasaß, meine Hand fest in ihrer hielt und mit offenem Mund in den Sonnenuntergang blickte.
Seit vier Jahren lebten wir nun schon hier in den Hügeln oberhalb von Devon. Es war unser erstes gemeinsames Haus, das ich nach unseren Wünschen abseits der Straße errichtet hatte. Für uns beide war nie etwas anderes in Frage gekommen. Mit dem Trubel der Städte konnten wir nichts anfangen, da wir beide unsere Kindheit in ländlichen Gegenden verbracht hatten und sehr genau wussten, wie es roch und sich anhörte, wenn eine Kuhherde in den frühen Morgenstunden über die Dorfstraße zu den Weiden geführt wurde.
Devon war unsere erste Wahl gewesen, als wir uns vor fast vier Jahren nach etwas umschauten, das wir unser Eigen nennen konnten. Die Preise waren billig, die Lage geradezu perfekt.
Ich hatte mich mit der Zeit an die unbeschreiblichen Entfaltungen der Natur hier oben gewöhnt. Doch für Sarah schien jeder Tag etwas Neues zu bringen, das sie entdecken konnte. Selbst ein Sonnenuntergang, wie wir ihn schon zu Dutzenden von unserer Veranda oder aus meinem Impala heraus bestaunt hatten, enthielt immer wieder neue Farben und Gerüche für sie.
Ihre Augen strahlten, als würde man einem Kind am Weihnachtsmorgen seine Geschenke geben. Und genau das war es, wieso die Hügel selbst für mich immer wieder aufs Neue erstrahlten, wenn ich Sarah an meiner Seite hatte. Sie schenkte mir stets etwas von ihrer kindlichen Freude und der Fähigkeit, Dinge zu sehen, die für andere alltäglich geworden waren. Deshalb liebte ich sie immer noch wie am ersten Tag und war mir damals schon sicher, dass dieses Gefühl nie abklingen würde. Selbst in vierzig Jahren nicht.
»Denkst du, dass Gott das mit Absicht macht?«, fragte sie und sah mich an.
»Was meinst du?«
Sie deutete mit dem Arm über die ganze Windschutzscheibe.
»Na, das. Ich meine, es gibt auf der ganzen Welt nichts Schöneres. Vielleicht will Gott uns damit sagen, dass nicht alles schlecht ist. Dass es auch Momente im Leben gibt, in denen nur ein Sonnenuntergang zählt und all das Böse in der Welt am Rande unseres Sichtfeldes verblasst.« Sarahs Gesicht wurde ernst. »Ob uns der Sonnenuntergang in der Stadt genauso gut gefallen würde?«
Wieder sah sie mich an, und ich bemerkte, dass es ihr mit dieser Frage durchaus ernst war.
Das waren die Momente im Leben, in denen man als Mann nur das Falsche sagen konnte. Doch ich war in der beneidenswerten Lage, dass ich genauso dachte und fühlte wie Sarah. Deshalb hatten wir vor fünf Jahren auch zueinandergefunden. Und aus diesem Grund verstand ich durchaus, was sie mit dieser Frage meinte.
»Nein«, sagte ich leise, zog sie an mich und brachte ihre Wange nahe an meine. Die letzten Sonnenstrahlen begannen in den Augen zu blenden. Über die Spitzen der Berge jenseits von Devon hatte sich ein rötlicher Schleier gelegt, der langsam die Hänge hinabkroch. »Ich glaube nicht, dass es in der Stadt überhaupt einen Sonnenuntergang gibt. Städte sind grau. Wo willst du die vielen Farben herholen? Außerdem …« Ich zog Sarah noch näher an mich, berührte ihr Kinn mit den Fingerspitzen und drehte ihr Gesicht zu mir. Als sie mich anblickte, konnte ich das gleiche Glitzern in ihren Augen sehen, das sie dem Sonnenuntergang geschenkt hatte. »… außerdem würden die Leute in der Stadt den Sonnenuntergang gar nicht sehen können. Denn es gibt keine Sarahs dort, die sie ihnen zeigen könnten.«
Sie lächelte und ich küsste sie. »Dich gibt es nur hier.«
Erinnerungen können die schrecklichsten Gefühle sein, zu welchen der Mensch fähig ist.
Ich schüttele den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken zu bekommen. Die Erinnerungen an Sarah und unsere gemeinsame Zeit überfallen mich oft wie ein lauerndes Tier, das mich aus den Schatten der Wälder anspringt, plötzlich und unerwartet. Immer, wenn ich die Straße hinunter nach Devon oder zu Murphys Laden fahre, kommen mir Begebenheiten in den Sinn, die ich im Laufe der Jahre fast schon vergessen hatte. Oftmals gebe ich mich ihnen hin, da diese Gedanken den einzigen Weg für mich bedeuten, wieder ein kleines Stückchen näher an meine Frau heranzurücken und mit ihr – zumindest für die Dauer der Fahrt – zu kuscheln.
Das Erwachen aus diesen unbezahlbaren Träumen schmerzt jedes Mal. Doch in diesen Tagen, in denen die Welt jeden Platz, der mich je an Sarah erinnert hat, in einen dunklen, verdorbenen Fleck verwandelt, schmerzt sogar die Erinnerung.
Behalte ich normalerweise Sarahs Gestalt als letzte Reflektion meiner Erinnerungen vor Augen und sehe sie gar noch einige Minuten neben mir im Wagen sitzen, so wird mir ihr Antlitz heute von dem Grau des neuen Tages mit brachialer Gewalt entrissen.
Ich bin alleine und fahre durch ein Land, in dem es nur noch mich zu geben scheint. Meine Augen sind stur auf das graue und zerrüttete Band der Straße gerichtet. Das gleichmäßige Dröhnen des altersschwachen Motors und das protestierende Quietschen der Karosserie, wenn ich durch Schlaglöcher und über Äste fahre, erfüllen meinen Verstand wie ein Schwarm Insekten. Sie scheinen mich mit ihrem Zirpen und Schnattern zu verhöhnen, fressen am Rand meines Bewusstseins und lassen die Hügel wie dunkle Auswüchse erscheinen.
Trotz des frühen Morgens hüllt sich der Tag in finstere Schatten. Die Berge und Felder, an denen die Straße vorbeiführt, ducken sich unter den grauen Wolken, die tiefer zu hängen scheinen als an anderen Tagen.Vielleicht ist es wirklich so, dass der Himmel auf die Erde fällt und alles Leben erlischt, denke ich und blicke zum Beifahrersitz. Mit der rechten Hand streiche ich über das zerschlissene Polster, dessen Nähte bereits aufreißen. Nicht einmal mehr Sarahs Abbild aus meinen Erinnerungen kann ich mir bewahren. Der Platz neben mir ist leer, das Polster kalt, so wie alles um mich herum.
Instinktiv sucht sich meine Hand ihren Weg zum Radio. Gerade will ich es einschalten, und sei es nur, um das statische Rauschen und Pfeifen zu hören, da taucht die Abfahrt zu Murphys Laden linker Hand auf. Der Anblick der schmalen Asphaltstraße, die sich zwischen zwei hohen Hecken hinunter zur Hütte schlängelt, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich bremse viel zu stark ab, so dass der Wagen mit schlingernden Reifen zum Stehen kommt. Das Gewehr rutscht vollständig in den Schatten des Fußraumes, die Taschenlampe fliegt polternd hinterher.
Mit zusammengekniffenen Augen starre ich die schmale Straße hinunter, die zu einem kleinen Parkplatz führt. Murphys alter Ford steht dort direkt vor den Holzstufen, die zum Laden führen. Braune Blätter tanzen in kleinen Wirbeln über den Platz, sonst ist er leer. Auf der Treppe zum Laden liegen die dürren Gerippe trockener Äste, die der Wind von den Birken gerissen hat, welche die Hütte in tiefen Schatten versinken lassen. Die Tür ist geschlossen, die beiden großen Fenster seitlich des Einganges mit großen Holzplatten vernagelt.
Der Anblick lässt meine Hoffnung auf ein Gespräch mit Murphy sinken und macht mir gleichzeitig bewusst, welch ein Narr ich gewesen bin, mich überhaupt auf den Weg zu machen. Zu Hause liegt Sarah alleine im Bett und braucht mich mit Sicherheit dringender als der alte Murphy, der noch nie die Hilfe eines anderen in Anspruch genommen hat.
Manche sagen, er sei ein verschrobener, merkwürdiger Kauz, mit dem nicht gut Kirschen essen sei. Die Leute kommen nur zu ihm, um ihre Einkäufe zu erledigen. Die wenigsten bleiben etwas länger, um mit Murphy ein paar Worte zu wechseln.
Jenen, die mit Murphy nicht mehr als nötig zu tun haben wollen, kann ich nur Recht geben, denn wenn man sich etwas näher mit dem alten Mann befasst, merkt man schnell, dass er eine eigene Meinung zum Leben mit sich herumträgt und nicht gut auf seine Mitmenschen zu sprechen ist.
Doch diejenigen, die Murphy, so wie ich, seit über vierzig Jahren kennen, wissen, was ihn zu solch einem derartigen Griesgram hat werden lassen. Denn es sind nicht seine Mitmenschen, denen er aus dem Weg zu gehen versucht, vielmehr glaube ich, dass Murphy in seinem Glauben an Gott gebrochen hat.
Ich selbst habe Audrey sehr gut gekannt, und sie so gerne gemocht, als hätte ich sie mein ganzes Leben lang gekannt. Sie war eine bezaubernde, stille Person, ausgestattet mit dem größten und gütigsten Herzen, das man sich überhaupt vorstellen kann. Manchmal, wie ich sehr zu meiner Schande eingestehen muss, habe ich darüber sinniert, dass ich, hätte ich meine Sarah nicht kennengelernt, mit Sicherheit einen Menschen wie Audrey an meiner Seite hätte haben wollen. Diese Gedanken habe ich allerdings nie mit jemandem geteilt, weder mit Murphy noch mit Sarah. Beide hätten damit wohl wenig anfangen können.
Murphy hatte Audrey über alle Maßen geliebt. Er hatte mir einmal anvertraut, dass er den Laden nur eröffnet hat, um seiner Frau ein besseres Leben zu ermöglichen, was er nicht gekonnt hätte, wenn er als einfacher Kurierfahrer weitergearbeitet hätte. Er wollte, dass Audrey glücklich war, und hatte dafür alles getan.
In früheren Jahren waren wir oft zu viert nach Devon zum Tanzen oder Essen gefahren oder hatten uns ein paar schöne Stunden auf dem Volksfest gemacht, das zweimal im Jahr am Fuße der Hügel gastierte. Es waren unbeschwerte Augenblicke gewesen, in denen der Anblick unserer lachenden und schwatzenden Frauen bereits ein purer Genuss gewesen war.
Damals war Murphy anders gewesen. Ich kann heute nicht mehr erklären, in welcher Form. Vielleicht offener, den Kopf nicht so voller verrückter Gedanken über Gott und dessen Art, seinen Geschöpfen das Leben zur Hölle zu machen. Vor allem hatte er damals nicht gewusst, was tiefempfundener Schmerz und brennende Trauer war. Das hatten wir beide nicht. Für ihn war das Leben mit Audrey und seinem kleinen Laden eine immer blühende Blumenwiese gewesen, über deren Gräser der Wind sanft dahin strich und auf die ewig die Sonne schien, um den Tau funkeln zu lassen. Der Gedanke, dass sich über diese Wiese einmal die Nacht senken könnte, war ihm nie gekommen. Warum auch? Murphy und ich waren zwei verliebte Narren gewesen, die in ihrem Leben das große Los gezogen hatten. Da wurde düsteren Gedanken im Kopf einfach der Zutritt verwehrt. Und doch hatte das Schicksal eines Tages einen besonders harten Schlag für Murphy bereitgehalten, denn niemand auf der Welt ist glücklich, ohne eines Tages die Rechnung dafür zu bezahlen. Und Murphys Rechnung war verdammt hoch ausgefallen.
Acht Jahre sind jetzt fast vergangen, seit er eines Abends in den Laden kam und Audrey hinter der Kasse fand, leblos, mit verrenkten Gliedern und einer kinderfaustgroßen Wunde an der Stirn.
Jemand hatte sie mit einem der großen Bonbongläser niedergestreckt. Die Kasse stand offen, rote und gelbe Bonbons lagen verstreut auf dem Boden und auf Audreys Bluse. Aus dem Zigarettenregal fehlten fast alle Päckchen. Audreys Augen starrten blicklos zur Decke.
Als Murphy sie an jenem Abend so fand, war etwas in ihm zerbrochen. Er war nie wieder derselbe gewesen, was ich durchaus verstehen kann, weiß ich doch, was Audrey meinem Freund bedeutet hat. Seitdem hatte ich oft das Gefühl, einem vollkommen Fremden gegenüberzustehen.
Murphy hatte sich zurückgezogen, von allem und jedem, selbst von mir und Sarah. So oft Sarah in dieser Zeit auch zu ihm gegangen war, um für ihn da zu sein oder einfach nur mit ihm zu reden, so frustriert war sie auch wieder nach Hause gekommen. Auch ich, der ich mich damals als Murphys bester Freund bezeichnete, fand keinen Zugang zu seiner Trauer und schaffte es nicht, auch nur ein einziges Steinchen aus seiner selbsterrichteten Mauer der Isolation herauszubrechen. Nach Devon fuhren wir nie wieder. Murphy entwickelte sich immer mehr zum Eigenbrötler, dessen Augen oft in weite Ferne gerichtet waren, und der nur das Nötigste sprach. Ich glaube, wenn ich heute so darüber nachdenke, waren Sarah und ich zu dieser Zeit die Einzigen, mit denen er zumindest ab und zu noch eine Tasse Tee getrunken hat, nachdem wir in seinem Laden einkaufen waren. Geredet hatte er dabei nie viel. Er antwortete auf unsere Fragen oder sprach über Belanglosigkeiten. Das Thema Audrey vermieden wir alle drei.
Später, als Sarah nicht mehr mit in den Laden kommen konnte, wandte Murphy sich mir etwas mehr zu, ohne sich jedoch weiter zu öffnen, als er es selbst wollte. Vielleicht tat er das nur, weil er mit mir fühlen konnte. Er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, den Menschen zu verlieren, der einem am wichtigsten im Leben war; wenn der Sonnenschein über der Blumenwiese plötzlich von dunklen Wolken verdeckt wurde.
Zu jener Zeit waren wir wieder so etwas wie Freunde geworden. Zwar nicht in dem Maße, wie wir es auf den Volksfesten in Devon waren, wenn sich das Funkeln blinkender Lichter in unseren verliebten Augen gespiegelt hatte, aber doch so weit, dass ich Murphy meinen Schmerz anvertrauen konnte und er mir zuhörte, ohne peinlich berührt in eine andere Richtung zu schauen.
Daran muss ich denken, als ich den verwaisten Parkplatz vor dem Laden betrachte. Sein Ford scheint seit Tagen nicht bewegt worden zu sein. Um die Reifen haben sich hohe Blätterhaufen angesammelt, die im Morgenwind fast schon zärtlich mit dem porösen Gummi spielen.
Im Obergeschoss der Hütte, in dem Murphy damals mit Audrey lebte, und er jetzt allein in der geräumigen Wohnung dahinvegetiert, sind die Holzläden geschlossen. Sie wirken auf mich wie die blinden Augen eines Toten und verleihen der Hütte einen Eindruck von Verwahrlosung und Aufgabe.
Ich lasse den Pick-up am Straßenrand stehen, nehme das Gewehr und sehe mich nach allen Seiten um. Die Welt bleibt still, nichts bewegt sich. Als würde man eine farblose Fotografie betrachten.
Mit langsamen Schritten gehe ich die schmale Auffahrt zur Hütte hinunter. Über mir kann ich das Rauschen der Birken hören, als würden die Bäume verzweifelte Hilferufe in den Himmel schreien. Sonst folgt mir nur dieses unheimliche, zur neuen Welt gehörende Schweigen.
Als ich mich dem Haus nähere, versuche ich verzweifelt den Schwall an Erinnerungen zu unterdrücken, der aus jeder Ritze der Hütte zu sickern scheint. Ich konzentriere mein Augenmerk auf die geschlossenen Fenster der Wohnung. Das Haus macht einen verlassenen Eindruck. Nichts zeugt davon, dass die Räume Leben beherbergen.
Die Kälte und das Gewicht des Gewehrs in meinen Händen beruhigen mich etwas, dennoch kann ich nicht verhindern, dass sich eine erbitterte Furcht in meinem Körper einnistet und jedes Organ mit seinen kalten Klauen umschlingt. Sarah würde mich einen ausgewachsenen Narren nennen, wenn sie wüsste, was ich hier tue.
Ein Blick auf Murphys Haus genügt, um zu wissen, dass mein Freund nicht mehr hier lebt. Doch dann blicke ich zu seinem klapprigen Ford mit den braunen Blätterhaufen um die Reifen. Erst jetzt erkenne ich zahlreiche Äste und Zweige, die auf der langen Motorhaube liegen und beginnen, die fleckige Windschutzscheibe zu bedecken. Noch nie in meinem Leben habe ich mich innerlich so zerrissen gefühlt. Noch nie so einsam …
Unschlüssig stehe ich am Rande des kleinen Parkplatzes und lasse meinen Blick über die vertraute, und doch so erschreckend fremde Szenerie wandern.
Keine Erinnerungen, denke ich und spüre einen bitteren Kloß in der Kehle. Plötzlich wünsche ich mir, weit weg von der Hütte zu sein, irgendwo anders auf dieser Welt, die sich weitergedreht hat. Vielleicht in Devon, in einer der Bars am Stadtrand, die einen üblen Ruf genießen, jetzt aber genau der richtige Ort für mich wären. Seltsamerweise sehe ich mich in Gedanken in einer schummrigen Ecke sitzen, das Gesicht in Schatten gehüllt, während der Schein einer roten Laterne über meine Hände auf dem Tisch streicht und die Whiskeyflasche in ihnen in goldenen Glanz hüllt. Sogar die von Zigaretten und Schweiß geschwängerte Luft kann ich riechen. Verdammt, ich beginne den Verstand zu verlieren. Wie kann ich an eine dreckige Spelunke denken, während der einzige Ort auf der Welt, an dem ich jetzt sein möchte, Sarahs Schlafzimmer ist?
Doch an sie will ich nicht denken.
Nicht an diesem Ort.
Wie oft sind wir die Holzstufen zur Ladentür hinaufgestiegen. Lachend, Hand in Hand. Und mit Murphys braunen Lebensmitteltüten sind wir wieder hinuntergestiegen, den Geschmack von heißem Tee auf der Zunge und Murphys abgenutzte Geschichten im Ohr, die er uns jedes Mal erzählte, meist etwas anders als beim letzten Mal, in der Hoffnung, wir würden es nicht bemerken. Sarah trägt ihren beigefarbenen Mantel und …
»Murphy!«
Meine Stimme erscheint mir wie das Schreien eines Ungetüms in einem kleinen Raum. Erschrocken ducke ich mich und beobachte den Waldrand hinter dem Haus. Die Dunkelheit zwischen den schwarzen Stämmen dräut wie eine mahnende Wand. Ich bilde mir ein, Schatten darin zu erkennen, die flink zwischen Büschen und Stämmen hin und her huschen.
»Murphy! Ich bin es … Harv!«
Diesmal rufe ich etwas leiser. Meine Hände legen sich hart um den Gewehrkolben. In Gedanken schweife ich zur finsteren Front der Bäume hinter dem Laden zurück. Kein Vogel ist zu hören. Kein Zweig knackt unter dem Gewicht eines Hufes, nichts raschelt in den Gräsern und Büschen. Irgendjemand hat den Stecker der Welt herausgezogen. Der Wald wirkt bedrohlich, als würden sich all die finsteren und verderbten Schatten der Hölle hinter der Blockhütte auftürmen.
Als ich zum Obergeschoss blicke, glaube ich schwachen Lichtschein zwischen den Ritzen eines der Holzläden flackern zu sehen. Ich starre auf das graue, morsche Holz, als könnte ich durch pure Anstrengung in den dahinterliegenden Raum sehen.
»Verdammt, Murphy …«
Meine Worte werden von kaltem Schrecken erstickt, der sich auf mich stürzt, als etwas Glänzendes zwischen den Holzläden erscheint und das trübe Licht des Tages reflektiert. Der Fensterladen wird ein kleines Stück auseinandergedrückt und ein Schatten verdeckt das flackernde Licht dahinter. Unwillkürlich trete ich einen Schritt zurück.
»Was willst du, Harv?«, brüllt Murphy. Erst jetzt erkenne ich in der blinkenden Reflektion den Lauf eines Gewehrs, der offensichtlich auf mich gerichtet ist.
Noch nie in meinem Leben hat jemand mit einer Waffe auf mich gezielt. Im Krieg hatte ich im Lazarett gedient, so waren mir die einschneidenden Entscheidungen über Töten und Getötet werden erspart geblieben. Unterhalb meiner Gürtellinie zieht sich der Rest meines Körpers zu einem kleinen, kalten Eisklumpen zusammen.
»Ich wollte sehen, wie es dir geht!«, schreie ich zurück. Meine Stimme erscheint mir etwas zu hoch. Fast so schrill wie die eines aufgeregten Mädchens.
Der Lauf der Waffe bleibt beharrlich auf mich gerichtet.
»Verflucht, nimm das Gewehr runter!«, rufe ich. So sehr ich mich auch bemühe, es gelingt mir nicht, meiner Stimme ihren gewohnt festen, leicht schleppenden Klang zu verleihen.
»Wer sagt mir, dass du es bist, Harv«, hallt Murphys Stimme durch die Stille.
Ich kann mir ein bitteres Lachen nicht verkneifen.
»Was?«
»Woher soll ich wissen, dass du das bist, Harv Jennings?«
Mein Blick fällt erneut auf das graue Gemälde des Waldes hinter dem Haus. Irgendetwas zwischen den dunklen Stämmen zieht mich in seinen Bann.
»Ich stehe doch hier, du verdammter Ochse!«, schreie ich und breite die Arme aus, wobei ich unbewusst mit dem Gewehr auf das Haus ziele.
»Nimm das Gewehr runter, Harv, oder ich puste dir die Eingeweide heraus!«
Ich verharre mitten in der Bewegung und starre ungläubig auf den dunklen Stahl von Murphys Waffe. Die Luft um mich herum scheint sich zusammenzuziehen und mir das Atmen zu erschweren. Die Hütte, der Parkplatz und Murphys alter Ford verschwimmen vor meinen Augen als flimmere Asphalt unter der Sonne.
Es fällt mir schwer zu verstehen, was hier geschieht. Ich befinde mich inmitten eines abartigen Gemäldes, das der Teufel selbst mit dem Blut seiner Sünder gemalt hat. Es gibt nichts mehr, an das ich mich klammern kann. Nichts mehr, das mir vertraut vorkommt. Selbst Murphys Stimme klingt wie die Verzweiflung eines alten Mannes. Mein Freund versteht ebenso wenig, was vor sich geht, wie ich. Oder aber er hat schlichtweg den Verstand verloren.
»Was denkst du denn, wer ich bin?«, frage ich, während ich den Lauf meiner Waffe zu Boden richte.
Lange Zeit erhalte ich keine Antwort.
Lediglich der zitternde Lauf des Gewehrs beweist mir, dass mich Murphy nach wie vor durch den Spalt im Holzladen beobachtet.
»Vielleicht bist du einer von Ihnen«, sagt er schließlich, mit einer Stimme, die einem resignierenden Seufzen gleicht. »Ich bin nicht dumm, Harv. Ich habe Sie gesehen. In der Nacht. Sie sind bis auf die Veranda gekommen.«
»Wer sind Sie
Stille.
Dann antwortet Murphy, so leise, dass ich ihn kaum noch verstehen kann: »Diese widerlichen Ungeheuer. Sie sind mit den Beben gekommen. Irgendetwas hat sie aus der Erde gespült.«
Ich höre eine tiefsitzende Furcht in seinen Worten und in meinem Kopf erscheint plötzlich das Bild des Shoggothen, den ich auf der Wiese hinter meinem Haus gesehen hatte.
»Es gibt keine Ungeheuer«, rufe ich und fühle im selben Augenblick eine tief empfundene Schuld in mir hochkommen. Ein beißendes Gefühl, das mein ganzes Leben schon in mir aufgestiegen war, wenn ich zu einer Lüge greifen musste.
»Erzähl mir keinen Mist. Vielleicht bist du ja eines der Ungeheuer, das sich Harvs Körper übergeworfen hat.« Murphys Stimme überschlägt sich, sodass ich Schwierigkeiten habe, die letzten Worte zu verstehen.
»Hast du den Verstand verloren?«, frage ich und bereue im nächsten Augenblick meine Worte. Ich denke, Murphy in dieser Situation zu reizen, wäre das Dümmste, das ich tun kann.
»Wie heißt deine Frau?«
Murphys Stimme klingt plötzlich ernst und konzentriert. Ich kann förmlich seine zu schmalen Schlitzen verengten Augen sehen, mit denen er mich durch die Ritzen des Holzladens taxiert.
»Sarah!«, brülle ich. Und in Gedanken: »Du verfluchter Hornochse!«
Unter dem Ford beginnt das trockene Laub zu rascheln, als ein Windstoß hindurchfährt. Unwillkürlich zucke ich zusammen und mache einen Schritt zur Seite.
Braune und schwarze Blätter tanzen in kleinen Pirouetten über den brüchigen Asphalt und bleiben sterbend zu meinen Füßen liegen. Ein Zweig fällt auf das Dach des Wagens, was in der erdrückenden Stille der Welt dem Donnern eines Hammers auf einem Amboss gleichkommt. Als ich wieder zu Murphy blicke, stelle ich erleichtert fest, dass sich der Gewehrlauf gesenkt hat.
»Was willst du hier, Harv?«
Unter normalen Umständen hätte mich die Frage zum Lachen gebracht, denn immerhin betreibt mein Freund seit Jahrzehnten einen kleinen Lebensmittelladen inmitten der Hügel. Die wenigen Menschen, die hier oben leben, sind seine besten Kunden. Doch den meisten Umsatz macht Murphy mit auf der Durchreise zwischen Devon und Kagan’s Creek befindlichen genervten Eltern und abenteuerlustigen Jugendlichen.
Während Erstere ihren Kindern die ermüdende Fahrt durch die Hügel mit allerlei Süßigkeiten und billigem Spielzeug zu versüßen suchen, sind die jungen Leute in ihrem Bestreben, trotz Minderjährigkeit, an Alkohol zu kommen, fast unermüdlich. Für Murphy sind beide Kategorien potentielle Einnahmequellen, auch wenn er sich bewusst ist, dass er bei den Jugendlichen die Gesetze des Staates nicht selten bis zur Schmerzgrenze dehnt.
»Ich brauche Vorräte«, antworte ich und blicke sehnsüchtig zur mit Brettern vernagelten Tür des Ladens.
»Ich habe nichts mehr.«
Plötzlich ist der Gewehrlauf wieder auf mich gerichtet. Ich stehe da, befinde mich im dunkelsten Traum, den man sich vorstellen kann, und spüre bei Murphys Worten das nagende Gefühl aufkommenden Hungers. Der Gedanke, meine eigene Waffe zu heben und den sturen Mistkerl hinter dem Fensterladen mit einem gezielten Schuss zu erledigen, kommt mir so verlockend vor, dass ich entsetzt vor mir selbst einen Schritt zurückweiche.
»Nun komm. Sarah und ich brauchen etwas zu essen. Mach deinen verdammten Laden auf«, sage ich stattdessen. Nur mit Mühe gelingt es mir, meine Beherrschung zu wahren.
»Der Laden ist geschlossen. Herrgott, Harv … Hast du nicht mitbekommen, was passiert ist?«
Murphy erinnert mich an einen Hassprediger, wie ich sie in diversen Weltuntergangsfilmen gesehen habe.
»Die ganze Welt ist vor die Hunde gegangen«, fährt er fort. »Die Bomben haben irgendetwas freigesetzt. Bakterien oder Viren … oder so etwas in der Art.«
Der Gewehrlauf beginnt zu zittern, und ich kann förmlich sehen, wie sich mein Freund schwer auf einen Stuhl fallen lässt.
»Es ist nichts mehr am Leben. Keiner ist übrig«, schluchzt die Stimme hinter dem Holzladen. »Nur diese verdammten Viecher.«
Das Gewehr verschwindet. Der Lichtschein zwischen den Ritzen in den Läden flackert unruhig.
»Und wieso stehe ich dann hier?«, frage ich und breite erneut meine Arme aus, jedoch darauf bedacht, nicht noch einmal versehentlich auf die Hütte zu zielen.
Mein Freund scheint mit den Nerven am Ende zu sein, und eine Provokation meinerseits, wenn auch unbedacht, könnte tödlich enden, ganz gleich, wie eng wir befreundet sind.
Verdammt, ich selbst habe noch vor einer Minute darüber nachgedacht, Murphy einfach abzuknallen.
Auf meine Frage antwortet nur die kalte Stille des Morgens. Einige Blätter rascheln über den Parkplatz. Ich spiele mit dem Gedanken, einfach zur Vorderseite des Ladens zu gehen, die Tür aufzubrechen und mich in ›Murphys Fein- und Delikatessengeschäft‹ zu bedienen. Sarahs eingefallene Wangen erscheinen wie ein Mahnmal vor meinen Augen. Dazu, wie eine Überblende in einem schlecht gemachten Film, die Regale unserer kleinen Speisekammer hinter der Küche, deren Bretter nach und nach verwaisen.
Während ich die geisterhaften Bilder in meinem Kopf zu verbannen suche, erinnere ich mich an Murphys Worte, die er mir jedes Mal sagte, wenn ich mit Sarah den Laden betreten hatte: »Bedient euch nur. Ihr wisst ja, wo alles steht.«
Mein Freund hatte stets die Philosophie vertreten, seine Kunden persönlich zu bedienen.
Nicht etwa aus purer Höflichkeit, wie viele Fremde vermuteten, sondern einfach nur deshalb, weil er auf diese Weise eventuellen Ladendiebstählen vorbeugen konnte. Während Sarah und ich uns also bedient haben, da wir ja wussten, wo alles steht, hatten wir Murphy dabei beobachten können, wie er mit seinen braunen Papiertüten durch die Regalreihen geflitzt war, um den Leuten ihre Wünsche zu erfüllen.
Noch ehe mir bewusst wird, was ich tue, setze ich einen Fuß vor den anderen und gehe vorsichtig auf die hölzernen Stufen der Veranda zu. Doch im nächsten Augenblick erstarre ich förmlich zu Eis, als ich das metallische Klicken des Spannhahnes über mir hören kann. Das Geräusch erinnert mich unsinnigerweise an das Schließen eines rostigen Schlüssels in einem ebenso verrosteten Schloss.
»Verschwinde, Harv. Ich habe geschlossen.«
Ich lasse den Kopf gesenkt und starre von unten her auf den Lauf des Gewehres, der sich erneut durch die Lücke zwischen den Holzläden geschoben hat.
»Murphy …«, beginne ich, doch die Stimme meines ehemals besten Freundes lässt mich verstummen.
»Ich meine es ernst, Harv! Verschwinde! Oder Sarah wird alleine in deinem Haus verrecken!«
Dafür, dass Murphy Sarah ins Spiel führt, spüre ich plötzlich einen lodernden Hass in mir aufsteigen, der mich fast etwas Unüberlegtes tun lässt. Der Gedanke, jemanden zu töten, war noch nie so anregend wie in diesem Augenblick.
»Eins …«, beginnt Murphy zu zählen.
»Okay, okay.«
Meine Arme zur Seite hin ausbreitend, gehe ich langsam die schmale Auffahrt zur Straße zurück. Dabei lasse ich die Hütte nicht aus den Augen. Mit jedem Schritt, den ich tue, scheint sich das Haus tiefer in die Schatten der Bäume zu kauern. Irgendwann kann ich den geschlossenen Holzladen von Murphys Zimmer nur noch als schwarzen Fleck erkennen. Selbst das flackernde Kerzenlicht ist erloschen. Plötzlich hat die Blockhütte jegliches Leben verloren, erscheint genauso verlassen, wie ich sie vorgefunden habe.
Habe ich mir das Gespräch mit Murphy etwa nur eingebildet?
Das Zittern meiner Knie und die Eiseskälte in meinem Magen überzeugen mich vom Gegenteil. Ich frage mich, was überwiegt: Die Angst davor, dass mein alter Freund vielleicht doch noch auf den Gedanken kommt, mir, dem ›Harv-Ding‹, eine Ladung Schrot zu verpassen, oder die schmerzende Gewissheit, dass eine jahrzehntealte, wunderbare und erinnerungsgeladene Freundschaft an diesem Morgen geendet hat?
Als ich meinen Pick-up erreiche, bleibe ich stehen und lehne mich mit dem Rücken gegen das kalte Blech des Wagens. Mein Gewehr hängt kraftlos an der Seite herab.
Dort unten, wo der alte, verrostete Ford auf dem Parkplatz steht und welke Blätter seine Reifen umschmeicheln, wo sich die von unzähligen Jahren und Schuhen ausgetretene Holzveranda befindet, auf der ich so manches Mal mit Sarah, Murphy und Audrey bei einem Glas kalter Limonade gesessen habe, und wo sich ein Mensch, auf dessen Freundschaft und Loyalität ich mich fast mein halbes Leben lang verlassen konnte, in der Einsamkeit seines Zimmers zum Sterben niedergelegt hat … dort unten befinden sich nur noch tiefe, schweigende Schatten. Das Gefühl, auf ein altes, verwittertes Grab zu blicken, überrollt mich, wie die nächtliche Brandung eines finsteren Meeres.
Als ich in den Wagen steige, empfangen mich Kälte und Stille. Ich lege das Gewehr auf den Beifahrersitz zurück, drehte den Schlüssel und warte, bis der Motor stotternd zum Leben erwacht.
Ohne einen weiteren Blick auf den leblosen, in tiefer Dunkelheit liegenden Parkplatz der Blockhütte zu werfen, wende ich den Pick-up und fahre langsam die Straße zurück, hinauf in die Hügel.
Mit ausdruckslosen Augen starre ich durch die mit Fliegen und Schmutzschlieren verdreckte Scheibe, stütze mich auf der Armlehne der Fahrertür ab, und versuche, mich aus den grausamen Fängen dieses Traumes zu befreien. Als mir das nicht gelingen will, beginne ich zu weinen. Tränen, die salzig auf meinen Lippen schmecken, lassen die Landschaft ringsum zu einem verwaschenen Grau verschwimmen.
Ich weine um Murphy und um die alten Tage mit ihm, die heute Morgen geendet haben.
Und ich weine um mich selbst.
Denn was soll ein alter, sturer Narr wie ich, in einer Welt, die vor die Hunde gegangen ist, wie sich Murphy ausdrückte, noch anfangen?
Was habe ich in dieser Welt noch zu suchen?
Einer grauen, stillen Welt, die sich weitergedreht hat …