GRAUES LAND 3: AM ENDE DER WELT

2,99 12,99 

Michael Dissieux

ENDZEIT-THRILLER

Band 3
Serie: Graues Land

Lieferzeit: sofort nach Zahlungseingang, versandkostenfrei

Kategorien: , Schlüsselworte: ,
Clear selection

Inhalt


7 Jahre später … 7 Jahre nach Mayfield …
Die Welt ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, eine stille Hülle, ein Relikt …
Wenige Menschen wandeln über diesen unendlichen, von Gott verlassenen Friedhof, noch weniger sind bei klarem Verstand. Das Leben hat seine Werte verloren. Hoffnung ist ein bitteres Wort, bedeutungslos.
Daryll ist einer der Überlebenden. Ein Gestrandeter, gezeichnet von Hunger und Furcht. Dennoch sucht er weiter. Er sucht eine Bedeutung in all dieser Sinnlosigkeit … Auf seiner einsamen Reise durch diese verheerte Welt macht er seltsame Bekanntschaften und muss einer schrecklichen Wahrheit ins Auge sehen.

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2014

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

272

ISBN

978-3-95835-000-7

eISBN

978-3-95835-002-1

Leseprobe


Prolog

 

Mein Name ist Daryll.
  Irgendwann einmal habe ich gemerkt, dass Menschen ihren Schrecken verlieren und ein Gesicht bekommen, wenn man ihnen Namen gibt. Aus diesem Grund werde ich mich immer daran erinnern, dass ich in meinem früheren Leben einmal Daryll hieß.
  Und deshalb heißt mein Kumpel auch Jim.
  Es ist einer der seltenen Tage, an denen blasse Sonnenstrahlen wie ein Fächer durch die Wolkendecke brechen. Tage, die mir früher Hoffnung gegeben haben und mich an etwas zu erinnern versuchten, was ich längst vergessen habe.
  Tage, die ich jetzt kaum noch wahrnehme. Das Land bleibt düster und farblos, daran können auch gelegentliche Lichtstrahlen, die so dürr wie die gebrechlichen Arme eines Sterbenden über die tote Erde streichen, nichts ändern.
  Es ist Herbst. Welchen Tag wir haben, weiß ich nicht. Nicht einmal, welchen Monat.
  Das Einzige, was Sommer und Winter noch voneinander unterscheidet ist die Tatsache, dass die Tage im Sommer nicht ganz so kalt sind wie im Winter. Ansonsten gleicht ein Tag dem anderen; grau, verheert und ausgeblutet.
  Ich lehne Jim vorsichtig gegen das verrostete Stahlgerüst einer alten Plakatwand, falte seine Hände im Schoß und setze mich ihm gegenüber auf die Straße.
  Der Asphalt ist so kalt wie meine Gedanken, in den Rissen wächst Unkraut.
  Während die letzten Sonnenstrahlen die Hügel hinter Freemansburg in ein bleiches Glühen tauchen, betrachte ich Jim, der eigentlich gar nicht Jim heißt.
  Seinen richtigen Namen hatte er mir nie gesagt. Vielleicht wusste er ihn selbst nicht mehr. Namen haben in dieser Welt keine Bedeutung. Die Ruinen der Städte und Dörfer, durch die wir gekommen waren, haben alle ihre Namen verloren, ebenso die Straßen, die Felder und Gräser. Selbst unsere Erinnerungen sind namenlos.
  Genauso verhält es sich mit uns.
  Ich traf Jim vor einigen Monaten in einem alten Vergnügungspark. Warum ich mir die zerfallenen, von Rost zersetzten Karussells und Imbissstände mit von Staub überzogenen und ausgebleichten Schriftzügen ansehen wollte, kann ich heute nicht mehr sagen.
  Vielleicht war es einfach nur die Langeweile, die mich in den Park trieb, die Flucht vor dem, was ich mein Leben nenne. In dieser Welt, in der ein Tag dem anderen gleicht und man sein Leben einzig an den Tatsachen orientiert, dass es am Abend dunkel und am Morgen hell wird, zieht sich jeder Tag zu einem nie enden wollenden Jahr dahin. Die Welt steht schon lange still, und nicht selten habe ich das Gefühl, dass auch die Zeit manchmal anhält, um sich zum Sterben niederzulegen. Kommt dann noch der Hunger dazu, macht man alles, um sich von der Einsamkeit und seinem leeren Magen abzulenken.
  Vielleicht aber wollte ich mich auch einfach nur an eine Zeit zurückerinnern, in der alles anders gewesen war und ich ein Kind wie jedes andere sein konnte. An eine Zeit, in der die Erde und der Himmel noch nicht zu einer einzigen, grauen Masse verschmolzen waren.
  Am Wahrscheinlichsten aber war es, dass ich damals in diesen Park ging, um nicht Gefahr zu laufen, mir die ganz besondere Kugel, die ich immer in meiner Hosentasche trug, in den Schädel zu jagen.
  Als ich ein Kind war, liebte ich es, mit meinen Eltern in Vergnügungsparks zu fahren.
  Damals, zu einer Zeit, die laut und bunt war, und deren Bilder ich mir heute kaum noch vor Augen führen kann, waren wir oft zu einem kleinen Abenteuerpark in der Nähe von Devon gefahren.
  Wir, das waren meine Eltern, ich und ein Junge aus der Nachbarschaft, der in meiner Erinnerung genauso konturenlos wie alles andere geworden ist, und dessen Namen ich nicht einmal mehr weiß. Der Lärm Hunderter von Menschen, der sich mit dem Duft von Zuckerwatte und gebratenem Fleisch zu einer bunt schillernden Wolke vermischte, hatte mich immer wie in süßer Trance durch diese Tage getrieben. Die Welt war an diesem Ort stets eine andere gewesen. Sobald wir durch den Eingang des Parks gingen, wurde ich von unsichtbaren Händen ergriffen, die mich von der Verführung gebrannter Mandeln hin zu Eis und Zuckerwatte zogen und mir dabei den Nervenkitzel der Karussells so lange näher brachten, bis mir schlecht wurde. Und selbst dann tobte ich noch zusammen mit meinem namenlosen Freund lachend und jauchzend, mit rotem Kopf und erschöpftem Gesicht durch die Menschenmassen und inhalierte tanzend den Duft meiner eigenen, kleinen Zauberwelt.
  Der Park hingegen, in dem ich Jim traf, stank nach feuchter Erde, Abfall und vermodertem Holz. Und ein klein wenig auch nach den Untoten.
  Das Tor am Eingang, das früher einmal eine riesige Zuckerstange dargestellt hatte, war irgendwann einmal heruntergebrochen und lag jetzt wie ein verrotteter, schwarzer Wurm über dem Weg.
  Die ehemals bunt bemalten Kassenhäuschen hatten sich in dunkle Baracken mit blinden, vor Staub starrenden Fenstern verwandelt.
  Als ich den Park betrat, tauchten Fetzen von Erinnerungen in meinen Gedanken auf, doch die Bilder aus meinem früheren Leben hatten lange schon ihre Farben verloren und waren nur noch verschwommene Landschaften in schwarzen und weißen Abstufungen. Es war, als würde man Fotos ins Feuer werfen und dabei zusehen, wie die Zeiten verbrannten.
  Mit in den Taschen meiner zerrissenen Jeans vergrabenen Händen schlenderte ich über die mit Farnen und Kraut überwucherten Wege und versuchte mir den hektischen Lärm vergangener Tage vorzustellen. Doch wenn man lange genug mit der Stille lebt, hat man selbst die Erinnerungen an Stimmen, Lachen und das mechanische Summen und Rattern der Fahrgeschäfte verloren.
  Der Park war still und blieb es auch in meiner Vorstellung.
  Während ich an Bahnen und Karussells entlang schlenderte, deren Zahnräder und Lenkstangen lange schon festgerostet waren und deren einst bunt schillernde Farbe ein bedrückendes Grau zurückgelassen hatte, verfluchte ich mich bereits. Ich hatte mir erhofft, mich durch die Erinnerungen an die alte Welt von dem kalten Cocktail aus Einsamkeit, Hunger und Depression abzulenken, doch die gespenstische Stille des Parks mit seinen überwucherten Wegen und teilweise eingestürzten Fahrattraktionen, den Sandverwehungen auf den Pfaden und umgestürzten Bäumen, die verrottete Pavillons unter sich begruben, brachte mir den Zerfall meiner Welt und meines Lebens so nahe, dass ich beschloss, die Ruinen einstigen Frohsinns so schnell es ging, wieder hinter mir zurückzulassen.
  Als ich zwischen einem Karussell mit schwarzen, schimmelfleckigen Pferden und den Überresten einer Imbissbude zum Ausgang rannte, traf ich auf Jim.
  Er stand vor dem dunklen Eingang eines alten Theaters und zielte mit einer Schrotflinte auf mich.
  Ich weiß noch, dass es sich bei dem Theater um eine Vogelshow handelte, aber noch besser kann ich mich an den Schock erinnern, der uns beide in diesem Augenblick ins Gesicht geschrieben stand.
  Das letzte menschliche Wesen hatte ich ungefähr ein halbes oder ganzes Jahr zuvor in einem kleinen Dorf im Landesinnern getroffen; einen etwa zehnjährigen Jungen, der mehr Tier als Mensch war, nackt durch das Dorf rannte und in verrotteten Abfällen auf der Straße wühlte. Ich bekam keine Gelegenheit, mich ihm zu nähern, denn als er mich erblickte, stieß er ein schauerliches Heulen aus und verschwand auf allen Vieren in den Ruinen eines ehemaligen Einkaufszentrums. Ich sah und hörte ihn danach nicht wieder und hatte das Dorf noch am selben Tag wieder verlassen.
  Als ich Jim erblickte, dachte ich zwei Dinge auf einmal. Zum einen war ich mir sicher, nun endgültig den Verstand verloren zu haben, denn Jim wirkte mit seiner Waffe wie die Figur eines der alternden Westernhelden, die ich auf dem verwitterten Frontgemälde einer der Shows gesehen hatte. Zum anderen dachte ich absurderweise an einen Engel, der vom Himmel gestiegen sein musste, um mich endlich von diesem Leben hier zu befreien, denn Jim hatte lange, blonde Haare, die sich im Wind wie ein schmutziger Schleier um sein blasses Gesicht bewegten.
  Doch Jim war weder Cowboy noch Engel.
  Er war einfach nur ein Junge in meinem Alter, der die gleiche panische Furcht verspürte wie ich. Nicht, dass man ihm das in diesem Moment angesehen hätte. Er stand selbstsicher und hart vor dem Theater und zielte auf mich, ohne mit dem Lauf des Gewehrs zu zittern. Später einmal hat er mir mit einem Augenzwinkern erzählt, dass er sich an jenem Tag fast die Hosen nass gemacht hätte.
  Das Gefühl, einen lebendigen Menschen zu treffen, war überwältigend, faszinierend und erschreckend zugleich. Eine Kakofonie der Empfindungen, für die unsere Körper und unsere Gedanken zu klein waren.
  Ich weiß noch genau, dass keiner von uns ein Wort sagte. Wir starrten uns nur stumm an, ich vor, und Jim hinter dem Gewehr. Keiner von uns wusste mit der Situation umzugehen. Keiner von uns hatte gedacht, jemals wieder auf lebendige Menschen zu treffen.
  Wir wurden zum Bestandteil dieses apokalyptischen, bewegungslosen Gemäldes, das wir die Überreste unserer Welt nannten. Wir waren so grau und namenlos wie die Ruinen des Vergnügungsparks.
  Irgendwann ging ich einfach auf ihn zu. Wenn man erlebt hat, was ich hinter mir hatte und bereits in den dampfenden Pfuhlen der Hölle badete, ist ein Gewehr das Letzte, das einen beeindruckte. Vielleicht hatte sich aber auch ein kleiner Teil von Vernunft in mir gewünscht, dass Jim einfach abdrückte. Mein Engel mit der Knarre, der mir endlich Erlösung versprach.
  Ich ging auf jeden Fall langsam, mit zu den Seiten ausgestreckten Händen auf Jim zu und blieb etwa zwei Meter vor ihm stehen. Je näher ich ihm kam, desto unwirklicher erschien mir die Situation. Ich war damals sicher, jeden Augenblick schreiend aus einem Albtraum zu erwachen.
  Wer in diesem Moment zuerst das Schweigen brach, und was genau gesagt wurde, weiß ich heute nicht mehr. Mit den Erinnerungen ist es so eine Sache. Sie halten nicht mehr so lange wie früher.
  Jim, der Cowboy, hatte auf jeden Fall nicht auf mich geschossen, und ich wurde an jenem Tag auch von keinem Engel erlöst.
  Wir waren uns ziemlich ähnlich und wären in einem anderen Leben und einer anderen Welt wahrscheinlich die besten Freunde gewesen. Zwei Kerle, die nichts anbrennen ließen und den Spaß am Leben suchten, solange sie noch jung waren. Jim und Daryll, die beiden wilden Kerle, würden uns die anderen nennen.
  Doch die Zeiten hatten sich verändert. Das Einzige, das einem ein Überleben sichern konnte, war Misstrauen und Vorsicht. Wir kannten beide die Regeln, nach denen wir zu spielen hatten, und so dauerte es fast einen ganzen Monat, bis wir endlich behaupten konnten, so etwas wie Freunde geworden zu sein.
  Vielleicht keine Freunde, wie wir sie unter normalen Umständen gewesen wären, aber Partner, die zusammen reisten, sich aufeinander verlassen konnten und auf den Rücken des anderen Acht gaben.
  Ja, wenn man so will, konnte man wirklich sagen, dass wir ganz besondere Freunde waren, auch wenn ich mit diesem Wort sehr vorsichtig bin. In einer nahezu menschenleeren Welt können Worte wie ›Freundschaft‹ nicht existieren.
  Während ich nun Jims bleiches Gesicht betrachte, denke ich darüber nach, was ich verloren habe.
  Jim hat mir stets das Gefühl gegeben, dass ich mich dem Kampf gegen die Welt nicht alleine stellen muss. Er war da gewesen, wenn ich reden wollte, und er war da gewesen, wenn ich lachen wollte. Jim war aber auch da, wenn ich weinte, etwas, das in dieser Welt sehr oft geschieht. Man kann noch so abgehärtet und abgestumpft sein, irgendwann brechen sich kleine Erinnerungsfetzen in den Gedanken Bahn und schlagen einem so plötzlich und mit brachialer Gewalt ins Gesicht, dass man all den Schmerz und die Trauer einfach nicht mehr unterdrücken kann und hinausschreien muss.
  Jim war für mich da gewesen, wenn ich wie ein kleiner Junge mitten auf der Straße saß, aufgeben wollte und die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.
  Umgekehrt war es genauso.
  Wir haben uns gemeinsam über Sonnenstrahlen gefreut, die den steinernen Himmel durchbrachen, haben in kalten, klaren Bächen gebadet und lauthals schreiend Gott verflucht, dass er uns das alles angetan hat.
  Wir passten aufeinander auf und schleppten uns wie ein uraltes, kränkliches Ehepaar durch ein farbloses Land, das uns keinen Grund gab, noch einen weiteren Tag überleben zu wollen. Trotzdem taten wir es, weil wir einander hatten!
  Ich muss feststellen, dass ich mehr verloren habe, als ich in diesem Moment erkennen kann.
  Jim ist seit etwa einer halben Stunde tot. Gestorben an einem simplen Fieber, das ihn innerlich zerfraß. Zumindest glaube ich, dass eine halbe Stunde vergangen ist, seit sich unsere Blicke ein letztes Mal trafen und er dann plötzlich an mir vorbei sah und in den Himmel starrte, während der Glanz in seinen Augen erlosch. Zeit spielt keine Rolle mehr. Zu sehen, wie das Leben aus seinem Blick wich, war das Schrecklichste, was ich jemals erlebt habe.
  So müde ich auch bin, so ist mir doch klar, dass mir der Verlust von Jim erst in den nächsten Tagen so richtig bewusst werden wird. Und davor fürchte ich mich.
  Ich fürchte mich davor, nicht mehr die Kraft aufbringen zu können, weiterzugehen. Wenn ich mich danach auf die Straße setze, mit Tränen in den Augen und dem unbändigen Willen, zu sterben, würde keiner mehr da sein, der mir die Hand reicht und mit mir zusammen weiterzieht. Dann würde ich einfach sitzenbleiben und ein Schatten dieser Welt werden.
  Ich würde Gott alleine verfluchen, ohne, dass jemand meine Worte hört.
  Jetzt, im Moment, mitten auf der Straße zwischen zwei menschenleeren Dörfern, kann ich Jim nur ansehen und versuchen, mir sein Gesicht einzuprägen.
  Er war schon immer blass gewesen. Sein Gesicht hatte etwas von einer hageren, geschnitzten Holzpuppe, wie ich sie aus meiner Kindheit kannte.
  Es war markant, mit derben Zügen, die ihm das Leben in dieser Welt eingebrannt hatte. Gleichzeitig lag aber auch eine tiefe Weichheit darin, die seinen Mund, der immer ein wenig zu lächeln schien, betonte und seine eingefallenen Augen trotz der schwarzen Ränder, immer ein klein wenig leuchten ließ.
  Irgendwann würde ich dieses Gesicht mit seinen plumpen Wangenknochen und den langen, dreckigen Haaren vergessen haben. Ebenso wenig werde ich mich an Jims Lachen erinnern können, oder an die Art, wie er ging, indem er auf seine ganz spezielle Weise immer ein klein wenig zu tänzeln schien. Wie er sein Essen ganz genau betrachtete, ehe er es in den Mund steckte, oder am Wasser roch, bevor er es trank; diese kleinen Gesten werden es sein, die ich als Letztes vergessen werde, da ich sie selbst jeden Tag anwende.
  Der Tag mag noch weit entfernt sein, so ich ihn denn überhaupt erleben werde, doch ich fürchte mich schon jetzt davor, denn ohne meine Erinnerungen an Jim wird er mich völlig allein in dieser für mich zu großen und zu stillen Welt zurücklassen.
  Er liegt unter der Ankündigung für einen Zirkus. Jim mochte solche Dinge. Er hatte mir oft von seinen Besuchen in Theatern oder beim Zirkus mit seinen Eltern erzählt. Dabei hatten seine Augen einen Glanz angenommen, als hätte er eine Zeitreise zurück in seine Vergangenheit gemacht. Die Farben der Clowns und der Schrift auf dem Plakat sind längst verblasst und stellenweise vom Wind zerrissen. Nur das Datum ist groteskerweise noch deutlich zu erkennen: November 2012.
  Die wenigsten Menschen haben dieses Datum noch erlebt.
  Es ist ein seltsames Gefühl, Jim anzusehen. Er atmet nicht, und sein Gesicht, mit dem er all seine Gefühle zum Ausdruck brachte, erscheint mir wie die weiße Oberfläche einer Porzellanpuppe. Kein Lächeln mehr, seine Augen sind geschlossen und würden sich auch nie wieder öffnen. Wie sehr ich meinen Kumpel doch beneide.
  Als das Glimmen der Bergspitzen in der Ferne erlischt und die Welt sich wieder in ihren abgetragenen, grauen Mantel hüllt, nehme ich meinen Rucksack und das zusammengerollte Zelt, stehe auf und schaue ein letztes Mal auf Jim herab. Er wirkte plötzlich klein und zerbrechlich auf mich. So hilflos wie ein kleiner Junge, der vom Fahrrad gestürzt ist.
  Ich sollte ihm ein anständiges Begräbnis geben, doch die Erde ist hart, und ich habe nicht das passende Werkzeug. Außerdem glaube ich nicht, dass mein ausgezehrter Körper noch über genügend Kraftreserven verfügt, um ein Grab auszuheben.
  Alles, was ich für Jim tun kann, ist, ihn gegen eine Plakatwand zu lehnen. Jim liebte Zeitschriften und Plakate. Eben alles, was ihn an die alte Welt erinnerte, auch wenn von diesem Relikt auf der Straße nach Freemansburg nur noch verrostete Stahlstangen übrig geblieben sind.
  Ich greife nach einem Stein, der neben Jim am Straßenrand liegt, und ritze seinen Namen in den Rost des Eisens. Wenn ich ihm schon kein Grab schenken kann, so soll er zumindest einen Grabstein bekommen, auch wenn dieser aus zerfressenem Stahl besteht.
  Jims Sachen trage ich jetzt bei mir. Zumindest jene, die ich als überlebensnotwendig empfinde. Dazu einige persönliche Dinge, die ihm wichtig waren.
  Darunter ein Foto, das ihn als zehnjährigen Jungen auf seiner Geburtstagsfeier zeigt; der letzten Feier seines jungen Lebens. Im Vordergrund steht eine weiße Torte mit brennenden Kerzen; darüber gebeugt Jims pustendes Gesicht, mit aufgeblähten Wangen und leuchtenden Augen. Im Hintergrund sind die verschwommenen Gestalten einiger Kinder zu erkennen, die wie Geister durch das Foto huschen. Jims Dad war ein lausiger Fotograf. Das Foto ist abgenutzt, mit geknickten Ecken und einer vergilbten Rückseite, auf der einmal ein Datum gestanden haben muss. Jim hat es an den Abenden oft und lange betrachtet und mit dem Daumen über das glückliche Gesicht des Jungen gestreichelt. Deshalb denke ich, dass ich das Foto mitnehmen sollte. Vielleicht würde Jim auf diese Weise immer bei mir sein, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er es so gewollt hätte.
  Als ich weitergehe, fühle ich mich schäbig. Es kommt mir vor, als würde ich meinen besten Freund verraten. Ihn einfach so zurückzulassen, unter den verblassten Zirkus gelehnt, ist für mich das Gleiche , als wäre er durch meine Hand gestorben.
  Die ersten Schritte fallen mir schwer. Meine Beine scheinen mir nicht gehorchen zu wollen, und so zwinge ich sie, weiter die Straße entlangzugehen, anstatt zu Jim zurückzulaufen.
  Obwohl der Abend nicht so kalt ist wie die anderen Tage zuvor, friere ich.
  Ich gehe weiter, ohne mich noch einmal nach Jim umzudrehen. Zu sehen, wie er immer kleiner hinter mir zurückbleibt, wäre mehr, als ich hätte ertragen können.
  Für mich hat damit der erste Tag meines Todes begonnen.