GRAUES LAND 2: DIE SCHREIE DER TOTEN

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Michael Dissieux

ENDZEIT-THRILLER

Band 2
Serie: Graues Land

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Inhalt


Der dreizehnjährige Daryll hat zwei Wochen in einer postapokalyptischen Welt überlebt. Zusammen mit der kleinen Mary Jane machte er sich das Leben so angenehm wie es die Umstände zuließen. Als das Mädchen eines Tages von einer höllischen Kreatur angefallen wird und kurz darauf verschwindet, beschließt Daryll seine Heimatstadt zu verlassen.

Auf seiner Reise trifft er auf andere Überlebende, wie etwa Murphy, einen alten, kauzigen Mann, die zwölfjährige Demi und Wulf, einen Biker, den der Verlust seiner Familie zu zerreißen droht. Sie alle merken schnell, dass sie die Gefahren, die diese tote, nahezu entvölkerte Welt für sie bereithält, nur gemeinsam bestehen können. Und so beschließen sie, eine Militärbasis an der Küste aufzusuchen, in der Hoffnung auf Hilfe und medizinische Versorgung. Als sie nach einer gefährlichen und aufrüttelnden Reise die Basis erreichen, wird der Gruppe auf brutale Weise vor Augen geführt, dass die Welt sich weitergedreht hat.
Und dann ist da noch Meg, das Mädchen von der Straße, das die Schreie der Toten hören kann …

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2012

Formate

Taschenbuch / Ebook (epub, mobi)

Seiten

240

ISBN

978-3-95835-049-6

eISBN

978-3-943408-87-4

Leseprobe


Die Dunkelheit war ein Irrtum. Aus einem der Zimmer, die an den Korridor angrenzten, fiel schwaches Kerzenlicht und tauchte den Flur in milden Schein. Daryll erkannte eine fleckige, teilweise zerrissene Tapete mit altmodischem Blumenmuster. Die knarrenden Bodendielen waren mit einem ausgetretenen Läufer dekoriert. Direkt neben der Stahltür hing ein Garderobenspiegel. Doch Daryll weigerte sich, hineinzusehen. Stattdessen fiel sein Blick auf das helle Rechteck des Türrahmens. Der Kerzenschein hinter dem Holzladen war also doch keine Einbildung gewesen.
  Daryll war noch nie in der Wohnung des alten Mannes gewesen, immer nur im Gemischtwarenladen, der sich unter ihnen befinden musste. Dementsprechend unwohl fühlte er sich. Auch wenn die Welt vor die Hunde gegangen war, so blieben doch die angeborenen Verhaltensmuster der Menschen bestehen.
  Murphy trat durch die Tür, lehnte sein Gewehr gegen die Wand und winkte Daryll mit einer lässigen Geste herbei. »Komm, Jungchen, du hast sicher Hunger.«
  Daryll hatte die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben und war verlegen von einem Bein auf das andere getänzelt. Erst jetzt, wo Murphy es erwähnte, spürte er, dass er tatsächlich hungrig war. Seit Mary Janes Verschwinden, hatte er kaum etwas zu sich genommen.
  Unsicher folgte er dem alten Mann in den niedrigen Raum. Schwere, gebeizte Balken stützten das Dach und verliehen dem Zimmer eine düstere Atmosphäre. An manchen der Balken hingen Masken aus Porzellan. Darunter gerahmte Fotos, die scheinbar Murphys Familie zeigten. Daryll konnte sich nicht daran erinnern, dass Murphy jemals eine Frau gehabt hätte. Für ihn war er immer nur ›Mr. Murphy‹ gewesen, der wortkarge, etwas seltsame Einsiedler in den Hügeln.
  Er trat nahe an eines der Fotos heran und erkannte neben einem grobschlächtigen Mann, der eindeutig Murphy war, eine zierliche Frau mit schulterlangem Haar und offenem Lächeln, sowie einen Jungen in Darylls Alter. Der Junge stand zwischen seinen Eltern, überragte beide allerdings um einige Zentimeter. Alle drei hatten die Arme um die Taille des jeweils anderen geschlungen.
  Ein Foto aus glücklichen Tagen, schoss es Daryll schmerzhaft durch den Kopf. Gleichzeitig spürte er eine tiefe Scham darüber, dass er so ungeniert das Foto betrachtete. Es mussten wertvolle Schätze für den alten Mann sein, der Daryll plötzlich in einem völlig anderen Licht erschien. Vielleicht war er nur zu dem mürrischen Mann geworden, weil seine Familie nicht mehr bei ihm war.
  Er dachte dabei an Mary Jane, die in den letzten Tagen seine neue Familie gewesen war. Und er dachte an den Schmerz, den ihr Verschwinden in ihm hinterlassen hatte. Wie würde er selbst einmal in dieser Welt werden, in der es nichts mehr gab, an das er sich klammern konnte? Er versuchte sich selbst in Murphys Alter vorzustellen, doch es gelang ihm nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde es keinen Daryll in Murphys Alter geben.
  Er trat von dem Foto zurück und wollte einige passende Worte darüber zu dem alten Mann sagen, als ihm eine unscheinbare Bewegung in der Zimmerecke auffiel. Murphy saß an einem schlichten Holztisch und war gerade damit beschäftigt, eine Dose Bohnen zu öffnen. Er muss ebenfalls die Bewegung bemerkt haben, denn er stand auf, stellte die Dose auf den Tisch und griff stattdessen zu einer mit Wasser gefüllten Schüssel mit einem Tuch darin.
  Aus der Zimmerecke, wo das Licht der Kerzen nicht hinfiel, drang ein leises Stöhnen. Daryll war versucht, nach seiner Waffe zu greifen. Doch im letzten Moment entsann er sich eines besseren und beobachtete Murphy, der eine Petroleumlampe entzündete und diese auf einen kleinen, runden Tisch stellte.
  Im Schein der Lampe erschien ein Bett, bestückt mit mehreren Wolldecken. Und diese Decken bewegten sich, als sich der alte Mann auf die Bettkante setzte und die Schüssel neben die Lampe auf den Tisch stellte.
  Daryll hörte ihn einige leise Worte murmeln, die er nicht verstehen konnte. Vorsichtig trat er näher und blickte Murphy über die Schulter. Im ersten Moment konnte er nicht glauben, was er sah, doch auch der alte Mann war für ihn in dieser leeren und stillen Welt zunächst ein ungewohnter Anblick gewesen. Deshalb gewann er schnell wieder die Kontrolle und betrachtete das Mädchen als weiteren Mosaikstein seines neuen Lebens.
  Sie schien in seinem Alter zu sein, sah jedoch fürchterlich aus. Ihre Haut war grau und spannte sich wie ein dünnes Tuch über die Wangenknochen. Um ihre Augen hatten sich dunkle Ränder gebildet. Als sie Daryll sah, weiteten sich ihre Augen. Ein unartikuliertes Krächzen stieg wie Sand aus ihrer Kehle empor.
  Murphy blickte kurz über seine Schulter. Dann widmete er sich wieder dem Mädchen. Er tupfte ihre Stirn ab, auf deren Haut Schweiß glänzte. Dann strich er ihr das zerzauste Haar aus dem Gesicht, so dass es sich wie eine erloschene Korona um ihren Kopf auf den Kissen ausbreitete.
  »Ist sie …?«
  Daryll hatte Mühe, seine Gedanken zu ordnen.
  »Nein«, antwortete Murphy schlicht, wrang den Lappen aus und wusch das Gesicht des Mädchens.
  Daryll betrachtete die ausgemergelte Gestalt und spürte eine Welle aus Scham und Mitleid über sich brechen. Das Mädchen kam ihm bekannt vor, doch er konnte sich nicht entsinnen, woher. Vielleicht erschien ihm in einer entvölkerten Welt jedes fremde Gesicht vertraut.
  »Was ist mit ihr?«
  Diesmal schaffte er es, seiner Stimme zumindest einen zitternden Klang zu verleihen. Irgendwo im Haus knarrten die Dachbalken unter der erdrückenden Stille.
  »Sie ist verletzt worden.«
  »Von den Monstern?«
  Murphy warf Daryll einen kurzen Blick über die Schulter zu und betrachtete den Jungen skeptisch. Daryll glaubte ein Erkennen im Blick des Alten zu sehen.
  »Du hast sie also auch gesehen?«
  Der Junge nickte und spürte im gleichen Augenblick, wie sich sein Magen in einen schweren Eisblock verwandelte. In seiner Erinnerung blitzten die Bilder aus Devon auf und verloren sich dann wieder in der Dunkelheit seines Unterbewusstseins. Der Parkplatz vor ›Tenberries‹, das Ding in der Scheibe der Eingangstür, das gierige Heulen, das ihn zeit seines Lebens verfolgen würde.
  Er nickte bloß, konnte jedoch nichts auf Murphys Frage erwidern.
  »Sie scheinen überall zu sein«, murmelte der alte Mann, legte das Tuch in die Schüssel und betrachtete das Gesicht des Mädchens. Die Haut wirkte im Schein der Lampe immer noch so grau wie der Himmel.
  »Sie verändern sich, wenn sie gebissen werden«, flüsterte Daryll schließlich.
  Murphy stand auf, reduzierte die Flamme der Petroleumlampe zu einem matten Flackern und ließ das Mädchen wieder in den Schatten verschwinden. Dann legte er seinen Arm um Darylls Schulter und führte ihn in die Mitte des Zimmers zurück, wo er sich wieder mit der Dose Bohnen beschäftigte.
  »Sie ist nicht gebissen worden. Ich habe sie untersucht. Sie ist lediglich verletzt.«
  Daryll setzte sich auf einen schäbigen Sessel, dessen Farbe irgendwann einmal rot gewesen sein musste. Er zog die Knie an seinen Körper und spürte zum ersten Mal die Kälte, die in dem Zimmer herrschte.
  »Was hat sie verletzt?«
  Murphy blickte auf und warf ihm einen unergründlichen Blick zu. Daryll glaubte darin eine Mischung aus Trauer, Wut und Scham zu erkennen.
  Der Alte kippte die Bohnen in einen Topf, zündete mit einem Streichholz einen kleinen Gasbrenner an und stellte den Topf darauf. Dann sank er in seinem Sessel zusammen, als wäre ihm in diesem Moment sämtliches Leben ausgesaugt worden. Seine Finger spielten nervös miteinander, während er mit leerem Blick vor sich hinstarrte.
  »Wer ist sie?« unterbrach Daryll leise das Schweigen. Doch noch ehe Murphy ihm antworten konnte, wusste er plötzlich, woher er das Mädchen in der Zimmerecke kannte.
  »Ihr Name ist Demi«, flüsterte Murphy kaum hörbar. »Sie ist die Enkelin von meinem Freund Harvey.«

***

Am Abend stellten sie die Sessel vor das Bett des Mädchens. Murphy rührte in seinem Topf, in dem er diesmal Büchsenfleisch und etwas Gemüse erwärmte. Ein lange entbehrter Geruch erfüllte den Raum, in dem es sonst nach verbrauchter Luft und Schweiß roch. Daryll saß mit überschlagenen Beinen auf dem Sessel und betrachtete das bleiche Oval von Demis Gesicht. Es schien ihr etwas besser zu gehen, nachdem Murphy am Nachmittag die Wunden gesäubert und neu verbunden hatte und Demi mehrmals von einem Müsliriegel abbeißen ließ. Die erwärmten Bohnen vom Nachmittag rührte Demi nicht an.
  Die tiefen Wunden an den Armen und am Brustkorb des Mädchens vermittelten Daryll den Eindruck, dass sie viel Blut verloren haben musste. Die Ränder waren schwarz, als hätten sich in ihrem Leib tiefe Gräben aufgetan. Die graue Haut um die Verletzungen war entzündet und schmerzte, als Murphy sie mit dem feuchten Tuch berührte. Daryll musste sich abwenden, als der alte Mann neue Verbände anlegte, die sich sofort wieder dunkel verfärbten. Seine Gedanken wanderten ungewollt zu Mary Jane. Doch Demis Körper zeigte keine Bissspuren. Ihr Hals und die Schultern waren unversehrt.
  Daryll konnte sich an das Mädchen erinnern. Vor etwa eineinhalb Jahren, im Sommer, war sie zu Besuch bei den Jennings gewesen, als er die Zeitung vorbeibrachte. An einem der Tage hatte Demi die Zeitung am Zaun entgegengenommen und ihm mit einem kecken Lächeln den obligatorischen Dollar in die Hand gedrückt, den Daryll immer von dem alten Harvey Jennings bekam. Er erinnerte sich noch gut an dieses Lächeln, das ihn die darauffolgenden Nächte kaum Schlaf finden ließ. Damals hatte er Demi als überaus hübsch empfunden. Ihre Augen glänzten, und ihr Lächeln wirkte halb spöttisch und halb liebevoll.
  Er fand das Mädchen immer noch hübsch. Doch über ihr Aussehen hatte sich das graue Tuch des Weltuntergangs gelegt. Sie sah älter aus, als sie war, und ihr Körper schien dem Tod näher als dem Leben.
  Daryll wusste, dass Demi ein Jahr jünger war als er. Er hatte den alten Jennings nach mehreren vergeblichen Anläufen mit hochrotem Kopf danach gefragt. Er wusste auch, dass sie mit ihren Eltern in Boston lebte und hin und wieder die Ferienzeit bei ihren Großeltern verbrachte. Doch nach diesem einen Sommer hatte er Demi nicht wieder gesehen.
  Das Mädchen, das jetzt in Wolldecken gehüllt im Bett saß und den Blick auf den Topf mit kochendem Fleisch richtete, war nicht das Mädchen von damals. Und doch spürte Daryll die gleiche Wärme und die gleiche Ungeduld in sich, wie im Sommer des letzten Jahres. Er ertappte sich dabei, wie er ihr immer wieder einen schnellen Seitenblick zuwarf.
  Murphy rührte langsam mit einem Holzlöffel im Topf. Draußen heulte der Wind um den Dachfirst. Das einzige Geräusch dieser Welt.
  »Du hast noch nicht viel erzählt, seit du hier bist.«
  Darylls Blick ruckte von Demi zu dem alten Mann.
  »Was ist in Devon?«
  »Nichts.«
  Das Wort kam so schnell über seine Lippen, dass Daryll sich einen Moment fragte, ob das wirklich seine Stimme gewesen war
  Murphy nickte bloß und rührte weiter.
  Daryll betrachtete den alten Mann, dessen Gesicht im Schein der Petroleumlampe und Kerzen ledern und von tiefen Furchen durchzogen wirkte. Er hatte sich früher immer gefürchtet, wenn er die Zeitung zu dem kleinen Laden brachte. Auch wenn er an heißen Tagen bei Murphy immer eine kalte Limonade bekam, so waren ihre Unterhaltungen meist auf ein Minimum begrenzt gewesen. Daryll hatte den Mann auf eine ganz spezielle Weise gemocht, da er ihm stets wie ein alter Einsiedler erschienen war, der in den Hügeln lebte, um vor dem Rest der Menschheit seine Ruhe zu haben.
  Sein Vater hatte den alten Mann oft als ›merkwürdigen, senilen Alten‹ bezeichnet. Doch als er ihn jetzt beobachtete, wie er mit seinen steinernen Gesichtszügen das Fleisch im Topf umrührte und sich um die Enkelin seines alten Freundes kümmerte, überlegte Daryll, ob man wirklich die Schrecken der Apokalypse benötigte, um das Leben plötzlich mit anderen Augen betrachten zu können.
  Er hatte in den letzten Tagen viel über sich gelernt. Vor allen Dingen Mary Jane hatte ihn dazu gebracht, innere Barrieren niederzureißen und einen neuen Menschen in sich selbst zu entdecken. Er sah die Welt jetzt mit klarem Blick und einem Verstand, der den ganzen Umfang der Katastrophe zwar noch immer nicht erfassen konnte, der jedoch schärfer geworden war und sich auf das Überleben konzentrierte. Murphy hatte seine Bedrohlichkeit verloren. Er war ein alter Mann, der wie ein Schatten seiner selbst vor ihm saß, sich um ihn und Demi kümmerte und die Tragweite der neuen Welt selbst nicht begreifen konnte. Seit einigen Tagen hatte sich nicht nur die Welt verändert. Auch die wenigen Menschen, die es noch gab, waren andere geworden. Zumindest sah Daryll sie mit anderen Augen.
  »Ich war in Devon mit einem Mädchen zusammen«, flüsterte er so leise, dass er kaum das Heulen des Windes vor dem Haus übertönen konnte. Murphy blickte auf, sagte jedoch nichts.
  »Ihr Name war Mary Jane. Wir hatten uns in der Schule verbarrikadiert.« Darylls Kehle verengte sich so sehr, dass ihm das Schlucken schwer fiel. Sein Magen verwandelte sich in eine Grube aus Eis.
  »Wir hatten beide gehofft, dass wir bald aus diesem Alptraum aufwachen. Wir wollten die ganze Sache einfach aussitzen und darauf warten, dass alles wieder normal wird.«
  Ein bitteres Lächeln zog über sein Gesicht. Murphy antworte ihm mit einem schiefen Grinsen.
  »Aber dann wurde sie gebissen. Auf dem Parkplatz vor ›Tenberries‹. Von einer dieser Kreaturen. Wir hörten nicht, wie sie sich an uns heranschlich.« Darylls Lippen begannen zu zittern. Seine Augen wurden feucht. Er ließ den Kopf nach unten hängen, damit niemand seine Tränen sehen konnte. »Wir haben es zurück zur Schule geschafft. Dort habe ich ihre Wunden verbunden.« Seine Hand suchte ihren Weg zu seinem Hals. »Ich habe ihr zu essen gegeben, aber sie aß nichts. Deshalb habe ich ihr vorgelesen und sie im Arm gehalten. Aber sie wurde immer schwächer. Ihre Haut war blass und ihre Wunden entzündeten sich. Sie wurden schwarz an den Rändern. Und dann, eines Morgens …« Daryll rieb sich die Augen, als wollte er gegen die Müdigkeit ankämpfen. Doch in Wirklichkeit wischte er die brennenden Tränen fort. »Eines Morgens war sie verschwunden. Ich wachte auf und Mary Jane war fort.«
  Murphy räusperte sich. Er lehnte sich über den Tisch und legte Daryll eine fleckige, im Schein der Lampe braun glänzende Hand auf den Arm. »Du musst nicht darüber reden«, sagte er mit trauriger Stimme. »Im Moment ist es besser, wenn wir einige Dinge in uns begraben und erst später um sie trauern.«
  Daryll nickte. Er wollte seine Geschichte fortführen, wollte von Mary Jane erzählen, weil er spürte, dass es ihm gut tat und er es ihr schuldig war. Doch seine Lippen bewegten sich, ohne dass ein weiteres Wort aus seinem Mund kam.
  Murphy rührte wieder in dem Topf. Der Geruch von gekochtem Fleisch hing in der Luft. Plötzlich war es wieder still geworden. Was gesagt werden musste, war gesagt worden. Der Alte hatte Recht. Einige Dinge sollte man unter Verschluss halten, um nicht den Verstand zu verlieren. Vielleicht waren es Zeiten, in denen man sich keine Gefühle mehr erlauben konnte, wollte man überleben.
  Daryll lehnte sich zurück und schloss die Augen. Der Tag forderte seinen Tribut. Im Geiste sah er seinen Aufbruch aus Devon. Er stand vor dem Schild, das am Ende der Stadt stand, und das jemand namens ›J.D.‹ mit ›Killroy‹ verziert hatte. Er fragte sich, ob er die verlassenen Häuser und Straßen wohl je wieder sehen würde. Er sah sich noch einmal zusammen mit Mary Jane durch die leeren Straßen der Stadt fahren, zwei Gespenstern gleich, die in einer verheerten Welt zurückgeblieben waren. Ihr Lachen drang wie ein fernes Echo an seine Ohren. Dann verstummte es. Die beiden lachenden Gestalten lösten sich auf, als hätte ein Riese sie mit seinem Daumen aus der Welt gewischt. Zurück blieb Stille, Leere und der säuerliche Gestank nach Fäulnis und Moder, der wie feiner Dunst über den Asphalt der Straße wehte. Die Frage musste anders lauten. Er fragte sich, ob er Devon je wieder sehen wollte.
  »Was hast du ihr vorgelesen?«
  Daryll öffnete die Augen und sah zu Demi. Zum ersten Mal blickten sie sich direkt an. Er spürte, wie sein Herz etwas schneller schlug. Sie saß, in mehrere Wolldecken gehüllt, gegen die Wand gelehnt. Ihr Haar hing zerzaust auf die Schultern, das Gesicht glich einem bleichen Mond in der Dunkelheit.
  »Bücher aus der Schule«, antworte Daryll mit gedämpfter Stimme. »Alles, was ihr gefallen hat. Auch wenn wir beide nicht alles verstanden haben.«
  Demi lächelte, dann hustete sie.
  »Du vermisst deine kleine Freundin«, flüsterte Murphy mit seiner heiseren Stimme. Er redete früher schon leise, aber bestimmt. Doch selbst hier, in der relativen Sicherheit seines Hauses, wagte er kaum, seine Stimme über ein Flüstern zu erheben. Er hatte etwas von einem alternden Westernhelden. Diejenigen, die nie viel sprachen und lediglich durch Gesten und Blicke zum Ausdruck bringen konnten, was sie zu sagen hatten.
  Das Bild von Mary Jane flammte wie ein Lichtblitz in Darylls Erinnerung auf. Doch er verdrängte es zurück in die Dunkelheit, in der seine Furcht regierte. Es war später noch genügend Zeit, um zu trauern, wie Murphy schon sagte. Entweder, wenn die Welt sich wieder zum Guten wendete, oder man den Tod wie einen eisigen Schatten hinter sich stehen spürte. In beiden Fällen konnte man in die Dunkelheit seiner Erinnerungen hinabtauchen und um diejenigen weinen, die man verloren hatte. Und es würde viele Tränen geben.
  »Ja. Sie war alles, was mir geblieben war.«
  Murphy nickte nachdenklich. Dann hielt er plötzlich mit dem Rühren des Fleisches inne, legte den Kopf zur Seite und lauschte in die Stille. Daryll hielt unwillkürlich den Atem an und tat es ihm gleich.
  Draußen war es bereits dunkel geworden. Ein klagender Wind heulte um den Dachfirst und verlangte nach Einlass. Nicht mehr lange und sie würden das Heulen und Keifen der Kreaturen hören können, die sich mit der Dunkelheit dem Haus näherten.
  Doch Murphy lauschte auf ein anderes Geräusch, das jetzt auch Daryll hören konnte. Das Brummen eines Motors, das stetig lauter wurde. Die Maschine klang unregelmäßig, als würde der Fahrer sie mit hoher Geschwindigkeit über die Straße jagen und immer wieder abbremsen, um gleich darauf wieder zu beschleunigen.
  Murphy sprang schneller, als man es seinen alten Knochen jemals zugetraut hätte. Er eilte um Daryll herum zum Fenster und spähte durch die Ritzen der Holzläden.
  »Ein Motorrad«, presste er zwischen seinen Zähnen hervor. »Es kommt zum Laden.«
  Jetzt war das Dröhnen der Maschine wie Donnergrollen zu hören. Ein Geräusch, das sich in einer Welt, die jegliche Laute verloren hat, erschreckend anhörte. Daryll wurde an das Jaulen der schrecklichen Kreaturen erinnert.
  »Der Narr wird jedes Ungetüm im Umkreis von fünf Meilen zu unserem Haus locken.«
  Murphy schlug mit der Faust gegen die Wand neben dem Fenster. Im nächsten Moment erstarb der Motor und ließ die altbekannte Stille zurück. Murphy zog sich so weit vom Fenster zurück, dass er trotzdem nach draußen sehen konnte.
  »Hey, ich habe Licht gesehen. Ich weiß, dass jemand hier ist.«
  Die Stimme von draußen klang heiser und gehaltlos.
  Murphys Blick ruckte zu den Kerzen. Ein leiser Fluch kam über seine Lippen. Mit weit ausholenden Schritten ging er zur Tür, griff nach seinem Gewehr und drehte sich dann noch einmal um.
  »Ihr bleibt hier«, fauchte er. »Du passt auf Demi auf, Jungchen.«
  Daryll nickte, griff nach seiner Magnum und legte sie auf seinen Schoß. Demi verfolgte jede seiner Bewegungen.
  »Ich lese auch gerne«, sagte Demi plötzlich und sah dabei Daryll an. Die Waffe zwischen ihnen schien selbstverständlich zu sein.
  »Alles, was mit Indianern zu tun hat. Ich habe auch Lederstrumpf gelesen.«
  Daryll nickte, wobei er mit einem Ohr nach draußen lauschte. Er war angespannt. Jedes Härchen auf seinem Körper schien aufgerichtet. Am liebsten wäre er Murphy mit seiner Magnum gefolgt. Was würde mit ihnen passieren, wenn der Fremde den alten Mann einfach über den Haufen schoss und beschließen sollte, das Haus zu seinem Domizil zu machen? Es galten neue Gesetze in diesem Land. Man musste sich nehmen, was man brauchte und was zu haben war.
  »Hast du eine Waffe?«
  Welch bizarre Frage, die er da einem zwölfjährigen Mädchen stellte. Noch vor zwei Wochen hätte er es nicht geschafft, sie auf eine Limonade einzuladen. Und jetzt saßen sie hier, in einem stinkenden, nur von Kerzenschein erhellten Zimmer und unterhielten sich über Waffen.
  »Nein. Das heißt … ich hatte eine.« Demis Blick wurde traurig. »Mein Dad hat sie mir gegeben, als wir Boston verlassen mussten. Aber ich habe sie verloren.«
  Daryll betrachtete seine Magnum, die im Kerzenlicht matt funkelte. Wieder einmal fragte er sich, ob er in der Lage war, sie abzufeuern. Eine Pistole zu besitzen und diese zu benutzen, waren zwei Paar Stiefel.
  Vor dem Haus konnte er Stimmen hören. Dazu den Wind, der am Fensterladen rüttelte. Er spürte plötzlich eine Gänsehaut, doch er vermied es, sie mit Furcht zu assoziieren.
  »Wie war es in Boston?«, fragte er und konzentrierte sich auf Demi, um sich nicht seiner Angst stellen zu müssen.
  »Am Anfang war es gut«, flüsterte das Mädchen. »Wir waren eine kleine Gruppe von Überlebenden, die sich in einem Hospital verbarrikadiert hatten. Jeder hatte seine Aufgaben, das lenkte uns vom Tod ab. Aber dann brachte mein Dad Alicia mit.«
  Daryll sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
  »Eine Infizierte.« Demi hustete. Speichel rann ihr über den Handrücken. »Wenn sie von den Kreaturen gebissen werden, verändern sie sich. Aber das wussten wir damals noch nicht.«
  Die Stimmen vor dem Haus verstummten. Schritte waren zu hören, schwere Stiefel, die auf Sand knirschten.
  »Alicia veränderte sich auch. Sie hat alle getötet. Außer meinen Dad und mich. Meine Mutter …«
  Sie verstummte, in ihren Augen glitzerten Tränen wie Diamanten im Kerzenlicht. Daryll ergriff ohne zu zögern ihre Hand und drückte sie. Sie fühlte sich kalt und zerbrechlich an. Er hatte das Gefühl, eine Porzellanpuppe zu berühren.
  »Denk nicht darüber nach«, versuchte er Murphys Philosophie aufzugreifen. »Wir müssen uns auf das Jetzt konzentrieren. Für alles andere haben wir später noch genug Zeit.«
  Er hörte, wie die Tür zur Wohnung aufgeschlossen wurde und die schweren Schritte durch den Flur polterten. Dann fiel die Tür mit einem lauten Knall wieder ins Schloss, die Riegel wurden vorgelegt. Darylls Hand wanderte zu seiner Waffe. Er zielte auf die Tür, hielt die Magnum allerdings so, dass man sie auf den ersten Blick nicht sehen konnte. Plötzlich wusste er, dass er sie benutzen konnte.
  Im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet und Murphy kam gebeugt und außer Atem ins Zimmer. Sein Gesicht war rot von der abendlichen Kälte, sein Haar stand wirr vom Kopf.
  Hinter ihm erschien ein riesiger Schatten in der Tür, der den Raum trotz der Kerzen zu verdunkeln schien. Daryll dachte für den Bruchteil einer Sekunde an das Abbild jener Gestalt in der Eingangstür von ›Tenberries‹, die ihm Mary Jane genommen hatte.
  Im nächsten Augenblick trat ein Mann in den Raum, der sich ducken musste, damit sein Kopf nicht gegen den Türsturz schlug. Als er sich im Zimmer aufrichtete, erschien er Daryll wie ein Riese.
  Er trug eine staubbedeckte Lederhose und eine zerrissene Jacke, ebenfalls aus Leder. Seine Stiefel waren mit silbernen Schnallen übersät, die jedoch schmutzig und schwarz angelaufen waren. Er fuhr sich mit einer Hand, die Daryll an eine Gartenschaufel erinnerte, durch das struppige, lange Haar und legte ein kantiges, jedoch freundliches Gesicht frei. Eine große Narbe verlief von der Stirn am Auge vorbei bis zum Kinn. Der Blick des Mannes war klar, verbarg jedoch seine Erschöpfung nicht. In der freien Hand trug er eine Pumpgun, die wie ein Spielzeug wirkte. Er stellte sie neben Murphys Waffe gegen die Wand, warf Daryll und Demi einen kurzen Blick zu und ließ sich auf den Sessel fallen, auf dem Daryll zu Beginn des Tages gesessen hatte. Das Holz ächzte unter dem Gewicht des Mannes.
  Murphy kam zum Bett, setzte sich auf seinen Stuhl und rührte das Essen weiter, als sei nichts geschehen. »Du kannst deine Waffe wieder weglegen«, sagte er lächelnd und nickte in Richtung der Magnum, die Daryll unter dem Tisch auf den Fremden gerichtet hielt.
  Dieser blickte kurz auf. Sein Gesichtsausdruck war der eines Mannes, der schon mehr gesehen hatte, als gut für ihn war. Er senkte seinen Blick wieder, stützte sich auf den Knien ab und starrte zu Boden.
  »Das ist Wulf.«
  Daryll legte die Waffe auf seinen Schoß und betrachtete den massigen Mann.
  »Wulf?«
  Als der Fremde sich aufrichtete, war Daryll versucht, erneut zur Pistole zu greifen. Doch ein kraftloses Lächeln des Mannes ließ ihn innehalten.
  »Wulf muss reichen«, sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme. »Namen bedeuten nichts mehr.«
  Daryll wollte ihm seinen Namen nennen, doch kein Laut kam über seine Lippen. Stattdessen ergriff Demi das Wort: »Wieso nennen Sie sich Wulf?«
  Murphy und der Fremde tauschten einen kurzen Blick, wobei Murphy sich wieder mit einem schiefen Lächeln dem Topf zuwendete.
  Als der Mann sich aus dem Sessel erhob, schien es dunkler im Zimmer zu werden. Er kam zum Bett herüber, wobei sich sein Schatten wie ein Berg über die Wand bewegte, und setzte sich auf die Bettkante. Demi sah den Fremden mit angsterfüllten Augen an, wich jedoch nicht zurück.
  »Mein Sohn nannte mich Wulf«, murmelte er.