Buchcover:

Ghost Writer

INHALTSBESCHREIBUNG


19 unheimliche Geschichten.

In Ghost Writer entführt Andreas Gruber Sie mit seinen Horrorgeschichten in das Leipzig des Jahres 1840, nach New Orleans um 1908 und in das Wien des Jahres 1945.
Wir treffen auf elektronische Spinnen, einen krimineller Zahnarzt, einen verrückter Erfinder in einem Kellerlabor und ein ungewöhnliches Brüderpaar, das an einer seltenen Krankheit leidet.

Erfahren Sie mehr über einen erschreckenden archäologischen Fund bei Athen, eine Lovecraft-Hommage über die Miskatonic-Universität in Arkham, sowie eine teuflische Weihnachtsgeschichte direkt aus der Hölle.

Und freuen Sie sich nicht zuletzt auf ein Wiedersehen mit Edgar Allan Poe und Jack the Ripper.

All-Inclusive-Tours


Diese Story ist eine meiner ältesten und wurde für eine Ausgabe des österreichischen Literatur-Magazins DUM zum Thema »Fleisch« geschrieben. Österreichische Literatur-Magazine tendieren ja in eine intellektuelle, experimentelle und literarisch anspruchsvolle Richtung, die sich mir bisher immer verschlossen hat. Umso mehr war es mir ein Bedürfnis, etwas un-literarisch Satirisches zu schreiben.

Von der intellektuellen Crème de la Crème der österreichischen Literaten gab es wie üblich keine Reaktion darauf – doch bei meinen Lesungen ist All Inclusive-Tours immer ein Renner, vor allem zu Beginn, wenn das Publikum etwas zum Schmunzeln braucht, bevor es später ans Eingemachte geht.


Klaus stand bis zum Nabel im trüben Wasser. Er rümpfte die Nase, es roch nach Zwiebel und Paprika. Mit den Handflächen kreiste er über den Wellen und schaukelte die Flüssigkeit auf, sodass sie über den Rand des Kessels schwappte. Er schielte zu dem Schwarzen, der barfuß, mit einem Baströckchen bekleidet, zum Kessel trottete und einige Scheite Holz nachlegte. Das Feuer prasselte, die ausgedorrten Äste knisterten und knackten.

Klaus bemerkte die leuchtenden Augen des Farbigen und tänzelte von einem Zehenballen auf den anderen. Allmählich wurde der Kesselboden heiß. »Ich möchte raus!«

»Mugu basala!« Der Schwarze deutete mit der Hand in den Kessel. An seinen Unterarmen schepperten goldene Armreifen. Er lächelte verschmitzt und rieb sich die Hände über der Glut des Feuers.

»Ich möchte mit dem Reiseleiter sprechen!«, maulte Klaus.

Der Schwarze beachtete ihn kaum, fingerte aus dem Baströckchen zwei winzige Behälter, die verdächtig nach Salz- und Pfefferstreuer aussahen. Von beiden schüttete er eine Prise in den Kessel.

»Mhmmmmm!« Der Eingeborene grinste in voller Breite über das ebenholzschwarze Gesicht.

»Ich möchte den Reiseleiter sprechen!« Klaus warf die Arme trotzig in die Luft, sodass die dunkle Brühe überschwappte.

»Mugu!«, rief der Schwarze zornig, als die Suppe im staubigen Sand versickerte. Behäbig trottete er davon.

Klaus hockte im Kessel und blickte dem Schwarzen hinterher, bis er in einer Bambushütte verschwunden war. Hinter Klaus stampften die Schwarzen mit nackten Füßen auf der Stelle und wirbelten ihre Speere durch die aufsteigende Sandwolke. Blinzelnd starrte Klaus in die Sonne, die wie ein gleißender Ball über dem Horizont hing und sich gemächlich in den Zenit schob. Die Vormittagsstrahlen prickelten ihm auf der Haut. Da kletterte ein Mann in brauner Kakihose und geblümtem Hawaiihemd aus einer Strohhütte. Endlich! Klaus schirmte die Augen mit der Handfläche ab.

»Hallo!«, rief er quer durchs Dorf, als er den Reiseleiter erkannte. Hektisch begann er zu winken.

»Schscht!« Der Fremdenführer legte den Zeigefinger auf die Lippen. Er schlenderte unauffällig in die Nähe des Kessels. »Seien Sie still! Wenn Sie während der Essenszeremonie solchen Lärm machen, ziehen Sie den Zorn des Stammes auf sich.« Er nickte den tanzenden Schwarzen freundlich zu.

»Den Zorn des Stammes?«, brüllte Klaus. »Die wollen mich bei lebendigem Leib braten! Und Sie geben mir Ratschläge, wie ich mir nicht den Zorn dieser Horde zuziehe?«

»Kochen … nicht braten!«, wisperte der Reiseführer und legte erneut den Zeigefinger auf die Lippen. Unter dem Hawaiihemd spannte sich der braungebrannte, sehnige Bizeps. Vom Haaransatz lief ihm der Schweiß übers Gesicht. Er wischte sich über die Wange und glotzte auf Klaus’ schmächtige, knallrote Schultern. »Sie sollten sich vor einem Sonnenbrand in Acht nehmen.«

Klaus blickte ratlos an sich hinunter. Vom Boden des Kessels brodelten winzige Luftblasen an die Oberfläche, er trat von einem Bein aufs andere. »Holen Sie mich raus«, flüsterte er und streckte dem Fremdenführer die Arme entgegen.

Der Reiseleiter zuckte mit den Achseln. »Kann ich nicht!«

»Waaas?« Klaus’ Augen wurden groß.

»Schauen Sie.« Der Mann zog die Schultern hoch und breitete die Arme aus. »Ich habe Sie gewarnt, doch Sie wollten keine Rückreise-Versicherung abschließen.«

Klaus verdrehte die Augen.

»Sie wollten Afrika so kennenlernen, wie es ist«, argumentierte der Fremdenführer.

Klaus stöhnte auf.

»Eine All-Inclusive-Safari mitten ins Herz des Landes, mit den Stammesriten der Eingeborenen auf das Intimste vertraut«, zitierte der Mann den Slogan aus dem Werbeprospekt. »Außerdem haben Sie Gebrauch von unserem Frühbucherbonus gemacht. Deshalb wurden Sie für den Kessel ausgewählt und kein anderer.« Erneut zuckte er mit den Achseln.

»Ich will raus!«, brüllte Klaus.

»Ja, ja«, beschwichtigte ihn der Mann. »Es geht ungeheuer schnell, Sie spüren das kaum. In zwanzig Minuten ist alles vorüber.« Er bückte sich und legte einige Scheite Holz nach.

»Was machen Sie da?« Klaus versuchte über den Rand des Kessels zu spähen. »Ich will hier raus!«

»Ja, ja.« Der Reiseleiter zog ein Tuch aus der Brusttasche des Hawaiihemds. Er wischte sich den Schweiß aus dem muskulösen Nacken. »Verdammt heiß hier, nicht?«

»Ich will nach Hause!«, jammerte Klaus.

Die Augen des Reiseleiters erhellten sich. »Apropos nach Hause …« Er fingerte einen Packen Karten samt Kugelschreiber aus der Gesäßtasche. »Die müssen Sie unbedingt noch unterschreiben, bevor …« Er verstummte und reichte Klaus den Stapel.

»Bevor was?« Perplex griff Klaus danach.

»Vorsicht!«, zischte der Reiseleiter. »Passen Sie doch auf, Sie machen die Ansichtskarten nass und verwischen die Schrift.«

»Schöne Urlaubsgrüße aus Kenia. Hier gefällt es mir, hier bleibe ich«, las Klaus verdattert vor. »Das soll ich unterschreiben?«

»Ja.« Der Touristenführer zuckte wie beiläufig mit den Achseln. »Das ist gut für unsere Werbung. Public Relations von unseren zufriedenen Kunden, das verstehen Sie doch sicher, nicht wahr?«

»Natürlich.« Hoffnung keimte in Klaus auf. Er nickte und griff nach dem Stift. Während er unterschrieb hopste er von einem Bein aufs andere. »Holen Sie mich jetzt raus?«, fragte er leise.

»Seien Sie nicht trotzig!«, antwortete der Reiseleiter ärgerlich. Er blinzelte in die Sonne. Unauffällig zückte er ein winziges Fläschchen aus der Hosentasche und streute eine Prise in den Kessel.

»Was machen Sie da?«, kreischte Klaus.

»Oregano«, erklärte der Reiseleiter beiläufig und ließ den Streuer in der Tasche verschwinden.

Ende der Leseprobe

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