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FRACTURED – DIE WUNDEN DER WELT

FRACTURED – DIE WUNDEN DER WELT

  • ISBN: 978-3-95835-348-0

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Alles fing mit dem Heulen der Sirenen an. Ein todbringender Virus breitete sich ungehindert aus und ließ das fragile Konstrukt der Gesellschaft zusammenbrechen. Zuerst verbarrikadieren sich die Eheleute Harmony und Dan in ihrem Haus, doch schnell wird ihnen klar, dass sie sich in einen gnadenlosen Wettlauf um das Leben ihrer Lieben stürzen müssen. Die Infizierten sind überall, und es gilt, ihnen immer einen Schritt voraus zu sein. In einer Welt, die sich rapide verändert hat, gelten über Nacht andere Gesetze, und der tödliche Virus macht keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Menschen. Ist auch ihr Schicksal bereits längst besiegelt?

Einleitung

Ground Zero, Los Angeles

 

Im Nachhinein betrachtet kann man wohl sagen, dass alles mit einer einzelnen Nachrichtenmeldung anfing. In einer Gegend, in der viele Obdachlose herumlungerten, fiel einer von ihnen plötzlich einen anderen an. Handgreiflichkeiten zwischen Männern aus diesem Milieu waren nichts Ungewöhnliches; angeblich handelte es sich dabei ohnehin überwiegend um Geistesgestörte. Dieser eine Vorfall machte allerdings Schlagzeilen, weil der Angreifer das Gesicht seines Opfers quasi zum Frühstück verspeiste. Laut des Berichts lag der eine brüllend am Boden, während der andere auf ihm saß und ihm das Fleisch von den Knochen riss, wobei er irgendwann sogar einen Augapfel auf ein vorbeifahrendes Auto geworfen haben soll. Die Behörden führten dies auf das leidige Thema von Missbrauch von Drogen zurück – insbesondere von Mephedron.

Es hieß, der Gebissene habe das Ganze überlebt, wohingegen der Beißer zunächst in eine Psychiatrie und dann ins Gefängnis gesteckt wurde. Da die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen allerdings durchschnittlich nur fünfzehn Minuten beträgt, geriet die Meldung schnell in Vergessenheit, nachdem sie ihre Sendezeit erfüllt hatte. Wie lange kann man aber auch über zwei Obdachlose diskutieren? In einer Großstadt kam so etwas schließlich täglich vor. Beißwütige entsprachen zwar nicht unbedingt der Norm, Tätlichkeiten im Allgemeinen allerdings schon. Was die Presse allerdings aussparte, war die Tatsache, dass keiner der beiden Männer je wiedergesehen wurde.

 

Kapitel 1

5:00 Uhr – mein tägliches Aufwachritual. Ich brauchte zuerst ein paar Minuten, um meine Gedanken sammeln zu können, schmuste mit meinem Hund Mayhem, stand auf, zog mich an, und dann ging es wie jeden Tag los zum Joggen, mit Iron Maiden, die ordentlich laut auf meinem iPod liefen. Mayhem legte sich für diesen morgendlichen Lauf immer buchstäblich selbst die Leine an und wartete dann an der Wohnungstür auf mich, wo er vor lauter Begeisterung gleichmäßig mit dem Schwanz wedelte. Dan hingegen schlief noch. Er würde irgendwann von selbst aufwachen, seinen eigenen Sport durchziehen und dann zur Arbeit fahren.

Wir zwei lebten nun schon mehrere Jahre zusammen. Sowohl er als auch ich hatten die Gewohnheiten aus unserem vorherigen Leben beibehalten. Dass wir uns so zwanglos aneinander gewöhnen konnten, war äußerst angenehm. Erst Morgensport, dann Frühstück, Arbeit, Heimkommen, Abendessen, Schlafen – zwar nicht sonderlich aufregend aber es klappte.

Gegen 5:45 Uhr ließ sich auch die Sonne blicken, indem sie den Himmel in zarten Pastelltönen – Rosa und Violett – erstrahlen ließ. Es war frisch draußen und feucht nebelig, aber keineswegs regnerisch.

Aber irgendetwas stimmte nicht an jenem Morgen. Es war still, und zwar ein bisschen zu sehr. Nicht, dass ich um diese Uhrzeit mit Dutzenden Menschen auf meiner Strecke gerechnet hätte, aber eine Handvoll konnte man normalerweise schon erwarten.

Mayhem schien das allerdings nicht zu stören. Er lief mit der Leine im Maul ein kurzes Stück voraus und schnupperte wie üblich an der Erde oder an Bäumen.

Ist heute vielleicht ein Feiertag, und ich habe nichts davon mitbekommen? Daran muss es liegen – die Stadt schläft einfach aus. Ich muss unbedingt auf den Kalender schauen, wenn ich wieder daheim bin.

Meine Gedanken rasten jetzt genauso schnell, wie ich die Anhöhe hinaufrannte.

Was habe ich denn nur verpasst?

Ich grübelte so verbissen darüber nach, dass ich die Musik gar nicht mehr wahrnahm, die durch meinen Kopfhörer donnerte. Beim Nehmen der Steigung überprüfte ich meinen Herzschlag alle paar Minuten und versuchte, gleichmäßig zu atmen, während mir der kühle Wind ins Gesicht wehte und meine Lungenflügel weitete.

Dan und ich wohnten in einer Siedlung nahe der Hügel, was perfekt für uns war, weil wir uns gerne im Freien aufhielten. Wir hatten es so auch nicht weit bis zu den geläufigen Wanderwegen und konnten deshalb gleich vor dem Haus mit dem Joggen loslegen. Wenn ich die Kuppe erreichte, genoss ich immer zuerst den Ausblick ins Tal und konnte an klaren Tagen ohne Probleme Downtown Los Angeles sehen, ja manchmal sogar das Meer. Die Stadt wirkte von dort oben wunderbar friedlich. Abseits von all den Verkehrsstaus, Menschenmassen, Lärm und Smog kam einem die Metropole wirklich prachtvoll vor.

Der Hauptweg zweigte an mehreren Stellen ab und führte in die unterschiedlichen Wohngebiete der Gemeinde. Folgte man ihm ungefähr zwei Meilen geradeaus, gelangte man zu einer Grünanlage, wo ich üblicherweise immer umkehrte. Von dort aus waren weitere Pfade zugänglich, die sich meilenweit bis in die Staats- und Nationalparks zogen.

Ich blieb abrupt stehen, als ich in der Anlage ankam und einen ersten Blick auf die Stadt werfen konnte. Denn aus dem Zentrum stieg eine gewaltige Rauchwolke auf, und rings um den Brandherd herum schwebten Beobachtungshubschrauber. Nun wunderte ich mich nicht mehr darüber, dass ich unterwegs niemandem begegnet war. Mein Staunen wich allerdings schnell wachsender Besorgnis.

Was sich dort in der Ferne abspielte, erklärte mir zwar, weshalb ich bisher allein auf dem Pfad gewesen war, doch die Geschehnisse in der Innenstadt blieben mir dennoch weiterhin verborgen. Von der Anhöhe aus konnte ich nichts hören; zu sehen waren lediglich die Rauchschwaden und die kreisenden Helikopter der Polizei. Noch weiter entfernt, glaubte ich, andere Helikopter von Nachrichtensendern zu erkennen, die wahrscheinlich einen Eindruck dessen erhaschen wollten, was hier gerade vor sich ging.

Da mir nichts Besseres einfiel, beschloss ich, jetzt nach Hause zurückzulaufen und dort sofort den Fernseher einzuschalten.

Mayhem saß neben mir und schaute ebenfalls hinaus ins Tal. Dass er sich einen Kopf darübermachte, so wie ich, wagte ich allerdings zu bezweifeln. Das ist das Schöne bei Hunden: Sie vermitteln einem immerzu den Eindruck, dass nichts auf der Welt sie bekümmere. Stattdessen geben sie sich damit zufrieden, einfach nur bei dir zu sein.

Auf dem Weg den Hügel hinunter kam ich zu dem Schluss, dass alle anderen Bewohner vor dem Verlassen ihrer Häuser bestimmt die Nachrichten geschaut und sich in Anbetracht des Feuers in der Stadt dazu entschlossen hatten, wegen der womöglich schlechten Luft, lieber mit dem Sport auszusetzen, und das war gar nicht unvernünftig.

Das Feuer an sich bereitete mir keinerlei Kummer, denn bei uns gab es mehrmals im Jahr Waldbrände. Das ist leider ein Umstand, mit dem man in Kalifornien leben muss. Dieses spezielle Feuer war allerdings mitten in der Stadt ausgebrochen. Mir fielen sofort mehrere mögliche Ursachen dafür ein, die alle absolut harmloser Natur waren, doch in Hinblick auf die internationale Lage rechnete ich natürlich sofort mit dem Schlimmsten: mit Terroristen. Als ich das Haus betrat, musste Dan wohl gehört haben, wie ich die Eingangstür geöffnet hatte, denn er rief von hinten durch die Wohnung: »Hi, Schatz.«

Mayhem stürzte beim Hören von Dans Stimme sofort wie wild los.

»Hey, hast du heute Morgen schon die Nachrichten eingeschaltet?« Ich wollte unbedingt wissen, was passiert war.

»Nein, wieso? Wie war es beim Laufen?«, erwiderte er, während er durch den Flur zu mir kam. Mayhem sprang Dan entgegen, woraufhin der ihm die Leine abnahm und sie weglegte.

Ich griff zur Fernbedienung auf dem Wohnzimmertisch und schaltete den Fernseher ein, bevor ich in die Küche ging. Dort traf ich Dan wieder, der nach dem Frühstück eben noch schnell alles in die Schränke räumte. Er kam zu mir und küsste mich auf die Stirn.

»Es war komisch«, begann ich. »Denn außer mir war niemand unterwegs. Ich glaube, es lag daran, dass im Stadtzentrum ein großes Feuer ausgebrochen ist.« Niemandem begegnet zu sein störte mich irgendwie noch immer. »Ich habe gerade die Glotze angemacht, vielleicht zeigen sie ja etwas davon.«

»Hmm«, brummte Dan gleichgültig.

»Mehr hast du nicht dazu zu sagen?«

Manchmal frage ich mich, ob sich Männer überhaupt je um irgendetwas Sorgen machen, aber andererseits nahm ich das Ganze vielleicht auch einfach zu wichtig. Sich nicht viel bei so etwas zu denken, während ich mich verrückt machte, sah ihm nur zu ähnlich.

»Also gut dann, ich fahre jetzt zur Arbeit.« Dan nahm seine Schlüssel von der Küchentheke und kehrte noch einmal zu mir zurück, um sich mit einem weiteren Kuss von mir zu verabschieden. Danach ging er durch die Tür, die in unsere Garage führte.

Ich hatte während der vorangegangenen Monate als arbeitslose Investigativ-Zeitungsjournalistin den ganzen Tag lang zu Hause gesessen, was äußerst gewöhnungsbedürftig für mich gewesen war. Es gab zurzeit kaum noch Pressejobs. Mir fehlte das tägliche Leid, auf dem Weg zum Büro im Stau zu stehen, und die Arbeit mit anderen Menschen unglaublich. Dan lehrte an einer privaten High-School, und seine Stelle war zu unserem Glück mehr als sicher.

Nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte, sah ich zu, dass ich endlich in die Gänge kam.

Eins nach dem anderen.

Ich ging ins Wohnzimmer zurück, um mir zuallererst die Lokalnachrichten anzusehen. Als ich mich vor den Fernseher stellte, flimmerten die grellen Farbstreifen zur Vorbereitung auf eine Notfallmitteilung und der obligatorische »Testbild«-Hinweis über die Mattscheibe.

»Nicht überreagieren, dafür gibt es bestimmt eine einfache Erklärung«, versuchte ich mir einzureden, während ich wieder zur Fernbedienung griff und den Ton lauter stellte, woraufhin ich aber nur ein ohrenbetäubendes Fiepen hörte, das immer mit diesen Bildern einherging.

Darum stellte ich den fürchterlichen Lärm schnell wieder leise und zappte herum, bis ich die Morning News fand.

Bei dem anderen Sender liegt, so wie es aussieht, offenbar eine Störung vor …

Zuerst erschienen wieder nur die bekannten Streifen, doch binnen Sekunden ging die Nachrichtensendung wieder weiter. Ich drückte erneut die Stummtaste, um darüber nachzudenken, was hier wohl gerade vor sich ging.

»Aufgrund gewalttätiger Ausschreitungen unter Obdachlosen im Stadtzentrum rät die Polizei allen Bürgern aus der Gegend, in ihren Wohnungen zu bleiben.«

»Ausschreitungen? Seit wann strahlen die wegen so etwas das Notfallsignal aus?«, fragte ich an den Fernseher gerichtet, als könne dieser mir antworten.

»Wir werden das Notfallsendesystem im Laufe des Tages weiterhin testen«, fuhr der Sprecher fort. »Sollte es sich als notwendig herausstellen, wird sich der Präsident später an die Nation wenden.«

»Im Internet finde ich bestimmt auch etwas darüber«, sagte ich zu mir selbst. Denn dort gab es schließlich nichts, was es nicht gab. Ich betrat deshalb unser Büro, wo unser beider Computer standen, und tippte bereits los, bevor ich mich hingesetzt hatte. Der Browser rief die Startseite auf und zeigte mir sofort die Schlagzeiten, nach denen ich gesucht hatte: Bereitschaftspolizeiteams riegeln Innenstadt von Los Angeles ab.

Ich tastete instinktiv nach meinem Handy, um Dan anzurufen, denn mir war klar, dass er im Auto kein Radio hörte – schon gar keine Sender, wo geredet wurde. Er drehte viel lieber seine Musik auf und sang mit, um sich das tägliche Pendeln möglichst angenehm zu machen.

»Hey Liebling, ich habe dir doch erzählt, dass es im Zentrum Probleme gibt.«

»Und, was ist es?«

»Die Nachrichtenseiten werden momentan ständig aktualisiert, aber unter den Obdachlosen gab es wohl eine Schlägerei. Im Fernsehen haben sie sogar ein paar Sekunden lang das Notfallsystem getestet.« Während ich ihm dies schilderte, überflog ich weiterhin die einschlägigen Online-News, um herauszufinden, ob es schon weitere Informationen gab.

»Wieso wollen die denn den Notstand ausrufen, nur weil sich jemand prügelt?«, wunderte sich Dan.

Ausschreitungen waren in Los Angeles nämlich leider keine Seltenheit; die letzten schweren lagen allerdings schon mehr als zehn Jahre zurück, deshalb fand ich die Frage durchaus berechtigt, denn wir zwei konnten uns beide nicht daran erinnern, dass man dieses Signal wegen so etwas jemals gesendet hatte.

»Das hat mich auch stutzig gemacht, aber es hieß, dass dies nur ein Test sei«, entgegnete ich.

»Die machen bestimmt nur viel Lärm um nichts. Ich schau mal, ob ich später dazu komme, mir das Ganze anzusehen, wenn ich auf der Arbeit bin.«

»In Ordnung – und ruf mich dann bitte zurück«, bat ich ihn und trennte die Verbindung, ohne meine Augen vom Computerbildschirm abzuwenden.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Seite aktualisierte, während ich dasaß und darauf wartete, dass sich Dan wieder bei mir meldete. Er arbeitete am anderen Ende der Stadt und brauchte ungefähr dreißig Minuten, wenn er gut durchkam, doch an schlechten Tagen konnte die Fahrt auch schon einmal länger als eine Stunde dauern. Ich blieb weiterhin sitzen und klickte mich durch alle verfügbaren Schlagzeilen, las aber stets das Gleiche: Weitere Informationen minütlich.

Als dann plötzlich mein Handy läutete, zuckte ich vor Schreck zusammen und hörte auf, wie gebannt auf den Bildschirm zu starren.

Während Dan mir den Nachrichtenbericht vorlas, den er gefunden hatte, stand ich auf, kehrte zum Fernseher im Wohnzimmer zurück und machte den Ton ein wenig lauter.

»Die Elendsviertel im Zentrum von Los Angeles wurden jetzt in einem Umkreis von zwölf Gebäudeblocks abgesperrt«, erklärte der Sprecher. »Polizei und Sicherheitskräfte sind vor Ort und bitten die Bevölkerung, sich von der Gegend fernzuhalten. Die Nationalgarde unterstützt sie momentan beim Abriegeln der Gebiete.«

»Ausschreitungen?«, flüsterte ich geistesabwesend, obwohl Dan noch in der Leitung war.

Der Sprecher wiederholte nun: »Wir testen das Notfallsendesystem, um Sie bei Bedarf über jede Gefahr informieren zu können. Sollte es tatsächlich so weit kommen, wird sich der Präsident ebenfalls an Sie wenden. Bis auf Weiteres handelt es sich allerdings nur um einen Test. Wir bleiben weiterhin mit unseren Reportern am Schauplatz in Verbindung und berichten zeitnah für Sie, sobald sich etwas Neues ergibt.«

»Schatz, komm lieber sofort heim … oder versuch wenigstens, heute früher Feierabend zu machen«, bat ich Dan. »Bleib nicht zu lange auf der Arbeit.«

»Den Berichten zufolge hat man die Lage doch unter Kontrolle, Baby … aber klar, ich werde heute nicht länger als nötig hierbleiben.« Als er dieses Versprechen gab, klang er leicht herablassend.

Ich kannte diesen Tonfall nur zu gut. Dan erzählte immer mir alles, was ich hören wollte, damit ich aufhörte, mich zu beklagen, und damit er sich meinen Humbug, wie er es immer nannte, nicht länger anhören musste. Darüber hinaus wechselten wir nur wenige Worte, weil wir uns auf die Situation in der Stadt konzentrierten.

Hiermit war meine schlimmste Befürchtung eingetroffen … etwas Schlimmes geschah, während wir uns in unterschiedlichen Teilen der Stadt aufhielten und voneinander getrennt waren. Ich hatte mir immer gewünscht, dass wir uns für den Fall einer Naturkatastrophe oder den Zusammenbruch der Zivilisation einen Plan zurechtlegten. Schon angesichts der normalen Staus war es scheiße, innerhalb der Stadt so weit voneinander entfernt zu sein, doch der Verkehr würde erst recht die Hölle sein, wenn die gesamte Bevölkerung die Flucht ergreifen würde. Man will sich ja immer gern gegenseitig weismachen, wie gut man doch vorbereitet ist, aber das entspricht wohl nur in wenigen Fällen tatsächlich der Wahrheit.

Unser beider Familien wohnten außerdem in dem abgesperrten Gebiet. Dans Eltern lebten von uns aus gesehen, direkt hinter dem Hügel und waren pensioniert. Ich hatte zwar keine Eltern mehr, aber dafür eine Schwester, die gemeinsam mit ihrem Ehemann und einem zweijährigen Kind ganz in der Nähe lebte.

»Ich ruf mal schnell Melody an, vielleicht sind sie ja noch nicht zur Arbeit gefahren«, sagte ich zu Dan, bevor wir das Gespräch beendeten.

Bei meiner Schwester sprang allerdings sofort der Anrufbeantworter an. Das überraschte mich nicht wirklich, weil sie in einem Filmstudio arbeitete, wo es immer recht hektisch zuging.

Ich hinterließ ihr deshalb eine kurze Nachricht: »Hey, ich bin’s. Ich wollte nur wissen, ob ihr was von den Unruhen in der Innenstadt mitbekommen habt. Melde dich bei mir, wenn du da bist.«

Da ich nie genug News aufschnappen konnte, wusste ich, dass mich heute nichts vom Fernseher oder PC ablenken könnte, solange es weitere gewalttätige Ausschreitungen gab.

Das Video- und Fotomaterial, das die Berichte begleitete, stammte größtenteils von Nachrichtenhubschraubern, die aber auf Abstand blieben, damit sie die Arbeit der Einsatzkräfte vor Ort nicht behinderten. Die Eindrücke vom Boden aus beschränkten sich auf Material, das vor den Absperrungen aufgenommen wurde, also nicht das unmittelbare Geschehen zeigte. Bewohner posteten Schnappschüsse aus den Fenstern ihrer Wohnungen heraus auf den Social-Media-Webseiten, jedoch war nichts wirklich Gehaltvolles dabei. Außerdem prägten sowieso zum größten Teil Ladenzeilen das Bild dieses Bezirks, wobei die meisten Geschäfte natürlich bereits geschlossen hatten und verrammelt waren.

Im Laufe des Nachmittags sickerte nur noch wenig aus Downtown durch. Die Reporter leierten nur immer wieder die gleiche Meldung herunter: »Der Innenstadtbereich von Los Angeles wurde abgesperrt. Militär und Polizei beaufsichtigen ihn gemeinsam. Die Bevölkerung wird gebeten, zu Hause zu bleiben und ihre Türen verschlossen zu halten. Von den Ausschreitungen betroffen, sind in erster Linie die Slums. Wir werden heute wiederholt das Notfallsignal ausstrahlen, doch es handelt sich dabei nur um einen Test.«

Ich verbrachte die darauffolgenden Stunden mit Zappen durch die TV-Kanäle oder besuchte meine Standardnachrichtenseiten im Internet. Nach einer Weile wurde die Investigativ-Journalistin in mir wach, sodass ich anfing, auch einige der alternativen und eher exzentrischen »Informations«-Quellen zurate zu ziehen. Auf die betreffenden Seiten konnte ich stets zählen, wenn ich eine faktentreue Story mit unterhaltsamen Verschwörungstheorien aufpeppen wollte. Lustigerweise waren sich diese Seiten in ihren Mutmaßungen niemals einig. Manchmal schoss man aus dem linken Flügel, und zu anderen Gelegenheiten kam die Theorie dann von den Rechten. Heute jedoch gab es überall einen gemeinsamen Nenner: Eine neue, günstige Droge sollte den Wahnsinn im Stadtzentrum ausgelöst haben. Irgendeine Form von Mephedron sei angeblich die Ursache dafür.

Es war erst ein knappes Jahr als Rauschmittel präsent, weshalb man nur wenig über seine Wirkung auf den menschlichen Körper wusste. Glaubte man allerdings den diversen Beschreibungen aus dem Untergrund der Drogenszene, wurden Konsumenten dieses Stoffes gedanklich und motorisch langsamer, entwickelten dafür aber fast ironischerweise nahezu übernatürliche Kräfte, was anscheinend am extremen Anstieg ihres Adrenalinpegels lag.

Ich wurde aus dieser ganzen Sache einfach nicht schlau. Generell führten politische Demonstrationen, Proteste oder außer Kontrolle geratene Kundgebungen schnell zu Tumulten, aber nicht der Missbrauch von Drogen. Wir sprachen hier schließlich von der Elendsmeile – von zahllosen Obdachlosen, Drogenabhängigen und armen, verirrten Seelen, die in dieses Milieu geraten waren und nun keinen anderen Rückzugsort mehr hatten. Die Straßen waren voller Zelte und behelfsmäßiger Verschläge aus Pappkartons, dazwischen befanden sich brennende Mülltonnen, umgeben von Personen, die sich daran wärmten. Das Bild erinnerte an ein Dorf in der Dritten Welt, nur mitten in einer bekannten Großstadt.

Man hatte erst einige Monate zuvor verstärkt aus dieser Gegend berichtet, aber es war kein Bezirk der Stadt, für den sich die Bürger hier großartig interessierten. Darum hatte ich mich auch gewundert, dass eine Auseinandersetzung zwischen zwei Obdachlosen in die Schlagzeilen gelangt war. Die beiden waren dabei high gewesen – den Medien zufolge auf Mephedron. Danach hatte es außerdem Fälle von Tuberkulose unter den Obdachlosen gegeben. Darüber zu berichten war für die Nachrichtenanstalten natürlich unerlässlich gewesen, weil es die Sicherheit aller Bewohner in der Umgebung betroffen hatte. Sogar der Staat war von den Stadtvätern um Hilfe für die bedürftige Bevölkerung gebeten worden.

Die letzten Massenausschreitungen in Los Angeles hatte es wie erwähnt vor mehr als zehn Jahren gegeben. Es war dabei um einen aufsehenerregenden Gerichtsprozess gegangen, und wie so oft, hatte so mancher geglaubt, sich durch Brandstiftung an Gebäuden Gehör verschaffen zu können. Obgleich es für die Stadtstreicher viele Anlässe gegeben hätte, ihre Stimmen zu erheben, wollte mir einfach nicht einleuchten, was jetzt in sie gefahren war, dermaßen brutal aufzubegehren.

Wird man die Ursache des Ganzen am Ende auf die neue Droge schieben?

Gegen Abend besagten die Meldungen, dass die Behörden die Krawalle vollständig eingedämmt hätten, und mehrere Menschen lebensgefährlich verletzt worden wären. Allerdings hatten sich die Gewalttaten mittlerweile über den Umkreis von zwölf Blocks hinaus auf ein Gebiet von mehr als zwei Quadratmaßen ausgeweitet.

Als ich auf die Uhr schaute, stellte ich fest, dass Dan jede Minute nach Hause kommen sollte. Ich war tatsächlich seit dem Morgen nicht mehr aus dem Haus gegangen, sondern hatte den ganzen Tag damit verbracht, zwischen Büro- und Wohnzimmer hin und her zu gehen, um die Nachrichten zu verfolgen.

Nun schaute ich hinüber zu Mayhem, der schlafend auf dem Boden lag.

Habe ich ihn heute Nachmittag überhaupt hinausgelassen?

»Deine Probleme hätte ich gern«, sagte ich zu ihm, während er leise schnarchte.

Als er meine Stimme hörte, stellte er sofort die Ohren hoch und sah mich schwanzwedelnd an.

»Schatz, ich bin zu Hause!«, rief Dan beim Betreten der Wohnung.

Ich ging in die Küche, um ihn zu begrüßen, wurde aber prompt von Mayhem zur Seite gedrängt, der mir zuvorkommen wollte. »Hey, wie war dein Tag?«

»Das Übliche«, antwortete Dan, während er seine Sachen an der Tür ablegte und den Kopf des Hundes kraulte.

»War wieder viel Verkehr?« Ich gab ihm einen Willkommenskuss.

Dan ging mit Mayhem ins Wohnzimmer, und ich folgte ihnen. Er ließ sich auf die Couch fallen und stieß dann einen langen Seufzer aus, ehe er entgegnete: »Nein, anscheinend sind die meisten Leute tatsächlich zu Hause geblieben.«

»Aus den Nachrichten geht nicht hervor, wie das alles begonnen hat.« Ich setzte mich nun neben Dan.

Er küsste mich erneut. »Bis morgen früh hat sich die Lage bestimmt wieder entspannt. Sobald sie die Gegend wieder zugänglich machen, wird es heißen, dass irgendein Junkie verrückt gespielt hat, und daraufhin sei halt alles eskaliert.«

Diese Erklärung überzeugte mich allerdings nicht.

Um mich zu beruhigen, fuhr Dan fort: »Ich sag dir was … falls dieser Irrsinn morgen weitergeht, verbringen wir das Wochenende einfach außerhalb der Stadt.«

»Abgemacht. Können wir heute Abend noch packen?«, fragte ich in der Hoffnung, dass er ja sagte.

Stattdessen lachte er über meine Bitte, als ob ich mir nur einen Scherz erlaubt hätte. »Wir packen, falls die Ausschreitungen weitergehen, und zwar nur dann.«

In der Nacht blieb es ruhig. Dan schlief wie immer schnell ein, während sich Mayhem an seine Füße kuschelte, doch ich konnte immer nur an die Heerscharen wütender Obdachloser denken, die gerade das Zentrum von Los Angeles überrannten. Weil ich einfach keine Ruhe fand, beschloss ich, aufzustehen und noch einmal nachzusehen, ob wirklich alle Fenster und Türen verschlossen waren. Danach wollte ich noch ein Glas Wasser trinken. Ich kam mir selbst dämlich und paranoid vor. Die zwölf Meilen, die unser Haus vom Stadtkern trennten – selbst unter günstigsten Bedingungen brauchte man zwanzig Minuten mit dem Auto, waren gewiss eine hinreichende Pufferzone. Außerdem kamen alle Medien darin überein, dass die Ausschreitungen vorüber waren, doch eine leise Stimme in meinem Kopf sagte mir die ganze Zeit, dass ich lieber auf Nummer sichergehen sollte.

Als ich in der dunklen Küche stand, kam mir die Welt auf einmal fast friedlich vor. Ich hätte den Flimmerkasten einschalten können, aber warum sollte ich eine so beschauliche Stimmung zunichtemachen, indem ich mich auf den vierundzwanzigstündigen Nachrichtenzyklus einließ, in dessen Verlauf die ewig gleichen Fakten wiederholt wurden? Deshalb nahm ich mir vor, das Ganze einfach zu verdrängen und mich auf die Polizei zu verlassen. Falls die Situation erneut brenzlig werden würde, würden die Medien und Behörden die Bevölkerung bestimmt darüber ins Bild setzen. Währenddessen wollte ich wieder zur Tagesordnung übergehen.

Ich glaube, ich habe mich noch eine Stunde lang im Bett herumgewälzt, bevor ich endlich einschlafen konnte.

5:00 Uhr – die übliche Routine nach dem Aufwachen. Ich ließ mir ein paar Minuten Zeit, um richtig zu mir zu kommen, drückte dann Mayhem an mich, stand auf und zog mich an, um anschließend zum Joggen rauszugehen. Mayhem lief wie gewohnt dicht vor mir her, während ich im Stillen durch die dunkle Wohnung schlich. Nachdem ich meinen iPod eingeschaltet hatte, verließ ich das Haus …

Das Geheul von Krankenwagensirenen zerstörte auf einmal die feierliche Morgenruhe.

Mayhem stimmte sofort mit ein. Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen, doch er zog an seiner Leine und jaulte dennoch.

Auf einmal flog ein Hubschrauber mit nach unten gerichteten Flutscheinwerfern über die Siedlung hinweg. Aus der Ferne konnte ich das Echo von weiteren hören, die alle dieselbe Mitteilung verbreiteten. Ihre Rotoren wirbelten Staubwolken von den Dächern auf.

»Der Bevölkerung wird geraten, in ihren Häusern zu bleiben. An alle Bewohner: Bitte bleiben Sie in Ihren Häusern!«

Die Piloten der Maschinen erteilten diese Anweisung in einer Dauerschleife durch ihre Bordmegafone, während sie über dem Wohngebiet kreisten. Mich erinnerte das Ganze an TV-Dokus über den Zweiten Weltkrieg, wo die Menschen in Europa unter heulendem Alarm um ihre Leben gerannt waren, bevor ihre Städte zerbombt worden waren. So etwas kannte man in den Vereinigten Staaten jedoch nicht.

Das war definitiv kein Test mehr.

Ende der Leseprobe

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