GRAUES LAND: IM REICH DER KJELL

1,99 

Arthur Gordon Wolf

ENDZEIT-THRILLER

Serie: Graues Land

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Beschreibung


Dies ist eine Geschichte aus der Welt von Michael Dissieux’s dystopischer Serie GRAUES LAND

Die beiden Teenager Mallenroh und Cathy leben zusammen mit Mallenrohs kranker Mutter in der kleinen Ortschaft Grainesville. Die Stadt ist nahezu ausgestorben. Bis auf einige Untote (die Mallenroh Schlurfer nennt) lebt niemand mehr im weiten Umfeld. Dafür sind neue Kreaturen aufgetaucht, die nachts an den Türen kratzen und ein unheimliches Geheul von sich geben. Handelt es sich dabei um Wölfe oder Coyoten?
Niemand hat sie je zu Gesicht bekommen. Niemand hat eine Ahnung, wie es zu dem Unglück kam, dem ein Großteil der Bevölkerung zum Opfer fiel. Notdürftig ernähren sich die Mädchen von Konserven und Brunnenwasser. Da ist es eine erfreuliche Abwechslung, als eines Tages ein alter Planwagen durch Grainesville kommt. Der Kutscher ist ein ganz in Schwarz gekleideter Mann, der höchst altertümlich mit Mallenroh spricht. Noch seltsamer aber ist ein Rabe, der ständig auf der Schulter des Fremden hockt.
Mit auf dem Wagen ist auch der zwölfjährige Caleb, der sich dem Rabenmann irgendwo auf der langen Reise angeschlossen hat. Nachdem Mallenroh sie mit Wasser versorgt hat, zieht das Gespann wieder seines Weges. Cathy weigert sich jedoch, den Fremden zu begegnen. Sie traut ihnen nicht. Aus gutem Grund, wie sich bald herausstellen soll.
Der Mann in Schwarz ist auf einer unheilvollen Mission. Und seine Verbündeten scheinen direkt der Hölle entstiegen zu sein …

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 120

eISBN

978-3-95835-178-3

Leseprobe


»Glaubst du an Gespenster?«
Cathy schüttelte nur leicht den Kopf. Ihre blonden Zöpfe gerieten dadurch kaum in Schwingungen. Wie geflochtene Lote, an deren Enden blaue Schleifen befestigt waren, fielen sie auf ihre Schultern herab.
»Du hast also keine Angst davor?«
Wieder nur das stumme Kopfschütteln.
»Ganz ehrlich?«, insistierte Mallenroh. »Du kannst es mir gegenüber ruhig zugeben. Es erfährt ja sonst niemand.«
Diesmal machte sich Cathy nicht einmal mehr die Mühe, ihren Kopf zu bewegen. Scheinbar gelangweilt blickte sie zum Fenster hinüber. Viel sehen konnte sie dort nicht. Vor einer Woche hatte Mallenroh alle Fensteröffnungen mit dicken Brettern zugenagelt. Das Tageslicht drang seitdem nur noch in winzigen Strahlenscheiben in den Raum. Wie hauchzart geschnittener Cheddar, dachte Mallenroh. Leuchtender Cheddar. Sie konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann sie zum letzten Mal ein Sandwich mit gegrilltem Cheddar, Tomaten, Zwiebeln, knusprigem Schinken und jeder Menge Mayonnaise gegessen hatte. Obwohl sie erst 15 war, kam es ihr wie hundert Jahre vor. Mindestens.
Mallenroh seufzte. Erinnerungen schmerzten. Jede Art von Erinnerung. Zu dumm, dass man sie nicht einfach aus dem Kopf entfernen konnte.
Ihr Blick wanderte vom Fenster zu Cathy hinüber. Sie konnte von ihrer Freundin kaum mehr als einen Umriss erkennen, doch das störte sie nicht. Sie hatte sich an das Zwielicht gewöhnt. Auch ohne die Bretter wäre es nur unwesentlich heller gewesen. Die Sonne war auch so eine schmerzliche Erinnerung. Seit dem Tag, an dem alles anders wurde, versteckte sie sich hinter einer dichten grauen Wolkendecke. Oft machte es den Eindruck, als ob sich die Wolken überhaupt nicht bewegen würden. Als ob sie zu einer zähen, festen Masse zusammengeschmolzen wären. Dann aber wieder fegte ein Wind übers Land und zerriss die grauen Ballen zu Fetzen. Selbst dem kräftigsten Sturm wollte es jedoch nicht gelingen, ein Loch in der Decke zu öffnen. Nirgendwo hatte Mallenroh seitdem auch nur das kleinste Fenster von Blau erspähen können. Nur unzählige Abstufungen von Grau, angefangen von Schiefer bis hin zu gefrorenem Eisen. Entsprechend löschte der monochrome Himmel auch die Farben am Boden aus. Wo immer man auch hinsah, überall hatte eine unbekannte Macht alles in Schwarz und Weiß getaucht. Und natürlich in Grau.
Das Tageslicht war daher entbehrlich. Es half nur wenig dabei, die Umwelt besser zu identifizieren. Außerdem wusste sie auch so, wie Cathy aussah. Das Licht hatte nur eine nützliche Funktion: Es hielt SIE zurück. Die meisten zumindest. Kaum setzte die Dämmerung ein, da krochen SIE aus ihren Verstecken, um auf Jagd zu gehen. Aufgrund der Geräusche, die SIE von sich gaben, nannte Mallenroh sie einfach Heuler. Sie wusste nicht, dass dies eigentlich die Bezeichnung für süße Robbenbabys war. Das lag ohnehin alles weit zurück. Jenseits des Tages, an dem alles anders wurde.
»Und wie sieht\’s mit Monstern aus?«, fragte sie weiter. »Glaubst du wenigstens daran?«
Cathy wandte sich ihr zu, sagte aber auch jetzt nichts. Mallenroh glaubte, den stummen Seufzer ihrer Freundin im Raum widerhallen zu hören.
Nach unendlich langen Sekunden antwortete Cathy endlich. »Warum löcherst du mich ständig mit deinen Fragen? Du weißt doch, wie ich über diese Dinge denke.«
Mallenroh schüttelte vehement den Kopf. Da sie ihr braunes Haar sehr kurz trug, gab es keine Strähnen oder Zöpfe, die diese Bewegung unterstrichen. »Weiß ich überhaupt nicht«, erwiderte sie. »Nur so allgemeine Sachen wie deine Lieblingsfarbe oder dass du mehr auf Tess McLeod stehst und nicht so auf Claire.« Tess und Claire waren Figuren aus der Fernsehserie McLeods Töchter, die Mallenroh und Cathy mit Begeisterung geschaut hatten. Mallenrohs Liebling war immer Claire McLeod gewesen. Eine toughe Frau, die richtig anpacken konnte. Damals, vor dem Tag, an dem alles anders wurde.
»Es gibt aber tausend andere Sachen, von denen ich nicht weiß, wie du sie findest«, fuhr sie fort. »Außerdem kann man seine Meinung ja auch ändern, oder etwa nicht?«
»Also gut«, stöhnte Cathy. »Was ich von Monstern halte, willst du wissen? Das ist ganz ähnlich wie mit den Gespenstern. Monster im eigentlichen Sinn existieren nicht. Wir bezeichnen Geschöpfe nur deswegen so, weil wir sie nicht kennen. Alles Unbekannte erscheint uns gefährlich und böse. In unserer Fantasie malen wir uns die gruseligsten Bilder aus. Die Wirklichkeit sieht fast immer wesentlich harmloser aus.«
»Hah, erwischt! Du sagst fast immer. Was ist, wenn die Vorstellung, die man von einem Wesen hat, in Wirklichkeit noch viel schlimmer ist? Wenn es also wirklich Monster gibt?«
»Gibt es aber nicht. Nur böse Dinge. Vor allem böse Menschen. Und vor denen muss man sich in Acht nehmen.«
»Und was ist mit den Heulern?«
»Was soll damit sein?«
»Du hast sie doch auch gehört. Ihr Keuchen und Grunzen. Das Kratzen an der Tür die ganze Nacht hindurch. Dieses widerliche Kratzen.«
»Das kann alles Mögliche gewesen sein«, sagte Cathy. »Wilde Kojoten oder Wölfe. Genau gesehen hast du ja nichts. Nur irgendwelche Schemen. Vielleicht waren es sogar hungrige Bären aus den Bergen.«
Mallenroh stieß ein kurzes Lachen aus. »Bären? Hier bei uns? Du spinnst ja. Es gibt ja kaum noch Tiere dort draußen. Nirgendwo mehr Kühe oder Pferde. Oder Katzen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt eine Katze gesehen habe. Und da sprichst du von Bären! Das … das ist ja vollkommener Blödsinn!«
»Meinst du?«
Mallenroh konnte nur am Ton erahnen, welchen Blick ihr Cathy soeben zuwarf. Im zunehmend blasser werdenden Zwielicht hatte sich die Gestalt ihrer Freundin in eine schwarze Silhouette verwandelt.
»Für mich klingt das ähnlich logisch oder blödsinnig wie deine heulenden Monster«, sagte der Schatten. »Hat sich nicht alles verändert, seit … seit damals? Warum sollte es daher nicht auch Bären in unserem Viertel geben?«
Zum wiederholten Male bemerkte Mallenroh, dass Cathy offenbar eine Abneigung dagegen hatte, den besonderen TAG auszusprechen. Stets umschiffte sie diese Klippe mit Begriffen wie damals, früher oder davor. Jeder besaß einen wunden Punkt. Jeder.
Vor vier Wochen hatte Cathy plötzlich vor ihrer Tür gestanden. Bleich und schweigsam, mit verschmutzter Kleidung und Flip-Flops an den Füßen. Erst nach und nach hatte sie Mallenroh erzählt, was bei ihr Zuhause geschehen war. Außer ihr hatte niemand den besonderen Tag überlebt. Alle waren sie tot. Die Eltern, ihr jüngerer Bruder Josh und auch die Großmutter. Cathy hatte es nicht über sich gebracht, ihre Angehörigen zu beerdigen. Sie war dazu weder körperlich noch seelisch in der Lage. Aus diesem Grund hatte sie schweren Herzens das zur Gruft gewordene Heim verlassen und war zu ihrer besten Freundin geflohen. Nach der Beichte erwähnte sie ihre Familie mit keinem Wort mehr.
»War das der Grund dafür, weswegen du keine Einwände hattest, als ich damit anfing, die Fenster zu vernageln?«, wollte Mallenroh wissen. »Weil möglicherweise Bären zu uns ins Bett kriechen könnten?«
»Vorsicht ist niemals verkehrt.« Cathy klang jetzt eher wie eine altjüngferliche Tante. »Darum habe ich nichts gesagt. Die Zeiten … sie sind unberechenbarer geworden. Gefährlicher. Das muss ich dir ja wohl nicht sonderlich erklären. Alles Mögliche kann geschehen. Da macht es durchaus Sinn, gewisse Vorkehrungen zu treffen. Das hat aber nichts mit Monstern zu tun.«
»Natürlich nicht«, schnaufte Mallenroh. »Wieso denn auch!«
»Heutzutage kann man die Haustüren einfach nicht mehr unverschlossen lassen«, sinnierte Cathy weiter. »Selbst nicht in einem so kleinen Vorort wie Grainesville.«
Mallenroh stöhnte. Sie hasste es, wenn ihre Freundin so tat, als ob sie zehn oder gar zwanzig Jahre älter wäre. »Oh, wie recht du doch hast, Weiseste aller Weisen!«, rief sie aus. »Gegen wen glaubst du denn, habe ich uns so verbarrikadiert, wenn nicht gegen die Heuler? Etwa gegen umherziehende Räuberbanden? Weißt du, seit wann wir keinen Menschen mehr gesehen haben? Ich meine: Lebende Menschen? Seit fast zwei Monaten! Seit diesem verfluchten TAG, an dem alles anders wurde. Wahrscheinlich lebt dort draußen keine verdammte Seele mehr!«
»Du sollst nicht so fluchen«, ermahnte sie Cathy. »Wir wissen nicht, was dort draußen passiert ist. Vielleicht gibt es noch viele Menschen, die … die überlebt haben. Es wäre sogar denkbar, dass es ganze Städte, ja Länder gibt, wo sich diese … wo nichts geschehen ist. Wir beide haben es ja auch geschafft. Irgendwie …«
»Ja, irgendwie. Durch einen verrückten Zufall. Herzlichen Glückwunsch! Der absolute Hauptgewinn in der Super-Mega-Hyper-Überlebenslotterie geht an … Trommelwirbel! … Tusch! … Mallenroh und Cathy. Keine Ahnung, warum wir nicht wie zwei zugekokste It-Girls die Korken knallen lassen.« Sie stieß ein humorloses Lachen aus. »Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, dass wir beide die einzigen Überlebenden sein könnten? Auf diesem ganzen gottverlassenen Planeten, meine ich. Von den beschissenen Heulern einmal abgesehen.«