Entführt in Paris

von Rick Jones

Serie: Die Ritter des Vatikan
Band 5

»Rick Jones nimmt den Leser auf ein rasantes Action-Abenteuer mit, von der grausamen Entführung in den Straßen von Paris, bis zu einem furiosen Showdown auf einer Jacht, während er gleichzeitig tief in die Seelen eines Kämpfers und einer trauernden Mutter blickt. ENTFÜHRT IN PARIS ist ein zermürbender Blick auf die Mechanismen des Menschenhandels und der vielleicht beste Teil der Reihe.« - Kane Gilmour, Bestsellerautor der Romane RAGNAROK und RESURRECT

INHALTSBESCHREIBUNG


Während einer Urlaubsreise nach Paris werden Shari Cohens Kinder von Jadran Božanović entführt, einem so skrupellosen wie gefürchteten Menschenhändler. Jede Sekunde zählt, denn je länger sich die Kinder in seiner Gewalt befinden, um so aussichtsloser wird es, sie wiederfinden. In ihrer Verzweiflung wendet sich Shari an Kimball Hayden und die Ritter des Vatikan. Kimball, dessen Herz noch immer für Shari schlägt, versammelt seine Ritter, um ihr zu Hilfe zu eilen. Doch sehr schnell muss er feststellen, dass sie den Gegner unterschätzt haben. Als zu viele seiner Glaubensbrüder fallen, trifft Kimball eine folgenschwere Entscheidung und stellt sich Božanović in einem Duell, das nur einer der beiden überleben wird …

Prolog

 

Das Containerterminal am Hafen von Ploče, Kroatien

  

Der letzte Container wurde auf das Deck der Александра (Aleksandra) verladen. Bei dem Schiff handelte es sich um einen umgebauten Frachter, laut kroatischem Schiffsregister auf einen angesehenen Schifffahrtskaufmann registriert, dessen Unternehmen in Wahrheit jedoch nur eine Scheinfirma für die kroatische Mafia war.

Jadran Božanović, ein hochrangiges Mitglied der Organisation, stand an der Reling des 133 Meter langen Schiffes und sah zu, wie der letzte Frachtcontainer mit Kranhaken und -seilen auf die anderen Container heruntergelassen wurde. Er war bekannt für seine Brutalität, mit der er unter Zuhilfenahme der Klinge seines Messers seine Vorstellung von Gerechtigkeit zu verbreiten pflegte. Seine Lieblingswaffe, denn ihr konnte nie die Munition ausgehen. Es gehörte zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen, seine Leichen so entmenschlicht zurückzulassen, dass es den Anschein hatte, als hätte sich ein Tier über sie hergemacht. Die Botschaft, die er auf diese Weise hinterließ, sollte als Beleg für seine rohe und ungehemmte Boshaftigkeit gelten.

Mit einer Körpergröße von einem Meter neunzig, einem Gewicht von knapp einhundert Kilogramm, und einem Körperfettanteil, der sich im einstelligen Bereich bewegte, wirkte Božanović Körperbau ebenso einschüchternd wie sein Antlitz. Sein Gesicht war kantig, mit leicht hervorstehenden Wangenknochen, ein Überbleibsel seiner mongolischen Gene, welche sich über Generationen immer mehr abgeschwächt hatten. Seine Augen hatten die Farbe von Onyx, dunkel und ausdruckslos. Was seine Gesichtszüge jedoch dominierte und sein Gesicht so unverwechselbar machte, war jene Narbe, die über eine gesamte Wange bis hinunter zu seiner Oberlippe reichte und dabei das untere Augenlid weit genug nach unten zog, dass man das rosafarbene Gewebe darunter hervorschimmern sah.

Im Gefüge der Mafia besaß Jadran Božanović eine Schlüsselrolle.

Während die ersten Lichtstrahlen am Horizont auftauchten und sich die Schatten der Nacht verflüchtigten, setzten die Kräne ihre Arbeit unter dem Licht der Zweckleuchten fort, die sich überall an Deck befanden. Als der letzte Container schließlich abgesenkt und gesichert worden war, gab Božanović das Zeichen, sich zu beeilen, bevor die Mitarbeiter des kroatischen Schiffsregisters womöglich auf die Idee kamen, die Fracht noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen.

Der Kroate stieß sich von der Reling ab und begab sich zum Hauptdeck. Der Horizont erstrahlte nun heller, in satten Orange- und Rottönen, und das Morgenlicht begann sich immer weiter über den Hafen auszubreiten.

Als er die übereinandergestapelten Container erreichte, stand dort ein Mann von winziger Statur mit einem Kugelschreiber und einem Klemmbrett in der Hand. Neben Jadran Božanović schien der Mann geradezu unbedeutend. Und für Božanović war dieser Mann wie jeder andere, der unter ihm diente, nichts weiter als ein Werkzeug der Organisation, ein namenloser, gesichtsloser Niemand, der zu jedem Zeitpunkt ausgetauscht werden konnte.

»Können wir ablegen?«, fragte Božanović. »Ich zähle insgesamt acht Container.«

Der kleinere Mann nickte. »Acht Container mit …« Er überprüfte seine Aufzeichnungen mit der Spitze seines Kugelschreibers. »… siebenhundertundsechs Personen.«

Božanović neigte den Kopf zur Seite. »Siebenhundertundsechs? Es sollten siebenhundertzwanzig sein.«

»Ich fürchte, einige von ihnen haben es nicht überlebt, Mr. Božanović.« Der kleinere Mann wählte seine Worte mit Bedacht. Für Jadran Božanović bedeutete jedes einzelne Frachtgut blankes Geld. Und Geld zu verlieren war indiskutabel. Bald schon würde der Kroate dafür jemanden zur Rechenschaft ziehen und an ihm mit seinem Messer ein blutiges Exempel statuieren. Sorgfalt hatte für sein gesamtes Eigentum zu gelten, so lautete die wichtigste Regel im Umgang mit seiner Fracht.

»Ich will eine Liste von allen Personen, die sich um die Behandlung meiner Fracht kümmerten«, sagte er.

»Jawohl, Sir.«

Božanović warf einen flüchtigen Blick nach Osten, wo man bereits den oberen Rand der Sonne über den Horizont ragen sah. »Wie lange noch, bevor wir ablegen können?«

»Wir sind startklar, Sir.«

»Dann sorgen Sie dafür.«

»Jawohl, Sir.«

Božanović kehrte zu der Reling zurück und ließ noch einmal seinen Blick über die Fracht schweifen, während die Sonnenstrahlen immer weiter über den Hafen krochen und bereits Winkel erhellten, die eben noch in tiefen Schatten lagen. Aus den Augenwinkeln erhaschte er eine Bewegung, nur für einen Sekundenbruchteil zu sehen. Jemand versuchte sich hinter der Wand aus übereinandergestapelten Containern zu verstecken.

Und diese Person war nicht allein.

Mehrmals hintereinander hieb Božanović frustriert mit den Handflächen auf das Geländer der Reling. Seine Operation war aufgeflogen.

Wo einer ist, sind noch mehr …

Eilig rannte er über das Deck und befahl lauthals, die Aleksandra loszumachen, als plötzlich von allen Seiten Soldaten einer internationalen Spezialeinheit auftauchten, ihre Waffen auf ihn gerichtet. Sie trugen komplett schwarze Ausrüstung, spezielle Helme und Körperpanzerung, und ihre Waffen gehörten zum Aktuellsten, was modernes Kriegsgerät zu bieten hatte.

Božanović bellte weitere Befehle und stürmte über das Deck. »Pomicanje! Pomicanje! Pomicanje!« Bewegung, Bewegung, Bewegung!

Božanovićs Crew versuchte die Taue von den Pollern zu lösen, doch sie wurden von Gewehrsalven niedergestreckt, die durch ihre Körper peitschten und Blutfontänen und rötlichen Nebel aufspritzen ließen.

Überall an Deck brachen ihre Leiber wie leblose Bündel zusammen, während sich die internationale Einheit weiter die Gangways entlangbewegte.

Božanović tätschelte mit der Handfläche den Griff des Messers. Kaum die geeignete Waffe, um es mit einem solchen Arsenal aufzunehmen, also zog er stattdessen seine Glock.

Er zielte, feuerte die Pistole in rascher Folge ab, und die Kugeln trafen ihre Ziele. Einer der Soldaten in Körperpanzerung ließ sich kurz auf die Knie sinken, bevor er seine Waffe auf Božanovićs neu ausrichtete. Kurz darauf folgte eine Kugelsalve und schlug scheppernd in die Metallbehälter hinter Božanović ein. Die Projektile prallten in alle Richtungen ab und Božanović duckte sich unter dem Kugelhagel hindurch. Verzweifelt riss er die Waffe empor und feuerte blindlings ein paar Schüsse ab, ohne zu treffen, während er weiter zum Heck des Schiffs rannte.

Ihm waren noch sechs Schuss geblieben.

Die Männer der militärischen Spezialeinheit schwärmten über das Deck der Aleksandra aus und feuerten in alle Richtungen – links, rechts, nach Osten und Westen. Reihenweise fielen Božanovićs Männer, die von dem vorrückenden Team systematisch ausgeschaltet wurden.

Doch als Božanović die Schreie seiner Männer hörte, verspürte er überhaupt nichts dabei – weder Mitleid noch Reue, und am wenigsten Dankbarkeit für das Opfer, das sie brachten. Hier in Kroatien, wo die Menschen nicht selten romantische Vorstellungen davon pflegten, einmal ein Mitglied der kroatischen Mafia zu sein, gab es reichlich Ersatz für sie.

Am Heck des Schiffs erreichte er das Ein-Mann-U-Boot, das mit metallenen Klammern an Deck gehalten wurde. An der Außenseite befand sich ein Tastenfeld für einen Code, den nur er kannte. Mit tauben Fingern begann er die Zahlenfolge in das Tastenfeld einzugeben. Um ihn herum pfiffen Kugeln. Einschusslöcher erschienen wie von Zauberhand, als noch mehr Kugel an seinen Ohren wie Wespen vorbeisurrten und ihn nur knapp verfehlten. Dann öffnete sich die Luke des U-Boots mit dem Zischen entweichender Luft.

Kugeln prallten scheppernd von der harten Titaniumverkleidung des U-Boots ab, während Božanović hineinschlüpfte und die Luke von innen schloss. Nach einem festen Zug an einem Seil im Innern lösten sich mit einem metallischen Poltern die Klammern, die das U-Boot an Deck festgehalten hatten. Das torpedoförmige U-Boot rutschte daraufhin eine Rampe zur Wasseroberfläche hinunter, wo es noch einmal für einen kurzen Moment wie ein Korken herumtanzte, bis es sich ausgerichtet hatte.

Hastig aktivierte Božanović die Steuerelektronik des Vehikels. Er startete die Antriebswellen, richtete die Ruder aus und flutete die Tauchtanks mit Wasser. Binnen weniger Augenblicke war das U-Boot unter den Wellen verschwunden und Luftblasen stiegen von dort auf, wo es abgetaucht war.

Die Soldaten der internationalen Spezialeinheit gruppierten sich an der Reling und richteten ihre Waffen auf die aufgewühlte Gischt hinab.

Jadran Božanović war entkommen.

  

John Majors, der Teamführer der englischen Spezialeinheit und früherer Leiter der Britischen Special Forces, schob das Visier des Gesichtsschutzes über seinen Helm zurück und sah zu, wie die letzte Luftblase an der Oberfläche zerplatzte, während Božanović entkam.

»Verdammte Scheiße«, war alles, was er sagte, während er auf die Wellen starrte. Sie hatten Božanović eine Falle gestellt, hatten ihn eingekesselt, und dessen Crew hatte nur marginalen Widerstand gegen sein sehr viel besser ausgebildetes Team geleistet. Und doch war Božanović ihnen entwischt.

Majors schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen, während man seine Kiefermuskulatur mahlen sehen konnte.

Das war jetzt das dritte Mal in einem Zeitraum von achtzehn Monaten gewesen, dass man versucht hatte, den Kroaten zu fassen. Der Mann war ihnen immer wieder entkommen – den Amerikanern, den Spaniern und nun auch den englischen Spezialkräften.

Majors schnaubte aus Wut und Frustration über den verpatzten Abschuss. Božanović das Leben zu nehmen galt in den Augen der internationalen Gerichtsbarkeiten als gerechtfertigt, und jene, die dort das Sagen hatten, hatten seinem Tod längst grünes Licht gegeben.

»Colonel?«

John Majors öffnete die Augen. »Ja?«

»Sechzehn Crewmitglieder der Aleksandra sind tot, Sir.«

»Überlebende?«

»Keine.«

»Und die Fracht? Ist sie sicher?«

»Ja, Sir. Die Fracht konnte sichergestellt werden.«

Majors führte sein persönliches Team zum Hauptdeck, wo sich die bewaffneten Einheiten der britischen Spezialeinheit um die Frachtcontainer versammelt hatten.

»Wie viele verdammte Container sind es dieses Mal?«, fragte Majors einen der Soldaten, dessen Schulterstreifen ihn als Sergeant auswiesen.

»Acht.«

Majors schüttelte den Kopf und lief an ihn ihm vorbei, die Augen fest auf die Container gerichtet. »Das sind acht zu viel.«

Majors ließ seine Waffe sinken, als er sich dem ersten der Container näherte, wie man sie auch auf Sattelschleppern finden konnte. »Öffnen Sie die verdammte Tür«, befahl er. »Und beten Sie, dass wir darin finden, weshalb wir hier sind.«

Ein Soldat mit einem Schweißbrenner in der Hand ließ die Spitze des Geräts auflodern und richtete die Flamme auf das Schloss, welches wie Butter zu schmelzen begann. Als das Schloss herunterfiel, schoben die Soldaten den Riegel zurück und öffneten die Tür.

Der Gestank menschlicher Ausscheidungen, der ihnen entgegenschlug, war überwältigend. Eine Hitzewelle begleitete ihn, wie ein wogendes Fieber, das lebendig schien – so wie die Krankheiten, unter denen die hustenden Menschen litten und in deren Adern Viren hausten.

Majors trat einen Schritt zurück. Verflucht sollst du sein, Božanović. »Um Himmels willen, schafft diese Leute da raus! Und holt Hilfe!«

»Jawohl, Sir.«

Die Menschen in dem Container, die aus brennenden Lungen würgten und husteten, waren im Alter zwischen zwölf und fünfundzwanzig Jahren, allesamt Opfer von Jadran Božanovićs, dem Händler menschlichen Elends.

Majors warf einen grimmig abschätzenden Blick auf die restlichen Container und wusste, dass sie die gleiche Fracht enthalten würden: lebende Menschen.

Angewidert schüttelte er den Kopf und fragte sich, wie es Menschen wie Božanović überhaupt geben konnte. Er versuchte sich auszumalen, welche Dinge im Leben einen Mann derart grausam und jämmerlich werden lassen konnten, dass dieser bereitwillig den Leibhaftigen als Verbündeten akzeptierte und sich in dessen Gegenwart auch noch wohlzufühlen schien.

Verflucht sollst du sein, Božanović.

Verflucht bis in alle Ewigkeit.

Ende der Leseprobe

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