Buchcover:
Neuerscheinung

Engel

INHALTSBESCHREIBUNG


Stimmen bevölkern Vincents Kopf, flüstern ihm zu, wie er in der Welt des gewalttätigen Vaters und der religiösen Mutter überleben kann. Die Stimme des Künstlers ist besonders stark in Vincent, sie beginnt seine Hände zu führen, treibt Vincent an, Kunst zu schaffen. Der Tod wird zu Vincents künstlerischer Obsession. Aus Tierknochen baut er bizarre Plastiken des Todes, folgt dabei der Stimme des Künstlers in seinem Kopf.

Vincents Mutter erkrankt. Im religiösen Wahn verspricht sie auf dem Totenbett, ihrem Sohn einen Engel zu schicken.

Vom Tod der Mutter traumatisiert, wartet Vincent auf das Erscheinen des Engels. Er hofft auf ein Wesen, das ihn von seiner Einsamkeit und seinen seelischen Narben befreit, auf einen Engel der Gnade und der Liebe.

Vincent wartet lange und vergeblich und beschließt, sich einen Engel zu erschaffen. Er wird zum Knochendieb, zum Tiermörder, zum Leichenschänder, zum Mörder. Besessen von seinem Wunsch nach Erlösung und angetrieben von der Stimme des Künstlers, baut Vincent aus seiner knöchernen Beute einen Engel, nennt diesen zärtlich „seine Adlerfrau“.

Vincent sehnt sich nach einem menschlichen Ebenbild seines leblosen Engels. Besessen von dem Gedanken einer fleischgewordenen Adlerfrau beginnt er eine verzweifelte Suche.

ENGEL ist ein fesselndes Psychogramm über eine Erlösung suchende, schizophrene Persönlichkeit voller seelischer Narben.

Ein Baby.

Es hat Angst. Ich höre es schreien. Das kleine Ding ist verwirrt. Hört ihm zu. Wie verzweifelt es ist. Bitte, helft. Sein Gesicht, blau angelaufen. Todesangst in seinen Augen. Aus seiner vertrauten Umgebung wird es in eine gleißende Welt geworfen. Menschen lächeln. Eine Frau weint. Tränen des Glücks. Das Baby soll leben. In unserer Welt. In einer schönen, neuen Welt.

Das Baby ist tot, hat sich verwandelt, ist gereift, wurde zum Kind, zum Mann. Das Baby war ich. Habe ich mir ausgesucht auf diese Welt zu kommen? Nein. Der Klaps der Hebamme auf meinem Hintern wurde zum Symbol meines Lebens. Ab meinem ersten Atemzug waren Schläge mein Begleiter. Mit Schmerz wuchs ich auf. Sehe ich eine Faust, denke ich daran. Hände mag ich nicht, zu gefährlich sind sie. Finger verdichten sich, krümmen sich zu einer Faust. Kraft überträgt sich aus der Hüfte über die Schulter in den Arm. Die Faust ist dessen Speerspitze. Sie fliegt mir entgegen, bringt Schmerz. Die Hände meiner Eltern bringen nur Schmerz.

Ich sah das Spiel eines Pianisten. Die Bewegungen seiner Hände waren anmutig, elegant, friedlich. Gern würde ich solche Hände berühren, fühlen. Eine geöffnete Hand, eine Hand, vor der ich mich nicht fürchten muss. Eine unbekannte Hand, anders als die Hände meiner Eltern, ziehend, zerrend, reißend.

Meine Haarwurzeln schmerzen, dunkle Blutergüsse übersäen meinen Körper, wo die Hände meiner Eltern mich berühren. Schmerz, Qual, Pein. Missachtung, Kälte, Verweigerung sind mein Zuhause, das ich mit meinen Eltern teile. Es muss so sein, es war immer so. Eltern schlagen, Kinder werden geschlagen. Der Lauf der Dinge.

Zumindest für mich.

Geschenke gibt es nur an bestimmten Tagen und zu besonderen Anlässen. Geschenke wünscht sich jedes Kind, der Moment des Schenkens steht außerhalb der Normalität. Ein Ausnahmezustand. Weihnachten, Ostern, Geburtstag, wenn man besonders lieb war oder etwas Besonderes erreicht hat, auf das andere stolz sind. Es sind kostbare Momente, die ich fürchtete, da sie so flüchtig und verwirrend sind.

Glück ist ein geliehenes Ding, befindet sich nur kurzfristig im Besitz eines Menschen. Selten besitze ich Glück durch Liebe, verliehen durch meine Eltern, geäußert durch ihr Lächeln oder eine schmerzlose, flüchtige Berührung, die ebenso schnell wieder zurückgenommen wird, wie sie geteilt wurde. Die Angst, etwas zu verlieren, das man gern hat, ist größer, als die Angst nichts zu haben und nichts erwarten zu können. Ich habe Angst vor der Liebe meiner Eltern. Sie macht mich unglücklich, denn sie wird vergehen, sobald der Augenblick vorüber ist. Erfahrung lehrte mich, der Liebe zu misstrauen.

Ich bin alles, was meine Eltern erreicht haben. Vielleicht haben sie mich in die Welt geworfen, um etwas zu besitzen, das ihnen gehört. Eigentum können sie nicht erwerben. Kein Haus, kein Auto, keine teuren Klamotten. Die Zuwendungen des Staates reichen hierfür nicht aus. Durch Sex haben sie sich ihr einziges Eigentum geschaffen. Mich.

Sie wollten stolz auf mich sein.

Sie sollten stolz auf mich sein.

Sie sind es nicht.

Bereits als Baby liefere ich ihnen keinen Grund dafür. Ich schreie und weil ich nicht aufhören kann, schlagen sie mich. Ich schreie erneut, ist doch ein Schrei die Antwort auf Schmerz. Die Antwort auf die Antwort ist simpel, weitere Schläge folgen. Das Prinzip von Aktion und Reaktion. Angewandte Physik im Leben der ungebildeten Unterschicht. Ein Name gibt einem Ding eine Bedeutung. Die Bedeutung gibt ihm einen Charakter. Den Namen zu kennen, gibt einem Menschen Macht über das Ding. Das Ding bin ich. Mein Name ist Vincent.

Ich bin eine Enttäuschung für meine Eltern, bedeute ihnen nichts, bin keine positive Emotion wert. Mutter ist immer mit sich selbst beschäftigt. Vater schlägt zu. Nur im Schmerz halten wir Kontakt, nur die Gewalt verbindet uns als Familie.

Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Jeder ihrer Vorwürfe ist eine Lüge. Ich habe ihr Leben nicht verpfuscht. Sie glauben es, suchen doch nur einen Schuldigen. Schuld hat das schwächste Glied in der Kette.

Das Kind ist das schwächste Glied. Ich spüre das täglich. Mein Versuch eines Lächelns wird nicht erwidert. Dem Versuch einer Umarmung wird ausgewichen. Ich ziehe mich von meinen Eltern zurück, mit jedem Jahr, das ich älter werde mehr. Im Laufe der Zeit bin ich fast unsichtbar geworden. Sitze ich still, bewege mich nicht, spreche nicht und atme flach, ist die Chance am größten, Vaters Schlägen zu entgehen. Stets kommen diese ohne Vorwarnung. Hat Vater getrunken, lässt er das Tier in sich frei, schreit, droht, schlägt. Oft hoffe ich, es würde Mutter treffen, fehlt mir doch die Kraft, immer und immer wieder die Wucht der Schläge meines Vaters zu überstehen. Manchmal habe ich Glück und Mutters Schreie und nicht meine eigenen füllen unsere kleine Wohnung. Die Schmerzen meiner Mutter sind für mich Momente der Erleichterung.

Sie tut mir leid.

Ich lerne, unauffällig zu sein. Wie ein Schatten drücke ich mich an die Wand der engen Zimmer. Meine Spielfiguren sind ebenfalls stumm, meine Miniaturautos haben keinen Motor, fahren lautlos auf dem Boden nahe der Wand. Ich wähle den größtmöglichen Abstand zwischen mir und meinem Vater, wenn sich unsere Wege in der Wohnung kreuzen. Nie hebe ich den Blick, will ihn nicht provozieren. Ich bin so leise, wie ich nur kann, bin ein Geist in diesen Zimmern, habe durch schmerzhafte Erfahrungen gelernt, ein Geist zu sein. Ein gebrochener Arm. »Beim Radfahren! Musst du sagen«, trichtert mir Mutter auf dem Weg in die Klinik ein. »Er ist ein wildes Kind«, betont sie immer und die Ärzte nicken. Ein Riss in der Oberlippe, Blutungen aus Nase und Ohr. Prellungen, die jede Bewegung zur Qual machen. Eine Platzwunde auf dem Kopf. Immer bin ich selbst schuld, ich, das wilde Kind.

Nur noch selten geht Mutter mit mir zum Arzt, aus Angst vor unbequemen Fragen. In der Furcht finden wir Gemeinsamkeit. Mama und ich verbringen einen Großteil unseres Lebens in Angst.

Ich entwickele mich zu einem stummen Duckmäuser, während ich mir insgeheim ausmale, wie ich Papa schlagen würde. Sehe ich Gewaltszenen im Fernsehen, stelle ich mir Vaters Gesicht vor, mache ihn zum Opfer. Für mich ist der Mann, der im Krimi ermordet wird, stets mein Vater. Dieser Gedanke wurde für mich zur Selbstverständlichkeit. In meinem Kopf ist Papa tausendmal gestorben. Nein, nicht gestorben, verreckt ist er. Qualvoll verreckt.

Was wird passieren, sollte er eines Tages wirklich sterben? Stirbt dann meine Angst mit ihm? Wird Mama ein ganz anderer Mensch sein? Liebt sie mich dann?

Ich glaube es, will es glauben. Nur Angst vor Papa verdrängt ihre Liebe und so warte ich auf den Tag, an dem Papa sterben wird.

Betrachte ich meinen Körper im Spiegel, erkenne ich die Stellen, an denen er mich gebrochen hat, fühle den alten Schmerz, sowie ich mich konzentriere und meinen Arm betrachte. Ich kann das Knacken hören. Jederzeit.

Ein gebrochener Knochen soll stärker werden, wenn er wieder zusammenwächst. Papa wird sich mehr anstrengen müssen, sollte er erneut versuchen meinen Arm zu brechen.

Ich kenne meinen Vater nicht. Wie war er, als er jung war? Wie, als Alkohol noch keine Sucht für ihn war? Irgendetwas Freundliches muss er an sich gehabt haben, warum hätte Mama ihn sonst geheiratet? Sie ist keine Masochistin.

Sie ist eine schöne Frau.

Auch Mama schlägt mich, doch nicht aus Frust oder Wut. Mama schlägt aus Verzweiflung. Sie liebt mich. Ich weiß es und sie weiß, dass ich es weiß.

Ich nehme Mutter ihre Schläge nicht übel, auch nicht, dass sie duldet, wenn er mich schlägt. Würde sie mir helfen, würde auch sie geschlagen werden. Es wäre dumm, zu helfen. Mama ist nicht dumm. Ich bin es auch nicht, ich greife nicht ein, wenn er sich an ihr vergeht, hoffe stets, er möge aufhören. Erst schlägt er hart und schnell, dann werden seine Bewegungen träge. Ob ihm die Kraft ausgeht oder seine Wut, vermag ich nicht zu sagen. Irgendwann hört er auf, setzt sich in seinen Sessel. Nur Papa darf dort sitzen. Nur er. Der Thron eines Königs.

Wehe dem, der sich in Papas Sessel setzt. Einmal als Kind habe ich es getan, wusste damals nicht, dass es untersagt war. Es war ein unausgesprochenes Verbot und mit sofortiger Strafe verbunden. Das Leben in unserer Wohnung besteht aus unausgesprochenen Verboten. Was gestern erlaubt war, kann morgen verboten sein und übermorgen wieder erlaubt. Die Regeln in unserer Wohnung richten sich nach Papas Launen und dem Alkoholpegel in seinem Blut. Jeden Tag werden die Regeln neu bestimmt und auf jeden Tag folgt ein neuer Tag.

»Beginne am Anfang, sagte der König und geh weiter bis du am Ende bist. Dann höre auf.« Lewis Carrol hat das gesagt. Ich wünschte, Papa hätte Carrol gelesen und seinen Rat befolgt. Auf Papa trifft das Zitat nicht zu, für ihn lautet es anders: Beginne am Anfang, sagte der König und geh weiter, bis du am Ende bist. Dann beginne erneut, schlage erneut. Ein König stellt die Regeln auf, so wie es ihm beliebt. Er ist der König und deshalb hat er die Macht. In unserer Familie regiert Papa, wir reagieren. Er stellt die Regeln auf, wie es sich für einen Herrscher gehört. Das ist in Ordnung so.

Werde ich als Sohn meines Vaters auch einmal Regent sein? Oder bleibe ich für immer sein Untertan? Ich bin sein Sohn, sein Prinz bin ich nicht.

Ich bin sein Leibeigener, stamme von etwas aus seinem Leib, bin sein eigen. Ich bin ein Ding, dessen Namen er kennt und über das er Macht ausübt.

Zwischen uns steht Mama. Auch ihr Leibeigener bin ich. Sie hat mich geboren, ihrem Leib bin ich entsprungen. Doch sie ist nicht die Königin. Auch Mama ist des Königs Untertan.

Oft frage ich sie, warum wir nicht weglaufen. Sie weint und spricht über ihre Liebe zu Papa. Sie kann ihn nicht verlassen, er ist ihr Mann, bis das der Tod sie scheidet. Immer gleichen sich ihre Antworten. Täglich weint sie, Tränen helfen nicht gegen Gewalt. Ich weiß es, ich habe es früher probiert. Heute weine ich nicht mehr. Jungs weinen nicht.

Tränen können zu Gewalt führen. Mutters Verzweiflung bricht dann aus ihr heraus, führt zur Erkenntnis der Hilflosigkeit, zu Frust, zu Kanalisation, zu Schlägen. Meist kommt es anders, Mama sitzt einfach da und weint. Sie vermag stundenlang zu weinen. Ich beobachte sie, helfen kann ich ihr nicht.

Machtlosigkeit. Kein Job, kein Geld, kein Ansehen. Das ist das Leben meines Vaters. Als Alkoholiker frisst er seinen Frust in sich hinein. Er säuft, bis er zusammenbricht, er schimpft auf alle, die in der Nahrungskette unter ihm stehen. Er muss genau hinsehen, um zu finden, wonach er sucht und darauf seinen Hass lenken. Nie würde Papa zugeben, sich selbst zu hassen. Nie auch nur daran denken, seine Sucht und seinen Hass zu gestehen.

Meine Eltern sind arm. Die Bedeutung dieses Wortes wird mir erst klar, als ich in die Schule gehe. Meine Kleidung ist verschlissen, zu klein und stammt aus Kleiderspenden wohltätiger Einrichtungen. Die anderen Kinder lachen über mich, spotten über meine Uniform aus Lumpen. Ich bin anders als sie und sie wollen nichts mit mir zu tun haben. Sie meiden mich, spüren, dass ich nie zu ihnen gehören werde. Wie recht sie haben. Ich bin der Sohn meines Vaters.

Ich schlage zu.

Auch andere Kinder können bluten.

Ende der Leseprobe

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