GRAUES LAND: TRÄUME AUS BLUT UND RAUCH

1,99 

Michael Dissieux

ENDZEIT-THRILLER

Serie: Graues Land

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Beschreibung


Dies ist eine Geschichte aus der Welt von Michael Dissieux’s dystopischer Serie GRAUES LAND

Dreißig Jahre sind vergangen, seit terroristische Anschläge und ihre Folgen die Menschheit nahezu komplett ausgelöscht haben. Die Städte und Dörfer sind Ruinen, begraben unter Sand und Stille, das Land verheert und die Sonne nur noch eine Ahnung hinter grauen Schleiern. Die wenigen Überlebenden sehen sich jeden Tag mit Tod und Verfall konfrontiert.

Daryll und der alte Marek leben zusammen mit einer Handvoll Menschen in einer kleinen Siedlung im Nirgendwo. Ihr Leben ist karg und beschwerlich, doch mehr können sie in einer sterbenden Welt nicht erwarten.

Als eines Tages Hiram, ein alter Prediger, in ihre Siedlung kommt, glaubt Daryll zunächst an das Erscheinen eines dunklen Engels, denn in seinem Schatten folgen Hass und Wahnsinn … Werte, die die alte Welt einst dem Untergang geweiht hatten.

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 100

eISBN

978-3-95835-167-7

Leseprobe


Manchmal träume ich von einem Mann, der sich selbst Wulf nannte, und der mein Freund war, in einem anderen Leben und einer anderen, längst ausgelöschten Zeit. Er starb in einer Stadt, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann.
Manchmal träume ich auch von einem Mädchen, das ich in diesem früheren Leben sehr gemocht hatte. Sie hieß Demi und wollte mich töten. Und nicht selten träume ich von Jim, den ich außerhalb einer Stadt, die sich Freemansburg nannte, unter einem verrosteten Stahlgerüst begraben habe. Manchmal von Moses, der in Wirklichkeit nicht Moses hieß und den Namen von einem Toten übernommen hatte. Seinen richtigen Namen hatte er mir nie genannt.
Sie alle haben mich auf meinem Weg begleitet, als die Welt nur noch aus Grau und Schwarz bestand, haben die Ruinen meines Lebens etwas erträglicher gemacht, und waren dann irgendwann gegangen, jeder auf seine eigene Weise. Wenn ich von diesen Menschen träume, hat keiner von ihnen ein Gesicht. Sie sind Gespenster, an deren Stimmen ich mich kaum noch erinnern kann. Dann komme ich mir verloren vor und wünschte, ich könnte bei ihnen sein, an jenem Ort, an dem eines Tages alles enden wird.
Manchmal frage ich mich, was diese Träume zu bedeuten haben.
Manchmal habe ich Angst vor der Antwort. Doch immer ist es ein Schrei, der die Träume beendet.

Mein Vater erzählt mir oft Geschichten aus der Alten Welt. Er blickt dann an mir vorbei, zu den Hügeln jenseits der Hütten, oder starrt mit einem seltsamen Glanz in den Augen in den farblosen Himmel.
Der alte Mann redet von Dingen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Regen, der die Welt glitzern ließ, als wären »Sterne vom Himmel gefallen«, wie er sich gerne ausdrückte. Schnee, der jede Farbe und jedes Geräusch wegwischte und dir das Gefühl gab, eine wundersame Welt zu betreten. Er erzählt auch oft von der Sonne und wie es sich anfühlte, ihre wärmenden Strahlen auf nackter Haut zu spüren. Dann geht mein Blick ebenfalls zum Himmel. Ich denke an die dürren Lichtfinger, die vor einigen Tagen das Grau über uns aufgerissen und das trockene Land abgetastet haben. Sonnenstrahlen in der Farbe ausgebleichter Knochen. Ich bin mir sicher, dass es nicht dieselbe Sonne ist, von der mein Vater redet.
Hier gibt es keinen Regen mehr, der die Welt glitzern lässt, nur dunkles, sauer riechendes Wasser, das an manchen Tagen vom Himmel fällt und die Augen tränen lässt. Ebenso keinen Schnee und keinen Sonnenschein. Wenn manchmal etwas Helles durch die Wolken sticht und unser Land in ein merkwürdiges, kränkliches Licht taucht, kommen die Kinder aus den Hütten und beginnen zu tanzen. Ihre ausgemergelten Körper werfen morbide Schatten auf die Erde, als würden sie im Sterben liegen.
Die Alten unter uns fürchten sich vor den dürren Strahlen, die sie mit ängstlichem Blick als Leichenfinger bezeichnen. Warum, haben sie mir nie gesagt. Vielleicht hegen sie tief in ihrem Unterbewusstsein eine andere Erinnerung an die Sonne.
  Wir alle fürchten uns vor dem Regen, denn ich habe Menschen gesehen, die daran gestorben sind. Ihre Gesichter wurden schwarz, dort, wo die Tropfen wie düstere Tränen auf die Haut trafen, und im nächsten Moment brachen Wunden auf, die sich an den Rändern schnell grau färbten und den Leidenden entsetzliche Schreie ausstoßen ließen. Schreie, jeglicher Menschlichkeit beraubt. Es sind nur wenige, die derart auf den Regen reagieren, doch niemand von uns will herausfinden, ob er zu den Starken oder den Schwachen zählt.
Wenn mir mein Vater von dem Regen der Alten Welt erzählt, versuche ich mir vorzustellen, wie die Kinder der Siedlung darin zu tanzen, das nasse Haar in der Stirn zu spüren und kaltes Wasser auf der Zungenspitze zu schmecken. All die Dinge, die der alte Mann einst getan hatte, als er selbst noch jung war. Doch es will mir nicht gelingen. Es gibt keine Bilder, die ich mir ansehen kann, und an den Geschmack des Regens kann ich mich nicht mehr erinnern, obwohl ich einmal Teil dieser erloschenen Welt war. Alles, was ich mir vorstellen kann, sind schwärende Wunden, wo der schwarze Regen das Fleisch von den Knochen schält, und die Schreie derer, für die der Regen das Ende bedeutet. Ich glaube mittlerweile, dass selbst die Erinnerungen, und seien sie noch so farblos und abgegriffen, diese Neue Welt ebenso wenig überlebt haben, wie der größte Teil der Menschheit. Selbst meine eigenen Bilder aus einer Zeit, die es nie gegeben zu haben scheint, existieren schon lange nicht mehr. So sehr ich mich manchmal in den Nächten, wenn es ruhig wird und die Feuer langsam niederbrennen, auch danach sehne, die Bilder meines Alten Lebens herauf zu beschwören, es endet stets damit, dass ich in einen finsteren Nebel starre. Es ist, als hätte diese Dunkelheit in mir jeden meiner Schritte, die ich jemals gemacht habe, ausgelöscht, jedes Gefühl, jeden Gedanken. Alles, was mich einmal ausgemacht hat, befindet sich irgendwo jenseits der Schwärze, auf ewig verloren.
Manchmal macht es mich traurig, dass ich mich nicht mehr an die Zeitdavor erinnere. Doch dann sage ich mir, dass es vielleicht mein eigener Wunsch ist, die Jahre meiner Kindheit zu vergessen. Ich betrachte es heute als reinen Selbstschutz, denn ich möchte keine Vergleiche zwischen heute und damals anstellen müssen. Ich möchte nicht wissen, was ich alles verloren habe. Das wäre mein erster Schritt in den Wahnsinn, und bis heute habe ich es jeden Tag geschafft, diesen finalen Schritt zu vermeiden, auch wenn es oftmals ein harter Kampf war.
Ich frage mich oft, wieso mein Vater sich an diese Zeit erinnert, in der ihm so viel genommen wurde. Er behauptet von sich selbst, vierundsechzig Jahre alt zu sein. Vielleicht haben ihm seine Erinnerungen geholfen, so alt zu werden. Vielleicht hat er das Stadium des Wahnsinns lange schon hinter sich und hat seine eigene Philosophie entwickelt, mit dem Erlebten umzugehen. Vielleicht hat er es aber auch einfach nur vergessen, seine Erinnerungen zu löschen. Jeder hat seine eigene Methode, zu überleben. Es ist ein Satz, den mein Vater oft benutzt.
Am Abend sitzen mir meistens hinter der Hütte um ein Feuer, von den anderen getrennt, und lassen unsere Blicke über die Felder wandern. Was in der harten, steinigen Erde wächst, ist kärglich und schmeckt nach Säure und verbranntem Holz. Doch es ist alles, was wir haben, und wir kämpfen darum, als ginge es um unser Leben. Ich kenne seit Jahren nichts anderes. Manchmal sitzen andere aus der Siedlung bei uns, und wir reden über die Arbeit, die Ernte und davon, dass wir uns glücklich schätzen können, dieses Fleckchen Erde hier gefunden zu haben. Die Leute lachen, doch erreicht dieses Lachen ihre Augen nur selten. Jeder von uns weiß, dass es nur leere Worte sind, an die wir uns klammern. Und Worte allein haben noch nie jemandem den Magen gefüllt.
Wenn mein Vater und ich alleine am Feuer sitzen, reden wir wenig. Wir haben all die Jahre geredet, jetzt ist es an der Zeit zu schweigen und sich seinen Gedanken zu widmen, ganz gleich, welcher Natur sie sind.
Der alte Mann zündet sich dann seine Pfeife an und blickt dem Rauch hinterher, als sei er ein guter Freund, der ihn für immer verlässt und sich in der Dämmerung auflöst. Ich werde stets an Geister erinnert, die, wie so viele vor uns, von dieser Erde fliehen. Eines Tages würde es keine Geister mehr geben.
Der würzige, mir so vertraute Duft erfüllt dann die kühle Nachtluft, und ich muss stets daran denken, wie nah mir der alte Mann steht.
Er ist nicht mein richtiger Vater. Ich nenne ihn nur so, da er sich seit über zweiundzwanzig Jahren um mich kümmert. Er hat mich damals aufgenommen, als sei ich sein eigener Sohn. Vom ersten Tag an fand ich eine Zuneigung in seinem Blick, die ich bis dahin in dieser harten Welt nur selten gefunden hatte. Er hat mir später einmal erzählt, dass ich ihn damals tatsächlich an seinen Sohn erinnerte, einen jungen Mann von gerade einmal achtzehn Jahren, der irgendwo in der Alten Zeit zurückgeblieben war. Er sagte mir, sein Sohn hieß Jonathan, ein fabelhafter Junge mit den blauen Augen seiner Mutter. Sich selbst stellte er als Marek vor.
Es ist ganz gleich, ob ich ihn an Jonathan erinnere, oder ich damals nur bei ihm geblieben bin, weil ich mich nach einem Vater sehnte. Weil ich mich nach einem Menschen sehnte.
Seit zweiundzwanzig Jahren reisen wir zusammen, und seit vier Jahren leben wir hier in Dusty Rest, in dieser kleinen Siedlung inmitten des staubigen Landes.