Grahams Hoffnung

INHALTSBESCHREIBUNG


Was die Welt am meisten fürchtet, ist längst geschehen. Ein mutiertes Vogelgrippe-Virus (H5N1) hat eine weltweite Pandemie ausgelöst und die Menschheit fast ausgerottet.

Jetzt geht es nur noch ums Überleben. In ihrer dystopischen und post-apokalyptischen Romanreihe hat A. R. Shaw eine realistische Welt nach dem Ausbruch einer viel zu plausiblen Pandemie geschaffen. Die Übriggebliebenen müssen nicht nur ihr persönliches Überleben sichern, sondern wachsen und gedeihen – sonst sind nicht nur sie, sondern ihre Art verloren.

In Band 2 der Thriller-Reihe sind die Bewohner von Grahams Camp in den Cascade Mountains im Bundesstaat Washington einem extrem harten Winter ausgesetzt. Währenddessen konzentriert sich die ihnen wohlgesonnene Gemeinschaft der Prepper darauf, jeglichen direkten Kontakt mit der Außenwelt und möglichen Trägern des Virus zu vermeiden. Spannungen zwischen den beiden Lagern entstehen, als das Schicksal erneut zuschlägt. Menschlichkeit und Mitgefühl stehen im Konflikt mit dem Überlebensinstinkt und werden auf eine harte Probe gestellt. Sind Grahams Gruppe und die Prepper zum Scheitern verurteilt in dem Versuch, friedlich nebeneinander zu existieren?

Kapitel 1

 

Der Pfad zwischen den Bäumen

 

Der frühmorgendliche Winterhimmel war in ein lebhaftes Lila getaucht, das auf dem Weg zum Horizont in ein stechendes Blau überging. Es war so kalt, wie die Hölle heiß ist, sofern es einem gelang, sich das Gegenteil zur Hitze der Hölle als Eiseskälte vorzustellen. Graham holte die straff gespannte Schnur ein, Hand über Hand. Mit kreisförmigen Bewegungen wickelte er die Schnur von der Hand über den Ellbogen auf und starrte dabei in das dunkelblaue Eisloch im zugefrorenen See. Sich drehend und windend kam die Forelle auf ihn zu, um ihr Schicksal zu erfüllen.

Sam zog ein letztes Mal kräftig an der Schnur, streckte die Hand aus und packte den gierigen Fisch mitten in der Luft. Er entfernte den Haken aus dem Maul und warf den eiskalten Fisch in einen Eimer, der schon gut gefüllt mit seinen Brüdern und Schwestern war. Sam und Graham legten eher Wert auf Menge statt Größe, wenn sie in den seichten Gewässern unter dem Eis fischten. Dennoch hatten sie heute Morgen länger gebraucht als üblich, um genug für alle in ihrer Gruppe zu fangen.

Innerhalb weniger Minuten war das tiefe Blau, vor dem eben noch der Mond eingebettet in einen feinen Nebel gestanden hatte, vom Himmel verschwunden. Das grelle Tageslicht war so intensiv, dass sie Sonnenbrillen aufsetzen mussten. Trotz der Wärme, die das Sonnenlicht mitbrachte, blieb es kalt, und sie behielten ihre zusätzlichen Pelzschichten an.

Sobald sie genug für das Frühstück gefangen hatten, sammelten sie still ihre Ausrüstung ein und machten sich auf den Weg zurück zum Camp. Wie jedes andere Zweierteam, das immer wieder der gleichen Routine unterworfen war, verrichteten sie ihre Arbeit ohne ein einziges Wort, das sich auf die Aufgabe bezog. »Nimm deine Nase da raus, Sheriff«, warnte Graham sanft den Hund mit seiner rauen, tiefen Stimme, als er ihn dabei erwischte, wie er in den Eimer spähte. »Du wirst schon deinen Anteil bekommen.« Er tätschelte den Hund am Kopf, wuschelte ihm durchs Fell und hob ihren morgendlichen Fang auf. Hinter ihm erschien Sam mit den anderen Schnüren in der Hand, nachdem er die Eislöcher mit Sperrholzplatten abgedeckt hatte, damit sie nicht zu sehr zufroren.

»Bereit?«, fragte Sam.

»Ja.«

Das Eis knirschte unter ihren Stiefeln, als sie über die zuverlässige Kruste liefen, und ihre Schritte hallten in der Weite der Landschaft wider, bis sie auf dem Pfad zwischen den Bäumen waren. Mark war gerade damit fertig geworden, den Weg vom Schnee der letzten Nacht zu befreien.

Als sie die Lichtung heraufkamen, warf Bang, der von Kopf bis Fuß in seiner Schneeausrüstung steckte, gerade den Hühnern Essensreste zu. Begierig umschwirrten sie ihn und stürzten sich auf die mageren Delikatessen. Sheriff rannte voraus, um seinem jungen Freund zu helfen. Graham lachte, amüsiert darüber, dass der Hund nicht verstand, warum sie die Vögel in Käfigen hielten und warum, um alles in der Welt, er sie nicht in ihrem Stall besuchen durfte. Die Hennen legten unhöflicherweise keinerlei Wert auf Sheriffs Gegenwart und eilten immer ans andere Ende ihres Geheges, wenn er sie jeden Morgen begrüßen kam.

Graham rief Bang zu: »Denk dran, dass du ihnen frisches Wasser gibst!«

»Mache ich doch immer«, antwortete Bang, den die unnötige Erinnerung etwas verärgert aussehen ließ. Doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. »Mark hat gemeint, ich soll dir sagen, dass Ennis immer noch schläft.«

»In Ordnung, danke. Ich sehe nach ihm.« Graham und Sam gingen schweigend an der Vorderseite ihrer Blockhütte vorbei. Sam wirkte nachdenklich, was für ihn nicht ungewöhnlich war. Man konnte den ganzen Tag mit ihm verbringen und häufig kam nicht mehr als ein Nicken oder ein gelegentliches Wort aus ihm heraus. Graham vermutete, dass Sam entweder über ihre Zukunft nachdachte oder darüber trauerte, dass er von seiner Tochter Addy getrennt war. Ob er jemals wieder einen anderen Menschen in seine Gedankenwelt hineinlassen würde, war völlig offen. Umso überraschter war Graham, als Sam sich zu Wort meldete.

»Weißt du, Ennis wird keinen weiteren Winter mehr erleben. Du solltest darauf vorbereitet sein, Graham.«

Graham antwortete leise. »Ja, ich weiß. Wir verlieren ihn jeden Tag ein Stückchen. Er redet kaum noch, und wenn er es tut, sind es unverständliche Warnungen. Als ob er versucht, uns so viel wie möglich mitzugeben, bevor er geht.« Graham blieb abrupt stehen und stieß mit der Stiefelspitze gegen das Eis. Ein Wölkchen aus weißen Kristallen stob nach vorn. »Ich bin dankbar, dass wir ihn so lange bei uns hatten.«

Sam klopfte ihm auf den Rücken. Er mochte Ennis auch. Der alte Mann hatte Sam sogar ein paar Tricks gezeigt, wie er die kleinen Holzfiguren besser hinbekam, die er für Addy schnitzte, seine Tochter, die er sehen und hören, aber nie wieder berühren durfte. Wenn ein Mann einem etwas Nützliches fürs Leben beibrachte, gehörte er für Sam zu den Guten. Ein Jammer, dass sie mit ansehen mussten, wie Ennis' Lebenskräfte nachließen, jetzt, wo sie ihn so sehr lieben und schätzen gelernt hatten.

»Pass auf, ich säubere die Forellen und kümmere mich ums Aufräumen. Geh du vor und hilf Tala mit Ennis«, sagte Sam.

»Danke, Sam.« Graham reichte ihm seine Ausrüstung. Dann bemerkte er Sheriff, der in der Hoffnung auf einen oder zwei Fischköpfe hinter Sam hertrottete. Dem Hund fiel es leicht, sich über den Tag immer wieder einer anderen Person anzuschließen, je nachdem, wer die besseren Leckereien hatte. Heute Morgen war Sam der Mann der Stunde, aber bei Einbruch der Dunkelheit würde Sheriffs ganze Loyalität zweifellos wieder Macy gehören.

Graham lief zurück zur Hütte, sprang die Treppe immer zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben und stampfte über den Holzboden der Veranda. Die Tür schwang auf. Tala begrüßte ihn mit einem besorgten Gesichtsausdruck.

»Da bist du ja endlich! Ich brauche deine Hilfe. Es geht ihm gar nicht gut«, sagte sie. Sorgenfalten zeichneten sich auf ihrer Stirn ab, sie kämpfte mit den Tränen. Graham nahm sie in den Arm. »Schon gut, schon gut, ich kümmere mich darum«, sagte er und beruhigte sie, so gut er konnte. Eigentlich war Tala ganz und gar nicht der ängstliche Typ. Sie hatte sich als realistisch und praktisch erwiesen, mehr noch als die meisten Menschen, denen Graham je begegnet war. Und sie alle wussten im Stillen, dass sie Ennis bald verlieren würden. Doch Talas offensichtliche Sorge beunruhigte Graham und ließ ihn befürchten, dass das Ende unmittelbar bevorstand.

»Mark und ich haben versucht, ihm aufzuhelfen, aber er hat gesagt, dass er auf dich warten will. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er uns schon nicht mehr erkennt.«

»Ich werde gleich nach ihm sehen. Hat er schon etwas gegessen oder getrunken?«

»Ich habe ihm vorhin etwas Wasser gebracht. Ich glaube nicht, dass er davon schon etwas getrunken hat.« Dann senkte sie ihre Stimme noch mehr und flüsterte: »Graham, was sollen wir tun? Es wird von Tag zu Tag schlimmer, er trinkt weder Wasser noch irgendetwas anderes, von Essen ganz zu schweigen. Ich glaube, eine Infektion hat ihn erwischt, und er will nicht, dass wir merken, unter welchen Schmerzen er leidet.«

»Wir hatten Glück, ihn für die Zeit bei uns zu haben, die ihm vergönnt war«, sagte Graham und zog sie zu sich. Sie sah blass aus. Er strich ihr mit dem Handrücken über die Wange. Als er ihr in die Augen blickte, sah er Angst aufblitzen und fragte sich, was sie so erschreckt haben mochte. Bevor er sie fragen konnte, zogen Schritte hinter ihm seine Aufmerksamkeit auf sich. Macy kam aus dem Badezimmer und sah, wie sie sich umarmten.

»Könnt ihr das nicht woanders machen?«, fragte sie und stapfte frustriert durch die Tür nach draußen.

Graham und Tala mussten beide lachen. »Armes Mädchen«, sagte Tala und wandte sich wieder dem Gedanken an den kranken alten Mann zu. »Ich denke, Ennis braucht Antibiotika und Phenazopyridinhydrochlorid.«

»Phenazo-was?«, fragte Graham.

»Phenazopyridin. Es betäubt die Harnwege. Frag mich nicht, woher ich das weiß. Die Antibiotika haben wir, das andere aber nicht. Ich hasse es, ihn so leiden zu sehen.«

Graham nickte. Er zog sie fest an sich und küsste sie auf die Stirn. Dann ließ er sie los. »Lass es uns ihm so bequem wie möglich machen, bis wir genauer wissen, was mit ihm los ist.«

Tala schloss die Augen und nickte. Stille Tränen rannen über ihre Wangen.

Graham zog seinen Mantel aus und ging in das Innere der Blockhütte. Ihm voraus auf dem Weg zum Schlafraum ging sein Schatten, der durch den goldenen Schimmer dieses ungeheuer kalten Morgenlichts glitt, das auf den abgewetzten, verwitterten Holzfußboden fiel.

Leise betrat er den Schlafraum und fand Ennis auf die Seite gedreht und tief schlafend. Reglos lag er da, nur sein leises pfeifendes Schnarchen war zu hören, an das Graham sich in den letzten Monaten so gewöhnt hatte. Er richtete ein wenig die Decke und betastete die Stirn des alten Mannes. Als er kein Fieber spürte, ließ er ihn weiterschlafen und hoffte, dass die Ruhe ihm helfen würde. Er schloss die Tür zum Schlafraum hinter sich, um den Lärm der Lebenden abzuwehren, die bald ihren Morgenroutinen nachgehen würden.

»Er schläft tief und fest«, sagte er flüsternd zu Tala, um so lange wie möglich den Frieden zu bewahren, der noch über ihrem Zuhause lag. Am besten blieben sie noch eine Weile so leise wie möglich, bevor die anderen zurückkehrten. »Nach dem Frühstück gehe ich noch einmal zu ihm. Wann bist du das nächste Mal am Funkgerät und sprichst mit Clarisse? Vielleicht kann sie uns ein paar Hinweise geben.«

»Wir sind für morgen Nachmittag verabredet.« Tala wirkte noch immer stark angespannt, und als Graham in ihre braunen Augen sah, war dort noch etwas, das ihm Anlass zur Sorge gab. Tatsächlich sah sie bei näherer Betrachtung ziemlich blass aus für eine Frau mit indianischem Erbe und ebensolchem Hautton. »Du siehst nicht gut aus. Ist dir schlecht?«

»Es geht schon. Ich mache mir nur Gedanken um Ennis.«

Schnell verschwand Tala in der Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Graham hatte nicht vor, sie einfach so davonkommen zu lassen, und ging ihr nach, um eine bessere Antwort einzufordern. Doch die Tür ging auf und Sam kam mit den Kindern und Sheriff im Schlepptau herein. Graham und Tala hatten so gut wie nie auch nur einen Moment Privatsphäre – kein Wunder bei vier Kindern, zwei weiteren Erwachsenen und Sheriff.

Sam gab Tala die gesäuberten Fische, damit sie diese – im wahrsten Sinne des Wortes – rasch in die Pfanne hauen konnte. Ihre morgendlichen Aufgaben hatten alle hungrig gemacht. Während die anderen aufräumten und den Tisch deckten, bestückte Graham aufs Neue den Ofen, um die anhaltende Kälte abzuwehren, die durch die Risse und Spalten in den Holzwänden der alten Blockhütte hereinsickerte.

Bald verströmten die Geräusche und Gerüche bratender Fische die verheißungsvolle Erwartung, dass der Hunger in Kürze ein Ende haben würde. Wie immer vor dem Frühstück bildete sich vor der Badtür die vertraute Schlange, da sich alle frisch und sauber an den Tisch setzen wollten. Genauso schnell, wie sie das Essen zubereitet und den Tisch gedeckt hatten, verzehrten sie ihre Mahlzeit aus in Maismehl gebratenen Forellen, cremig gerührter Maisgrütze und hausgemachten, herzhaften Biskuits, ohne über den üblichen Dank hinaus allzu viele Worte zu wechseln. Um ihre Vorräte zu schonen, aßen sie üblicherweise kein Mittagessen. Also hatten sie gelernt, das Frühstück und das Abendessen ernst zu nehmen und gut zu essen. Wenn sie zwischendurch der Hunger packte und sie neue Energie für die harte Arbeit benötigten, die Tag für Tag von ihnen abverlangt wurde, nahmen sie sich etwas von den zusätzlichen Backwaren, die Tala immer bereithielt.

Graham beendete seine Mahlzeit und sah auf, in der Erwartung, dass sich seine und Talas Blicke wie üblich trafen. Aber sie sah nach unten und machte einen gedankenverlorenen Eindruck. Er wusste, dass sie sich Sorgen um Ennis machte, aber er vermisste ihre Fröhlichkeit, die sie sonst ausstrahlte. Heute Morgen schien sie unnatürlich still zu sein. »Das war ein prima Frühstück, Tala«, sagte er. »Danke.«

Sie sah zu ihm auf und schenkte ihm ein kleines Lächeln. Dann widmete sie sich wieder ihrem Essen, rührte aber kaum etwas davon an. Er wollte sie gerade fragen, was sie beschäftigte, als Sam sich zu Wort meldete. Da Sam niemand war, der verschwenderisch mit Worten umging, wandte sich Graham ihm mit voller Aufmerksamkeit zu, während Tala und der Rest der Bande begannen, den Tisch abzuräumen.

»Hey, Graham, bevor du gehst …« Sam lehnte sich mit einem Ellbogen auf den Tisch. »Ich schlage vor, dass wir noch ein letztes Mal in diesem Winter auf die Jagd gehen. Diesmal wollen Mark und Marcy dabei sein.« Er deutete auf die beiden Teenager, die aus der Tür eilten, um ihren Wachdienst zu übernehmen.

Die deutliche Pause verriet Sam, dass Graham einige Vorbehalte hatte. »Ich weiß nicht so recht«, sagte Graham schließlich. »Seit Jahren habe ich keinen so kalten Winter erlebt.«

Sam wusste, dass es stimmte. Die Außentemperaturen hatten in den letzten Wochen weit unter dem Gefrierpunkt gelegen. Jetzt war Februar, und sie alle sehnten sich nach wärmerem Wetter. Als ob die Erde selbst den massiven Verlust an menschlichem Leben betrauerte, verhüllte sich Mutter Natur zu einer trostlosen Landschaft aus weißer Kälte. Trotzdem versuchte Sam weiter, Graham davon zu überzeugen, dass es notwendig war, noch einmal in diesem Winter hinauszugehen. »Wir müssen unsere Vorräte aufstocken, und zumindest zwei von den Jungen sollten mitkommen. Sie müssen lernen, damit sie im nächsten Jahr ohne uns alte Männer auf die Jagd gehen können.«

Es war Graham anzusehen, wie er nachdachte, und Sam wartete. Graham und er mussten ihnen die Dinge beibringen, die sie brauchten, um notfalls auch auf sich allein gestellt überleben zu können. So sah ihr Leben jetzt aus, und keiner von ihnen wusste, ob er die nächsten kalten Wintertage erleben würde, geschweige denn die hoffnungsvollen Blüten des nächsten Frühlings.

Sam wusste aus Erfahrung, diese Jagd war die letzte der Wintersaison. Später würde es da draußen zu matschig und gefährlich werden, um sich so weit von der Blockhütte zu entfernen, wie es für eine erfolgreiche Jagd nötig war. Er hoffte, dass Graham das auch so sah.

»Könnt ihr nicht noch eine Woche warten?«, fragte Tala und unterbrach die unangenehme Stille. »Vielleicht ist es dann nicht mehr ganz so kalt.«

»Wenn wir noch länger warten, wird der Schnee tauen und die Bedingungen sich rapide verschlechtern. Im nassen Schnee zu zelten ist kein Spaß, und es ist ungleich gefährlicher und schwieriger, sicher über die Pässe zu kommen. Lawinen sind nur eine der möglichen Gefahren. Jetzt ist die letzte Gelegenheit vor dem Frühling, sicher unterwegs zu sein. Ich würde nicht vorschlagen, die beiden mitzunehmen, wenn es zu gefährlich wäre.«

»Natürlich nicht, Sam«, sagte Graham. »Ich denke, wenn du sie jetzt mitnimmst und ihnen ein paar Härten zumutest, lernen sie wahrscheinlich am meisten. Und Marcy für ihren Teil ist bereit. Sie hat jetzt zum ersten Mal darum gebeten, mit auf die Jagd zu dürfen. Es wird eine gute Gelegenheit sein, ihre Überlebensfähigkeiten zu verbessern.«

»Nun ja, sie könnte durchaus auch den einen oder anderen Hintergedanken haben«, äußerte Tala ihren lange gehegten Verdacht.

»Dazu kommt es auf gar keinen Fall.« Graham fuhr sich mit einer müden Hand durch sein bärtiges Gesicht. »Wenn ihr schon gehen müsst, dann sorge dafür, dass die beiden Turteltäubchen immer schön beschäftigt sind.« Er seufzte. »Ich weiß nicht, wie lange wir Marcy und Mark noch voneinander fernhalten können. Und ich muss mich jetzt auf meine alten Tage auf einmal mit zwei Töchtern im Teenageralter herumschlagen. Sie machen mich wahnsinnig.«

Tala sah ihn kurz böse an und warf dann Sam einen entschuldigenden Blick zu, während sie sich gegen die Küchentheke lehnte.

Graham verstand sofort. »Es tut mir leid, Sam. Du darfst mir einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpassen.«

Sam hob die Hände, wie um die Entschuldigung körperlich abzuwehren. Ja, der Schmerz, von seiner Tochter getrennt zu sein, war nach wie vor heftig, aber Mitgefühl half kein Stück.

»Graham, für den Moment habe ich die Lage akzeptiert, so wie sie jetzt ist. Es geht ihr gut und ich kann sie nach wie vor sehen und mit ihr sprechen. Ich kann nicht bei ihr sein, aber sie ist gesund und gut aufgehoben im Lager der Prepper. Von ihr getrennt zu sein ist die Hölle, aber Clarisse sagt, dass sie weiter nach einem Heilmittel sucht, um das Virus zu bekämpfen. Ich kann nur hoffen, dass sie eines Tages etwas findet, das uns alle heilt. In der Zwischenzeit stecke ich eben bei euch fest. Nehmt es mir nicht übel.« Sams Worten zum Trotz wusste Graham, dass er immer noch einigen Groll gegen sie als Träger des Virus hegte. Zu groß war das Opfer gewesen, das er auf sich genommen hatte, und unterschwellig belastete es auch die Beziehungen zwischen ihnen und den Preppern.

Tala lächelte. »Wir nehmen dir gar nichts übel, wir freuen uns, dass du bei uns bist. Wir wünschten nur, die Umstände wären andere.« Grahams zustimmendes Nicken schien Sam so aufrichtig zu sein wie sein zerknirschter Gesichtsausdruck, der besagte, dass es ihm leidtat, etwas Unüberlegtes gesagt zu haben.

Sam entfuhr ein schnaufender Atemzug, der ein Schluchzen hätte verdecken können. Er war sich selbst nicht sicher, in welche Richtung sich seine Gefühle entwickeln würden. »Ich auch. Obwohl es schon einige Zeit her ist, ist der Schmerz immer noch so stark wie an dem Tag, an dem ich sie bei den Preppern zurücklassen musste. Ich fühle mich wie ein Elternteil nach der Scheidung und Dalton hat das Sorgerecht für sie. Ich liebe den Kerl, aber ich hasse ihn auch. Ergibt das irgendeinen Sinn?«

»Es ergibt sogar sehr viel Sinn«, versicherte Tala ihm.

Obwohl Graham und Tala ihn immer wieder ermutigten, über alles zu reden, blieb Sam meistens still. Als er zu ihnen gekommen war, war er zu tief in seiner Trauer versunken gewesen, um auch nur ein einziges Wort laut zu äußern, aus Angst, er würde mehr aus sich herauslassen, als er bewältigen konnte. Statt seinem Schmerz herzerbarmend freien Lauf zu lassen, behielt er ihn lieber für sich. In der Anfangszeit war er stets früh am Morgen verschwunden, um die Wälder zu durchstreifen. Niemand hatte ihn gefragt, was er mit seiner Zeit anstellte. Er hatte mitbekommen, wie einige der Kinder Fragen stellten, und als Graham ihnen gesagt hatte, sie sollten ihm etwas Zeit geben, um seinen Verlust verarbeiten zu können, wusste er, dass der andere ihn verstand. Der Schmerz, den Sam ertragen musste, war grenzenlos und höllisch. Einmal – nur einmal – hatte Graham ihn laut dafür bewundert, dass er seine Wut nicht an ihm und seiner kleinen Gruppe von Trägern ausließ. Sam war klar, dass Graham sich selbst schuldig fühlte und nichts mehr wünschte, als etwas gegen die Situation tun zu können.

Manchmal überwältigte Sam der Kummer beinahe, aber draußen zwischen den stoischen Bäumen, den trostlosen Bergen und dem endlosen Schnee hatte er endlich gelernt, zu akzeptieren, was er nicht ändern konnte.

Jetzt, wo er das Virus in sich trug, war ihm keine andere Wahl geblieben, als sich Grahams Gruppe anzuschließen. Wenigstens konnte er noch mit seiner Tochter Addy über das Funkgerät sprechen, und alle paar Tage brachte Dalton sie zum vereinbarten Treffpunkt am Skagit River, wo Sam sie aus sicherer Entfernung über den Fluss hinweg auf der anderen Seite sehen konnte. Irgendwie hatte sich eine Art Normalität eingestellt oder zumindest ein möglicher Umgang angesichts ihrer unmöglichen Situation.

Einige Zeit war ins Land gegangen, bevor Sam sich auf seine neue Lage eingestellt hatte. Jeden Tag zum Abendessen hatten sie seinen Platz eingedeckt, ob er in der Blockhütte war oder nicht. Spätabends war er immer wieder zurückgekehrt und hatte zumindest in der Hütte geschlafen. Allmählich hatte er immer mehr Zeit mit ihnen verbracht und an ihrem Alltag teilgenommen. Und inzwischen war er Teil ihrer Familie.

»Ich habe gehört, dass Addy in letzter Zeit viel Zeit mit Clarisse verbringt«, sagte Tala. »Wir sprechen mindestens einmal in der Woche über Funk. Sie genießt es, Addy im Labor um sich zu haben, wo sie ihr beigebracht hat, wie man verschiedene Substanzen und Gewebe im Mikroskop erkennt. Sie hat sogar einen Laborkittel gefunden, der ihr passt.«

Ein stolzes Lächeln breitete sich auf Sams Gesicht aus. »Dalton hat mir erzählt, dass Addy ihre Zeit lieber mit Clarisse im Labor verbringt als mit den anderen Kids in der Schule. Er hat gesagt, dass du ihr ein paar Tipps gegeben hast, wie sie Addy in höherer Mathematik unterrichten kann?«, fragte Sam.

»So ist es. Ich denke, das ist das Beste, was ihr im Moment passieren kann. Sie ist sehr schüchtern, nach dem, was ich gehört habe. Wenn sie mit den anderen Kindern in der Schule unterrichtet würde, käme sie nicht so schnell voran wie bei Clarisse. Clarisse ist ohnehin eher der Typ Einzelgänger. Es passt also für beide wunderbar.«

»Dalton sagt, dass sich Clarisse immer noch Vorwürfe macht«, sagte Graham. »Sie verlässt die Quarantänestation nur selten und schickt abends die Wache zurück ins Lager. Dann verbringt sie die Nacht allein in ihrem Labor.«

»Was passiert ist, war nicht ihre Schuld. Es war niemandes Schuld. Was passiert ist, ist passiert. Ich bin jetzt ein Träger. Zumindest lebe ich noch«, sagte Sam mit einem Ausdruck, der nach einstudierter Schicksalsergebenheit klang. Dann versuchte er, das Thema zu wechseln. »Also, wir machen das jetzt mit der dreitägigen Jagd? Ich nehme morgen die zwei Turteltäubchen mit?«

»Ja klar, zumindest kommt Marcy für ein paar Tage aus ihrem Trott heraus und kann hier nicht so viel Unfug anstellen. Sie wirkt immer genervter, und sie ist bewaffnet. Das macht mir Sorgen, Mann«, sagte Graham grinsend.

»Gut, ich lasse sie ihre Ausrüstung zusammenstellen«, sagte Sam und erhob sich vom Tisch.

»Und ich mache euch ein paar Essenspakete fertig«, sagte Tala.

Jeden Morgen in diesem trostlosen Leben nach dem Tod standen sie auf und gingen gemeinsam die nie enden wollenden Aufgaben des Tages an, jeder einzelne wie ein Rädchen in einem Getriebe. Sobald ein Rädchen nicht richtig rund lief oder quietschte, nutzten sich die anderen umso schneller ab, und das wiederum barg Gefahren für die ganze Gruppe.

Ende der Leseprobe

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