THE END 4: HOFFNUNG UND TOD

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G. Michael Hopf

ENDZEIT-THRILLER

Band 4
Serie: The End

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Inhalt:


Der ergreifende neue Roman in einer der bekanntesten Dystopie-Serien.
Dieses Buch packt den Leser ab der ersten Seite mit seiner atemberaubenden Mischung aus Action, Abenteuer und politischen Intrigen.

Im vierten Buch, HOFFNUNG UND TOD, befinden sich die Vereinigten Staaten am Rande der totalen Anarchie im Zuge eines Super-EMP-Angriffs. Gordon Van Zandt und seine Familie haben es geschafft, sich in Sicherheit zu bringen, doch wie stehen ihre Überlebenschancen, wenn ein erbitterter Krieg um Territorien und Macht ausbricht?

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2015

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

394

ISBN

978-3-95835-060-1

eISBN

978-3-95835-061-8

Leseprobe


Prolog – 19. Oktober 2066

 

McCall, Idaho, Republik Kaskadien

Hunter war kaum aus der Maschine gestiegen, da wehte ihm schon ein rauer Wind entgegen. Er klappte den Kragen seiner dicken Kapitänsjacke hoch und ging zügig zur Empfangshalle des kleinen Flughafens. Dann atmete er einmal tief durch, um sich auf das Ungewisse gefasst zu machen. McCall hatte in der Geschichte seiner Familie eine große Rolle gespielt, doch es war das erste Mal, dass er einen Fuß auf diesen Boden setzte. Nichts spornte ihn so sehr an, seinen Wurzeln nachzuspüren, wie die Aussicht auf etwas, »das dein Leben verändern wird«, und genau dies war ihm von seinem Bruder Sebastian versprochen worden. Selbst als er diesen bedrängt hatte, weil er mehr über diese mysteriöse Angelegenheit erfahren wollte, der er sich angeblich unbedingt sofort widmen müsse, war Sebastian nicht umzustimmen gewesen, und hatte gemeint, dass Hunter besser herkommen und es sich selbst anschauen sollte. Wer hätte eine Einladung ablehnen können, die so etwas tief Greifendes verhieß? Seine Neugier war letztendlich mit ihm durchgegangen, sodass er sich bald darauf in einem kleinen Flugzeug wiedergefunden hatte, ohne zu wissen, was ihn eigentlich erwartete.
  Während er zur Empfangshalle eilte, fiel ihm zuallererst auf, wie überschaubar das Gelände war. Dies erstaunte ihn, besonders deswegen, weil es ihm aus der Luft viel größer vorgekommen war. Beim Landeanflug hatte er wie ein kleiner Junge, der sich den Ausblick auf keinen Fall entgehen lassen wollte, aus dem Fenster geschaut – es war traumhaft, wie unendlich weit sich das gewaltige Long Valley über Meilen hinweg erstreckte. Früher Schnee bedeckte den nackten Granit auf den Spitzen der Bergkämme zu beiden Seiten, wobei das Weiß ins dunkle Grün der Kiefern überging und dieses dann zur Talsohle hin in einen Flickenteppich aus Braun-, Gelb- und anderen Grüntönen. Er hatte jeden Hügel und so viele Straßen und Gebäude ins Auge gefasst wie nur möglich, bis sie südlich der Stadt zu Boden gegangen waren.
Hunter war stellvertretender Einsatzleiter der Botschaft, ein vielbeschäftigter Mann mit einem Terminplan, den politische Unruhen bestimmten – und diese wollten in jüngster Zeit anscheinend kein Ende mehr finden. Ohne seinen guten Draht zum Botschafter wäre er nicht in der Lage gewesen, den Abstecher nach McCall zu machen, denn sein ursprünglicher Zeitplan hatte vorgesehen, dass er sich heute wieder in Austin, Texas einfand. Doch sein Antrag, sich wegen familiärer Belange freinehmen zu dürfen, war sofort genehmigt worden. Da Hunter als Berufsmensch und Workoholic galt, der sich kaum einen Tag Urlaub gönnte, musste seine Bitte zwangsläufig bedeuten, dass es um etwas Ernstes ging. Zu dumm auch, dass er selbst nicht wusste, was diese ernste Sache war …
Nur wenige Schritte vom Eingang entfernt blieb er stehen und betrachtete die Umgebung.
»Das ist also das berühmte McCall«, sagte er zu sich selbst.
Ein korpulenter Mann mit orangefarbener Weste öffnete die Tür der Eingangshalle und begrüßte ihn: »Willkommen in McCall! Was führt Sie her?«
Hunter schaute sich in der übersichtlichen Empfangshalle des Gebäudes um. An den Wänden befanden sich Stuhlreihen mit Lederbezügen, dazwischen standen in regelmäßigen Abständen niedrige Tische mit Illustrierten und Zeitungen. In einer Ecke befand sich außerdem ein Terminal mit alten Computermonitoren, und dahinter eine Schalttafel mit der Aufschrift ›Ankunft-/Abflugzeiten‹. Ihm fiel auf, dass nur noch eine Maschine gelistet war, die später am Tag landen würde, und der nächste Start erfolgte erst am darauffolgenden Morgen.
Als ihm bewusst wurde, dass er die Frage des Mannes nicht beantwortet hatte, holte er dies nach und sagte: »Verzeihung, ich hatte eigentlich erwartet, hier abgeholt zu werden.«
»Keiner da außer uns«, erwiderte der Mann achselzuckend.
Hunter schüttelte verärgert den Kopf. Sebastian hatte versprochen, bei seiner Ankunft hier zu sein, kam aber – was typisch für ihn war – zu spät.

***

Hunter schaute auf seine Uhr und verzog das Gesicht; sein Bruder war nun schon zwei Stunden überfällig. Er konnte nicht länger warten, nicht mit solcher Anspannung. Also erkundigte er sich nach dem Weg und verließ das Flughafengebäude in Richtung Stadt. Als er ein Schild des Van-Zandt-Boulevard erblickte, kicherte er in sich hinein: sein eigener Familienname, ausgeschildert für jedermann.
  Auf dem Weg fuhr ab und zu ein Lastwagen oder Pkw an ihm vorbei, doch an sich wirkte der Ort verschlafen und ruhig. Hohe Gelbkiefern überragten die Häuser und Kleinbetriebe vorne an der Straße. Im Laufe der Jahre hatte er so viele Geschichten über McCall gehört. Hier hatte seine Mutter als Kind eine neue Heimat gefunden, und es war die Geburtsstätte ihrer aller Republik. Er tat sich schwer damit, diese Kleinstadt in den Bergen als so maßgeblich für die Anfänge eines neuen Staates zu erachten. Hier lebten keine siebentausend Menschen, doch die Bevölkerung hatte Weitsicht und Biss bewiesen, um sich gegen die unterdrückerischen Mächte, die während des Großen Bürgerkriegs in Konflikt geraten waren, Unabhängigkeit zu erkämpfen. McCall mochte zu Beginn kein außergewöhnlicher Flecken gewesen sein, war es aber durch eine Person geworden: seinen Großvater Gordon Van Zandt.
Hunter atmete tief durch die Nase ein. Die frisch duftende Bergluft belebte ihn. Als er näher zum See kam, merkte er sich beiläufig die Restaurants und Gasthäuser entlang der Straße. Er konnte schließlich nicht voraussehen, wie lange er hier bleiben würde, also war es wichtig, sich einen Überblick der Ess- und insbesondere Trinkgelegenheiten zu verschaffen.
Er zuckte zusammen, als ein Auto hupte, und ihn wieder in die Gegenwart zurückholte. Als er sich in die Richtung umdrehte, aus der das Geräusch gekommen war, sah er einen alten Ford-Pickup näherkommen. Das Seitenblech war stark verrostet und der blaue Lack so weit abgeblättert, dass man schon die Grundierung sah. Die harte Witterung hier in den Bergen hatte der Karosserie über die Jahre hinweg sichtlich zugesetzt.
»Bruder, tut mir furchtbar leid, ich bin so was von dämlich«, rief Sebastian aus dem Führerhaus. »Hab’ mich aufhalten lassen!«
Hunter schaute in das bärtige Gesicht seines kleinen Bruders. »Du bist selten dämlich – und spät obendrein.«
Sebastian streckte sich nach der Beifahrertür aus und entriegelte sie. Nachdem Hunter sein Gepäck auf die Ladefläche geworfen hatte, stieg er ein. »Also gut, jetzt bin ich da. Was zum Geier ist los?«
»Freut mich auch, dich zu sehen«, frotzelte Sebastian, wendete auf der Straße und fuhr dann nach Süden zurück, um die Stadt zu verlassen.
»Ich bin am Verhungern. Falls du mir immer noch nicht sagen willst, warum ich herkommen sollte, können wir dann wenigstens irgendwo anhalten und etwas zu essen kaufen?«, bat Hunter.
»Keine Zeit! Aber dort, wo wir hinfahren, gibt es genügend zu essen«, erwiderte er.
Hunter verdrehte die Augen. Er liebte seinen Bruder zwar, doch zwischen ihnen beiden lagen Welten. Sebastian schlug eindeutig ihrem Großvater nach, was seine Manieren und Abenteuerlust anging. Er genoss das Leben und wollte nichts lieber, als die Welt zu erkunden. Kaum dass er alt genug gewesen war, hatte er ihrem Zuhause den Rücken gekehrt. Jetzt, mit Mitte zwanzig, besann er sich endlich seiner Wurzeln, und der Drang, etwas darüber zu erfahren, hatte ihn nach McCall getrieben. Hunter war das genaue Gegenteil – standhaft, verlässlich und geerdet. Er kannte alle Einzelheiten über die Familien Van Zandt und Rutledge. Den Ruf zu wahren, der seinem Nachnamen vorauseilte, genoss für ihn Priorität. Er war stolz auf den Werdegang seiner Familie, auch wenn die Medien ihre Vergangenheit im Moment kritisch aufrollten.
»Jetzt sag schon, wo bist du bloß gewesen?«, fragte Hunter.
»Überall!«
»Ich komme gerade von Mom, sie sorgt sich um dich. Du musst sie anrufen.«
Sebastian schaute kurz zu ihm hinüber. »Ich liebe Mom, aber …« Er hielt inne, um nach den passenden Worten für das, was er zu sagen hatte, zu suchen. »Es ist bloß … Sie war nicht ehrlich zu uns. Auch deshalb habe ich dich gebeten, nach McCall zu kommen.«
»Wovon sprichst du?«
»Was sie uns über Großmutter und Großvater erzählt hat, war gelogen. Deshalb stelle ich jetzt einfach alles infrage, was sie uns je aufgetischt hat.«
Hunter schürzte seine Lippen. »Mom musste eine Menge durchmachen. Ich weiß nicht, was du genau meinst, doch die Presse führt gerade ein Interview über die Familie mit ihr – über alles.«
»Wirklich? Ich frage mich, ob sie da die Wahrheit sagen wird.«
Sebastian bog auf der Schnellstraße links ab und fuhr dann weiter nach Osten. Die einspurige Straße über das Land war zwar asphaltiert, aber anscheinend lange nicht instand gesetzt worden, weshalb es eine sehr ruckelige Fahrt wurde. Im offenen Tal prägten nun statt hoher Gelbkiefern lange Gräser und niedrige Sträucher das Landschaftsbild.
»Da du mir ja vorenthältst, was wir genau tun, dürfte ich dann wenigstens wissen, wohin die Reise geht?«
»Wir sind schon gleich da, ganz ruhig! Dir wird es hier gefallen. McCall ist ein toller Ort. Kaum zu glauben, dass ich so lange gebraucht habe, um herzukommen. Ich habe schon so viel über unsere Familie erfahren, seit ich hier bin.«
»Seit wann interessierst du dich denn in irgendeiner Weise für unsere Familie?«, fragte Hunter leicht gereizt.
»Ich weiß, ich bin nicht der beste Bruder oder Sohn, doch als ich vor ein paar Monaten in Neuseeland war, hatte ich das Glück, eine Frau kennenzulernen …«
»Oh, mal was ganz Neues«, erwiderte Hunter stöhnend. Sebastian stand in dem Ruf, ein Schürzenjäger zu sein.
»Nein, so meinte ich das nicht. Sie war schon älter und kannte unsere Familie. Sie hatte mit Großvater zu tun, Hunter.«
»Echt?«
»Ich wusste, das würde dich hellhörig machen.«
»Dann hoffe ich mal, dass sie nicht auch zu den Menschen gehört, die sich darüber auslassen, wie schlecht er war. Ich bin es nämlich leid, diese Seite der Geschichte zu hören.«
»Geht mir auch so, aber was hältst du davon, wenn ich dir sage, dass sie anderer Meinung ist?« Sebastian bremste und bog in eine geschotterte Auffahrt ein.
Nachdem er vor einem Metalltor angehalten hatte, stieg er aus und öffnete es, dann rief er Hunter zu, er solle bitte durchfahren. Sebastian schloss es danach wieder ab, stieg auf der Beifahrerseite ein und wies ihm den weiteren Weg.
Hunter stutzte. Er vertraute seinem Bruder zwar, doch die ganze Situation hier bereitete ihm Unbehagen. Er schaute auf den langen Weg, Gruppen ausgewachsener Espen zu beiden Seiten ließen ihn unheimlich wirken.
»Komm schon, fahren wir weiter. Du bist hungrig, und ich muss aufs Klo«, drängte Sebastian.
Hunter brachte den Schalthebel in Fahrstellung und gab Gas. Nach einer Viertelmeile geriet das grüne Metalldach eines Hauses in Sicht. Hunter platzte beinahe vor Neugierde. Während immer mehr von dem Gebäude sichtbar wurde, beugte er sich nach vorne. Es kam ihm auf einmal sehr bekannt vor.
»Ist das etwa Moms altes Haus?«
»Jepp.«
»Ich dachte … Mom sagte doch, es gehöre nicht mehr uns, sie hätte es verkauft.«
»Das war ihre erste Lüge«, erwiderte Sebastian prompt. Er konnte kaum mehr verbergen, dass er darauf brannte, seinen Bruder einzuweihen. »Komm schnell!«, rief er, als er bereits zu einer Seitentür neben der Garage lief. Dort zog er einen Schlüssel aus der Tasche und sperrte sie auf. Beim letzten Klicken des Schlosses bellte ein Hund, der zumindest dem Geräusch nach riesig sein musste.
Sebastian hielt den Griff fest und öffnete die Tür nur langsam, damit der Hund, ein Pitbull, nicht herauskam. »Oh, bist du nicht ein braver Junge?«, raunte er ihm zu. Der Hund wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und leckte eifrig Sebastians Hand. Die Zutraulichkeit des Tieres stand im extremen Gegensatz zu seinem Aussehen.
»Das ist Irish«, stellte ihn Sebastian vor.
»Hallo Irish«, sagte Hunter, der nun direkt hinter seinem Bruder stand. Er war kein ausgesprochener Hundeliebhaber und kannte sich auch nicht sonderlich gut mit ihnen aus, weil Haley ihren Söhnen, während sie aufgewachsen waren, nie erlaubt hatte, einen Vierbeiner zu halten.
»Das ist Hunter!«, rief Sebastian.
Sie betraten eine enge Diele. Die einzigen Möbelstücke in dem kleinen Raum waren eine Bank, ein Kleiderständer und Körbe, in denen Stiefel und Schuhe standen. Irish rannte voraus in die Wohnung. Nachdem die beiden Männer ihre Schuhe ausgezogen hatten, folgten sie ihm. Als Nächstes betraten sie eine große Küche. Die Geräte darin waren mindestens fünfzig Jahre alt, doch was sofort auffiel, war der penibel gepflegte Zustand, in dem sich alles befand. Wer auch immer hier wohnte, trug Sorge dafür, dass es so sauber blieb. Die Küche ging in ein geräumiges, stattliches Zimmer über, das bestimmt knapp acht Meter hoch war. Der Schacht eines massiven Steinkamins verschwand an den Holzsparren unter der Decke. Ließ man sich auf der breiten Couchgarnitur nieder, konnte man das Tal und einen Bach überblicken, der ungefähr hundert Yards hinter dem Haus verlief. Weitab stach der Jug Handle Mountain hervor.
Hunter war hingerissen von der Aussicht und trat zum Fenster, um mehr zu sehen. Es war atemberaubend schön. Er verstand langsam, was seinen Großeltern an diesem Landstrich von Idaho so gefallen hatte. Die Schwärmerei verging ihm jedoch sofort wieder, als ihm bewusst wurde, was in den Jahren zuvor geschehen war. In einiger Entfernung lag unter einer gewaltigen Kiefer ein umzäunter Friedhof mit einem Eingangstor. Diese waren heutzutage allgegenwärtig. Nach dem Zusammenbruch hatte es den Luxus von Bestattungsinstituten und Gemeindefriedhöfen nicht mehr gegeben. War ein Verwandter gestorben, hatte man den Leichnam selbst präparieren und begraben müssen. Zu wissen, was diese Gräber jedoch bedeuteten – die Geschichte dahinter –, raubte Hunter den Atem.
»Mom erzählte mir, es sei eine Hütte gewesen, kein weitläufiges Anwesen«, sagte er.
»Ich weiß.«
»Dieses Haus ist riesig. Was schätzt du? Mehr als dreitausend Quadratfuß?«, fragte Hunter.
»Eher viertausend«, hallte plötzlich eine Stimme aus dem angrenzenden Flur.
Hunter fuhr herum. Der Gang war dunkel, doch er erkannte, dass sich jemand im Schatten auf sie zubewegte.
Sein Herz klopfte in ängstlicher Erwartung, als ein älterer Mann mit Gehstock erschien. Er näherte sich Hunter und streckte eine Hand aus.
Dieser wusste nicht, woran er war. Etwas an diesem wettergegerbten Gesicht kam ihm bekannt vor. Als ihm die Narbe an der rechten Wange des Mannes auffiel, wurde ihm flau im Magen.
  Das kann nicht sein, dachte Hunter. Er war doch tot! Seine Mutter hatte ihm erzählt, er sei vor vielen Jahren gestorben. Geschichtsbücher behandelten seinen Niedergang, man hatte ihm ein Staatsbegräbnis gegönnt. Laut Haley war die Republik untröstlich gewesen, als einer ihrer Gründerväter dahinschied. Eine Fülle von Fragen drängte sich Hunter auf. Seine Verwirrung überwältigte ihn fast.
  »Großvater?«
»Hallo Hunter.«
»Großvater, das ist unmöglich. Es hieß doch, du seist tot!«, rief er fassungslos.
»Man sollte nicht alles glauben, was man liest«, entgegnete Gordon.
Hunter war zutiefst bestürzt, nahm aber trotzdem die Hand seines Großvaters und schüttelte sie. Gordon packte fest zu.
»Setzen wir uns doch in mein Büro«, schlug er vor.
Die Brüder folgten ihm durch den Flur zu einer breiten Flügeltür, hinter der ein dunkles Zimmer lag. Hunter stieg sofort Zigarrenqualm in die Nase. Zur Einrichtung zählten zwei schwere Ledersessel mit passenden Polsterhockern, die vor einem Kamin standen, der aus Kieselsteinen gebaut war. An der Wand hinter den Sesseln stand ein ebenfalls lederner Zweisitzer. Hier sah es aus wie in einem Museum. Als Hunter den Blick durch den Raum schweifen ließ, fielen ihm Fotos seiner Familie und Gegenstände aus alter Zeit auf: Männer in Uniform, Flaggen und Medaillen, die nun in Setzkästen lagen. Über dem Kamin hing ein M4-Gewehr. Hunter entsann sich der vielen Bilder von seinem Großvater während des Bürgerkriegs, auf denen er stets eine Waffe in den Händen hielt.
»Nimm Platz«, bot Gordon an, indem er auf einen Sessel zeigte. »Sebastian, bitte komm herein.«
Gordon ließ sich in einen der Sessel fallen, und Hunter nahm den anderen. Sebastian setzte sich ihnen gegenüber. Ihr Schweigen bedrückte sie zunächst alle.
Sebastian brach es endlich, als er meinte: »Großvater, ich sagte dir doch, er würde kommen.«
Gordon nickte ihm zu und wandte sich dann an den Älteren. »Hunter, es tut mir leid, dich unter diesen Umständen kennenlernen zu müssen, und noch mehr bedauere ich, dass du dein ganzes Leben lang glauben musstest, ich sei tot.«
»Ich verstehe das nicht … Was geht hier vor sich?«
»Eines nach dem anderen. Ich werde dir alles erzählen, so wie auch deiner Mutter vor vielen Jahren.«
Hunter fühlte sich benommen angesichts dieser Offenbarung. Er war außerstande, die Tragweite des Ganzen zu begreifen.
»Warum sollen alle glauben, du wärest gestorben? Selbst Mom geht davon aus.«
»Jeder tut es, nur wenige Auserwählte kennen die Wahrheit«, erwiderte Gordon. »Deine Mutter ist eine davon.«
»Warum sollte sie uns anlügen?«
»Weil ich sie darum gebeten habe. Wir mussten …«
»Mussten?«, unterbrach ihn Hunter mit aufbrausender Stimme.
»Ich lernte vor langer Zeit, dass unser Leben voller schwieriger Entscheidungen steckt«, fuhr Gordon fort. »Meine Entscheidung belief sich darauf, es so zu machen, und zwar aus einem guten Grund. Du solltest es deiner Mutter nicht übelnehmen.«
»Aber was ist passiert, das dich dazu gebracht hat, so etwas zu tun?«, fragte Hunter.
»Dies zu erklären, dauert lange und ist nicht so einfach, aber lass mich dir zunächst versichern, dass ich dich Zeit deines Lebens beobachtet und auf dich achtgegeben habe. Dass wir beide uns jemals treffen würden, war nicht vorgesehen, weil … Na ja, die Wahrheit zu kennen, hätte gefährlich für dich werden können, doch vor zwei Wochen stand jemand vor meiner Haustür, und das führt jetzt zu unserer Begegnung. Es war dein Bruder, er hat mich gefunden! Hut ab, er ist ein guter Detektiv.« Gordon schmunzelte.
Sebastian lächelte im Gegenzug, er bildete sich etwas darauf ein, dass sein berühmter Großvater ihn lobte. »Ich würde gerne sagen, es sei schwierig gewesen, doch eigentlich fiel es mir sozusagen in den Schoß – die Gewissheit, dass du noch am Leben bist.«
Gordon grinste. »Ein altes Sprichwort lautet: Drei können ein Geheimnis wahren, wenn zwei von ihnen tot sind.«
Hunter schaute seinen Bruder ernst an und fragte: »Wer war es: die Frau in Neuseeland?«
»Genau. Brittany hieß sie. Ich hatte diesen beschissenen Job als Gärtner in einer Baumschule, um etwas Geld in die Taschen zu bekommen, und sie fragte mich eines Tages, ob ich Sebastian Rutledge sei – einfach so. Sie kam wie aus heiterem Himmel auf mich zu. Keine Ahnung, woher sie wusste, wer ich bin, aber das ist mir eigentlich auch egal. Jedenfalls kam dann eins zum anderen, und sie erzählte mir, dass Großvater noch lebt.«
»Wer ist Brittany?« Hunter hatte sich wieder Gordon zugewandt.
Dieser antwortete nicht, sondern schwieg in Gedanken versunken.
»Großvater?«, beharrte Hunter. »Wer war sie?«
»Jemand, den ich vor vielen Jahren kennenlernte, aber sie hat nichts damit zu tun, dass du jetzt hier bist. Ich freue mich sehr, dass Sebastian mich gefunden hat und auch, dass ich dich jetzt bei mir habe. Wir haben schließlich eine Menge nachzuholen.«
»Das ist wohl untertrieben.«
»Kommt mit mir.« Gordon erhob sich langsam.
Die Brüder folgten ihm hinaus in die klirrende Kälte des frühen Nachmittags. Hunter beobachtete, wie beschwerlich sein Großvater auf den kleinen Friedhof hinter dem Haus zuging. Hinter dessen schmiedeeisernem Zaun standen wie Mahnmale neun Grabsteine.
Gordon zeigte auf den größten. »Aus diesem Grund musste ich vor all der Zeit meinen Tod vortäuschen.«
Hunter bückte sich und las den Namen darauf: Samantha Van Zandt.
»Mir ist das alles immer noch schleierhaft. Großmutter ist Jahre nach dir gestorben – außer natürlich sie lebt ebenfalls noch.« Hunter rief diese Worte geradezu.
Gordons Blick wurde vorübergehend trüb. »Leider nein. Keine Minute vergeht, in der ich nicht an sie denken muss. Ich habe sie so sehr geliebt. Sie war eine gute Frau. Hoffentlich findet ihr Jungs irgendwann auch eine Frau wie eure Großmutter.«
»Aber ich verstehe das nicht. Was hat ihr Tod damit zu tun, dass du deinen eigenen vortäuschen musstest?«
»Ich gab ihr ein Versprechen, gleich dort, vor fast fünfzig Jahren«, antwortete Gordon. Er zeigte zu einer mit Platten ausgelegten Terrasse direkt neben der großen Veranda des Hauses. »Dass ihr zwei hier seid, freut mich aus mehreren Gründen, unter anderem, damit ich mein Wissen an euch weitergeben kann. Geschichte wiederholt sich allzu oft deshalb, weil der Mensch vergisst, welche Lektionen ihm die Vergangenheit erteilt hat.«
»Dann sag es uns bitte, erkläre es uns«, flehte Hunter. »Viele dort draußen verehren dich, aber von manchen wirst du auch verflucht.«
»Um Kritiker habe ich mich noch nie gekümmert. Mir ist schon vor langer Zeit klar geworden, dass einige Menschen nicht aus ihrer Haut können, aber ich schulde euch tatsächlich eine Erklärung dafür, warum ich den Entschluss gefasst habe, offiziell zumindest aus dieser Welt zu scheiden. Allerdings muss ich mit dem Versprechen beginnen, das ich eurer Großmutter vor all den Jahren gegeben habe, denn nur so erhält meine Entscheidung auch einen nachvollziehbaren Zusammenhang.«
»Ich bin ganz Ohr«, entgegnete Hunter.
Gordon schauderte vor Kälte. Der Wind brachte sein graues, schütteres Haar in Wallung. Er blickte seinen ältesten Enkel an. In Hunters grünen Augen erkannte er seine Gene und sein Erbe. Während er sich darauf vorbereitete, seine eigene Sicht der Dinge von dem zu schildern, was sich zugetragen hatte, sprach er: »Lasst uns zurück ins Haus gehen und etwas zu trinken besorgen, danach erzähle ich euch alles.«