EUPHORIA Z 2: TRANSFORMATION

4,99 

Luke Ahearn

ZOMBIE-THRILLER

Band 2
Serie: Euphoria Z

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Inhalt:


Cooper hat seine Schwester Ellen und ihren Freund Taffer gefunden, welche die Infektion überlebt haben. Aber Cooper muss die beiden sofort wieder verlassen, um auf eine heikle Mission zu gehen.
Weed, das überlebende Mitglied des Wild Rebels MC, hat sich in die Parkhausgemeinschaft eingeschlichen, getarnt als harmloser alter Mann. Doch scheint er nicht alle täuschen zu können.
Die Toten verändern sich auf unvorhersehbare Weise, welche die wenigen Überlebenden bedroht … die Zeit für die Menschheit läuft ab.

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2016

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 350

eISBN

978-3-95835-192-9

Leseprobe


Die umfassende Stille der postapokalyptischen Welt wurde von quietschenden Reifen gestört, als der SUV schlitternd zum Stehen kam. Er drehte sich um volle neunzig Grad und drohte noch in letzter Sekunde umzukippen, als er seitwärts auf zwei Rädern hoch-, aber gleich wieder niederging und stehen blieb.
Lange, schwarze Bremsspuren, die qualmten und nach verbranntem Gummi stanken, zeichneten sich über hundert Fuß weit hinter ihm ab. Der Lärm setzte sich über Meilen hinweg fort und hallte von Hügeln und Gebäuden in der Stadt wider. Viele tote Gesichter blickten nun verwundert auf, weil sie nicht wussten, woher der Krach kam. Tausende Leichen auf der Monterey-Halbinsel bewegten sich langsam in diese oder jene Richtung. Es gab nur noch wenige Menschen, die das Quietschen hörten, und für sie bedeutete es, dass wieder einer weniger lebte und ein weiterer Zombie hinzugekommen war.
Der Land Rover war leise und brummte nur tief im Leerlauf. Als der Motor ausging, herrschte vollkommene Stille. Man könnte meinen, nichts sei geschehen, doch der Insasse brauchte ein wenig länger, um sich zu erholen.
Coopers Hände zitterten, und er hatte so heftiges Herzklopfen, das es sogar wehtat, während sein Körper weiterhin unaufhörlich Adrenalin ausschüttete. Er musste einen Moment lang ruhig sitzen bleiben und ein wenig verschnaufen. Ihm war klar, dass er, falls er sofort versuchte, auszusteigen und aufrecht zu stehen, glatt vornüber umkippen würde. Diese Verzögerung erwies sich im Nachhinein als Glück, denn während er langsam ausatmete, betrachtete er die Personen, die er beinahe überfahren hätte. Sie waren ihm viel näher vorgekommen, als er gedacht hatte, und mit ihnen zusammenzustoßen wäre unvermeidbar gewesen, aber in Wirklichkeit waren sie gute zehn Yards weit weg – mindestens. Er schaute durch das Beifahrerfenster zu ihnen, während er noch einmal lang und tief Luft holte.
Dabei hörte er den Wind gegen den Wagen wehen, der deshalb ganz leicht hin und her schwankte. Haare und Kleider der Gruppe vor ihm flatterten und peitschen im Wind, weshalb sie sich abwandten. In der Mitte stand seine Schwester Ellen, und er wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Er zögerte kurz und kämpfte gegen den starken Drang an, aus dem Auto zu springen und zu ihr zu laufen, doch dieses Etwas hielt ihn sowieso davon ab, weil es ihm einfach nicht geheuer war, bloß dass er den Grund nicht genau hätte benennen können. Vielleicht kam sein Zögern auch daher, dass er schon seit Tagen angespannt und paranoid war.
Nur Sekunden waren vergangen, aber die Zeit in dem Wagen zog sich gefühlt ewig dahin. Cooper ließ sich noch etwas mehr Zeit, um die Gruppe zu mustern. Es waren fünf Überlebende, von denen er aber nur zwei kannte: seine Schwester und ihren Freund Taffer, einen großen Kerl mit langen Haaren und einem noch längeren Bart. Er hielt seine Arme fest an die Seiten gepresst, trug einen Vogelkäfig um den Kopf und eine lange Kette um den Hals. Das fand Cooper höchst sonderbar, auch wenn es letztendlich nicht das war, was ihn vom Aussteigen abhielt. Vielmehr machte es ihn neugierig und verstärkte sogar seinen Wunsch, aus dem SUV zu springen.
Warum also blieb er hier sitzen und starrte sie an? Was bereitete ihm solches Unbehagen? Fast hätte er die Tür geöffnet – seine Hand lag schon auf dem Griff –, als es ihm dämmerte: Seine Schwester wirkte wütend, richtiggehend angepisst, und das war äußerst ungewöhnlich. Denn meistens machte sie einen sehr zufriedenen Eindruck, und ihre Augen strahlten immerzu. Um sie derart auf die Palme zu bringen, musste wirklich so einiges geschehen sein. Sie sah so verärgert aus, dass Cooper insgeheim befürchtete, sie sei böse auf ihn. Da er ihr kleiner Bruder war, hatte sie ihn in ihrer Kindheit stets als Blitzableiter für ihre Frustrationen benutzt, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Er kannte die feinen Nuancen ihres Mienenspiels genauso wie den Unterschied zwischen Verdruss, den Geschwister herbeiführten, und richtigen, von Hass motiviertem Zorn. Vielleicht hätte sie ein wütendes Gesicht gemacht, kurz, nachdem sie beinahe überfahren worden war, doch es hatte sich seitdem nicht verändert. Mit ihr war definitiv etwas nicht in Ordnung. Dass Ellen ihn nicht sah, war offensichtlich, denn sonst hätte sie gelächelt oder gerufen, sich ihm genähert oder gewunken, damit er schnell verschwand – sie hätte auf jeden Fall irgendetwas getan. Stattdessen aber stand sie bloß finster vor sich hinstarrend da und kochend vor Wut, worauf auch immer.
Der Rest der Gruppe, die anderen drei verharrten mit bereitgehaltenen Waffen. Das kam dieser Tage sehr häufig vor, doch seine Schwester war unbewaffnet. Sie stand ein Stück von den anderen entfernt.
  Da ist wirklich etwas nicht in Ordnung, dachte Cooper.
Stellte sich nur die Frage, wie er sich jetzt verhalten sollte. Eines war absolut sicher: Er würde seine Schwester nicht einfach hier zurücklassen. Als er die Tür endlich aufstieß, wehte eine kalte Böe aus der Bucht herein, die ihm sofort durch Mark und Bein ging. Nach mehreren Tagen abseits der Küste und einer Stunde oder mehr in dem stickigen SUV erfrischte die Meeresluft ihn aber auch. Dass sie seine Stimmung hob, als er ausstieg, ließ sich Cooper natürlich gern gefallen. Der Wind schlug ihn regelrecht, zerzauste seine Haare, brannte in den Augen und zerrte an seinem Kapuzenpullover.
Er blinzelte gegen ihn und das helle Licht an, und wartete darauf, wie die Gruppe nun reagierte. Vor allem achtete er auf seine Schwester. Ihr Verhalten angesichts seines Erscheinens würde ihm alles erklären, was er über diese seltsame Situation wissen musste. Er ging jetzt ausgelassen strahlend und winkend auf das Paar und die drei anderen zu.
»Hey! Tut mir total leid wegen gerade eben. Ich habe nicht mit Leuten auf der Fahrbahn gerechnet.«
Ellen riss daraufhin ängstlich die Augen auf, und Cooper erkannte prompt, dass sie gegen ihren Willen bei dieser Gruppe war. Er schaute von ihr weg, zu dem großen Mann, der als einzige Person lächelte. Er schien offenbar der Anführer und Gefährlichste von ihnen zu sein. Nun trat er vor.
»Wie gut, dass die Bremsen der Mühle funktioniert haben.« Er zeigte mit seinem Gewehr auf den Wagen. Er wirkte zwar abgemagert, aber nicht schwach, stattdessen legte er eine lässige, selbstbewusste Körperhaltung an den Tag. Dass er von sich selbst überzeugt war, sah man deutlich. Angesichts seines Lächelns hätte man glauben können, er kenne einen genialen Scherz, den er jedoch nicht mit jedem teilen wolle. Seine kleinen Augen, die an die eines Schweins erinnerten, schnellten aufmerksam hin und her, während der Wind seine langen, schwarzen Haare zerzauste. Abgesehen von der großkalibrigen Jagdflinte, die er auf den Boden gerichtet hielt, hatte er nichts Markantes an sich. Die anderen beiden Männer wirkten ängstlich, während sie zwischen Cooper und Schweineauge hin und her schauten. Ersterer spürte offenbar, dass dies ein Kräftemessen sein sollte, leidlich kaschiert als freundliche Bekanntmachung. Aber ihm fiel immer noch nichts ein, was er hätte sagen können.
»Bist du allein?«, fragte Schweineauge nun, während er an Cooper vorbei auf den SUV schaute, um eine mögliche Gefahr einschätzen zu können.
Cooper warf einen Blick zurück über seine Schulter. Die Sonnenstrahlen, die von der Scheibe reflektiert wurden, schmerzten in seinen Augen, weshalb er sie hastig zusammenkniff. Etwas im Inneren des Autos zu sehen war unmöglich. Als er sich Schweineauge wieder zuwandte, lächelte er abermals.
»Nein, nein, ich habe ein paar Kumpels dabei.«
»Na, dann stell sie uns doch vor!«, verlangte der Anführer laut. Er grinste und wies mit einer Handbewegung auf den SUV, während er versuchte, an Cooper vorbeizugehen. Dieser aber machte einen Schritt zur Seite, um sich ihm in den Weg zu stellen. Schweineauge trat zurück und schloss seine Augen halb – ein äußerst misstrauischer Blick.
»Das würde ich an deiner Stelle lieber bleiben lassen«, drohte ihm Cooper, ohne genau zu wissen, was er darauf folgen lassen konnte. Er sah dem Mann intensiv in die Augen. Denn hätte er weggeschaut, wäre sein Bluff sofort aufgeflogen.
Der Anführer starrte zurück und überlegte dabei zweifelsohne, was er als Nächstes tun sollte. Cooper würde seine Schwester bestimmt nicht bei diesen drei Bewaffneten zurücklassen. Er wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser und hätte sich am liebsten direkt auf den Kerl gestürzt, ihn vermöbelt und vielleicht auch seine Kanonen gezogen. Allerdings sah er ein, dass er sich durch so ein überhastetes Handeln nur selbst umbringen könnte.
»Hört zu, Leute.« Während er die Arme verschränkte, ruhte sein Blick weiterhin auf Schweineauge. Er zwang sich zu einem breiten Grinsen, so als könne er kein Wässerchen trüben.
»Hinten im Wagen sitzen zwei Typen mit Schnellfeuergewehren.« Cooper war froh um den böigen Wind, weil dieser verhehlte, dass er unbeherrscht zitterte. Zuletzt entzog er sich der verfahrenen Situation, indem er ein paar Schritte rückwärts ging. Dann zeigte er auf die anderen beiden Männer.
»Falls einer von euch mit der Waffe auf mich zielen sollte, platzt sein Kopf wie eine reife Melone.«
Nun wichen die beiden Handlanger langsam zurück.
»Steht euren Mann, ihr Feiglinge!«, rief der Anführer wütend. »Der bläst doch nur heiße Luft!«
Als er nun sein Gewehr anheben wollte, schnellte blitzartig etwas Silbernes über sein Gesicht. Er fasste sich an die Kehle und taumelte rückwärts, wobei die Waffe auf die Erde fiel. Die anderen beiden Männer warfen ihre eigenen Waffen ebenfalls zu Boden und liefen davon, während Schweineauge nach hinten gezerrt wurde. Cooper zog daraufhin die Pistolen aus seiner Jacke.
Ellen war dem Mann ins Kreuz gefallen und würgte ihn nun, was das Zeug hielt, mit der Kette, doch er war stark und wehrte sich natürlich. Während er versuchte, sie mit den Ellbogen wegzustoßen, und ihr anschließend den Hinterkopf ins Gesicht knallen wollte, hielt sie ihn weiterhin fest und vereitelte alle Angriffe. Er wurde nun immer röter im Gesicht und ruderte kraftlos mit seinen Armen. Aber Ellen ließ immer noch nicht locker. Cooper zog seinen Schlagstock und schlug Schweineauge damit auf den Kopf. Dieser fiel um, wie ein nasser Sack Zement, bloß rotgefleckt statt Grau. Am Hals, wo die Kette seine Haut aufgerissen hatte, blutete er. Da Cooper eine Delle in seinem Schädel sah, befürchtete er nun, ihn getötet zu haben. Als er sich umdrehte, waren die zwei anderen Männer immer noch auf der Flucht, als gehe es um ihr Leben. Er half seiner Schwester auf und umarmte sie fest. Zugleich spürte er, dass er sich nicht mehr beherrschen konnte, und kam nicht umhin, zu lächeln. Er wollte sie gar nicht mehr loslassen. Die Erleichterung überwältigte ihn einfach. Egal unter welchen Umständen: Mit seiner großen Schwester fühlte er sich stets viel sicherer. Nach einer kleinen Weile drückte er sie ein Stück weit von sich weg, um sie genauer anzusehen, und bemerkte erst jetzt, dass die Kette mit einem Kabelbinder an ihrem Arm befestigt war. Und die Hand lief bereits blau an.
»Warte, ich schneide sie dir ab.«
»Na, hallo erst mal.« Sie streckte den Arm aus und sah sich um. »Die zwei kommen, glaube ich, nicht wieder. Sie wollten sowieso von White weg.«
»White heißt er, ja?« Nachdem Cooper das Plastikband gekappt hatte, umarmten sie sich erneut.
»Als der hat er sich jedenfalls ausgegeben.« Ellens Stimme brach nun ein wenig. Er konnte immer noch nicht fassen, dass er seine Schwester wirklich gefunden hatte, und haderte weiterhin mit der verbissen verdrängten Vorstellung, was ihr in der Zwischenzeit alles zugestoßen sein könnte. Als er sich eine Träne von der Wange wischte, hoffte er, dass sie es nicht sah. Tat sie aber.
Ellen lächelte Cooper aufmunternd zu. Sie war seinetwegen genauso gerührt und weinte ebenfalls. Schließlich zog sie den Mund kraus.
»Weichei«, flüsterte sie, ohne selber ihre Tränen zurückhalten zu können.
Nun lachte Cooper und fuhr sich über das Gesicht, um die neuen Tränen zu trocknen, die ihm gekommen waren.
»Ich hab nur was in den Augen. Muss an dem verdammten Wind liegen«, verteidigte er sich. »Ich hatte solche Angst, dich nie mehr wieder zu finden.«
»Das verstehe ich.« Sie zögerte. »Ich habe mich auch davor gefürchtet, nach dir zu suchen, weil mir davor gegraut hat, was dir alles hätte passiert sein können.«
Sie hatte sich nämlich das Gleiche vorgestellt wie Cooper – eine schmutzige, nackte Leiche anzutreffen, die vor sich hin schwankte.
»Alles in Ordnung mit dir?«
»Klar.« Sie bemühte sich, auf die Frage genervt zu reagieren, drückte ihren Bruder aber aufs Neue.
Dann stieß sie ihn von sich. »Gott, was bist du für ein Jammerlappen«, empörte sie sich, obwohl sie selber auch noch weinte.
»Halt doch die Klappe«, erwiderte Cooper. Gemeint war aber: Ich liebe dich auch.
Sie standen auf dem Highway 1. Als eine der Hauptfernstraßen führte sie an der Monterey Bay entlang über gewaltige Sanddünen nach Norden und Süden. Stadt und Bucht lagen niedriger als die Fahrbahn, weshalb diese eine beeindruckende Aussicht bot. Der Highway zog sich über die gesamte Halbinsel.
Die beiden stellten nun sich in den Windschatten hinter den SUV.
Ellen legte eine Hand an die Silberkette, die Taffer um den Hals gelegt worden war. Sein Kopf steckte mit dem Bart und seinen langen Haaren komplett in dem Käfig, sodass man nur seine Augen sah, die bernsteinfarben waren, weshalb sie von innen heraus zu leuchten schienen. Wegen des Knebels in seinem Mund nuschelte er, während er Coopers Blick suchte.
Auf einmal hörten sie Rufe. Ellen strahlte glücklich. Sie winkte den drei Gestalten, die aus der Ferne auf dem Highway näherkamen. Bis sie da waren, würden noch mehrere Minuten vergehen. Sie wandte sich wieder an ihren Bruder, dem bereits mehrere Fragen auf den Lippen brannten.
»Was um alles in der Welt ist mit ihm passiert?« Er nickte Taffer zu, wollte aber nicht in seine merkwürdigen Augen schauen. »Wer waren diese anderen Typen … und wer sind jetzt diese dort?«
»Von denen wurden wir vor ein paar Meilen gefangen genommen.« Sie zeigte auf den Mann, der sich White nannte, und drehte sich nach den anderen beiden um, während sie weitersprach: »Sie wollten zu einer Schlossvilla, wahrscheinlich dem Hearst Castle bei San Simeon.«
Dieses Anwesen stand auf einem Hügel, bot einen Blick auf den Pazifik und war von dem Zeitungsverleger William Randolph Hearst erbaut worden. Ein imposantes und prachtvolles Haus und noch dazu weit abgeschieden. Ellen fragte sich, ob es sich nicht tatsächlich vortrefflich als Unterschlupf eignen würde, um dort die Apokalypse auszusitzen. Dieser Gedanke war äußerst reizvoll, doch die Rufe der drei Fremden, die nun eintrafen, störten ihre Überlegungen. Sie drehte sich zu ihnen um.
»Hey, seid ihr uns etwa gefolgt?«
»Natürlich.« Dies sagte eine große, dürre Frau.
»Das ist mein Bruder Cooper«, entgegnete Ellen daraufhin.
»Oh, wir haben schon so viel von dir gehört …«, hob die Unbekannte an, die knapp über dreißig war, doch Ellen fiel ihr sofort ins Wort.
»Ich habe ihr erzählt, was für ein Riesenochse du bist«, witzelte sie.
Karen lächelte daraufhin, denn auch sie hatte große Brüder. Ellens Beschreibungen ihres kleinen Bruders waren in Wahrheit so ziemlich das genaue Gegenteil gewesen. Sie hatten einander wiederholt gut zugesprochen, weil beiden der Verbleib ihrer Geschwister schleierhaft gewesen war. Wenngleich sie sich für Ellen freute, verschlimmerte es aber natürlich ihren eigenen Trennungsschmerz im Zuge des Wiedersehens. Sie hatte bereits vor dem Niedergang der Welt unter Depressionen gelitten und tat sich nun schwer damit, den Willen zum Weiterleben aufzubringen, wenn sie fast ganz allein war. Ellen war diejenige gewesen, die sie stets auf Trab gehalten hatte, aber jetzt, wo diese wieder mit ihrem Bruder vereint war, fühlte ihre Gefährtin, wie ihr Antrieb und ihre Entschlossenheit nachließen. Ihr Ehemann motivierte sie kaum, doch er war ihr zumindest erhalten geblieben, egal wie schwach er letzten Endes auch sein mochte.
»Das sind Karen und Tom, sie waren meine Nachbarn.«
Die beiden hatten stark abgenommen und sahen dementsprechend gebrechlich aus. Vor allem Toms Züge zeugten von Ermattung und Furcht. Vor dem Ende der Zivilisation hatte er sich wie das letzte Arschloch aufgeführt, und war arrogant und herablassend gewesen, wohingegen er nun an einen kleinen Jungen erinnerte, der sich verirrt und die Orientierung verloren hatte.
»Und das da ist Hector. Wir sind erst kürzlich über ihn gestolpert, als wir Watsonville durchquert haben.« Auch er war sehr dünn, ein Lateinamerikaner und nicht älter als Anfang zwanzig mit vielen Tätowierungen.
Cooper schaute ihn argwöhnisch an und deutete mit einer Kopfbewegung auf die tätowierten Symbole.
»Sind das Gang-Abzeichen?«, wollte er wissen.
  War Hector mit dem Herzen noch ein Bandenmitglied oder nur noch ein gleich gesinnter Überlebender?
  Er lächelte und streckte seine Arme nach vorne aus. »Ich gängele niemanden mehr, esé?« Davon abgesehen, dass er dieses Slang-Anhängsel verwendete, sprach er mit einem ausgeprägten Akzent, obwohl er ihn freundlich anschaute. Er fuhr in normalem Englisch fort: »Im Ernst, das liegt in der Vergangenheit, genauso wie alles andere auch, nicht wahr?«
»Ja, klar doch.« Cooper nickte, denn der Kerl kam ihm gleich sympathischer vor. »Also, was ist mit Taffer geschehen?«
»Er wurde infiziert«, gestand ihm Ellen mit sorgenvoller Miene.
Cooper machte einen Schritt rückwärts.
»Er bekam Fieber und fing an … du weißt schon … sich übertrieben ausgelassen zu benehmen. Ich mischte ihm mehrere Schlaftabletten in ein Getränk, um ihn zu beruhigen, doch davon wurde er nur schläfrig. Für mich war das Anlass genug, ihn zu fesseln.«
Taffer schwankte auf der Stelle, während Ellen erzählte, dabei stöhnte er leise.
»Um sein Fieber zu senken, legte ich ihm Eisbeutel und kalte Handtücher auf, was auch immer ich finden konnte.«
»Genau«, warf Tom ein. »Ich beschwerte mich ständig darüber, dass wir auf der dritten Ebene hockten, aber genau das hat uns scheinbar gerettet.«
»Jedenfalls halfen Karen und Tom mir dabei, Taffer kühl zu halten, solange das Fieber nicht abklang. Dann brach er plötzlich in Geschrei aus und schlug wild um sich. Wir mussten ihn knebeln und fesseln, aber zuletzt wurde das Fieber immer schlimmer.«
»Außerdem habt ihr ihm den Käfig über den Kopf gestülpt und ihn so herumlaufen lassen?« Cooper zeigte darauf.
In diesem Moment fiel Taffer auf die Knie und sackte zur Seite auf den Betonboden. Ellen kniete sich neben ihn.
»Atmet er noch?« Cooper kauerte ebenfalls nieder. »Wie lange steckt das Ding denn schon in seinem Mund? War er zwischendurch ansprechbar?«
»Nein, er hat sich immer wieder gegen uns gewehrt und sich aggressiv verhalten.«
»Wen wundert’s?« Hector lachte. »Fesselt und knebelt doch mal mich und schaut, wie ich reagiere.«
Cooper warf ihm einen amüsierten Blick zu – du hast ja recht – zog sein Messer und machte sich dann daran, die Seile und Tuchfetzen zu durchtrennen, mit denen sie Taffers Arme zusammengebunden hatten. Danach zog er ihm den Käfig vom Kopf und zerschnitt den Textilknebel. Taffers Haare und Bart hatten sich in der Kette verheddert. Er stank widerlich.
»Sag mal, was hattet ihr denn mit ihm vor?« Cooper schaute Ellen und die anderen drei an.
Sie zuckte mit den Achseln. »Ich schätze mal, über kurz oder lang hätte ich … keine Ahnung.«
Cooper hob nun eine seiner Pistolen. »Wenn er infiziert ist, bleibt uns leider keine andere Wahl.«
Ellen erschrak. »Was?« Es kam anscheinend vollkommen unerwartet für sie. »Du willst ihn erschießen?« Sie drückte Coopers Arm zur Seite.
»Es gibt keine Alternative. Da er uns angreift, ist er ganz offensichtlich nicht mehr der alte Taffer. Sollte er nur krank sein, muss er behandelt werden.«
»Hast du ihm mal in die Augen geschaut?«, fragte Hector nun. »Mann, er sieht aus wie ein Monster.«
Cooper kniete sich wieder hin und tätschelte die Wangen des Bewusstlosen. Er ließ ihn dabei keine Sekunde aus den Augen, weil er für den Fall, dass Taffer zu sich kam, vorbereitet sein wollte.
»Ich bin so dankbar dafür, dass es dir gut geht«, sagte er. »Was hast du denn die ganze Zeit über getrieben?«
»Na ja, ich habe mich aufgerafft, um nach dir zu suchen. Tom und Karen haben darauf bestanden, mich zu begleiten. Wir mussten durch Watsonville gehen, weil er nach seinem Bruder sehen wollte.«
Da dieser nicht zugegen war, erübrigte sich für Cooper ein Nachhaken.
»Und was hast du so gemacht?«
Er schaute zu seiner Schwester auf. Eigentlich wollte er ihr später alles in Ruhe erzählen. »Im Grunde nicht viel«, antwortete er geistesabwesend und nahm sich einen Augenblick Zeit, um die Umgebung zu sondieren. Er wunderte sich darüber, wie achtlos die anderen diesbezüglich waren. Wie hatten sie so lange überleben können?, fragte er sich.
Taffer fing jetzt wieder an, zu stöhnen.
Hector fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, und er stürzte fast, als er zurückschreckte. »Erschieß ihn!«
»Warte.« Cooper zog beide Pistolen und legte sie auf den Kopf des Kranken an.
»Gleich zwei Kanonen?«, unterbrach ihn Ellen. »Muss das wirklich sein?«
Sie konnte die Augen verdrehen und Cooper das Gefühl vermitteln, ein Trottel zu sein, weil sie einen Nobelpreis erhalten hatte – was wohlgemerkt mittlerweile Schnee von gestern und jetzt vollkommen unerheblich war. Heute fiel es ihm leicht, sie zu ignorieren. Sie war bloß ängstlich und erschöpft, so wie jeder von ihnen, weshalb sie auch in alte Gewohnheiten zurückfiel.
Während Taffer stöhnte, rutschte er hin und her. Cooper trat leicht auf einen seiner Arme, damit er stillhielt.
»Cooper?«
»Taffer, wie geht es dir?«
»Ich verdurste.« Der Liegende schloss erschöpft die Augen.
Cooper schaute Ellen an, als wenn er sie fragen wollte: »Und wer ist hier der Trottel?«
»Mensch, wie hätte ich das denn erkennen können? Sieh dir doch seine Augen an. Er hat sich aufgebäumt, als …«
»… als habe er Hunger und bekomme keine Luft mehr?«, ergänzte Cooper trocken.
»Na gut.« Karen ging zu Taffer. »Wir müssen ihn irgendwohin bringen, wo es sicher ist und er sich erholen kann. Komm her, Tom, und hilf mir mal.«
Ellen fiel auf, dass Karen, die eben noch einen ganz schüchternen Eindruck gemacht hatte, jetzt diejenige war, die Anweisungen gab. Tom fügte sich und packte mit an, um Taffer hochzuheben. Dieser hatte zwar viel Gewicht verloren, war aber trotzdem noch schwer genug. Deshalb gelang es ihnen nur mit vereinten Kräften, ihn in den SUV zu hieven. Ellen nahm außerdem Anstoß daran, dass Tom zur Seite trat und sich von Hector ablösen ließ, um selbst auf der Beifahrerseite einsteigen zu können. Denn so musste sie Taffer allein mit Karen, Cooper und Hector auf die Rückbank legen. Als sie den Latino anschaute, erwiderte er ihren Blick kopfschüttelnd und mit einem abfälligen Gesichtsausdruck.
Sie richteten Taffer vorsichtig hinter dem Beifahrersitz auf, ehe Cooper hinter dem Steuer Platz nahm. Ellen rutschte nun in die Mitte der Rückbank. Karen stieg als Nächstes ein und Hector zuletzt, sodass dieser am Fenster saß. Er konnte die Tür kaum zuziehen, weshalb er sich zur Seite drehen musste. Schließlich hatten sich vier Erwachsene in den hinteren Teil des Wagens gezwängt, wohingegen sich Tom vorne breitmachen konnte, während er durch die Windschutzscheibe schaute.
»Moment noch!«, rief Hector. Er stieg wieder aus und hob die Waffen auf, die das Trio fallen gelassen hatte. »Nur das Gewehr ist geladen. So wie die zwei Flinten aussehen, funktionieren sie vielleicht gar nicht mehr.«
»Was erklären würde, warum die beiden einfach weggerannt sind.« Cooper verließ den Wagen ebenfalls. »Ich schlage vor, wir sehen uns diesen Kerl noch mal genauer an.«
Er bemerkte sofort, dass sich der Mann eingenässt hatte. Als er neben ihm auf die Knie ging, um seinen Puls zu prüfen, musste er würgen. Obwohl der Wind in die entgegengesetzte Richtung wehte, roch er, dass auch Whites Schließmuskel erschlafft war. Cooper fühlte keinen Puls mehr. Die Augen waren halb offen. Er war sich sicher, einen Toten vor sich liegen zu haben.
»Okay, verschwinden wir.«
Er fuhr schon auf dem Highway, als er schließlich fragte: »Und wohin jetzt? Ich will mich vergewissern, ob es hier nicht noch etwas zu holen gibt. Womöglich ist der Supermarkt noch nicht geplündert worden.«
Ein kurzes Stück weiter auf der Straße stießen sie auf ungefähr ein Dutzend Untote, die sich gebeugt um ein Objekt auf dem Asphalt scharten. Hector schloss hastig die Scheibe seiner Tür, während Tom anscheinend gar nichts bemerkte und weiterhin seinen Arm halb aus dem Wagen hängen ließ. Hector überlegte gerade, ob er ihm die Gefahr verschweigen sollte, brachte es aber einfach nicht fertig. Deshalb klopfte er gegen die Rückenlehne des Beifahrersitzes.
»Mach lieber mal dein Fenster zu.«
Im Vorbeifahren erkannten sie, dass es sich nicht um ein, sondern um zwei Objekte handelte … oder besser gesagt um Leichen. Die Männer waren offenbar auf der Flucht in Stücke gerissen worden.
Alle wandten sich ab, und niemand sprach ein Wort.
Cooper nahm nun die Ausfahrt nach Seaside. Diese Kleinstadt gleich nördlich von Monterey war ein eigenständiger Ort wie viele andere auf der Halbinsel, obwohl es im Grunde genommen gar keine eindeutigen Grenzen zwischen ihnen gab.
Auf den breiten Straßen tat sich nichts mehr. Der Wind wehte kleine Sandwirbel von den Dünen her über die Fahrbahn. Aber es war so wenig, dass der Verkehr es früher zerstoben hätte, jetzt sammelte es sich aber an vereinzelten Stellen entlang der Bucht und verstärkte das allgegenwärtige Bild von Verlassenheit.
Auf dem Weg zu dem großen Supermarkt ließ Cooper mehrere Gebäudeblocks hinter sich, wobei sich die Sandflächen irgendwann lichteten und schließlich ganz verschwanden.
Während sie vertraute Orte passierten, hätten sie leicht dem Irrtum aufsitzen können, alles sei wie immer oder werde sich bald schon wieder einrenken. Cooper musste sich daran erinnern, dass es weiter rapide bergab ging. Schon jetzt waren die Straßen mit Unrat übersät, Gras und Unkraut sprossen vielerorts unübersehbar, ganz zu schweigen natürlich von der Tatsache, dass sich nirgendwo auch nur ein Mensch blicken ließ. Wenn Cooper in die tiefen Schluchten am Wegesrand schaute, sah er Tausende dicht an dicht stehende Leiber. Es sah so aus, als wären die meisten Untoten nach und nach in die Täler geströmt. An der nächsten Kreuzung bremste er und sah sich in beide Richtungen um – Leere, nur ein paar Zombies, die umherirrten.
Er fuhr nun langsam zum Eingang des Supermarktes. Die Fenster waren zerschlagen, und auch hier lag Müll am Boden verstreut. Dass auch Leichen herumlagen, entsprach einem zu gängigen Anblick, um sich darüber noch zu wundern. Der Wind ließ geradezu anmutig ein paar Streifen Toilettenpapier flattern und Abfälle rollten über den Platz. Die Insassen des Wagens starrten ausdrucks- und emotionslos vor sich hin. Diese trübselige Weltuntergangsszene war der neue Standard.
Cooper schaltete den Motor aus, um in die entstandene Stille zu lauschen. Nachdem er für den Moment nichts gehört oder näherkommen sehen hatte, zog er am Türgriff.
»Bleibt sitzen.«
»Was? Nein, wir müssen Zeug besorgen, um Taffer zu behandeln«, sagte Ellen, während sie ebenfalls die Tür öffnete. Karen stieg hinter ihr aus, doch Tom rührte sich nicht.
»Ich bleibe lieber hier und behalte unseren Patienten im Auge.« Er lächelte aufgesetzt, ohne sich auch nur kurz zu Taffer umzudrehen.
»Ich komme gleich nach.« Hector ging zum Rand des Parkplatzes, der von Hecken umgeben war. Während er sich ihnen näherte, schaute er an seinem Hosenknopf nestelnd nach links und rechts.