Emotion Caching

von Heike Vullriede

»Ein packender und ungewöhnlicher Thriller, der absolut nicht mit dem Mainstream zu vergleichen ist. Heike Vullriede ist immer für eine Überraschung gut. Dieses Buch hat das Potential ganz oben in den Bestsellerlisten zu landen.« [Claudia Peppenhorst – Redakteurin]

INHALTSBESCHREIBUNG


»Nichts bannt mich mehr als der Schrei eines Menschen.« - Kim

Die junge Kim und ihre drei Freunde spielen ein ungewöhnliches Spiel. Sie sammeln die Gefühle anderer Menschen. Bewaffnet mit der Kamera suchen sie nach dem großen Kick, und wenn der Zufall nicht mitspielt, helfen sie eben ein bisschen nach. Dabei hofft Kim, die Gefühlskälte, die sie seit dem Verlust ihres Vaters plagt, beim Anblick aufgewühlter Menschen vertreiben zu können. Bald merkt sie: Die wirklich überwältigenden Gefühlsausbrüche liefern Angst, Entsetzen und Verzweiflung.

Was als harmloses Spiel beginnt, in dem Kim noch die Fäden in der Hand hält, nimmt immer bösere Züge an und entgleitet ihr mehr und mehr.

Pressestimmen

Ein packender und ungewöhnlicher Thriller, der absolut nicht mit dem Mainstream zu vergleichen ist.

Claudia Peppenhorst

Atemlos, schockiert, sprach ,- und fassungslos … all dies kam perfekt bei mir als Leser an!

Traumfantasiewelten

Ein Spiel mit Gefühlen, das aus dem Ruder läuft

KerstinMC, lovelybooks

Prolog

Nichts bannte mich mehr, als der Schrei eines Menschen.

Ich war süchtig … süchtig nach Gefühlen. Nicht nur nach einem seichten Beben. Nein, ich verlangte nach einem Schmerz im Nervengeflecht meines Bauches und nach dem atemlosen Zustand meines Herzens.

All das bescherte mir die Illusion eines spannenden Lebens – ja, des Lebens überhaupt. Ein Dasein ohne Nervenkitzel schien mir wie wandelndes totes Fleisch, das sich bloß noch als menschlich tarnte.

Doch was, wenn sich das begehrte Gefühl nicht einstellen will? Wenn nichts am eigenen Leib das Verlangen befriedigt?

Es war ganz sicher dieses fehlende Leben in meinem eigenen Blut, das mich dazu brachte, die Gefühle derer auszukosten, die es konnten: Sich ängstigen, verzweifeln, hassen … So lauerte ich … auf das Beben in den anderen … auf ihre Schreie. Und ich war nicht allein …

Kim

 

So etwas wie Freunde

Das hätte ich dir aber gleich sagen können, dass das gefährlich wird, mein Kind!

Roberts Stimme in ihrem Kopf machte es Kim nicht leichter.

Auch die völlig ungeeigneten Turnschuhe waren nicht gerade das, was sie jetzt brauchte. Sie stand mitten auf einem moosbewachsenen Felsen, und anstatt zu klettern, rutschte sie unablässig ab. Vom Regen der vergangenen Nacht und dem Frühnebel durchnässt, bot sich nicht einmal die Spur eines sicheren Halts. Kalt wehte ihr der eigene nebelhafte Atem von der Wand ins Gesicht zurück, angereichert mit dem modrigen und erdigen Geruch, den sie beim Klettern draußen im Gegensatz zur stickigen Luft in der Halle so mochte. Asseln krochen auf einem grünen Polster vor ihrer Nase herum. Kim bewunderte sie wegen ihrer Fähigkeit, senkrecht an lehmverschmierten Wänden zu laufen, ohne den Halt zu verlieren. Diesen Lehm fühlte sie nun unter ihren Händen, wohin sie auch griff, und es kam ihr vor, als hätte ihr der Himmel persönlich ein Schlammbad entgegengeschüttet, aus Angst, sie könnte ihm zu nahe kommen. Man wollte sie da oben nicht, so viel war sicher, und sie konnte es sogar nachvollziehen – warum sollten die sich in ihrem Himmelreich von einer gefühlskalten Halbwüchsigen stören lassen?

Sie versuchte einen Schritt nach rechts und gab es wieder auf. Wenn sie nur etwas vernünftig zu fassen bekommen könnte!

Nein, es war nicht etwa der Himalaja, der ihr gerade das Leben schwer machte, auch wenn sie ihn eines Tages ohne Sauerstoffflasche erklimmen wollte. Es war ein unbedeutend kleiner Felsen im Bergischen Land und sie wusste jetzt, die Idee, sich bei diesem Wetter allein und ohne Sicherung hier hoch zu hangeln, war wirklich total bescheuert gewesen. Sie hatte noch sehr viel zu lernen.

Vorsichtig wagte sie einen Blick die sechs Meter nach unten zum Waldweg. Auch das noch – ein grauhaariges Pärchen mit Rucksäcken und Wanderstöcken machte Halt und gaffte interessiert zu ihr hoch.

»Warum nehmen Sie nicht einfach die Treppe, junge Frau?«

Sehr witzig! Natürlich hätte sie auch die komfortabel in den Wald gehauene Treppe zur Burgruine nehmen können. Und natürlich war dieser Felsen nicht zum Klettern gedacht. Wie eine augenzwinkernde Herausforderung hatte sie Kim angelacht, diese Wand … das perfekte Versteck für ihren Schatz, den sie in ihrer Hosentasche aufbewahrte – eine Plastikdose, kaum 10 mal 15 Zentimeter groß, mit einer Münze und einem Minilogbuch darin – ein ›Geocache‹. Die anderen Schatzsucher sollten ihn anhand von Koordinaten suchen, finden, sich im Logbuch der Dose verewigen und den Cache im Internet bewerten. Nur ein Spiel.

Ganz so einfach wollte Kim es den anderen Schatzsuchern aber nicht machen. Sie wäre nicht Kim gewesen, hätte sie sich nicht ein besonders schwer zu erreichendes Versteck ausgedacht. Doch so schwierig, wie es sich jetzt gestaltete, hatte sie sich das selbst nicht vorgestellt. Der Felsen, den sie für das Verbergen ihres Schatzes ausgesucht hatte, machte heftige Anstalten, Kim auszuspucken.

Ein weiterer Blick nach unten. Das Crashpad – die Matte, die sie am Fuß der Formation zum Schutz vor einem Sturz ausgebreitet hatte – sah nun doch kleiner aus, als es Kim lieb war.

Was soll's. Sie hatte schließlich schon Schlimmeres gemeistert. Immer Schritt für Schritt, dann würde sie schon irgendwie weiterkommen und wenn nicht – runter kam man schließlich immer.

Mit einem Schuh versuchte sie, die verlockend aussehende Mulde schräg oberhalb ihrer Hüfte zu erreichen, was eine unglaubliche Grätsche erforderte. Wie es nach der Grätsche weitergehen sollte, war ihr zwar ein Rätsel, denn die Kraft aufzubringen, aus dieser Körperhaltung heraus weiter zu klettern, schien ihr nahezu unmöglich. Sie hätte ein Gummimensch sein müssen, um das zu schaffen. Aber seit wann machte sie sich schon Sorgen um ein Danach? Nur ein paar Zentimeter noch … die Zehen spreizten sich unnütz in der Schuhspitze zwischen Leder und Sohle, als könnten sie das Bein auf diese Weise um die fehlende Distanz verlängern. Ihre Oberschenkelsehnen dehnten sich wie die Saiten einer schrillen Geige und Kim war sicher, die geringste Vibration würde sie mit einem dreigestrichenen Cis zerreißen.

Als es ihr endlich gelang, die Fußspitze in der Mulde zu platzieren, erwies sich diese als zu schlüpfrig. Wahrscheinlich war sie mit Moos ausgekleidet – aber noch eher mit einer guten Ladung Pech … von den Racheengeln da oben. Resigniert brachte sie den Fuß in die Ausgangsposition zurück und klammerte sich fester an die winzigen Felsvorsprünge über ihr, an denen sich ihre Hände durch das ständige Nachfassen allmählich aufscheuerten.

Verdammt! Kim keuchte. Jedes ihrer verkrampften Fingerglieder schmerzte. Ein paar Minuten Kraft zu schöpfen, ohne gegen die Schwerkraft ankämpfen zu müssen, das hätte ihr schon viel gebracht. Doch ihr blieb lediglich ein kurzes Verharren mit der Stirn dicht am Felsen. Sie hatte sich verschätzt und es völlig übertrieben – wieder einmal –, als ob sie es mit ihren sechzehn Jahren nicht endlich mal lernen konnte.

Auch die beiden Weißhaarigen sahen von oben betrachtet recht winzig aus. Der Witz mit der Treppe war so alt, wie das Klettern selbst, und ihre Klugscheißerei erinnerte Kim jetzt dummerweise erneut an Robert. Diesen neuen Kerl ihrer Mutter, der meinte, ihr ständig ungefragt Ratschläge fürs Leben geben zu dürfen. Ihr, der ungekrönten Königs-Regisseurin zahlreicher böser kleiner Filmchen. Der sollte nur aufpassen, dass er sich nicht in einem dieser Filme wiederfand. Irgendetwas Lächerliches an ihm würde sich schon finden lassen.

Robert war ein Fremdkörper, der sich seit einem Jahr in ihrem Zuhause ausbreitete wie ein Riesenkrake. Überall hinterließen seine Tentakeln Schleimspuren falscher Nettigkeit, Gerüche und Gedanken, die sie erstickten, sogar bis in diese Wand hinein. Das Schlimmste – er hatte mit seinen blöden Ratschlägen fast immer recht. Kim sah seine nachsichtig grinsende Fresse vor sich, daneben unwillkürlich das Bild ihres verschollenen Vaters, und wünschte, Robert stünde genau jetzt neben ihr im Felsen, damit sie ihn mit einem kleinen Schubs ins Jenseits befördern könnte. Es hätte ihr nichts ausgemacht, sein altes Skelett knacken zu hören … absolut nichts. Schade nur, dass er so gut gepolstert war; ihre Ohren hätten wohl mehr ein Klatschen als ein Knacken vernommen.

»Sie dürfen ruhig weiter schlendern. Dann finden Sie vielleicht sogar einen Sessellift für ihre morschen Knochen«, schrie sie nach unten … und dann ließ ihre Konzentration endgültig nach. Ihre Schuhe rutschten, sie korrigierte. Angst? Nein. Seltsam, auch diesmal verspürte sie nicht die Angst, die angemessen gewesen wäre. Respekt vor der drohenden Absturzgefahr? – das ja. Kim wusste, es half nur noch ein verdammt klarer Kopf.

Warum ziehst du auch ohne richtige Ausrüstung los? Vor allem musste sie Roberts Großmaul aus ihrem Hirn verbannen. Mit diesem Kerl im Kopf würde das mit der Konzentration ganz sicher nichts.

Da sich ein Absprung aus dieser Höhe verbot und wenn ein gefahrloser Abstieg ebenso wenig möglich war, musste sie sich eben durch eine Flucht nach oben retten – wie schon so oft in ihrem Leben. Das konnte ja nicht verkehrt sein. Sie packte links etwas fester zu und ließ ihren rechten Arm für einen Augenblick nach unten hängen, damit das einströmende Blut die Hand wieder etwas geschmeidiger machte.

Kurz bevor die Fingerspitzen der Linken in der lehmbeschmierten Wand endgültig den Halt verloren, nahm sie Schwung und versuchte ihr Glück, indem sie weit nach oben griff … zu weit. Eine Felskante ließ sich zwar greifen, dafür zwang ihr viel zu gestreckter Körper die Fersen nach oben und sie rutschte weg … gnadenlos, unaufhaltsam … bekam auf dem schmerzhaften Weg nach unten nichts zu fassen … schwor sich, das nächste Mal wirklich einen Helm zu tragen … prallte mit dem Hintern auf einem gut bemoosten Felsvorsprung auf … stürzte tiefer, hörte die Wanderer aufschreien, stieß sich die Knie blutig, schürfte sich die Arme auf … und kam auf der luftgepolsterten Matte zum Liegen.

Es dauerte eine Weile, bis Kim sich sicher war, noch zu leben. Sie setzte sich stöhnend auf und glaubte, sich mindestens das Rückgrat und alle Rippen gebrochen zu haben. Vorsichtig befühlte sie ihren Kopf. Irgendwo von fern redeten die beiden Alten auf sie ein. Im Rauschen ihrer Sinne hörte sie es kaum, dafür die imaginäre Stimme Roberts: Mädchen – so was unternimmt man doch nicht allein! Und schon gar nicht ohne Helm!

Danke auch, Robert! Ohne deine Visage vor Augen wäre ich nicht mal gestürzt!

Der linke Ellenbogen schmerzte höllisch. Doch je länger sie Haut und Kleidung von Lehm und Grünzeug befreite und sich auf äußere Verletzungen hin untersuchte, desto erstaunter stellte Kim fest, wie wenige Schrammen sie davon getragen hatte. Es war noch mal gut gegangen – wie jedes Mal, wenn sie sich fragen musste, warum sie sich in solch eine Lage gebracht hatte. Einzig ihr linker Ellenbogen machte ihr wirklich Sorgen. Der Unterarm knickte weg – allerdings in eine verkehrte Richtung. Das sah nicht gut aus …

 

***

 

»Und wie hast du das Crashpad wieder mit nach Hause gekriegt?«, fragte Nico, während er Kim mit rotem Edding unaufgefordert eine Karikatur von den Huberbuam auf den Gips zeichnete, obwohl er beteuert hatte, sich lediglich mit einer Signatur zu verewigen.

Typisch Nico – total naiv und doch hinterfotzig, dachte sie. Sie musterte ihn, bei sich zu Hause auf dem Esstischstuhl sitzend, den schweren Gipsverband auf dem Tisch. Seine Mundwinkel spielten synchron zu seinen Zeichenbewegungen; dass er sich nicht wie ein Kind mit der Zunge um den extrem breiten Mund fuhr, wunderte sie. Nicos Anblick legte dem Beobachter den Gedanken nahe, der Junge bestünde hauptsächlich aus diesem riesigen Mund, der fast immer lachte – was ihn durchaus sympathisch machte, weshalb man ihn aber auch unter dem wenig schmeichelhaften Spitznamen Hackfresse kannte. Sogar seine Brüder nannten ihn so, und davon hatte er sechs. Er war der Einzige aus ihrer vierköpfigen Clique, der es bisher mit einer Ausbildung versucht hatte. Nach zweimaligem Aufreißen seiner gigantischen Klappe gegenüber der Chefetage war er seine Anstellung nun aber wieder los und stand ebenso auf der Straße wie sie auch. So zumindest seine Version. Kim war sich sicher, er konnte es wie alles andere auch einfach nicht zu Ende bringen. Im Grunde versank er ständig in seiner eigenen Planlosigkeit, mit der er alle um sich herum schon mal mit ins Chaos stürzen konnte. Sie mochte diesen Chaoten, seinen Humor und eben dieses naiv wirkende Lachen auf seinem Gesicht, auch oder gerade, wenn es oft genug nur aus Schadenfreude erstrahlte.

»Ich war froh, dass ich überhaupt noch laufen konnte. Wie hätte ich auch die sperrige Matte mit ins Krankenhaus nehmen sollen … schlimm genug, dass ich so dreckig war.«

»Du meinst, sie liegt noch immer im Wald?«

»Nein, ich habe sie diesen Weißköpfen geschenkt, die mich im Wald aufgelesen und zum Arzt gefahren haben.«

»Die alten Wanderer, die dir auf den Sack gegangen sind? Oha – das gibt Faltenwurf. Du solltest mal heimlich hinfahren und sie filmen.« Er kicherte bei dem Gedanken, die beiden würden nun selbst in der Wand hängen und klettern.

Kim kicherte mit. »Das wär's noch – natürlich habe ich sie nicht verschenkt. Das Crashpad liegt noch irgendwo im Wald. Ich hab's so weit wie möglich in die Büsche geschleppt. Sonst bekommt es Beine, bevor ich es wieder abholen kann.«

Nico beendete seine Zeichenkunst auf dem Gips mit einer Sprechblase: Ich bezwang beinahe einen seichten Waldhang!, und legte den Edding auf den Tisch. »Wie lange musst du den Gips tragen?«

Sie betrachtete sein peinliches Gekritzel auf ihrem Arm und beschloss, bei Gelegenheit einen neuen bunten Verband darüber zu wickeln. »Wahrscheinlich drei Wochen, danach gibt es eine Orthese.«

»Dann ist ein Ausflug zum Kletterpütt wohl vorerst tabu.«

»Ja, leider – wochenlange Langeweile bahnt sich an. Was machen wir denn da?«

Nico zuckte mit den Schultern. »Auch keine Idee, außer unsere Filmerei. Paintball fällt flach, und Geocaching scheint für dich nun auch gestrichen zu sein. Du musst es dir ja mit den Verstecken immer besonders schwer machen.«

»Einfach kann doch jeder! Zumindest ist dieser Knochenbruch eine schöne Ausrede, nicht gerade jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim abzuknechten.«

»Wo ist dein Problem?« Nico grinste von einem Ohr zum anderen. »Während du klapprige alte Männer zum Sitztanz schleppst, kannst du doch wunderbar von krassen Outdoor-Abenteuern träumen, oder?«

Kim verzog den Mund. »Oh Mann, also wenn so unser großartiges Erwachsenenleben beginnt, das uns die ganze Welt zu Füßen legen soll? Im Altenheim? … So eine Fernreise, das wär schon was. Trail-Running im Himalaja … das wär mal ein Abenteuer. Obwohl, was ist schon wirklich abenteuerlich? Mir ist noch nichts untergekommen, das mich wirklich an die Grenzen gebracht hätte.«

»Und was war mit Buildering, S-Bahn-Surfen, mit sechzig Sachen longboarden …?«

»Ich weiß, ich habe bestimmt schon alles probiert.«

»Darum bist du auch das coolste Mädchen in der Gegend – mindestens!«

»Aber am Ende ist doch alles immer gleich öde, oder? Irgendwie fehlt mir was … der richtige Kick eben. Ich spür' da gar nichts bei. Das müsste mich doch total aufregen … manchmal denke ich, ich bin emotional so gut wie tot.«

»Also komm, als du gestern den Hang im Wald runtergesaust bist, hast du garantiert was gespürt.«

»So? Was denn? Eher den Schmerz danach.«

»Na was man so spürt, bevor was passiert – ein flaues Gefühl im Magen, Angst und einen Adrenalinstoß – das große Zittern, nachdem alles vorüber ist …«

Sie überlegte. Hatte sie das? »Eigentlich nicht.«

»Nicht mal ein bisschen?«

»Gut, da oben machte ich mir Sorgen, wie ich ohne Knochenbrüche runterkommen könnte, was ja leider nicht geklappt hat. Für einen Moment in der Felswand war mir mulmig zumute. Aber nur kurz. Das war es dann auch. Mir ging es mehr darum, dass mir diese beiden Alten nicht meine Notlage anmerkten. Ich würde das nicht als abenteuerliches Erlebnis oder gar Angst verbuchen.«

»Echt jetzt? Ich meine, mir kannst du es doch sagen.« Ungläubig runzelte er die Stirn in kleine gleichmäßige Denkwellen, die überhaupt nicht zu ihm passten. »Komm, gib es zu. Du hattest Angst und wärst froh gewesen, wenn einer von uns dabei gewesen wäre.«

Er sah erwartungsvoll aus.

Was wusste Nico schon von ihren Gefühlen? Woher sollte er wissen, wie kalt sie all das tatsächlich ließ – wie einfach es war, die unerschrockene und abgebrühte Kim zu sein, die selbst den Kerlen etwas vormachte. Das war so, als führe man täglich Achterbahn und stiege dann auf eine Rutsche um. Man stumpft ab. Der Kick, das Kribbeln, bleibt auf der Strecke. Die anderen schreien und lachen, nur man selbst steht neidvoll gelangweilt daneben. Durch ihre Adern floss schon so lange kaltes Blut, dass sie nicht einmal wusste, wo und wann sie die Wärme gelassen hatte, die einen Menschen zu einem wirklich fühlenden Menschen machte. Ihr schlanker Körper erschien ihr mehr und mehr wie eine fette Dämmschicht gegen alles um sie herum. Nichts drang da noch wirklich hindurch. Auch nicht ihre Fingernägel, die sie sich abends ins eigene Fleisch stieß, um sich wenigstens ein bisschen zu spüren. Da war viel zu wenig Gefühl, zu wenig Empfindsamkeit … zu wenig von allem. Das Einzige, was immer da war, war das, was sie selbst Basiswut nannte, ein Gefühl ständiger Anspannung und Unzufriedenheit.

Davon wusste Nico nichts. Woher auch? Er hätte es nicht verstanden – so, wie niemand es verstand. Nur ihre Mutter schien ab und zu den Hauch einer Ahnung zu haben, dass Kims Gefühlsleben in einem Sarg ruhte. Doch die beunruhigte das anscheinend nicht. Sie war mit ihrem eigenen Leben genug beschäftigt … und damit, wie sie in ihrem Alter noch einen Kerl fürs Bett kriegen sollte.

Noch immer wartete Nico auf Kims Zugeständnis, mehr empfunden zu haben, als ein kleines Flattern im Bauch.

Es ging ihr nicht darum, ihn nicht zu enttäuschen, sie wollte eigentlich nur ihre Ruhe. »Also gut, mir ging die Flatter.«

Sein Gesicht verwandelte sich augenblicklich in die ansteckend lachende Hackfresse zurück, die sie kannte. »Vielleicht solltest du solche Aktionen demnächst nicht alleine starten. Wir sind doch ein Team! Und hey – wir wollen gemeinsam Spaß haben.«

Mit Team meinte er sie beide und die anderen zwei aus dem losen Verbund, den sie Clique nannten: Benni, ein gewissenloses, aber verkanntes Genie, und Lena, seine chamäleon-artige Freundin.

Sie waren die Unentschlossenen aus ihrem Jahrgang und hingen noch immer oft genug gegenüber der Schule vor Mehmets Dönerladen herum. Dabei waren sie nicht hungrig auf Döner, sondern eigentlich nur hungrig auf das Leben. Keiner von ihnen wollte noch mal auf die Schule oder später jahrelang studieren. Was auch? Kims Abschluss aus der Zehnten war mies, wie das der anderen beiden auch – trotz aller Genialität. Und Nico hatte nicht einmal das. Manchmal tauchten Visionen in ihren Träumereien auf, doch jede noch so vage Idee eines Lebensentwurfes erstickte an den Vorbehalten und am Frust der anderen.

Kim sah auf die Uhr und zupfte Nico am Ärmel. »Komm, auf zu Mehmet. Vielleicht kann ich meinen Freund Haifisch noch pünktlich abpassen.«

»Au ja! Aber Kim – irgendwann steigt der Typ aus seinem schönen silbernen Golfkombi aus und haut dir aufs Maul.«

Grinsend stand sie auf, schob ihren Gipsarm in die Schlaufe und schnappte sich den Wohnungsschlüssel vom Schlüsselbrett. »Mir haut keiner aufs Maul. Schon gar nicht so ein Weichei wie der. Und weißt du warum?«

»Weil du Kickboxen kannst?«

»Und weil ich schneller bin. Wer zuerst angreift, hat einen entscheidenden Vorteil.«

»Frechheit siegt?«

»Immer!«

Sie warfen die Haustür hinter sich zu und liefen die zwei Kilometer in freudiger Erwartung einer aufheiternden Abwechslung auf Kosten von Kims speziellem Freund. An der großen Kreuzung vor Mehmets Laden blieben sie stehen und warteten vor der Ampel. Es war fast halb eins. Nahezu jeden Wochentag um diese Uhrzeit fuhr derselbe silberfarbene Golf heran – mit einem großen Fischaufkleber auf der Seite und mit immer demselben spießigen, leicht zu erschreckenden Fahrer.

Kim war ihm eines Tages bei strömendem Regen vor den Wagen gelaufen, weil sie es vermieden hatte, ihr Gesichtsfeld durch Anheben der tropfnassen Kapuze zu erweitern. Und natürlich hatte sie wie immer das Rot der Ampel ignoriert.

Der Wagen bremste ewig lang auf dem Asphalt und die Stoßstange hätte sie sicher erwischt, gäbe es nicht die wunderbare Technik des ABS. Bis dahin nichts Besonderes. Wahrscheinlich wäre der Mann niemals zu der beliebten Unterhaltungseinlage für die Clique geworden, die er nun war, hätte er in ihren Augen nicht völlig übertrieben reagiert. Er hatte das Fenster am Wagen heruntergelassen, Kopf und Arm herausgestreckt und wütend lamentiert. So triefend und zähnefletschend hatte er Kim an einen Haifisch erinnert.

Haifisch hatte sie angeschrien, sich in purem Katastrophendenken immer mehr in Rage geredet und sie mit Moralvorwürfen übergossen. »… hättest tot sein können«, »In deinem Alter sollte man das aber wissen« und so weiter. Sie konnte gar nicht begreifen, warum er um eine solche Lappalie ein derartiges Theater machte. So mutierte der kleine Schreck in Kims Inneren noch im Laufe seiner Daueransprache zu einer witzigen Einlage – zu einer riesig witzigen Einlage – und ab da machte sie sich einen Spaß daraus, ihm jedes Mal extra vor den Wagen zu laufen, wenn sie ihn auf der Kreuzung antraf. Und das war oft, denn scheinbar machte er stets um dieselbe Zeit Mittagspause, hetzte zwischen Arbeitsplatz und Wohnung hin und her, was wiederum Kims schul- und arbeitsloser Zeitplanung entgegenkam. Er erhielt sozusagen eine komische Hauptrolle in einem ständig zu wiederholenden Film, während sich seine Wut über ihre menschliche Verfehlung im Straßenverkehr von Mal zu Mal steigerte. Nicht, dass sie ihn nicht gemocht hätte. Im Gegenteil. Je häufiger er seine Schimpfkanonaden auf sie einregnen ließ, desto mehr freute sie sich auf das nächste Treffen mit ihm. Als die anderen aus der Clique auch mal ihren Spaß mit ihm haben wollten, protestierte Kim gewaltig. Haifisch gehörte ihr allein.

12.37 Uhr – Er war heute spät dran! Doch dann tauchte in einiger Entfernung das vertraute Gesicht seines silbernen Golfs auf. Da war er ja – ihr aufgeregter Freund. Die Spaßeinlage schien gesichert. Nico, der neben ihr Ausschau an der Ampel hielt, biss sich erwartungsfroh auf die Lippen.

Haifisch verteilte sein Hupkonzert bereits, als Kim gerade erst einen Fuß auf die Kreuzung gesetzt hatte. Es beeindruckte sie ebenso wenig, wie die rote Ampel, doch das schien ihm wieder einmal zu entgehen. Heute ganz besonders. Der Blick durch seine Windschutzscheibe belohnte sie: Auch wenn man nicht jedes Detail seines Gesichts erkennen konnte, sah sie, wie aus dem Mann hinter dem Steuer so etwas wie ein rasender Stier wurde. Er trommelte mit einer Faust permanent auf die Hupe. Als sie ihn so sah, fragte sie sich, ob er sich diese Hupe als Ersatz für ihren Brustkorb vorstellte? Genau so hätte er wohl auf sie eingeschlagen, wenn er es gekonnt hätte. Ob sich das mit dem Fischaufkleber auf der Fahrertür vertrug? Sie blickte sich kurz um. Die anderen Autofahrer und die umstehenden Passanten schüttelten verwundert die Köpfe. Nicht Kim war das Objekt ihrer Verwunderung, sondern der trommelnde und hupende Kerl hinter dem Steuer. Wie viel Wut musste in ihm stecken, dass er sich so etwas antat?

Sie beobachtete die Bewegungen auf dem Fahrersitz fasziniert, während der Golf auf sie zukam. Anscheinend weigerte er sich heute nachzugeben, und er stoppte sein Auto nur in Etappen – wohl, weil er glaubte, Kim würde es doch noch als Warnung ansehen und zurück auf den Gehweg springen. Doch da kannte er sie schlecht. Kim wäre niemals zurückgesprungen – auf ihre Ehre nicht, vor all den Passanten nicht, vor ihren Freunden nicht! Sie spielten das Schisshasen-Spiel, in dem er aus rechtlichen und ethischen Gründen zum Verlierer verdammt war. Er hatte keine Chance. Das musste er eigentlich wissen, denn das war selbst Kim klar. Heute aber fiel ihm seine Rolle besonders schwer. Fast tat er ihr leid.

Der Wagen kam näher. Für einen Moment misstraute sie ihm. Er würde doch bremsen? Das musste er …

Keinen halben Meter vor ihren Kniescheiben stand er dann doch.

Hinter der Windschutzscheibe starrte sie ein kreidebleiches und verzerrtes Gesicht an. Sie streckte ihm, wie aus einem automatisch startenden Programm heraus, den schwarz lackierten Mittelfinger ihrer Rechten entgegen.

Zu ihrer Überraschung tat er nun das, was Nico vorausgesagt hatte: Er stieg aus. Tatsächlich. Mitten auf der Kreuzung.

Der Haifisch zeigte Zähne! Das konnte interessant werden.

Nun sah sie ihn zum ersten Mal außerhalb seines Wagens. Er war genau so groß, wie sie sich ihn vorgestellt hatte. Kein Riese und garantiert keine Sportskanone. Der Ansatz an seinem Bauch war überdeutlich. Die Krawatte hing schief und schlaff von seinem Hals. Sein Gesicht schien vor Wut rot glühend zu pulsieren.

Gespannt blieb sie an Ort und Stelle und wartete.

Er hielt sich mit einer Hand an der Fahrertür fest, als wollte er nicht in Versuchung geraten, Kim sofort anzufallen, und schlug mit der anderen gegen seine Stirn. »Wie bescheuert kann man eigentlich sein?!«

Auf der anderen Straßenseite grinsten ihr Benni und Lena entgegen. Benni hielt angestrengt seine Hände in die Höhe.

Kim wusste, seiner Handykamera entging nichts. Ein Filmchen mehr auf ihrer Liste. Leider würde es keine besonders guten Nahaufnahmen von Haifisch geben.

»Immer locker bleiben, Alter«, sagte sie betont lässig und freute sich über den Farbwechsel auf dem Gesicht ihres Gegenübers ins Violette.

Aus seinen Augen blitzte pure Aggression. Angestauter Hass aus den letzten Wochen schien ihm regelrecht aus dem viel zu engen Kragen zu platzen. Vielleicht war dies heute nicht das erste Ereignis, das ihm nicht in den Kram passte, sonst hätte er sich wohl nicht die Mühe gemacht, extra auszusteigen. Kim spekulierte. Vielleicht hatte er eben noch Ärger mit seinem Chef gehabt oder mit seiner Freundin, Frau, oder wem auch immer. Möglicherweise lief das bis zum Rand gefüllte Fass in seinem Leben gerade über. Oder er litt an der gleichen Basiswut, wie sie auch, und das hier gab ihm jetzt den Rest.

Auf den ersten Blick wirkte er äußerlich ganz unauffällig: so Mitte dreißig, schwarze Hose, weißes Hemd, Jackett – ziemlich spießig, Banker vielleicht oder Langzeit-BWL-Student. Im Grunde aber nicht der Typ, dem man zutraute, seine Zeit auf Anti-Aggressions-Lehrgängen zubringen zu müssen. Seine Frisur hatte er heute gestylt, die paar kurzen Haarspitzen an der lichten Stirn ein bisschen nach oben gegelt – in einem Anflug von Waghalsigkeit vermutlich.

»Wenn ich dich angefahren hätte, würdest du jetzt weniger cool rüberkommen, du blöde Ziege!« Er wandte sich den hupenden Fahrzeugen hinter ihm zu und schrie die Blechkarossen an: »Dann fahrt doch weiter, verdammt noch mal! Bin ich denn nur von Arschlöchern umgeben?«

Wie wenig es doch brauchte, ihn seiner Fassung zu berauben … nur ein paar Schritte zur richtigen Zeit auf den Asphalt. Ein Mensch auf einem Pulverfass. Kim gefiel das.

»Das wolltest du wohl gerne?«, sagte sie.

Haifisch riss den Kopf herum. »Was? Was wollte ich gerne?«

»Mich anfahren. Ich glaube, du wolltest mich eben liebend gerne plattfahren.« Es war lediglich eine Feststellung von ihr. Eine Provokation sollte es gar nicht sein … na gut, ein bisschen berechnend war es schon. Sie dachte darüber nach, wie man dafür sorgen könnte, dass diese im braven Anzug verpackte Bombe endgültig hochging.

»Ich sag dir, was ich denke«, brüllte er. »Wenn du so weiter machst, werde ich dich eines Tages wie eine aufgeplatzte Katze von der Straße kratzen!«

Oha! Ein Geständnis unverhohlener Mordgier?

Sie grinste extra provokant. »Zu dumm, wenn dich hier alle beobachten. Sieh dich mal um, Haifisch. Du solltest schön aufpassen, dass mir in Zukunft eben so was nicht passiert, sonst bist du der allererste Verdächtige.«

Er starrte Kim an und musterte sie von oben bis unten. Haifisch betrachtete noch eine Weile Kims Gipsarm, schüttelte den wieder blass gewordenen Kopf und stieg in sein Auto ein. Bevor er die Tür zuknallte, warnte er sie: »Und sag deinem Freund da hinten, wenn ich seinen Film auf YouTube entdecke, kann er sich auf was gefasst machen! Ich arbeite in einer Unternehmensberatung. Da kennt man eine Menge Anwälte.«

Damit zog er die Tür zu und reihte sich, nicht ohne zu hupen, in den stockenden Verkehr auf der Kreuzung ein.

Kim blickte ihm nach. Unternehmensberater … so so … das passte irgendwie. Schade, dass er schon aufgab für heute. Fast war sie versucht, ihm nachzuwinken.

Ende der Leseprobe

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